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Der Mondsüchtige

Ludwig Tieck: Der Mondsüchtige - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorLudwig Tieck
titleDer Mondsüchtige
publisherVerlag von Georg Reimer
seriesTiecks Werke
volumeEinundzwanzigster Band
year1853
firstpub1832
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Onkel an den Neffen.

Ja wohl sieht die Wirklichkeit nicht immer so aus, wie wir sie in der Phantasie erblicken. Darum giebt es Menschen, und ich bin mit einigen gereiset, die niemals mit mir zu jenen Orten hinwollten, die ich wie eine fromme, heilige Wallfahrt betrachtete.

In England wäre ich mit einem Landsmann, mit dem ich durch einige Provinzen reisete, fast in einen heftigen Streit gerathen, weil er durchaus nicht nach Stratford am Avon wollte, das mir, wegen Shakspeare, als ein Heiligthum entgegenglänzte. Er vermied dergleichen Oerter, die durch große Geister berühmt worden sind, wieder als Pedant und mit kleinstädtischem Eigensinn.

Dort in Stratford trennten wir uns auch, Beide mit einander grollend, denn er wollte Alles in einer Stunde abgemacht wissen. Ich aber hatte mir vorgenommen, in dieser Geburtsstadt meines Lieblings einheimisch zu werden, und, ohne daß ich es wußte, wohnte ich schon neben dem Hause, in welchem er seine Knabenzeit und ersten Jugendjahre verlebt hatte. Wie oft war ich in den niedrigen Zimmern; das ganze Haus hat im Wesentlichen noch dieselbe Einrichtung wie vor dreihundert Jahren. Es ist zu verwundern, daß sich das schwache Gebäude so lange erhalten hat, da jenes größere, in welchem er nachher eigentlich lebte, nicht mehr steht, sondern durch Baulust eines spätern Besitzers, eines Geistlichen, eingerissen ward und ein anderes sich an derselben Stelle erhoben hat. Dieses Unglück, so muß ich es nennen, hat sich erst um 1750 ereignet. Der Eigenthümer muß den Dichter wenig gekannt und noch weniger geliebt und verehrt haben.

Die Kirche in Stratford ist schöner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich brach einen kleinen Lindenzweig von dem Schattengange, der zum Tempel führt. Die Büste des Dichters ist so vortrefflich in ihrer Art, so sprechend ähnlich, das fühlt man, daß ein guter Bildhauer nach dieser eine musterhafte, für alle Zeiten geltende, machen könnte. Ich nenne jene alte, aus gemeinem Stein geformte, sprechend ähnlich, weil das Gesicht so gar nicht idealisirt ist, wie wir es nennen, wenn alles Leben und die Persönlichkeit, und was wir am Menschen lieben, so ganz und völlig mit den bedeutsamen Lineamenten weggewischt ist. Die Büste Shakspeare's war ehemals gefärbt, mit braunen Augen und dünnem braunen Haar, das Wamms mit Gold verbrämt. Ein solches Denkmal, bescheiden der Architektur angefügt, ist um so sprechender und bedeutsamer, je näher es in Gestalt und allen Zufälligkeiten dem Mitbürger kommt, den die Stadt durch ein solches Standbild ehren will. Der Sinn unserer Vorfahren zeigte in solchen getreuen Darstellungen, die die Liebe zum Andenken hinstellte, mehr Verstand und Sinn, als das jetzt lebende Geschlecht gemeiniglich, aus mißverstandener Kunstliebe, anerkennen will. Ich bin oft gern vor diesen Bildnissen in so manchen Kirchen verweilt und freute mich unendlich auf das Denkmal dieses größten Dichters der neuen Zeiten. Aber wie war ich überrascht, als ich die Büste von oben bis unten weiß angestrichen fand. Einer der nüchternsten Editoren der unsterblichen Werke, Malone, der so viele schöne Stellen durch seine Erklärungen überstrichen und überweißet, aber nicht gelichtet hat, ließ sich bei einer Durchreise die Ausgabe nicht verdrießen, die zierliche Farbe, das Individuelle zu zerstören, um das Bildniß, das, nach der Meinung anmaßlicher Kenner, mißrathen ist, durch ein unschuldiges Weiß der Kunst doch einigermaßen näher zu bringen. Wie gesagt, die Arbeit ist löblich und der große Mann tritt uns in diesem Kopf vertraut und freundlich nahe.

Ich beneide Dich auf Deinen Irrfahrten und lebte gern, so viel Schmerzliches ich auch erfahren habe, meine Jugend noch einmal. Jugend, Liebe, Poesie, – die schöne Natur, die Dein bewegtes Herz versteht und fühlt. Du lebst in den schönen Morgenträumen, wenn im Frühling das Erwachen ebenso lieblich ist, als der süße Schlummer, am Fenster die Schwalbe zwitschert, der Baum mit den grünen Blättern frohsinnig in das Zimmer blickt, ein spielender Wind in den Blumenbeeten wühlt, und man in die Brust die erfrischende Kühlung der Luft einzieht; alles Jauchzen, Freundschaft, Verständniß!

Auf meinem alten Ritterschloß mußt Du bald mit Deiner Braut in den Saal eintreten, oder ich komme zu Dir und sehe dort in der lieben Schweiz Dein Glück, und sehne und phantasire mich in meine Jünglingstage hinüber.

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