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Der Moloch

Jakob Wassermann: Der Moloch - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleDer Moloch
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide7c1e4f8
created20070107
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl und Pottgießer bei Anna Borromeo.

Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsenagent war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte, und lud Arnold ein.

Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für dich, Arnold.«

»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres Bezirks dazu veranlaßt.«

Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.

»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte selber austragen.«

»Sie sind doch auch ein Jude«, entgegnete Arnold verwundert und maß ihn von oben bis unten. »Gestern erst hat mirs jemand erzählt, zufällig.«

Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte mokant die Lippen.

»Ich war ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte halb spöttisch, halb verlegen.

Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.

Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen, auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der Feierlichkeit besessen hatte, verursacht durch die Schönheit des Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes, das seine Richter und Väter kennenzulernen wünschte; es sei also besser zu hören als zu sehen, und nützlicher zu warten als zu urteilen. Erst muß man lernen, dachte er, indem er dem Beginn der Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm, der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich, gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern, und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges Wort gar nicht mehr herausdrang. Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte, und es wurde von etwas anderm gesprochen.

Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust, hinunterzuschreien, und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.

Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!« rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.

Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein weißes, loses Gewand, das über die Füße hinweg seitlich zur Erde fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen. Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat, und winkte ihm mit dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«, begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor und sah ihn erwartungsvoll an.

»Was ist es?« fragte Arnold.

Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun, das bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du nicht Platz?«

Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich wissen, was es ist«, sagte er kühl.

»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm starr in die Augen.

»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel hab' ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«

»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert. Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dirs zurückgeben.«

»Ah so!« sagte Arnold.

»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort. Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.

Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte, und er ging. In seinem Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.

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