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Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder

Lew Tolstoi: Der Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder - Kapitel 10
Quellenangabe
authorLew Tolstoj
titleDer Morgen des Gutsherrn/Die Dekabristen/Kriegsbilder
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
translatorHanny Brentano
illustratorA. Brentano
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170404
projectidc8e1392f
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IX.

»David Bjelyj bittet um Getreide und Pfähle,« stand weiter unten im Notizbüchlein.

Nachdem Nechljudow an einigen Bauernhöfen vorübergegangen und in die Nebengasse eingebogen war, begegnete er seinem Verwalter Jakob Alpatytsch. Als dieser von ferne den Gutsherrn erblickte, nahm er seine Mütze aus Wachsleinwand ab, zog sein Taschentuch hervor und wischte sich das dicke, rote Gesicht.

»Setz' die Mütze auf, Jakob, hörst du, Jakob?«

»Bei wem geruhten Euer Durchlaucht zu sein?« fragte Jakob, indem er sich mit der Mütze vor der Sonne schützte, sie jedoch nicht aufsetzte.

»Ich war bei Juchwanka. Sag' doch, wie ist der so geworden?« erwiderte der Herr, indem er seinen Weg fortsetzte.

»Wie, Euer Durchlaucht?« fragte der Verwalter, der in ehrfurchtsvoller Entfernung hinter ihm herging, seine Mütze jetzt aufgesetzt hatte und sich den Schnurrbart strich.

»Wie! Er ist doch ein vollständiger Taugenichts, ein Faulpelz, ein Dieb, ein Lügner, er mißhandelt seine eigene Mutter und ist allem Anschein nach ein so unverbesserlicher Bösewicht, daß er sich nie mehr ändern wird.«

»Ich weiß nicht, Euer Durchlaucht, warum er Ihnen so mißfallen hat –«

»Und seine Frau,« unterbrach ihn der Herr, »scheint ein ganz schlechtes Frauenzimmer zu sein. Die alte Mutter ist schlechter gekleidet als eine Bettlerin und hat nichts zu essen, das junge Weib aber und er selbst gehen geputzt einher. Ich weiß absolut nicht, was ich mit ihm machen soll.«

Jakob wurde sichtlich verlegen.

»Nun,« sprach er, »wenn er sich so hat gehen lassen, Euer Durchlaucht, muß man Maßregeln treffen. Er steckt wirklich in Armut wie alle Einzelbauern, aber er hält doch noch ein wenig auf sich und ist nicht wie die andern. Er ist gescheit, kann lesen und schreiben und scheint mir doch ein ehrlicher Bauer zu sein. Er arbeitet jedesmal bei der Eintreibung der Kopfsteuer mit. Er war auch schon, während ich hier Verwalter bin, drei Jahre lang Gemeindeältester und man konnte ihm nichts Böses nachsagen. Im dritten Jahre beliebte es Ihrem Herrn Vormund, ihn abzusetzen. Auch beim Frondienst ist er gut zu brauchen. Während er dann in der Stadt bei der Post war, hat er sich vielleicht ein wenig das Trinken angewöhnt; dagegen kann man ja Maßregeln treffen. Wenn er sich zuweilen vergißt, braucht man ihm nur zu drohen, und er kommt wieder zur Vernunft, fühlt sich wohl, und in der Familie ist alles geordnet. Wenn es Ihnen aber nicht beliebt, irgendwelche Maßregeln zu treffen, so weiß ich nicht, was man mit ihm anfangen wird. Er hat sich jedenfalls sehr gehen lassen. Zum Militär taugt er nicht, weil ihm, wie Sie wohl zu bemerken beliebt haben, zwei Zähne fehlen. Aber nicht er allein, erlaube ich mir zu berichten, hat allen Respekt verloren –«

»Laß das, Jakob,« antwortete Nechljudow mit leichtem Lächeln, »das habe ich mit dir schon unzählige Male besprochen. Du weißt, wie ich darüber denke, und was du mir auch sagen magst, ich werde meine Ansicht nicht ändern.«

»Natürlich, Euer Durchlaucht kennen das alles,« sagte Jakob, indem er die Achseln zuckte und seinen Herrn von rückwärts so ansah, als dürfe man sich von dem da nicht viel Gutes versprechen. »Und was die Alte betrifft, so beunruhigen Sie sich um ihretwillen ganz unnütz,« sprach er weiter, »sie hat zwar die Waisen großgezogen, hat den Juchwanka verheiratet und so weiter; aber es ist doch im allgemeinen bei den Bauern so: wenn Vater oder Mutter dem Sohne die Wirtschaft übergeben haben, so sind Sohn und Schwiegertochter die Herren im Haus, und die Alte muß sehen, daß sie sich ihr Brot verdient, so gut ihre Kräfte es erlauben. Natürlich kennen diese Leute die zarteren Gefühle nicht, aber bei den Bauern ist es nun einmal so Sitte. Darum erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß die Alte Sie ganz unnütz belästigt hat. Sie ist eine gescheite Frau und eine tüchtige Wirtin, aber warum belästigt sie den Herrn mit jeder Kleinigkeit? Wenn sie sich mit der Schwiegertochter gezankt hat, vielleicht auch einen Stoß bekommen hat, – das sind Weibergeschichten! Sie hätten sich versöhnen sollen, ohne Sie zu beunruhigen. Sie nehmen sich ohnehin alles zu sehr zu Herzen,« schloß der Verwalter, mit einer gewissen Zärtlichkeit und Gönnerhaftigkeit den Herrn ansehend, der schweigend mit großen Schritten vor ihm her die Straße hinaufging.

»Geruhen Sie nach Hause zu gehen?« fragte Jakob.

»Nein, zu David Bjelyj oder Koslow – wie heißt er doch?«

»Das ist auch so einer, muß ich Ihnen melden. Die ganze Sippe der Koslow ist so. Man kann anfangen, was man will, man wird mit ihm nicht fertig. Gestern fuhr ich an den Bauernfeldern vorüber: er hat keinen Buchweizen gesät. Was soll man mit solchem Volk anfangen? Wenn wenigstens der Alte den Sohn belehren wollte, aber der ist auch ein solcher Taugenichts: er arbeitet weder für sich noch für die Herrschaft und kommt nicht von der Stelle. Was haben wir nicht schon alles versucht, Ihr Herr Vormund und ich: wir haben ihn ins Loch gesteckt, zu Hause bestraft, – Sie erlauben das ja nicht –«

»Wen? Doch nicht den Alten?«

»Ja, den Alten. Der Vormund hat ihn oft genug vor der ganzen Versammlung durch geprügelt; wollen Sie glauben, Euer Durchlaucht, er hat sich gar nichts daraus gemacht: er schüttelt sich, geht seiner Wege, und alles bleibt beim Alten. Und der David, sage ich Ihnen, ist ein ruhiger Mann und nicht dumm. Er raucht nicht und trinkt nicht, und doch ist er schlimmer als mancher Trinker. Das Einzige ist, daß man ihn unter die Soldaten steckt oder zur Ansiedlung verschickt, sonst ist nichts mit ihm anzufangen. Alle die Koslows sind so: auch Matrjuschka, der im Hinterhaus wohnt und ebenfalls zur Familie gehört, ist ein so abscheulicher Kerl! – Sie brauchen mich also nicht, Durchlaucht?« fügte der Verwalter hinzu, als er bemerkte, daß der Herr ihm nicht antwortete.

»Nein, geh' nur,« antwortete Nechljudow zerstreut und ging weiter.

Davids Häuschen stand schief und einsam am Rande des Dorfes. Es hatte weder Hof, noch Tenne, noch Speicher; nur ein paar schmutzige, kleine Viehställe lehnten sich an eine Seite des Hauses; auf der andern Seite lag ein Haufen Reisig und Balken. Hohes, grünes Steppengras wuchs an der Stelle, wo sich früher der Hof befunden hatte. In der Nähe der Hütte war niemand zu sehen, nur ein Schwein wälzte sich grunzend vor der Schwelle.

Nechljudow klopfte an das zerbrochene Fenster, aber da ihm niemand antwortete, trat er in den Flur und rief: »He, Wirtsleute!« Aber auch daraufhin meldete sich niemand. Er durchschritt den Flur, warf einen Blick in die leeren Ställe und betrat die offene Stube. Ein alter, roter Hahn und zwei Hennen spazierten mit gesträubten Halsfedern über den Fußboden und die Bänke. Als sie den Hereinkommenden erblickten, flatterten sie mit verzweifeltem Gackern und gespreizten Flügeln an den Wänden empor, und eine der Hennen flüchtete sich auf den Ofen. Die sechs Ellen große Stube war ganz angefüllt durch einen Ofen mit zerbrochenem Rohr, einen Webstuhl, der trotz der Sommerszeit nicht hinausgetragen worden war, und einen schwarz gewordenen Tisch mit verbogener und rissiger Platte. Obgleich es draußen trocken war, stand an der Schwelle eine schmutzige Pfütze, die sich beim letzten Regen dadurch gebildet hatte, daß das Wasser durch Decke und Dach hereinströmte. Eine Schlafstelle gab es nicht. Es war schwer, sich vorzustellen, daß dieser Ort eine menschliche Wohnung sei, – einen so ausgesprochenen Eindruck der Verwahrlosung und Unordnung machte sowohl das Äußere als das Innere der Hütte; und doch wohnte in dieser Hütte David Bjelyj mit seiner ganzen Familie. In diesem Augenblick schlief David fest: er hatte sich trotz der Hitze des Junitages bis über den Kopf in seinen Pelz gehüllt und sich auf den Ofen in eine Ecke gedrückt; die erschreckte Henne, die sich auf den Ofen geflüchtet hatte und jetzt aufgeregt auf Davids Rücken herumspazierte, hatte ihn nicht aufgeweckt.

Da Nechljudow in der Stube niemand sah, wollte er eben wieder hinausgehen, als ein tiefer Seufzer ihm die Anwesenheit des Bauern verriet.

»He, wer ist da?« rief der Fürst.

Vom Ofen her ließ sich ein zweiter, langgedehnter Seufzer vernehmen.

»Wer ist da? Komm doch her!«

Und wieder hörte Nechljudow nur einen Seufzer, ein Gemurmel und ein lautes Gähnen.

»Nun, was ist denn?«

Auf dem Ofen rührte es sich langsam; der Schoß eines abgeriebenen Schafpelzes wurde sichtbar; ein großer Fuß in zerrissenen Bastschuhen ließ sich herab, der zweite folgte ihm und endlich erschien die ganze Gestalt Davids, der auf dem Ofen saß und sich faul und mürrisch mit seiner großen Faust die Augen rieb. Langsam beugte er den Kopf vor, gähnte und sah in die Stube hinab; als er den Gutsherrn erblickte, begann er sich etwas schneller zu bewegen, kam aber immer noch so langsam vorwärts, daß Nechljudow inzwischen dreimal von der Pfütze zum Webstuhl und zurück gehen konnte.

David Bjelyj Bjelyj heißt der »Weiße«. (Anm. d. Übers.) trug seinen Namen mit Recht: seine Haare, sein Körper, sein Gesicht, alles war auffallend weiß. Er war sehr groß und dick, von jener Dicke, die den Bauern eigentümlich ist, das heißt nicht nur am Leibe, sondern am ganzen Körper. Aber diese Dicke hatte etwas Weiches, Ungesundes. Das ziemlich hübsche Gesicht mit den hellblauen, ruhigen Augen und dem großen Vollbart trug den Stempel der Kränklichkeit; es war weder gebräunt noch rotwangig, sondern hatte eine blasse, gelbliche Farbe und blaue Schatten unter den Augen und sah aus, als wäre es zu fett oder aufgedunsen. Die Hände waren geschwollen und gelb wie die Hände Wassersüchtiger und mit feinen weißen Haaren bedeckt. David war so verschlafen, daß er die Augen noch immer nicht ganz öffnen und nicht aufrecht stehen konnte, ohne zu schwanken und zu gähnen.

»Na, schämst du dich denn nicht?« begann Nechljudow, »mitten am Tage zu schlafen, während du deinen Hof herrichten sollst und kein Brot im Haus hast!«

Sobald David ganz erwacht war und begriffen hatte, daß der Herr vor ihm stehe, legte er die Hände über dem Bauch zusammen, senkte den Kopf, indem er ihn ein wenig zur Seite neigte, und blieb stehen, ohne ein Glied zu rühren. Er schwieg, doch der Ausdruck seines Gesichtes und die Haltung seines ganzen Körpers schienen zu sagen: »Ich weiß, ich weiß, ich höre es ja nicht zum erstenmal. Schlagt nur zu, wenn es so sein muß, ich werde es noch ertragen!« Er schien zu wünschen, daß der Herr aufhöre zu sprechen und ihn lieber so schnell als möglich schlage, ja sogar empfindlich auf die geschwollene Backe schlage, ihn dann aber möglichst bald in Ruhe lasse.

Als Nechljudow bemerkte, daß David ihn nicht verstand, versuchte er es, den Bauern durch verschiedene Fragen aus seinem ergebenen, geduldigen Schweigen zu reihen.

»Warum hast du mich um Holz gebeten, wenn es schon einen ganzen Monat bei dir liegt, was?«

David schwieg eigensinnig und rührte sich nicht.

»So antworte doch!«

David brummte etwas vor sich hin und blinzelte mit seinen weißen Wimpern.

»Man muß doch arbeiten, Bruder! Wie soll's denn werden ohne Arbeit? Jetzt zum Beispiel hast du kein Brot – und warum? Weil dein Acker schlecht bearbeitet, nicht zum zweiten Male gepflügt und nicht zum zweiten Male besät wurde, nur weil du zu faul dazu warst. Du bittest mich um Brot: nehmen wir an, daß ich es dir gebe, weil man dich doch nicht verhungern lassen kann; aber es ist nicht recht von dir, so zu handeln. Wessen Brot soll ich dir geben? Was denkst du, wessen? Antworte mir doch: wessen Brot soll ich dir geben?« fragte Nechljudow hartnäckig weiter.

»Herrschaftliches,« brummte David, indem er schüchtern und fragend aufsah.

»Und woher kommt das herrschaftliche? Denk einmal selber nach! Wer hat das herrschaftliche Feld gepflügt, geeggt, besät, wer hat die Ernte eingeführt? Die Bauern, nicht wahr? Nun, siehst du wohl! Wenn das herrschaftliche Getreide unter die Bauern verteilt werden soll, so müssen doch diejenigen mehr bekommen, die am meisten gearbeitet haben; du aber hast am wenigsten – auch bei der Fronarbeit wird über dich geklagt – hast am wenigsten von allen gearbeitet, verlangst aber mehr herrschaftliches Getreide als alle andern. Warum sollte ich es dir geben und den andern nicht? Wenn alle so wie du faulenzen wollten, so wären alle Menschen auf der Welt längst verhungert. Man muß arbeiten, Bruder! Hörst du, David?«

»Ich höre,« brummte David langsam durch die Zähne.

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