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Der Mondsüchtige

Ludwig Tieck: Der Mondsüchtige - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorLudwig Tieck
titleDer Mondsüchtige
publisherVerlag von Georg Reimer
seriesTiecks Werke
volumeEinundzwanzigster Band
year1853
firstpub1832
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senderwww.gaga.net
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Der Neffe an den Onkel.

Jetzt bin ich seit einigen Wochen in der Schweiz und gedenke Emiliens, aber auch meines väterlichen Freundes lebhafter als jemals. Ja wohl, die Sorgen der Liebe, ihr Kummer, die stets wache Sehnsucht, die geflügelten Träume, die dem Jüngling folgen, alles dies ist wohl ein Glück zu nennen, vorzüglich von so großer Natur umgeben. Was weiß doch der Bewohner der Ebene eigentlich von Luft, Licht, Nebel, Wolken. Alle diese Erscheinungen bleiben ihm unbedeutend, oder nur äußerlich, er lebt nicht mit und in ihnen, und nur dem Bergbewohner sind sie befreundete Göttergestalten. Hier sieht, fühlt und erkennt man, wie das, was die Menschen unten schönes oder schlechtes Wetter nennen, sich erzeugt und bildet; diese Wolkenmassen, die aus dem Walde dampfen, emporziehn, sich begegnen oder fliehn, oben im Azur feststehn wie Gebirge, führen gleichsam ein willkührliches Leben, sie sind Geschichte, Zusammenhang, Gedicht. Es sind Geister der Berge und Wälder, und jeder Blick, der frei schweift, die Alpen hinauf, über den See, die Inseln trifft, die sich im Nebel aufthun, liest ein lebensinniges Gedicht, wovon der nichts erfährt, der unten in der Ebene bleibt.

Nur die Reisenden! diese Masse von gaffenden Engländern und Deutschen. Unzählige können die Natur nur auf den groben Effekt einer Dekoration ansehn, sie schlummern, sind gelangweilt, bis ihnen der Moment des Effektes von ihrem Führer oder Reisebuch angekündigt wird. Diese Menschen erleben keine Natur, für sie ist sie nirgend, und die Erquickung, die sie etwa noch in ihr finden, gleicht der des Kaffeehauses und der Eisbude.

Ob wohl Geßner noch in Deutschland gelesen wird? Wie kann man hier gelebt haben und sich als solcher Undichter ankündigen? Er war mir immer die Nüchternheit selbst, und darum war er so leicht zu übersetzen, weil er gar nichts Deutsches, Vaterländisches und Poetisches hat. Er ist eine merkwürdige Erscheinung deshalb, daß er hier seine farblosen, tonlosen Blätter schrieb. In der Schweiz, wo diese Alpen stehn, diese Seen fluthen, diese Bergthäler duften und grünen, diese Wasserfälle springen! Man kann keine Viertelmeile reisen, ohne eine andere Natur zu finden. Und wie verschieden die Sitten, die Trachten! Geht man in die alltäglichen Geschichten ein, wie viel Sonderbares, Wunderliches! die Fata so Mancher, die sich verirrten oder verloren, der Kampf mit der Natur in der Einsamkeit, gegen Lawinen, Bergfälle, plötzliche Ueberschwemmungen. Dann, was Tradition und Geschichte von den Begebenheiten des Landes selbst aussagt, die großen Freiheitskämpfe, die Thaten einzelner Helden: Alles an das Wunder streifend; Alles, was geschehn, mit der Großheit der Natur, mit Wald, Berg und Baum, mit den Dörfern und Städten in unmittelbarer Verbindung. Wohin man den Fuß setzt, eine rührende Erinnerung. Und dann die Berg-, die Wald-, die Strom- und Seemährchen, die im Lande verbreitet sind. Der Aberglaube, der hier nur oft Glaube an die Natur und Bekanntschaft mit ihren Launen ist, das Verstehn ihrer seltsamen Einfälle.

Berauscht kann man werden, wenn man sich diesen Gefühlen überläßt, aus jeder Felswand, aus jedem Brunnen, wohin man Gedächtniß und Phantasie richtet, steigen Gedichte und Erfindungen auf – und dann ist Geßner, lange Zeit wenigstens, der berühmte Dichter der Schweiz gewesen! Worte und Redensarten, als wenn sie im schlimmsten Triebsande der Mark zusammengeronnen und geweht wären.

Dagegen – wo ich den edeln Johannes Müller aufschlage, quillt mir Gedicht, Kraft, Menschheit und die edelste Freiheitsgesinnung entgegen. Das, was man an ihm tadeln darf, hat neuerdings bei der jüngern Generation seinen Glanz verdunkelt, der aber für alle Zeiten dauern wird.

Hegner in Winterthur, den herrlichen Mann, habe ich kennen lernen. Sie machten mich zuerst auf sein schönes Buch, Saly's Revolutionstage, aufmerksam. Diese milde Weisheit sagt auch unseren stürmenden Gemüthern nicht zu, und das Buch, das uns Beiden eines der liebsten ist, die nur je geschrieben wurden, wird, so fürchte ich, wenig, beachtet. Die Molkenkur ist durch ihren Humor wohl populärer geworden, und man muß wünschen, daß dieser biedere, ächte Mann, der so reich ausgestattet ist, noch öfter seine Stimme möchte hören lassen.

*

Es gibt Lebensmomente, die Jahre in sich enthalten. So war der Abend, als ich zwischen Aubonne und Lasarra die Alpen drüben sah, vom Montblanc die ganze Kette bis in das Berner Oberland und den Genfer See unter mir. Ich glaube, daß Tavernier Recht hat, daß, Constantinopel und Neapel ausgenommen, dies der schönste Punkt ist, den er auf allen seinen Reisen sah.

Ich schreibe Ihnen dies aus Luzern, dessen See ich auch beschifft habe und die Stätten der Freiheit besucht. Als ich auf dem kleinen Rütli stand, fiel es mir seltsam auf, daß an der Zusammenkunft unerfahrener Landleute hier das Schicksal des großen burgundischen Reiches hing, welches an dem Bunde, als eine große Tragödie, zerschellte, der hier zuerst besprochen wurde. Ich mag die schöne Geschichte Tell's mir nicht von Zweiflern wegdisputiren lassen, wenn ich auch eben keinen Helden in ihm bewundern kann.

*

Auch am See von Neufchatel habe ich mich berauscht. Am schönsten Abend war die größte Alpenkette ganz sichtbar und der See ein Smaragd. Die mittlern Gebirge waren mit ihren scharfen Kanten in Rosenlicht getaucht und Alles war wie ein seliger Traum.

*

Ueber Lausanne bin ich, über Rolle, Nyon, Copet wieder nach Genf gegangen. Wie habe ich hier Ihrer und Ihrer Begebenheiten und Leiden gedacht! Copet ist verwaiset; mit Rührung besuchte ich das Schloß und alle Säle, wo so lebendiges Leben rauschte, wo die interessantesten, die bedeutendsten Männer der Zeit sich um eine geistreiche Frau versammelten, der nichts fehlte, als Ruhe und ein stilleres Herz, um auch in Zukunft noch zu glänzen; denn dann wäre aus ihrer Befriedigung ein ganz anderes Talent erwachsen, als sie jetzt, mehr blendend, als wirkend zeigt. Was sie nicht in Leidenschaft denken, fühlen und verstehen konnte, verstand sie gar nicht, es war für sie nicht da. Manchem geht es so, ohne sich mit der Staël irgend vergleichen zu dürfen; und er verwechselt dann auch Leidenschaft mit Begeisterung.

Hier lebte Wilhelm Schlegel, mein verehrter Freund, ewige Jahre; hier ward Sismondi, Werner, Oehlenschläger, Friedrich Tieck gastlich aufgenommen. Von diesem steht unten im Bibliothek-Saal Neckers lebensgroße Bildsäule in Marmor, ebenso geistreich, verständig, wie fleißig ausgeführt. Dieses Standbild muß nach meiner Kenntniß den Meisterwerken der neuen Kunst beigezählt werden.– –

In Genf habe ich denn auch unvermuthet meinen Duellanten wiedergefunden. Er erneuerte sogleich den Streit, und da ich eben auch nicht in der Stimmung war, zu weich nachzugeben, so haben wir uns von neuem gefordert und morgen soll die Sache entschieden werden.

*

Voltaire's Haus in Ferney hat mir recht im Gegensatz des großartigen Copet nur einen kleinlichen Eindruck gemacht. Mit welcher Rührung besuchte ich in Copet das Zimmer, in welchem mein geliebter Schlegel gewohnt, gesonnen und gedichtet hat. Ich habe längst meinen Eifer gegen Voltaire gemäßigt, dem leicht, wenn die übertriebenen Religiösen in ihrer verfolgenden Thorheit noch eine Weile fortfahren, wieder ein neuer Heiligenschein um die Zipfelperücke wachsen kann: aber ich konnte es in Ferney in den kleinlichen Zimmern und Sälen, vor der armseligen Kirche, in dem kümmerlichen Orte selbst, zu keiner feierlichen Stimmung bringen. – Auch ist die Gegend hier nicht sonderlich schön, vollends wenn man an Copet denkt.

Der Zänker, der mir ziemlich feige zu seyn scheint, heißt Firmin, und ist eigentlich von italienischer Abkunft. Er soll in hiesiger Gegend erzogen und geboren seyn, auch ein Gut in der Nähe besitzen. Er ist in Deutschland irgendwo in einer der vielen Anstalten gebildet worden, und hält sich auch darum für berechtigt, über Deutsche und ihre Autoren anmaßend abzusprechen. Die Sache wird, wie ich mir denke, für Keinen von uns gefährlich auslaufen.

*

Alles wohl erwogen, ist es eine Kinderei, die mir den Handel zugezogen hat. Der Aermste leidet nur an der Ambition, um derentwillen er die Sache nicht aufgeben darf, da er wegen seiner schnellen Abreise von Straßburg geneckt worden ist. Da ich mein Fechten nicht verlernt habe, denke ich ihm nur ein kleines Andenken zur Lehre zu geben; aber ich will auch künftig klüger und vorsichtiger handeln, und nicht etwas zum Zank machen, was sich so wenig dazu eignet. Ist der Arme denn nicht schon dadurch arm genug, wenn er die Größe und Schönheit unseres Göthe nicht fühlt? Ihn deshalb verwunden? Wo man Mitleid fühlen sollte, dürfte der Haß wohl nicht aufkommen.

Lieber Oheim, ich wünschte, Sie hätten mir näher das Haus bezeichnet, in welchem Sie damals so viele Stunden verlebten. Nun sehe ich jedes größere und kleinere darauf an, und kann doch nicht mit Zuversicht eine andächtige Wallfahrt zu der Scene Ihrer Jugend anstellen.

So eben ruft mich mein Sekundant ab. In einer Stunde melde ich Ihnen den Ausgang unseres Gefechts – und dann reise ich sogleich nach dem Constanzer See, um dort jede Hütte um meine geliebte Emilie zu befragen. Wenn meinen Irrfahrten ein Ziel gesetzt ist, wenn ich sie gefunden habe, so kehre ich zu Ihnen zurück – ob klüger? – glücklicher gewiß. Und doch würde ich undankbar seyn, wenn ich mich nicht auch jetzt glücklich nennen wollte.

Der Mann ist ungeduldig – ich breche ab, schließe aber erst, wenn ich Ihnen den Erfolg der Schlacht und wie Viele in jedem Heere geblieben sind, melden kann.

*

Ja wohl sonderbar und höchst sonderbar ist mein Leben, so unbedeutend es auch seyn mag. Wie räthselhafte und doch liebliche Landschaft im Mondschein, fremd und wunderbar, und doch wieder, wenn man will, so gewöhnlich. So sind aber die schönsten Mährchen und Wunder. Doch, mein väterlicher Freund, ich muß mich sammeln, um so viel als möglich, Ihnen einfach und in der Ordnung zu erzählen. Vermag ich es nicht ganz, so wird der Inhalt mich bei Ihnen entschuldigen.

Als mein Sekundant, ein verständiger ältlicher Mann, mich auf den Wahlplatz führte, fand ich meinen Gegner schon dort, der seinen Beistand erwartete. Das Fleckchen war heimlich abgelegen, ein reizendes Gebüsch und kleine Wiese auf einer Anhöhe, von welcher man einen großen Theil des Sees übersah. In der Mitte des anmuthigen Platzes war eine schöne Buche, um welche eine Ruhebank angelegt war, die zum Sitzen einlud. Seitwärts war ein kleiner springender Brunnen, zierlich von Steinen eingefaßt und umgeben.

Ich mußte an Ihr Abenteuer denken, und ich glaubte, daß es dieselbe Stelle sei, die Ihr Leben entschied; um so mehr, da ich seitwärts ein großes Haus herschimmern sah, in edler Architektur. Ich ersann mir sogleich, dies sei die Wohnung von Rosa's Familie gewesen.

Aber wie ward mir, als ich auf jener behaglichen Bank unter der schönen Buche einen rothen Band mit goldnem Schnitt entdeckte, der mir freundlich, räthselhaft und wundersam entgegen glänzte. Es waren Göthe's Gedichte, die Emilie aus Tharand mitgenommen hatte, mein Exemplar, Ihr Geschenk. Ich eilte darauf zu, aber mein Gegner, den ich in meiner träumerischen Stimmung noch nicht einmal begrüßt hatte und der dem Baume näher stand, hatte sich des Buches schon bemächtiget. »Geben Sie mir mein Buch!« rief ich leidenschaftlich aus.

»Ihr Buch? sagte Jener; wenn es Ihnen gehört, wie kommt es hieher? Es gehört keinem, oder mir eben so gut, als Ihnen, da ich es gefunden habe.«

»Mein Name ist vorn eingeschrieben! sagte ich lebhaft, – und mir liegt Alles daran, dies Buch, welches mir verloren gegangen war, wieder zu besitzen.«

Er, ungezogen wie er war, wollte auf keine Einrede hören, und es entspann sich, außer unserm ehemaligen Streit, ein neuer Zwist. Ihm schien das Buch nicht gleichgültig, und Sie können wohl denken, wie wichtig es mir war, da es mir mehr als wahrscheinlich Emiliens Nähe beurkundete.

Alle meine Vorsätze, die Sache mit ihm leicht zu nehmen, waren in meiner Heftigkeit verschwunden. Als daher sein Sekundant erschien, ward unser Kampf sehr heftig: er war geschickter, muthiger und zeigte mehr Geistesgegenwart, als ich ihm zugetraut hatte; ich ward leicht an der Hand, er aber bedeutend an der Schulter verwundet, so, daß er sogleich den Degen mußte fallen lassen. Man führte ihn fort, und ich, nachdem ich meinem Befreundeten gedankt hatte, blieb allein auf dem Wahlplatz zurück.

Im Schmerz und seiner Betäubung und halben Ohnmacht hatte der Ungezogene das Buch nicht weiter beachtet. Ich hatte es also jetzt erobert. Ich setzte mich unter die flüsternde kühlende Buche, nahm meinen Schatz und küßte ihn, als wenn es meine Geliebte selber wäre.

Wie rührend, erschütternd, mit unbeschreiblicher Kraft blickten mich jetzt in der Einsamkeit die Worte und hellen Gedanken meines geliebten Dichters an, wie ich hie und dort die Blätter in der Einsamkeit aufschlug. Ihr Auge hatte ja jedes dieser herrlichen Worte getrunken, ihre Seele hatte sich an diesen Reimen erquickt, sie hatte meiner dabei gedacht, und ihre Liebe war an diesen Tönen hinauf gerankt und gewachsen, wie die Rebe an der Ulme. Sie hatte Einiges mit der Bleifeder leicht angestrichen, und immer waren es die Stellen, die ich am meisten liebte, die ich alle auswendig wußte. Wie begierig suchte ich sie auf, blätterte, las wieder, verlor mich so ganz in diesen Gedichten, ward zerstreut, gedachte meiner Emilie, und hatte so, ohne es zu wissen und zu bemerken, in drei oder vier Stunden das ganze Buch durchgelesen.

Ich war ermüdet, betäubt, wie im Traum. Wen sollte ich anreden? Von wem sollte ich Emiliens Aufenthalt erfahren? Ich wähnte immer, sie selbst müsse ganz nahe seyn, habe noch vor kurzem hier an dieser Stelle in ihrem Lieblingsbuche gelesen, es vergessen und würde wiederkommen, um es zu suchen. –

Ich war ermüdet. Der Abend nahte. Ich stand auf, um mich durch Gehen zu stärken und zu ermuntern. Ich wandelte, entfernte mich aber nie so weit, daß ich nicht den Brunnen, die Buche und die Ruhebank im Auge behalten hätte.

Niemand kam. Immer einsamer ward die Einsamkeit, die Stille immer stiller, so daß das leise Rauschen des Sees deutlich zu mir herauftönte. Jetzt war ich schon heimisch auf diesem kleinen Fleck und kannte jeden Baum und Strauch. Die Sonne nahm Abschied von der Erde und die Berge erglühten, dann standen sie in grauer Farbe, verscheidenden Greisen ähnlich, endlich erloschen auch die Umrisse im Abenddunkel.

Ich konnte unmöglich zur Stadt zurückkehren, obgleich die kleine Wunde, die nur leichthin verbunden war, zu brennen anfing. Ich ließ den klingenden Strahl des Brunnens über die Hand stießen, und träumte mich nun, fest von der Wirklichkeit des Ortes überzeugt, in Ihr Jugendgefühl zurück, als Sie damals hier unter den heftigsten Schmerzen die Geliebte in Furcht erwarteten und Rosa endlich wirklich erschien.

O Emilie! seufzte ich, wo weilest du, daß meine Sehnsucht, die Kraft meines Herzens, die Innigkeit meines Denkens und Wünschens dich nicht wie mit Zauberbanden unwiderstehlich hieher zieht? Sollte deine Liebe nicht meine Nähe ahnden?

Den Band der Gedichte trug ich am Busen. Es war keine Helle mehr, um lesen zu können, da ich aber die schönsten auswendig wußte, sagte ich mir im Innern die Gedichte her und wiederholte sie in tiefer Sehnsucht. So kam der Mond herauf und schwamm tanzend auf dem See, sein Licht küßte die Ufer und Bäume und Häuser jenseit, das Gras um mich leuchtete, wie Smaragd funkelten die bewegten Blätter der Buche. Mein Auge versenkte sich trunken in all die Traumwelt und erwartete kleine Geister herbeischlüpfen zu sehn, die mir endlich, endlich Kunde von ihr brächten.

Ich taumelte auf die Bank und lehnte mich an die Buche, die mir schon wie ein alter Freund geworden war. Von Allem, was vorgefallen, ermüdet, schlossen sich unvermerkt meine Augen, so sehnsüchtig schwer, so liebesmatt, so traumdurstig als wenn der goldene Mondschein sie zugedrückt hätte. Anfangs vernahm ich noch das Plaudern des Brunnens und das Rieseln der Buchenblätter, zuweilen einen Ruf, wie vom See herüber und das Plätschern eines Fischerkahnes. Dann kam der Traum und verschloß die Thür und drehte sie hastig um, die nach der Wirklichkeit führt, um mich in den Saal zu bringen, wo alles Spielzeug der Phantasie aufgehäuft liegt und muthwillige Kinder springend und singend die bemalten Decken ausbreiten. Diesmal sprangen keine Kobolde in den Frühlingsgesang meiner Gefühle. Alles war Harmonie und Sehnsucht.

Nicht von ihr träumt' ich, sondern von meinen Kinderjahren. Ich war wieder ein Knabe und wandelte der Nachtigall nach durch den dunkelgrünen, dichten, stillen Wald. Da trat aus dem Stamm einer alten Eiche, die schwarzgrün von Zweigen bis zur Erde bedeckt war, wie aus einem Zelt, eine hohe Frauengestalt aus der laubigen Umgatterung. Ich war ob ihrer Schönheit entzückt und ein stilles Grauen bemächtigte sich doch meiner. Sie öffnete die rothen Lippen und fragte mich mit herzdurchdringendem Ton: ob ich den Schatz heben und nehmen wolle, den kostbarsten, den es auf dieser Erde gäbe? Ich hatte erst nicht den Muth, Ja zu sagen, so sehr meinem Herzen auch danach gelüstete. Endlich faßte ich ihre weiße Hand und bat sie, mich zu ihm zu führen. Wir schwebten weiter, und ich fühlte die Erde nicht unter mir. Ihre Kraft hob mich höher und immer höher und die Zweige des Waldes, die Wipfel der Bäume berührten und streiften mein Haupt. Plötzlich ließ sie mich los, ich erschrak, fiel nieder und erwachte. –

Und vor mir stand übermenschlich groß dieselbe schöne weibliche Gestalt, noch schöner und furchtbarer. Der Mondschein glänzte durch ihre Locken und ich konnte ihr Gesicht nicht unterscheiden. Ich glaubte, ein zweiter Traum beginne.

Sie haben auch wohl die Erfahrung gemacht, daß, wenn man in der Dämmerung plötzlich erwacht, die Person, die zufällig dasteht, uns riesengroß erscheint. – So war denn auch die in meinen Schlummer Einschreitende eine Sterbliche. –

Lieber Oheim! – woher kam mir die Geduld, obgleich die Sache sich schon vorgestern zutrug, Ihnen Alles so umständlich auseinanderzusetzen? – Wirklich war die Gestalt Emilie, meine Emilie. Sie hatte das Buch vermißt, war überzeugt, daß am einsamen Abend ihr Niemand begegnen würde, sie hatte das theure Kleinod wieder suchen wollen, und hatte das Buch und mich gefunden. Sie war erstaunt, einen Schlafenden unter ihrem Lieblingsbaum zu finden.

Ein Schauer, wie bei einer Geistererscheinung, hatte erst mit bangem Frösteln mein Erwachen begleitet. Ich fuhr auf. Sie stand vor mir und wich schnell auf die Seite. Nun fiel das volle Mondlicht auf ihr Antlitz und ich erkannte sie sogleich. Emilie! rief ich entzückt; jetzt ward ihr mein Wesen deutlich und wir umarmten uns.

Dies hatte die fremde Gegend, das plötzliche Wiederfinden, Göthe und der Mondschein so natürlich und einfach herbeigeführt, daß wir uns nicht verwunderten, denn sonst hätte ich wohl noch lange nach dem Kusse dieser süßesten Lippen aussehen mögen. Ja, der Mondschein hat sie mir geschenkt und zugeführt, er, der Mond hat mich, seinen getreuen Freund und begeisterten Lobredner, so belohnt. Auch habe ich schon ewige Lieder an ihn gedichtet, die ich Ihnen hier nicht abschreiben mag.

Sie lebt mit dem Oheim hier, bei einer Tante, die sie zu besuchen gekommen sind. Ich erzählte ihr kurz von meinen Wanderschaften, von meinem Suchen nach ihr, von ihrem Namen, den ich oben im Fichtelgebirge und unten in Sesenheim nahe am Rhein wiedergefunden hatte.

Sie erwiederte. Denken Sie, der ungezogene Mensch, den ich heut bestraft hatte, ist der Sohn der Tante, bei welcher sie jetzt lebt. Er liegt krank an seiner Wunde im Hause, und dies war die Ursache, daß meine Emilie nicht früher nach dem Baume kam, um das verlorne und vergessene Buch zu suchen. Sie hatte den ganzen Vormittag unter diesem Baume, ihrer Lieblingsstelle, gesessen und gelesen. Abgerufen, hatte sie in der Eil den Band, eben weil sie ihn so sehr liebte, liegen lassen. Wir vergessen und verlieren nur, was uns völlig gleichgültig oder sehr theuer ist, für das Mittelgut haben wir immerdar die mittelmäßige Aufmerksamkeit, und darum bleibt uns dergleichen auch immer.

Sie nahm von mir Abschied, indem sie mir sagte, daß sie hingehn wolle, um mit ihrem Oheim zu sprechen; ich möge sie an einer einsam stehenden Linde erwarten. – So geschah es; ich sah sie in dem weißen Hause, das auf einem Hügel steht, verschwinden. – Lange harrte ich, endlich öffnete sich die Thür, und zwei Gestalten traten heraus, die sich zu mir bewegten. Sie war es, und der alte freundliche Oheim.

Eingeladen, betrat ich die Schwelle des Hauses. Ich blieb zum Abendessen, ich versöhnte mich mit dem Verwundeten und verweilte dort, weil es schon spät war und man mich in tiefer Nacht nicht nach Genf wollte wandern lassen. –

Ja, mein Oheim, die Jugend, die wichtigste Epoche meines Lebens, ist, so hoffe ich, beschlossen. Man ist mit mir einverstanden; Emilie, die liebliche, Emilie, die herrliche, ist mein, wenn Sie nicht etwa noch Einspruch thun, wie ich von Ihnen, mein Freund, mein Vater, nicht befürchte.

Ahnden Sie nichts, Geliebtester? Ach! wie süß, wunderbar, herbe ist der Traum des Lebens! Jetzt erst verstehe ich Ihren Humor, der mir zuweilen als zurückstoßend, bitter und menschenfeindlich erschien. Nein, Sie lieber Menschenfreund, künftig soll uns nichts, auch nur auf Sekunden, von einander entfernen.

Schon jetzt liebt sie meine Geliebte auf das zärtlichste. Ich muß ihr immerdar von Ihnen erzählen, auch die Tante und die Hausgenossen sprechen von Ihnen, wie von einem alten, ganz vertrauten Freunde.

Man begegnet sich, man trennt sich, man verliert sich. Das ist das Leben. Zuweilen findet man sich auch auf wunderbare Weise wieder. So geht es uns, so auch Ihnen.–

Mein Vater! meine Geliebte, meine Emilie ist Ihre Tochter. – Damals, als der Vater Sie so gewaltsam und grausam trennte, als Sie den Tod Ihrer Gattin vernahmen, war sie noch lebend und trug unter ihrem Herzen das Pfand eines neuen Lebens. Man wollte Ihnen aber alle Hoffnung nehmen, und darum zwang der tyrannische Vater seine Gattin, Ihnen jenen Brief zu schreiben, der so künstlich eingerichtet war, daß Sie glauben mußten, er sei ohne Wissen und Willen des Vaters abgesendet worden. Dieser war im Zorn unmenschlich, wüthend und rasend, daß Rosa bald einen Enkel gebären würde, den er schon haßte, bevor er noch das Licht erblickte. Rosa ward überredet, Sie wären gestorben. Bald nach der Geburt des Kindes ward sie begraben; man erhielt sie in dem Wahn, daß Sie ihr jenseit erst begegnen würden.

Die Familie war nun ganz von Ihnen, Sie ganz von dieser getrennt. Keines vernahm etwas vom Andern. Hier hatte auch Niemand ein Interesse, sich aufzuklären, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.

Der Ungezogene, der an seiner Wunde darniederliegt, ist ein Sohn jener Lidie, die Sie die kindliche nennen. Diese Lidie selbst ist eine häßliche, langweilige alte Frau; ihr Mann ist längst am Trunk gestorben. Das Haus, zu welchem ich jetzt gehöre, ist damals nur zum Schein verkauft worden, um Sie von jeder Spur zurückzuschrecken; die Familie gab es jenem wilden Firmin, der seitdem, als Sie das Land verlassen hatten, mit Lidien hier lebte, die den Raufer gebar und eine Tochter, jene, die ich in Tharand kennen lernte und die sich damals für die Schwester meiner Emilie ausgab.

Emilie mußte damals die Reise nach Hamburg machen, weil entferntere Verwandte auf eine Erbschaft Anspruch machten, die ihr anheimfiel. Jene behaupteten, um ihr das Capital streitig zu machen, sie sei kein ächtes, in der Ehe gebornes Kind; und es ward dem Oheim nicht leicht, obgleich er mit allen Documenten ausgerüstet war, der Wahrheit den Sieg zu schaffen.

Jene und ihre Mutter, der grausame Vater, jener Oheim in Rolle, alle sind längst gestorben. Aber, mein Vater, Ihr Sohn, Emilie, Ihre Tochter, rufen jetzt zu Ihnen hinüber. Sie sind nicht so krank und schwach, daß Sie nicht diese Reise sollten machen können. Unser Oheim hier, der damals ein junger Mann war und sich Ihrer deutlich erinnert, vereiniget seine Bitten mit den unsrigen. – Nun Sie meinen Brief empfangen, rechnen wir aus, wenn er zu Ihnen kommt, wie Sie erst die Erschütterung überstehen, dann anspannen lassen und fahren, fahren und fahren. Emilie behauptet, sie wird die Stunde wissen, wann, wann ihr geliebter, ihr verehrter Vater eintreffen und hier vor der Schwelle des weißen, fernschimmernden Hauses absteigen wird. Sie können denken, Geliebtester, daß ich ihr den Inhalt Ihrer Briefe mitgetheilt habe.

Kommen Sie nicht, Bester, Liebster, dann nur Ein Wort, und wir fliegen zu Ihnen und umarmen Sie in Ihrem alten Rittersaal. Aber Sie reisen gewiß hieher, treten wieder auf die Bühne Ihrer Jugend, besuchen den Brunnen, die Buche, Genf und Rolle. Dann reisen wir nach Constanz, auf das Gut des Oheims, das Emilie von ihm erbt. Ja, geliebter Vater, wir werden noch schöne Stunden mit einander leben. Der Abend Ihres Daseins wird sich so heiter verklären, wie die Gipfel der Alpen, die die scheidende Sonne in Rosenlicht taucht.

Wodurch habe ich es verdient, so glücklich zu seyn? – Mein Leben ist

Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält.

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