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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 15
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XIV.

»Soll ich nicht lieber nach Hause begeben?« fragte sich Nechljudow, während er sich dem Hofe der Dutlows näherte; eine unbestimmte Traurigkeit und moralische Ermüdung waren über ihn gekommen.

Aber in diesem Augenblick öffnete sich knarrend das neue, schön geschnitzte Tor, und ein hübscher, rotbäckiger, blonder Bursche von etwa achtzehn Jahren in Fuhrmannskleidung trat heraus; er führte ein Dreigespann starkbeiniger, zottiger, noch schweißiger Pferde; die hellen Haare hastig zurückwerfend, verneigte er sich vor dem Herrn.

»Ist der Vater zu Hause, Ilja, was?« fragte Nechljudow.

»Er ist im Bienengarten hinter dem Haus,« antwortete der Bursche, während er die Pferde eines nach dem andern durch das halbgeöffnete Tor führte.

»Nein, ich will fest bleiben, ich will ihm meinen Vorschlag machen und tun, was in meiner Kraft steht,« dachte Nechljudow. Er ließ die Pferde vorbei und betrat den geräumigen Dutlowschen Hof.

Man sah, daß vor kurzem Dünger vom Hofe geführt worden war: der Boden war noch schwarz, schweißig, und an manchen Stellen lagen noch rote Büschel umher. Auf dem Hofe und unter dem hohen Schuppendach standen schön geordnet viele Leiterwagen, Eggen, Schlitten, Krippen, Fässer und sonstiges Bauerngerät. Im Schatten der breiten, soliden Dachpfeiler flatterten gurrend Tauben hin und her; es roch nach Teer und nach Dünger. In einer Ecke des Hofes befestigten Karpus und Ignaz eben ein neues Polster in einem großen, dreispännigen, eisenbeschlagenen Wagen. Alle drei Söhne Dutlows sahen sich sehr gleich. Der jüngste, Ilja, welchem Nechljudow an der Pforte begegnet war, hatte keinen Bart und war kleiner von Wuchs, rotbäckiger und besser gekleidet als die älteren: der zweite, Ignaz, war größer, dunkler, trug einen Spitzbart und hatte, obgleich auch er Stiefel, ein Fuhrmannshemd und eine Lammfellmütze trug, nicht das feiertägliche, sorglose Aussehen des jüngeren Bruders. Der älteste, Karpus, war noch größer, trug Bastschuhe, einen grauen Kaftan und ein Hemd ohne Achselbesatz; er hatte einen rotblonden Vollbart und sah nicht nur ernst, sondern fast düster aus.

»Sollen wir den Vater holen, Euer Durchlaucht?« fragte er, indem er sich dem Herrn näherte und sich leicht und ungeschickt verneigte.

»Nein, ich gehe selbst zu ihm in den Bienengarten und sehe mir dort seine Einrichtungen an; aber ich habe auch mit dir zu sprechen,« antwortete Nechljudow und ging auf die andere Seite des Hofes hinüber, damit Ignaz nicht höre, was er mit Karpus besprechen wollte.

Das Selbstbewußtsein und ein gewisser Stolz, der in dem ganzen Benehmen dieser beiden Bauern zutage trat, sowie das, was ihm die Amme erzählt hatte, setzte den jungen Gutsherrn so in Verlegenheit, daß es ihm schwer fiel, mit ihnen von seinen Plänen zu sprechen. Er empfand etwas wie ein Schuldbewußtsein, und es schien ihm leichter, nur mit einem der Brüder zu sprechen, ohne daß der andere zuhörte. Karpus schien sich zu wundern, daß der Herr ihn beiseite nahm, aber er folgte ihm.

»Hör' mal,« begann Nechljudow unsicher, »was ich dich fragen wollte – habt ihr viele Pferde?«

»Fünf Dreigespanne werden's wohl sein, Füllen sind auch da,« erwiderte Karpus freundlich, indem er sich den Rücken kratzte.

»Deine Brüder fahren mit der Post?«

»Wir besorgen die Post mit drei Dreigespannen; Iljuschka war eben auf der Fahrt, er ist grade zurückgekommen.«

»Nun, und ist das vorteilhaft? Wieviel verdient ihr dabei?«

»Was kann man da von Vorteil sprechen, Euer Durchlaucht! Kaum, daß wir die Pferde und uns selbst satt machen können, – und auch dafür sei Gott gedankt.«

»Warum unternehmt ihr dann nicht etwas anderes? Ihr könntet doch Wald kaufen oder Land pachten.«

»Das wohl, Euer Durchlaucht; Land könnte man ja pachten, wenn man es günstig trifft.«

»Ich will euch einen Vorschlag machen: anstatt euch mit dem Fuhrwesen zu plagen, das euch kaum nährt, pachtet lieber so gegen dreißig Morgen Land von mir; das ganze Stück, das hinter Ssapows Hof liegt, kann ich euch überlassen, da könntet ihr euere Wirtschaft vergrößern.«

Und Nechljudow, begeistert von seinem Plan eines großen Bauernhofes, – ein Plan, den er schon sooft entworfen und überdacht hatte, – begann nun ohne jede Verlegenheit dem Bauern seine Idee klarzulegen. Karpus hörte ihm aufmerksam zu.

»Wir sind sehr dankbar für Ihre Gnade,« sagte er, als Nechljudow schwieg und ihn fragend ansah, »gewiß, da ist nichts Schlimmes dran. Dem Bauern ziemt es besser, sich mit der Wirtschaft abzugeben, als mit der Peitsche zu hantieren. Wenn unsereins unter fremde Leute kommt und allerlei Volk kennen lernt, wird er verdorben, für den Bauern ist halt die Landwirtschaft das Beste.«

»Also was denkst du zu meinem Vorschläge?«

»Was hab' ich zu denken, solange der Vater lebt, Euer Durchlaucht? Er hat zu bestimmen.«

»So führe mich zu ihm, ich will mit ihm sprechen.«

»Bitte, hierher,« sagte Karpus, und schritt langsam auf den hinteren Schuppen zu. Er öffnete das niedrige Pförtchen, das in den Bienengarten führte, ließ den Herrn durch und schloß es wieder; dann ging er zu Ignaz zurück und nahm die unterbrochene Arbeit schweigend wieder auf.

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