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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Fünfundfünfzigstes Kapitel

Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach Hause, und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.

Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber, und seine Lider fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen Augen einer Wachsfigur.

»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.

»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es ist nichts, beruhige dich nur.«

»Hast du denn nicht geschlafen?«

Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau,« sagte der Arzt, als er Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert; um das zu konstatieren, haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«

»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna freundlich. »Ich selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten Verfassung ...«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche Katastrophe, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«

Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel, den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält aus.

»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.

»Laß nur, Arnold«, antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein,« sagte er, »ich will dir etwas geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam, sie stumm fragend anblickte.

Er brachte eine kleine Schachtel, in der ein altertümlicher Schmuck auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch sein gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner Mutter,« sagte er, »und du sollst es haben.«

Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers erwehren konnte, der langsam ihren Nacken hinabrieselte. »Und du glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.« Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.

»Oh, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold, und versuche, etwas anderes zu tun als das, was ich von dir erwarte und was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen darauf.

Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.

Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers. »Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«

Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen ab und nahm sich vor, nur der Gegenwart zu leben, den Augenblick zu nutzen, und was feindlich dagegen aufstand, zu vernichten. Daran klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten zu können.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst zugegen.«

Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum soll er nicht wissen, daß ich da bin?«

Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«

Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht geantwortet.«

»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold«, sagte Anna in gesellschaftlichem Ton.

Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe, und Borromeo erschien auf der Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe, und Anna und Arnold waren wieder allein. Sie schwiegen lange.

»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut«, sagte endlich Anna Borromeo mit eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat ohnehin schon lange aufgehört, unter Menschen zu leben. Für ihn ist es das beste, und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«

Arnold antwortete nicht. »Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«

»Ja, tu' es nur«, sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.

Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.

Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarierten Schal und hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch nieder und blickte eine Welle sinnend in die Flamme. »Es ist nun geschehen, Friedrich«, sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder Beziehung gut für dich sein.«

Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann nicht auf dem Land leben«, sagte er.

»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl«. sagte Anna liebenswürdig tadelnd. »Also, wo willst du denn leben? Im Nichts?«

»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts«, flüsterte Borromeo.

»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich gehe?«

»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich kaputt«, sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige Art. Er zitterte am ganzen Körper.

»Also willst du reisen. Friedrich?« fragte Anna liebevoll.

Er schüttelte müde den Kopf.

»Höre mich«, begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen...« Sie verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf die Platte. »Eher gleich verrecken«, murmelte er vor sich hin.

Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«

Da fingen Borromeos Augen zu glühen an, und sein Gesicht überzog sich abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit dem Kopf. »Will – ? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.

Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden die Augen, atmete tief, und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle Färbung.

»Es ist nicht Lüge«, sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in diesem Augenblick in dem Manne vorging.

»Nun gut«, sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck. »Podolin, das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hintritt und mir sagt: Dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ... dann will ich nach Podolin.«

Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das Zimmer.

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