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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XV.

Nechljudow trat gebückt durch das niedrige Pförtchen, das aus dem schattigen Schuppen in den Bienengarten hinter dem Hofe führte. In dem kleinen, mit Stroh und durchsichtigem Flechtwerk umgebenen Raum, in welchem die mit kurzen Brettern bedeckten Bienenstöcke symmetrisch standen, summten die goldigen Bienen und spielten die heißen, glänzenden Strahlen der Junisonne. Von dem Pförtchen führte ein ausgetretener Fußweg bis zu einem hölzernen Kreuz, an dem ein Heiligenbild aus Silberblech hell in der Sonne glänzte. Einige junge Linden, die ihre stattlichen Wipfel hoch über das Strohdach des Nachbarhauses erhoben, mischten das leise Rauschen ihrer dunkelgrünen, frischen Blätter in das Summen der Bienen. Die Schatten des Zaunes, der Linden und der Bienenstöcke fielen kurz und dunkel auf das feine, krause Gras, das zwischen den Bienenstöcken hervorlugte. Die kleine, gebückte Gestalt eines alten Mannes mit unbedecktem Graukopf und in der Sonne leuchtender Glatze tauchte an der Tür einer hölzernen, mit frischem Stroh gedeckten Hütte auf, die zwischen den Linden stand. Als er das Pförtchen knarren hörte, sah der Alte sich um, wischte sich mit dem Ärmel über das beschwitzte, sonnverbrannte Gesicht und ging dem Herrn mit frohem Lächeln entgegen.

In dem Bienengarten war es so gemütlich, freundlich, still und hell; die Erscheinung des grauhaarigen Alten mit den vielen strahlenförmigen Fältchen um die Augen, in bequemen Schuhen, die auf die nackten Füße gezogen waren, machte, als er jetzt gutmütig und selbstzufrieden lächelnd, wiegenden Ganges daherkam, um den Herrn in seinem ureigensten Reiche zu begrüßen, einen so treuherzig freundlichen Eindruck, daß Nechljudow sofort die unangenehmen Erlebnisse des heutigen Morgens vergaß und schnell wieder auf seine Lieblingsidee zurückkam. Im Geiste sah er schon alle seine Bauern so reich, so treuherzig wie den alten Dutlow, er sah sie alle ihm freudig zulächeln, da sie ihm allein ihr Glück und ihren Reichtum zu verdanken hatten.

»Wünschen Sie nicht ein Netz, Euer Durchlaucht? Die Biene ist jetzt böse und sticht,« sagte der Alte, indem er vom Zaune einen nach Honig duftenden, schmutzigen, mit Birkenrinde eingefaßten Sack nahm und dem Herrn anbot; »mich kennen die Bienen, daher stechen sie mich nicht,« fügte er mit dem milden Lächeln hinzu, das fast nie von seinem hübschen, sonnverbrannten Gesichte schwand.

»Dann brauche auch ich kein Netz. Schwärmen sie schon, was?« fragte Nechljudow und lächelte ebenfalls, ohne zu wissen warum.

»Sie haben eben erst angefangen, Väterchen Dmitrij Nikolajewitsch,« antwortete der Alte; durch diese Anrede des Herrn mit Namen und Vatersnamen schien er eine besondere Freundlichkeit ausdrücken zu wollen. »Heuer war der Frühling kalt, wie Sie selbst wissen werden.«

»Ich habe einmal gelesen,« begann Nechljudow und wehrte dabei eine Biene ab, die ihm in das Haar geflogen war und nun an seinem Ohr summte, »wenn das Wachs an den Stänglein gerade steht, so schwärmen die Bienen früher. Daher macht man Bienenstöcke aus Brettern – mit Querhölzern –«

»Geruhen Sie lieber nicht abzuwehren, das macht sie böse,« sagte der Alte, »wünschen Sie nicht, daß ich Ihnen das Netz gebe?«

Der Bienenstich tat Nechljudow weh, aber aus einer Art kindlicher Eigenliebe wollte er das nicht eingestehen, daher lehnte er das Netz wieder ab und fuhr fort, dem Alten von der Einrichtung der Bienenstöcke zu erzählen, von denen er in » Maison rustique« gelesen hatte, und bei welchen seiner Meinung nach die Bienen doppelt soviel schwärmen mußten. Da stach ihn die Biene in den Hals und er verlor den Faden und blieb mitten in seinen Erklärungen stecken.

»Gewiß, Väterchen Dmitrij Nikolajewitsch,« sagte der Alte, während er den Herrn väterlich und gönnerhaft anblickte; »in den Büchern schreiben sie so was. Aber vielleicht ist das alles falsch; die denken sich halt: wenn er es so macht, wie wir da schreiben, so lachen wir ihn aus! Auch so was kommt vor! Wie kann man die Biene lehren, wie sie ihre Zellen bauen soll? Sie sucht sich selbst den rechten Ort und baut einmal schräg und einmal gerade. Geruhen Sie einmal hineinzusehen,« fügte er hinzu, öffnete einen der nächsten Bienenstöcke und blickte durch die Öffnung auf die summenden, an den schrägen Zellen entlang kriechenden Bienen; »das sind junge Bienen; man sieht, obenan sitzt die Königin, und sie führen die Zellen gerade oder schief, wie es besser in den Korb hineinpaßt.« Der Alte ließ sich von seinem Lieblingsthema fortreißen und bemerkte nicht die Lage des Herrn. »Heute tragen sie alle Blütenstaub, heute ist ein schöner Tag,« fügte er hinzu, indem er den Korb wieder schloß, mit einem Fetzen die umherkriechenden Bienen zusammenscharrte und dann mit seiner rauhen Handfläche einige Bienen von seinem faltigen Rock strich. Die Bienen taten ihm nichts, Nechljudow dagegen konnte sich kaum noch so viel beherrschen, um nicht aus dem Bienengarten hinauszulaufen: die Bienen hatten ihn an drei Stellen gestochen und summten ihm von allen Seiten um Kopf und Nacken.

»Hast du viele Bienenstöcke?« fragte er, indem er sich wieder dem Pförtchen näherte.

»So viele Gott gegeben hat, Väterchen,« antwortete Dutlow lachend, »zählen darf man sie nicht, die Bienen haben das nicht gern. Euer Durchlaucht, ich wollte Sie um eine Gnade bitten,« fuhr er fort, indem er auf einige kleine Bienenstöcke zeigte, welche am Zaune standen, »es ist wegen Ossip, dem Manne Ihrer Amme; wenn Sie ihm doch verbieten wollten: es ist nicht recht, im eigenen Dorf gegen den Nachbarn so schlecht zu handeln!«

»Wieso schlecht? – Aber sie stechen ja!« rief der Herr und griff nach der Klinke des Pförtchens.

»Ja sehen Sie, jedes Jahr läßt er seine Bienen auf meine jungen Schwärme los. Sie sollen besser werden, aber die fremden Bienen nehmen ihnen die Zellen fort und verderben sie,« erklärte der Alte, ohne die schmerzlichen Gebärden des Herrn zu bemerken.

»Gut, nachher, gleich!« sagte Nechljudow, der sich nicht länger beherrschen konnte und, mit beiden Händen fuchtelnd, eiligst durch das Pförtchen hinausrannte.

»Man muß Erde darauf legen, dann tut es nichts.« meinte der Alte, der dem Herrn folgte. Nechljudow legte Erde auf die schmerzenden Stellen, wurde sehr rot, warf einen schnellen Blick auf Karpus und Ignaz, die ihn gar nicht ansahen, und runzelte ärgerlich die Stirn.

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