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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 27
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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III.

Als Kutusow von der Truppenschau zurückgekehrt war, begab er sich in Begleitung des österreichischen Generals in sein Arbeitszimmer, rief den Adjutanten und ließ sich verschiedene Papiere bringen: Berichte über den Stand der eingetroffenen Truppen und Briefe des Erzherzogs Ferdinand, des Anführers der österreichischen Armee. Fürst Andreas Bolkonskij trat mit den verlangten Papieren in das Arbeitszimmer des Oberbefehlshabers. Kutusow und das österreichische Mitglied des Hofkriegsrates saßen vor einem Tisch, auf dem ein Plan ausgebreitet war.

»Ah!« sagte Kutusow, sah sich nach Bolkonskij um, als wollte er ihn auffordern, zu warten, und setzte das französisch begonnene Gespräch fort.

»Ich sage nur das eine, General,« sprach er mit angenehmem, wohlklingendem Tonfall, der den Zuhörer zwang, jedem der ohne Hast ausgesprochenen Worte zu lauschen. Man merkte es Kutusow an, daß er sich auch selbst gern sprechen hörte. »Ich sage nur das eine, General, wenn die Sache von meinem persönlichen Empfinden abhinge, so wäre der Wunsch Seiner Majestät des Kaisers Franz längst erfüllt, und ich hätte mich schon längst mit dem Erzherzog vereinigt. Glauben Sie mir, für mich persönlich wäre es ein Vergnügen, den Oberbefehl über die Armee einem der an Kenntnissen reicheren und geschickteren Kriegsführer, deren Österreich so viele hat, zu übergeben und diese ganze schwere Verantwortung von mir abzuwälzen. Aber die Umstände sind zuweilen stärker als wir, General!« Und Kutusow lächelte, als wollte er sagen: »Sie haben das volle Recht, mir nicht zu glauben, und es ist mir auch ganz einerlei, ob Sie mir glauben oder nicht, aber Sie haben keine Veranlassung, mir das zu sagen. Und das eben ist die Hauptsache!«

Der österreichische General sah unzufrieden aus, konnte aber nicht umhin, in derselben Weise zu antworten: »Im Gegenteil,« sagte er in mürrischem und ärgerlichem Ton, der dem schmeichelhaften Inhalt seiner Worte widersprach, »im Gegenteil, die Mitarbeit Eurer Exzellenz wird von Seiner Majestät hoch geschätzt; aber wir meinen, die gegenwärtige Verzögerung beraube das ruhmvolle russische Heer und dessen Oberbefehlshaber der Lorbeeren, die zu ernten sie gewöhnt sind,« schloß er die offenbar vorbereitete Phrase.

Kutusow verneigte sich mit demselben Lächeln und sagte: »Ich aber bin überzeugt – und der letzte Brief, mit dem Seine Hoheit Erzherzog Ferdinand mich beehrt hat, bestärkt mich in dieser Überzeugung –, daß das österreichische Heer unter Leitung eines so geschickten Anführers wie General Mack jetzt bereits einen entscheidenden Sieg davongetragen hat und unserer Hilfe nicht mehr bedarf.«

Das Gesicht des Generals verfinsterte sich. Obgleich noch keine bestimmten Nachrichten von einer Niederlage der Österreicher vorlagen, so wurden die allgemeinen ungünstigen Gerüchte doch durch eine Menge von Umständen bestätigt, und Kutusows »Überzeugung« von einem Siege der Österreicher glich daher sehr dem Spott. Aber Kutusow lächelte sanft, mit einem Ausdruck, als habe er jedenfalls ein Recht zu seiner Annahme. Der letzte Brief, den er von Macks Armee erhalten hatte, sprach in der Tat von einem Siege und von der allergünstigsten Stellung der Armee in strategischer Beziehung.

»Gib einmal den Brief her,« sagte Kutusow zum Fürsten Andreas. »Bitte hören Sie!« Und Kutusow las mit einem leisen, spöttischen Lächeln dem österreichischen General die folgende Stelle aus dem in deutscher Sprache abgefaßten Brief des Erzherzogs Ferdinand vor: »Wir haben vollkommen konzentrierte Kräfte, nahe an siebzigtausend Mann, um den Feind, wenn er den Lech passierte, angreifen und schlagen zu können. Wir können, da Ulm in unserm Besitz ist, den Vorteil, beide Ufer der Donau in unseren Händen zu behalten, nicht verlieren, mithin auch jeden Augenblick, wenn der Feind den Lech nicht passierte, die Donau übersetzen, uns auf seine Kommunikationslinie werfen, die Donau unterhalb repassieren und dem Feinde, wenn er sich gegen unsere treuen Alliierten mit ganzer Macht wenden wollte, seine Absicht alsbald vereiteln. Wir werden auf solche Weise dem Zeitpunkt, wo die kaiserlich russische Armee ausgerüstet sein wird, mutig entgegenharren und sodann leicht gemeinschaftlich die Möglichkeit finden, dem Feinde das Schicksal zu bereiten, das er verdient.«

Kutusow atmete tief auf, als er zu Ende gelesen hatte, und blickte den österreichischen General aufmerksam und liebenswürdig an.

»Aber Eure Exzellenz kennen ja die weise Regel, daß man stets das Schlimmere annehmen muß,« sagte der Österreicher, der von den Scherzen genug zu haben schien und endlich zur Sache kommen wollte. Er sah sich unwillkürlich nach dem Adjutanten um.

»Entschuldigen Sie, General,« sprach Kutusow und wandte sich ebenfalls dem Adjutanten zu; »weißt du was, mein Lieber, nimm alle Berichte unserer Spione, da hast du ferner zwei Briefe des Grafen Nostitz, den Brief Seiner Hoheit des Erzherzogs Ferdinand und dieses hier,« – und er reichte dem Adjutanten mehrere Schriftstücke hin, – »stell' aus alledem in französischer Sprache ein übersichtliches Memorandum zusammen über alle die Nachrichten, die uns von den Vorgängen bei der österreichischen Armee zugekommen sind, und übergib es Seiner Exzellenz.«

Fürst Andreas neigte den Kopf, zum Zeichen, daß er alles verstanden hatte, nicht nur das, was Kutusow ausgesprochen hatte, sondern auch das, was er ihm gern noch gesagt hätte. Er raffte die Papiere zusammen, verneigte sich und ging leise hinaus.

Im Nebenzimmer traf er seinen Kameraden, den diensthabenden Adjutanten Koslowskij, der mit einem Buche am Fenster saß.

»Nun, Fürst?« fragte Koslowskij.

»Ich habe Befehl, ein Memorandum zusammenzustellen, warum wir nicht vorrücken.«

»Und warum?«

Fürst Andreas zuckte die Achseln.

»Keine Nachrichten von Mack?« fragte Koslowskij.

»Nein.«

»Wenn's wahr wäre, daß er geschlagen ist, käme doch eine Nachricht.«

»Vermutlich,« erwiderte der Fürst, und wandte sich der Ausgangstür zu, aber im selben Moment trat schnell, die Tür heftig hinter sich zuschlagend, ein großgewachsener, allem Anschein nach eben eingetroffener österreichischer General ein; er trug eine schwarze Binde um den Kopf und den Maria-Theresien-Orden um den Hals. Fürst Andreas blieb stehen.

»Oberbefehlshaber Kutusow?« fragte der Fremde schnell und mit scharfer deutscher Aussprache, indem er sich umblickte und direkt auf die Tür des Arbeitszimmers zuschritt.

»Der Oberbefehlshaber ist beschäftigt,« sagte Koslowskij, der schnell auf den unbekannten General zuging und ihm den Weg vertrat; »wen darf ich melden?«

Der Fremde sah Koslowskij, der kleiner war als er, verächtlich von oben bis unten an, als wunderte er sich, daß man ihn nicht kannte.

»Der Oberbefehlshaber ist beschäftigt,« wiederholte Koslowskij ruhig. Das Gesicht des Generals verfinsterte sich, seine Lippen zuckten und bebten. Er zog ein Notizbuch hervor, kritzelte mit dem Bleistift schnell etwas hinein, riß das Blatt heraus, gab es Koslowskij, ging rasch zum Fenster, warf sich auf den dort stehenden Stuhl und blickte die Anwesenden an, als wollte er sie fragen, weshalb sie ihn so musterten. Dann hob er den Kopf, reckte sich auf, wie um etwas zu sagen, stieß aber nur einen merkwürdigen, kurz abbrechenden Laut hervor. Die Tür des Arbeitszimmers öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Kutusow. Der fremde General mit dem verbundenen Kopf eilte mit großen, schnellen Schritten auf ihn zu, als fliehe er vor einer Gefahr.

» Vous voyez le malheureux Mack,« sprach er mit gepreßter Stimme.

Kutusows Gesicht blieb ein paar Sekunden ganz unbeweglich. Dann erschien auf der Stirn eine Falte, die aber sofort wieder verschwand; er neigte höflich den Kopf, wobei er die Augen schloß, ließ Mack an sich vorbei ins Arbeitszimmer und zog die Tür hinter sich zu.

Das Gerücht von der Niederlage der Österreicher und der Übergabe der ganzen Armee bei Ulm bestätigte sich. Eine halbe Stunde später sprengten Adjutanten nach allen Seiten; sie übergaben den Regimentschefs Befehle, aus denen sich schließen ließ, daß nun auch die russischen Truppen, die sich bisher abwartend verhalten hatten, dem Feind entgegentreten mußten.

Fürst Andreas war einer der wenigen Offiziere im Stabe, deren Hauptinteresse auf die Entwicklung des Krieges gerichtet war. Als er Mack gesehen und die Einzelheiten über dessen Unglück erfahren hatte, begriff er, daß der halbe Feldzug verloren war; er übersah sofort die Schwierigkeit der Lage für die russischen Truppen und überdachte, was die Armee erwartete und welche Rolle er selbst nun zu spielen hatte. Unwillkürlich freute er sich bei dem Gedanken an die Demütigung des selbstbewußten Österreich und an die Aussicht, daß er vielleicht schon nach wenigen Tagen einen Zusammenstoß zwischen Russen und Franzosen mit erleben würde. Aber er fürchtete sich vor Bonapartes Genius, der mächtiger sein konnte als das tapfere russische Heer, und wollte doch die Möglichkeit einer Niederlage gar nicht zugeben.

Mit solchen aufregenden Gedanken beschäftigt, ging Fürst Andreas in sein Zimmer, um Briefe zu schreiben. Im Korridor traf er seinen Zimmerkameraden Neswitzkij und den Spaßmacher Scherkow, die über irgend etwas lachten, wie gewöhnlich.

»Warum siehst du so finster drein?« fragte Neswitzkij, als er des Fürsten bleiches Antlitz und seine glänzenden Augen bemerkte.

»Zur Fröhlichkeit habe ich keinen Grund,« entgegnete Bolkonskij.

In diesem Augenblick erschienen am andern Ende des Korridors Strauch, ein österreichischer General aus Kutusows Stab, der für die Verproviantierung der russischen Armee zu sorgen hatte, und das Mitglied des Hofkriegsrates. Der Korridor war geräumig genug, daß die beiden Generäle an den drei Offizieren bequem vorübergehen konnten; trotzdem schob Scherkow Neswitzkij zurück und rief atemlos:

»Man kommt! man kommt! Beiseite treten! Platz machen! Bitte Platz machen!«

Die Generäle gingen schnell vorbei und schienen alle lästigen Ehrenbezeugungen vermeiden zu wollen. Auf dem Gesicht des Spaßmachers Scherkow erschien plötzlich ein dummes, fröhliches Lächeln.

»Eure Exzellenz,« sagte er auf deutsch, indem er vortrat und sich an den General aus dem Hofkriegsrat wandte, »ich habe die Ehre zu gratulieren.«

Er neigte den Kopf und scharrte unbeholfen bald mit dem einen, bald mit dem andern Fuß, wie Kinder, die tanzen lernen.

Der General blickte ihn streng an, als er aber Scherkows unschuldiges, dummes Lächeln sah, schenkte er ihm doch Aufmerksamkeit. Er kniff die Augen zu, zum Zeichen, daß er zuhöre.

»Ich habe die Ehre zu gratulieren,« wiederholte Scherkow, »General Mack ist angekommen, – ganz gesund, nur hier hat er sich ein wenig verletzt,« und er lächelte strahlend und zeigte auf seinen Kopf.

Der General runzelte die Stirn, wandte sich ab und ging weiter.

»Gott, wie naiv!« sagte er nach einigen Schritten ärgerlich.

Neswitzkij schlang lachend den Arm um Andreas Bolkonskij, der aber war noch bleicher geworden, stieß ihn wütend zurück und trat auf Scherkow zu. Die nervöse Aufregung, in welche ihn Macks Anblick, die Nachricht von der Niederlage und der Gedanke an die Zukunft der russischen Armee versetzt hatten, machte sich im Ärger über Scherkows plumpen Scherz Luft.

»Mein Herr,« sprach er scharf, mit leichtem Zittern des Unterkiefers, »wenn Sie ein Hanswurst sein wollen, so kann ich Sie daran nicht hindern; aber ich erkläre Ihnen: wenn Sie sich noch einmal unterstehen, in meiner Gegenwart Possen zu treiben, so werde ich Sie lehren, wie Sie sich zu benehmen haben!«

Neswitzkij und Scherkow waren so verblüfft, daß sie Bolkonskij eine Weile schweigend mit großen Augen anstarrten.

»Aber – ich hab' ihm doch nur gratuliert –« sagte Scherkow.

»Ich scherze nicht mit Ihnen! Schweigen Sie gefälligst!« schrie Bolkonskij ihn an, faßte Neswitzkij am Arm und ging fort, bevor Scherkow sich auf eine Antwort besinnen konnte.

»Was hast du denn, Bruderherz?« fragte Neswitzkij beschwichtigend.

»Was ich habe?« entgegnete Fürst Andreas und blieb vor Erregung stehen; »so begreife doch! Wer sind wir denn? Offiziere, die ihrem Kaiser und dem Vaterlande dienen, sich über einen allgemeinen Erfolg freuen und über ein allgemeines Mißgeschick trauern, – oder Lakaien, die für die Angelegenheit der Herrschaft kein Interesse haben? Quarante mille hommes massacrés et l'armée de nos alliés détruite, et vous trouvez là le mot pour rire!« rief er, als gäbe dieser französische Satz seine Empfindung am besten wieder; » c'est bien pour un garçon de rien comme cet individu dont vous avez fait un ami, mais pas pour vous, pas pour vous! Nur dumme Jungen dürfen solche Streiche machen!« schloß er und wartete ein wenig, ob Scherkow nicht antworten werde; der aber drehte sich um und verließ den Korridor.

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