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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 24
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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III.

»Moskau, o Moskau! weißsteiniges Mütterchen Moskau!« sagte Peter Iwanowitsch, als er sich am andern Morgen die Augen wach rieb und dem Geläute der Glocken lauschte. Nichts läßt die Vergangenheit so deutlich vor uns auferstehen als Töne; und diese Moskauer Glocken im Verein mit dem Anblick der weißen Mauer vor dem Fenster und dem Gerassel der Räder auf den Straßen erinnerten ihn so lebhaft nicht nur an das Moskau, das er vor fünfunddreißig Jahren gekannt hatte, sondern auch an das Moskau mit dem Kreml, den Glockentürmen, Mauern und so weiter, das er in seinem Herzen trug, und er empfand eine gradezu kindische Freude darüber, daß er ein Russe und daß er in Moskau war.

Da war der bucharische Schlafrock, der die breite Brust im Kattunhemd unbedeckt ließ, da die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, der Diener mit den geräuschlosen Bewegungen, der Tee, der Tabaksduft; dann ertönte eine laute, heftige Männerstimme in den Zimmern Chevaliers: die Stimmen des Sohnes und der Tochter und frische Morgenküsse klangen von nebenan, und der Dekabrist fühlte sich ebenso zu Hause, wie er sich in Irkutsk zu Hause gefühlt hatte, und wie er es auch in Neuyork oder Paris getan hätte.

So gern ich meinen Lesern den alten Helden aus der Dekabristenzeit über alle Schwächen erhaben schildern möchte, so muß ich doch der Wahrheit zuliebe gestehen, daß Peter Iwanowitsch sich heute mit besonderer Sorgfalt rasierte, kämmte und im Spiegel betrachtete. Er war unzufrieden mit seinem Anzuge, der in Sibirien nicht allzu schön gemacht worden war, und knöpfte den Rock ein paarmal zu und wieder auf. Natalia Nikolajewna aber rauschte in einem schwarzen Moirékleide in den Salon, die Stulpenärmel und die Haubenbänder waren zwar nicht ganz nach der neuesten Mode, aber so geschmackvoll geordnet, daß es nicht nur nicht ridicule, sondern im Gegenteil distingué wirkte. Für so etwas haben die Frauen einen sechsten Sinn und einen mit nichts zu vergleichenden Scharfblick. Auch Ssonja war so gekleidet, daß nichts an ihrer Toilette auszusetzen war, obgleich sie um zwei Jahre hinter der Mode zurückstand. Die Mutter dunkel und schlicht, die Tochter hell und heiter. – Ssergej war eben erst aufgewacht, und sie fuhren ohne ihn zur Kirche: Vater und Mutter im Fond, die Tochter ihnen gegenüber, Wassilij auf dem Bock; so brachte die Mietskutsche sie zum Kreml. Als sie aus der Kutsche stiegen, zupften die Damen ihre Kleider zurecht, dann reichte Peter Iwanowitsch seiner Natalia Nikolajewna den Arm, warf den Kopf in den Nacken und schritt auf die Kirchentür zu. Viele der Anwesenden – Kaufleute, Offiziere und allerlei Volk – wußten nicht recht, welcher Art Menschen das sein konnten. Wer war dieser offenbar seit vielen, vielen Jahren sonngebräunte alte Herr mit den eigentümlichen, derben, geraden Furchen im Gesicht, die nichts gemein hatten mit den Furchen, die man im Englischen Klub bekam, mit dem schneeweißen Haar und Bart, dem gütigen und doch stolzen Blick und den energischen Bewegungen? Wer war diese hochgewachsene Frau mit der vornehmen Haltung und den müden, gleichsam erloschenen, großen und schönen Augen? Wer war dieses frische, schlanke, kräftige junge Mädchen, das trotz der unmodernen Kleidung durchaus nicht schüchtern auftrat. Sie glichen nicht gerade Kaufleuten, auch nicht Deutschen; waren es vornehme Herrschaften? Auch darnach sahen sie nicht eigentlich aus, jedenfalls aber waren es Leute von Stand. So dachten alle, die sie in der Kirche sahen, und machten ihnen unwillkürlich bereitwilliger Platz als den Herren mit dicken Epaulettes. Peter Iwanowitsch hielt sich die ganze Zeit so hoheitsvoll wie beim Eintritt und betete still, ernst, ohne die Haltung zu verlieren. Natalia Nikolajewna kniete voller Würde nieder, zog ihr Taschentuch und weinte viel während des Gottesdienstes. Ssonja schien sich zum Beten zwingen zu müssen. Die Andacht wollte nicht kommen, aber sie sah sich nicht um und machte fleißig das Kreuzeszeichen.

Ssergej war daheim geblieben, teils weil er sich verschlafen hatte, teils weil ihm das Stehen in der Kirche schwer fiel; seine Füße starben ab, und er begriff nie, warum es für ihn eine Kleinigkeit war, vierzig Werst auf Schneeschuhen zurückzulegen, während es ihm die größte körperliche Qual bedeutete, ein Evangelium lang zu stehen; der Hauptgrund für sein Zurückbleiben aber war der, daß er vor allem andern einen neuen Anzug haben wollte. Er zog sich an und ging zur Schmiedebrücke. An Geld fehlte es ihm nicht. Der Vater hatte es sich zur Regel gemacht, dem Sohn von dessen einundzwanzigstem Jahre an soviel Geld zu geben, als er haben wollte. Es stand in der Macht des jungen Mannes, Vater und Mutter völlig mittellos zu machen.

Wie schade um die zweihundertfünfzig Rubel, die in dem Kleiderladen Kunz unnütz verausgabt wurden! Jeder der Herren, denen Ssergej begegnete, hätte ihm gern einen Rat erteilt und sich glücklich geschätzt, ihm bei der Bestellung eines Anzuges behilflich zu sein; aber wie das immer zu sein pflegt: er war einsam inmitten der Menschenmenge, und wie er so über die Schmiedebrücke dahinschlenderte, ohne die Läden zu beachten, gelangte er bis ans Ende, öffnete eine Tür – und kam in einem braunen, enganliegenden Frack heraus (und man trug jetzt weite Fracks), in schwarzen, weiten Beinkleidern (und man trug jetzt enganliegende) und in einer geblümten Atlasweste, die keiner der Herren, die bei Chevalier im Extrazimmer saßen, auch nur seinem Diener zu tragen erlaubt hätte. Noch vieles andere hatte Ssergej gekauft; dafür aber war Kunz über die schlanke Taille des jungen Mannes in Entzücken geraten und hatte ihm – wie er das jedem Käufer zu sagen pflegte – erklärt, daß er eine ähnliche noch nie gesehen. Ssergej wußte selbst, daß er eine hübsche Taille habe, aber das Lob eines fremden Menschen, wie Kunz es war, schmeichelte ihm sehr. Er trat um zweihundertfünfzig Rubel ärmer aus dem Laden und war dabei miserabel gekleidet, so miserabel, daß der Anzug nach zwei Tagen in Wassilijs Besitz überging und für Ssergej auf immer eine peinliche Erinnerung blieb.

Zu Hause angelangt, ging Ssergej nach unten, setzte sich ins große Zimmer, warf einen Blick ins Heiligtum und bestellte sich zum Frühstück so merkwürdige Speisen, daß der Kellner in der Küche lachen mußte. Er verlangte auch eine Zeitung und tat, als lese er. Als aber der Kellner, ermutigt durch die Unerfahrenheit des Jünglings, ihn auszufragen begann, sagte Ssergej: »Geh auf deinen Platz!« und errötete. Aber er sagte es in so stolzem Tone, daß der Kellner gehorchte. – Als Mutter, Vater und Schwester heimkehrten, fanden sie seinen Anzug ebenfalls wunderschön.

Erinnert ihr euch noch des frohen Gefühls aus der Kinderzeit, wenn man euch am Namenstage schön angezogen und in die Kirche geführt hatte, und ihr dann bei der Heimkehr – festlich gekleidet, festlich aussehend und festlich gestimmt – zu Hause Gäste und Spielsachen vorfandet? Ihr wußtet, heut' gab's keine Unterrichtsstunden, selbst die Großen feierten, fürs ganze Haus war's ein Ausnahmetag, ein Tag des Vergnügens; ihr wußtet, daß ihr allein die Ursache dieser Festlichkeit seid, und daß man alles verzeihen würde, was ihr heute auch anstelltet, und ihr wundertet euch nur, daß die Leute auf der Straße nicht ebenso feierten wie eure Hausgenossen; alle Klänge waren voller, alle Farben heller, mit einem Wort: Namenstagsstimmung! In solcher Stimmung war Peter Iwanowitsch, als er aus der Kirche heimkehrte.

Pachtins gestrige Bemühungen waren nicht umsonst gewesen: statt der Spielsachen fand Peter Iwanowitsch zu Hause schon ein paar Visitenkarten vornehmer Moskauer, die es im Jahre 1856 für ihre unabweisbare Pflicht hielten, dem berühmten Verbannten, den sie noch vor drei Jahren um keinen Preis der Welt hätten empfangen mögen, jede mögliche Aufmerksamkeit zu erweisen.

In den Augen Chevaliers, des Portiers und der Dienstboten im Gasthause hatte das Erscheinen der vielen Kutschen, deren Insassen nach Peter Iwanowitsch fragten, an dem einen Morgen die Hochachtung und Dienstwilligkeit für die Ankömmlinge verzehnfacht.

Alles das waren Namenstagsgeschenke für Peter Iwanowitsch. Soviel der Mensch auch erlebt hat, so klug er auch sein mag, Achtungsbezeigungen von Personen, die von den meisten Menschen geachtet werden, sind immer angenehm. Peter Iwanowitsch war in bester Laune, als Chevalier ihm unter Verbeugungen vorschlug, die Räume zu wechseln, und ihn bat, nur zu befehlen, sobald er etwas wünsche; er versicherte, daß er Peter Iwanowitschs Besuch als ein Glück betrachte. Als Peter Iwanowitsch die Visitenkarten durchsah und, während er sie in die Schale zurückwarf, die Namen des Grafen S., des Fürsten D. und so weiter nannte, sagte Natalia Nikolajewna, sie wolle niemand empfangen und gleich zu Maria Iwanowna fahren. Peter Iwanowitsch war damit einverstanden, obgleich er gern mit vielen der Besucher geplaudert hätte. Nur einem Gast glückte es, vorzukommen, bevor der Befehl der Abweisung erteilt worden war. Das war Pachtin. Wenn man diesen Mann gefragt hätte, warum er gekommen sei, so hätte er keinen andern Vorwand nennen können außer dem, daß er alles Neue und Interessante liebe, und daher gekommen sei, um Peter Iwanowitsch wie eine Kuriosität zu betrachten. Man sollte meinen, daß ein solcher Grund, einen fremden Menschen zu besuchen, den Gast verlegen machen müsse. Aber das Gegenteil stellte sich heraus: Peter Iwanowitsch und sein Sohn und Sophia Petrowna waren verlegen; Natalia Nikolajewna war zu sehr grande dame, als daß sie durch irgend etwas in Verlegenheit zu setzen wäre. Der müde Blick ihrer schönen, schwarzen Augen richtete sich ruhig auf Pachtin. Pachtin aber war frisch, selbstzufrieden und von heiterer Liebenswürdigkeit wie immer. Er war ein Freund von Maria Iwanowna.

»Ah,« sagte Natalia Nikolajewna.

»Nicht grade Freund – das ist bei unserem Alter nicht das rechte Wort –, aber sie war immer sehr gütig gegen mich.«

Pachtin war ferner ein alter Verehrer von Peter Iwanowitsch, er hatte seine Genossen gekannt. Er hoffte, den Ankömmlingen nützlich sein zu können. Er wäre schon gestern abend gekommen, habe aber nicht die Zeit dazu gehabt und bitte deshalb um Entschuldigung. Und er setzte sich und plauderte lange.

»Ja, ich muß Ihnen gestehen, ich habe in Rußland vieles verändert gefunden seit jener Zeit,« sagte Peter Iwanowitsch als Antwort auf eine Frage. Man muß gesehen haben, mit welch ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit Pachtin jedes Wort aufnahm, das aus dem Munde des vornehmen Greises kam, und wie er nach jedem Satz oder gar nach jedem Wort durch ein Kopfnicken, ein Lächeln oder einen Blick zu verstehen gab, daß er den denkwürdigen Satz oder das denkwürdige Wort verstanden habe und zu schätzen wisse. Der müde Blick ermunterte ihn noch zu diesem Manöver. Ssergej Petrowitsch schien zu fürchten, die Worte seines Vaters könnten zu unbedeutend sein für diesen aufmerksamen Zuhörer. Sophia Petrowna dagegen lächelte jenes kaum merkliche, selbstgefällige Lächeln, das Leuten eigen ist, welche die lächerliche Seite eines Menschen entdeckt haben. Es schien ihr, daß man von dem nicht viel zu erwarten habe, daß er ein »Nichts« sei, wie sie und der Bruder eine gewisse Sorte von Menschen zu bezeichnen pflegten.

Peter Iwanowitsch erklärte, er habe unterwegs große Veränderungen bemerkt, die ihn erfreut hätten.

»Das Volk, der Bauer hat sich unvergleichlich gehoben, hat viel mehr Bewußtsein der eigenen Würde bekommen,« sagte er, gleichsam alte Phrasen wiederholend, »und ich muß sagen, das Volk ist es, das mich vor allem andern interessiert hat und noch interessiert; ich bin der Meinung, die Kraft Rußlands liegt nicht in uns, sondern im Volk,« und so weiter. Peter Iwanowitsch entwickelte mit dem ihm eigenen Feuer seine mehr oder weniger originellen Gedanken über verschiedene wichtige Angelegenheiten. Wir werden sie später noch in allen Einzelheiten kennen lernen. Pachtin verging vor Entzücken und stimmte allem vollkommen bei.

»Sie müssen unbedingt mit Akßatows bekannt werden! Sie werden mir doch gestatten, Fürst, sie Ihnen vorzustellen? Sie wissen, er hat jetzt die Erlaubnis zu seiner Publikation erhalten; es heißt, morgen soll die erste Nummer erscheinen. Ich habe auch seinen bewundernswerten Artikel über die Folgerichtigkeit der wissenschaftlichen Theorie in der Abstraktion gelesen. Ungemein interessant! Dann ist da noch ein Aufsatz: Die Geschichte Serbiens im elften Jahrhundert von dem berühmten Wojwoden Karbowanez; auch sehr interessant. Überhaupt ein Riesenschritt vorwärts!«

»Ah so,« sagte Peter Iwanowitsch; aber alle diese Nachrichten interessierten ihn offenbar nicht. Er kannte nicht einmal die Namen und die Verdienste dieser Menschen, welche Pachtin als allgemein bekannt erwähnte. Natalia Nikolajewna, welche die Notwendigkeit, diese Menschen und Verhältnisse zu kennen, nicht leugnete, bemerkte zur Entschuldigung ihres Mannes, Pierre habe die Zeitschriften immer sehr spät bekommen; er lese aber sehr viel.

»Papa, werden wir zur Tante fahren?« fragte Ssonja, ins Zimmer tretend.

»Gewiß, aber zuerst müssen wir frühstücken. Ist Ihnen nicht etwas gefällig?«

Pachtin lehnte natürlich ab, aber Peter Iwanowitsch bestand mit der jedem Russen im allgemeinen und ihm selbst im besonderen eigenen Gastfreundschaft darauf, daß Pachtin etwas esse und trinke. Er selbst trank ein Gläschen Schnaps und ein Glas Bordeaux. Pachtin bemerkte, daß Natalia Nikolajewna in dem Augenblick, als er den Wein einschenkte, sich abwandte, während der Sohn aufmerksam die Hände des Vaters betrachtete. Nachdem er getrunken hatte, antwortete Peter Iwanowitsch auf Pachtins Fragen nach seinen Ansichten über die neue Literatur, die neue Richtung, über Krieg und Frieden (Pachtin verstand es, die verschiedenartigsten Dinge zu einem nicht grade geistreichen, aber fließenden Geplauder zu vereinigen). Auf alle diese Fragen antwortete Peter Iwanowitsch mit einer allgemeinen profession de foi, – war es der Wein oder das Gesprächsthema – er geriet so in Eifer, daß ihm die Tränen in die Augen traten und daß Pachtin in Entzücken geriet, ebenfalls zu weinen begann und ohne jede Zurückhaltung seine Überzeugung aussprach, daß Peter Iwanowitsch jetzt alle führenden Persönlichkeiten überrage und an die Spitze aller Parteien treten müsse. Pierres Augen glänzten, denn er glaubte, was Pachtin ihm sagte. Und er hätte noch lange weiter gesprochen, wenn Sophia Petrowna die Mutter nicht angestiftet hätte, ihre Mantille umzunehmen, und wenn sie nicht selbst gekommen wäre, um Peter Iwanowitsch zum Aufbruch zu veranlassen. Er schüttete sich den letzten Wein ins Glas, aber Sophia Petrowna trank ihn aus.

»Was machst du?«

»Ich hatte noch nichts getrunken, Papa, verzeih.«

Er lächelte.

»Nun wollen wir zu Maria Iwanowna fahren. Entschuldigen Sie, Monsieur Pachtin.«

Und stolz erhobenen Hauptes schritt Peter Iwanowitsch hinaus. Im Flur begegnete er einem General, der den alten Bekannten hatte besuchen wollen. Sie hatten sich fünfunddreißig Jahre nicht gesehen. Der General war schon zahnlos und kahlköpfig.

»Aber du, wie du noch frisch bist,« sagte er, »man sieht, Sibirien ist bekömmlicher als Petersburg. Das sind die Deinen? Stell' mich vor. Was für ein prächtiger Bursche, dein Sohn! Also morgen zum Diner?«

»Ja, ja, unbedingt.«

Auf der Stiege kam ihm der berühmte Tschichajew entgegen, ebenfalls ein alter Bekannter.

»Wie haben Sie denn erfahren, daß ich angekommen bin?«

»Eine Schande wär's für Moskau, wenn es das nicht wissen sollte; eine Schande ist's, daß man Sie nicht schon beim Schlagbaum empfangen hat. Wo speisen Sie? Wahrscheinlich bei Ihrer Schwester Maria Iwanowna? Ausgezeichnet, ich werde auch hinkommen.«

Peter Iwanowitsch machte stets einen stolzen Eindruck auf diejenigen, die hinter der äußeren Erscheinung die unaussprechliche Güte und den Gefühlsreichtum nicht sehen konnten. Jetzt aber hatte sogar Natalia Nikolajewna ihre Freude an seiner ungewöhnlichen Hoheit, und Sophia Petrownas Augen lachten, wenn sie ihn ansah.

Sie kamen zu Maria Iwanowna, die Pierres Taufpatin und zehn Jahre älter als er war. Sie war ein altes Fräulein. Warum sie nicht geheiratet hatte, und wie sie ihre Jugend verlebt hatte, werde ich später einmal erzählen.

Seit vierzig Jahren lebte sie in Moskau, ohne es zu verlassen. Sie war weder sehr klug, noch sehr reich. An vornehmen Verbindungen lag ihr nichts, im Gegenteil. Und doch gab es keinen Menschen, der sie nicht hochschätzte. Sie war so überzeugt von der allgemeinen Hochschätzung, daß man gar nicht anders konnte, als eben sie hochschätzen. Es gab zwar einige junge Liberale, die eben erst von der Universität kamen und ihre Macht nicht anerkennen wollten, aber diese Herren frondierten nur in ihrer Abwesenheit. Sie brauchte nur mit ihrer königlichen Haltung ins Zimmer zu treten, in ihrer ruhigen Art ein Gespräch zu beginnen, sich mit ihrem freundlichen Lächeln umzuschauen, und sie unterwarfen sich. Ihr Gesellschaftskreis bestand aus – allen. Sie betrachtete und behandelte alle Moskauer wie ihre Hausgenossen. Am häufigsten besuchten sie junge Leute und geistreiche Männer; Frauen liebte sie nicht. Es gab in ihrem Haus auch männliche und weibliche Schmarotzer, welche unsere Literatur mit gleicher Verachtung zu behandeln pflegt wie die Wengerka und die Generale; aber Maria Iwanowna war der Ansicht, Skopin, der sein Vermögen im Spiel verloren hatte, und Frau Beschew, die von ihrem Manne fortgeschickt worden war, hätten es bei ihr besser als in Armut und Not, und daher behielt sie sie in ihrem Haus. Aber die zwei stärksten Gefühle in Maria Iwanownas jetzigem Leben gehörten ihren beiden Brüdern: Peter Iwanowitsch war ihr Abgott, Iwan Iwanowitsch ihr Haß. –

Sie wußte nicht, daß Peter Iwanowitsch angekommen war; sie war in der Messe gewesen und hatte eben erst gefrühstückt. Ein Moskauer Vikar, Frau Beschew und Skopin saßen um ihren Tisch. Maria Iwanowna erzählte ihnen von dem jungen Grafen W., der eben aus Sewastopol zurückgekehrt war und für den sie schwärmte. (Sie hatte beständig irgend eine Schwärmerei.) Heute sollte er bei ihr zu Mittag speisen. Der Vikar erhob sich und verabschiedete sich, und Maria Iwanowna hielt ihn nicht zurück.

»Geben Sie, bitte, den Auftrag, lieber Freund, niemand vorzulassen,« sagte sie, »ich will an Pierre schreiben; ich weiß gar nicht, warum er noch nicht kommt. Wahrscheinlich ist Natalia Nikolajewna krank.«

Maria Iwanowna lebte in der Überzeugung, daß Natalia Nikolajewna sie nicht liebte und ihr feindlich gesinnt war. Sie konnte es nicht verzeihen, daß nicht sie, die Schwester, ihm ihr Vermögen geopfert und nach Sibirien gefolgt war, sondern daß Natalia Nikolajewna das getan hatte, und daß ihr Bruder entschieden dagegen gewesen war, als auch sie hinreisen wollte. Jetzt nach fünfunddreißig Jahren begann sie ihrem Bruder zu glauben, daß Natalia Nikolajewna die beste Frau der Welt und sein Schutzengel sei; aber sie beneidete die Schwägerin, und es wollte ihr immer wieder scheinen, als sei sie eine schlechte Frau.

Sie erhob sich, durchschritt den Saal und wollte sich in ihr Schreibzimmer begeben, als sich die Tür öffnete und das runzelige, alte Gesicht der Frau Beschew mit dem Ausdruck freudigen Schreckens in der Tür erschien.

»Maria Iwanowna, machen Sie sich gefaßt –« sagte sie.

»Ein Brief?«

»Nein, mehr – Aber sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als im Vorzimmer eine laute Männerstimme ertönte:

»Wo ist sie denn? Geh du, Natascha.«

»Er!« rief Maria Iwanowna und ging mit großen, festen Schritten dem Bruder entgegen. Sie begrüßte die Verwandten, als hätten sie sich erst gestern zum letztenmal gesehen.

»Wann bist du angekommen? Wo seid ihr abgestiegen? Seid ihr in einer Kutsche hergefahren?« Das waren die Fragen, welche Maria Iwanowna stellte, während sie mit ihnen in den Salon ging; sie wartete die Antworten gar nicht ab und blickte mit großen Augen bald den einen, bald den andern an. Frau Beschew wunderte sich über diese Ruhe oder gar Gleichgültigkeit und billigte sie nicht. Alle lächelten, das Gespräch verstummte, schweigend und ernst betrachtete Maria Iwanowna ihren Bruder.

»Wie geht es Ihnen?« fragte Peter Iwanowitsch, indem er lächelnd ihre Hand ergriff. Er sagte zu ihr Sie und sie zu ihm du. Maria Iwanowna blickte noch einmal auf seinen grauen Bart, die Glatze, die Zähne, die Runzeln, die Augen, das sonnverbrannte Gesicht – und sie erkannte alles.

»Das ist meine Ssonja.«

Aber sie sah sich nicht um.

»Was bist du für ein Dumm –« ihre Stimme versagte, sie faßte mit ihren großen, weißen Händen den kahlen Kopf des Bruders. »Was bist du für ein Dummkopf,« hatte sie sagen wollen, »daß du mich nicht vorbereitet hast.« Aber ihre Schultern und ihre Brust begannen zu zittern, das alte Gesicht verzog sich, und sie schluchzte auf, während sie immer wieder seinen Kopf an ihre Brust drückte und wiederholte: »Was bist du für ein Dummkopf, daß du mich nicht vorbereitet hast!«

Peter Iwanowitsch kam sich nicht mehr als ein so großer Mann, als eine so wichtige Persönlichkeit vor, wie auf Chevaliers Stiege. Er saß auf dem Lehnstuhl, seinen Kopf aber hielt die Schwester in ihren Händen, es kitzelte ihn in der Nase, seine Haare waren verwühlt, und in seinen Augen standen Tränen. Aber er fühlte sich wohl. – Als dieser Ausbruch von Freudentränen vorüber war, begann Maria Iwanowna zu verstehen und zu glauben, was geschehen war. Sie betrachtete alle. Aber noch mehrmals im Laufe des Tages, sobald sie daran dachte, wie er einst gewesen und wie sie damals gewesen war und wie sie beide jetzt waren, und sobald dies alles wieder lebhaft in ihre Erinnerung trat: das Unglück, die Freude und die Liebe von damals, so übermannte es sie, sie erhob sich und sagte wieder: »Was bist du für ein Dummkopf, Petruscha, was für ein Dummkopf, daß du mich nicht vorbereitet hast!«

»Warum seid ihr nicht direkt zu mir gekommen? Ich hätte euch untergebracht,« sagte Maria Iwanowna, »jetzt werdet ihr doch wenigstens bei mir Mittag essen? Du wirst dich bei mir nicht langweilen, Ssergej, bei mir speist ein junger Held von Sewastopol. Und kennst du Nikolaj Michailowitsch den Sohn? Er ist Schriftsteller, soll irgend etwas Gutes geschrieben haben. Ich hab's nicht gelesen, aber man lobt es sehr, und er ist ein lieber Bursche; ich werde auch ihn einladen. Auch Tschichajew wollte kommen. Na, das ist ein Schwätzer, den mag ich nicht. War er schon bei dir? Und hast du Nikita schon gesehen? Na, das ist ja alles Unsinn. Was beabsichtigst du zu unternehmen? Und Sie. Natalia, wie steht es mit Ihrem Befinden? Was werden wir mit diesem jungen Mann und dieser jungen Schönheit anfangen?«

Aber das Gespräch wollte immer noch nicht recht in Gang kommen.

Vor dem Diner fuhren Natalia Nikolajewna und die Kinder zu einer alten Tante, und Bruder und Schwester blieben allein; nun begann er von seinen Plänen zu sprechen.

»Ssonja ist erwachsen und muß in die Gesellschaft eingeführt werden, folglich werden wir in Moskau wohnen,« sagte Maria Iwanowna.

»Auf keinen Fall.«

»Ssergej muß dienen.«

»Auf keinen Fall.«

»Du bist noch immer so verrückt wie früher!« Aber trotzdem liebte sie diesen Verrückten.

»Wir müssen hier bleiben, dann aufs Land fahren und den Kindern alles zeigen.«

»Mein Grundsatz ist, mich nicht in Familienangelegenheiten zu mischen,« sagte Maria Iwanowna, als sie sich von der Aufregung etwas erholt hatte, »und keine Ratschläge zu erteilen. Ein junger Mann muß dienen, das habe ich stets gedacht und denke es auch heute. Und heutzutage mehr als je. Du weißt nicht, wie die Jugend heute ist, Petruscha. Ich kenne sie. Der Sohn des Fürsten Dmitrij zum Beispiel ist ganz zugrunde gegangen. Und sie sind selbst daran schuld. Ich fürchte ja niemand, ich bin eine alte Frau. Aber es ist schlimm.« Und sie begann von der Regierung zu sprechen. Sie war mit ihr unzufrieden, da sie allen zu viel Freiheit gab. »Nur ein Gutes hat sie gemacht, daß sie euch freigelassen hat. Das ist gut.«

Petruscha wollte die Regierung verteidigen, aber mit Maria Iwanowna ging es ihm nicht so wie mit Pachtin; sie ließ ihn gar nicht zu Ende sprechen und rief ärgerlich:

»Was verteidigst du sie? Hast du Grund, sie zu verteidigen? Ich sehe, du bist immer noch so unvernünftig.«

Peter Iwanowitsch schwieg und lächelte fein, als wolle er sagen, daß er sich nicht ergebe, aber mit Maria Iwanowna nicht streiten wolle.

»Du lächelst. Ich kenne das. Du willst mit einem Weibe nicht streiten,« sagte sie heiter und freundlich und sah den Bruder dabei so fein und klug an, wie man es von ihrem alten Gesicht mit den derben Zügen gar nicht erwartet hätte. »Mit mir wirst du nicht fertig, Freundchen! Vergiß nicht, daß ich mein siebentes Jahrzehnt bald beendet habe. Ich habe auch nicht in den Tag hinein gelebt, hab' manches gesehen und begriffen. Neue Bücher habe ich zwar nicht gelesen und werde sie auch nicht lesen. Die Bücher enthalten nichts als Unsinn.«

»Nun, wie gefallen Ihnen meine Kinder? Ssergej?« fragte Peter Iwanowitsch mit demselben Lächeln.

»Na, na,« antwortete sie, mit dem Finger drohend; »lenk' nicht ab auf deine Kinder, von denen sprechen wir schon noch. Aber ich wollte dir folgendes sagen: du warst und bist ein unvernünftiger Mensch, ich seh's dir an den Augen an. Man wird dich jetzt auf den Händen tragen. Das ist so Mode. Ihr seid jetzt alle in Mode. Ja, ja, ich seh's dir an den Augen an, du bist noch ebenso unvernünftig, wie du warst!« fügte sie hinzu, als Antwort auf sein Lächeln; »um Christi willen, halte dich fern von all den heutigen Liberalen! Weiß der liebe Himmel, was die treiben. Aber ein gutes Ende wird das nicht nehmen. Und unsere Regierung schweigt vorläufig, dann aber wird sie die Krallen zeigen müssen. Denk an meine Worte! Ich fürchte, daß du wieder hineinverwickelt wirst. Laß das, es ist ja dummes Zeug! Du hast Kinder.«

»Man sieht, daß Sie mich nicht kennen, Maria Iwanowna,« sagte der Bruder.

»Na, gut, gut, wir werden schon sehen, ob ich dich nicht kenne, oder ob du selbst dich nicht kennst. Ich habe ausgesprochen, was ich auf dem Herzen hatte; folgst du mir – gut. Jetzt können wir auch von Ssergej sprechen. Wie ist er denn?« – Er hat mir nicht sehr gefallen, wollte sie sagen, aber sie sagte nur: »Er gleicht der Mutter sehr, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Deine Ssonja hat mir sehr gefallen, sehr. Sie hat so etwas Liebes, Offenes. Ein liebes Ding. Wo ist sie? Ja so, ich habe vergessen.«

»Was soll ich Ihnen sagen? Ssonja wird eine gute Frau und Mutter werden, mein Ssergej aber ist gescheit, sehr gescheit. Das wird ihm niemand nehmen. Er hat ausgezeichnet gelernt, wenn er auch ein wenig faul war. Er hat eine besondere Neigung für die Naturwissenschaften. Wir waren so glücklich, einen prächtigen Lehrer zu finden. Hier möchte er die Universität besuchen und Vorlesungen über Naturgeschichte und Chemie hören.«

Maria Iwanowna hörte kaum zu, als der Bruder von den Naturwissenschaften zu sprechen anfing. Sie schien plötzlich traurig zu werden, besonders als von der Chemie die Rede war. Sie seufzte tief auf und antwortete unmittelbar auf die Gedankenreihe, welche die Naturwissenschaften in ihr angeregt hatten:

»Wenn du wüßtest, wie sie mir leid tun, Petruscha!« sagte sie mit aufrichtiger, stiller, ergebungsvoller Trauer; »so leid, so leid! Das ganze Leben liegt noch vor ihnen! Was werden sie alles noch zu erdulden haben!«

»Nun, wir wollen hoffen, daß ihr Leben sich glücklicher gestalten wird als das unsere.«

»Gott geb's, Gott geb's! Aber das Leben ist schwer, Petruscha. Folge mir nur in einem, mein Lieber: philosophiere nicht. Was bist du für ein Dummkopf, Petruscha, ach, was für ein Dummkopf! Aber ich muß meine Anordnungen treffen. Ich habe die Leute eingeladen, aber womit werd' ich sie denn füttern?« Sie wandte sich ab und läutete. »Taraß soll kommen.«

»Ist der Alte noch immer im Haus?« fragte der Bruder.

»Gewiß, und warum auch nicht? Er ist ja noch ein Knabe im Vergleich zu mir.«

Taraß war ein wenig ärgerlich, machte sich aber gleich an die Arbeit.

Bald darauf traten, strahlend vor Glück und vor Kälte und mit den Kleidern rauschend, Natalia Nikolajewna und Ssonja ins Zimmer; Ssergej war noch zurückgeblieben, um Einkäufe zu machen.

»Laßt mich sie betrachten!« Und Maria Iwanowna nahm Ssonjas Köpfchen zwischen ihre beiden Hände. Natalia Nikolajewna begann zu erzählen.

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