Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Wassermann >

Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
Schließen

Navigation:

Dreiundvierzigstes Kapitel

Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen. Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise Glucksen des Wassers in den Wiesen?

Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten ferne Heiterkeit. Er war überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens, als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges Kompliment.

Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief, verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Unsorge lag auf einem Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken an die niedere Mauereinfassung und suchte die Gestalt der Toten erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes Schweifen ergriff den Sinn, und trübe nur, kaum den Rand des Grabes überschreitend, wurde ein Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einen Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen, kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen, stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus Mailand. Mal fa chi tanta fè obblia.

Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein? Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte: Schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr verschöntes Bild, und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige Selbstprüfung vor.

Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu, und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von achtundsechzig Gulden waren ihm ein Paar junger Ochsen gepfändet worden, und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.

Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem, zur Erde gelehrtem Gesicht, und Arnold ging ins Haus.

Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um Briefe auf die Post zu tragen, sah er von einem der ersten Bauernhöfe eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er selbst sei der Bahnexpeditor und habe früher den Kubu unter sich gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des Kubu?« fragte Arnold dagegen.

Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuerexekutor aus Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und fügte hinzu: »Ohne das Vieh bin ich ein toter Mann.« Die Frau versprach, sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen, und beide baten mit erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor entschied: »Entweder bezahlen oder die Ochsen her!« Kubu schrie: »Ich gebe sie nicht her; lieber geh' ich gleich zugrunde, als daß ich später mit meiner Familie zugrund gehe.« Das ganze Dorf war zusammengelaufen und nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau warf sich ihm entgegen und flehte: »Nicht auf den Kopf!« Sie fing den Schlag auf. der dem Kubu zugedacht war, und wurde an der Hand so verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten sah. sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: »Wie Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden!« Die Frau entriß ihm die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem Hausier wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.

Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte: »Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei Gulden bekomm' ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn. Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu. Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu. Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht mitteilen konnte.

Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb er stehen und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen Erleuchtung: »Sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja, er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen Platz, und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte. Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend krümmte sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold empfand ein Verlangen nach Trost, Nutze und Gedankenlosigkeit.

Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei solchem Wetter!«

»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?« fragte die Alte.

»Ja. das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist ein Höllenkreisel. Da heißt es: Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. Hier weiß man nie, ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort, zwischen Suppe und Mehlspeise, wird die Welt anders, und wer stillsitzen möchte, der muß tanzen und springen.« »Aber wenn es regnet, wird's dort auch naß. Das ist kein Unterschied«, sagte Ursula.

Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit,« sagte er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«

Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«

Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er, und würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer. Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen, denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehen unmöglich. Eine krumme Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen, als er ihn erkannt hatte. »Ei, gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab' ich mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«

»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold laut und verlegen. »Wie geht es Ihnen?«

»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche muß man's treiben.« Er lachte.

Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der Zunge, aber es war ihm nicht möglich, zu fragen. Ihm war, als stehe ein Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und er sagte sich: Ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.

Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.