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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Einundfünfzigstes Kapitel

Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert werden könne.

Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend, erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich: »Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«

Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«

»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. Er ist ein gutmütiger Mensch.«

»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit,« sagte Arnold lebhaft, er würde mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben könnte.«

Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.

»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«

Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und danach kam der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.

Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!« sagte er mit einem Seufzer, dem er etwas Scherzhaftes beizumischen versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen Kegeln emporblies.

»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold, und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei zumute wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben sieht.

»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie immer. Rassen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen schädlich ist? Welche Widersprüche!«

Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne. »Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, geht's mir gut. Nun, was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor,« wandte er sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«, bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka müßte man es erfinden.«

Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere. Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch eine Schönheit! Wo ist sie? Wo ist Verena?«

»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden Blick und schob Hyrtl von sich weg.

»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen mittag über Land fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so finster...!«

Arnold schüttelte den Kopf, und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab' ich da erlebt – ach! Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: ›Sophie, heut muß ich sterben.‹ Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: ›Menschen sterben nicht, du Dummkopf.‹«

»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig.

»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sie's, Arnold! Wenn Sie wüßten, wie gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder anfangen dürfte zu leben, möcht' ich so sein wie Sie.«

Endlich ließ sich Arnold bewegen, und Hyrtl ging zufrieden fort, von Hanka begleitet.

Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte: »Der gnädige Herr schläft noch.«

Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er: »Auf! auf! Langschläfer! Der schönste Tag!«

Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie.

Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl. Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes.

Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebensosehr, daß Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage, und ich kann Ihnen leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«

Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte geradeaus. Aha, dachte er betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich danke Ihnen.« sagte er kalt, »ich brauche es nicht.«

Noch gestern, und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander. Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies Arnold zu sagen. Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen. Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn küßte.

Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«, sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal soviel war er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«

Hanka ging nach Hause.

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