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Der Mensch als Symbol

Georg Groddeck: Der Mensch als Symbol - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleDer Mensch als Symbol
authorGeorg Groddeck
year1933
firstpub1933
publisherInternationaler Psychoanalytischer Verlag
addressWien
titleDer Mensch als Symbol
pages162
created20130311
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

In den zehn Jahren, die seit meinen letzten Mitteilungen über die Arbeitshypothese vom Es des Menschen verstrichen sind, hat sich nichts ereignet, was mich veranlassen könnte, diese vielfach erprobte Betrachtungsart aufzugeben oder etwas Wesentliches daran zu ändern.

Die Behauptung, daß alles Menschliche von diesem in unaufklärbares Geheimnis gehüllten Wesen abhängig ist, halte ich aufrecht, und ebenso bleibe ich dabei, daß niemand in die Tiefen des Es hineinschauen kann.

Dagegen kann ich einiges von jenen Formen des Es erzählen, die bisher wenig besprochen worden sind. Ich halte es auch für notwendig zu betonen, daß eine dieser Formen das Ich ist. Wie ich mir das denke, habe ich in dem »Buch vom Es« soweit mitgeteilt, als ich es konnte.

Eine andere Form des Es, die mir zugänglicher ist, möchte ich als das Zwiefache des Es bezeichnen: Alles Menschliche läßt sich als zugleich männlich-weiblich und kindlich-mannbar betrachten.

Etwas Weiteres ist die Erfahrung, daß das Es sich ebenso selbständig und ebenso gegenseitig abhängig in dem Leben des Gesamtmenschen wie in den Teilen dieses lebenden Menschen offenbart, oder um es anders auszudrücken: Es hat den Anschein, als ob zwischen dem Ganzen des Menschen und der Zelle oder noch kleineren Wesen, dem Gewebe, dem einzelnen Organ oder Körperteil ein ähnliches Verhältnis bestände, wie es in den Begriffen Makrokosmos und Mikrokosmos in früheren Zeiten für das All und den Teil angenommen wurde.

6 Schließlich ist das Symbolische, das alle menschlichen Lebensbeziehungen begleitet, Form des Es.

Zu dem Versuch, diese Formen des Es zu betrachten, hat mich, abgesehen von dem Zwang des Tageslebens und des Berufs, eine etwas einseitige und eigensinnige Beschäftigung mit Werken der bildenden Kunst und mit der Sprache geführt.

Daß in jedem einzelnen Menschen Männlich-weiblich und Kindlich-mannbar enthalten ist, kann ohne weiteres daraus geschlossen werden, daß der Mensch aus Mann und Weib entsteht, und daß, soweit wir das bisher haben nachweisen können, wohl eine Mischung, aber nicht eine gegenseitige Auflösung dieser Bestandteile stattfindet. Daß er, so erwachsen er sein mag, in allen grundlegenden Lebensfunktionen, in Sterben und Entstehen der Zellen, in Atmen, Schlafen, Sichregen, Sichnähren usw. kindlich bleibt, ist gleichfalls sinnfällig. Von dem Symbol wird im folgenden so viel gesprochen werden, daß ich fast selbst annehmen könnte, meine Bemühungen in diesem Aufsatz gälten nur der Schilderung dieser Esform.

Die Tatsache, daß der Mensch männlich-weiblich und kindlich-mannbar ist und daß er im Symbol lebt, können wir benutzen wie ein farbiges Glas, um das Menschenleben zu betrachten. Freilich bringt uns eine solche Betrachtung der Wahrheit ebensowenig nahe wie das Sehen durch ein rotes oder gelbes Glas, im Gegenteil, wir wissen bei solchem Versuch von vornherein, daß wir durch Benutzen der farbigen Glasscherbe der Welt falsche Farben geben, und so ist es dem Verfasser dieser Mitteilungen auch bekannt, daß er mit seinem Verfahren die Buntheit der Welt eintönig färbt. Es ist aber nicht bloß mutwillige Spielerei, so an menschliche Probleme heranzugehen, sondern dies Verfahren scheint so weit zurückzureichen wie die Überlieferung menschlicher Vergangenheit.

Die erste Folge der Weltbetrachtung durch solches Medium ist Mißtrauen gegen die Realität. Vermutlich gibt es Reales; aber wir kommen niemals in Berührung damit. Unser Es ändert das unbekannte X des Realen, es wirkt auf die Dinge und macht aus dem Realen Wirkliches. Werk und Sache sind nicht dasselbe. Das Menschliche arbeitet nicht mit einem »Realitätsprinzip«, sondern mit dem Wirklichkeitsprinzip. Wenn man das in Betracht zieht, 7 verschwindet der Gegensatz von Ich und Es, es entsteht eine Menschwelt, in der das Ich nur eine Funktion des Es ist. Diese wirkliche Welt des Menschen zerfällt bei dem Versuch, Reales zu begreifen.

Wir werden von dem verdrängenden Wirken des Menschlichen und unsrer vermenschlichten Umwelt (Erziehung usw.) in das Phantasieren über das Reale hineingezwungen. Zunächst haben wir nicht mit Dingen zu tun, sondern mit Symbolen. Man hat sich bisher wenig darum gekümmert, wie der Neugeborene die Umwelt kennenlernt, was er von ihr denkt. Wenn ich mir überlege, was ich im Mutterleib erfahren haben mag, komme ich zu dem Schluß, daß ich damals alles, was zu meiner Welt gehörte, für Bestandteil meines eigenen Selbst gehalten habe: Selbst und Umwelt des Selbst waren dasselbe. Vielleicht wird diese symbolische Denkart durch die Geburt ein wenig umgeändert; nach dem Verhalten der Säuglinge in ihrer ersten Lebenszeit muß ich aber annehmen, daß das Kind in der Hauptlernzeit des Lebens, in den ersten Stunden, Tagen und Wochen im wesentlichen noch symbolisch denkt: ein Löffel ist für das Kind nicht ein Löffel, sondern eine Hand, eine Tür nicht eine Tür, sondern ein Mund, ein Bett nicht ein Bett, sondern ein Mutterschoß usw.

Von diesen ersten Vorstellungen, die in primitiven Kulturen wenig verändert beibehalten werden, kommen unser Bewußtes und Unbewußtes nie ganz los: bis an das Lebensende bleibt menschliche Erkenntnis dem Symbol verfallen. Mögen wir noch so gelehrt sein, es hilft uns nichts: ein Fenster bleibt für uns Auge, eine Höhle Mutter, ein Pfahl Vater.

Auch den Menschen und seine Teile betrachten wir symbolisch, wie wir es als Kinder taten. Wir wußten einmal aus Erfahrung, daß der Kopf in sich zugleich Ganzes und Teil ist, selbständig und abhängig, daß der Mensch Symbol des Kopfes und der Kopf Symbol des Menschen ist. Symbol bezeichnet nicht die Ähnlichkeit zweier Dinge, sondern im Symbol werden zwei Dinge zusammengeworfen, sie sind dasselbe. Weil wir symbolisch denken und empfinden, kurz in jeder Beziehung an das Symbol als an etwas zum Menschlichen Gehöriges gebunden sind, ist es möglich, alles Menschenleben symbolisch zu betrachten.

8 Daß der Mensch zwiegeschlechtig ist, nie Mann, nie Weib, sondern immer Weibmann, Mannweib, daß er nie Kind, nie Erwachsener ist, sondern immer Kindmann, Mannkind, haben alle Zeiten in Denken und Tun, in Mythus und Alltagsleben zum Ausdruck gebracht; es ist nicht erst die christliche Kunst, die den Menschen im Symbol von Weib und Knabe, Madonna und Christus darstellt. Die Antike gab der Aphrodite den Eros zur Seite, Venus und Amor sind noch jetzt, wo sie längst zu Schatten dessen geworden sind, was sie einmal waren, eine Einheit, ein Symbol des Menschen.

In der Villa Borghese zu Rom hängt ein weltbekanntes Gemälde von Lukas Cranach, eine Venus, die allen Betrachtern unvergeßlich ist (Taf. 1). Der Grund dafür ist das Gleichnis. Das Zwiegeschlechtige, wie es sich in dem Zusammenfügen des Weibes und Knaben offenbart – zugleich zeigt sich darin das Kindlich-Mannbare – ist durch den männlichen Baumstamm und die weiblichen Spalten in der Rinde verstärkt. Der Baum hat symbolisch beide Geschlechter und Alter: der Baum, die Eiche; Wurzel und Frucht sind Kind, Stamm und Ast Mann, Rinde und Krone Weib.

Bei dem Wort Frucht – fructus ventris tui – ist dies ohne weiteres klar. Wurzel kommt von Wurz, das Pflanze, Kraut bedeutet, ist ursprünglich wurzwala (wala = Stab); das w ist wie in Römer-Römware, Bürger-Burgware verschwunden. In Wurzel ist also die Männlichkeit des Kindes betont. Stab (wala) ist mit sanskrit sthapai verwandt: stehen machen, was dann zu Ständer und schwedisch stond für das Steifsein des Gliedes führt. Es sei gleich hier darauf hingewiesen, daß als Symbol des Menschen der Knabe oder das männliche Glied gebraucht werden, niemals das Mädchen; das Symbolische scheint für den Begriff Mensch das Aufrechte, Stehende, Aufrichtige, Selbständige zu bevorzugen. Außerdem ist im Knaben und im Geschlechtsglied das Zwiegeschlecht und das Kindlich-Mannbare in dem Verhältnis Eichel-Vorhaut und Steifheit und Schlaffheit sichtbar, während beim Mädchen alles Geheimnis ist. Endlich ist Wurzel stammverwandt mit Rüssel; was dem primitiven Denken Rüssel ist, zeigt jedes Kind beim Anblick des Elefanten.

9 Das Männlich-Symbolische in Baum und Ast zeigt sich in der Gewohnheit, beide Wörter in der Bedeutung des aufgerichteten Gliedes zu gebrauchen. Ferner ist »Stammbaum« zu erwähnen, worin sich die Idee der urmännlichen Abstammung ausspricht. Von Etymologen wird Stamm mit der Wurzel stha (stehen) zusammengebracht; im Griechischen heißt der Weinkrug stamnos (σταμνος), der Behälter, aus dem der Wein des Lebens in den Becher (das Weib) gegossen wird, ist ihm besonders männlich. Ast zeigt seine Bedeutung in dem Verbum »asten« (das Feld tragbar machen); es erinnert an den Fluch, mit dem Adam aus dem Paradies getrieben wird, an das Symbol der Sage, der das Weib fruchtbarer Acker, der Mann pflügender Bauer war.

Krone (Kranz) ist als entschieden weibliches Symbol allgemein bekannt, das aufreizend Umschließende drückt sich darin aus. Rinde ist verwandt mit Rand, englisch rim (Ende, Schluß), die Rinde hält den Stamm in der Umarmung, sie schützt ihn mütterlich und umschlingt ihn zärtlich. Fachgelehrte verknüpfen rim mit dem gotischen rimi (Ruhe). So würde in dem Wort Rinde das weibliche Wesen als Leidenschaften beruhigend, beendend liegen. Im Griechischen heißt Ruhe eroe (ερωη) (eigentlich »Angriff mit darauf eintretender Ermüdung, Ruhe«). Die Vermutung, daß eroe stammverwandt mit Eros (ερως) ist, liegt nahe; Eros ist den Griechen der Zwillingsbruder des Todes – der Phallus stirbt durch den Liebesakt – und der Tod ist Ruhe.

Das Unbewußte der Kunst, das den Doppelsinn des Symbols dadurch besonders hervorhebt, daß es den Kopf des stehenden Knaben bis an die eine Spalte der Stammborke reichen läßt und seinen Blick auf den Schoß des Weibes gerichtet hat, fügt dem Gleichnis noch ein Motiv hinzu, das dem Bilde eine schier unergründliche Tiefe gibt: um die Hüften der Venus ist, den Schoß verhüllend und zeigend, der Schleier geschlungen, das uralte Symbol der Jungfräulichkeit und des Jungfrauentodes in der Empfängnis. Das Weibliche, das göttlich Liebende im Weibe, die Venus Urania ist immer jungfräulich. Wer anerkennt, daß es, unabhängig von der Verkörperung in der einzelnen Frau, ein Ewig-Weibliches gibt, weiß, daß dieses Ewig-Weibliche, unabhängig von allen 10 körperlichen Vorgängen, trotz Liebeshandlung und Gebärens unveränderlich jungfräulich bleibt. Der Christusmythus sagt dasselbe: in dem bekannten Liede von dem Reis, das einer Wurzel zart entsprang, heißt es:

»Es fiel ein Himmelstaue
In eine Jungfrau fein,
Es war keine bessere Fraue,
Das macht ihr Kindelein.
Ob sie schon hat geboren,
Blieb sie doch Jungfrau rein.«

Das tägliche Leben lehrt dasselbe; jede Frau wird, wenn ihre Liebeserregung irgendwie bis zum höchsten gesteigert wird, von neuem Jungfrau: ihre Öffnung zieht sich dann wieder, trotz häufiger Geburten, so zusammen, daß das Eindringen des Gliedes wie bei der Entjungferung als zunächst schmerzhaft empfunden wird, ja eine Blutung entsprechend dem Zerreißen des Jungfernhäutchens tritt nicht selten ein. Cranach hat, wie Botticelli in seinem Frühlingsbilde, dieses tiefe Wissen in sein Bild aufgenommen, seine Venus ist schwanger.

Daß eine Darstellung der Liebesgöttin voll Symbolik ist, nimmt nicht wunder. Aber der große Künstler kann auch Darstellungen von Tagesereignissen nicht anders geben als mit unbewußter Benutzung des Symbols. Man betrachte beispielsweise Rembrandts »Anatomie des Dr. Tulp« im Haag (Taf. 2). Angeblich ist es ein Gruppenporträt von acht Medizinern, in dem die Figur des Dr. Tulp besonders hervorgehoben ist. Es sind aber gar nicht acht Menschen, sondern neun, und gerade der neunte, der Tote, empfängt das volle Licht des Bildes. Der Tote ist also die Hauptperson geworden, entweder weil Rembrandt es so beabsichtigt hat oder weil ihn sein Unbewußtes dazu gezwungen hat. Neun ist die Zahl der Vollendung; irgendwie wird sich der Gedanke der Vollendung in dem Bilde durchgesetzt haben, und die Vollendung muß mit dem toten Körper zusammenhängen. Neun ist aber auch die Zahl der Schwangerschaft, und neun ist dreimal drei. Das Unbewußte pflegt bei neun Personen die Dreiteilung zu erzwingen, drei ist die mächtigste 11 Zahl, die heilige Drei. Sie symbolisiert in erster Linie die Männlichkeit, die volle Potenz in der Vereinigung des Gliedes mit den beiden Hoden, weiterhin das Männlich-Weiblich-Kindliche. Betrachtet man das Bild auf die Gruppierung der Drei hin, so gehören zu der stehenden und allein handelnden Figur des Tulp die beiden weit vorgebeugten Figuren; sie sind am sichtbarsten an der Handlung beteiligt. Hinter diesen ist eine andre dreifältige Gruppe: nur einer der Männer ist ganz bei der Sache, der zweite unterbricht seine Lektüre, beginnt also sich für die Sektion zu erwärmen, ein dritter ganz im Hintergrund nimmt an der Handlung nicht viel teil. Die dritte Gruppe ist in dem Leichnam von der Handlung getrennt, die ergänzenden Figuren jenseits des Bildmittelpunkts, der Leiche, widmen dem Vorgang keine Aufmerksamkeit, ja der eine blickt aus dem Bilde heraus, ihn geht die Sektion nichts an. Vollkommen teilnahmlos aber ist der Tote, und doch dreht sich um ihn alles.

Geht man bei der Betrachtung des Bildes von der Neunzahl aus, so wird aus dem genrehaften Gruppenporträt ein Schicksalsgemälde des Männlichen, eine Darstellung der Entstehung, des Handelns und des Sterbens des Mannes. Mann, wirklicher Mann ist der männliche Mensch nur solange, als er seine männliche Potenz besitzt und gebraucht; er entsteht – das Wort »entsteht« ist mit Vorbedacht gebraucht – aus der Erregung, er stirbt in der Liebeshandlung, die der Erregung folgt, folgt solche Handlung nicht, so stirbt er nicht, sondern schrumpft nur zum Knaben zusammen.

Das Bild zeigt, als Symbol gesehen, die einzelnen Schicksalsstadien des männlichen Mannes. In der Hintergrundsgruppe beginnt die Erregung: die Begierde des Erzeugens ist in dem einen Augenzeugen (testis, testiculus) lebhaft, seine Erregung ergreift noch nicht den andern, aber das Membrum verwandelt sich in den Phallus. Der Mann, der das veranschaulicht, unterbricht sein Lesen; Lesen ist, symbolisch aufgefaßt, Phantasie über das Weibliche. – Die zweite Gruppe zeigt beide testes in höchster Spannung und den stehenden Mann (Ständer) in voller Aktion. Er ist der einzige, der einen Hut trägt und sein Kragen ist halb offen, beides Symbole der Vereinigung mit dem Weibe. – Die dritte Gruppe stellt die unmittelbare Folge des Akts dar, nicht als Erschlaffung des 12 Phallus, sondern als Tod; erschlafft ist die Begierde der Zeugen. Daß der Tod am Weibe stattfand, erzählt die Wunde am linken, am Herzens-Liebesarm, und die Tatsache, daß die Finger trotz des Zerrens an dem Beugemuskel unbeweglich bleiben, beweist augenscheinlich den Tod. Die Geschlechtsteile sind durch ein kreuzweis gelegtes Tuch verhüllt: der beschämende Zustand des Unvermögens ist dem Blick entzogen. Auch der Daumen der rechten Hand, der so deutlich den Phallus versinnbildlicht, ist nicht zu sehen. Beides entspricht dem Verhalten des männlichen Menschen, der von den Mächten des Es gezwungen wird, entweder sich dem Bewußtsein seiner vernichteten Mannheit durch Schlaf zu entziehen oder diesen Verlust wenigstens vor dem weiblichen Menschen zu verstecken. – Das Schimpfwort »Schlappschwanz«, das in den letzten Jahren salonfähig geworden ist, beweist, wie groß die Schande solchen Todes ist. Die Kunstgeschichte erzählt, daß der Tote ein Erhängter war. Mag das nun wahr sein oder nicht – wenn es nicht wahr ist, beweist die Sage die symbolische Kraft des Unbewußten – die Tatsache des Samenergusses bei dem Erhängen verstärkt meine Annahme, daß hinter der Handlung des anatomischen Unterrichts das Geheimnis von Zeugen und Sterben, von Liebe und Tod steckt.

Ich möchte schon hier darauf aufmerksam machen, daß Gestaltung und Gebrauchsgewohnheiten des Daumens, auch seine Erkrankungen oder Verletzungen von der Symbolkraft des Es beeinflußt sein können, ebenso wie irgendwelche Wunden ihre Entstehung, Form, Heilungsmöglichkeit vielfach von der Symbolik des Weiblichen oder Zwiegeschlechtigen erhalten.

Um in die Nähe des Es zu kommen, kann man auch einen andern Weg einschlagen, den Weg über die Sprache. Er kreuzt sich vielfach mit dem der Kunstbetrachtung, geht zuweilen parallel, ja streckenweise ist er derselbe. Auch hier zeigt am besten das Beispiel, was ich meine.

Schon in der Schule fiel es mir auf, daß Homer, wenn er von dem Dunkel der Zukunft spricht, die Wendung gebraucht: theon en gunasi keitai (ϑεων εν γουνασι κειται). Es wird unserm Denken entsprechend übersetzt: »Das liegt im Schoße der Götter.« Aber gony (γονυ) ist nicht Schoß, sondern das Knie. Die 13 wörtliche Übersetzung lautet also: »Es liegt in den Knieen der Götter.« Die moderne Wendung, daß die Zukunft in dem Schoße der Götter liegt, ist ohne weiteres verständlich: Zukunft und Leibesfrucht sind dasselbe. Der Gedanke, daß der Grieche mit seiner Rede von den Knieen vielleicht auch Zukunft und Kind gleichsetzte, ist mir zuerst aus der Erfahrung am Krankenbette gekommen. Bei der analytischen Behandlung von Kniegelenksentzündungen stieß ich immer wieder auf die Tatsache, daß der Kranke in seinen Mitteilungen aus dem Unbewußten die Anschwellung des Kniegelenks als ein Symbol der Schwangerschaft auffaßte. Damals war mir die Symbolik der Organe noch wenig bekannt, aber hie und da gaben Kranke die Erklärung, daß man den Oberschenkelknochen als Mann, die beiden Unterschenkelknochen als Weib und die Kniescheibe als Kind auffassen könnte. Lange Zeit habe ich solche Aussagen für Gefälligkeit gegenüber meiner Sucht, Symbole zu finden, gehalten. Dann wurde mir aber gelegentlich ein andrer Gedanke entgegengebracht. Kranke erzählten mir, daß sie das gestreckte Bein für ein Symbol der phallischen Erregung hielten, daß in der Streckung die Vereinigung von Mann und Weib dargestellt sei, während die davor liegende Kniescheibe, wie alles, was vorn liegt, die Zukunft, das zukünftige Kind sei. Danach wäre das Knie Symbol des Männlich-Weiblichen und des Kindlich-Mannbaren. In der Beugung des Knies, ganz besonders im Knien, sahen diese Leute die Erschlaffung, die beim Manne nach der Geschlechtsvereinigung eintritt, eine Annahme, die in den Schwierigkeiten vieler Menschen beim Knien eine Art Bestätigung findet. Eines Tages stieß ich beim Durchblättern eines griechischen Lexikons auf die Redewendungen hypolyein (ὑπολυεινv) und blaptein ta gunata tinos (βλαπτειν τα γουνατα τινος). Das eine bedeutet töten, das andre erschlaffen machen. Das Lexikon setzt hinzu, daß dem Homer die Kniee als Hauptsitz der Körperkraft galten; es liegt nahe, anzunehmen, daß für Homer die Tatsache des Stehens mit Hilfe der Kniee bestimmend wirkte, da ja das Stehen des Phallus überall als Zeichen der Manneskraft gilt. Setzt man statt des Worts Kraft Stärke, so ist die Vermutung nicht ganz unsinnig, daß dem Griechen und wohl auch dem Unbewußten des modernen symbolempfindlichen Kranken 14 das gestreckte Knie Symbol der männlichen Potenz, des starren Phallus war oder ist; denn Stärke hängt zusammen mit starr. Der griechische Ausdruck hypolyein ta gunata (die Knie lösen) für töten führt dann zu der allbekannten Gleichung des Sterbens und Liebens bei den Griechen zurück; ich erwähnte sie gelegentlich der Rembrandtschen Anatomie. Das Knien wäre dann ein Ausdruck für das Unvermögen des Mannes nach vollzogenem Geschlechtsakt (blaptein = erschlaffen machen).

Für diese Dinge findet sich in der lateinischen Sprache die Bestätigung. Das Knie heißt im Lateinischen genu; hängt man daran ein s, so wird es genus, was unmittelbar zu dem Begriff der Fortpflanzung, zu dem männlich-weiblichen, kindlich-mannbaren Allmenschlichen führt.

Von diesem Punkte aus hat man eine erschütternde Aussicht. Die Etymologen behaupten allerdings, genu und genus hätten nichts miteinander zu tun; aber bei einer Wissenschaft, die so mit Vermutungen arbeitet wie die Etymologie, braucht man nicht alles zu glauben, was gesagt wird, zumal wenn sich herausstellt, daß in andern Zusammenhängen zwar nicht genus und genu, dafür aber Knie, kennen, können, König, Kunst, Kind und Kinn auf ein und dieselbe Wurzel zurückgeführt werden. Ehe mir nicht bewiesen wird, daß genu und genus nicht miteinander zusammenhängen, bleibe ich auf Grund des Symbols dabei, daß sie sprachlich verwandt sindDer Zufall hat mir nach Abschluß meiner Arbeit einen Aufsatz des Heidelberger Forschers Hermann Güntert in die Hände gespielt, der ebenfalls, wenn auch auf anderm Wege, unter Anlehnung an Geschlechtsdinge die Verwandtschaft von gony und gignesthai mit ihren Folgerungen feststellt; er erwähnt bei dieser Gelegenheit das homerische theon en gunasi keitai. Ich empfinde diese Übereinstimmung freudig und dankbar, besonders, weil es nachweisbar ausgeschlossen ist, daß einer von uns den Gedanken des andern gekannt hat. Günterts Arbeit (erschienen in »Wörter und Sachen«, Band 8) ist 1928 veröffentlicht worden; meine erste Mitteilung über die Wörter gony und gignesthai, gignoskein usw. ist 1926 in einer privaten Zeitschrift »Die Arche« gedruckt worden. Güntert kann diese Zeitschrift nicht gekannt haben..

Um sich in dem Labyrinth der Wortverbindungen zurechtzufinden, fasse man den vielgeschichteten und wandelbaren Stamm 15 »kan, ken, kun«, zu dem sich dann noch aus mir nicht bekannten Gründen »gen« hinzugesellt. Man muß kühn dabei verfahren (aber kühn leitet sich auch von dem fruchtbaren Stamme kan, ken, kun her). Angeblich enthält diese Wunderwurzel die Bedeutung »gebären« in sich. – Von dieser Wurzel kan, ken, kun wird das Sanskrit Wort janu = Knie abgeleitet. Andrerseits soll von einer skrt. Wurzel jan = zeugen aus janus = Geburt, janas = Geschlecht, jantu = Kind zu unserm Ariadnefaden kan, ken, kun, gen gehören. Aber janu und janus haben nach Meinung der Gelehrten ebensowenig miteinander zu tun wie genu und genus im Lateinischen. Was soll man nun tun?

Das beste wird sein, man stellt die Aussagen der Etymologen nach eigenem Gutdünken zusammen, ohne sich um die Privatmeinung des Lexikographen zu kümmern. Um den Vorwurf allzu großer Phantasiesprünge einigermaßen zu entkräften, stelle ich einen Satz aus Kluges »Etymologischem Wörterbuch« voran, der sich in dem Abschnitt über das Wort »können« findet: »Die weite Verzweigung der engverwandten idg. Wz. gen, gno ›erkennen‹, ›wissen‹ ist allgemein anerkannt.«

Hält man sich an diese Verwandtschaft, so ordnen sich um den Begriff »Knie« in den verschiedenen indogermanischen Sprachen in erstaunlicher Weise große Lebensgebiete.

Im Griechischen gehören zu dem Wort gony (γονυ) = Knie gignoskein (γιγνωσκειν) = erkennen und gignesthai (γιγνεσϑαι) = werden, entstehen, geboren, erzeugt werden mit ihren Ableitungen. Was das bedeutet, ergibt sich, wenn man bedenkt, daß das Wort Gnosis oder Gnostiker (also ein gut Teil aller Philosophie und Religion) dadurch ebenso mit dem angeblich körperlichen Knie zusammengebracht wird wie das Wort Genesis = Entstehung oder Genos = Geschlecht. Weiter gehört in diese Verbindung genys (γενυς) = Kinn und genaiaskein (γεναιασκειν) = einen Bart bekommen, mannbar werden.

Im Lateinischen gruppieren sich ähnlich, ja vielfach gleich um das Wort genu = Knie: cognoscere = erkennen, nasci = geboren werden, genus = Geschlecht. Ein besonderes Gebiet gerät dort mit in das Lawinenfeld, die Wissenschaft von den Zähnen: 16 dentes genuini = Backenzähne. Es wird sich später zeigen, wie nahe verwandt das Zahnen mit Erzeugungs- und Geburtsvorgängen auch in der Welt der Symbole ist und damit auch im organischen Leben des Menschen, in seinem Sein und Werden. Wer alle diese Beziehungen gewissenhaft durcharbeiten wollte, müßte wohl einige Generationen lang leben und wirken.

Im Englischen gehört knee = Knie zusammen mit to know = kennen, wissen, knowledge = Kenntnis, nation, native, gentry, gentleman, chin usw.

Im Deutschen findet man rings um das Wort Knie: kennen, können, König, Kinn, Kind, Kunde und so fort.

In diesen kurzen Mitteilungen, die nur eine Art Einleitung zu weiteren Aufsätzen sein sollen, möchte ich nur auf einiges aufmerksam machen, was für den Arzt erwägenswert ist. Ich habe vorhin behauptet, daß Kniegelenksleiden unter Umständen das Zwiegeschlechtswesen des Menschen, seine Kind-Mannbarkeit, Zeugungs- Schwangerschafts- und Geburtsvorgänge im Symbol organischer Erkrankung darstellen, und habe mich dabei auf Mitteilungen aus dem Unbewußten meiner Patienten berufen. Das Nachsuchen in indogermanischen Sprachen scheint mir zu beweisen, daß solch Symbol bei der Entstehung der Sprachen mitgewirkt hat; daß das Symbol noch jetzt wirkt, halte ich, abgesehen von meinen persönlichen Erfahrungen in der Behandlung Kranker mit Hilfe symbolischer Gleichungen, auch deshalb für wahrscheinlich, weil die Macht des Worts in allen Lebensbeziehungen noch immer die gleiche ist wie vor Jahrtausenden. In einer Reihe von Sprachen klingt die Benennung des Gelenks zwischen Ober- und Unterschenkel fast gleich wie in längst gestorbenen Sprachen und die Redewendung, daß der Mann das Weib erkennt, ist unsrer Zeit noch ebenso verständlich wie den Verfassern des Alten Testaments.

Daß ich das Wort König trotz einiger Bedenken in Zusammenhang mit Knie gebracht habe – unter Benutzung des vielgestaltigen ken, kan, kun (kuni heißt im Gotischen vornehmes Geschlecht) – erleichtert mir die Mitteilung, daß Kniekranke nicht selten im Unbewußten von Phantasien über königliche Abstammung beeinflußt sind. Ich bin auch geneigt, die lateinische Bezeichnung rex für 17 König auf das männliche Lebensprinzip des Aufrechtstehens zurückzuführen.

Eine Vermutung, die ich zufällig nicht in eigener ärztlicher Erfahrung habe prüfen können, ist, daß die gonorrhoischen Kniegelenkserkrankungen eng mit der Begattungssymbolik des Gelenks verbunden sind und daß eine Behandlung darauf Rücksicht nehmen sollte.

Schließlich erwähne ich, daß die moderne Wissenschaft die alte fruchtbare Wurzel in dem Ausdruck »Gen« zu neuem Leben gebracht hat. Gen umfaßt in der Vererbungslehre so viel, daß es sich in seinem Wert dem alten Genesis an die Seite stellen läßt. Ich will nicht behaupten, daß die Brücke zwischen dem homerischen theon en gunasi keitai und der Vererbungslehre fest ist. Aber wie tropische Schlinggewächse Flüsse von Kilometerbreite und mehr überbrücken, so mag es auch hier sein. Die Wege zum Es sind wunderlich. 18

 

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