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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Achtundvierzigstes Kapitel

Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe. Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand.

Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der Tisch zum Tee war gedeckt.

Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und ab bewegte. Herr von Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend an Arnold. »Herr Ansorge – wenn ich recht verstanden habe – ? Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren, in ... Podolin?«

»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold.

Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.«

»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.

»Gott verzeih mir,« fuhr der junge, behagliche Mann mit einem Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –? Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«

»Jawohl«, erwiderte Arnold.

»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«

»Specht?«

»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«

Alle blickten auf Arnold.

»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.

»Ja, ja, ja! Ganz gewiß, natürlich,« sagte Herr von Gröden bereitwillig, »aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es im Kloster tausendmal besser haben als in dem Stall, in dem sie aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –«

»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach. Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie unter einem Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist; was für eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden von Komödie!«

Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem Gefühl der Erleichterung verbunden, das ihm dieser Ausbruch verschaffte.

Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker,« sagte er, »ein wackeres Wort. Ich hab' es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.«

Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und nahm ziemlich verstimmt Abschied. »Wir haben nicht viel Zeit,« sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?«

Arnold verbeugte sich dankend und sagte, es würde zu spät werden, bis er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich, ihn zu begleiten.

Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen. Er war äußerlich von angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab' ich mit verheirateten Frauen zu tun,« sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«

Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an das heutige Gespräch mit Specht, und den Rücken hinab rieselte etwas wie ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und hatte gesagt: Ein wackeres Wort. Entrüstung. Zorn, Empörung: kleine Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht lächerlich werden, alles, nur das nicht.

Aber er war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten lang niedersetzte, um nachzudenken.

Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer ein frechster Traum umspannt.

Er lernte Leute kennen, die kamen, um die Baronin während der Pausen zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich, herauszufinden, welche Eigenschaften es eigentlich seien, durch die er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich zurück, und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie zuvor an einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.

Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte.

Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Büro. Arnold verschob es zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel, Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien, während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke, seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet, ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte Arnold.

»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung,« sagte Borromeo, nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich habe mich erkundigt – man zuckt die Achseln.«

Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige ist Sache des Glücks.«

Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr über Arnold.

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