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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 14
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XIII.

»So werd ich's machen!« sagte sich Nechljudow mit freudiger Genugtuung; dann erinnerte er sich, daß er noch zu dem reichen Bauern Dutlow wollte, und wandte sich einem hohen, stattlichen Hause mit zwei Schornsteinen zu, das mitten im Dorfe stand. Als er sich dem Gebäude näherte, traf er beim Nachbarhause eine große, einfach gekleidete Frau von etwa vierzig Jahren, die auf ihn zukam.

»Fröhlichen Feiertag, Väterchen!« rief sie ohne jede Scheu, blieb vor ihm stehen und verneigte sich mit frohem Lächeln.

»Guten Tag, Amme!« antwortete er, »wie geht's? Ich will grade zu deinem Nachbarn.«

»So, so! Gut, Väterchen Durchlaucht! Und bei uns belieben Sie nicht einzutreten? Wie würde sich mein Alter freuen!«

»Warum nicht, ich komm' mit, Amme, wir wollen ein wenig plaudern. Ist das dein Haus?«

»Jawohl, Väterchen!«

Die Amme eilte voraus. Nechljudow folgte ihr in den Flur, setzte sich auf ein kleines Faß, holte eine Zigarette hervor und begann zu rauchen.

»Dort ist's heiß; bleiben wir lieber hier und plaudern wir miteinander,« antwortete er auf die Einladung der Frau, ins Zimmer zu kommen. Die Amme war ein noch frisches und hübsches Weib. In ihren Gesichtszügen und besonders in den großen schwarzen Augen lag viel Ähnlichkeit mit den Zügen des Herrn. Sie faltete die Hände unter der Schürze, sah dem Fürsten ohne Scheu und beständig den Kopf hin und her wiegend ins Gesicht und begann:

»Warum belieben Sie, den Dutlow zu besuchen, Väterchen?«

»Ich möchte, daß er mir dreißig Morgen Land abpachtet und eine eigene Wirtschaft einrichtet, auch soll er mit mir gemeinsam einen Wald kaufen. Er hat ja Geld, warum soll das so unnütz daliegen? Was meinst du dazu, Amme?«

»Na ja, Väterchen, es ist bekannt, daß die Dutlows reich sind; er ist der erste Bauer in der ganzen Gemeinde, denke ich,« antwortete die Amme, den Kopf hin und her wiegend; »im vorigen Sommer hat er einen zweiten Stock auf sein Haus gesetzt, alles mit seinem eigenen Holze, ohne die Herrschaft zu belästigen. Außer den Füllen und den Halbwüchsigen hat er an Pferden sechs Dreigespanne, und was das Vieh betrifft – wenn die Schafe und Kühe von der Weide heimgetrieben werden und die Weiber auf die Straße gehen, um sie in die Ställe zu treiben, da gibt's ein arges Gedränge an der Pforte! Er hat auch mindestens zweihundert Bienenstöcke, wenn nicht mehr. Ein sehr vermöglicher Mann! Und bares Geld muß auch da sein.«

»Und was meinst du, hat er viel bares Geld?« fragte der Fürst.

»Die Leute sagen – übrigens vielleicht nur aus Bosheit –, daß der Alte nicht wenig Geld habe; er spricht zwar nicht davon und sagt es nicht einmal den Söhnen, aber es wird wohl so sein. Warum sollte er den Wald nicht kaufen? Es könnte nur sein, daß er sich fürchtet, über sein Vermögen etwas verlautbaren zu lassen. Vor fünf Jahren etwa hat er sich mit Schkalik, dem Gastwirt, in einen Wiesenhandel eingelassen; aber Schkalik scheint ihn betrogen zu haben oder so etwas, jedenfalls hat der Alte gegen dreihundert Rubel verloren; seit der Zeit macht er keine Geschäfte mehr. Wie sollte er nicht wohlhabend sein, Väterchen Durchlaucht!« fuhr die Amme fort, »drei Stücke Land, eine große Familie, lauter Arbeitskräfte, und der Alte selbst – man kann nicht anders sagen – ein tüchtiger Wirt. Er hat in allem Glück, so daß die Leute sich schon wundern: Getreide, Pferde, Vieh, Bienen, Kinder – alles gedeiht bei ihm! Jetzt hat er alle Söhne verheiratet. Zuerst wählte er die Bräute unter den hiesigen Mädchen, und jetzt hat er dem Iljuschka eine Freie zur Frau gegeben, hat sie selbst losgekauft. Auch ein braves Weib!«

»Leben sie in Eintracht?« fragte Nechljudow.

»Wenn ein Haupt im Hause ist, so herrscht auch Eintracht. Die Schwiegertöchter zanken sich wohl manchmal im geheimen, aber vor den Augen des Alten ist alles in Ordnung.«

Die Amme schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Es heißt, der Alte will jetzt dem ältesten Sohne, dem Karpus, die Wirtschaft übergeben. Er ist halt schon alt geworden und meint, er wolle sich nur noch mit den Bienen befassen. Na, Karpus ist auch ein guter Bauer, ein ordentlicher Mensch, aber als Wirt steht er doch weit hinter dem Alten zurück. Er hat nicht den Verstand des Alten.«

»So wird vielleicht Karpus das Land pachten und den Wald kaufen wollen, was meinst du?« fragte der Gutsherr in der Absicht, aus der Amme alles herauszubringen, was sie von ihren Nachbarn wußte.

»Kaum, Väterchen!« entgegnete die Amme; »der Alte hat dem Sohne nichts vom Gelde gesagt. Solange er lebt und das Geld im Hause hat, regiert er alles; die Söhne beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Fuhrwesen.«

»Und wird der Alte nicht einwilligen?«

»Er wird Angst haben.«

»Wovor denn?«

»Wie kann denn ein leibeigener Bauer sagen, daß er Geld hat, Väterchen? Wenn er Pech hat, kann er alles verlieren! Mit dem Gastwirt hat er Geschäfte gemacht, wie gesagt, und hat sich verrechnet, – aber kann er klagen? Das Geld ist halt fort! Und der Gutsherr würde doch noch schneller mit ihm fertig werden!«

»Ach so, deshalb –!« sagte Nechljudow errötend. »Leb' wohl, Amme!«

»Leben Sie wohl, Väterchen Durchlaucht, danke ergebenst!«

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