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Der Mensch als Symbol

Georg Groddeck: Der Mensch als Symbol - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleDer Mensch als Symbol
authorGeorg Groddeck
year1933
firstpub1933
publisherInternationaler Psychoanalytischer Verlag
addressWien
titleDer Mensch als Symbol
pages162
created20130311
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wenn man sich einmal auf Etymologie eingelassen hat, merkt man erst, wie schwer es ist, über den Menschen zu schreiben. Man denkt, wer weiß wie weit gekommen zu sein, wenn man sich davon überzeugt hat, daß der Mensch zwei Geschlechter und zwei Lebensalter hat. Aussprechen läßt sich solche Überzeugung leicht; aber sie sich so zu eigen machen, daß man danach leben kann und daß man danach Kranke behandeln muß, ist nicht leicht. Für den Deutschen geht es noch eher, sich bei dem Worte Mensch je nach Belieben einen Mann, ein Weib oder ein Kind vorzustellen. Aber wie macht es der Engländer, für den der Mensch man ist, der Franzose, der Italiener mit homme, uomo? Haben sie eine Neigung, ein menschliches Wesen so lange für einen Mann zu halten, bis sie es als Weib (woman – wifman, femme – femina = die Säugende) »erkennen«?

Im Griechischen ist Mensch anthropos (ανϑρωπος), das Wort wird mit maskulinem Artikel für beide Geschlechter gebraucht. »He anthropos (ἡ ανϑρωπος)« ist die Hure, ähnlich wie das jetzige Deutsch, übrigens erst seit kurzer Zeit, »das Mensch« sagt, wenn eine anrüchige Frau bezeichnet werden soll; noch vor zwei Jahrhunderten war jede Frau das Mensch, und der Franzose spricht noch immer unbefangen von ma chose, wenn er von seinem Weibe erzählt. Die erste Silbe geht auf die fruchtbare Wurzel men, man – meinen zurück, von der bald die Rede sein wird; die Sachverständigen sagen, anthropos sei eine Zusammensetzung von menthere (μενϑηρη) = Stirn und ops (ωψ) = sehen. Meine eigne Vermutung, daß die beiden letzten Silben aus der Wurzel thor (ϑορ) (thoros, ϑορος = männlicher, menschlicher Samen) gebildet sind, gründet sich nur 19 auf die Tatsache, daß sich das Wort throsko (ϑρωσκω) = springen, bespringen, befruchten, aus der Wurzel thor herleitet.

Ein besonderes Verfahren hat die dänische Sprache befolgt, dem Dänen ist der Mensch eine Sache – et menneske –, ein Neutrum, während der Schwede sogar so weit geht, dem Menschen als Lebewesen einen weiblichen Charakter zu geben, människa ist bei ihm nicht ein »han« (er), sondern eine »hon« (sie). Die beiden nordischen Wörter zeigen schon in ihrem Klang, daß auch für die germanischen Sprachen der Mann Symbol des menschlichen Lebewesens ist. Das deutsche Mensch ist ein Substantiv gewordenes Adjektiv, lautet ursprünglich »männisch«, also Mann.

In gewisser Beziehung ist es erklärlich, warum gerade der Mann als Vertreter des Menschlichen gebraucht wird: wir sind sehende Wesen, in großer Entfernung nun entscheidet die Bewegung des gesehenen Gegenstandes, ob es sich um ein Lebewesen handelt oder nicht, und die aufrechte Haltung, ob es ein Mensch ist oder ein Tier; erst in der Nähe, eigentlich an der Kleidung sieht man den Geschlechtsunterschied, ja völlig sicher wird man oft erst durch die erkennende Umarmung. – Was sich aufrichtet, aufrecht steht, sich aufrecht bewegt, ist durch das Symbol männisch bezeichnet, und das Symbol entscheidet so für den Mann. »Mann« nun stammt von der Wurzel »men«, die denken bedeuten soll. Danach wäre Mensch – wenigstens der männliche Mensch – das denkende Lebewesen: der zwiegeschlechtige Organismus im Besitz beider Lebensalter, begabt mit der Fähigkeit zu denken.

Plötzlich stehen wir vor der Grundlage unsrer heutigen Kultur, all unsrer Philosophie, Wissenschaft, Religion, Lebensauffassung und Lebensführung: der Mensch denkt, er allein denkt, kein andres Wesen tut es; die Zweifel, ob nicht auch Tiere, Pflanzen, ja womöglich Atome, Ione, Elektrone denken, oder die andern, ob das Denken nicht dazu da ist, um jedes Erkennen zu verhindern, haben keine Bedeutung in unserm Leben; wir spielen mit diesen Zweifeln, sonst nichts.

Trotzdem, die Zweifel sind da, verstärken sich immer mehr, von allen Lebensgebieten aus erheben sich Bedenken gegen die Tyrannei des Denkens. Und da kommt es uns Mystikern zu Paß, wenn die 20 Etymologen erzählen: Denken ist »machen, daß etwas scheint«, es beschäftigt sich nicht mit dem Wahren, sondern will wahr scheinen lassen, was gut dünkt.

Es handelt sich für mich nicht darum, etwas gegen das Denken zu sagen. Niemand ist so blind zu verkennen, was der Mensch dem Denken schuldet. Aber welch eine Weisheit des Sprach-Unbewußten, schon vor Jahrtausenden das Einseitige, Absichtliche, völlig Subjektive, Dogmatische dieser Funktion des Menschen festgelegt zu haben! Die Sprache ist ehrlich geblieben, sie gibt zu verstehen, daß uns das Denken zu belügen sucht, wir aber machen uns im Gebrauch der Sprache selbst zu Unehrlichen, wenn wir das Denken rein nennen. Ich freue mich, daß das Wort Mensch nichts mit Denken zu tun hat, sondern mit Meinen; Meinen kann auch der ehrliche Mensch, im Denken liegt das Überzeugenwollen, das Haschen nach Vorteil. Und es ist wohl kaum noch ein Zweifel daran: wir Europäer haben genug gedacht, wir sollten zum Meinen zurückkehren.

Mitunter hat die Kunst versucht, den denkenden Menschen darzustellen; gemeinsam ist diesen absichtlichen Darstellungen die Mühe, die das Denken nach Ansicht der Kunst bereitet. Meist werden Denker sitzend abgebildet, zusammengekrümmt und offenbar dringend damit beschäftigt, etwas aus sich herauszupressen. Damit man nicht auf den Gedanken kommt, es handle sich um einen ganz andern alltäglichen mitunter recht schweren Vorgang des Hervorbringens, sondern um eine Arbeit des Schädels, legt man den Kopf mit dem Kinn, als ob er schwer sei, in die Stütze der Hand. Dieselbe Gewißheit, daß nicht eine Tätigkeit in den Regionen des Bauches vorgeführt werden soll, ergibt sich daraus, daß die Beine übereinander geschlagen sind: die in Betracht kommende Öffnung ist verschlossen. Die Kunst hält ebenso wie die Sprache das Denken für etwas gewollt Einseitiges; es ist nicht ein Streben nach Wahrheit, sondern der Wunsch, etwas Gedachtem den Schein der Wahrheit zu geben.

In Florenz ist ein Bildwerk des Michelangelo zu sehen, das der Volksmund il pensiero (der Gedanke) genannt hat; es ist die Grabmalfigur des jüngeren Lorenzo di Medici. Wir sind gewöhnt, pensare 21 mit denken zu übersetzen, aber ich bezweifle, daß ein Deutscher dieses Denkmal mit dem Wort »der Gedanke« bezeichnet hätte. Lorenzo sitzt freilich auch, er stützt sein Kinn mit der Hand, aber jede Spur des Krampfhaften, mit dem die heutige Kunst den Denker auszustatten pflegt, fehlt; pensare (von pendere) schließt das Absichtliche des Denkakts aus, es ist ein Erwägen, der Kopf wird eher festgehalten als gestützt, das Pendeln, Wackeln soll verhütet werden.

Das Denken wird jetzt überall, nicht nur bei den germanischen Rassen, betrieben, es gehört zu dem gewohnheitsmäßigen Sichvordrängen des Worts und Begriffs Ich, wie es sich sprachlich schon darin ausdrückt, daß uns die Verb-Endung nicht mehr zur Personalbezeichnung genügt, daß wir das »Ich, Du, Er« hinzufügen. Als ob das Ich nicht an sich mächtig genug wäre, im Guten und Bösen, als ob der Mensch dadurch größer würde, daß er die Welt in Natur und Mensch einteilt; er bleibt doch nur ein Stück Natur. Je heftiger unser Wunsch ist, eine Welt außerhalb von uns exakt zu erforschen, um so tiefer werden wir in die Knechtschaft des Ichs geraten.

Soviel ich weiß, kannte weder der Grieche noch der Römer das Denken. Der griechische Ausdruck lautet unter anderem noeo (νοεω) = wahrnehmen, erkennen, Wurzel sneuo = winken. Die Lateiner haben das Wort cogitare = coagitare = zusammentreiben (agere). Also in beiden Sprachen ist etwas andres gemeint als in unserm Wort denken. Auch die neueren romanischen Sprachen haben ihren Wörtern penser, pensare die Bedeutung denken unterschieben müssen, was nicht ganz gelungen zu sein scheint. Das englische to think ist eine Mischform aus den beiden alten Wörtern denken und dünken. Die alte Bedeutung von Denken – den Schein erwecken – hat sich bei uns in dem Wort Dünkel lebenskräftig erhalten.

Wenn man ein Beispiel der doppelten Leistungen des Verdrängens geben will, so ist das Wort denken brauchbar: Denken ist das Verdrängen der andern Wahrheit – vielleicht aus Dünkel; dieses Verdrängen hat uns zu Wissenshöhen geführt, wie sie wohl kein andres Zeitalter gehabt hat, es hat uns aber der andern Wahrheit, dem Weg und dem Licht und der Wahrheit entfremdet, hat zum großen 22 Teil die spezifisch europäischen Leiden herbeigeführt, die in gefährlicher Weise unser stolzes europäisches Wesen zu zerstören drohen. Unser Gehirn ist nicht durch vieles Suchen nach Wahrheit überarbeitet, sondern durch den Versuch, das Primitive, Zwiegeschlechtige, Mannbar-Kindliche, Meinende, Menschliche in uns zugunsten des Realen, Objektiven zu vernichten. Da der Mensch nicht aus seiner Haut heraus kann, mißlang die Vernichtung, und nur eine Verdrängung kam zustande, bei der das Verdrängte zu Gift geworden ist. – Man kann das an tausend verschiedenen Formen menschlicher Krankheiten nachweisen, am leichtesten bei Menschen, die an Kopfschmerzen leiden: die beiden häufigsten Erscheinungen, das Gefühl des Zerplatzens des Schädels und das Gefühl des Drucks auf den Schädel sind nach meinen Erfahrungen zu urteilen Symbole des Kampfs gegen die Geburt der primitiven Wahrheit im Innern des Schädels oder gegen die Befruchtung des wahrheitsempfänglichen Schädels von außen. Und die Unterleibler, die den halben Tag mit der quälenden Sorge zubringen: Werde ich Stuhlgang haben? War die Entleerung genügend in Menge, Form und Farbe? Oder: Wird mir, was ich aß und trank, bekommen oder drohen mir Durchfall und Bauchschmerzen? Oder: Wird die Periode rechtzeitig kommen, wird sie zu stark sein oder zu schwach, zu dunkel oder zu hell? sie alle denken, wollen etwas scheinen lassen, damit das andre Wahre in der Verdrängung bleiben kann. Wer sähe es nicht täglich, wie einer plötzlich in der Unterhaltung den Kopf stützt, weil er zu schwer wird oder wackelt, wie ein andrer die Beine übereinander schlägt, weil er viel zu verbergen hat und wenigstens der hintern Körperöffnung sicher sein will; mag der Bauch dann knurrend sprechen, sein Knurren ist unverständlich, kaum jemand weiß, daß Knurren auch Sprechen ist.

Der Mensch heißt nicht Mensch, weil er denkt, sondern weil er meint; weil er ehrlich meint, ein Ich zu sein, weil er ehrlich mit allen Fasern seines Wesens meint, selbständig der Natur gegenüberzustehen, ein richtiger Mann mit der Potenz der Erektion und des Befruchtens, mit dem Glauben, Herr der Natur zu sein. Der Mensch hat Meinungen, das ist die Sache. Die Wurzel von Mensch ist »men – meinen«. »Mein ist die Welt, mein das Werk, mein 23 die Tat«, ist es nicht herrlich, daß der Mensch so empfindet, so meint, so spricht? Auf dem Glauben an das Ich ruht die Menschenwelt, und meinen kann nur der, der an sein Ich glaubt, der zu sagen wagt, das ist meine Meinung; denn auch das Besitzwort »mein« bringe ich auf die Wurzel men zurück, allerdings ohne dazu von der Sprachforschung autorisiert zu sein.

Wenige Wurzeln sind einem phantastischen Ohr so gefällig und nachgiebig wie die Wurzel men – man. Da ist gleich das vielgebrauchte und vieldeutige lateinische Wort mens (gr. menos, μενος, got. muns) mit allen seinen in der Wissenschaft so nützlichen Ableitungen, z. B. mental, dementia, über deren Bedeutungen sich niemand mehr den Kopf zerbricht. Die Engländer haben sich daraus das rätselhafte, wenigstens für den Ausländer rätselhafte, Wort mind gebildet und damit das Geheimnis der Begriffe Seele – Geist noch schwerer zugänglich gemacht, die Griechen (mimnesko, μιμνησκω) und Lateiner (reminiscere) lassen Gedächtnis, Erinnerung daraus wachsen, was die Skandinavier in dem Wort Minne noch heutigen Tages tun. Man bedenke, welche Rolle die Lehre vom Gedächtnis des Organischen in der Wissenschaft spielt. Wir Deutschen haben diese Bedeutung fallen gelassen, aber dafür das ganze unendliche Gebiet keuscher Liebe von Mann und Weib hinzugefügt, während der Holländer noch ein Stück der Geschlechtlichkeit mit hineingezogen hat. Gegen den Versuch, die Wörter gemein – mean – communis damit zusammenzubringen, sträubt sich die Etymologie mit Recht, wie es scheint. Gar die Silbe mein-falsch, lügnerisch (Meineid) von der Wurzel men-man abzuleiten wäre ein Vergehen. Aber wie ist es mit dem griechischen menis (μηνις) = Zorn? Der Zorn war der Antike nicht ohne weiteres Zeichen des Unverstandes, das Wort thymos (ϑυμος) – wir übersetzen es gar nicht so schlecht mit Gemüt – beweist das. Es ist verwandt mit lat. fumus = Rauch. In dem Wort thymos klingt das Feuer der Leidenschaft mit, in dem Wort Gemüt der Mut. Für den Griechen war der Zorn etwas menschlich Wesentliches. Die Griechen haben noch eine andre Überraschung für uns: sie gebrauchten für unser Wort rasen mainomai (μαινομαι), und wie es scheint sind alle Etymologen darin einig, mainomai vom Stamm »men-man« abzuleiten. Und mit diesem 24 Wort hängt nun gar das Wort mantis (μαντις) = Seher zusammen. Wer von uns kennte nicht den blinden Teiresias? Der Lateiner hat das Wort vates = Seher, unser Wort Wut hängt damit zusammen, während der Ausdruck haruspex zu unserm »Seher« hinleitet. Welch seltsame Sache! Antikes Meinen verlangt für die höchste Weisheit die Raserei, die nordischen Völker das Sehen und beide das Sagen (prophetes, προφητης = Vorhersagen). Haben »rasen, sehen, sagen« engere Verwandtschaft miteinander, als man gewöhnlich glaubt? Sehen wir zu, ob uns der Künstler, der gewiß ein Rasender, Sehender, Sagender, ein Mantis, Seher, Prophet war, Michelangelo in seinen Propheten- und Sibyllenbildern eine zureichende Antwort gibt.

Zunächst: kaum eines dieser Wesen hat die Beine übereinandergeschlagen, kaum eines stützt den Kopf, keines denkt, alle wissen, aus Eigenem heraus oder aus Büchern; bei Jeremias, dessen Sonderstellung ebenso wie die der persischen Sibylle durch die schon mannbaren Begleitfiguren betont ist, könnte man an Kopfstützen denken, aber er hält sich nur den Mund zu, er hindert sich selbst am Sprechen, ist mehr klagender Seher als Prophet. Allen gemeinsam ist das Leidenschaftliche – Hesekiel ist sogar zornig –, sie rasen alle. Das drückt sich in Gesicht und Bewegung aus, ja es ist etwas hinzugefügt, was viel gewaltiger die Raserei zeigt, der Wind stürmt über sie weg und ihre Haare flattern darin. Was soll es mit dem Winde? Ist es der Sturm, in dem der schaffende Gott Michelangelos daherbraust, wenn er Erde und Firmament trennt oder den Mann zum Leben wecken will? Oder ist es der Odem, mit dessen Hauch er Leben gibt? Ach leider, die Kunst Michelangelos antwortet nicht auf die Frage der Fragen, die heute wieder wie vor Jahrtausenden Menschen beim Suchen nach Meinung narrt, die Frage nach Geist und Seele.

Ich hoffe, ein jeder, der die beiden Wörter braucht und darauf seine Theorien aufbaut, weiß, was er damit sagen will, aber begründen kann ich diese Hoffnung nur mit der menschenfreundlichen Gesinnung, an die mich mein Jahrhundert gewöhnt hat. Wirklich sehe ich nur eine heillose Verwirrung der Begriffe, die mit Wörtern verbunden sein sollten, und diese Verwirrung wird 25 durch das Einschalten griechischer und lateinischer Wörter nur schlimmer.

Mit den Ausdrücken »Seele« und »Geist« ist wenig anzufangen, Seele ist im Neuhochdeutschen weiblich, Geist männlich; aber das hat keinen Wert. Geist, meint Kluge, hat vielleicht etwas mit altnord. geisa = wüten zu tun (got. us-gaisjan = außer sich bringen). Damit würde seine Bedeutung dem Stamm men-man, gr. mainomai, mania nahegerückt; eine Sanskritwurzel hid (aus ghizd) = zürnen erwähnt er auch und beruft sich dabei auf das englische aghast = aufgeregt, zornig; das neigt sich dem Sinne nach dem griechischen thymos zu. (Man könnte sehr wohl annehmen, daß das primitive Meinen den Rauch für den Atem des zornigen Feuers gehalten hat.) Kluge weist bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß »Geist« im Gotischen ahma hieß, was von der Wurzel ah- herkommt und sich in unserm »achten« lebendig erhalten hat. Das ist wichtig, weil die Wurzeln ah- und oq- zusammenhängen und sich an die Wurzel oq- der Komplex Auge–Sehen anschließt. Geist tritt damit in Beziehungen zu dem Begriff »Seher«.

Mit dem Worte Seele ist, außer daß es bestimmt von Beginn an feminin empfunden wurde, nicht allzuviel zu machen: es kann, wie ich aus den Lexika herauslese, mit dem griechischen aiólos (αιόλος) = beweglich zusammenhängen. Das paßt mir gut, denn Aíolos (Αίολος) ist der König der Winde, und Wind, Hauch scheint das Letzte zu sein, was sich über Seele und Geist sagen läßt; allerdings haben aiólos und Aíolos verschiedene Akzente.

Die Erwähnung des Windes bringt mich auf ergiebigeren Ackerboden; Wind ist im Griechischen anemos (ανεμος,), und das führt sofort auf das lateinische animus und anima, Geist und Seele, um deren Unterscheidung ganze Literaturen, nicht nur etymologische, entstanden sind. Da sind nun Männlein und Weiblein beieinander, die Stammwurzel lautet »an«-hauchen, atmen.

Man sieht, Atmen–Wind–Hauch und Geist–Seele zeigen immer deutlicher ihre Zusammengehörigkeit, man möchte meinen, sie sind dasselbe. Und mit dem animus – Geist ist wieder der Zorn verbunden: animadverto ist tadeln, bestrafen, »ahnden«, welch letzteres wieder von der Wurzel an- herstammt, also etwa 26 unserm volkstümlichen Ausdruck »anhauchen« angeglichen werden mag.

Das Lateinische hat noch ein andres Wort für Geist, bei dem der Zusammenhang mit dem Atmen viel leichter festzustellen ist: spiritus; wir wissen alle, was dieses Wort in der Form spiritus sanctus für die Entwicklung Europas bedeutet hat und noch bedeutet und für weitere lange Zeiten bedeuten wird. Denn selbst wenn wir uns nach und nach von der Bibel und Kirche abwenden sollten, was bisher doch höchstens eine Vermutung ist, dieses Fundament europäischen Lebens wird weiter bestehen und wirken, mag auch das Gebäude zertrümmert werden.

Für meine Betrachtungen ist das Wort spiritus besonders wertvoll. Zunächst hat das Unbewußte der Sprache und unseres Lebens es durch die Materialisation zum Alkohol mit dem Begriff des Rausches (Brausen des Windes) und des Zorns verquickt. Augenblicklich wichtiger ist mir ein etymologischer Zusammenhang: spiritus hat die Wurzel speis = blasen, hauchen, und von dieser selben Wurzel stammt das griechische speos (σπεος) = Höhle, das im Lateinischen specus heißt; specus aber hängt zusammen mit specio = spähen mit seinen vielen Ableitungen, die im modernen Sprachgebrauch noch mehr unser Leben durchdrungen haben (z. B. Spiegel).

Man darf sich wohl bei solchen Wurzelverwandtschaften gestatten, nach Sinnverwandtschaften zu suchen; mit welcher Höhle mag der spiritus etwas zu tun haben? – Das zugehörige Verb ist spiro, das sich in seiner Bedeutung atmen bis zum heutigen Tage im täglichen Leben der Sprachen oder wenigstens in der Sprache der Medizin erhalten hat. Damit sind die Lungen (pulmones), weiterhin die Brusthöhle mit dem spiritus verbunden, genau so wie die Wörter animus und anima. Im Griechischen entspricht dem spiritus sanctus das pneuma hagion (πνευμα ἁγιον) (Hauch, Wind). Atmen (hauchen, wehen) heißt dort pneo (πνεω), und die Lunge ist pneumon (πνευμων). Auch pneuma hat in seiner Meinung etwas vom Zorn und Rausch, in der biblischen Erzählung von der Ausgießung des Heiligen Geistes tritt die Flamme als Wahrzeichen des Geistes auf, auch das Reden in fremden Zungen mag hier als Wirken des Geistes 27 erwähnt werden. – Im Mittelhochdeutschen wird das pneuma hagion heilege atem genannt, im Althochdeutschen wîho âtum.

Aus alledem geht hervor, daß zum mindesten den Völkern, die für die europäische Lebensauffassung verantwortlich sind, Atem Symbol des Geistes ist, d. h. für ihr tiefes Menschliches ist beides dasselbe. Dazu kommt noch, daß die fremde hebräische Meinung ebenfalls Atem, Hauch als Symbol des Geistes braucht, also mit dem ganzen Gewicht der biblischen Denk- und Sprechweise das dunkle Wesen dieser symbolischen Auffassung noch verstärkt. Das Wort für den Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, lautet, wie ich mir sagen ließ: ruach.

Soweit lassen sich die Dinge leicht verfolgen, aber es bleibt eine Schwierigkeit: alle die erwähnten Sprachen haben noch einen zweiten Ausdruck mit der Bedeutung Atem und Hauch, mit dem sie ebenfalls menschlich Lebendiges im Gegensatz zum menschlich Leblosen bezeichnen: die Hebräer das Wort nefesch (der Odem Gottes, den er dem ersten Menschen einbläst, wird so benannt), die Griechen psyche (ψυχη), die Lateiner anima; von dem deutschen Seele ist der Zusammenhang mit Atmen nicht nachgewiesen, es muß also dahingestellt bleiben, ob wir auch diese seltsame Zweiheit haben, ob Seele eine richtige Übersetzung von anima und psyche ist.

Ich werde mich auf die nutzlosen Untersuchungen über Unterschiede zwischen Seele und Geist, anima und animus, ruach und nefesch, psyche und pneuma nicht einlassen, höchstens könnte ich auf das Märchen von der Ehe zwischen Eros und Psyche hinweisen, aber das eine halte ich für bewiesen, daß für den Menschen Atmen und Geist-Seele symbolisch dasselbe ist.

Alle Untersuchungen über Geistig-Seelisches sind in einem wesentlichen Teil unvollständig, solange sie die Tatsache nicht berücksichtigen, daß bestimmten Schichten des Unbewußten Geist-Seele dasselbe ist wie Atmen. Das Verständnis für gesundes und krankes Verhalten des Atmens und der Atemwerkzeuge wird mangelhaft bleiben, bis wir begreifen, daß Atmen dasselbe ist – für die Wächter über Gesund- und Kranksein, die das Es aufstellt – wie Geist-Seele.

Es ist nicht schwer zu erraten – ob freilich die Lösung der Frage richtig ist, wissen die Götter –, warum das primitive Meinen des 28 Menschlichen Atmen und Geist-Seele zu gegenseitigen Symbolen gemacht hat; für dieses Meinen beginnt das Leben beim ersten Atemzuge und dauert, bis die Seele ausgehaucht ist. Man denke nur an die mittelalterlichen Bilder, die das Sterben darstellen, wie da die Seele, mitunter noch mit einem Zettel versehen, ausgeatmet wird, und selbst Goethes Mephistopheles hält es noch für gut, am Munde des toten Faust zu lauern, bis dessen Seele erscheint.

Wie die Seele – oder der Geist oder beides – in den Menschen hineinkommt, wußte die Kunst freilich nicht, aber die Wissenschaft weiß es auch nicht. Der Primitive meint, die Gottheit blase die Seele ein, wir Wissenden erzählen etwas vom Ei und Spermatozoon und Tropismen, von Chromatosomen und Genen und beschreiben auf den Universitäten und anderswo einen höchst verwickelten Vorgang, der Befruchtung genannt wird, aber dahinter steckt zuletzt doch die Gottheit, die macht, was sie will. Wir reden gelehrter über diese Vorgänge, aber es bleibt dabei, daß zur Entstehung des Menschen eine Höhle gehört, in die etwas hineingebracht wird, was die Eigenschaft der Ewigkeit hat, zum wenigsten keinen Anfang hat, es sei denn Gott, und aus der es verändert und doch auch unverändert wieder herauskommt. Und es bleibt dabei, daß Gebärmutter und Brusthöhle symbolisch gleich sind, daß Atmen und Begatten eng zueinander gehören: im Ein und Aus und im Lebendigwerden in der Höhlung. Ja, plötzlich merken wir, daß, was von Gebärmutter und Brusthöhle gilt, auch für den Bauch oder den Schädel oder das Auge oder das Ohr symbolische Wahrheit ist, ja daß die Höhlung nicht einmal nötig ist, sondern daß überall im Menschen Kind entsteht, weil überall Weiblich und Männlich ist, weil alles Menschliche die heilige Dreiheit von Mann, Weib und Kind enthält, mag dieses Menschliche nun vom Tagesleben geistig-seelisch oder körperlich genannt werden, mag es eine organische Funktion, etwa die der Verdauung oder des Kreislaufs sein, oder mag es sich um Denken, Dichten, Lieben, Kuponschneiden, Autofahren oder Mitteilen hoher Weisheit handeln.

Daß der Wind in die Symbolik Geist–Atem mit hineingezogen ist, bedarf keiner Erklärung: das Blasen des mütterlichen Atems, auch des eigenen, gehört zu den ersten Eindrücken des Neugeborenen. 29 Ob das Kind im Mutterleibe Lebensgefühl hat, weiß ich nicht, sicher wäre es aber wesentlich anders als nach dem ersten Atemzuge; von dem Moment der Geburt an verbindet sich die Erfahrung Leben mit der Erfahrung Atmen, mit dem Meinen: Atmen sei Wind, blasender, wehender Wind. Der erste Atemzug gibt neues Leben, das bleibende Leben, so ist also der Mensch Geschöpf des blasenden, wehenden Windes. Das ist der nefesch der Eloim; der Frühlingswind aber, der den Winter verscheucht und Blatt und Blüte, beides sprachlich Abkömmlinge des Blasens, erzeugt, ist der Geist Gottes über den Wassern »ruach«. Diese Symbole sind in unserm Unbewußten verwurzelt – in Florenz hängt Botticellis Bild der Prima Vera mit der vom Wind geschwängerten Göttin und desselben Malers Aphrodite Anadyomene, die von den Winden zum Lande ihres Wirkens getrieben wird –, wir können nichts andres tun, als das Wirken dieses Windsymbols anerkennen und es in unserm Urteil über gesundes und krankes Menschenleben verwenden; das aber können wir.

Der Wind wohnt nach alter Auffassung in der Höhle; wie könnte es auch bei seiner Symbolik anders sein? Zeugen und Gebären ist dasselbe – das hat sich in den Sprachen bis zum heutigen Tage lebendig erhalten –, Zeugen und Gebären sind Tun des Chaos, der Urhöhle; Worte wie Urmund, Blastula, Gastrula beherrschen noch die junge Wissenschaft der Embryologie.

Ich habe nichts darüber gefunden, ob das griechische blastano (βλαστανω), blaste (βλαστη) = keimen, keimen lassen mit Blasen des Windes etwas zu tun hat, ich nehme es aber an; sicher ist nach Angabe der Sachverständigen, daß Blatt und Blüte mit Blasen zusammenhängen, und ebenso scheint man darüber einig zu sein, daß das lateinische flare = wehen, blasen mit seinen Ableitungen flatus = Wind, Blähung und folium = Blatt damit verwandt sind, vielleicht auch flere = weinen, ebenso flos = Blüte, Blume, und florere = blühen; auch follis = Ledersack, Blasebalg gehört dahin; folium soll dasselbe sein wie das griechische phyllon (φυλλον) von der Wurzel bel = schwellen, strotzen.

Bis hierhin geht der Etymologe einen Weg, der ausgezeichnet zu meinen Meinungen paßt, und man könnte sich damit begnügen: 30 die Lebensgebiete, die so in den Bereich vom Atmen gezogen sind, haben beträchtliche Ausdehnung. Aber vielleicht kann man noch einen Schritt weiter gehen, selbst auf die Gefahr hin, dem Chaos zu verfallen, und wenn mich nicht alles täuscht, drängt das Unbewußte der Etymologie vorwärts; nur Scheu vor dem Rande des Abgrunds, eine Art Schwindelgefühl, hält die Kombinationen auf.

Während ich mich in den verschiedenen Lexika über die Wurzel des Worts »blasen« umtat und dabei den lateinischen, nah verwandten Ausdruck flare fand, fiel mir ein, wie hübsch es wäre, wenn man eine Verbindung zu flagrare und Flamme finden könnte. Denn Wind und Flamme, Atem und Feuer schienen mir zusammenzugehören. Zunächst mißlang das, dafür stellte sich aber heraus, daß fluere = fließen dieselbe Wurzel hat wie flare, nämlich bhle (bel, belg) = strotzen, schwellen. Das gefiel mir, zumal sich auch ein griechisches Wort phlyo, phleo (φλυω, φλεω) = wallen, überfließen, strotzen dazugesellte, was wiederum zu flumen = Fluß führt. Dann fiel mir auf, daß in dem Wort folium, dessen Verwandtschaft mit flos = Blume und dem deutschen Blatt und Blase anerkannt zu sein scheint, die Stellung des l gewechselt hat, was aber nicht hindert, daß es zu der Wurzel bhle gehört. Das führte mich schon dicht an flagro, gr. phlego, phlox (φλεγω, φλοξ) = brennen, Licht heran, nur das g störte noch. Aber dieses g kannte ich schon aus Nachforschungen über das Auge und die Hoden; dabei hatte sich herausgestellt, daß bhel und bhelg dasselbe sind und schwellen bedeuten (noch heutigentags in dem englischen bellows = Lungen, ballocks = Hoden und in dem deutschen Dialektwort belgen enthalten). Damit ist für mich die sprachliche Verbindung Blasen (Wind, Atem) und flagrare–flamma (brennen, Feuer, glänzen) hergestellt. Wahrscheinlich würde ich lediglich auf andre Assoziationsreihen hin diese Annahme in meinen Mitteilungen ausgesprochen haben, aber es ist angenehm, sich schon vorher gegen kommende Angriffe hinter der dicken Mauer lexikaler Autorität zu decken.

Die Versuchung, noch einen Schritt weiter zu gehen, ist zu groß, um ihr zu widerstehen; ebenso wie die Brusthöhle Tummelplatz der symbolischen Liebesspiele, des Zeugens und Schwellens und 31 Schwangerseins und Gebärens, des Werdens und Sterbens von Wind–Atem–Geist ist, kann man das auch vom Bauch sagen, nur tritt an Stelle der Gleichung Wind–Atem–Geist die andre, Nahrung–Essen–Kot und Samen–Begatten–Kind. Vielleicht besteht aber auch eine etymologische Verwandtschaft: Wind heißt im Lateinischen ventus (beide haben die gleiche Wurzel we-), Bauch heißt venter; für ein harmloses Ohr klingt ventus und venter ähnlich, zumal für das deutsche Ohr, das den Ausdruck Wind für die Bauchgase kennt. Ja, wir sprechen auch von Blähungen, vom Aufgeblasensein des Bauchs, genau so, wie der Lateiner und der gebildete Mediziner vom flatus spricht: blähen ist aber das Stammwort von blasen (flatus, flare), blähen ist anschwellen lassen – der Wind bläht die Segel. Und was könnte den Urmenschen wohl mehr im Tiefsten bewegt haben als die Schwangerschaft, die den Bauch des Weibes durch das Kind (Balg) aufbläht? Der Etymologie freilich mag solches Laiengeschwätz unerträglich sein, sie leitet venter von derselben Wurzel ab wie vesica (skrt. vastis); aber wem fällt dabei nicht ein, daß vesica bei uns Blase, Harnblase heißt, daß wir das Wort Blase aber ebensowenig auf die Harnblase beschränken wie der Lateiner vesica? Ja, meist ist das Wort Blase für eine mit Luft (Wind) gefüllte, abgeschlossene Höhlung in Gebrauch, für eine Art Blähung, eine Luftblase. Der Engländer würde noch heutigentags den Bauch belly = Blasebalg nennen, wenn ihm sein Anstandsgefühl erlaubte, ein so unanständiges Wort zu gebrauchen. Für das deutsche Wort Bauch scheint man bisher noch keine weit zurückgehende Wurzel gefunden zu haben; daß ein Bauch aber gewisse Ähnlichkeiten mit einem Balg – auch im Klang der Wörter – hat, läßt sich behaupten. (Das deutsche Wort Bulge = Wasserbehälter aus Leder ist verwandt mit Balg, Wurzel bhelg oder bel = schwellen, und der Engländer nennt den Bauch eines Fasses bilge, bulge, der Franzose bouge und der Mittellateiner bulga.) – Eine andre deutsche Bezeichnung für Bauch ist Wanst, das etymologisch mit skrt. vasti = Harnblase und vanisthu = Eingeweide und mit lateinisch venter zusammenhängen soll. Auch das Wort Wamme, aus dem das englische Wort womb = Gebärmutter hergeleitet wird, bedeutet zunächst Bauch; ob es mit Wanst 32 zusammenhängen kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Begriff der Höhle, in der der Mensch gezeugt wird, verbindet es mit allem, was bisher besprochen wurde.

Mein Suchen nach dem, was Geist und Seele sei, hat wenig Erfolg gehabt, und so wird es wohl allen gehen, die etwas darüber wissen wollen, statt sich mit dem Meinen zu begnügen. Trotzdem muß ich dem Gefühl Ausdruck geben, daß mein eigenes Meinen von Menschengeist und Menschenseele bei diesem Durchstöbern von Wortverwandtschaften bereichert worden ist, wie ich es anfangs nicht erwartet habe. Es haben sich in mir Vorstellungen über Symbole des Werdens und Vergehens, des Lebens und Sterbens, des Zeugens, der Schwangerschaft und des Gebärens, des doppelten Geschlechts und der Kind-Mannbarkeit befestigt, deren Tragweite für Leben und Handeln, besonders für ärztliches Handeln im weiteren Verlauf dieser Mitteilungen sich zeigen soll.

Die Sprache faßt Geist und Seele als Erscheinungen ein und desselben Geschehens, des Atmens, auf, aber sie denkt bei dieser Gleichsetzung nur an das Atmen mit den Lungen, beide, Geist und Seele, bestehen nur von der Geburt bis zum Tode, die Sprache kennt weder Seele noch Geist bei der Frucht im Mutterleibe, bei der Leiche im Grabe; und doch weiß sie, daß Leben schon in der Frucht ist und daß im Tode schon neues Leben haust, fremdartig wie der Wind: man weiß nicht, von wannen er kommt und wohin er geht.

Das ist das eine: Geist–Seele sind nicht zweierlei, sondern nur zwei Richtungen einer Bewegung; wenn sie in zivilisierten Kulturen noch etwas andres bedeuten als leeren Schall, so können es nur Reste von dem symbolischen Leben der primitiven Kultur sein, der sie das Hinein und Hinaus des Atmens, des Zeugens und Gebärens waren, das Entstehen des Menschen durch die Empfängnis und sein erstes Sterben bei der Geburt, sein Lebenseintritt mit dem ersten Atemzug und sein Scheiden vom Leben im Tode. Das volle Leben in diesen Symbolen des Zwiegeschlechts muß freilich schon früh unverständlich geworden sein, sonst ließe sich die auffällige Unterscheidung der Wörter in Maskulin und Feminin nicht erklären; nur in dem Neutrum pneuma hat sich das Doppelgeschlechtliche erhalten. Und obwohl die Wörter Geist und Seele unsrer 33 Sprache unentbehrlich geworden sind, wird man doch gut tun, keine Gegensätze in sie hineinzulegen, ja sich von Zeit zu Zeit klarzumachen, daß beiden Wörtern kein Sinn mehr innewohnt. Wir besitzen ein neutrales Wort, das lautet Leben. In ihm vereinigt sich Geist–Seele–Körper.

Den besten Beweis, daß dem so ist, gibt die darstellende Kunst; sie vermag, wenn anders sie Kunst genannt werden darf, weder Geist noch Seele noch Körper darzustellen, sondern nur Leben; selbst den Leichnam muß der Künstler lebendig malen. Und auch das Leben erscheint in der Kunst nie anders als im Symbol des Menschlichen, des meinenden Mann-Weib-Kindes.

In der Galleria Borghese in Rom hängt ein Bild des Sassoferrato, »Die drei Lebensalter« genannt (Taf. 3). Die Anziehungskraft, die es auf den Beschauer ausübt, ist bedingt von dem Symbol des Kindlich-Mannbaren und Männlich-Weiblichen und dem andern, dem Ewigkeitssymbol des Stirb und Werde. Im einzelnen ist das Gemälde reich an größtenteils wohl unbewußter Symbolik. – Das Lebensalter der Kindheit zeigt drei Knaben; zwei davon (Testikel) schlafen, während der dritte in die Höhe strebt, er allein trägt die Flügel des Phallus. Er hält sich an einem Baumstamm, neben dem noch der in Kerbenform abgehauene Stumpf eines zweiten steht. Noch schlummert die Zeugungskraft der Testikel, aber die Fähigkeit zur Erektion ist wie bei allen Knaben vorhanden, und die Erregung, die zur Erektion führt, wählt sich wie immer als ausreichenden und entschuldigenden Grund das Verhalten des Mannes, dessen ragende Kraft (der Baum) dem kindlichen Triebe Ansporn ist. Dahinter freilich droht in dem Stumpf die Angst vor dem Verlust des Phallus, die Kastrationsangst, wie es die Psychoanalyse komischerweise genannt hat, obwohl es sich um eine Angst vor vollständiger Verstümmelung, mutilatio, handelt, nicht bloß um Fortnehmen der Hoden. Die Einkerbung des Stumpfendes erzählt von dem seltsamen Ideengang, den alle Kinder einmal verfolgen, daß die Kerbe des Mädchens durch Mutilation entstände. – Auf der andern Seite des Gemäldes sieht man ein Liebespaar. Das Mädchen, mit der Blume im Haar geschmückt (sie ist mannbar), ist wie Eva der anreizende Partner: in der Linken hält sie die 34 Flöte, die von dem Manne her aufragt, ein zweites Rohr führt sie zum Munde, gemäß der bekannten Gleichstellung der Mundöffnung mit der Geschlechtsöffnung. Sie ist ganz bekleidet, während der Mann fast nackt ist; trotzdem ist sie als beginnender Teil gedacht, das Weib, nicht der Mann, leitet das Flötenspiel der Liebe, nur daß sie den Anschein zu erwecken versteht, als sei der nackte Adam der Verführer; so ist es von jeher gewesen, so wird es auch bleiben, und mit Recht. Im Sündenfall, der gewiß kein Sündenfall war, sondern nur zum Besten menschlichen Lebens gedichtet wurde, weil ohne Schuldgefühl auch aller Stolz und alles Menschenempfinden tot bleiben würde, ist das Weib unschuldig schuldig: der Phallus lockt sie, die Schlange des Manns. Daß aber die Gabe der Verwandlung des Gliedes in den Phallus nicht dem Weibe gilt, beweist das Bild der Kindheit mit dem hochkletternden Eros, die Erregung kommt auch ohne Weib zustande. – Die Sage vom Sündenfall ist charakteristisch für das Verhalten der Geschlechter dem Schuldgefühl gegenüber: so plump, wie Adam die Schuld auf das Weib abwälzt, kann nur ein Mann handeln, so ganz frei von wirkendem Schuldgefühl und so einsichtig in den natürlichen Lauf der Dinge, wie es Eva ist, kann nur das Weib sein. Beide Arten der Entschuldigung lernt und verwendet das Kind, nur ist es doppelt so plump wie der Mann und doppelt so gewissenlos wie das Weib; wer ein einziges Mal sich die Mühe gegeben hat, den Verlauf eines geschlechtlichen Traumas bei Kindern zu verfolgen, unvoreingenommen und vorsichtig, wird zweierlei feststellen können: zunächst, daß derartige Traumen bei jedem Kinde tagtäglich vorkommen, und dann, daß das Kind den Schrecken der Erwachsenen vor diesem täglich unbewußt verübten Trauma genau kennt und zu bestimmten, ihm im Augenblick wichtigen Zwecken benutzt; wenn man das wüßte und beachtete, würde die vielberedete Geschlechtsneurose der Neuzeit bald andern Krankheitsformen weichen; sie beruht nicht auf dem Trauma des Geschlechtslebens, sondern auf der bewußten Lüge des Kindes, das sich schuldlos stellt, während es genau weiß, daß es selber das Trauma veranlaßt hat. Wüßte das Kind, welche verheerende Anklage es erhebt, so würde es schweigen, wie es so oft schweigt. Aber es kennt die Folgen seiner Lüge nicht, 35 sieht diese Folgen erst später in all ihrer Furchtbarkeit: an diesen Folgen, die es völlig bewußt seiner leichtfertigen Lüge – oder soll man es Verstellung nennen – zuschreibt, erkrankt es, nicht an dem Trauma. Kinder sind wissend von Natur, sie lernen aber erst durch Erfahrung, daß sich Heuchelei bei den wahrhaftigen Naturen immer rächt.

Zurück zu dem Bilde! Unterhalb des Liebespaares sind in drei Gruppen Blumen gemalt: am weitesten rechts sind es drei, zwei dicht aneinandergedrängt, die dritte deutlich isoliert. Die Nähe des Liebespaars legt die Deutung der Dreizahl als Symbole des männlichen Zeichens nahe. Glied und Hoden sind im Kindheitszustande dargestellt. In der mittleren Gruppe steht die dritte Blume, die Repräsentantin des Gliedes, entfernt von den beiden andern, der Manneszustand ist eingetreten, es sind die Testikel und der Phallus. Gerade unter der Stelle, wo das Mädchen die eine Flöte auf den Leib des Mannes setzt, ist wiederum eine Gruppe in deutlicher Phallusform dargestellt, aber jeder Teil der Dreizahl ist von zwei Blumen gebildet, offenbar in starker Betonung der Zeugungskraft. Eine vierte Gruppe zählt nur zwei Blumen; sie stehen genau in der Verlängerungslinie des linken Männerfußes. Ihr Sinn wird klar, wenn man die Linie weiter verfolgt: man stößt dann auf das ausgestreckte Bein des Greises, des Repräsentanten des absterbenden Lebensalters, und auf diesen Greis müssen sie bezogen werden. Das Doppelsymbol der Zeugungskraft – der Maler braucht, wie eben beschrieben wurde, die Zweizahl als Gleichnis der Testikel – ist durch Entfernung und Bodengestaltung so weit von dem Greise getrennt, daß er es nicht einmal mehr wahrnehmen kann. Der Greis ist der Zeugungskraft beraubt, kümmert sich auch nicht mehr darum; ja er kümmert sich auch nicht mehr um Mann und Weib, nur seinen Erinnerungen, den toten Gestalten seiner Phantasie, gehört seine Teilnahme. Er ist der Kindheit im Bilde ganz nahe gerückt, wie das Kind besitzt er noch die Erregungsfähigkeit – die Haltung des gestreckten Beins beweist das –, aber diese Erregungsfähigkeit ist ohne lebendige Zukunft. Zwei Knochen liegen neben ihm, der eine lang, der andre zerbrochen, genau entsprechend den Bäumen der Kindheit, und umgeben ist er von 36 Totenschädeln, deren leere Augenhöhlen stark hervorgehoben sind, um von der Taubheit der Greisenhoden zu erzählen. – Hinter dem Greis ist, behütet und eingeschlossen von zwei jugendlichen Gestalten, deren eine sitzt, während die andre steht, die wimmelnde Herde des Menschenvolks dargestellt, und zum fernsten Hintergrund strömt der Fluß der Fruchtbarkeit dem mütterlichen Meere zu.

Man geht wohl nicht fehl mit der Annahme, daß die Absicht des Bildes ist, Urmenschliches so einfach wie möglich zu malen. Leben ist dargestellt in der Form des Triebes. Aber niemand würde bei diesem Bilde versuchen, Geist und Seele zu trennen; die angebliche Kraft dieser Wörter versagt hier. Ja selbst die Landschaft gibt Meinen des Menschen wieder, nicht Denken und auch nicht Fühlen; sogar die Totenknochen werden lebendig in der Phantasie des Alten, so daß auch das Körperliche in die Einheit des Menschlichen verschmolzen ist. – Die besondere Eigentümlichkeit des Bildes ist, daß in ihm Männliches wird, ist und vergeht, während das Weibliche, in einer einzigen Figur gezeigt, weder entsteht noch vergeht, sondern unverändert immer ist. [Anm.: Sassoferrato kopierte Tizians Gemälde Allegorie der drei Lebensalter des Menschen] 37

 

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