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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 12
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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XI.

»Wieso zu Tode gearbeitet?« fragte Nechljudow zweifelnd.

»An Überanstrengung, Wohltäter, ist sie zugrunde gegangen, so wahr Gott heilig ist. Im vorvorigen Jahr haben wir sie aus Baburin geholt,« fuhr sie fort, während ihre zornigen Züge plötzlich weinerlich und traurig wurden, »es war ein junges, frisches und sanftes Weib, Väterchen. Zu Hause, bei ihrem Vater, hatte sie es gut gehabt, keine Not gekannt, als sie dann aber zu uns kam und unsere Arbeit kennen lernte, – die Arbeit auf dem Herrschaftshofe und daheim und überall, – nur wir beide allein, sie und ich, das ertrug sie nicht. Ich bin schon daran gewöhnt, sie aber, Väterchen, erwartete ihr erstes Kind, hatte viel zu leiden und arbeitete immer über ihre Kraft. So hat sie sich einen Schaden zugezogen, die Arme. Im Sommer, zu Peter und Paul, hat sie einen Knaben geboren, und Brot war keines im Hause; wir aßen, was sich grade traf, ach du mein Gott, und die Arbeit drängte! Sie hatte keine Nahrung für das Kind, eine Kuh besitzen wir nicht, und mit der Flasche können wir Bäuerinnen ein Kind nicht aufziehen. Na, es war ja dumm von ihr, aber sie hat sich immer mehr und mehr gegrämt, und als der Kleine starb, da hat sie geweint und gejammert. Und Not und Arbeit nahmen zu, und die Arme mußte sich den Sommer über so plagen, daß sie dann zu Mariä Fürbitte gestorben ist. Er hat sie umgebracht, der Hund!« wandte sie sich wieder mit verzweifelter Wut gegen ihren Sohn, um nach kurzem Schweigen mit gesenkter Stimme und tiefer Verneigung fortzufahren: »Um was ich dich bitten wollte, Durchlaucht –«

»Was?« fragte zerstreut Nechljudow, der noch von ihrer Erzählung erregt war.

»Er ist doch noch ein junger Bauer. Ich aber kann ja nicht mehr viel leisten, heute leb' ich, und morgen bin ich vielleicht schon tot. Wie soll er ohne Hausfrau auskommen? Er wird ja gar kein rechter Bauer sein! Denk du an uns, du unser Vater!«

»Das heißt, du willst ihn verheiraten? Nun, das läßt sich hören.«

»Erweise uns die Gnade! Du bist uns Vater und Mutter!« Sie gab ihrem Sohne ein Zeichen, und beide stürzten plötzlich dem Herrn zu Füßen.

»Warum kniest du nieder?« sagte Nechljudow, faßte sie ärgerlich an den Schultern und zog sie empor; »kannst du denn nicht auch so mit mir sprechen? Du weißt, daß ich das nicht liebe. Verheirate den Sohn nur, bitte! Ich bin sehr froh, wenn du eine Braut für ihn findest.«

Die Alte stand auf und wischte sich mit dem Ärmel die trockenen Augen. David folgte ihrem Beispiel, rieb seine Augen mit der aufgedunsenen Faust, blieb wieder in geduldig-demütiger Haltung stehen und hörte zu, was Arina erzählte.

»Eine Braut wäre wohl da, warum denn nicht! Da ist Waßjutka Michejkin, ein braves Mädchen, aber ohne deinen Befehl wird sie nicht wollen.«

»Ist sie denn nicht einverstanden?«

»Nein, Wohltäter; wenn man darauf warten müßte –!«

»Ja, was ist da zu machen? Zwingen kann ich sie nicht. Sucht eine andere, wenn nicht von hier, so von anderswo; ich will sie loskaufen, aber sie muß freiwillig kommen, mit Gewalt darf man niemand verheiraten. Dafür gibt's kein Gesetz, und es ist auch eine große Sünde.«

»A–a–ach, Wohltäter, wie wär's denn möglich, daß eine freiwillig kommt, wenn sie unser Leben, unsre Armut sieht? Selbst eine Soldatenfrau hat ja nicht solches Elend zu ertragen wie wir. Welcher Bauer wird seine Tochter auf unsern Hof geben? Nicht einmal ein Verzweifelter! Wir sind ja nackt wie die Bettler! Die eine, so wird ein jeder sagen, haben sie schon verhungern lassen, nun soll's wohl meiner Tochter ebenso gehen. Wer wird uns sein Mädchen geben? Bedenk doch, Durchlaucht!« Und sie schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Ja, was kann ich denn da tun?«

»Hilf uns irgendwie, Verehrter!« wiederholte Arina eindringlich, »was sollen wir anfangen?«

»Wie soll ich da helfen? Ich kann in diesem Falle gar nichts für euch tun.«

»Wer wird uns beistehen, wenn du's nicht tust?« fragte Arina mit gesenktem Kopf und machte eine klagende Handbewegung.

»Ihr habt um Getreide gebeten, und ich will es euch anweisen lassen,« sprach der Fürst nach einer kurzen Pause, während welcher Arina seufzte und David ihrem Beispiel folgte. »Mehr aber kann ich nicht tun.«

Nechljudow trat in den Flur hinaus, Mutter und Sohn folgten ihm unter Bücklingen.

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