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Der Mensch als Beherrscher der Natur

Curt Grottewitz: Der Mensch als Beherrscher der Natur - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorCurt Grottewitz
titleDer Mensch als Beherrscher der Natur
publisherDer Bücherkreis GmbH Berlin
year1928
illustratorA.W.Baum
created20050501
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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IV. Neue Fruchtgehölze in Deutschland

Seit Jahrhunderten hat sich in Deutschland kein neuer Baum oder Strauch eingebürgert, dessen Früchte für den Menschen genießbar wären.

Unsere bekannten Obstgehölze, die wir vom Ausland bekommen haben, Pflaumen und Sauerkirschen, Pfirsiche und Aprikosen, der Walnußbaum, der Weinstock, sind bereits im Altertum und im frühesten Mittelalter zu uns gebracht worden. Sie sind wohl alle über Italien zu uns gekommen; die Mönche, welche die römische Kultur im inneren Germanenlande verbreiteten, pflanzten in den Klostergärten die kostbaren Fruchtgewächse an, und von diesen Gärten aus nahmen die fremdländischen Obstgehölze ihren Weg über das ganze Land. Der Weltverkehr steigerte sich in dem Jahrhundert der Entdeckungen außerordentlich, aber zur Bereicherung unserer Obstgärten hat er nichts beigetragen. Amerika wurde entdeckt und lieferte uns die Kartoffel, den Mais und den Tabak, aber Baum oder Strauch mit eßbaren Früchten hat es uns nicht geschenkt, nur das südliche Europa verdankt ihm den Feigenkaktus. Die umfangreiche Obstzucht, die in Amerika jetzt betrieben wird, gründet sich auf unsere Obstarten: Apfel, Birne, Pflaume, Pfirsich und Aprikose.

Bei der Ausdehnung und Leichtigkeit des Weltverkehrs kann es nicht wundernehmen, daß unzählige Arten von Pflanzen fremder Länder und Erdteile zu uns gebracht worden sind. Von ihnen führen aber die meisten ein stilles, wenig beachtetes Dasein in den Gewächshäusern und Freilandbeeten der botanischen Gärten. Ein nicht unerheblicher Teil ausländischer Gewächse wird als Schmuckpflanzen in Parkanlagen und Privatgärten verwendet, einige sind sogar in den einfachsten Bauerngarten und in die Stube des Arbeiters gedrungen.

Unter diesen Gewächsen befinden sich eine Fülle von Bäumen und Sträuchern, die bei uns gut im Freien gedeihen, aber keiner darunter besitzt eßbare Früchte, so daß sich sein Anbau lohnte.

Erst in neuester Zeit hat man versucht, ausländischen Gehölzarten mit eßbaren Früchten eine größere Verbreitung zu verschaffen. Dieser Versuch verdient Beachtung, auch wenn sich keine dieser Pflanzen eine allgemeine Beliebtheit erwerben sollte. Hier und da mochten sich Liebhaber für sie finden, wie für die Tomate und die Artischocke. Mancher möchte auch etwas Interessantes und Apartes in seinem Garten haben, und in diesem Falle wäre eine Anpflanzung der neuen Fruchtgehölze zu empfehlen.

Vor einer Reihe von Jahren wurden japanische Pflaumen bei uns bekannt, die große, schmackhafte Früchte trugen. Sie erschienen in mehreren Sorten und kamen über Nordamerika zu uns. Nun fehlt es bei uns zwar nicht an Pflaumensorten, aber diese japanischen Pflaumen stammen von anderen Arten ab als unsere europäischen.

Denn die Gattung der Pflaumen – Prunus – umfaßt nicht nur unsere Hauszwetsche und Kriechelpflaume, sondern auch Süß- und Sauerkirsche (Prunus avium und Prunus cerasus), ferner die Aprikose (Prunus armeniaca). In dem Schlehdorn haben wir in Deutschland auch eine Wildpflaume.

In anderen Ländern und Erdteilen gibt es nun weit mehr Wildpflaumenarten, Amerika und das östliche Asien besitzen davon eine Menge. Während aber unser Schlehdorn nur kleine, roh kaum zu genießende herbe Früchte liefert, geben verschiedene amerikanische Wildpflaumenarten ein schmackhaftes Obst. Die Japaner, die große Gartenkünstler sind, haben ihre in der Natur wildwachsenden Pflaumenarten oder vielleicht auch nur eine Art, die sich gut dazu eignete, in Zucht genommen und sie so veredelt, wie wir unseren wilden Apfelbaum. Die bei uns eingeführten japanischen Pflaumensorten scheinen fast alle von der dreiblütigen Pflaume (Prunus triflora) abzustammen, die in Ostasien weit verbreitet ist. Darum haben diese Obstbäume oder Obststräucher – denn sie haben einen buschartigen Wuchs – auch ein anderes Aussehen als unsere Pflaumen. Sie bilden lange dünne Zweige, gleich wie der Pfirsich, und ähneln ihm auch im Laub. Ihre Blätter sind länglich, nicht rund, und haben eine hellgrüne Färbung wie die Blätter der Weiden. Im Frühjahr sind diese japanischen Pflaumen reich mit Blüten besetzt und bilden dann einen schonen Schmuck für jeden Garten. Allein die japanischen Pflaumen tragen auch Früchte, die von Kennern gerühmt werden. Von unseren Pflaumen sind diese Früchte im Geschmack sehr verschieden. Sie erinnern an den Pfirsich, übrigens sind auch bei ihnen die verschiedenen Sorten durchaus nicht gleich. Wie bei uns Hauspflaume, Reineclaude und Mirabelle sehr verschiedenen Geschmack besitzen, so ist dieses auch bei den einzelnen Sorten der Japaner der Fall. Die Früchte sind meist herzförmig, spitz, ihre Haut ist in der Regel gelb oder rot, ihr Fleisch gelb. Bei einer Sorte, welche Satsuma oder Blutpflaume heißt, ist das Fleisch dunkelrot, so dunkel wie bei keiner anderen blutfarbigen Obstsorte.

Von allen japanischen Pflaumensorten hat sich die Botanpflaume bei uns am meisten bewährt. Ihre fast runde, glänzende dunkelkirschrote Frucht hat ein weiches, saftiges, süßes und wohlschmeckendes Fleisch. Sie reift Mitte August. Wie alle japanischen Pflaumen, hält auch die Botan unseren Winter aus, sie ist sehr fruchtbar und macht keine größeren Ansprüche an den Boden als unsere alten eingebürgerten Pflaumen.

Erwähnt sei noch die Sorte Burbank. Sie ist, wie schon ihr Name sagt, keine reine japanische Sorte mehr. Denn Burbank ist einer der ersten Pflanzenzüchter Nordamerikas, dem die Vereinigten Staaten schon manche edle Obstsorte verdanken. Er hat auch durch Kreuzung der Japaner mit amerikanischen Sorten die nach ihm benannte Pflaume gezüchtet. In Amerika, besonders in Kalifornien, hat man überhaupt die japanische Pflaume mit großem Eifer aufgenommen, an dreißig Sorten sollen dort kultiviert werden. Schon vor einem Menschenalter gelangten die japanischen Pflaumen nach Amerika, sie haben also erst ziemlich spät den Weg zu uns gefunden. Wahrscheinlich lag das daran, daß man sie für zu empfindlich für unser Klima hielt. Wenn jetzt diese Obstpflanzen, nachdem ihr Gedeihen in Deutschland und der Wohlgeschmack ihrer Früchte von ersten Autoritäten anerkannt worden sind, trotzdem in weiteren Kreisen noch unbekannt sind, so mag das an der Langsamkeit liegen, mit der sich Neuheiten auf pflanzlichem Gebiete bei uns Bahn brechen. Vielleicht auch daran, daß wir genügend Pflaumensorten von verschiedenstem Geschmack besitzen. Freilich wird auch von ihnen außer den Zwetschen keine Sorte allgemein angebaut; Reineclauden, Mirabellen, Eierpflaumen finden sich, abgeschen von einigen bevorzugten Obstgegenden, meist nur in den Gärten der Liebhaber.

Nächst den japanischen Pflaumen sind die amerikanischen Brombeeren die wertvollste Einführung an Fruchtgehölzen der jüngsten Zeit. Auch sie sind in mehreren Sorten zu uns gekommen. Sie entstammen einer in Nordamerika wildwachsenden Brombeerart (Rubus villosus), der zottigen Brombeere, deren Blätter an der Unterseite einen weißen Haarüberzug tragen. Die amerikanischen Sorten, die dieser wilden Art entstammen, haben im allgemeinen zwar das Aussehen unserer Brombeeren mit schwärzlichen Früchten, wie sie an Waldblößen, Waldrändern, an Rainen und Abhängen allenthalben in Deutschland sich finden. Aber die amerikanischen Brombeeren sind nicht ganz so dornig und haben einen schlankeren Wuchs, sie ranken leicht in die Höhe und können als Klettersträucher zur Bedeckung von Wänden und Zäunen benutzt werden. Sie blühen in weißen Rispen, und ihre Fruchtbarkeit ist überaus groß, sie übertreffen darin die besten unserer einheimischen Arten. Ihre Früchte sind größer und haben einen besseren Geschmack. Unsere einheimischen Brombeeren gelten nicht für feineres Beerenobst, da sie einen seifigen und kratzigen Nachgeschmack haben. Die Amerikaner haben dagegen einen milderen, edleren Geschmack. Von allen Sorten hat sich die New-Rochelle- oder Lawton-Brombeere bei uns am besten bewährt und ist daher auch in neuester Zeit öfters bei uns gepflanzt worden. Vor vielen Jahren sind diese amerikanischen Beerensträucher schon zu uns gelangt, aber erst seit den letzten Jahrzehnten in den Kreisen der Gartenfreunde bekanntgeworden. Ueber diese hinaus geht ihre Verbreitung auch heute noch nicht.

Vor etwa einem Jahrzehnt kam noch eine andere Rubusart mit eigenartigen Früchten aus Japan zu uns und wurde als japanische Weinbeere angepriesen. Daß sie eine Brombeerart sei, wurde möglichst verschwiegen, und so träumte mancher Gartenbesitzer schon von einem niederen Strauch, an dem etwas wie Weintrauben hingen. Diese japanische Weinbeere (Rubus phoenicolasius) ist ein Strauch von der Höhe eines Meters und gleicht äußerlich dem viel angepflanzten wohlriechenden Himbeerstrauch, der durch seine großen roten Blüten sehr dekorativ wirkt. Im Wuchse dagegen, in dem Aussenden schlanker, langer Ruten ähnelt sie mehr unseren Brombeeren. Ihre Früchte haben eine schöne kirschrote Farbe und sind von großem Wohlgeschmack. Damit wäre dem neuen Strauch eine große Verbreitung gesichert, allein er besitzt einen schlimmen Fehler, er ist nämlich nicht ganz winterhart. Wenn er unbedeckt bleibt, erfriert er leicht. Nun ist es zwar für jeden Gartenbesitzer leicht, den Strauch mit Tannenreisig, Wacholderzweigen oder einem anderen Material zu bedecken, aber die Erfahrung zeigt immer wieder, daß in Deutschland eine Pflanze, mag sie noch so schön oder interessant sein, ja selbst materiellen Gewinn versprechen, keine allgemeine Aufnahme findet, wenn sie nicht völlig anspruchslos ist und gleichsam wie das Unkraut wuchert. Die Rosen sind fast die einzigen Pflanzen, die man allgemein vor Winterkälte zu schützen gelernt hat. Die japanische Weinbeere ist nun lange nicht so frostempfindlich wie eine Tee- oder Noisetterose, aber sie verlangt doch Aufmerksamkeit und dauernde Pflege.

Von größerem Nutzen für manche Gegenden Deutschlands könnten die amerikanischen Moosbeeren werden, die auch erst in neuerer Zeit bei uns bekanntgeworden sind. Auf mit Moosen bewachsenen Hochmooren finden wir bei uns häufig die Torfbeere, eine Schwesterart der Heidel- und Preiselbeere, eine kleine Pflanze, deren holzige Stengel, mit zierlichen, immergrünen Blättern besetzt, über und zwischen dem Moose hinlaufen. Im Herbste bedecken sich die Pflanzen mit schönen knallroten preiselbeergroßen Früchten, die eingemacht fast ebensogut wie Preiselbeeren schmecken. Die amerikanischen Moosbeeren sind nun in allen Teilen größer, besonders auch in ihren Früchten und tragen deren auf günstigem Boden eine bedeutende Fülle. Der günstigste Boden ist aber eben ein Land, das sonst für Pflanzenkultur fast unbrauchbar ist, ein mooriges, torfiges, sumpfiges Terrain, wie es in Norddeutschland vielfach gefunden wird. Hier würde die Moosbeere, ohne Pflege zu beanspruchen, vorzüglich gedeihen und den Moorländereien einen gewissen Wert verleihen. Man kann diese amerikanischen Moosbeeren auch im Garten in feuchtem Lande kultivieren, doch ist Gartenland im allgemeinen zu kostbar für eine solche Pflanze.

Ein eigenartiger neuer Fruchtstrauch ist die eßbare Oelweide (Elaeagnus longipes). Sie gehört nicht zur Gattung der Weiden, wie man nach ihrem Namen annehmen könnte, sondern ist eine zu den Seidelbastgewächsen gehörige Pflanze und steht als solche der Ordnung der Rosenblütler und damit auch unseren Kern- und Steinobstgewächsen am nächsten. Aeußerlich gleicht sie ihnen jedoch sehr wenig. Sie ist ein leichtgebauter kleiner Strauch mit hübschen länglichen Blättern. Im Mai erscheinen an ihm eine Fülle hellgelber Blüten, die einen angenehmen Wohlgeruch verbreiten. Am schönsten nimmt sich der Strauch aus, wenn er im August mit reifen Früchten dicht behangt ist. Diese Früchte haben etwa die Größe von Kirschen, eine bräunlich rote Färbung, und ihr Geschmack ist angenehm. Sie können auch zu Beerenwein Verwendung finden und geben ein vorzügliches madeiraartiges Frühstücksgetränk. Der aus Japan stammende Strauch ist so schön, daß er auch als Ziergehölz in jedem Garten angepflanzt werden könnte.

Noch sind in letzter Zeit mancherlei andere Fruchtgehölze eingeführt oder ihrer Früchte wegen empfohlen worden. So die mährische Eberesche mit süßen Früchten, eine Abart unserer gewöhnlichen Eberesche; die Büffelbeere (Shepherdia) aus Nordamerika und die großfrüchtige Hagebutte (Rosa rugosa) aus Japan. Aber der Wert ihrer Früchte ist lange nicht so groß wie der der vorerwähnten Fruchtgehölze. Diese verdienen jedenfalls allgemeinere Aufmerksamkeit. Da Deutschland nicht reich an Fruchtpflanzen ist, wäre die Einbürgerung von neuen derartigen Gewächsen zu wünschen. Unsere Heimat ist aber auch nicht einmal reich an Baum- und Straucharten, und die hier erwähnten Gehölzarten zeichnen sich fast alle durch besondere Schönheit aus. So wäre ihre Verbreitung in Deutschland in doppelter Beziehung ein Gewinn.

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