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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Siebenundvierzigstes Kapitel

Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld, bei jedem Schritt, den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück. Aber diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las. Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen, und seine Phantasie schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosengirlande über der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend, viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes. Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte kochen lassen, sondern in ein Restaurant in der Nähe der Oper. Es war ein vornehmes und teures Haus, aber er hatte Lust, gut zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der vor ihm zusammenknickte wie ein Messer. Als er am Tisch saß, gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen, kalten Neigen seines Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße Perle steckte in seiner Krawatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde, langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ms Gesicht. Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen.

»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen.

»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert, erzählt man sich.«

Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weihe Fleisch sorgsam von den Gräten. Er lächelte.

»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen,« sagte Specht plötzlich in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes Zimmer bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin, der Kellner, der mich kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Valescott und –«

»Nicht weiter, Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den Tisch.

Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt, Sie haben recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier, es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die Wahrheit ist eine schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«

Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer, allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.

Es war vier Uhr, und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus, das die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer jener alten, verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde, war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn warten.

Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame Gasse hinab. Während ei bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein wiegender Gesang, gedämpft durch die geschlossene Türe und die dicke Portiere. Er ging zur Tür und lauschte. Es war eine Mädchenstimme, die die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid; die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knien reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe. Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.

Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal eingebrochen sind«, sagte die mittlere, die die gewandteste war. Die älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen. In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn. Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche, einander entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.

Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht einmal Ihre Namen.«

»Raten Sie«, sagte die älteste fast streng.

Er riet, stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite, und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.

»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.

»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora. »Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf diese Art Herrenbesuche zu empfangen,« sie lachte, »aber bei Ihnen wollen wir eine Ausnahme machen.«

Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen Mollakkord an.

»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Nora, indem sie Platz nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«

»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.

»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte.

»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz über die Schulter zurückgeschallt, nun legte sie die Hände in den Schoß und lauschte. »Ich erinnere mich,« begann Arnold, »einst hatte ich einen sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer Mauer stand geschrieben: Diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing über der Mauer, und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein Maul auf und sagte: Wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete mich, mir grauste, und ich lief davon. Aber damals verachtete ich Träume.«

»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.

»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich zurückdenke –! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes. Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei, niemals dacht' ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knien hin, weinen, beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden, als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen Menschen.«

Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.

»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur.

Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging hinaus.

Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum spielen Sie nicht?«

»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten legte. Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin.

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