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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Dreiundfünfzigstes Kapitel

Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut. Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich und war fast ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor. Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen.

Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.

»Was haben Sie gearbeitet? Was haben Sie fertiggebracht?« fragte er.

»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold.

»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie sich ausgelebt?«

»Ein böses Wort, lieber Freund.«

»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«

»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe, Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«

»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings halte ich mich meistens an das Nützliche.«

»Sie sind eine harmonische Natur.«

»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen geben, daß Sie zuviel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort, und das nennen sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen, denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät, und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.«

Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst«, sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht länger beisammen bleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre, Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen bestand ja in einer geradezu programmäßigen Ehrlichkeit.

Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort in der Ecke eines Diwans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit regungslos starrenden Augen auf der Armlehne. Arnold blieb schweigend stehen.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren.

»Dreiviertel fünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden, hatte aber jede Unbefangenheit verloren.

»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.«

Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.«

»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie.

Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring, lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt Ohnmacht über mich«, sagte er.

»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna leise.

Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner Mutter verheiratet.«

»Das ist wahr,« sagte Anna ruhig, »aber ich bin dreißig Jahre alt und habe kein Kind.«

»Ich will dir nur gestehen,« fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine Rolle, und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was ich tue, stehe ich ein mit allem, was ich bin.«

Arnold schritt auf und ab, die Hände mit fest aneinandergeklammerten Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder –« er trat zwei Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß ich es schon vorher wußte?«

Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand, und nach einer Weile sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.«

Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem er vor Anna auf und ab ging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen ihn. Eine unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich seiner, und indem er stehenblieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas anderes sein könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge. Das ist es.«

Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck. »Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie. »Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?«

Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das ... wäre undenkbar.«

»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, die nennt man Moral.« Arnold schwieg.

»Ich muss fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold,« fügte sie lebhaft hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg. Willst du mir Gesellschaft leisten?«

»Morgen abend – ?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer.

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