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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Zweiundfünfzigstes Kapitel

Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf eine gleichgültige Zukunft.

Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen. Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, ein sicheres Auskommen. Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, ohne es zu wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur.

Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer Amtsperson, die in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen Anweisungen für den Tag, und als sie über den Korridor zurückging, kam Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder von der Kanzlei komme.

Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Am sechs Uhr früh hast du schon das Haus verlassen, und niemand weiß, wohin du gehst. Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin gebraucht...«

Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln. »Hast du etwas vor?«

Borromeo blickte in die Luft, und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte skandierend.

Anna stutzte. Sie sah ihrem Wann ins Gesicht und sagte rasch: »Balescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.«

Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du bist sonderbar.«

Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«

»Ach, er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Anna gleichgültig hin.

»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.«

»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«, entgegnete Anna Borromeo ruhig.

Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?« fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen, wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«

»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter dir hast«, antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.

»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah, war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen, sonst geht er zugrunde.«

»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«, sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln, als Borromeo schwieg, und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen Gemach wartete die Friseurin, und Anna unterhielt sich mit ihr von den neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir dich für den dreizehnten abends erwarten? Dein Onkel kränkt sich wieder einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke. Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß! Offenbar gehst du darauf aus, alles, was du bist und vorstellst, zu spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie trocknete die Augen, und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken, zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: Ich bin heute nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort und mit Eilpost ab.

Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen italienischen Roman und las.

Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck.

Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckle die Achseln.

»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«

»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«

»Ach ja. Hyrtl, das arme Kerlchen! Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«

»Er war ein guter Freund.«

»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«

»Schlecht.«

»Du solltest Karriere machen.«

»Wozu? Es lockt mich nicht.«

»Du solltest reich sein.«

»Ich habe genug.« »Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel geben, daß sie den Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.«

»Wir scheint, du sehnst dich nach vielem.«

»Weil ich nichts besitze.«

»Weil du nichts halten kannst.«

»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«

»Liebst du denn nicht deinen Mann?«

Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.

War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit Smaragden, wie sie einen trug, damals...?

Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.

»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton.

Sie schwieg.

»Sprich doch!«

»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja lauter Krämer.«

Sie brach in Schluchzen aus.

Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste, was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange und drückte sanft seine Lippen darauf.

Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen Widerhall gefunden. Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener Waldstationen.

Die Bahn, die auf einem langen Viadukt über Gumpendorf emporführte, gelangte zu einer Biegung, und weit hingedehnt, im graublauen Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die Horizontlinie, und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche, Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten, und Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden Mantel des Abends, die Millionen.

Reich sein, reich sein! dachte Arnold.

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