Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lew Tolstoi >

Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 21
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
Schließen

Navigation:

XX.

In dem kleinen Gemach, das Nechljudow bewohnte, standen ein altes, mit Messingnägeln beschlagenes Ledersofa, ein paar ebensolche Stühle, ein aufgeklappter altertümlicher Kartentisch mit Inkrustationen, Vertiefungen und Messingbeschlägen, auf dem Papiere lagen, und ein alter, gelber, offener englischer Flügel mit abgegriffenen, verbogenen, schmalen Tasten. Zwischen den Fenstern hing ein großer Spiegel in altertümlichen, geschnitzten Goldrahmen. Auf dem Fußboden lagen neben dem Tische Haufen von Papieren, Büchern und Rechnungen. Das Zimmer hatte ein uncharakteristisches und unordentliches Aussehen und bildete einen scharfen Kontrast zu den übrigen, steif und altherrschaftlich eingerichteten Räumen des großen Hauses.

Nechljudow trat ein, warf den Hut ärgerlich auf den Tisch, setzte sich auf den Stuhl, der vor dem Klavier stand, schlug die Beine übereinander und ließ den Kopf auf die Brust sinken.

»Werden Durchlaucht jetzt frühstücken?« fragte eine große, hagere, runzelige Alte in einem Kattunkleide, einem großen Umlegetuch und einem Häubchen, die in diesem Augenblick ins Zimmer trat.

Nechljudow sah auf und schwieg eine Weile, als müsse er sich besinnen.

»Nein, ich hab' keinen Appetit, Wärterin,« sagte er dann und versank wieder in Gedanken.

Die Alte schüttelte ärgerlich den Kopf und seufzte.

»Ach, Väterchen Dmitrij Nikolajewitsch, warum sind Sie traurig?« fragte sie; »es gibt kein Unglück, das nicht vorübergeht, bei Gott!«

»Ich bin ja gar nicht traurig! Wie kommst du darauf, Mütterchen Malanja Finogenowna?« entgegnete Nechljudow mit einem Versuch, zu lächeln.

»Wie sollten Sie nicht traurig sein? Hab' ich denn keine Augen?« sagte die Wärterin lebhaft; »Tag für Tag sind Sie allein! Und alles nehmen Sie sich zu Herzen, um alles kümmern Sie sich selbst! Das Essen haben Sie fast ganz aufgegeben! Ist das vernünftig? Wenn Sie doch einmal in die Stadt fahren wollten oder zu den Nachbarn! Hat man je so etwas gesehen? Sie sind noch so jung, warum grämen Sie sich über alles? – Verzeih, Väterchen, wenn ich mich setze,« fuhr sie fort, neben der Tür Platz nehmend; »du hast die Leute so verwöhnt, daß sich niemand mehr fürchtet. Ist das recht von einem Herrn? Ich kann nichts Gutes dabei finden! Du richtest dich selbst zugrunde und verwöhnst die Leute. Unser Volk ist einmal so, es versteht das nicht, wirklich nicht. Fahr doch wenigstens zur Tante zu Besuch; sie hat dir die Wahrheit geschrieben!« So redete die alte Wärterin ihrem einstigen Pflegling zu.

Nechljudow fühlte sein Herz immer schwerer werden. Seine rechte Hand, die bisher auf seinem Knie geruht hatte, berührte müde die Tasten des Klaviers. Ein Akkord erklang, ein zweiter, ein dritter. Nechljudow rückte näher heran, zog die linke Hand aus der Tasche und begann zu spielen. Die Akkorde, die er griff, waren unzusammenhängend, manchmal sogar unrichtig, banal bis zur Geschmacklosigkeit und verrieten durchaus kein musikalisches Talent, aber sein Spiel bereitete ihm einen unklaren, wehmutsvollen Genuß. Bei jedem Harmoniewechsel wartete er mit Spannung, was daraus entstehen würde, und wenn etwas entstand, ergänzte seine Phantasie das Fehlende. Er meinte Hunderte von Melodien zu hören, harmonisch begleitet von Chor und Orchester. Aber den Hauptgenuß bereitete ihm die angestrengte Tätigkeit seiner Phantasie, die ihm dabei unzusammenhängend und durcheinandergeworfen, aber mit auffallender Klarheit die verschiedensten Bilder und Formen aus Vergangenheit und Zukunft vorgaukelte. Bald sieht er Davids gedrungenes Gesicht vor sich, in dem die weißen Wimpern beim Anblick der schwarzen, sehnigen Faust der Mutter ängstlich zucken, seinen runden Rücken und die riesigen, mit weißen Härchen bedeckten Hände; allen Prüfungen und Entbehrungen setzt er nichts entgegen als Geduld und Ergebung in sein Geschick. Dann tritt die lebhafte, auf dem Gutshof keck gewordene Amme in Nechljudows Erinnerung, und er stellt sich plötzlich vor, daß sie die Dörfer durchwandert und die Bauern ermahnt, sie sollen ihr Geld vor den Gutsherren verbergen, und gedankenlos wiederholt er: »Ja, vor den Gutsherren muß man sein Geld verbergen.« Dann wieder taucht das blonde Köpfchen seiner zukünftigen Gattin vor ihm auf, das sich traurig und von Tränen überströmt an seine Schulter lehnt, und dann Tschurißjonoks gutmütiges blaues Auge, das voller Zärtlichkeit zu dem einzigen, dickleibigen Söhnchen herabschaut. Der Kleine ist für den Vater alles: sein Sohn, aber auch sein Helfer und Retter. »Das ist Liebe!« flüstert Nechljudow. Dann erinnert er sich an Juchwankas Mutter und an den Ausdruck der Geduld und Ergebung, die er trotz des hervorstehenden Zahnes und der häßlichen Züge in ihrem alten Gesichte bemerkte. »Wahrscheinlich bin ich der erste in den siebzig Jahren ihres Lebens, der das bemerkt hat,« denkt er sich und flüstert: »Merkwürdig!« Und dabei schlägt er immer noch halb unbewußt die Tasten an und lauscht den Akkorden. Plötzlich fällt ihm seine Flucht aus dem Bienengarten ein und der Gesichtsausdruck der beiden jungen Dutlows, die das Lachen plagt, die aber so tun, als blickten sie ihn gar nicht an. Er wird rot und schaut sich unwillkürlich nach der Wärterin um, die noch immer neben der Tür sitzt und ihn unverwandt mit stummem Kopfschütteln anschaut. Nun sieht er ein Dreigespann schweißiger Pferde und daneben die schöne, starke Gestalt Iljuschkas mit den hellblonden Locken, den froh leuchtenden, schmalen, blauen Augen, den frischen roten Wangen und dem hellen Flaum, der ihm eben erst um Mund und Kinn zu sprossen beginnt. Er erinnert sich, wie Iljuschka Angst gehabt, daß man ihn nicht mehr fahren lassen werde, und wie warm er für seine Lieblingsbeschäftigung eingetreten ist; er sieht einen grauen, nebligen Morgen, eine schlüpfrige Chaussee und eine lange Reihe hochbeladener, mit Strohmatten bedeckter, dreispänniger Wagen, die mit großen schwarzen Buchstaben bezeichnet sind. Starkbeinige, gut gefütterte Pferde ziehen unter Schellengeklingel mit gekrümmtem Rücken und gespannten Strängen ihre Last bergan, wobei sie die Hufe fest in den schlüpfrigen Boden schlagen. Bergab, dem Warenzuge entgegen, kommt eilig ein Postwagen daher; die Glöcklein klingen und wecken fernen Widerhall im dichten Walde, der sich zu beiden Seiten des Weges hinzieht. »A–a–aj!« ruft der erste Fuhrknecht laut, mit knabenhafter Stimme, und schwingt die Peitsche über dem Kopf, auf dem eine Fellmütze mit Blechschild sitzt. Neben den Vorderrädern des ersten Wagens schreitet der rotbäckige, finster blickende Karpus schwerfällig einher; unter der Strohmatte des zweiten Fuders taucht Iljuschkas hübscher Kopf auf. Drei mit Koffern beladene dreispännige Wagen jagen unter Rädergerassel, Schellengeläute und Geschrei vorüber; Iljuschka steckt seinen Kopf wieder unter die Matte und schläft ein. Nun ist's Abend, ein klarer, warmer Abend. Die müden Dreigespanne drängen sich vor dem knarrenden Brettertor des Einkehrhofes; eines der hochbeladenen Fuder nach dem andern rollt über die Torschwelle und verschwindet unter dem breiten Schuppendach. Fröhlich begrüßt Iljuschka die Wirtin mit dem weißen Gesicht und der schönen Gestalt. »Weit her? Und wird viel zum Nachtmahl gegessen werden?« fragt sie ihn und schaut den hübschen Burschen mit ihren schönen, glänzenden Augen wohlgefällig an. Er beschickt die Pferde, begibt sich dann in die heiße, von Menschen angefüllte Wirtsstube, bekreuzigt sich, setzt sich vor die volle Holzschüssel und plaudert lustig mit der Wirtin und den Kameraden. Bald sucht er sein Nachtlager auf: unter freiem Sternenhimmel auf duftigem Heu bei seinen Pferden, die schnaufend und mit den Füßen stampfend in den hölzernen Krippen ihr Futter suchen. Er tritt an das Heu heran, wendet sich gen Osten, macht wohl dreißigmal das Kreuzeszeichen über seine starke, breite Brust, wirft die hellen Locken zurück, spricht ein Vaterunser und mindestens zwanzig »Herr, erbarme dich!« hüllt seinen Kopf in den Mantel und schläft bald darauf den gesunden, sorglosen Schlaf eines starken, frischen Menschen. Und im Traume sieht er fremde Städte: Kiew mit den frommen Pilgerscharen, Romno mit seinen Händlern und Waren, Odessa und das weite blaue Meer mit den weißen Segeln, und Konstantinopel mit den goldenen Häusern und den schwarzäugigen Türkinnen. Unsichtbare Flügel tragen ihn weiter und weiter; er fliegt frei und leicht dahin und sieht unter sich goldene, hell strahlende Städte und das blaue Meer mit den weißen Segeln, und über sich den dunkelblauen Himmel mit den klaren Sternen, und es ist so wonnevoll, so lustig, immer weiter und weiter zu fliegen.

»Herrlich!« flüstert Nechljudow, und ihm kommt der Gedanke: »Warum bin ich nicht Iljuschka?«

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.