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Der Mondreigen von Schlaraffis

Ricarda Huch: Der Mondreigen von Schlaraffis - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleDer Mondreigen von Schlaraffis
publisherMax Hesses Verlag
yearo.J.
editorHans Bethge
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171128
projectid165b01fe
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Der Mondreigen von Schlaraffis.

Schlaraffis ist eine uralte, wunderliche Stadt irgendwo in der westlichen Schweiz, und die Leute halten da fest an manchen Gebräuchen, die anderswo nicht bekannt sind. So pflegten noch bis vor kurzem im Sommer an Sonntagen, wenn der Vollmond schien, die Menschen sich auf einer großen Wiese zu versammeln und dort einen Reigen zu tanzen, indem sie sich die Hände gaben und sich nach dem Takte besonderer, dazugehöriger Liedchen bald langsam, bald schneller bewegten.

Einmal, als es eine warme, lichte Sommermondnacht war, stand ein kleiner Junge und sah dem Reigen zu. Er hätte ganz wohl mittanzen können, denn es beteiligte sich, wer eben wollte, Kinder so gut wie Greise; man brauchte nur zwei verschlungene Hände zu lösen und seine dort einzuschalten. Aber er hielt sich abseits in der Nähe des dunkeln Sees, an dem die Wiese sich erstreckte, und hing trübselig ernsthaften Gedanken nach. Dabei verfolgte er aber doch aufmerksam die schönen, langsamen Verschlingungen des Reigens und sah alle Menschen, die daran teilnahmen.

Darunter war auch ein kleines Mädchen etwa in seiner Größe, aber sonst im Aussehen ganz von ihm verschieden, denn es erschien höchst fein, zierlich und hell, während er selber grob und schwarz von Haut und Haaren war. Dominik, dies war sein Name, wußte, daß es das Kind fremder, kürzlich erst zugewanderter Leute war, denen die altansässigen Bürger von Schlaraffis nichts Gutes nachsagten. Nichtsdestoweniger betrachtete er das blonde Kind wie eine Feenerscheinung und erfüllte sich, wie er sie mit heißen Blicken verschlang, mehr und mehr mit einer großen Begierde, sie bei der Hand zu fassen und an ihrer Seite den Reigen zu tanzen. Es kam ihm aber nicht einen Augenblick der Gedanke, dies wirklich zu unternehmen, und der Grund davon war, er war arm und ohne Anmut gekleidet, was er wohl wußte und schmerzlich empfand, denn es ging ihm wie der Kröte, die von glänzenden Dingen, Schmuck und Edelgestein magisch angezogen wird, so daß sie dergleichen Kleinodien im sichersten Versteck aufzuspüren vermag. Er hatte keine Aussicht, jemals eine höhere Schule besuchen zu können, und so kam er sich schon im voraus roh und unwissend vor, obgleich man zu der Zeit noch keine anderen Kenntnisse als die einer Elementarschule von ihm hätte erwarten dürfen, welche er auch tüchtig inne hatte. Hochmütig wie er war, wollte er sich in diesem benachteiligten Zustande nicht an der Seite ausgezeichneterer Menschen zeigen, vielmehr war sein geheimer Plan, durch unablässiges Arbeiten sich im stillen zu erwerben, was einen in Besitz der Herrlichkeit des Lebens setzt. Dann wollte er mit einem Sprunge sich mitten in die Welt Hineinschwingen und doppelt und dreifach haben, genießen und glücklich sein. Dies malte er sich aus, während der Rundtanz in langsam sich verschiebenden Kreisen dem See näher kam und sich an ihm vorbeidrehte. Fast berührten ihn die flatternden Haare des feinen Mädchens, wenn es an der Stelle vorbei gaukelte, wo er stand; er rührte sich aber deswegen nicht, weder vorwärts noch rückwärts. Da er mit Sicherheit wußte, daß der Augenblick, auf den er hinarbeitete, wo er groß und reich und gebildet und schön sein würde, einmal kommen müßte, vermochte er die gegenwärtige Zeit der Entsagung leidlich gut zu ertragen.

Nur einmal schwoll ihm die Brust sehnsüchtiger, als die Tanzenden ein Liedchen zu singen anhuben, das in seiner unzusammenhängend träumerischen Weise das Herz traurig machte, ohne daß man sich hätte Rechenschaft geben können, warum, denn eigentlich war gar kein Sinn darin, auch war es vielleicht nur Bruchstück, losgerissene Verszeilen, wie sie sich zufällig dem Gedächtnisse eingeprägt haben mochten, während andere verloren gegangen waren. Es lautete:

Fliegender Mond!
Wer fängt ihn ein?
Der soll mein Liebchen sein!
Der soll mein Liebchen sein!

Fliegender Mond!
Hundert Jahre vergangen,
Hat ihn keiner gefangen,
Hat ihn mir keiner gebracht,
Fließt so still, so fern durch die Nacht;
Still wie Schwäne
Den Teich entlang,
Wie eine Träne
Mir über die Wang'!

Dominik sah, daß das kleine Mädchen die Worte des Liedes, das ihm noch fremd sein mochte, nicht mitsang, aber die Melodie, die trotz ihrer Seltsamkeit einschmeichelnd ins Ohr drang, lallte sie mit, den Kopf in den Nacken zurückwerfend und zum Monde hinaufschauend, so daß der Junge dachte, jener werde vielleicht, vom Himmel niederblickend, das weiß schimmernde, gegen ihn gewendete Gesicht auch für einen schönen Mond oder Stern halten.

Als die Tänzer Müdigkeit oder Überdruß verspürten, ließen sie einander los und gingen nach Hause, und zwar stillschweigend, ohne vorher ein Wort darüber zu verlieren; es war herkömmlich so und wurde immer so gehalten. Dominik sah den Fortgehenden nach und dachte an das wunderbare Tor der Zukunft, aus dem er einst wie das arme Stiefkind des Märchens goldüberschüttet hervortreten würde. Vor seinen träumenden schwarzen Augen tanzten seine Mitbürger von Schlaraffis einen Geisterreigen um ein schönes Paar herum, er selbst war es und ein schlankes, blondes Mädchen, die sich bei der Hand hielten und selig lächelten. Er sah so völlig verändert aus, daß er eher für einen Bruder des Mädchens hätte gelten können, licht und wonnig anstatt trotzig und finster, aber ihm selbst fiel diese Wandlung, die seine Phantasie zuwegegebracht hatte, nicht auf, vielmehr ging sie mit Notwendigkeit hervor aus dem Glückszustande, den er dann einnahm. Dies zufriedenstellende Bild im Herzen trollte er heim. Dort wurde er nicht gefragt, was er getrieben habe und wo er so lange gewesen sei, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil man nichts anderes als eitel Bravheit, Vernunft und Sorgfalt von ihm erwartete. Auch pflegte er sich niemals der geringsten kindlichen Ausschweifung, als auf Bäume klettern, Obst rauben, in Pfützen patschen, hinzugeben; sein Vergnügen bestand darin, daß er etwa dem Mondreigen zusah oder am See saß und angelte. Er hatte sich dazu vornehmlich eine Stelle ausersehen, wo der See ins Ufer hineinzüngelte und weit ins Land hinein grünliche Sümpfe bildete; dort hausten Frösche, die zur Abendzeit anfingen zu quaken, welches sanft schnarrende Geräusch Dominik einen besonders wohltätigen Reiz verursachte. Durch den Verkauf der gefangenen Fische verdiente er sich Geld, und nichts gewährte ihm eine größere Genugtuung, als die empfangenen Münzen in einer umfangreichen Sparbüchse zu sammeln, über deren Inhalt er Buch führte.

In so musterhafter Weise hatte Dominik seine Jugend durchwandert, ohne daß er dabei freundlicher und lieblicher geworden wäre; nichtsdestoweniger behielt er das kindliche Vertrauen auf das dereinstige Glück, das seine segnende Hand holdselig über sein dunkles Gesicht würde gleiten lassen, wie eine Frühlingsluft über die Wintererde weht, daß sie aufblüht. Seine Eltern waren mittlerweile gestorben, und so weit hatte sein Fleiß es gebracht, daß er die einzige Apotheke von Schlaraffis hatte an sich bringen können und somit der Anwartschaft auf künftigen Reichtum einigermaßen sicher war. Diese ansehnliche Stellung machte ihn aber nicht übermütig, sondern er stand tagaus tagein hinter seinem Ladentische oder arbeitete in dem Laboratorium, das er sich dicht neben dem Laden eingerichtet hatte. Nur des Sonntags schwelgte er ebenso unbändig in seinen Vergnügungen, wie er an Wochentagen sparsam und mäßig war. Dann pflegte er den ganzen Tag mit Ausnahme der Stunden, wo er die Messe hörte, am See zu sitzen und zu angeln, und wenn es dunkelte, den Fröschen zuzuhören, was er häufig bis tief in die Nacht hinein trieb. Verkehr hatte er mit niemanden, und die Schlaraffiser legten ihm dies und anderes so wenig übel aus, wie man eine Kirsche scheel ansieht, weil sie keine Stachelbeere ist. Sein wichtiger Beruf, der dem des Arztes verwandt ist, verbunden mit seiner ernst geheimnisvollen Miene und seiner Schweigsamkeit, bewogen die Leute, ihn für etwas Besonderes anzusehen und unbegriffen zu ehren.

Eines Tages kam eine Dame in Dominiks Apotheke, die er nie zuvor gesehen hatte und die ihm auch deshalb auffiel, weil sie jener blonden Kleinen aus seiner Kinderzeit glich, die längst aus Schlaraffis und seinem Gedächtnis geschwunden war. Er betrachtete sie scharf und kniff dabei die guten schwarzen Augen so zusammen, daß man nur noch einen schmalen Streifen hervorglänzen sah, was ihnen ein eigentümlich listiges Aussehen gab. Er bemerkte, als sie nach dem Preise des Gekauften fragte, daß sie schlecht Französisch sprach, und zwar mit englischem Akzent. Sowie sie gegangen war, sagte ein Schlaraffiser, der zufällig im Laden war: »Das war die Frau Sälde.« Der Apotheker erwiderte nichts, was jener als eine ausreichende Aufforderung betrachtete, um fortzufahren und sagte: »So nennt man sie, weil sie immer lacht und nie in die Kirche geht; eigentlich heißt sie anders.« Mit dieser Bemerkung hatte es folgende Bewandtnis. Es gab in der dortigen Gegend eine Sage von einer Frau Sälde, die in allen Dingen gut und schön gewesen war, aber durchaus nicht in die Kirche gehen konnte, weil es ihr dort sogleich sehr übel wurde. Daran, sowie an ihrem hellen, seelenlosen Gelächter erkannte man ihre teuflische Natur, und sie mußte den Ort verlassen, was aber dessen gänzlichen Verfall zur Folge hatte, entweder weil sie ihn vorher verflucht und bezaubert hatte, oder weil sie der Sippe der Heidengötter angehörte, die sich für erlittene Beleidigung immer so zu rächen pflegen.

Dominik, der in dem Sagenschatze seiner Heimat wohlbewandert war, hatte deswegen die Anspielung wohl verstanden und hätte nicht ungern mehr von der merkwürdigen Fremden gewußt. Aber er hütete sich wohl zu fragen, sah vielmehr so gleichgültig und beschäftigt aus, daß der mitteilsame Schlaraffiser den Mut zu weiteren Nachrichten verlor und sich entfernte. Als Dominik hernach bei seiner Arbeit im Laboratorium saß, mußte er an die lachende Frau Sälde denken, und es war ihm, als sei sie eigens für ihn so wunderbarerweise von weither in das alte kleine Schlaraffis gekommen. Seine Arbeit bestand darin, daß er eine neue Farbe herstellen wollte; diese Erfindung sollte ihn mit einem Schlage zum reichen Manne machen, und er war folgendermaßen darauf gekommen. Eines Abends hatte er am See gesessen und der Sonne bei ihrem Untergange zugesehen. Eine Weile hernach war ein sanftes Feuer von Abendrot am Himmel entfacht und vom sachte wallenden See widergespiegelt worden. Der See war an dem Abend so gefärbt, daß die Vermischung seiner bläulichen Schwärze mit dem himmlischen Rot einen Schimmer zuwege brachte, der den kleinen Dominik – denn er war damals noch ein Kind – fast der Sinne beraubte. Eine wilde Sehnsucht kam ihn an, nach dem leuchtenden Streifen hinzulaufen und mit den Händen auszuschöpfen, so durchaus schien es, als müßte einem rotes Gold oder Büschel von Veilchen oder sonst etwas unbeschreiblich Schönes an den Fingern hängen bleiben, wenn man sie hineinstecke. Auch der Umstand, daß der bewegliche Widerschein auf dem Wasser soviel schöner war als die ursprüngliche Flamme, die am fernen Himmel glühte, bewegte sein Gemüt, indem sie ihm ein ahnungsvolles Gefühl gab vom süßen, wankenden Erdenglück, über das man den Himmel, aus dem es fließt, vergessen kann. Wie der schöne Purpurschein erblaßte, wurde Dominik traurig, und er träumte die ganze Nacht davon. Nun aber wurde die Farbe vor seinen Augen noch viel prächtiger und glutvoller, als je eine in der Natur vorkommt, als ob alle Sonnen des Weltalls zusammen sich im blauen Meere aufgelöst hätten. Der Gedanke, diese wonnige Farbe in die Wirklichkeit einzuführen wurde allmählich zum festen Plane in ihm, und er hatte sich deswegen das Laboratorium angelegt, in welchem er jede freie Minute arbeitete. Der Raum war voll kleiner, reinlicher Tiegel, Pfannen und Gläser, dazu sah man überall die schönsten Farben, Proben seiner Versuche oder Muster oder lehrreiche Raritäten. Mitten darunter saß er wie ein Alchimist der alten Zeit, der über dem Stein der Weisen oder dem Lebenselixier brütet, und während er aufmerksam und angestrengt arbeitete, flogen ihm doch zuweilen die Funken eines Traumfeuerwerks durch den Kopf, die nicht weniger leuchteten, als die Farbe, die er erfinden wollte. Die Zukunftsbilder, die er sich machte, glichen noch völlig denen seiner Kindheit, nur daß das schlanke Mädchen, an dessen Seite er sich sah, bestimmtere Umrisse bekommen hatte, denn sie trug nun die Züge der fremden Frau Sälde und sah ihn beständig lachend und voll Seligkeit an. Alle die Bilder, die an seinen Augen vorübergingen, hoben sich ab von einem abendrotfarbigen Grunde, und unbeschreiblich war es, wie das weiße Gesicht Frau Säldes gegen den tiefen, warmen Purpur des Untergrundes leuchtete. Der Apotheker nahm sich vor, daß sie, wenn sie seine Frau sein würde, nur noch samtene oder seidene Kleider von dieser seiner Farbe tragen sollte.

Es traf sich, daß er eines Sonntagabends ihre Bekanntschaft machte, als er in der Nähe des Sumpfes am See saß und den Fröschen zuhörte. Sie ging an jener Stelle vorüber, und obwohl sein Anblick sie etwas einschüchterte, konnte sie doch der Neugierde, zu der seine sonderbare Erscheinung sie reizte, nicht widerstehen und fragte ihn, ob er diese Musik besonders liebe? Dominik entgegnete ein trockenes Ja, worauf sie sich in einiger Entfernung von ihm auf einen Stein setzte, ein gespanntes Gesicht machte und sagte, sie wolle das nun auch hören.

Nachdem sie einige Augenblicke gelauscht hatte, fing sie plötzlich hell zu lachen an, setzte sich gemütlich auf ihrem Steine zurecht, als habe sie nun erst entdeckt, was für ein genußreicher Aufenthalt das sei, und sagte, da er so oft zugehört habe, verstehe er wohl auch schon die Sprache der Frösche. Der Apotheker sagte: »Ja, ich kenne sie alle, besonders einen.« Frau Sälde sah ihn auf diese geheimnisvollen Worte hin verwundert von der Seite an und begegnete seinen lustig glitzernden Augen. »Sie lachen ja,« sagte sie schnell, und da er ihr mit diesem Gesichtsausdruck bedeutend menschlicher und verständlicher erschien, fügte sie zutraulich hinzu: »Zeigen Sie mir den, bitte!« Dominik langte daraufhin nach einer kleinen Angelrute, die er neben sich liegen hatte, an welcher unten ein kleines Stück brandroten Flanells befestigt war. Er sah währenddessen suchend in den Sumpf hinein, und eh' er noch die Angel ins Wasser gesenkt hatte, setzte sich plötzlich ein auffallend dicker Frosch patschend auf einen im Wasser befindlichen Stein, so daß man gerade seinen grünlichbraunen Kopf hervorlugen sehen konnte. Es hatte fast den Anschein, als sei das ungestalte Vieh auf einen Wink des Apothekers heraufgekommen, so daß Frau Sälde nicht umhin konnte, ihn wieder mit einem Gemisch von Grauen und Verwunderung zu betrachten. Gerade in diesem Augenblick aber verzog sich sein Gesicht zu einem breiten, kindlichen Lachen, das ihre Furcht beschwichtigte; er hatte sich nämlich ganz in den Anblick des Frosches verloren, der, von Zeit zu Zeit mißtönende, aber selbstgefällige Laute ausstoßend, unverwandt mit rund vorquellenden Augen zu ihm hinübersah.

Daß der Apotheker ein so außergewöhnliches Interesse für diesen Frosch hatte, kam daher, daß er ihm ein Bild des Pfarrers von Schlaraffis war. Seine Stimme hatte etwas auffallend Durchdringendes, etwas Knarrendes im Tone, woran Dominik mit der Zeit ihn sofort unter allen andern zu erkennen gelernt hatte. Allmählich war es ihm gekommen, daß er diese Stimme auch sonst schon, und zwar vor kurzem, gehört haben mußte, und auf einmal fiel es ihm ein, daß dies Gequake nichts anderes war als das Predigen des Pfarrers, wie er es soeben in der Kirche gehört hatte. Diese Beobachtung belustigte ihn, er fing sich den Frosch nun öfters vermittelst des roten Flanellfleckens, hörte ihm zu und fing auch andere, um ihre Stimme mit der seinigen zu vergleichen. Aber keiner konnte sich an Stärke und breiter, salbungsvoller Dehnbarkeit mit der des Hauptfrosches messen. In diesem längeren Verkehre ging ihm auch der Sinn auf für eine äußere Ähnlichkeit des Geistlichen mit dem seltenen Frosche, und beinahe jedesmal fand er neue Züge auf, welche beide irgendwie gemeinsam hatten. So pflegte er nun in der Kirche zugleich das Quaken der Frösche zu hören, und die feuchte Luft des Wassers zu atmen, am See dagegen noch einmal den Weihrauch und die Andacht des Gotteshauses zu genießen, was bei beiden Gelegenheiten den Reiz des Augenblicks verdoppelte. Er hätte sehr gern Frau Sälden von diesen Beobachtungen erzählt, indessen einerseits wußte er es nicht recht anzustellen, und andererseits ging sie ja nicht in die Kirche, kannte den Pfarrer nicht und konnte daher das Eigentümliche dieses Falles nicht beurteilen.

Während Dominik das bedachte, sah Frau Sälde zu, wie er und der Frosch einander unbeweglich ansahen, und wie das eine Weile gedauert hatte, kam es ihr wieder mehr unheimlich als belustigend vor, zumal da es inzwischen dunkel geworden war und auf einmal sich ein Gefühl von Nacht schweigend und beklemmend verbreitete. Sie sprang deswegen plötzlich auf und schickte sich an zu gehen. Dominik dachte, daß er sie nach Hause begleiten müsse, weil ihr die Gegend jedenfalls noch fremd war; aber gerade deswegen tat er es nicht, sondern verabschiedete sich nur mit einem kurzen Gruße von ihr. Seine Begierde, in ihrer Nähe zu sein, war aber doch so mächtig, daß er sich großen Unbehagens und auch der Unzufriedenheit mit sich selbst nicht erwehren konnte; nur das blieb ihm in freundlicher Erinnerung, daß sie, wie er deutlich gesehen hatte, keinen Ring am vierten Finger trug. Mochte es von dem Namen »Frau Sälde« kommen, oder hing es mit ihrer Erscheinung und ihrem Wesen zusammen, sie hatte ihm immer wie eine Frau und nicht wie ein Mädchen erscheinen wollen, und dieser Umstand hatte ihn hie und da in seinen Phantasien gestört. Nachträglich kamen ihm diese Zweifel abgeschmackt vor, und er tadelte sich selbst deswegen. Die Frage, ob sie seine Liebe erwidern würde, bekümmerte ihn übrigens wenig, trotzdem er, wenn er sich ihr Benehmen gegen ihn zurückrief, zu der Meinung kam, sie habe ihn mit einer Art von geringschätzigem Übermut behandelt. Es machte ihm das sogar Spaß, wenn er daran dachte, wie das einst so ganz anders werden würde. Er nahm sich auch vor, von nun an Begegnungen mit ihr zu vermeiden, da ihn das nur in seiner Arbeit stören und überhaupt verlorene Zeit sein würde. Denn er wollte sich in keinem Falle schon jetzt auf eine Annäherung einlassen. Im Gegenteil wollte er ihr Zeit lassen, sich von den reichen und angesehenen Männern der Gegend umwerben zu lassen, und wenn sie dann auf die Anträge dieser Flachköpfe einging, so zeigte sie dadurch, daß sie nichts für ihn sei. Allerhöchstens, nahm er sich vor, wollte er sie beim Mondreigen tanzen sehen; in einigen Wochen mußte der erste dieses Sommers stattfinden.

Dieser Hoffnung stellten sich aber Hindernisse entgegen, an die niemand gedacht hatte. Einige Tage, nachdem der Apotheker Frau Sälden am See getroffen hatte, ließ sich der Pfarrer bei ihm melden und machte ihm eine unerwartete weitläufige Eröffnung. Er sprach im allgemeinen von dem leichtfertigen und ungläubigen Geiste, der in der Bevölkerung von Schlaraffis eingerissen sei, von der unsittlichen Vergnügungssucht und insbesondere von dem nächtlichen Tanzen, das Ursache und Folge zugleich von diesen verdammlichen Übeln und Lastern sei.

Vor allen Dingen sei der Mondreigen ohnedies als ein Überrest heidnischer Zeiten anzusehen, eine Lockspeise des Satans zu abscheulicher Unzucht, und allein schon der Gedanke, nächtlicherweile im buhlerischen Mondenschein auf üppig schwellender Wiese Hand in Hand regellose Tänze aufzuführen, dürfe in einem geordneten, rechtgläubigen Gemeinwesen nicht aufkommen, geschweige denn dauernd geduldet werden. Der Pfarrer schloß seinen Vortrag damit, daß er Dominik aufforderte, ein Rundschreiben zu unterzeichnen, in dem man sich verpflichtete, jegliche fernere Ausübung des Reigens, soviel an einem sei, zu hintertreiben.

Der Apotheker hatte dem Pfarrer aufmerksam und nicht ohne Wohlwollen zugehört, zum Teil deshalb, weil er im Geiste den Hauptfrosch des Sumpfes neben dem Redenden sitzen sah und ihn seine Worte mit angenehmem Rasseln begleiten hörte. Dennoch sagte er ruhig, als es sich nun um eine Antwort handelte: »Keinesfalls werde ich dieses Rundschreiben unterzeichnen; im Gegenteil werde ich diejenigen unterstützen, die an dem Fortbestehen dieser guten alten Sitte festhalten.« Der Pfarrer, welcher Dominik jeden Sonntag ernsten und zufriedenen Gesichtes in der Kirche sitzen sah und ihn für einen Gesinnungsgenossen gehalten hatte, empfand über diesen Widerspruch eine doppelte Enttäuschung, denn er hielt sich für einen Menschenkenner. Er sagte mit strafendem Knarren: »Was Sie da sagen, befremdet mich sehr; ich weiß, daß Sie selber niemals an diesem Lastertanze teilgenommen haben, woran Sie auch wohltun.« Dominik sagte: »Ich selbst tanze nicht mit, weil ich keine Lust dazu habe, aber es gefällt mir.« Der Pfarrer war ärgerlich und verlegen zugleich, denn da er sich auf dies Benehmen des Apothekers nicht vorbereitet hatte, wußte er ihm im Augenblick nicht das Dienliche und Notwendige entgegenzusetzen. Darüber verzog er den Mund zu einem erzwungenen Lächeln, was in Dominiks Phantasie das ihm einmal geläufige Bild so mächtig hervorzauberte, daß er den gereizten Pfarrer einer genauen vergleichenden Betrachtung unterzog. Der nahm das in diesem Augenblicke für Hohn und Dreistigkeit und entfernte sich mit wenigen, aber nachdrücklich betonten Worten über den materiellen Geist, der im Städtchen Schlaraffis leider herrsche, dem man aber schon beizukommen wissen werde.

Nun aber hatte die Weigerung Dominiks, das Zirkular zu unterschreiben, Folgen, an deren Bedeutung weder er noch der Pfarrer gedacht hatte. In dem kleinen schwatzhaften Städtchen wurde sogleich bekannt, auf welchen Widerstand der Pfarrer beim Apotheker gestoßen sei, und das gab vielen, die gleicher Ansicht waren, Mut, es ebenso zu machen. Ja, manche, die nicht recht gewußt hatten, wie sie sich zu der Frage stellen sollten, hielten sich nun an den von Dominik aufgestellten Grundsatz, denn gerade weil er so wenig sagte, witterten die Leute in seinen vereinzelten Aussprüchen einen in unabsehbarer Tiefe perlenartig verborgen liegenden Sinn. Also stockte von da an die Teilnahme an dem Kreuzzuge des Pfarrers wider den Tanzgreuel, was für ihn um so schlimmer war, als er fast zuerst mit seinem Rundschreiben zum Apotheker gegangen war, also erst wenige Stimmen gesammelt hatte.

Der Pfarrer, welcher eine sehr günstige Meinung von der Wirkung seiner Persönlichkeit im allgemeinen und seiner Beredsamkeit im besonderen hatte, hielt es daher für das beste, noch einmal einen Angriff auf den hinter seiner Absonderlichkeit verschanzten Apotheker zu machen, was allerdings den Anschein des Zufälligen haben mußte, damit er seiner geistlichen Würde nichts vergebe. Zu dem Zwecke ging er am nächsten Sonntagabend, von mehreren Anhängern begleitet, am Froschteich vorüber, wo Dominik in aller Ruhe nach seiner Gewohnheit saß, ihm gegenüber auf dem bespülten Steine der Hauptfrosch, als wären sie in einer Zwiesprache begriffen. Der Pfarrer blieb leutselig stehen und knüpfte in salbungsvoll predigendem Tone ein Gespräch an, wozu ihn die Anwesenheit der Anhänger noch besonders begeisterte. Er sagte, mit der geschmeidigen Waffe der Schmeichelei zu geschicktem Schwünge ausholend, wie herrlich es doch auf der Erde sein würde, wenn alle Menschen ihr Vergnügen in so beschaulicher und echt frommer Art, nämlich im Betrachten der schönen Gotteswelt und im Umgänge mit der von Gott erschaffenen guten und nützlichen Kreatur finden würden, anstatt lärmend und zuchtlos einer wüsten Geselligkeit zu pflegen. Dominik antwortete, richtete aber seltsamerweise das Wort an den Frosch, anstatt an den Pfarrer, was diesem um so mehr als sonderbares und beleidigendes Gebaren auffiel, als der Apotheker sich nichts weniger als auf die Absichten des Pfarrers eingehend äußerte. Je mehr nun der Pfarrer in einen grollenden Predigerton verfiel, desto lauter sangen auch die Frösche im Teich, wie wenn sie ihn überquaken wollten, und die eintönig plärrende Stimme des Lieblingsfrosches erscholl vor allen andern. Dem Lauschen auf diesen eigenartigen Zusammenklang ganz hingegeben, überhörte Dominik zuletzt die mahnenden Anreden des Pfarrers, so daß diesem vor Zorn das Blut ins Gesicht stieg und er gereizt in hohen, sich überschlagenden Tönen fragte, was der Apotheker damit meine, daß er den schlampigen Frosch anstarre, während er doch mit ihm, dem Pfarrer, im Gespräch begriffen sei. Auf diese deutliche Frage hin schien Dominik wie aus einer Bezauberung zu sich zu kommen, er sah auf den Pfarrer und wieder auf den Frosch, und indem sich plötzlich ein unschuldiges und herzliches Lachen ganz über sein dunkles Gesicht verbreitete, sagte er laut und fröhlich: »Nun habe ich sie verwechselt.« Da gleichzeitig der Frosch einen grellen, gurgelnden Ton ausstieß, wie er allenfalls aus dem Munde des Pfarrers hätte kommen können, wurde den Anwesenden die Bedeutung von Dominiks Benehmen auf einmal klar, und sie huben ein Gelächter an, womit sie aber sogleich erschrocken wieder innehielten. Des Pfarrers ganze Gestalt blähte sich zornig auf, aber er empfand deutlich, daß ferneres Reden ihm jetzt nur schaden könne, weshalb er sich schnell umdrehte und wie eine Windsbraut der Stadt zueilte, so daß seine Anhänger sich vergebens bemühten, ihn wieder einzuholen.

Von nun an erwartete Dominik die Racheversuche des Pfarrers, sah ihnen aber mit mehr Neugierde als Besorgnis entgegen. In der Tat brütete der Pfarrer unablässig darüber, wie er sich für den angetanen Schimpf Genugtuung verschaffen könne, und zwar keine geringe. Gern hätte er den widerspenstigen Apotheker stracks bei den Haaren in die Hölle geschleift und in einen bauchigen, brodelnden Kessel geworfen, unter dem er selbst das Feuer fleißig geschürt hätte; dies aber mußte er bis zur Eröffnung des ewigen Jenseits verschieben und froh sein, wenn er den Schuldigen bis dahin mit einem bescheidenen Erdenfeuer knusprig anrösten konnte. Ehe er aber etwas derartiges ausfindig gemacht hatte, trat noch ein Ereignis hinzu, welches seine Rachsucht vollends entfesselte.

Es blieb nämlich nicht aus, daß der Vorfall am Froschteich in der Stadt bekannt wurde, obwohl weder der Pfarrer noch der Apotheker ein Wort davon hatten verlauten lassen. So kam auch der schönen Frau Sälde etwas davon zu Ohren. Diese gab, um doch eine Beschäftigung zu haben, bildungssüchtigen jungen Leuten, Männern und Frauen, Unterricht in ihrer Muttersprache, welche, froh über jeden Gesprächsstoff, ihr alle Neuigkeiten des Ortes zuzutragen pflegten. Niemand hatte solches Entzücken über die Geschichte gezeigt, wie sie, denn abgesehen davon, daß sie ihr eine Ergänzung war zu dem, was Dominik selber ihr angedeutet hatte, gewährte sie ihrer Phantasie ein Bild von unerschöpflichem Reize, das sie nicht müde wurde, sich wieder und wieder auszumalen. Von jedem ihrer Schüler ließ sie sich die Szene neu berichten und hörte jedesmal mit derselben Neugier und Wonne zu, und das jubelnde Lachen, womit sie die Erzählung begleitete, gewann eher an ausdrucksvoller Frische, als daß es davon eingebüßt hätte. Sie beschloß nun auch, am folgenden Sonntag in die Kirche zu gehen, um den Pfarrer zu sehen und predigen zu hören.

Es war das gerade der Sonntag, an dem der Pfarrer von der Kanzel herunter das Unwesen des Mondreigens brandmarken und die Zuhörer mit peinlichen Höllenstrafen bedrohen wollte, wenn sie sich nicht künftighin eines sittlicheren Wandels befleißigen würden. Schon aus diesem Grunde war die Kirche besuchter als gewöhnlich, und auch das Gerücht, daß Frau Sälde zum erstenmal das Gotteshaus betreten wollte, hatte manchen sonst säumigen Kirchenbesucher herbeigelockt. Fröhlich und erwartungsvoll, ohne zu ahnen, daß sie eine Art von Störung verursachte, betrat sie unter dem Läuten der Glocken das gefüllte Schiff, zwar züchtig und gemessen genug, doch ohne jene geflissentliche Senkung des Kopfes und die sündenbewußte Miene, mit welcher die meisten sich bei dieser Gelegenheit auszurüsten pflegten. Sie sah neugierig um sich und war sichtlich erfreut, sich in einer schönen, altertümlichen Säulenhalle zu befinden, deren bunte Fensterscheiben spielende Farbentupfen auf das schlichte Grauweiß der Pfeiler warfen. Währenddessen schlüpften verstohlen aller Blicke zu ihr hin, wie sie so groß und leicht und strahlend durch die Bänke schritt, um sich einen Platz zu suchen. Erst nachdem sie einen gefunden hatte, entdeckte ihr suchendes Auge den Apotheker, welcher sie die ganze Zeit über beobachtet hatte, nun aber nach kurzem Gruß den Kopf auf die andere Seite wandte. Das Gefühl seiner ernsthaften Anwesenheit bewog sie zu einer etwas größeren Feierlichkeit, und so war sie in der besten Haltung, als der Pfarrer mit schwerfällig zappelndem Gange die Kanzel hinaufstieg. Sie sah schnell zu ihm hinauf, senkte aber den Kopf sogleich wieder, um das Lächeln zu verbergen, das der Anblick seines in die Breite gezogenen Gesichtes ihr abnötigte. Glücklicherweise sang man zunächst ein Lied, welches ihr die andächtige Stimmung beizubehalten einigermaßen erleichterte. Nun aber begann der Pfarrer seine Predigt, welcher er die Färbung und Gewalt eines Donnerwetters zu geben bemüht war; dies gelang ihm zwar, was den Inhalt anging, nicht aber in bezug auf den äußeren Klang. Er entwarf zuerst ein Gemälde des Mondreigens, den sich Frau Sälde, die aus Schilderungen davon wußte, als ein märchenhaftes Spiel voll süßer Unschuld vorgestellt hatte. Als nun der Pfarrer nicht anstand, diesen Tanz ein sinnloses Stampfen ausgelassener Dämonen, eine Erfindung von Seelenverkäufern und eine schlammige Brutpfütze für den Schimmel der Sünde zu nennen, hätte Frau Sälde in jedem Falle eine starke Neigung zum Lachen verspürt. Aber er hätte füglich das Unbedeutsamste von der Welt sagen können, sowie sie dieses Geplärr, das sie sich so oft vorher ausgemalt hatte, nun wirklich vernahm, erfaßte sie ein unwiderstehlicher Drang, in ein tolles Gelächter auszubrechen. Es half nichts, daß sie ihr Gesicht in das Taschentuch versteckte, sie mußte nur immer mehr und mehr lachen, und als sie gewahr wurde, daß man sich entrüstet nach ihr umwandte, nahm es so zu, daß ihr ganzer Körper davon erschüttert wurde. Zwar empfand sie einen Stich im Gewissen, als sie an Dominik dachte, und sah scheu nach ihm hinüber, was er für ein Gesicht mache. Sie bemerkte nun wohl, daß er ein ganz klein wenig in den Augenwinkeln lachte, aber dennoch hatte sie ein Gefühl, als mache sie ihm Schande oder bereite ihm Ärgernis, und da sie sich nicht anders zu helfen wußte, entschloß sie sich, die Kirche schnell zu verlassen. Ihr Platz war an der Ecke einer Bank, also hatte die Sache keine allzu großen Schwierigkeiten, und sie entschlüpfte leicht auf geschwinden Füßen. Als sie sich draußen in Sicherheit fühlte, setzte sie sich auf die steinerne Hecke, die den Kirchhof einfriedigte, nahm den Hut ab, daß die Sonnenstrahlen in ihre feinen blonden Haare hineinfahren konnten und überließ sich ganz ihrer ausgelassenen Lustigkeit. Man würde ihr helles Lachen drinnen in der Kirche gehört haben, wenn der Pfarrer die Ohren nicht ganz angefüllt hätte mit dem unablässigen Geknarr seiner eifrigen Predigt.

Nun erst erschien ihr das kirchliche Abenteuer wahrhaft erheiternd, und sie saß voller Glückseligkeit in der heißen Mittagssonne, bis die Leute aus der Kirche strömten, in deren Mienen sie ihr Urteil lesen wollte. Der Apotheker hätte seinen Grundsätzen gemäß durchaus mißbilligen müssen, was Frau Sälde verübt hatte. Anstatt dessen hatte er eher Gefallen daran und zwar hauptsächlich aus einem Grunde, dessen er sich allerdings selber kaum bewußt war, weil er nämlich mit Sicherheit fühlte, sie würde den Übermut, den sie sogar dem Himmel gegenüber nicht ablegte, in Demut verwandeln ihm gegenüber, wenn er es wollte. Außerdem gefiel sie ihm nun einmal überhaupt mit Haut und Haaren, gebilligt oder ungebilligt, und dann war das ganze Ereignis viel zu belustigend, um eine ernstliche Beurteilung zuzulassen. Er sah sie auf den Steinen sitzen und dachte, ob sie wohl auf ihn warte. Aber er sah sie nicht einmal an, nur ein wenig zu lächeln konnte er nicht unterlassen, während er in gleichmütiger Haltung hart an ihr vorüberging.

Ähnlich wie der Apotheker sich und Frau Sälde sozusagen als eine Einheit zusammenzufassen liebte, warf nun der Pfarrer diese beiden gemeinschaftlich in die Pfanne seines Zornes, um sie darin zu Asche zu braten. Es bereitete sich in der guten alten Stadt ein grimmiger Krieg vor, denn beide Parteien rüsteten sich auf den folgenden Sonntag, wo Vollmond scheinen sollte, die eine, um zu tanzen, die andere, um den Tanz mit allen Mitteln zu verhindern. Es waren unter den Gemeindegliedern nicht wenige, die aus Grundsatz oder Furcht oder Dummheit dem Pfarrer gänzlich ergeben waren, doch gab es auch andere, die seine Person oder die Sache, die er führte, mißbilligten, und das waren nicht die schlechtesten. Die jungen Leute überhaupt wollten fast alle den Tanz sich nicht nehmen lassen.

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Der Pfarrer, dem das bekannt war, glaubte deshalb einen tüchtigen Rückhalt suchen zu müssen, und einen solchen konnte ihm niemand besser gewähren als die Regierung von Schlaraffis. Diese bestand aus einem Gemeinderat von sieben Mitgliedern, Männern von sehr verschiedener Begabung, aber gleich großer Durchtriebenheit, welche im Volke die sieben Todsünden genannt wurden. Es traf sich nämlich, daß sich ein jeder von ihnen in einer von diesen Haupt- und Ursünden so erklecklich hervortat, daß er geradezu als Vertreter und Aushängeschild derselben gelten konnte, was denn nicht unbemerkt geblieben war. Bei diesen fand sich der Pfarrer nun ein, als sie im Stadthause versammelt waren, und stellte ihnen, was in den letzten Tagen in bezug auf die Tanzfrage vorgefallen war, angelegentlich und umständlich vor. Die Geschichte vom Apotheker und dem Frosch hatten die Todsünden bereits gehört und zwar mit Beifall, denn sie waren dem Pfarrer keineswegs zugetan, abgesehen davon, daß sie sich aus allgemeiner Schadenfreude über alles gefreut hätten, was irgendeinem andern zum Ärger gereichte. Sie ließen das aber nicht einmal gegeneinander merken und waren auch einmütig entschlossen, mit allen Mitteln für den Pfarrer einzustehen, da sie doch das unbotmäßige Volk für den gemeinsamen Feind halten durften.

Es war nicht selten vorgekommen, daß Pfarrer und Gemeinderat gemeinsame Sache gegen das Volk machten, was folgendem Geschichtchen den Ursprung gegeben hatte. Der Pfarrer habe in der Kinderlehre nach der Zahl der Todsünden gefragt, worauf ein Kind geantwortet habe, es gebe deren acht, und weiter gefragt, welches denn die achte sei, habe es gesagt: »Die achte ist der Herr Pfarrer.«

Derjenige von den sieben Todsünden, welcher den Geiz vertrat, stellte den Grundsatz auf, nach welchem die Tanzfrage behandelt werden sollte, nämlich als eine Gelegenheit, dem Volke Geld abzunehmen, denn es genieße eine viel zu gelinde Besteuerung, woher es auch komme, daß es immer üppiger und strotzender werde. Dem stimmte der Pfarrer bei und wies darauf hin, daß es vornehmlich der Apotheker sei, der als ein unruhiger Kopf und eingebildeter Narr den Geist des Widerstandes anfache, außer ihm aber auch die Frau Sälde, die, aus gottverlassener Fremde zugelaufen, ein auffallendes, dabei aber das Licht scheuendes Wesen treibe, worauf die Obrigkeit notwendigerweise einmal das Augenmerk lenken müsse. Die sieben Todsünden fanden sich unschwer in die Auseinandersetzungen des Pfarrers, und es wurde folgender Plan entworfen. Es sollte bekannt gemacht werden, daß das Tanzen im Freien bei Vollmond künftighin verboten sei bei hoher Strafe und Buße. Wenn sich dennoch Tanzlustige auf dem gewohnten Platze einfinden würden, wie anzunehmen war, sollten sie dort bewaffnete Polizisten vorfinden, welche kraft ihrer Amtsgewalt mit äußerster Strenge jede Ausübung eines noch so vorwurfsfreien Tanzvergnügens hintertreiben sollten. Widerstand gegen diese Regierungsbeamten zog, wie es sich von selbst verstand, schwere Geld- und Freiheitsstrafen nach sich.

Dies waren die Rüstungen der Regierung. Gleicherweise herrschte in der Bevölkerung erwartungsvolle Aufregung. Zufällig hatte Dominik im kärglichen Gespräch mit einem Käufer die Bemerkung fallen lassen, man müsse sich zusammentun und den Widerstand organisieren. Diese Worte verbreiteten sich sogleich, und jedermann sprach von dem zu organisierenden Widerstande, und als nun der Apotheker, sonst übermäßig sparsam, eine ansehnliche Summe zur Bildung einer gemeinschaftlichen Kasse zeichnete, aus welcher etwaige Kosten bestritten, ja sogar Waffen angeschafft werden sollten, sah man in ihm das Haupt einer großen und wichtigen Aktion, und wer etwas auf sich hielt, beeiferte sich, es ihm gleichzutun. Frau Sälde arbeitete im gleichen Sinne auf ihre Weise, und zwar tat sie eigentlich bei weitem mehr als der Apotheker, der nach einmaliger Zahlung die Dinge gehen ließ und sich um nichts mehr bekümmerte, während sie sich sozusagen mit Leib und Seele beteiligte, kriegerische Gesinnung unter der Jugend verbreitete, beständig im Tanzschritt ging und dazu die alten Lieder trällerte, die sie auswendig wissen wollte und unbeschreiblich schön fand. Sie freute sich wie ein Kind auf diesen ersten Mondreigen, den sie erleben sollte, als würde sie bei dieser Gelegenheit geradewegs ins Paradies hineintanzen, wovon sie freilich eine deutliche Vorstellung noch nicht hatte, in welcher Art oder wieso das Vor sich gehen sollte. Um dabei recht schön auszusehen, legte sie, als der Abend nun endlich kam, ein loses weißes Kleid an und löste die Haare auf, die ihr etwa bis zum Gürtel reichten. Es war eine laue Sommernacht, und der Mond kam leuchtend wie eine blühende Lilie den Himmel herauf, so daß der Schwarze See und die weite Wiese ganz von Licht überrieselt waren. Beide Teile hatten große Freude über diese Gunst des Wetters, denn auch die Gegner wünschten insgeheim boshafterweise, das Volk möchte den Tanz zu erzwingen suchen, damit sie Gelegenheit zu gewaltsamer Unterdrückung und nachheriger Bestrafung hätten. Alles, was tanzen oder den sieben Todsünden und dem Pfarrer seine unabhängige Gesinnung kundtun wollte, versammelte sich trotzig und eifrig ans der blaßschimmernden Wiese, wo das Häuflein der Gendarmen bereits aufgepflanzt war und die Bajonette herausfordernd im Mondscheine blitzen ließ. Den Pfarrer erblickte man nicht, obwohl er anwesend war, denn er wollte die Niederlage der Übermütigen aus sicherem Hinterhalte mit ansehen. Am See stand dichtes, niedriges Buschwerk, dahinter kauerte er in unbequemer Stellung, nicht ohne Angst, vorzeitig entdeckt zu werden, konnte aber immerhin, wenn er den Kopf recht in das stachlige Gebüsch hineingrub, das ganze Tanz- und Schlachtfeld übersehen. Leuchtend und siegreich erschien unter den vordersten Ankömmlingen Frau Sälde, sah mit neugierigem Frohlocken den Himmel, die Gendarmen und den Mond an, klatschte in die Hände und streckte sie verlangend aus, damit der Reigen sich anknüpfe. Sie wurden auch von entschlossenen Leuten ergriffen, der Kreis war im Nu geschlossen, und man schickte sich an, Tanzbewegungen zu machen, wobei man aber die Gendarmen vorsichtig im Auge behielt. Diese erkannten sofort, daß nun der Augenblick, einzuschreiten, für sie gekommen sei, und bewegten sich drohenden Schrittes auf die Gruppe der Tanzenden zu. Ebenso schnell aber scharte sich das männliche Tanzvolk zusammen und bildete eine so stattliche Truppe, daß sie gar nicht minder bedrohlich schienen, als das Heer der Obrigkeit, besonders, als noch einige bis dahin verborgen gehaltene Waffen zum Vorschein kamen.

Während Volk und Gendarmen im Kampfe auf und ab wogten, verharrten die Frauen am Ufer des Sees, wo auch der Apotheker stand und zusah. Daß er sich von der Schlacht ferne hielt, war nicht etwa Feigheit, sondern ein vollständiger Mangel an Rauflust; seine Teilnahme an der Sache war mehr beschaulicher Art und durchaus nicht so beschaffen, daß sie ihn in das Gewimmel der Streiter gerissen hätte. Während die Frauen schweigend und voller Spannung dastanden, wandte Dominik sich plötzlich dem Wasser zu, zog eine weiße Wasserrose mit langem, dickem Stengel aus dem Uferschlamm und reichte sie in der festgeschlossenen Faust Frau Sälden hin, die neben ihn geraten war. Sie nickte schweigend und schlang sich den langen Stengel um den Kopf, so daß ihr die Blume über die Schläfe zu nicken kam, worauf Dominik sich wieder bückte und nach einer zweiten Wasserrose langte, die er ihr ebenfalls hinhielt. Da die übrigen Mädchen sahen, in welcher seltsam schönen Art Frau Sälde sich schmückte, bekamen sie auch Lust, und alle wagten sich unter lustigem Geschrei an den Rand des Sees und rauften sich Wasserrosen, soviel sie konnten. Frau Sälde aber, welche selbst nicht pflückte, bekam bei weitem die meisten, weil der Apotheker weit ins Wasser hineinwatete und viele, viele pflückte, die er ihr alle gab, ohne ein Wort dazu zu sprechen, welche sie alle, gleichfalls schweigend, sich umwand. Nachdem ihr Kopf dicht bekränzt war, fing sie an, sich die Blumen um den Leib zu schlingen, bis sie einen ganzen Gürtel bildeten, von dem aus die tropfenden Stengel sich in den Falten des Kleides hinunterwanden. In diesem Blumenschmucke vermochten die Mädchen ihre Tanzlust nicht länger zu bändigen, sie griffen einander bei den Händen und wiegten sich, leise Melodien summend, hin und her. Bei diesem Anblick fing es dem versteckten Pfarrer an zu schwindeln, denn es waren ihm ohnehin fast die Sinne vergangen, seit die weißgekleideten Teufelinnen sich kühl und keck vor seinem Schlupfwinkel herumbewegten. Die Furcht, gerade von diesem leichten Gelichter entdeckt zu werden, trieb ihm Angstschweiß aus, und dazu mußte er wahrnehmen, wie das Volk der Gendarmen allmählich Meister wurde. Als diese in ihrer verzweifelten Lage sahen, daß die Mädchen mit dreistem Hohne zu tanzen anfingen, als wäre der Sieg des Volkes bereits eine ausgemachte Sache, fiel es einem von ihnen ein, die beginnende Niederlage durch einen leichten und sicheren Sieg über die Frauen wett zu machen. Er entfernte sich aus den Reihen der Kämpfer und stolzierte mit bewußtem Männerschritt auf die Tanzenden los. »Meine Damen,« sagte er mit dem Tone ernster Unerbittlichkeit, »ich fordere Sie im Namen des Gesetzes auf, dies angemaßte Tanzunterfangen sofort einzustellen.« Er richtete diese Worte hauptsächlich an Frau Sälde, welche ihm wegen ihrer Größe und Geputztheit als Rädelsführerin in die Augen gestochen haben mochte. Nicht gesonnen zu gehorchen, schüttelte sie den Kopf, dann plötzlich streckte sie ihm herzhaft, nicht ohne einen sichtbaren Aufwand von Tapferkeit, die Hand hin und sagte, ihn holdselig anlächelnd: »Tanz du mit uns!« Der Gendarm, welcher im Grunde doch auch ein Bürger und Teil des Volkes war, fühlte eine lieblich warme Regung in seiner Brust aufglühen, auch bedachte er, daß, da seine Partei bereits darauf und daran war, das Feld zu räumen, ein friedlicher Ausgleich, jetzt ergriffen, rühmlicher sein würde als erzwungenes Waffenstrecken und schmählicher Rückzug. Gleichsam einem innern geheimnisvollen Machtgebote folgend griff er zu, faßte mit Würde die angebotene Hand mit seiner Rechten, fühlte sofort die freie Linke von weichen Fingern umspannt und schleifte stattlich in der Runde, wobei sich ein aus aller Mädchen Kehlen herausgewirbelter Jubelschrei frohlockend in die sanfte Nachtluft hinaufschwang. Der Pfarrer war im Begriff, mit lautem Rachegebrüll aus seinem Dickicht hervorzubrechen, als er sah, wie Volk und Gendarmen, welche das Gebaren des Überläufers und Friedensstifters bemerkt hatten, die Waffen von sich taten, sich die Hände schüttelten und hie und da sogar, soferne es Heißsporne waren, umarmten. Nun war keine Möglichkeit mehr für ihn, sich ans Licht zu wagen, denn er mußte befürchten, daß die Versöhnten ihn als Aufhetzer betrachten und gemeinsam über ihn herfallen würden. Es blieb ihm nichts übrig, als entweder dieser Gefahr zu trotzen oder den übrigen Teil der Nacht in seiner ausnehmend beklemmenden Lage zu verbringen, und zu diesem entschloß er sich, während vor ihm der festlichste Freudenreigen sich entfaltete. Beide Parteien wetteiferten, einander ihre versöhnliche Gesinnung zu beweisen. Die Gendarmen gaben sich Mühe, durch feines Tanzen und gewähltes Benehmen gegen die Damen ihre ehemalige Feindseligkeit im Lichte ehrenhafter Pflichterfüllung, unbeeinflußt von persönlicher Neigung, erscheinen zu lassen, was das siegreiche und großmütige Volk sich gern gefallen ließ. Einzig der Apotheker blieb fest auf seinem Platze stehen und tanzte nicht mit, aber man war das längst an ihm gewöhnt, und es achtete auch im Grunde niemand auf ihn, da so viele waren und die Lust so groß war. Frau Sälde allein mußte immer nach ihm hinsehen und denken, warum er wohl nicht mittanzte. Gleicherweise verfolgte er sie unablässig mit den Augen. In ihren Wasserrosen schien sie ihm einer Nixe zu gleichen, die aus dem See gestiegen ist und sich unter die Menschen gemischt hat; rieselten doch die verräterischen Tropfen wirklich an ihrem Kleide herunter. Einmal sah er, wie sie, von der Lust des Tanzens hingerissen, den Kopf in den Nacken legte und zum Monde, der gerade über ihr schwebte, hinaufsah; das gemahnte ihn plötzlich wieder an das kleine blonde Mädchen aus seiner Kinderzeit, und er dachte wie damals, es sei, wie wenn Himmels- und Erdengestirn einander selig zulächelten. Es war, als habe Frau Sälde einen süßen Gedanken aus dem leuchtenden Kelche der Mondlilie gesogen, denn gleich darauf ließ sie, als sie an Dominik vorbeitanzen mußte, die Hand ihres Nachbars los und reichte ihm ihre Hand hin, wobei sie ihn freundlich bittend ansah. Nun hätte Dominik sein Leben gelassen, um sich an ihre Brust zu stürzen, aber eine kleine Bestie von Teufel saß festgekrallt in seinem Innern und bewog ihn, ablehnend den Kopf zu schütteln, wenn er sie auch nicht gerade unfreundlich ansah. Über diese Zurückweisung fühlte die arme Frau Sälde einen so traurigen Schmerz, wie sie bisher noch niemals gefühlt zu haben glaubte. Sie hätte ihr weißes Kleid von sich reißen und sich in den kühlen, schwarzen, weißbeglänzten See mitten hineinwerfen und darin untergehen mögen, damit sie nichts mehr von der Erde sähe. In dieser Stimmung fing sie an, immer schneller und schneller zu tanzen, und der Reigen drehte sich in einem rasenden Takte, so daß er völlig einem fanatischen Wirbel zu gleichen anfing. Nicht wenig entsetzte sich der Pfarrer, als der Unfug so toll wurde. Einerseits freilich hätte es ihn gefreut, daß das höllische Wesen dieses Spiels sich so nackt offenbarte, nur konnte es in diesem Augenblick nichts nützen, da es niemand mit ansah außer ihm, denn die sieben Todsünden hatten sich aus Vorsicht ferngehalten. Er sagte sich aber, als die Ausgelassenheit immer zunahm, daß er sich füglich entfernen könne, ohne bemerkt zu werden, denn er glaubte, von allem anderen abgesehen, die gekrümmte Stellung in dem erstickenden Gebüsch durchaus nicht länger ertragen zu können. Zitternd erhob er sich etwas und sah über die Büsche weg auf den Platz. Niemand drehte sich nach ihm um, und auch nachdem er sich völlig aufgerichtet hatte, blieb er unbeachtet, so daß er sich ein Herz faßte und die Flucht ergriff. Erst tat er einige Schritte schleichend und gebückt, dann übermannte ihn ein plötzlicher Schrecken, und er begab sich an ein wildes Davonlaufen, wobei er schnaufende Töne ausstieß, so daß einige ihn hörten und sich nach ihm umkehrten. Die unversehens am Rande des Sees auftauchende schwarze Gestalt war so unheimlich, daß sie einen gellenden Schrei ausstießen, dann aber erkannte man den Pfarrer, und ein paar Witzbolde fingen ein unterdrücktes Quaken an, das aber sogleich in Gelächter ausartete. Ihn zu verfolgen, wie er fürchtete, fiel keinem ein, man hatte den Reigen auf keinen Augenblick unterbrochen. Es war deshalb möglich, daß der Kreis in beständiger Bewegung blieb, weil sich immer einige auslösten, um auszuruhen, wofür andere eintraten, so daß die Personen wechselten, während die Runde blieb und sich drehte. Einzig Frau Sälde sah man fast niemals ruhen; ihren Schmerz hatte sie im Tanzen vergessen, aber sie schien nun überhaupt nichts mehr von sich noch von den andern zu wissen, sondern tanzte wie ein Geisterwesen und sah auch, wie die Wasserblumen sich allenthalben an ihr gelockert hatten und sie seltsam schlangenhaft umflatterten, ganz wie eine aus der geheimnisvollen Unterwelt heraufgetauchte Erscheinung aus. Die jungen Männer, die von ihrer Fremdartigkeit angelockt wurden, drängten sich zu ihr, und sie ließ sie gewähren, was Dominik blaß und finster beobachtete. Es kam ihm aber nicht in den Sinn zu denken, das sei vielleicht die Folge seines Tuns, vielmehr sagte er sich mit bitterer Genugtuung, da zeige sich nun nachträglich, wie recht er gehabt habe, diesem Weibe nicht zu trauen. Der Mond war schon fortgezogen und leuchtete nicht mehr, es wurde alles fahl und grau. Aber die Tanzenden kümmerten sich nicht darum und sangen das Lied vom fliegenden Monde, schnell und gleichgültig mit ermatteten Stimmen; so klang es nicht nur sterbenstraurig, sondern grausig für einen, der zuhörte.

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Inzwischen war es dem Pfarrer gelungen, die verschlafenen und etwas unwilligen Todsünden dazu zu bewegen, daß sie mit auf den Tanzplatz kamen, um die entfesselte bacchantische Lust zu besichtigen. Als die Tanzenden plötzlich die eilig und schweigsam nahenden Männer erblickten, schrien sie hell auf, ließen sich los und stoben auseinander. So hatte der Mondreigen auf einmal ein Ende. Frau Sälde, die nicht wußte, was sich ereignet hatte, stand einen Augenblick ratlos und schaute um sich, dann ergriff sie einer von den jungen Leuten, der um ihretwillen zurückgekehrt war, bei der Hand und zog sie mit sich fort. Dominik war der letzte, der den Platz verließ, und zwar tat er es langsamen Schrittes und grüßte im Vorübergehen die Obrigkeit, die nicht wagte oder nicht darauf verfiel, ihn anzuhalten. Dies alles hatte sich in wenigen Minuten begeben, und die acht Männer standen allein auf der Wiese, die aussah, als habe ein Unwetter sie leergefegt. Sie sahen sich an und starrten auf den Boden, wo sich hier und da das Gras wieder aufrichtete, das von den Tänzern niedergetreten war. Der Gesang, den sie von ferne gehört hatten, klang ihnen noch in den Ohren, und die plötzlich eingetretene Stille wirkte befremdend dagegen; zumal die sieben Todsünden, eben aus tiefem Schlafe gerissen, wären leicht zu überreden gewesen, daß sie nur einen Spuk wahrgenommen hätten. Der Pfarrer zeigte ihnen auch das Gebüsch, hinter dem er so unwürdig gekauert hatte, dann begaben sich alle heim in ihre Wohnungen, nachdem sie sich noch zur Abhaltung eines strengen Strafgerichtes verbrüdert hatten.

Am andern Tage kamen sie darin überein, daß es das klügste sein würde, die große Menge des Volkes mit einer Geldbuße davonkommen zu lassen, dahingegen einige Rädelsführer herauszugreifen und nachdrücklich zu bestrafen. Es konnte kein Zweifel sein, daß dies der Apotheker und Frau Sälde waren; jener hatte, von seinen Untaten bei der Organisation des Widerstandes abgesehen, in augenfällig herausfordernder Weise als der letzte den Platz verlassen, obgleich er nicht einmal getanzt hatte, sie aber hatte jenen Gendarmen zum Abfall angestiftet, und zwar bekannte der Schuldige, daß sie seine Gewissenhaftigkeit ohne ein bedenklich unnatürlich verführerisches Wesen niemals würde überrumpelt haben können. Man machte mit dem Apotheker den Anfang. Er verantwortete sich aber der Tanzangelegenheit halber so gut, daß der Pfarrer sich entschloß, auf die leidige Geschichte mit dem Frosch zurückzugreifen. Er sagte, Dominik habe ihn, den geistlichen Vorsteher des Ortes, dem öffentlichen Hohne preisgegeben, indem er ihn in Gegenwart von Zeugen mit einem Frosche verglichen habe. Bereits hätten die Straßenbuben ein oder das andere Mal schamlos hinter ihm her gequakt.

Als dem Apotheker diese Anklage vorgehalten wurde, begann er damit, ruhig zuzugeben, daß das, was man ihm vorwerfe, auf Wahrheit beruhe. Allein das sehe er nicht ein, sagte er, wieso er dadurch den Pfarrer beleidigt habe. Denn der Frosch, mit dem er ihn verglichen habe, sei ein ausgewachsenes, vollkommenes, gesundes Exemplar, das ihm gerade wegen dieser Eigenschaften unter den andern ausgefallen sei. Die sieben Todsünden verharrten über diese Antwort im tiefsten Ernste, während der Pfarrer Zeichen des Zornes von sich gab, und obgleich es eigentlich seine Sache nicht war, an dieser Stelle das Wort zu führen, fuhr er drohend heraus, es handle sich nicht um diesen besondern Frosch, sondern, wie der Apotheker wohl wisse, um die freche Schändlichkeit, ihn überhaupt mit einem Amphibium zu vergleichen. Dies, sagte Dominik, könne er vollends durchaus nicht einsehen; ebensogut könne der Frosch kommen und klagen, daß er ihn mit einem Menschen verglichen habe, denn worin bestehe der Unterschied zwischen beiden? Einzig darin, daß sie zu verschiedenen Klassen gehörten und deswegen verschiedene Merkmale an sich trügen. »Hört den Heiden!«, tobte der Pfarrer; »Ihr wollt ein Christ sein? Kommt mir nicht mehr in meine Kirche! Geht in den Teich und haltet da Eure Andacht, wenn Euch nichts als ein paar andere Merkmale von der Gesellschaft der Frösche trennen! O, wir wollen die Gemeinde von diesen heidnischen Elementen säubern!«

Die sieben Todsünden sahen einander ernsthaft an, und der Hochmut, welcher alle Menschen, besonders aber den Pfarrer im Vergleich mit sich selbst geringschätzte, sagte, es sei in der Tat eine noch unentschiedene Frage, ob der Mensch durch Invergleichziehung mit einem Tiere beleidigt werden könne; man müsse den einzelnen Fall in Betracht ziehen; es komme darauf an, ob eine böse Absicht zugrunde liege, oder ob der Vergleich naheliegend und zutreffend sei. Dominik sagte, eine böse Absicht habe ihm fern gelegen, auch wisse jedermann, daß er die Frösche nicht nur nicht verachte, sondern im Gegenteil sich gern und viel mit ihnen abgebe; in seinen Augen seien es lustige und wackere Tiere; der Vergleich habe sich ihm aufgedrängt, und er fordere den Gemeinderat auf, sich sogleich an Ort und Stelle zu begeben und zu entscheiden, ob die Vergleichung gesucht oder naheliegend sei. Die Todsünden sahen sich wieder untereinander an und bemerkten dann, dagegen sei nichts einzuwenden; wenn der Pfarrer einverstanden sei, wolle man sich an den See begeben, um dort dem Grade von Dominiks Schuld auf die Spur zu kommen. Der Pfarrer war zwar aufs äußerste über diese Zumutung entrüstet, wußte sich aber im Augenblick nicht aus der Schlinge zu ziehen, indem er fürchtete, durch eine Weigerung den Schein zu erwecken, als verzweifle er an seiner guten Sache. So machte man sich miteinander auf, nachdem Dominik zuvor noch seine Angel und einige rote Flanelläppchen geholt hatte; diese über die Schulter geworfen, führte er den Zug mit bescheidener Gelassenheit nach der fraglichen Stelle. Sowie man angelangt war, horchte der Apotheker einen Augenblick, bis er die Stimme des Hauptfrosches erkannt hatte, dann senkte er die Angel dahin, woher sie tönte. Es dauerte nicht lange, so zuckte die Angel, und mit einem Schwange setzte Dominik das fette Tier auf den Stein, wo es sofort in ein Helles, andauerndes Gequake ausbrach. Während sechs von den Todsünden mit unerschüttertem Ernst zuhörten, konnte die Üppigkeit, nie gewohnt sich zu bezähmen, nicht an sich halten, stieß ein kurzes, aber lautes und herzliches Lachen aus und rief: »Nun ist es an Euch, Herr Pfarrer, wenn Ihr den Mut habt! Er hat eine gute Stimme für einen Frosch!« Nun schlug aber der Zorn des Pfarrers in lichten Flammen hervor, und er kreischte: »Ja, ich verdiente mit Bestien verglichen zu werden, wenn ich mich herbeiließe, mit diesem Ungeziefer um die Wette zu quaken! Ist das der Schutz, den der Mann Gottes bei der Obrigkeit finden sollte? Macht ihr gemeinsame Sache mit einem Rebellen und Heiden? Aber ich werde mir Gerechtigkeit zu verschaffen wissen! Ich werde den Augenblick sehen, wo sich dieser Erbärmliche mitsamt seinem Frosche in der Grube wälzt, die er mir gegraben hat. Euch aber,« wandte er sich nochmals gegen den Gemeinderat, »will ich nun auch Mitteilen, womit ihr verglichen werdet. Euch nennt das Volk die sieben Todsünden, dich den Geiz, dich den Zorn, dich die Schlemmerei,« und er fuhr fort, jedem einzelnen den Titel zu nennen, unter dem seine Person im Herzen der Bürgerschaft bekannt war. »Laßt uns nun auch hingehen, wo wir ermitteln können, ob der Vergleich gesucht oder naheliegend sei! Aber wehe, da müssen wir in den Pfuhl der Hölle hinabsteigen, wo die Frösche hocken, denen ihr ähneln sollt, nämlich die Laster. Angelt uns doch, Herr Apotheker, die Üppigkeit, damit wir sehen, ob sie diesem Herrn hier gleicht! Angelt uns die Trägheit! Angelt uns die Schlemmerei! Oder solltet Ihr mit den höllischen Fröschen nicht auf so vertrautem Fuße stehen, wie mit diesen hier?«

Vergebens hatten die erschrockenen Todsünden versucht, die Verwünschungen des Pfarrers zu unterbrechen, auch vergebens den Apotheker durch Handbewegungen zu bedeuten gesucht, er möge sich entfernen. Erst als der Pfarrer außer Atem und erschöpft innehielt, konnte einer dem aufmerksam zuhörenden Dominik sagen, man habe nun gesehen und gehört, was erforderlich sei, er könne fürs erste gehen, man werde ihn den Entscheid wissen lassen. Dominik warf seine Angel über die Schulter und entfernte sich in Gemütsruhe, während der Hauptfrosch, noch einen letzten jodelnden Ton von sich gebend, mit lautem Patschen wieder ins Wasser hüpfte.

*

Die sieben Todsünden sahen ein, daß sie töricht gehandelt hatten, den Pfarrer allzusehr zu reizen; sie suchten ihn zu beschwichtigen, und um ihn völlig zu versöhnen, legten sie einen großen Eifer in der die Frau Sälde betreffenden Strafsache an den Tag und beschlossen, sie, komme was da wolle, ganz den Wünschen des Pfarrers entsprechend zu leiten. Als Frau Sälde die erste Vorladung empfing, war sie mehr verwundert als ängstlich und tanzte in großer Vergnüglichkeit auf das Stadthaus, hauptsächlich darauf neugierig, ob sie wohl den sieben die auf jeden einzelnen kommende Todsünde gleich würde ansehen können. Während das Verhör begann und die Männer in Akten und Papieren blätterten, beschäftigte sie sich damit, die Reihe der sieben Todsünden nach ihrem Gutdünken zu verteilen. Einer von ihnen war ungewöhnlich dick, sowohl was die Gestalt betrifft, als im Gesicht, in dem man die Augen nur als eine schmale Längsspalte zwischen zwei Fettschichten wahrnehmen konnte. Von diesem dachte Frau Sälde, es müsse entweder die Trägheit oder die Schlemmerei sein, entschied sich aber schließlich für das letztere, weil ein anderer zwar nicht ganz so dick, aber noch um vieles schläfriger und bewußtloser aussah, sich also besser für das Laster der Trägheit zu eignen schien. Da sie nun die Schlemmerei für das Unschuldigste und Gutmütigste unter allen Todsünden ansah, beschloß sie sich vornehmlich an diese zu halten, zumal da die Trägheit, der sie auch nicht viel Böses zutraute, zu faul zu sein schien, um nur einen Satz im Zusammenhänge anhören und auffassen zu können. Das Unglück wollte aber, daß Frau Sälde eine Verwechslung begangen hatte, indem nämlich derjenige, den sie für die Schlemmerei hielt, in Wirklichkeit der Neid war, während umgekehrt gerade der der Schlemmer war, in welchem sie den Neid vermutet hatte. Der letztere war ein kleines, ganz dünnes Männchen mit spitzen, bohrenden Augen, die wohl deshalb so ausnehmend neidisch aussahen, weil alles Essen, so maßlos er sich ihm auch widmete, doch niemals bei ihm anschlug. Der wahre Neid seinerseits hatte den Vorteil, daß sein Fett die Augen verdeckte, die abscheulich giftgrün und vom gehässigsten Ausdruck der Welt waren, und daß man sie eben fast nie zu sehen bekam. So kam es, daß sein Gesicht den Eindruck einer gleichmütig, ruhevoll auf und nieder wallenden Masse machte, bis einmal die scharfen Augen daraus hervorstießen, wie der Dreizack Neptuns aus dem Meere. Als sich nun Frau Sälde halb scheu, halb zutraulich mit ihren Angaben an ihn wandte, blieb es nicht aus, daß sie ihm außerordentlich wohl gefiel, was ihr aber gerade zum Unglück gedieh, denn sein Neid war so schrankenlos umfassend, daß er diejenigen Personen, die ihm einen günstigen Eindruck machten, zugleich darum stark beneidete, ja eigentlich je mehr er eine Person liebte, sie desto mehr beneidete und folglich haßte. Während ihre liebliche Art, wie sie halb lustig, halb zaghaft auf die ihr vorgelegten Fragen antwortete, sich mehr und mehr in sein Herz schlich, dachte er zugleich grollend, womit sie diese Gabe, die Menschen für sich einzunehmen, verdient habe, und daß das an ihr heimgesucht und durch gründliche Plagen gleichsam wieder eingebracht werden müsse. Üppigkeit und Zorn indessen sahen mit Ärger, daß sie gerade den Neid, den alle besonders fürchteten und haßten, bevorzugte, so daß die Ahnungslose von Minute zu Minute mehr Feindseligkeit erregte. Mittlerweile erzählte sie die Geschichte ihres vergangenen Lebens. Man befragte sie zuerst, wie es komme, daß sie auf verschiedenen Papieren, die sie vorwies, mit verschiedenen Geschlechtsnamen benannt sei; worauf sie zwar errötend, aber ohne Zaudern bekannte, daß sie verheiratet gewesen, aber geschieden sei, und nach ihrer Scheidung ihren Mädchennamen wieder angenommen habe. Hiermit hätte sich der Gemeinderat allenfalls begnügen können, aber er verlangte in diese Dinge nähere Einsicht zu nehmen, und Frau Sälde, welche nicht die mindeste Ahnung hatte, wie weit die Befugnisse einer Obrigkeit gingen, erzählte bereitwillig alles, was die Todsünden zu wissen verlangten. Ihre Eltern, reiche und vornehme Engländer, hatten eine Heirat mit dem aussichtslosen jungen Maler, der sich um sie bewarb, nicht zugeben wollen, sie war ihm deshalb in die Schweiz gefolgt und hatte sich ihm dort antrauen lassen. Indem sie sich in diese Erinnerungen vertiefte, vergaß sie, wem und zu welchem Zwecke sie davon mitteilte, und sie erzählte mehr sich zum Vergnügen, wie sie anfangs eine hohe Meinung von ihm gehabt habe, hauptsächlich weil er im Äußeren und Betragen so genialisch gewesen sei, weswegen ihm auch seine Bekannten den Beinamen »der Gottbegnadete« gegeben hätten. Dann aber, als er tatsächlich nie etwas Tüchtiges weder in seiner Kunst noch in anderer Weise geleistet habe, sei er ihr widerwärtig und lästig geworden, so daß sie ihm am liebsten ohne weiteres auf- und davongelaufen sei. Ihre Eltern hatten aber nachträglich das verheiratete Paar zu Gnaden angenommen und bemühten sich nun, den Dingen einen möglichst guten Anstrich zu geben und neues Aufsehen zu vermeiden, so daß sie nun die Partei des Mannes nahmen, während die Tochter immer unzufriedener wurde. Der Gottbegnadete fing sogar an, einen sehr unordentlichen Lebenswandel zu führen, und zwar nicht einmal aus angeborenem Leichtsinn, was seine Frau ihm allenfalls verziehen hätte, sondern um der künstlerischen Wirkung willen, und um sich das Ansehen zu geben, als würde er von unwiderstehlichen Leidenschaften dämonisch durchs Leben gejagt. An diesem merkwürdigen Hange faßte Frau Sälde ihren Mann, um ihn für ihren Wunsch, sich von ihm scheiden zu lassen, zu gewinnen. Sie redete ihm ein, daß es für einen Künstler nicht gut sei, durch die Fessel der Ehe gebunden zu sein, daß er vielmehr aus immer neuen Verhältnissen unendliche Anregung zu künstlerischem Schaffen schöpfen müsse, und daß nur die Ehe ihn bisher an der Entfaltung seines Talentes gehindert habe. Daß sie als der die Scheidung verlangende Teil ihm eine große Summe auszuzahlen hatte, spielte scheinbar keine Rolle, indem er beständig sagte und auch zu glauben schien, daß er sie nur nähme, um ihr Gewissen zu beschwichtigen. Die Scheidung, welche wieder in der Schweiz und ohne den Willen der Eltern bewerkstelligt wurde, machte keine erheblichen Schwierigkeiten, da der Gottbegnadete sich mit glänzender Offenheit zu seinen ehelichen Treulosigkeiten bekannte.

Als Frau Sälde erzählte, auf welche Weise sie ihren Mann für den Scheidungsplan einzunehmen gewußt hatte, konnte sie sich eines fröhlichen Lachens nicht erwehren, fügte aber sogleich demütig hinzu, sie sei damals, beim Eingehen dieser Ehe, so unverständig und leichtsinnig gewesen, daß sie sich verwundern müsse, mit einer so gelinden Strafe des Schicksals davongekommen zu sein. »Dies ist auch meine Meinung,« sagte der Neid, den die Betrachtung, daß sie nach Geschmack und Laune einen Mann bekommen hatte und ihn wieder losgeworden war und dieses Spiel nun fortsetzen konnte, in eine Folterkammer von Neidgefühlen versetzt hatte. Frau Sälde, der nichts anderes in den Sinn kam, als daß er sie necken wolle, lachte hell und froh, was den sieben Todsünden so fremd und lieblich zugleich in die Ohren klang, daß jeder den andern im Verdacht hatte, wohlig davon berührt zu sein; besonders schielte der Neid mit raschen und gründlichen Blicken auf die Üppigkeit, welchen gemeinhin alle beobachten zu müssen glaubten, sowie ein weibliches Wesen im Spiele war. Er sah aber undurchdringlich aus und blickte starr vor sich auf den Tisch. Man fragte Frau Sälde nun noch, wo ihr ehemaliger Gemahl jetzt sei, ob sie sich mit ihren Eltern versöhnt habe, und warum sie sich gerade in Schlaraffis niedergelassen habe. Wo ihr Gemahl jetzt sei, sagte sie, wisse sie nicht und wolle sie nicht wissen, vielmehr ihn und die Vergangenheit vergessen; ihre Eltern hätten ihr noch nicht verziehen, weshalb sie auch nicht in ihre Heimat zurückgekehrt sei; weshalb sie aber gerade hierher gekommen sei, könne sie nicht sagen. Aufhorchend fragte der Neid, welcher überall Verdächtiges witterte, warum sie es denn nicht sagen könne, worauf sie arglos erwiderte, weil sie es selbst nicht wisse. Aber die Todsünden beharrten darauf, sie müsse doch aus irgend einem Grunde diesen Ort einem andern vorgezogen haben, so daß sie allmählich selbst nachdenklich wurde, sich besann und sagte, der Name habe ihr gut gefallen und ihr so geklungen, als müsse sie dort glücklich werden. Diese Angaben verwarfen die sieben Todsünden in ihrem Innern sofort als kindisch und lächerlich; sie konnten sich durchaus nicht denken, daß jemand etwas ohne Absicht und zwar ohne arglistige Absicht tue, und nahmen für selbstverständlich an, daß Frau Sälde diesen Ort aus irgend einem Grunde für besonders geeignet zum Tummelplatze ihrer Ausgelassenheiten gehalten habe.

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Während Pfarrer und Gemeinderat sich eifrig damit abgaben, der Frau Sälde an der Hand des Materials, das sie ihnen geliefert hatte, eine Falle zu stellen, ließen sie doch auch den Apotheker nicht außer acht. Der Pfarrer dachte sogar daran, mit Aufopferung einer beträchtlichen Geldsumme eine nebenbuhlerische Apotheke zu gründen, was Dominiks geschäftliche Stellung unterwühlen und ihm den Aufenthalt in Schlaraffis unmöglich machen sollte. Aber der Apotheker sagte sich bereits selbst, daß seines Bleibens nicht länger würde sein können, wo der Pfarrer und die Obrigkeit sich in solcher Weise vor ihm bloßgestellt hatten. Er beschloß, auch gar nicht abzuwarten, in welcher Weise sie ihm nachstellen und das Leben vergällen würden, vielmehr ihnen zuvorzukommen, wozu er sonst noch verschiedene Gründe hatte. Er war nämlich in seinen Vermögensverhältnissen so weit gekommen, daß er einem gewissen Abschluß seiner Pläne sich nahe fühlte, besonders da die Darstellung seiner Farbe zu einem erwünschten Ende gediehen war. Er stand bereits mit einer Fabrik in Unterhandlung, welche die verweltlichte Abendröte verwenden wollte. Diese Fabrik lag weit entfernt, außerhalb der Schweiz, und der Verlauf des Geschäftes machte es notwendig, daß Dominik selbst sich dorthin begab, um die ersten Versuche zu leiten. Kam der Vertrag, den er mit der Fabrik abzuschließen gedachte, zustande, so konnte er sich als reichen Mann betrachten und anfangen, das Leben in herrlicher Ausstattung zu genießen. Die eifersüchtigen und mißbilligenden Gefühle, die in jener Tanznacht gegen Frau Sälde in ihm aufgestiegen waren, hatten ihn mittlerweile verlassen, und von ihm zu ihr war alles beim alten. Er beschloß, ins Ausland zu gehen, die letzte Hand an sein Vermögen zu legen und sich dann in die bisher geschlossene Welt der höheren Bildung zu werfen, zuletzt aber siegprangend in die Heimat zurückzukehren und Frau Säldes Hand zu fassen und zu sagen: »Da bin ich, nun wirst du meine Frau!« Ihm kam das so selbstverständlich vor, und seine Liebe und seine Wünsche waren so stark in ihm, daß er sich nicht anders denken konnte, als daß sie, der alles das gelte, Bescheid davon wisse. Ausdrücklich nahm er sich vor, ihr kein Wort oder Zeichen vorher zu geben, um von der vollkommenen Erscheinung des künftigen Glückes auch nicht den leichtesten Schmelz durch vorzeitige Berührung abzustreifen. Von dem, was zwischen den sieben Todsünden und Frau Sälde vorgegangen war, und was sie ihnen mitgeteilt hatte, wußte er nichts.

Als der Pfarrer vernahm, daß Dominik seine Heimat zu verlassen und die Apotheke zu verkaufen gedenke, empfand er großen Unmut und sogar Betrübnis, denn er hätte lieber gesehen, daß der Apotheker widerwillig und zähneknirschend seinen Nachstellungen hätte weichen müssen. Frau Sälde wußte nicht recht, was sie zu der Nachricht sagen sollte, aber da sie großes Vertrauen in ihr Schicksal hatte, dachte sie, es würde wohl aus irgend einem Grunde gut so sein, auch habe sie im Grunde mehr Verdruß als Vergnügen von diesem wunderlichen, schwarzen Heiligen gehabt. Am Tage, ehe der Apotheker Schlaraffis verließ, sahen sie einander noch einmal von weitem. Dominik begab sich, da alle seine Geschäfte abgeschlossen und seine Koffer gepackt waren, an den See, um zu fischen. Den ganzen Nachmittag saß er unbeweglich ins Wasser sehend da, griff die gefangenen Fische und legte sie in einen leeren Kahn, der neben ihm am Ufer lag. Als es gegen den Abend ging, sah er ein Boot über den See herfahren, in dem einige junge Männer und junge Mädchen aus Schlaraffis saßen, unter ihnen Frau Sälde, die mit vorgebogenem Leibe auf ein Schifferliedchen horchte, das gerade von den jungen Leuten zum besten gegeben wurde. Sie saß mit dem Rücken gegen Dominik, so daß er nur ein wenig von ihrem Kinn und ihren Wangen sehen konnte, aber plötzlich drehte sie den Kopf nach dem Ufer hin und wurde seiner gewahr. Im selben Augenblick wich die strahlende Fröhlichkeit aus ihrem Gesichte, und sie senkte den Kopf so tief, daß Dominik nun nur noch ihren demütig gebogenen Nacken sah. So lieblich war sie ihm noch niemals erschienen, auch war er noch niemals so fest überzeugt gewesen, daß sie ihn ebenso treu und herzlich liebe, wie er sie. Das Schiff fuhr indessen mit Sang und Klang vorüber, die jungen Leute, die darin saßen, schwenkten die Hüte gegen den Apotheker und riefen ihm allerlei muntere Dinge zu. Als es längst vorbei war, meinte er es immer noch über die dunklen Wellen gleiten zu sehen, voll jauchzender Gesellen, und mitten unter ihnen die weiße, stille Frau Sälde, das übermütige Haupt in den Schoß geneigt. Bevor er nach Hause ging, ließ er alle die gefangenen Fische wieder ins Wasser springen.

Am andern Morgen wachte er auf mit einem Gefühl, als müsse er etwas unaussprechlich Schönes suchen, das ihm auf irgend eine Weise zuteil geworden sei. Allmählich kam es ihm, daß es ein Traum gewesen war, auf den er sich noch ganz gut besinnen konnte, was ihm um so auffallender war, als er sich für gewöhnlich aus seinen Traumeswirrsalen am andern Tage nie mehr herausfinden konnte. Er hatte wieder am See gesessen und geangelt und hatte durch den ganzen See, der wie ein durchsichtiger blauer Kristall war, hindurchsehen können. Da hatte er alle Fische bis auf den tiefsten Grund gesehen, die hatten sich um seine Angel wenig gekümmert, höchstens etwa mit der langen Rute gescherzt, ohne daß sie ihnen etwas anhaben konnte. Auch hatte er selbst gar nicht die Absicht, ihnen Schaden zuzufügen, sondern ließ die Angel nur zum Spiel ins Wasser hinab. Die Fischlein waren von vielfach verschiedener Art und so schön, wie er noch nie welche gesehen hatte. Ihre Schüppchen waren wie von mattem Silber oder perlenfarbig, dabei aber durchsichtig und durchschienen, wie wenn anstatt des Herzens ein rosiges Lichtlein im zarten Körper brenne; andere hatten einen bläulichen Glanz oder waren mit roten Tupfen gesprenkelt, von denen jeder einzelne wie ein Karfunkel durch das Wasser glühte. Auch waren sie auffällig geformt, und mit der Zeit kamen immer wunderbarere Gebilde herangeschwommen, mit zierlichen Hörnlein auf dem Kopfe oder mit Flossen, die in seltsamen Figuren ausliefen, und Augen hatten sie wie geschliffene Edelsteine. Einige konnten sich dick aufblasen und wieder zusammenziehen, und andere konnten aus ihren fächerförmigen Schwänzen, indem sie sie schüttelten, unzählige feurige Fünkchen springen lassen, die sprühten dann durchs Wasser, daß es durch und durch schimmerte. Während er mit wonnigem Behagen diesem fröhlichen Treiben zuschaute, tauchte auf einmal ein Menschenantlitz und ein lichter Körper aus der Tiefe des Sees auf, und wie er näher zusah, war es Frau Sälde, die aus der Bläue der Wogen still zu ihm auflächelte. Um ihre Schultern und ihre Brust hingen ihre blonden Haare und weit offene große Seerosen; den unteren Teil ihres Körpers konnte er nicht deutlich sehen, doch war es ihm selbstverständlich, daß es ein perlmutterfarbiger, schuppiger Fischschwanz sein müsse. Als sie den schönen Frauenleib erblickten, versammelten sich alle Fischlein und bildeten einen Kranz um ihn herum, lustig tanzend oder plätschernd und das Wasser mit Leuchten erfüllend. Unverwandt sahen ihn ihre lieben, sehnsüchtigen Augen an, bis er es nicht länger ertragen konnte, die Angel fortwarf und sich zu ihr in den See hinunterbeugte. Als das kühle Wasser ihn berührte, wurde ihm unbeschreiblich wohl zumute, und gleichzeitig bekam das Wasser einen glühenden Schein, der von rubinfarbigen Fischen ausgehen mochte und mehr und mehr purpurn wurde, bis es zuletzt völlig Dominiks eigene Farbe war, in die er nun selbst ganz hineintauchte. Langsam trug ihn die Bewegung der Wellen Frau Sälde entgegen, die die Arme nach ihm ausstreckte, und mit jedem Augenblick nahm das Gefühl des Glückes in ihm zu, bis er zuletzt an ihrer weißen Brust lag; da überströmte ihn eine solche Süßigkeit, daß ihm die Sinne vergingen, womit der Traum aus seinem Bewußtsein verschwunden war. Diesen Traum nahm Dominik für eine gute Vorbedeutung und begab sich voll ruhiger Zuversicht auf die Reise.

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Inzwischen hatten der Pfarrer und die sieben Todsünden eine Spitzbüberei ohnegleichen ausgesonnen, mittels welcher sie Frau Sälde zu Falle zu bringen und zugleich sich selbst zu bereichern gedachten. Langsam war dieses Giftgeschwür herangereift und kurz nach des Apothekers Abreise so weit gediehen, daß es aufbrechen und sich greulich ergießen konnte. Sie hatten den Aufenthaltsort des Gottbegnadeten ausgekundschaftet, sich mit ihm in Verbindung gesetzt und gefunden, daß er nichts sehnlicher wünschte, als die Ehe, zu deren Lösung er sich unbedachterweise hatte bereitfinden lassen, wieder neu zu knüpfen. Sein Talent hatte sich trotz der Freiheit nicht entfaltet, sein Geld ging auf die Neige, seine eigene geschiedene Frau zum zweiten Male sich zu erheiraten, schien ihm ein prächtiges Abenteuer zu sein, an einer Art von Liebe zu der listig Entkommenen fehlte es auch nicht, kurz, er erklärte sich zu allem und zu jedem bereit, wenn ihm eine Aussicht würde, sie zu gewinnen. Es galt nun zunächst, die trotzige, überstolze Frau Sälde mürbe zu machen, und zu diesem Zweck hatten die Verschworenen eben jenen abgefeimten Plan ausgearbeitet, an dessen Ausführung sie sich nun langsam und sorgfältig begaben.

Erstlich fand sich der Pfarrer bei Frau Sälden ein und machte ihr die Mitteilung, daß sie sich sehr im Irrtum befände, wenn sie sich für eine geschiedene Frau betrachte, denn die Kirche wisse nichts von einer solchen teuflischen und dem klaren Gotteswort widerstreitenden Einrichtung. Er müsse sie daher ernstlich verwarnen, daß sie ihre bisherige Lebensführung ändere, wie sich denn ihr ungebundenes Betragen, nächtliches Tanzen und anderes mehr keineswegs für eine verheiratete Frau gezieme, wie sie vielmehr dadurch in den jungen Männern die Meinung erwecke, sie sei noch frei, und dadurch zu den betrübendsten Verhältnissen wissentlich Anlaß gebe. Frau Sälde war zwar ein wenig erschrocken, erwiderte aber doch mit leidlicher Sicherheit, sie sei in aller Form geschieden, und das sei ihr genug; frei sei sie wie die Lerche in den Lüften. Als nun aber der Pfarrer noch viel sicherer entgegnete, hier in Schlaraffis zum mindesten lebe sie unter lauter guten Katholiken, für welche es eine Lösung der Ehe nun einmal nicht gebe, und welche sie alle für das rechtmäßige Weib ihres Gatten betrachten würden, wurde ihr doch etwas bänglich zumute, zumal wenn sie bedachte, was der strenge Dominik nachträglich von ihr denken und wie er sie als eine entlaufene Ehefrau ansehen würde, die man ihrem Manne gleichsam am Stricke wie ein störrisches Schaf zurückbringen müsse.

Einige Tage darauf wurde sie wieder auf das Stadthaus beschieden, und der Gemeinderat legte ihr die Frage vor, wo sie das Kindlein gelassen, dessen sie bald nach der Scheidung von ihrem Gatten genesen sei. Trotzdem Frau Sälde seit dem Besuche des Pfarrers sich bedrückt im Gemüte fühlte und nicht ohne Herzklopfen das Begehren der sieben Todsünden erwartet hatte, war ihr diese Zumutung doch so überraschend und seltsam, daß sie in ihr allerhellstes kristallenes Gelächter ausbrach, worauf die Männer einander ansahen und die Augenbrauen bedenklich in die Höhe zogen. Derjenige, welcher an diesem Tage den Vorsitz führte, fragte, was sie mit diesem übrigens ungehörigen Lachen zu sagen beabsichtige, worauf sie erklärte, sie habe niemals ein Kindlein gehabt, folglich könne sie auch nicht sagen, wo sie es gelassen habe. Diese Aussage nahmen die Todsünden langsam kritzelnd und mit sichtlich zunehmender Bedenklichkeit zu Protokoll, worauf Frau Sälde entlassen wurde. Nun aber langte der Gottbegnadete selbst in Schlaraffis an, um sich dem Pfarrer und den sieben Todsünden vorzustellen und sich eingehender, als schriftlich möglich war, mit ihnen zu beraten. Sogleich gewann er durch sein kindlich zutrauliches und hingebendes Wesen jedermann für sich; besonders fand die freimütige Art, mit der er aus seinen Fehlern und Irrtümern kein Hehl machte, im Gegenteil alle seine Schwachheiten selber mit großer Beflissenheit brandmarkte, vielen Beifall und setzte in Erstaunen. Wenn er nebenbei betonte, wie sein Herz bei alledem weder Schaden noch Befleckung erlitten habe, und dazu mit unschuldigen blauen Augen um sich blickte, konnten sich vornehmlich der Pfarrer, die Üppigkeit und die Schlemmerei nicht entbrechen, eine wohltätige Rührung zu empfinden. Eine gewisse Schwächlichkeit, die sich namentlich in seiner weidenartig biegsamen Gestalt ausdrückte, erweckte ein Gefühl, als würde der Gottbegnadete trotz allen leidenschaftlichen Strebens niemals etwas Dauerhaftes erreichen, so daß auch der Neid sich zwanglos seiner Menschenfreundlichkeit erfreuen konnte.

Mit der heillosen Lügengeschichte, welche der Pfarrer und der Gemeinderat entworfen hatten, erklärte sich der Gottbegnadete ohne weiteres einverstanden; sie belustigte ihn sogar nicht wenig; auch meinte er, Frau Sälde sei selbst schuld daran, daß man zu solchen Mitteln greifen müsse, warum tue sie nicht von selbst, was recht und vernünftig sei. Daß sie jetzt nichts von ihm wissen wolle, sei nichts als Trotz, denn verliebt sei sie in ihn bis über beide Ohren, sie wolle es nur nicht eingestehen. Alle glaubten, sie durch die peinliche Anklage, die gegen sie erhoben werden sollte, so zu schrecken und zu ängstigen, daß sie froh sein werde, sich in die Arme ihres Mannes flüchten zu können. Auf Wunsch seiner Schlaraffiser Verbündeten verließ der Gottbegnadete den Ort noch für eine Weile, um in der Nachbarschaft die Entwicklung der Dinge abzuwarten, was ihm schwer genug wurde; denn mittlerweile hatte die alte Leidenschaft zu Frau Sälde wieder so von ihm Besitz genommen, daß er kaum einen Tag länger ohne sie leben zu können glaubte.

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Als Frau Sälde wieder vor den Gemeinderat geführt wurde, hatte die Üppigkeit den Vorsitz übernommen, weil er wohl fühlte, daß er augenscheinlich betätigen mußte, es habe keine zärtliche Regung zugunsten der Angeklagten in ihm Platz gegriffen. Er hub also langsam und mit erbärmlichem Klageton an, es handle sich um das Kindlein, dessen Dasein sie mit dreister Stimme abgeleugnet habe; man hoffe, sie habe sich inzwischen eines Bessern besonnen und werde nun den Aufenthaltsort des Würmleins, sei derselbe auf Erden oder im Himmel, angeben; es sei die Pflicht einer jeden Regierung, sich um die jungen Bürger und Bürgerinnen zu bekümmern und dafür zu sorgen, daß keines der hilflosen armseligen Geschöpfe verloren gehe oder auf bösliche Art dem Staate entrissen werde. Dieses alles sagte der Üppige in der Weise, daß er bald einen jammernden Ton anschlug, als ob er das allgemeine Elend der Welt beweinen wolle, bald einen dumpf grollenden, in dem schon die Strafgerichte des Jüngsten Tages sich anzukündigen schienen. Frau Sälde erschien die ganze Sache so seltsam und abenteuerlich, daß sie nicht wußte, ob sie weinen oder lachen sollte, und voll Verwunderung die sieben Todsünden der Reihe nach anblickend sagte, das sei alles Unsinn, mit dem sie sich lieber nicht länger abgeben sollten. Darüber gerieten die Männer in eine Entrüstung, die nicht erheuchelt war, und während sie anfangs in Verlegenheit waren, wie sie ihrem Gebaren den Schein der Wahrheit geben sollten, fingen sie allgemach an zu glauben, sie seien in Wahrheit einer verbrecherischen Handlung auf der Spur und hätten es mit einer verstockten Frevlerin zu tun. Der Üppige warf einen gräßlichen Blick auf Frau Sälde und sagte, ob sie auch dann noch von Unsinn reden werde, wenn man ihr den Kläger selbst, den Vater des unglücklichen Tröpfleins, gegenüberstellen würde? Hierüber erblaßte Frau Sälde, so erschreckend war ihr der Gedanke, mit ihrem Manne zusammentreffen zu sollen, auch schien das Ganze ihr nun doch wichtig und ernsthaft zu werden, und sie verlor ihre unbefangene Sicherheit. Desto mehr warfen sich die sieben Todsünden in die Brust, redeten auf sie ein, sie möchte es nicht länger mit Ausflüchten versuchen, da sie doch bereits durchschaut sei, und setzten ihr noch eine kurze Frist, nach deren Verlauf sie sich zu dem Kinde zu bekennen und ein freimütiges Geständnis abzulegen hätte.

Als die arme Frau Sälde wieder allein in ihrer Wohnung war, überfiel sie eine unbeschreibliche Angst. Es war ihr, als ob sie umstrickt und umgarnt sei und nicht entrinnen könnte. Sie wußte durchaus nicht, wie sie sich diese unerhörten Vorgänge erklären sollte; es war, wie wenn man bei einem Erdbeben urplötzlich, wohin man sich auch flüchten will, überall den Boden unter sich zittern und wanken fühlt. Dazu hatte sie niemanden, der sie hätte trösten oder ihr hätte raten können, denn alle, mit denen sie bisher verkehrt hatte, zogen sich von ihr zurück, seit ein dunkles Gerede ging, sie habe in unliebsamer Weise mit der Obrigkeit zu tun. Indem sie darüber nachsann, dachte sie voller Sehnsucht an Dominik, als den einzigen Menschen, der sie in dieser Not beschützt haben würde. Denn jetzt kam ihr kein Zweifel, daß er zu ihr gehalten hätte, ob aus Gerechtigkeit oder aus Neigung, darüber dachte sie nicht nach.

In der Verzweiflung dachte sie, warum sie ihn nicht gebeten habe, daß er sie mitnehme; so gänzlich verlassen und verloren kam sie sich vor. Es kam ihr in den Sinn, ob es nicht das beste sei, die Stadt schnell zu verlassen, aber sie wußte nicht wohin, und dazu kam ein Bescheid vom Gemeinderate, es seien Anstalten getroffen, eine etwaige Flucht zu verhindern, und hätte sie einmal dergleichen versucht, werde man nicht anders können, als sie gefänglich einzuziehen, damit der Gerechtigkeit kein Abbruch geschehe. Was Frau Sälde am meisten quälte, war die Besorgnis, ihr Mann könne sich wirklich mit dem Gedanken tragen, nach Schlaraffis zu kommen; dennoch war sie der langsamen Marter am Ende so satt, daß sie fast wünschte, ihn zu sehen, um ihm seine bösen Lügen vorhalten zu können.

Inzwischen glaubte der Gottbegnadete, dessen wirklicher Name Reinhold war, die trübseligen Machinationen seiner Verbündeten, die er im Grunde alle verachtete, durch stürmisches Dazwischenfahren mit einem kühnen Griff zu dem erwünschten Ende zu bringen, und er traf eines Tages, ohne sie etwas davon wissen zu lassen, in Schlaraffis ein. Das Wiedersehen mit seiner ehemaligen Frau hatte er sich in den prangendsten Farben ausgemalt und im Geiste so verlaufen lassen, daß zwar Frau Sälde im ersten Augenblick vor ihm zurückwich, daß er aber mit dem stolzen Strome seiner Künstlerleidenschaft sie überflutete und die Scheu und den Trotz von ihrer Seele hinwegschwemmte. Das alles sollte ausklingen in einem Glockenläuten jubelnder Herzen und ausmünden in ein uferloses Meer von Glückseligkeit. Mit dem Ausmalen dieser Szene beschäftigt eilte er in ihr Haus, ließ sich nicht anmelden, riß die Tür auf und stand hochatmend, strahlend, siegprangend wie der Frühling auf der Schwelle, gerade so wie es ihm vorgeschwebt hatte. Aber Frau Sälde stieß keinen Schrei aus, noch wich sie zurück, ja, sie ließ kaum eine Überraschtheit verspüren; sie wußte genau, was er in diesem Augenblick dachte und fühlte, und was nun folgen würde, und alles das war ihr unsäglich zum Ekel. Sie sagte langsam und kalt weiter nichts als: »Es freut mich, daß du da bist, da ich ohnehin mit dir zu sprechen habe.« Diese Worte machten, daß der Gottbegnadete aus dem Rosenwolkenwagen seiner Träume jählings in den Staub der Erde stürzte und sich überaus verkannt und elend fühlte. Mit einer unsicheren Bewegung warf er den Hut vom Kopfe, daß er zu Boden rollte, ließ sich auf einen Stuhl fallen, wie einer, der zu Tode getroffen ist, und stützte den Kopf in die Hände, daß die schönen dichten Locken sie ganz bedeckten. Mit steigender Angst hörte Frau Sälde, wie er zu schluchzen anfing, daß sein zarter Körper ganz davon zitterte, denn sie fürchtete nichts mehr als das Mitleiden, das er so oft auf diese Art in ihr erregt hatte. Es war, wie wenn man im Begriff gewesen ist, ein aus dem Nest gefallenes, eben geborenes Vögelchen zu zertreten, dann aber ein zärtliches Erbarmen für das nackte Geschöpf fühlt, das man sich doch wiederum ekelt zu berühren. Sowie er bemerkte, daß sie sich von ihm zurückzog, warf er sich vor ihre Füße, umklammerte sie und preßte seinen Lockenkopf in ihre Kleider und gebärdete sich desto verzweifelter, je mehr sie sich ihm zu entziehen suchte. Mit den süßesten Namen überschüttete er sie und wurde nicht müde, sich selbst anzuklagen und zu sagen, daß es aus mit ihm sei, ganz, ganz aus, wenn sie ihn jetzt von sich stoße. Obwohl es ihm damit in diesem Augenblick völliger Ernst war, war ihm doch nicht halb so elend zumute wie der armen Frau Sälde, der es war, wie wenn weiche Fäden sie immer dichter umstrickten, wonnig zwar einerseits anzufühlen, aber zugleich anklebend und erstickend. Sie versuchte zu sagen: »Was soll das? Du hast mich mit den schmählichsten Anschuldigungen zu verderben gesucht, was sollen mir nun deine Liebkosungen?« Aber er bat so flehentlich und demütig, sie möge jetzt, nur jetzt noch nicht davon sprechen, daß sie es unterließ. Als er aus dieser Nachgiebigkeit Mut schöpfte und das hübsche Gesicht unter Tränen aufleuchtend mit noch halb demütiger Zuversicht zu ihr aufhob, erschrak sie, nahm noch einmal alle Kraft zusammen und sagte, er möge das vor allem festhalten, daß es zwischen ihnen aus sei und daß sie nie wieder eins werden könnten.

Was also alles dies bezwecke? Er möge sich fassen und dann denken, wie sie beide aus dieser schrecklichen Verwicklung, in die er sie mutwillig und gewissenlos hineingezogen habe, zu lösen seien. Diese entschiedenen Worte hatten aber einen anderen Einfluß auf den Gottbegnadeten, als sie gedacht hatte. Denn da er sah, daß sie wirklich nichts mit ihm zu tun haben wollte, und da er sich doch einbildete, durchaus nicht ohne sie weiterleben zu können, überkam ihn eine verzweifelte Entschlossenheit. Möge kommen, was da wolle, sagte er, sie müsse wieder sein werden; wolle sie ihm folgen und seine Frau sein, so würde er die Angelegenheit mit dem Gemeinderat und dem Pfarrer von Schlaraffis schon zu ordnen wissen; wolle sie nicht, so sei es ihm recht, mit ihr zusammen zugrunde zu gehen. Sie wisse ja, er könne unter Umständen hart und grausam sein, er werde bis zum äußersten gehen; er müsse sie wiederhaben und werde sie entweder zur Seligen machen oder aber sie vernichten.

In Wahrheit standen die Dinge nicht so schlimm für Frau Sälde, wie sie meinte, und als Reinhold, nachdem er sie unter Drohungen verlassen hatte, sich in aller Aufgeregtheit zu seinen Verbündeten begab, um zu besprechen, was weiter zu tun sei, gab es eine trübselige Sitzung, und man wünschte fast, man wäre den leidigen Handel los gewesen. Denn was sollten sie machen, wenn Frau Sälde in ihrem Trotze sich wirklich gefangen setzen ließ und abwartete, daß man sie ihrer Untaten überführte? Die sieben Todsünden fingen an, den Pfarrer mit Vorwürfen zu überhäufen, daß er diese ärgerliche Sache angezettelt habe, während der Gottbegnadete alle zusammen beschuldigte, mit seinem Lebensglück gespielt zu haben, denn einzig deswegen habe Frau Sälde sich von ihm abgewandt, weil er sich zu so nichtswürdigen Lügen hergegeben habe. Leider ahnte sie davon nichts, sondern saß daheim und starrte traurig aus dem Fenster. Von ihrem Platze aus konnte sie gerade das gemalte Schild der Apotheke sehen und die klingelnde Tür, aus der sie Dominik so oft hatte treten sehen, langsamen Schrittes und sorglich mit den Augen ihr Fenster vermeidend.

Darüber hatte sie immer lachen müssen; jetzt dachte sie, wenn er nur käme, so wollte sie zu ihm hinlaufen und ihn bitten, daß er sie beschütze. Jedesmal, wenn die Tür läutete, schrak sie zusammen und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, er müsse es sein. Dabei bekam sie allmählich eine so mächtige Sehnsucht nach ihm, daß sie den Kopf aufs Fensterbrett legte und weinte. War es möglich, daß sie einmal ein lustiges kleines Mädchen gewesen war, behütet und geliebt, voll heißer Begierde, in den herrlichen dunklen Garten des Lebens hineinlaufen zu können? Und nun war sie ganz, ganz verlassen und so verachtet, daß kein Hund ein Stück Brot von ihr genommen hätte, und der einzige, der ihr Liebe bot, war zugleich derjenige, dessen Nähe sie am allermeisten fürchtete. Als ihr das wieder einfiel, daß er jeden Augenblick zurückkommen könnte und daß sie nicht wissen würde, wie sie sich seiner erwehren sollte, packte sie eine solche Todesangst an, daß sie aufsprang und in aller Hast aus dem Hause ins Freie rannte. Sie lief, als ob es ihr Leben gälte, und erst, da sie ein wenig außerhalb der Straßen war, blieb sie stehen und besann sich, was sie nun anfangen wollte. Als sie in ihrer Betrübnis den beweglichen Streifen des Sees schimmern sah, kam ihr plötzlich der Gedanke, sie wolle es auf ein Gottesurteil ankommen lassen.

An den See wollte sie gehen, dahin, wo der Apotheker so oft gesessen und geangelt hatte, und wollte warten, ob er ihr ein Zeichen schickte, sie wußte nicht, was für eines es sein sollte, aber sie meinte, sie würde es dann schon verstehen, wenn es käme. Den andern Fall aber, daß nichts käme, was dann werden sollte, zog sie nicht in Betracht. Diese Ansicht ermutigte sie wieder etwas, und neue Hoffnung im Herzen, ging sie zwischen den Sümpfen durch, wo die Frösche hausten, bis ans Seeufer und freute sich, daß weit und breit, zu Wasser und zu Lande niemand zu erblicken war. An der alten Angelstelle lag unmerklich, gleichmäßig sich bewegend ein leeres, angebundenes Boot, dahinein setzte sie sich, löste es los, stieß es vom Ufer ab und ließ sich treiben. So wollte sie auf ein Zeichen von Dominik warten, ob es aus der Tiefe herauf, oder vom Himmel herunterkommen würde.

Das Wasser war bewegt und etwas trübe, man konnte nicht tief hinuntersehen; auch dämmerte es bereits, alles war einförmig grau gefärbt, mit einem geheimnisvollen violetten Schein darüber. Noch konnte sie die altertümlichen Häuser erkennen, die sich dicht um die burgartig gebaute Kirche drängten, und sie dachte an den Tag, als sie das treuherzige Bild zuerst gesehen und es gläubig begrüßt hatte, als eine sichere Zuflucht. Es war alles anders gekommen, und keiner Ahnung im Herzen war zu glauben.

*

Als der Mond aufging, machte sich plötzlich ein starker Wind auf und jagte die Wolken; nur hie und da schien das gelbliche Licht unsicher zwischen ihnen hindurch. Es wurde so neblich, daß man kaum unterscheiden konnte, wo der See aufhörte und wo die Wiese begann. Man hatte nicht mehr getanzt seit jener Vollmondnacht; Frau Sälde erschien das ganz selbstverständlich, ebenso auch, daß es niemals wieder geschehen würde. Dahingegen malte sie sich aus, wie einst in hellen, warmen Nächten die Gespenster der Toten kämen, um den Reigen aufzuführen, sie selber unter ihnen, und wie sie hinstarrte, meinte sie sie alle zu sehen und auch sich, Seerosen um den Leib geschlungen und die nebelgrauen Arme ringend, weil keiner mit ihr tanzen wollte. Dazu war es, als töne die Weise des Mondliedchens süß und gedämpft zu ihr herüber: »Still wie Schwäne den Teich entlang, wie eine Träne mir über die Wang'.« Auf die übrigen Worte konnte sie sich nicht mehr besinnen.

Mittlerweile war der Kahn eine gute Strecke in den See hinausgetrieben, und Dominik war nicht gekommen, noch hatte er ein Zeichen geschickt. Aber Frau Sälde fühlte sich wohl dort und dachte, wenn nur ein einziger Stern käme, so wolle sie denken, er habe ihn geschickt, und wollte vertrauen und warten. Sie legte sich im Boot zurecht und sah in den Himmel. Wie die Wolken so über sie hinsausten, immer neue und neue, schnell und stumm, verfiel sie ins Träumen, hörte aber gleichwohl noch die unermüdlich quakenden Frösche, zuweilen wenn der Wind den Ton vom Ufer herüberwehte, und das machte ihr lustige Gedanken, nur halb bewußte. Aus diesem Zustand fuhr sie auf, als sie ihren Namen laut und ängstlich rufen hörte. Das Herz fing ihr wilder zu klopfen an, als müsse dies das ersehnte Zeichen sein. Aber im selben Augenblick besann sie sich schon auf den Klang der Stimme, die da gerufen hatte und daß es Reinholds gewesen war. Sie war aufgesprungen und erkannte am Ufer einige bewegte Gestalten. Nun wiederholte sich der Ruf, innig flehend, begleitet von Beschwörungen und Versprechungen, wovon sie aber nichts verstand. Sie wollte auch gar nichts hören und schüttelte ängstlich den Kopf, ohne zu wissen, ob die am Ufer es wahrnehmen könnten. Dann glaubte sie zu sehen, daß einer sich anschickte, in den See zu springen, wohl um zu ihr hinzuschwimmen. Dies hatte Reinhold auch wirklich tun wollen, aber der Pfarrer und einige Todsünden; die bei ihm waren, hielten ihn davon zurück und eilten den See entlang, um einen Kahn herbeizuschaffen. Frau Sälde konnte das erkennen, auch wie die Männer unfern jener Stelle ein Boot entdeckten und wie Reinhold ihnen entgegenkam und hineinsprang. Als er nun vom Ufer abstieß, stieß sie einen lauten Schrei aus, denn sie selbst hatte keine Ruder, so daß sie in wenigen Minuten von ihren Verfolgern erreicht sein mußte, und in diesem Gefühl machte sie unwillkürlich einige Schritte rückwärts, wie einer, der fliehen will. Durch diese ungestüme Bewegung geriet das Schifflein ins Schwanken, und Frau Sälde glitt aus und fiel. Reinhold und die anderen Männer hörten fast im selben Augenblick ihren Schrei und sahen sie verschwinden, die Dunkelheit war aber zu groß, als daß sie deutlich hätten unterscheiden können, ob sie in den Kahn gefallen war oder ins Wasser; Reinhold entsetzte sich dermaßen, daß er ruhig zusah, wie die Männer sein Boot wieder zurück ans Ufer zogen und sich zu ihm setzten. Sie saßen einen Augenblick alle still und horchten auf den See hinaus, der Kahn schaukelte unter ihnen hin und her, weil das Wasser so stark bewegt war. Keiner von ihnen sagte etwas, zwei ergriffen die Ruder und fuhren so schnell wie möglich auf Frau Säldens Fahrzeug zu. Als sie angelangt waren, fanden sie, daß es leer war. »Gott hat gerichtet,« sagte der Pfarrer dumpf und feierlich, worauf niemand etwas entgegnete. Der Gottbegnadete empfand so viel wahren Jammer und Schrecken, daß er nicht daran dachte, seinen Gefühlen zu künstlerischem Ausdruck zu verhelfen; mit blödsinnig stieren Augen blickte er suchend die Wasserfläche auf und ab. Die anderen entdeckten bald den weißen Körper im Wasser, ruderten darauf los und meinten, sie sei vielleicht nicht tot, da nur wenige Augenblicke seit ihrem Sturze verflossen waren, aber bewegungslos war sie. Es kostete große Anstrengung, den schweren, nassen Körper in das leere Boot zu schaffen, und der Neid, welcher es nicht ertragen konnte, daß man sich so eifrig und sichtlich bedrückt um sie bemühte, gab zu bedenken, ob es nicht besser sei, sie im Wasser liegen zu lassen, indem es ein ungemeines Aufsehen erregen würde, wenn die Obrigkeit nachts mit einem ertrunkenen Weibe sich durch die Straßen schleppen würde. Diese Bemerkung machte alle stutzig, und es wurde zunächst beratschlagt und erwogen, was zu tun sei. Der Gottbegnadete, welcher anfing sich ein wenig zu erholen, rief schmerzvoll, ja, sie möchten nur heimziehen und ihn allein mit ihr auf dem wüsten Wasser lassen, was auch in Betracht gezogen wurde. Schließlich kamen sie aber doch überein, es sei das beste, eilends alles bekannt zu machen, Leute zu wecken, Wiederbelebungsversuche zu veranstalten, kurz, alles zu tun, was üblich ist, wenn man zufälligerweise einen Menschen aus dem Wasser fischt. Man ließ also die stille Frau Sälde in ihrem Kahne liegen, setzte sich wieder in Bewegung, und während zwei ruderten, zog einer das Totenschiff an der Kette hinter ihnen her: so kamen sie nur langsam von der Stelle. Außer Reinhold sah niemand nach Frau Sälde hin, denn zwischen dem schwarzen Nachthimmel und den dunklen Wellen hatte ihr Gesicht so beängstigend hell geleuchtet, daß es ihnen graute, und sie fürchteten, sie könne plötzlich die starren Augen bewegen und sie mit schrecklicher Gewalt auf einen unter ihnen richten. Als sie am Ufer angekommen und ausgestiegen waren, rafften sie den toten Körper auf und trugen ihn unter dem Blasen und Sausen des Windes in die Stadt, und ein wunderlicher Zufall fügte es so, daß Frau Sälde ihre erste Ruhestätte in der einstmaligen Behausung Dominiks fand. Da nämlich der Arzt weiter entfernt wohnte, beschloß man, den Apotheker wach zu läuten und sich von ihm Mittel und Anweisung geben zu lassen, wie man sie etwa ins Leben zurückrufen könne. Sie wurde in ein kleines Gemach neben dem Laden gebracht, wo ehemals Dominik seiner Purpurfärberei obgelegen hatte. Da lag sie nun, und man bemühte sich eine Weile um sie, trotzdem der Apotheker sofort erklärt hatte, sie sei mausetot und werde es bleiben bis an den Jüngsten Tag. Da aber der Neid es nicht lange aushalten konnte, die schöne Leiche von dem Apotheker loben zu hören, gab man es bald auf, stellte den Tod fest, und ein jeder ging nach Hause, während Frau Sälde bis zum Tagesanbruch in der Apotheke liegen bleiben durfte.

In der Bevölkerung erregte Frau Säldens plötzlicher Tod zwar einiges Aufsehen, aber im ganzen fand man es einleuchtend, daß sie in ihrer Gewissensunruhe sich ins Wasser gestürzt habe; diejenigen nämlich, welche einzig von der Sache Bescheid wußten, ließen es offen, ob sie mit oder ohne Absicht ertrunken sei, was sie auch insofern allenfalls tun konnten, als sie es nur von fern und undeutlich gesehen hatten. Der Gottbegnadete war untröstlich, hauptsächlich, weil er, wie er unablässig wiederholte, an ihrem Tode schuld sei und sie ins Verderben gestürzt habe. Das einzige, woran er sich erholen konnte, war der Gedanke an die glanz- und prunkvolle Totenfeier die er ihr ausrichten wolle. Es sollte ein wunderbares symbolisches Gepränge werden, halb Jubel, halb Jammer, daß man Leben und Tod im Verlaufe der Festlichkeit ganz auszukosten vermeinen sollte. Dabei aber stieß er auf lebhaften Widerstand, denn der Pfarrer und die sieben Todsünden waren im Gegenteil der Ansicht, daß man eine so zweideutig gestorbene Person in aller Stille abtäte und begrübe. Der Gottbegnadete, welcher es nicht liebte, wenn man ihn die notwendigen Folgen aus seinen Handlungen ziehen ließ, begriff nicht, daß er eine ehrenvolle Gedächtnisfeier der armen Frau Sälde eigentlich selbst unmöglich gemacht hatte, durch die häßlichen Beschuldigungen, die er gegen sie erhoben hatte. Da er es sich aber gern etwas kosten lassen wollte und nicht ohne Genugtuung unerhörte Summen ausgab, um die Erlaubnis zu einer Totenfeier, wie er sie sich dachte, zu erwirken, gaben die Behörden endlich nach, und die Bevölkerung freute sich auf den schönen Anlaß, bei dem es so wunderlich großartig zugehen sollte. Die höchste Steigerung sollte kommen, wenn der Sarg mit der geschmückten Leiche in die Kirche getragen wurde, in welchem Augenblick die Orgel anfangen sollte zu spielen, gleichsam von selbst, von einem Chor zarter Kinderstimmen wie von himmlischem Glockengeläute begleitet. Da nun aber wurde mit Ernst und Entschiedenheit eingewandt, daß Frau Sälde bei ihren Lebzeiten die Kirche nie betreten habe, mit der einzigen Ausnahme, die besser nicht stattgefunden habe, und daß man Gott nicht versuchen solle; der Pfarrer zum mindesten erklärte, in diesem Falle der Feier ganz fernbleiben zu wollen. Der Gottbegnadete, welcher freigeisterische Anwandlungen hatte, sagte, an einer geistlichen Predigt sei ihm so wie so nichts gelegen, und es gelang seiner inständigen Beredsamkeit, die sieben Todsünden für sich zu gewinnen, die ohnehin immer bereit waren, dem Pfarrer eine unschädliche Niederlage, die ein anderer ihm bereitete, erleiden zu lassen.

Einige Frauen und Mädchen, die Frau Sälde gekannt hatten und ihr gut gewesen waren, kleideten sie an und bekränzten sie über und über mit Wasserrosen, einmal, weil sie im See ertrunken war, vielleicht auch, weil sie sich jener Mondnacht erinnerten, wo sie in dieser Weise geschmückt war. Wie sie so weiß im weißen Kleide unter weißen Blumen dalag, konnte man sich gut vorstellen, es sei eine Wassernixe, die auf die Erde gekommen und da verdorben und gestorben sei. Sie sah nicht entstellt aus, nicht lustig, nicht traurig, aber zum Weinen, wie ein Kind, dem großes Unrecht zugefügt ist, das sich aber nicht wehren und nicht sagen kann, von wem und wie. Man zögerte, den Sargdeckel zu schließen, und das war im Grunde deshalb, weil sie so geheimnisvoll aussah, als wisse sie etwas sehr Schönes und Wunderbares zu erzählen, was mit ihr auf immer von der Welt verschwinden würde. Dieser Eindruck des Geheimnisvollen hatte sich aller, die die Tote gesehen hatten, so stark bemächtigt, daß sie sich auf manches besannen und davon munkelten, wie die Frau Sälde nicht in die Kirche habe gehen können, wie sie dieselbe sogleich habe verlassen müssen, als sie's doch einmal gewagt habe, und was nun wohl geschehen würde, wenn man die Leiche trotzdem hineintrüge.

Durch einen merkwürdigen Zufall geschah es, daß sie wirklich nicht hineinkam. Am Tage des Begräbnisses war es außerordentlich schwül, so daß man voraussehen konnte, es werde zu einem Gewitter kommen. Da aber alle Vorkehrungen getroffen waren, und überhaupt sich niemand so schnell fassen und besinnen konnte, fand es zur festgesetzten Stunde statt. Durch ein feierliches Abschiednehmen, in welchem der Gottbegnadete sich am Sarge erging, bevor er aus dem Hause getragen werden konnte, verzögerte sich der Augenblick des Abganges, und der erste Donner wurde hörbar, als der Zug sich in Bewegung setzte. Die Männer, die den Sarg trugen, hatten schon am Tage vorher manche Warnung und Prophezeiung anhören müssen, so daß sie, abergläubisch wie sie waren, sich in der peinlichsten Aufregung befanden. Wie es nicht anders sein konnte, nahm das Gewitter zu, je mehr man sich der Kirche näherte. Als man bis zur Einfriedung des Friedhofes gekommen war, fiel ein zackiger gelber Blitz nieder, dem im selben Augenblick ein entsetzlicher Schlag nachfolgte; einer von den Männern, die den Sarg trugen, brach in die Knie, so daß man meinte, er sei vom Blitze getroffen, was keineswegs der Fall war, was er selbst aber in seiner Verblendung glauben mochte. Man erinnerte sich, daß man sich gerade an der Stelle befand, wo Frau Sälde damals gesessen hatte und, während drinnen in der Kirche gepredigt wurde, ihr gottloses Gelächter habe erklingen lassen. Die Männer erklärten nun förmlich, es möge wer da wolle den Sarg in die Kirche tragen, sie würden sich um kein Gold der Welt zu einer vom Himmel so sichtlich gemißbilligten Handlung entschließen. Der Gottbegnadete war von den wirkungsvollen Naturerscheinungen und der aufgeregten Szene angeregt und erbaut und sagte nach einigen Weigerungen und Auseinandersetzungen nicht ohne Hohn, die Wölbung des Himmels und die Stimme des Donners seien die erhabenste Kirche und die göttlichste Predigt, die die Tote zur ewigen Ruhe weihen könnten, so möge man denn an dem dumpfen Bethause vorüberziehen. Die Männer nahmen den Sarg daraufhin wieder auf und setzten sich langsam in Bewegung, aber hie und da blickte einer scheu zurück in der Meinung, man würde die Frau Sälde auf der Kirchhofsmauer sitzen sehen, ausgelassen und schadenfroh hinter dem Zuge her lachend. Über diesen Vorgang hatte man das Gewitter selbst vergessen und nicht auf seinen Verlauf achtgegeben, und später wurde erzählt, es sei mit einem Male zu Ende gewesen, als man darauf verzichtet hätte, mit der unheiligen Frau Sälde in die Kirche einzutreten.

Obwohl dies Ereignis für Schlaraffis so eingreifend und aufregend war wie seit langer Zeit kein anderes, konnte es doch geschehen, daß Dominik in der Fremde nichts davon erfuhr. Er unterhielt absichtlich keinerlei Verbindung mit seiner Heimat, las keine dort erscheinende Zeitung und ging dem Verkehr mit Landsleuten aus dem Wege. Hinsichtlich der Geschäfte war es ihm nicht ganz so gut gegangen, wie er gemeint hatte. Es zeigte sich bei den Versuchen, daß die Farbe noch nicht alle die Eigenschaften hatte, die sie brauchbar machten, und Dominik mußte sich entschließen, ein neues Laboratorium einzurichten und auf Vervollkommnung zu denken. Er war viel zu sehr an Warten gewöhnt, überhaupt viel zu schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen, als daß ihn dieser Mißerfolg beträchtlich herabgestimmt hätte; er vertiefte sich bald so völlig in seine Arbeit, daß er sich gerade so zufrieden oder nicht unzufriedener fühlte wie in Schlaraffis. Bei alledem verbrauchte er aber Geld, ohne zunächst solches einzunehmen, und seine Verhältnisse verschlechterten sich etwas. Seine Pläne veränderte das nicht; er rückte nur einfach den Zeitpunkt des Glückes weiter hinaus, und sonst blieb alles beim alten. Dank seinem unverdrossenen Fleiße und seiner Erfindungsgabe sah er sich nach Verlauf von einigen Jahren am gewünschten Ziele und gleichsam vor der goldenen Pforte des Paradieses, die er nur aufzuschließen brauchte, um aller seiner Wonne Herr zu sein. Früher hatte er sich gedacht, er würde, ehe er heimkehrte und seinen Herd gründete, reisen und lernen, hohe Bildung in vollen Zügen einsaugen. Aber nun glaubte er, ein einziges Mal seinem Herzen ein kleines Zugeständnis machen zu dürfen, denn er war schon seit Jahren in der Fremde und hatte Heimweh. Auch schien es ihm reizend zu sein, wenn er mit Frau Sälde zusammen durch die weite Welt wandern und beim Anschauen ihrer unbekannten Herrlichkeiten ihr neugieriges Gesicht sehen und ihr frohes Lachen hören würde. Es wäre zwar auch schön gewesen, als vollkommener Weltmann vor sie hin zu treten, doch hatte er ein dunkles, aber sicheres Gefühl, daß sie an ihm, wie er war, mehr hing, als sie an jenem Idealbilde tun könnte, das er sich als Knabe von sich selber gemacht hatte. Genau so planvoll, wie er sich früher die entsagungsvolle Zeit der Arbeit verzeichnet hatte, arbeitete er sich nun das Glück des Wiedersehens aus. Er überstürzte nichts, aber ordnete doch auch alles pünktlich und ohne Verzug an. Seine Gedanken waren mit nichts anderem mehr beschäftigt als mit seiner alten Vaterstadt und Frau Sälde mitten darin, wie ein schöner Vogel im Neste. Wie sehr er es bisher vermieden hatte, sich in der Phantasie mit ihr zu beschäftigen, so gründlich rief er sich nun alles zurück, was er von ihr wußte: den furchtsamen Blick, mit dem sie ihn in der Kirche angesehen hatte, ihr liebes Lachen und die schüchterne Hand, die sie vergeblich nach ihm ausgestreckt hatte. Wenn er an dies letzte dachte, nahm seine Ungeduld, nach Hause zu kommen, auf das Unerträglichste zu, und er machte sich auf, sowie eine Kiste mit Samt- und Seidenstoffen in seiner Farbe zu Kleidern für Frau Sälde, das letzte, worauf er noch gewartet hatte, angefüllt und verschlossen war.

Wenn er sich das Wiedersehen ausmalte, war ihm der Gedanke besonders lieb, Frau Sälde würde am See sitzen und auf ihn warten, ohne zu wissen, daß er käme, von einem ahnenden Gefühle angetrieben. Diese Einbildung bemächtigte sich seiner so vollständig, daß er, als er zu Hause angelangt war, sich zu allererst, anstatt in die Stadt, au den See begab, um sie dort zu treffen. Eine leise Enttäuschung stieg in ihm auf, als er von weitem, scharf vorausblickend, keinen Menschen am Ufer erblicken konnte. Dennoch ging er langsam weiter, bis er an die Stelle kam, wo das Boot angekettet war, in das er in früherer Zeit die gefangenen Fische geworfen hatte. Dorthin setzte er sich, verspürte aber nun nichts mehr von der großen Freude, die dem Plane gemäß sich hätte einstellen müssen; er kam sich einsam vor. Es war ihm beruhigend, daß am See alles so aussah wie früher, denn das schien ihm eine Bürgschaft, daß es mit allem so sein würde. Auch die Frösche hörte er, aber nur in vereinzelten Tönen; es war noch nicht die rechte Zeit für sie. Er besann sich darauf, wie er an jenem letzten Abend hier gesessen hatte, und wie der Kahn dahergekommen war, in dem er Frau Sälde zum letzten Male gesehen hatte; deutlich konnte er sich noch immer ihren ergebungsvoll gesenkten weißen Nacken vorstellen. Er sah auf den See hinaus, als müsse das Schifflein jetzt dahergefahren kommen und sie ihm bringen; aber es war weit und breit kein Fahrzeug auf dem Wasser zu sehen. Endlich begab er sich doch in beklommener Stimmung in die Stadt, und da währte es denn nicht lange, bis er alles erfuhr, was geschehen war. Es kostete Mühe, bis man sich verständigt hatte, denn der Tod Frau Säldens, so aufsehenerregend er damals gewesen, war mittlerweile schon etwas in Vergessenheit geraten, und andererseits doch so allgemein bekannt, daß man nicht begreifen konnte, wie einer gar nichts davon wissen sollte. Dominik ging sogleich wieder nach dem Platz am See zurück, um sich ganz allein dessen bewußt zu werden, was er eben als einen bösen Schall von Worten vernommen hatte. Aber er saß noch eine geraume Weile nicht viel anders da, als er zuvor gesessen hatte, nur daß er sich immerzu wiederholte: tot, tot; aber er konnte sich nichts dabei denken. Er besann sich, was denn dies für ihn zu bedeuten habe, und ob er wirklich nötig habe, einen Schrecken zu fühlen wie eine arme Seele, die sich am Jüngsten Tage an den Ort der ewigen Verdammnis gewiesen sieht, und er zählte sich auf, was ihm zu genießen bliebe im Laufe des Lebens, das er noch vor sich hatte. Da wurde es ihm klar, daß er von Anfang an alles, was ihn einmal erfreuen sollte, auf diesem erträumten Grunde aufgebaut hatte, und daß alles mit dem zusammenbrach. Was war es alles nutz gewesen, die Entsagung, die Entbehrungen, die Arbeit, das Aufsparen? Nun war sein Leben so gut wie zu Ende, und es war nichts, auch gar nichts daran gewesen. Als er ängstlich in seiner Vergangenheit suchte, ob er nicht einen Augenblick rechten, vollen Glückes fände, gleichsam als Begründung seines Daseins, tauchte es in ihm auf, daß er doch einmal unsägliche Wonne empfunden hatte. Aber die einzige verschleierte Erinnerung, die er davon hatte, bestand nur darin, daß er einen Anklang an dasselbe Gefühl süßer, gesättigter Sehnsucht wieder in sich hervorrufen konnte. Wie er so in die Wellen starrte und hie und da gedankenlos ein graues Fischlein vorbeischießen sah, kam es ihm auf einmal, daß es nichts als jener Traum gewesen war, der ihm geträumt hatte in der letzten Nacht, die er in seiner Vaterstadt zugebracht hatte, ehe er in die Fremde ging. Da erfaßte ihn ein gewaltsamer Jammer, Tränen drangen aus seinen Augen, und zum erstenmal in seinem Leben gab er sich ihnen ganz hin und ließ sie in seine vors Gesicht gepreßten Hände strömen. Nicht, daß er in diesem Augenblick an die arme ertrunkene Frau Sälde oder an seine einsame Zukunft gedacht hätte, einzig daran, daß er nur ein einziges Mal in seinem Leben glücklich, und daß das im Traum gewesen war.

Mit dem Reichtum, den sich Dominik erworben hatte, hatte er zugleich die Möglichkeit erlangt, die Welt zu erforschen und zu genießen. Aber weder fiel es ihm nun ein, seine Vaterstadt zu verlassen, noch sich im stillen durch Bücher und andere Lehrmittel den Wissenschaften zu widmen. Vielmehr kamen ihm diejenigen jetzt lächerlich vor, die im beschränkten Eifer der Erkenntnis nachjagten, während doch im Grunde die größtmögliche der geringsten gleich war, indem keine bis zu den allerletzten Ursachen führte, um die es sich eigentlich handelt. Auch das bot ihm wenig Genugtuung, ja, er bemerkte es kaum, daß die Leute ihn mit Auszeichnung und Ehrerbietung behandelten, denn bis zu einem gewissen Grade hatten sie es immer getan, und außerdem lag ihm nichts an ihnen. Sie hingegen bewunderten in ihm den ausgemacht reichen Mann, der zugleich einen geheimen Kummer hatte, von dessen Art und Geschichte sie sich nur unklare Vorstellungen machten. Die verschiedensten und seltsamsten Auslegungen gingen darüber um, überhaupt machte man sich abenteuerliche Gedanken über Dominiks Lebenswandel, je eintöniger und schlichter er dem Scheine nach verlief. So zum Beispiel erzählten sich die Kinder, er angle die Fische – denn dieser Beschäftigung pflegte er tagelang nachzugehen – nicht mit den üblichen Lockspeisen, sondern mit Goldstücken, und zwar werfe er stets das ein einziges Mal gebrauchte in den See, weswegen sie auch häufig hineinzuwaten und zu suchen pflegten, auch behaupteten, man könne es hie und da auf dem Grunde goldig blitzen sehen, wenn sich auch nie etwas greifen ließ. Auch das erzählte man sich, daß er alle gefangenen Fische zuletzt, wenn es dunkel sei und er heimgehen müsse, wieder ins Wasser werfe.

Einmal erkundigte er sich bei den Kindern, mit denen er am häufigsten verkehrte, nach dem Mondreigen, aber die wußten nichts davon, weil sie noch ganz klein gewesen waren in den Jahren, als man ihn zuletzt getanzt hatte. Als sie sich nun ihrerseits erkundigten, was es damit auf sich habe, erzählte er ihnen davon und ließ sie im Mondschein den Reigen aufführen und sagte, sie müßten so lange tanzen, bis der Mond mit zu tanzen anfinge. Das gefiel ihnen, und sie drehten sich im Kreise, wobei sie fortwährend zum Monde hinaufsahen, und wenn sie schließlich zu sehen glaubten, daß er sich bewege, jubelten sie und sangen: »Fliegender Mond! Wer fängt ihn ein?« nach einer wilden, selbsterfundenen Melodie und nur diese Worte, denn auf die andern hatte sich Dominik nicht mehr besinnen können. Hieran, als an einem unschuldigen Kinderspiel, nahm niemand Anstoß, auch war fast nie jemand dabei zugegen außer Dominik, der, den Kopf auf die Fäuste gestützt, mit glimmrigen Augen zusah, bis die Kleinen sich plötzlich vor dem Monde, der Nacht und dem schwarzen, unbeweglichen Manne zu fürchten anfingen, hell aufschrien und davonliefen.

*

 

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

 

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