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Der Mensch als Beherrscher der Natur

Curt Grottewitz: Der Mensch als Beherrscher der Natur - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorCurt Grottewitz
titleDer Mensch als Beherrscher der Natur
publisherDer Bücherkreis GmbH Berlin
year1928
illustratorA.W.Baum
created20050501
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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XI. Der Mensch als gestaltende Macht in der Natur (von Wilhelm Bölsche)

Wenn die von der Mehrzahl heutiger Naturforscher geteilte Meinung recht hat, so ist der Mensch in jener erdgeschichtlichen Periode entstanden, die man als die Tertiärzeit bezeichnet. Das Wort, von lateinisch tertius, der dritte, abgeleitet, besagt etwa soviel wie das dritte Hauptweltalter in der bekanntlich nach vielen Millionen Jahren zählenden Entwicklung der bereits von Tieren und Pflanzen bewohnten urweltlichen Erde.

Jedenfalls stand sie uns beträchtlich näher als die eigentlich romantischen Urweltstage etwa der alten Steinkohlenwälder oder der berühmten Saurier vom Reptilgeschlecht. Entsprechend dieser zeitlichen Nähe ähnelte ihr Naturbild sehr stark schon dem heute vorhandenen, Meere und Länder stellten sich in ihrem Verlauf fast ganz auf die gegenwärtigen Kartengrenzen ein, unsere größten Hochgebirge vollendeten sich in ihr, und Tier- und Pflanzenwelt nahmen mehr und mehr unseren Charakter an. Insbesondere war es die oberste Gruppe der Wirbeltiere, die der Säugetiere, die in ihr überall einen gewaltigen Aufschwung nahm – wobei ein lange noch sehr mildes Klima fast auf der ganzen Erde entgegenkam.

Aus diesen Säugetieren denken wir uns nun auch den Menschen selbst damals hervorgegangen, wofür die gewichtigsten Gründe seines noch fortbestehenden Körperbaues sprechen, wenn auch tertiärzeitliche Knochenreste seiner engeren Vorstufen bisher nicht gefunden worden sind. Ob der Termin der Entstehung bereits tief in der Zeit selbst lag oder erst nahe ihrem Ende, wissen wir nicht. Jedenfalls aber zeigt das gesamte uns überlieferte tertiäre Naturbild in keinem Punkte noch irgendein Anzeichen einer bereits erfolgten Beeinflussung durch ihn, obwohl die Tertiärperiode in sich noch recht beträchtlich lang war und sicherlich auch mehrere Millionen von Jahren umfaßte.

Wenden wir den Blick aber jetzt von damals zu unserer Gegenwart herüber, so belehrt uns wieder der sachkundige Forscher, daß die seither nochmals verflossene Zeitspanne keineswegs im Verhältnis eine sehr große gewesen sein kann. Im äußersten Maße wird man sie kaum auf ein paar hunderttausend Jahre ansetzen dürfen, was mit geologischen Ziffern gemessen sehr wenig ist. Und nun doch heute: was für ein gänzlich verändertes Bild.

Noch immer dauern bei uns in den Grundzügen des ursprünglich gegebenen Naturbildes der Erde (wenn man von einigen Einzelheiten etwa des Klimas absieht) wesentlich tertiärzeitliche Verhältnisse fort, ganz entsprechend so kurzem Zwischenraum. Aber überall im Mittelpunkt steht gegenwärtig an sichtbarster Stelle jenes eine damals so verborgen zunächst auftauchende merkwürdige Wesen: der Mensch selbst.

Dieser Mensch, einst aus der Natur hervorgegangen, hat sich inzwischen selber, möchte ich sagen, zu einer geologischen Macht auf dieser Erde entwickelt.

Seine künstlichen Kanäle trennen heute Erdteile voneinander, seine Tunnels durchbohren das dickste Gebirgsmassiv, seine Telegraphenkabel liegen wie eine Art Nervensystem in den Abgründen der Tiefsee zwischen Kontinent und Kontinent. Die Tier- und Pflanzenwelt aber steht zu ihm längst nicht mehr in dem einfachen Verhältnis wie sonst zu einer einzelnen Art im hergebrachten Naturhaushalt – wie an vielen Stellen dieses Buches geschildert ist, ist sie wenigstens auf Ungeheuern Erdstrecken bereits in einen ausgesprochenen Allgemeinzustand der Abhängigkeit getreten, der uns von einer sieghaften Herrschaft auch hier des Menschen reden läßt. Ohne jede phantastische Übertreibung glaubt man heute schon sagen zu dürfen, daß in ziemlich absehbarer Zeit von dieser gesamten Tier- und Pflanzenwelt nur noch vorhanden sein und weiterdauern wird, was dieser Mensch für seine eigenen Absichten gebrauchen kann und deshalb duldet. Hoffen wir, daß das auch dann noch eine recht stattliche Summe sein wird, ausgelesen nicht bloß auf engere rohe Nützlichkeit, sondern auch im Sinne von feinem Naturgefühl und wissenschaftlichen Zielen. Aber tatsächlich wird es eben nur noch das sein, was der Mensch will.

Was für eigenartige Ursachen haben nun in so verhältnismäßig, wie gesagt, kurzer Zeit zu diesem ganz kolossalen und fundamentalen Umschwung geführt? Der sich durchsetzenden Erdregie eines einzelnen Lebewesens, das zunächst wohl nur ganz schlicht neben die anderen noch in jener Tertiärzeit getreten war?

Und die Frage wird sofort noch merkwürdiger, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß selbst jene Spanne Zeit dazu von ein paar hunderttausend Jahren tatsächlich auch noch zum weitaus größten Teile hingegangen ist, ehe gerade diese heute entscheidende Sache sich durchzusetzen begann.

Es lag dort zunächst nach Ausklang der Tertiärzeit selbst noch das sonderbare klimatische Intermezzo der sogenannten diluvialen Eiszeit. Aus ihr haben wir jetzt zwar sehr deutliche Spuren des Menschen, aber eben diese Spuren verraten uns bis zu ihrem Schlüsse auch einen noch so primitiven Menschen, daß vom Beginn jener Erdherrschaft immer noch keine Rede sein konnte.

Wir sehen ein Lebewesen, das sich zwar bereits mit sehr merkwürdigen Mitteln behauptet, aber immer doch wesentlich noch »behauptet«, ohne die Dinge schon selbsttätig umzukrempeln. Und erst nach Ausklang dieser Eiszeit glauben wir auf die wirklichen ersten Anzeichen auch dieses beginnenden Umkrempelns selbst zu schauen.

In Wahrheit ist aber die Zeit damit nochmals so eingeschränkt, daß nur noch einige zwanzigtausend Jahre für diesen wirklichen Prozeß übrig sind. Und selbst darin läuft noch ein Teil, mehr als die Hälfte, trotz allerhand Indizien ziemlich dunkel, bis endlich die letzten zehntausend Jahre der engeren »Kulturgeschichte« den deutlichen Fluß im Lichte zeigen. Und auch darin muß noch eingeschränkt werden, denn der endgültig entscheidende Ruck liegt, wie wir alle wissen, eigentlich erst in den allerletzten paar Jahrhunderten. Also ein geradezu ungeheures Tempo, wenn man sonst auf geologische und Lebensentwicklungen blickt. Unwillkürlich also und vollends die Frage: wie konnte so etwas möglich werden – solches Uebergewicht einer einzelnen Lebensform in so winzigem Zeitraum . . .?

Und hier muß nun zunächst etwas bedeutsam werden, was wir ganz in der Stille in jener Tertiärzeit selbst doch schon hätten beobachten können, falls uns von dort menschliche Spuren überhaupt erhalten wären – was aber bei den ersten wirklich sichtbaren Anzeichen menschlicher Arbeit während jener Eiszeit sich sofort aufdrängt.

Der Mensch dieser Eiszeit herrschte noch nicht innerhalb der irdischen Natur – aber er arbeitete doch schon in ihr, und zwar arbeitete er sogleich in einer äußerst charakteristischen Weise, die, recht besehen, nach dem oft gebrauchten Wort ihm bereits den künftigen Lenkerstab gleichsam in den ersten schlichten Arbeitsranzen legte.

Auch der Mensch änderte, wie die meisten Tiere jener Tage, seinen eigentlichen Körper in jener Eiszeit nur noch wenig oder schließlich gar nicht mehr ab. Als sei die alte Naturbildungskraft, die seinen Fuß, seine Hand, sein Herz, seinen Schädel, kurz seine Organe ihm verliehen, auch für ihn nach dieser Seite mehr oder minder fortan erloschen. Dafür aber trat er in eine höchst eigenartige Erweiterung, Verlängerung, Projektion gewissermaßen seiner angewachsenen Körperorgane ein, indem er sich künstliche Werkzeuge aus den Rohstoffen der umgebenden Natur herstellte. Z. B. um das erste und zweifellos auch wirklich Ursprünglichste zu nennen: indem er etwa seine einfache Hand verstärkte durch Stöcke, Hämmer, Messer, Schlag-, Stoß- und Wurfinstrumente, die er aus solchem Naturstoff durch künstliche Bearbeitung mit anderem zielgerecht herstellte und immer mehr verfeinerte und verbesserte. Wobei der Schwerpunkt von Beginn an auf dem Wörtchen zielgerecht oder zweckmäßig lag. Alle diese mit der Zeit ins unendliche variierten und vervollkommneten Werkzeuge wurden von ihm erzeugt mit der ausgesprochenen Absicht, möglichst zweckdienliche Erweiterungen und Besserungen seiner einfachen überkommenen Organe zu schaffen.

Nun hatte ja die Natur unterhalb des Menschen auch schon vielfach zweckmäßige Gebilde hervorgebracht (die Organe waren selbst zumeist solche), auch gelegentlich Tiere schon einen Anlauf zum Gebrauch solcher Werkzeuge nehmen lassen. Aber das war alles doch dort mehr oder minder noch in der Linie dunkler Bildungstriebe, Naturzüchtungen und Instinkte geblieben, während es beim Menschen jetzt in klarer eigener Zweckbewußtheit hervortrat.

Allerdings hing diese Zweckbewußtheit auch bei ihm zuletzt mit einem einzelnen Organ zusammen, das ihm die Natur schon mit auf den Weg gegeben, seinem Gehirn, so daß die neue Sache im letzten Sinne doch auch immer Natur blieb, was ja aber auch nicht bezweifelt werden soll.

Das wesentliche war nur (wenn ich mich einmal so ausdrücken soll) der große Systemwechsel, der in dieser Gesamtnatur sich hier ergab und dessen unabsehbare Folgen sich über kurz oder lang notwendig für die ganze übrige Erde geltend machen mußten, wo sonst überall noch nach dem alten System weitergearbeitet wurde. Einmal gegeben, hatte dieses Werkzeug-Prinzip ja eigentlich keine Grenzen.

Es mußte auf die Dauer fähig sein, den ganzen Umkreis aller bei Pflanzen und Tieren bisher entwickelten Anpassungsorgane und Organnützlichkeiten noch einmal neu, und zwar im ausschließlichen Dienste diesmal des Menschen abzulaufen – mit der gleichzeitigen Tendenz nicht endender Vervollkommnung. Was war auch die beste Klaue eines Löwen schließlich gegen einen Dolch oder gar eine Flintenkugel! In gewissem Sinne mußte dieses vervollkommnete Werkzeug die ganze tote Natur noch einmal mit der menschlichen zweckbewußten Intelligenz vergeistigen und so nun auch gegen das bisher Kühnste des Lebens ins Feld führen. Wobei der Zweck, sofort gesucht und immer mehr neu angespannt, zugleich das Tempo allmählich immer mehr verkürzen mußte – bot doch jede Erfindung selbst den Ansatz neuer und überbietender – und im Prinzip kein Unterschied lag, daß nicht ein erstes roh mit einem anderen Steine zu rechtgeschlagenes Steinmesser schließlich sich wirklich zu Sprengleitungen auswachsen sollte, die ganze Berge durchlochten.

Gewiß, die Anfänge waren auch hier zunächst noch primitiv. Jene ganze Eiszeit hindurch scheint auf der Erde (auch in ihren wirtlicheren Gebieten) allgemein erst ein relativ sehr niedriges Stadium der Werkzeugtechnik Jahrtausende um Jahrtausende fortbestanden zu haben. Ueberall braucht es ja seine Zeit, bis der Stein ins Rollen kommt. Wie der Mediziner von einem »Inkubationsstadium« vor Ausbruch einer Sache spricht. Immerhin sehen wir aber an den charakteristischen Resten, daß das Prinzip bereits vollgültig darin steckte. Es gab dem körperlich sonst auffällig schwachen Menschen zunächst selber jene Möglichkeit, sich gegen recht schwierige und abnorme Naturzeiten, die viel Leben sonst damals dezimiert haben, zu behaupten, wenn auch noch nicht die volle Ueberkraft, die Dinge zu ändern.

Die künstliche Feuererzeugung nahm bereits im Sinne solcher Erhaltung sehr glücklich den Kampf gegen das fatale Klima auf. Auch relativ größere, rein organisch besser bewehrte Tiere wurden mit der neuen Werkzeugwaffe bezwungen. Im frühen Sozialleben des Menschen erwies sich das von Generation zu Generation vererbbare Werkzeug als fördernder Stammesbesitz. Wir wissen ja auch, wie bereits dieser Eiszeitmensch in seinen Höhlen dieses Werkzeug schon verwertet hat, um Kunst zu treiben, zu schnitzen und zu malen, gleichsam auch damit einen Teil seines regen Innenlebens in den toten Stoff hinausprojizierend, wie die Natur unterhalb einst selber vielfach sogenannte Kunstformen angelegt hatte neben ihren Zweckorganen.

Gewandelt, wie gesagt, hat dieser ältere Mensch im ganzen aber wohl das Naturmilieu noch nirgendwo. Als er sich zum erstenmal auf Flucht oder Wanderung von einem Einbaum (künstlich gehöhlten Baumstamm) über das Wasser tragen ließ, hat er gewiß noch nicht geahnt, daß er einmal mit Kanälen Erdteile voneinanderspalten werde. Es ist sogar fraglich, ob dieser Urmensch selber Anteil gehabt hat auch nur an der Ausrottung der großen heute nicht mehr existierenden Eiszeittiere (wie des Mammut-Elefanten) – wahrscheinlich trieb er solche Naturverödung noch ebensowenig, wie bis an unsere Tage heran der afrikanische Buschmann, ehe das Feuergewehr in sein Land kam, seine Nashörner und Quaggas, so gern er sie jagte, wirklich vernichtet hat. Bekanntlich hat die ganze Eiszeitkultur noch keinen Gebrauch von Metall gekannt, wenn wir auch durch neuere Funde im Mittelmeergebiet jetzt wissen, daß sie bei ihren Jagden bereits große und höchst wirksame Bogen verwertete. Tatsächlich fällt auch die Metallnutzung erst in jenen oben erwähnten Spielraum der allerletzten zwanzigtausend Jahre Menschentums, und selbst dort noch nicht in den Anfang. Der Uebergang zur Eisenzeit liegt erst im hellsten Licht der uns nach Völkern, Jahreszahlen und Personennamen bereits genau bekannten Kulturgeschichte. Prinzipiell aber kann man wieder sagen, daß von Existenz auch nur einer ersten bronzenen Speerspitze an kein noch so großes und durch Stärke furchtbares Tier der Erde fortan dem Menschen, zumal dem sozial vereinigten Menschen, gewachsen war. Was die Kombination vom Metallwerkzeug mit der künstlichen Feuerentzündung bei einem Sprengstoff dann auf den Gipfel geführt hat.

Inzwischen und ehe es noch dazu kam, hatte aber bereits kurz nach Ausgang der Eiszeit noch eine andere Auseinandersetzung des intelligenten Menschen gerade mit der lebendigen Natur um ihn her stattgefunden, die, indirekt auch an den Begriff des vergeistigten Werkzeuges anknüpfend, doch nochmals eine prinzipiell neue Wende hineinbringen sollte.

Ihr Sonderwesen ist nochmals ein überaus interessantes.

Auf der einen Seite hat sie zweifellos den ersten Schritt einer wirklichen zwangsweisen Naturumgestaltung durch den Menschen wenigstens nach dieser Tier- und Pflanzenseite damals bezeichnet.

Andererseits aber trug gerade sie den Charakter eines bis zu gewissem Grade friedlichen Verständigungsversuchs dort an der Stirn. Eines Versuchs, die Natur, in der der Mensch sich jetzt so glücklich behauptet hatte, für seinen weiteren Zweck nicht einfach rücksichtslos umzuwerfen, sondern auf weitem Gebiet lebendig für sich zu erziehen.

Sehr kurz nach Beginn jener letzten zwanzigtausend Jahre Menschheitsgeschichte sehen wir diesen Menschen nämlich dazu übergehen, zum erstenmal Haustiere und Kulturpflanzen in Zucht zu nehmen.

Vom Standpunkt des Werkzeugs handelte es sich dabei um den lehrreichen Fortschritt des »lebendigen Werkzeugs«.

Bisher war nur lebendiges Organ (etwa die Hand) in lebloses Werkzeugmaterial (etwa Messer oder Hammer) projiziert worden. Jetzt stellen sich dazwischen noch das lebendige Tier, die lebendige Pflanze als lebende Projektion, die der Mensch für seinen Zweck an sein eigenes Organ anschloß.

Auch zu Tierzucht und Ackerbau gibt es einige Beispiele bereits aus der untermenschlichen Natur selbst, die bis heute neben uns fortbestehen. Am bekanntesten sind wohl die Ameisen, die Blattläuse hegen und melken und gewisse Nährpilze höchst sinnreich kultivieren. Immerhin bewegt sich auch das dort noch in der ziemlich dunkeln Welt vermutlich blind angezüchteter Instinkte, während der Mensch auch hier die freie Intelligenzstufe vertritt.

Der eigentliche Anfang ist allerdings auch in dieser Menschheitsgeschichte noch in etwas Schleier gehüllt. Auch dieses Prinzip ist plötzlich an jener jüngeren Wende fast auf der ganzen Breite der Völker erfüllt gewesen, ohne daß wir noch zu sagen wüßten, wo es im einzelnen begonnen hat – ähnlich wie mit dem Aufgehen des Vorhangs für uns in der Eiszeit das Werkzeugprinzip überhaupt da war.

Mit vielem Recht hat man darauf hingewiesen, daß diese trotz Schlachtens und Fruchterntens doch wesentlich friedlichere und niemals absichtlich ausrottende Hege und lebendige Aneignung zwar auch dem menschlichen Zweckgedanken entsprang, aber ganz ursprünglich weniger an grobe Nutzzwecke als vielmehr feinere Gemütszwecke angeknüpft hat.

Der ältere Mensch, auch wenn er den Herrscherstab der Erde schon unsichtbar bei sich trug, lebte doch wohl noch viel enger mit seiner Nachbarwelt in Seelenkontakt, die einst seine eigene Wiege gewesen. Sogenannte wilde und stark primitiv gebliebene Völker von heute umgeben sich leidenschaftlich gern noch jetzt mit lustigem Getier oft der seltsamsten Art, ziehen zum reinen Amüsement putzige Jungtiere auf – wie sie sich ebenso der bunten Blume als Schmuck erfreuen. Uralte Züge der »Symbiose«, des friedlichen Aneinandergewöhnens zu gegenseitigem Behagen, die auch schon durch die ganze Triebstufe der Natur zu verfolgen sind, mögen auch hier sich noch nebenher geltend machen, wie von Mensch zu Mensch, so von Mensch zu Tier und sicherlich auch von Tier zu Mensch. Ich denke da an das Nashorn, das Schillings einst aus Afrika mitgebracht, und das nicht mehr ohne eine kleine befreundete Ziege leben konnte – denke an den Marabustorch, der vor dem gleichen tierfreundlichen Reisenden selber jedesmal in die stürmischste Liebesbalz trat, wenn Schillings noch nach Jahren seinen Käfig im Zoo besuchte.

Wenn aber das einmal gegeben war als ein allgemeiner Menschenzug, der auch uns auf der Höhe der Kultur der Nachtigall lauschen und dem Veilchen zu seiner Zeit nachschwärmen läßt – so muß der wirkliche Nutzzweck sich doch allmählich ebenso notwendig auch daran angegliedert haben.

Die ungeheuere Produktion, ja Ueberproduktion der Natur bei nur einigem Schutz konnte dem Menschen nicht verborgen bleiben. Der weggeworfene Fruchtkern von der einfachen Nutzung mußte notwendig zum Anbau führen, Schonung die Kunstpflanzung nach sich ziehen. Aus der friedlichen Herrschaft, die in der vorsorgenden Hege lag, mußte aber ebenso nötig über kurz oder lang eine wahre Zucht werden, die das willkommene Geschöpf jetzt völlig werkzeughaft selber auf noch erhöhte Brauchbarkeit zu steigern suchte.

Wir beginnen erst in unseren Tagen durch rückgewendete Forschung wieder ein ungefähres Bild zu gewinnen, was für Wege der Mensch als Züchter damals wohl gegangen ist, ohne eigentliche wissenschaftliche Kenntnis, aber mit klugem Praktikerblick die gegebenen Möglichkeiten der Natur für sich ausnutzend. In den jungen Generationen auch der scheinbar konstantesten Tier- und Pflanzenarten treten immer einmal wieder gewisse vererbbare Schwankungen, sogenannte Mutationen, auf, die eine zwecktätige Absicht leicht nach bestimmter Seite weitertreiben kann. Vielleicht hat die Natur durch gewisse Summation und Auslese solcher Mutationen selber schon ihre Arten einst geschaffen. Dem Menschen aber bot sich hier, nun er mit eigener egoistischer Intelligenz herantrat, aus der alten Mutterlaune wohl ein reichliches Versuchsfeld für eigene zielgerechte Auswahl und Weiterzüchtung in der Linie seiner Interessen.

Aus Wildtieren und Wildpflanzen zunächst nur kärgsten Gehalts zog er so veredelte Kulturrassen, endlich ganz neue Kulturarten – bald den entgegenkommenden Instinkt benutzend, bald den wirtschaftlich wertvollen Ertrag ins Hundertfache summierend. Wobei die Geschöpfe, einmal in den Bereich der Zähmung, des engeren Menschenanschlusses und Menschenschutzes im Gegensatz zur freien Naturauslese entrückt, selber noch wieder ganz neuen Reichtum des Möglichkeitenspiels aus sich offenbarten. Wie ein Zauberer steht dieser Mensch heute vor uns, der in kurzer Frist eine ganze nie dagewesene Tier- und Pflanzenwelt aus dem Boden zu stampfen schien – alles doch auch hier mit den beiden Leuchten des eigenen Zwecks und des davon beseelten lebendigen Werkzeugs.

Ich verzeichne ein paar Daten (nachdem oben schon mehreres über den Ursprung und die Verbreitung unserer Kulturpflanzen gesagt wurde) speziell zu dem Wege, auf dem der Mensch so unsere bekanntesten Haustiere aus dem Wildmaterial seiner umgebenden Natur teils gleich zu Beginn damals gezogen, teils immer noch später nachhelfend sich errungen hat. Natürlich spielen dabei Vermutungen mit, da der Prozeß in keinem einzigen Hauptbeispiel mehr ins volle Licht der Geschichte fällt. Aber die Betrachtung macht sich vollauf belohnt, weil vielleicht keine zweite im ganzen so scharf den Menschen in seiner Rolle zur Natur beleuchtet – als Bezwinger und zugleich als Reformator dieser Natur.

Das bis heute interessanteste aller Haustiere ist zugleich das älteste: der Hund.

Also der Canis familiaris, wie wir seit Linnés zoologischer Namengebung ihn wissenschaftlich zu bezeichnen pflegen – gleichsam in der Notwendigkeit dieses Namens schon dokumentierend, daß der Mensch hier aus eigener Machtvollkommenheit eine neue Tierart geschaffen hat, die ebensosehr seinen Stempel trägt wie den der unabhängigen Natur.

Bei keinem zweiten Wesen, das der Mensch aus dem bestehenden älteren Naturhaushalt herausnahm und sich selbst angliederte, indem er es gleichsam geistig umgriff, hat das Geistige auch des betreffenden Tieres selbst eine solche Rolle gespielt. Keins ist ihm neben dem Nutzwert als Schutz-, Spür- und Wachttier zugleich so ständig auch Gemütswert geblieben, der sein Seelenleben noch nach viel tieferen Seiten durch die Jahrtausende jetzt bereichert hat und noch immer bereichert. Man denkt ja selten daran, daß der Mensch als Herr der Natur doch auch ein Gefühl der Vereinsamung in dieser Natur erdulden mußte. Der Hund hat ihm dieses Schicksal erleichtert, indem er nicht sein Sklave, sondern bis zu gewissem Grade sein Genosse wurde.

Andererseits kam ihm aber auch bei diesem Erstling in geradezu überwältigender Form schon jene Vielseitigkeit der Natur selbst entgegen, die ihn mit geringem Aufwände und nur ein paar ursprünglichen Blutkombinationen aus solcher einmal gewonnenen Kulturform die unendlichsten Rassen herauszüchten ließ – Rassen, die schließlich untereinander sich im Bilde fremder gegenüberzustehen scheinen, als draußen ganze Ketten streng getrennter Tierarten, und doch alle nur Menschenarbeit sind. Man denke an einen Dackel neben einem Neufundländer oder den Zwergpinscher zur riesigen Dogge.

Bei alledem bleibt aber fest, daß auch der Hund in dieser »Menschenform« während der ganzen langen Eiszeit noch nicht existiert hat. In den zahllosen Hinterlassenschaften des europäischen Höhlenmenschen dieser Erdperiode ist bisher nie der leiseste charakteristisch veränderte Knochenrest gefunden worden, der auf eine unserer zahmen Hunderassen deutete – sowenig wie sonst eine Haustier- oder Pflanzenkulturspur. Hunderte von anderen Tierknochen aus den Menschenmahlzeiten liegen dort oft noch auf engem Fleck beisammen: keiner weist die charakteristischen Bißspuren, als wenn solche Haushunde ihre doch so selbstverständliche Nachlese dabei gehalten hätten. Ebensowenig zeigt irgendein erhaltenes Höhlenbild den Hund, den die kunstverständige Hand doch ebensogut getroffen haben würde wie das Mammut oder den vom Jagdspeer gefällten Bison, die wir in den südfranzösischen und nordspanischen Bilderhöhlen so täuschend porträtiert finden.

Und doch muß die Zähmung sich schon damals ganz in der Stille wenigstens vorbereitet haben. Denn plötzlich, mit Ausgang der Eiszeit und Beginn der sogenannten Jungsteinzeit in der Technik, ist ein Hund da. Zuerst als Skelettrest angedeutet aus den Mooren und Küchenabfallhaufen Dänemarks – dann sich offenbar rasch weiter verbreitend über ein unendliches Gebiet als eine allgemein äußerst willkommene Menschheitsneuerung.

In den Tagen, da in der Schweiz und anderswo in Europa solche Jungsteinzeitler bereits in richtigen Dörfern, die auf eingerammten Pfählen im Seenrande und in den Seen selbst standen, wohnten, bellte es überall schon auch um diese ersten fast modern anmutenden Haussiedlungen.

Es ist dabei eine relativ kleine Hunderasse, die offenbar diesen ersten Vortrupp bildete: ein winziger Beller, der nur reinen Wachtdienst tat. Man denkt sich, daß er wesentlich in unserem Spitz fortlebt. Bei jenen Pfahlbauleuten hat man ihn in den Akten unserer Wissenschaft den »Torfhund« (Canis familiaris palustris) genannt, es war aber ersichtlich als Rasse nur der typische »Ur-Spitz«. Schmächtiges Kerlchen, der er, wie gesagt, war, gibt er zugleich wohl einen ungefähren Anhalt, aus was für einem Wildtier der Mensch sich seinen neuen Genossen erzüchtet hatte.

Obwohl man beim Hunde als zoologischer Art heute immer als nächste Spezies im freien Walde an den Wolf denkt, konnte solcher klaffende spitzhafte Duodez-Erstling doch wohl schwerlich vom großen Wolfbruder hergeholt sein. Irgendein mehr oder minder dem kleinen Schakal ähnlicher oder gleicher Wildhund der Eiszeit, der heute vermutlich, wie so manche europäischen Eiszeittiere, in der Natur draußen wieder ausgestorben ist, mag den Anknüpfungspunkt gebildet haben.

Weite Zeiträume hindurch mochte solches hungrige Schakalvölkchen den menschlichen Jäger der Eiszeit schon von fern begleitet haben, wie es heute noch dem Tiger in Indien folgt – in der lüsternen Absicht, selber noch ein Stücklein Beute vom Tisch des Großen zu ergattern. Und der intelligente Jäger selbst mochte dabei längst auf den feinen Spürsinn dieser Außenseiter aufmerksam geworden sein. Gelegentlich immer einmal wieder mag auch der zur Höhle seines Stammes heimkehrende Held einen Wurf solcher Jungschakale den Frauen und Mädchen dort halb im Scherz mitgebracht haben, die dann mit der naiven Tiermutterfreude, die wir noch heute an den Besucherinnen unserer Zoos vor jeder Löwen- oder Tigerkinderstube beobachten können, aufgezogen wurden. An den Menschen gewöhnt, mußten aber auch diese Nestwildlinge daheim brauchbare Nutzdinge bewähren: sie lärmten nachts, wenn ein fremder Eindringling sich näherte.

Jedenfalls ist es sehr leicht, sich mit solchen und ähnlichen Bildern noch in die entsprechende alte Situation hineinzudenken, wie ein kleiner pfiffiger Schakal, der selber Vorteil von dem klugen Großen zog und den dieser Große liebgewann und auch nicht ganz unnützlich befand, mit mancherlei Auslesen der passendsten Individuen endlich ständiger Hausgenosse werden konnte. Worauf dann die Natur selber mehr und mehr die Gestalt auf das veränderte neue Leben auch äußerlich abmodelte, bis der Spitz entstanden war.

Natürlich nicht mehr sicher zu entscheiden ist, ob die Zähmung nur einmal stattfand und von dem betreffenden Ort ausstrahlte, oder ob sie sich bei gleichem Anlaß soundsooft parallel vollzogen hat. Schakale sind ja noch heute weit über die Erde verbreitet, konnten also öfter und vielleicht auch mit mehreren ähnlichen Arten dienen, wobei doch das Produkt zunächst wohl überall ein solcher spitzhafter Kleinhund gewesen ist.

Wie die Sache aber dann weiterging, scheinen uns die gleichen Pfahlbauten auch noch als Exempel zu verraten.

Noch heute schließen (unbeschadet späterer Kreuzungen, die überall das Hundebild etwas verschoben haben) unverkennbar zwei andere Hunderassen aufs engste an unseren Spitz selbst an und führen also wohl ebenfalls noch typisches Urspitzblut: das sind unsere Pinscher oder Schnauzer und in seiner Grundform mindestens auch der Terrier. Die ersten Pinscher scheinen aber von den Pfahlbauern selbst bereits aus ihrem Spitz gezogen worden zu sein.

Je mehr indessen dann auch in den späteren Pfahlbauten die Kultur der Menschen selbst wuchs und reicher wurde, je mehr sie zu größerem Stammesbesitz überging und neben dem so lange auch hier noch allmächtigen Stein-, Holz- und Hornmaterial sich der Benutzung von Metall (zunächst der aus Kupfer und Zinn hergestellten Bronze) wirklich zuwandte – desto entschiedener mußte der Wunsch auftauchen, auch den Nutzen des Hundes über den kleinen ursprünglichen Beller und Belustiger hinaus den erhöhten Anforderungen solcher Kultur anzupassen. Andere Haustierhege, die mehr der Ernährung und Bekleidung galt, nämlich regelrechte Viehzucht, war ja inzwischen ebenfalls in Flor gekommen. Hütehunde und wirkliche Wachthunde taten hier not, dazu aber bedurfte es mehr und mehr jetzt eines nicht bloß kleinschakalhaften, sondern viel kräftigeren, größeren und wehrhafteren Hundes, wie solcher gleichzeitig ja auch für die Jagd größerer Art immer wünschenswerter erscheinen mußte.

Und so sehen wir denn folgerichtig in diesen späteren Pfahlstädten der Bronzezeit ein neues Hundeexperiment einsetzen, das vermutlich gleichzeitig auch wieder bei den verschiedensten Völkern und in den verschiedensten Zonen damals parallel ebenso durchgeführt worden ist. In den Hund wurde nämlich nun nachträglich wirklich noch Wolfsblut und damit Wolfsstärke gebracht.

Wenn auch nicht vom Spitz, so wird man doch von manchem anderen Hundetyp heute gern glauben, daß in ihm solcher Wolfseinschuß steckt. Daß unser heimischer Wolf mit Hunden sich glatt paart und vollkommen fruchtbare Junge erzeugt, steht ebenso fest. Und so taucht also in den Bronzepfahlbauten und anderen europäischen Stationen der Zeit ebenso plötzlich, wie früher der Torfspitz selbst, nunmehr ein unverkennbar wolfshafter größerer Hund als erster eigentlicher Rassenfortschritt auf. Nach dem frühesten greifbaren Schädelfunde wurde er der Bronzehund oder (von Jeitteles auf des Entdeckers Mutter etwas wunderlich bezogen) der Hund der besten Mutter (Canis familiaris matris-optimae) getauft.

Mit seiner wachsenden Stattlichkeit und Kraft hat er (neben einer Kreuzung des Spitzes noch wieder mit ihm, die als Canis familiaris intermedius bezeichnet wird) wohl die bis heute blühenden Geschlechter all unserer intelligenten Schäferhunde, energischen Hirtenhunde und in anderer Linie vermutlich auch unsere meisten echten Jagdhunde erzeugt.

In das Gewirre des engeren Stammbaumes hineinzusteigen, lohnt nicht, da es wohl im einzelnen kaum je wieder ganz enträtselt werden dürfte.

Einigermaßen deutlich scheint nur noch, daß an ein erstes Geschlecht solcher ältesten Wolfsmischung in besonders zäh-tapferer Form im hohen Norden (gegen den Pol schon zu) früh bereits auch ein Polarhund (Schlittenhund, Eskimohund) sich schloß, ohne den die Menschen dort den Kampf mit der Unwirtlichkeit ihrer Gegend überhaupt nie hätten bestehen können–von dem man also geradezu sagen kann, daß er in diesem Falle nicht bloß Helfer, sondern Bedingung fortan der mit ihm verknüpften Menschenexistenz gewesen ist. Denkbar, daß zu ihm als eine alte Edelform ursprünglich auch der schöne starke Neufundländer gehört hat, dem man heute gern glaubt, daß kein natürlicher Wolf es mehr mit ihm aufzunehmen wage.

Kreuzung von Hirtenhund oder Schäferhund und Jagdhund konnte unschwer der lustige Pudel sein, der sich als scharfe Rasse allerdings geschichtlich nicht sehr weit zurückverfolgen läßt. Und kaum in Zweifel wird man ziehen wollen, daß einer unserer beliebtesten und interessantesten heutigen Kulturhunde, nämlich der so scharf schon äußerlich individualisierte Dackel, Teckel oder Dachshund, nur eine Abirrung oder – wie man's nun nennen will – Feinspezialisierung des Jagdhundes selber ist. Noch heute wäre der treffliche Dackel mit seiner Riesenkraft in der Zwergenmaske, seinem Spüreifer und Mut geradezu das Ideal eines Jagdhundes, wenn er nicht zugleich ein so unverbesserlicher Eigenbrötler wäre, der in seiner Leidenschaft immer wieder jeder Menschenzucht spottet und sich hundertmal lieber Prügel holt, als von seinem Willen abgeht. Ich persönlich liebe ihn deshalb, denn er ist mir immer wieder der wandelnde Beweis, daß gerade der Hund, so nahe er zum Menschen getreten ist, doch nie reiner Sklave geworden ist, sondern immer einen »Selbsthund« in sich bewahrt hat. Ueber die Geschichte des Dackels im engeren ist viel Papier verschrieben worden. Zunächst sollte er mit Kurz- und Krummbeinigkeit eine reine Krankheitsform des normalen Jagdhundes sein, durch konstant gewordene rachitische Knochenverkrümmung in irgendeinem besonders ungesunden Weltgeschichtswinkel erzeugt. Davon hat ihn die neuere anatomische Forschung wieder gereinigt, indem sie auch ihn nur als eine jener gelegentlichen erblichen Mutationen nimmt, die auch sonst bei Haustieren in dieser Form aufgetaucht sind, ohne an sich deshalb eigentlich krankhaft zu sein; praktischer Nutzen bei der Jagd auf unterirdisch lebende Tiere und Spaß wohl auch an der unwillkürlichen Kasperlegestalt haben nur in diesem Falle die etwas krause Mutation fixieren lassen. Wann und wo das aber geschah, ist wieder Dackelzwist der Gelehrten unter sich. Auf uraltägyptischem Wandbilde sollte bereits ein Teckel paradieren, was doch nicht der Fall zu sein scheint. Ja, eine ägyptische Hieroglyphe »Tekal« sollte für ihn existiert haben, was aber auch leider nicht viel mehr Gewähr zu besitzen scheint als der schlechte Witz, im hebräischen Bibeltext werde dem ehrsamen König Belsazar schon »Manne Teckel« an die Wand geschrieben. So kennen wir wirkliche »Alt-Dackel« wohl frühestens aus der römischen Kaiserzeit, aber beschwören läßt sich nicht, ob sie nicht auch schon in der ersten Hundemeute mitgingen, nachdem der echte große Jagdhund einmal da war. Ist doch höchst interessant, daß die amerikanische Kultur in Peru und Mexiko für ihr Teil und sicher wohl ganz unabhängig auch irgendwann schon einmal auf Dackelzucht geraten sein muß.

Was nach dieser kurzen Generalrazzia alter oder neuer wolfshafter Nachtragsschöpfungen im Hundestamm jetzt wesentlich übrigbleibt, sind nur noch zwei auch in ihrem Außenbilde anscheinend recht festumrissene und uns noch überall umgebende Typen: nämlich die Dogge und der Windhund. Gerade hier gehen aber auch die Meinungen der Forscher am extremsten auseinander.

Hilzheimer sieht in der Dogge aller Gestalten zwar natürlich auch unzweideutiges Wolfsblut, denkt aber auch hier an sehr alte nordeuropäische Züchtung, etwa versuchsweise aus dem an sich schon sehr dickköpfigen und kurzschnauzigen mittelschwedischen Wolf – wovon dann erste Produkte auch schon in das spätbronzezeitliche Deutschland geraten wären, wo man in der Tat bereits stark doggenhafte Schädel zu finden glaubt. Umgekehrt hat der vielgewanderte Züricher Altmeister der Haustierforschung, Konrad Keller, gerade den Doggentyp diesmal wirklich möglichst weit weg rein aus Altasien herleiten wollen. Im geheimnisvollen Hochlande Tibet soll der schwarze einheimische Tibetwolf früh den noch heute dort lebenden großen doggenhaften Tibethund ergeben haben und auch die riesigen Hunde, die wir noch auf den alten assyrisch-babylonischen bildlichen Darstellungen studieren können. Waren sie bereits echte Doggen, wie Keller annimmt, so könnte sich die Doggengruppe unschwer von hier in die griechisch-römische Antike nach Alexanders abenteuerlichem Orientzug hinausverbreitet und auf gerade entgegengesetztem Wege erst nach Nordeuropa gekommen sein.

Abb. 26. St.-Bernhards-Hund.

Gelöst ist die Frage nicht, und es fechten zum Teil Allgemeinstimmungen darin gegeneinander, von denen die eine neuere prinzipiell gern alle Haustierkultur und stark überhaupt die ältere Kultur von Norden, aus Europa, herleiten möchte, während die andere, ältere, aber noch keineswegs ganz widerlegte strenger an asiatischem Einfluß und asiatischer Einwanderung festhält.

Daß der Doggenstamm selbst irgendwie auch in den uns, ich mochte sagen, aus »humanen« Gründen wieder so sympathischen Sankt-Bernhards-Hunden steckt, deren Findigkeit und Pflichttreue schon so manchen im Schnee sonst verlorenen Menschen der hohen Alpenpasse gerettet hat, scheint immerhin etwas weniger bestritten zu sein.

Auch beim Windhund muß zuerst wieder Meister Keller gehört werden. Im Prinzip ist der Windhund die denkbar äußerste »Kunstform« im Hunde, sogar noch über den Dackel hinaus – dabei in seinen großen Edelformen doch auch eine Prachtrasse, gleichsam die leichte Antilope unter den Hunden. Und nach Keller stammt er denn auch wirklich aus dem Antilopenlande Afrika. Aus dem schönen hochbeinigen abessinischen Wolf (Canis simensis) sollen die Aegypter der ältesten Dynastien zuerst imposante stehohrige Windhunde gewonnen haben, die nach Keller heute noch auf den Balearen fortleben. Von ihnen aber sei das ganze andere windige Völklein nicht nur ausgegangen (was sich wohl hören läßt), sondern hätten auch (sehr kühn) alle späteren Jagdhunde mit Einschluß des Dackels sich erst abgezweigt.

Demgegenüber behauptet wieder unser Hilzheimer, der angebliche abessinische Wolf sei eigentlich nur ein großer Fuchs, und der Fuchs habe nachweislich nie in die menschliche Hundezüchtung hineingespielt – an sich als Argument nicht absolut überzeugend. Aber auch jene angeblichen Pharaonenhunde seien gar keine Windhunde gewesen, sondern Abkömmlinge eines besonderen ägyptischen Schakals, während die echten Windhunde vermutlich von südrussischen Wölfen stammten. Das mag man nun einstweilen gegeneinander werten wie man will.

Erwähnen will ich nur noch, daß es auch einige »Hunde« heute gibt, von denen man überhaupt nicht weiß, ob sie schon Menschenzucht oder noch ursprünglicher Wildstoff sind. So der australische halbzahme »Dingo«, der vielleicht bei Entdeckung des Erdteils durch unsre Kultur noch solcher echte Wildhund war, heute aber mit allen eingeführten Rassen fruchtbar kreuzt. Wie er ursprünglich in den Kontinent der Beutel- und Schnabeltiere geraten war, ist selber noch ein Geheimnis. Und ebenso die orientalischen und afrikanischen sogenannten Pariahunde, die auch noch ein halbwildes Eigenleben neben dem Menschen zu führen scheinen. Jene altamerikanischen Kulturhunde müssen wohl sicher einheimisches Wolfsblut in sich aufgenommen haben, woran ja im Lande drüben kein Mangel war.

Abb. 27. Dingo, australischer Wildhund.

Eine reiche und wunderbare Welt, durch die man bereits auf diesem einen einzigen Haustierspaziergang geführt wird – man möchte sagen, eine ganze Kulturgeschichte für sich schon unter bestimmtem Gesichtspunkt dieser lebendigen Werkzeugeroberung.

Unser zweitinteressantestes Haustier ist dann das Pferd.

Der Mensch hatte von Beginn an von der Natur zwei erstklassige Werte mitbekommen: seinen Kopf und seine Hand. Seine schlechteste Naturgabe aber war sein Fuß. Ein alter Kletterfuß des Baumlebens, der nur unvollkommen zum Gehorgan umgeformt worden war – schlecht und schräg noch auf den ursprünglichen Greifdaumen gestützt, anstatt den Schwerpunkt, wie alle berufenen Gehtiere, mehr oder minder in die Mitte zu legen. Bei anderen Typen des Säugetieres hatte die natürliche Entwicklung dagegen gerade diese Fußgestaltung auf den Gipfel raffiniertester Technik getrieben. Und einen solchen Gipfel (wenn nicht unter Säugetieren geradezu den Gipfel) stellt das Pferd dar.

Wir kennen aus wunderbaren, besonders nordamerikanischen Knochenfunden auch außergewöhnlich genau, wie sein Fuß zustande gekommen war. Auch das Pferd als Naturprodukt war letzten Endes von fünfzehigen Ahnen ausgegangen, hatte dann aber in langer Kette vorweltlicher Zwischenstufen gleichsam Zehe um Zehe abgeworfen, bis wirklich bei ihm nur noch der reine stützende Mittelstrahl mit nur noch einer behuften Steilzehe an jedem Fuße stehenblieb. Indem auch das ganze übrige Bein sich dem einpaßte, entstand so die vollkommenste Trag- und Laufmaschine zum mühelosen Bezwingen auch des weitesten ebenen Planes – gewissermaßen das natürliche Präzisionsinstrument der flach zum Horizont durch halbe Erdteile gedehnten Steppe.

So begegnete (nachdem die ganze Tertiärzeit daran gebaut) ihm in fertiger Endform bereits der Mensch, und gerade diesen Musterersatz seiner eigensten schwächsten Stelle sich ebenfalls als Helfer zuzulegen, mußte früh ein Ideal seiner Haustieraneignung werden. Wobei auch hier wieder ein sehr einfacher und doch sehr glücklicher Sachverhalt entgegengekommen sein wird.

Das Pferd, als scheues Steppentier selbst nie Jäger, sondern Wild – war schon längst als ein extrem soziales Tier gewohnt, als Herde einem Leittier zu folgen, dessen feinste Lenk- und Warnsignale aufs genaueste befolgt werden mußten in einem ganz bestimmten eisernen Naturdrill. Der Mensch brauchte sich also bloß geschickt gleichsam in die Rolle dieses natürlichen Leithengstes einzuschmuggeln, um sofort als Reiter oder Fahrer auch alle Vorteile dieses Drills zu genießen.

Auch dieses Verhältnis wurde zuletzt allerdings nur möglich durch ein gewisses seelisches Ineinanderleben. Nicht mit Unrecht sagt man von gewissen Reitervölkern, daß sie mit ihren Pferden verwachsen wären. Die Poesie des Arabers kann sich den Menschen gar nicht mehr denken als nach dem Wort unseres Freiligrath: »gelehnt an eines Hengstes Bug.« Denn die hohe Naturtechnik in ihren harmonischen Verhältnissen hatte diesmal auch ein wirklich schönes Tier geschaffen, das die Menschenhand nur noch ein klein wenig für sich weiter zu veredeln brauchte, um einen wahren Rekord auch im künstlerischen Sinne zu schlagen.

Was nun den Hergang der Zähmung selbst anbetrifft, so ist in diesem Falle grundsatzlich kein Zweifel, daß sie sehr eng noch an die gegebene Natur anschloß; das heißt, das Kulturpferd einfach mit geringer Formänderung aus dem wilden Naturpferd selbst zog. Wozu wieder in den entscheidenden Anfangstagen sehr entgegenkam, daß der Mensch an seinen ältesten Kulturzentren auch solche Wildpferde noch in Masse vorfand. Sie belebten zeitweise alle Erdteile mit einziger Ausnahme nur des kleinen Australien, durchjagten in ungezählten Scharen auch die zwischeneiszeitlichen Steppen Europas und waren ursprünglich sogar in ganz Amerika heimisch, wo sie allerdings geschwunden sein müssen, ehe es zu einer Zähmung kommen konnte, so daß die Mexikaner und Peruaner bei Ankunft der Spanier kein Pferd besaßen und kannten.

In Europa sind die Wildpferde, solange der altsteinzeitliche Mensch noch reiner Jäger ohne Haustiere war, zunächst für ihn auch solches reine Jagdobjekt gewesen. Offenbar ein sehr ergiebiges, denn z. B. bei Solutré in Südfrankreich findet man noch heute ein ganzes riesiges Lager von Wildpferdknochen aus Tausenden von Individuen mit allen Spuren solcher primitiven Menschenjagd. Weite Zeiträume hindurch (erinnern wir uns, daß die Eiszeit mehrere hunderttausend Jahre dauerte und wiederholt von eisfreien reinen Steppenzeiten durchschnitten wurde, die man als Zwischeneiszeiten bezeichnet) mag er das so getrieben haben, wobei er aber auch hier gerade die brauchbaren Eigenschaften der kraftstrotzenden Traber allmählich kennengelernt haben wird.

Abb. 28. Wildpferddarstellungen des diluvialen Menschen.

Wir wissen aus den zum Teil höchst vortrefflichen und lebenstreuen Wandbildern, farbigen Deckenmalereien und Kleinschnitzarbeiten, die uns dieser älteste europäische Pferdejäger in vielen seiner Wohnhöhlen hinterlassen hat, sehr genau, wie dieses alteuropäische Jagdwildpferd ausgesehen hat – eine Kenntnis, die dann noch eine glückliche Entdeckung aus neuerer Zeit ergänzt hat. Es war nämlich kein Zebra, so daß diese afrikanischen Buschsteppentiere von heute uns ein Bild nicht geben könnten. Dagegen hat sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts unverhofft herausgestellt, daß in einer heute allerdings auch recht entfernten Gegend, nämlich der innerasiatischen Dsungarei, gegenwärtig ein kleiner Rest einer ihm offenbar noch äußerst ähnlichen Altwildpferd-Form fortlebt in dem sogenannten Prschewalski-Pferde (nach dem berühmten russischen Reisenden so benannt). Das hochwillkommene Tier, das wie ein noch lebendiges Eiszeit-Fossil plötzlich wieder zwischen uns zu treten schien, konnte seither von den meisten unserer Zoologischen Gärten zu ausgiebigem Studium vorgeführt werden. Es ist ein verhältnismäßig kleines, derbes, etwas ponyhaftes Pferd mit aufrechter Bürstenmähne, gelblich mit dunkeln Beinschäften und Rückenlängsstrich, der Schwanz noch nicht völlig hauspferdhaft – ganz wie es jene Bilder vielfach auch zeigen. Weiter existiert haben übrigens auch bei uns im Lande Eiszeitpferde vereinzelt wahrscheinlich noch bis weit in die historische Zeit hinein, ihr Fleisch erschien auf Klostertafeln des Mittelalters, und in Rußland ist der sogenannte »Tarpan«, der wohl auch solcher Spätrest war, erst 1876 im letzten Stück gefallen.

Für die engere Zähmungsgeschichte aber wieder besonders wichtig ist, daß den Skelettfunden nach bei diesen damals weithin verbreiteten Urwildpferden selbst bereits mehrere Varianten sich geltend gemacht haben müssen – bei uns in Europa eine recht große, derbe neben mittleren und feineren. Eben dieser Gegensatz aber ist eigenartigerweise bis heute auch in unseren Menschzuchtformen des Pferdes durchschlagend geblieben. Neben dem Extrem des sogenannten kaltblütigen Schlages im schweren, klotzigen, kolossalen eigentlichen Arbeitsgaul steht der sogenannte warmblütige im schönen schlanken Araber mit dem feinen Gesichtsprofil, an den das Ideal fast all unserer Schau-, Zier- und Luxuspferde angeknüpft hat. In etwa also auch ein Kontrast, wie im Hunde der starke Wolfs- und der feinere Schakal-Einschlag.

Und hier ist nun heute ziemlich allgemeine Forscheransicht, daß wenigstens der derbe Gaul auch von jenem derben Wildpferdtyp stammt, also wesentlich nordisches Zähmungsprodukt ursprünglich gewesen sei. Ueber das Edelpferd dagegen herrscht wieder Hader der Weisen. Es spricht auch da wieder etwas die stärkere Liebe bald zur alteuropäischen, bald zur altasiatischen Kulturidee mit. Afrikanisch ist auch dieser Typ wohl sicher nicht, da, wie gesagt, die dort heimischen Zebras nicht in Betracht kommen. Weil aber der Araber im Orient auftaucht, könnte er urasiatisch sein, dort selbständig gezähmt aus einer der feineren Wildrassen, die eventuell ja auch dort gelebt haben könnten. Auf einem reizenden assyrischen Reliefbild des siebenten Jahrhunderts vor Christus sieht man in der Tat eine Jagd auf solche, damals offenbar im Euphrat-Tigris-Gebiet noch fortlebenden Wildpferde, und sie haben schon als solche einen wahren, wie vorangelegten Araberkopf. Dann müßten alle Feinpferde aus der nordischen Bronzezeit etwa auch schon orientalischer Import gewesen sein. Andere denken dagegen, es könnte von jeher zwei Quellen für Feinpferde gegeben haben: auch eine nordische aus einer der dort auch nachgewiesenen Feinrassen schon der Eiszeit-Pferde; und unabhängig eine allerdings wohl noch bessere im Orient.

Abb. 29. Urwildpferde.

Sehr hübsch auch äußerlich noch erhalten ist der Wildpferdcharakter jedenfalls in den nordischen Ponys.

Im übrigen ging die künstliche Auseinanderzüchtung der Pferde durch den Menschen aber überhaupt nie so weit wie beim Hunde – das Pferd ist auch als Pony nie reine Spielerei geworden wie etwa der Zwergpinscher. Der Schwerpunkt blieb immer auf einer gewissen Uebermenschenkraft in ihm, die von Anfang sein Menschenverhältnis als »Beinersatz« bestimmt hatte. Und erst in unsere Zeit hinein droht ihm das Schicksal, gerade für diese ergänzende Bewegungsstärke doch überholt zu werden von der Maschine, die sich zu einem natürlichen »Tier« des Menschen zu entwickeln begonnen hat, dessen Präzision noch über das wahre Leben gehen will. Ich fände es doch tragisch, wenn dieser Weg dauernd wieder das Pferd verlieren sollte, ein Kunstwerk der Natur, das so urgeboren neben das Kunstwerk des Menschen zu gehören schien. Und ich gebe den Gedanken nicht auf, daß sich immer noch Momente finden konnten, wo die Weitererziehung des Lebens sich wertvoller erwiese, als die noch so gesteigerte Erfindung immer neuer Maschinen.

Daß übrigens nicht notwendig alle Tierzüchtungen ursprünglich im Norden liegen mußten, beweist am klarsten gleich das nächst hier anschließende Beispiel des guten Esels.

Dieser Doppelgänger des stolzen Pferdes ist ganz unzweideutig rein altafrikanisches Produkt. Die vielbesagten und vielfach sehr ungerechterweise schlechtbesagten Esel, ebenfalls äußerst wertvolle Kulturtiere, gehören auch naturgeschichtlich aufs engste zu den Pferden (ebenfalls als Einhufer), haben aber ebenso streng bis heute immer ihre Sonderart bewahrt. Auch vom Esel leben ausgesprochene Wildformen stattlichen Typs noch heute in Asien, wie im nördlichen Ostafrika. In den Eiszeitgründen Europas schweiften auch sie und wurden von den Diluvialjägern nicht minder kenntlich abgebildet. Gleichwohl sind sie nach Abzug der Eiszeit bestimmt dort nicht gezähmt worden. Die alte Idee des trefflichen Brehm, das zahme Pferd selber könne aus ihnen damals hervorgegangen sein, ruht ebenso wieder im Staube der antiquierten Akten.

Nur eine einzige heutige Wildeselform gleicht noch jetzt dem Hausesel so zum Verwechseln, daß jeder Zweifel sich erledigt: das ist aber der nubische Wildesel in Afrika mit dem Schulterkreuz, zoologisch der Asinus taeniopus. Aus ihm haben wohl schon die alten Gallastämme ihr Material genommen und das Produkt nach Aegypten vertrieben und damit den Triumphzug des Esels durch den alten wie neuen Orient angebahnt. Dieser Orient hat nie vergessen, was ihm in den zähen Gesellen geschenkt war. Wo heute bei uns ein treffliches Eseltier schreitet, da ist's aber immer eigentlich noch ein Gruß aus Afrika.

Nachträglich gekreuzt hat der Mensch allerdings (und offenbar auch das geschichtlich recht früh schon) das Pferd mit dem Esel zum sogenannten Maultier (Eselhengst auf Pferdestute), das eine in ihrer Weise nochmals ideale Kunstform gab, der bis heute nur leider der Makel der Unfruchtbarkeit anhaftet, so daß sie gewissermaßen immer wieder neu von Fall zu Fall im Rezept hergestellt werden muß.

Ich schließe noch ein anderes Haustier dabei gleich an, weil es ebenso nachweislich rein afrikanisch ist: nämlich die Hauskatze. Was die Katze allgemein so lehrreich macht, ist, daß sie noch auf eine gelegentliche Sonderquelle der Haustierbildung deutet, die eben auch nur spezifisch »menschlich« möglich war.

Weit verbreitet und uralt ist ein Brauch der Menscheit, sich zum Wappen (Totem) einer bestimmten Stammeseinheit irgendein Tier zu wählen, das dann selber in natura meist eine gewisse Verehrung genießt. Bis in unsere Stadt- und Staatswappen spielt das ja noch eine Rolle, und öfter führt es auch heute noch dazu, daß solche Tiere lebend gehalten werden: so Wölfe auf dem römischen Kapitol, Bären in Bern. Und auch das mag schon früh gewisse Tiere gewissen Stämmen gelegentlich nähergebracht haben. Verwandelte es sich aber gar in einen religiösen Tierkult mit Gottheiten in Tiergestalt, wie er im alten Aegypten jahrtausendelang blühte, so konnte ein Fall entstehen wie der unserer Hauskatze.

Es läge gewiß wieder nahe, auch bei ihr an unsere heimische Wildkatze zu denken. Aber weit gefehlt. Sie ist ein Produkt der heute noch sehr leicht zu zähmenden afrikanischen sogenannten Falbkatze (Felis ocreata maniculata) und als solches wesentlich ägyptisches Kulterzeugnis, über das uns die heiligen Katzenmumien dort noch genügende Auskunft gegeben haben. Die Falbkatze wurde noch in historischer Zeit zum Schutztier und frommen Sinnbild der Göttin Bast erklärt und so langsam durch Tempelzähmung in unsere Hauskatze übergeführt. Von Aegypten ist diese dann als auch ohne Heiligkeit netter Hausgast ins weite Mittelmeergebiet und erst nach Christi Geburt auch nach Europa gelangt. Immer bei so junger Erziehung doch nur als eine Menschengenossin gleichsam auf Reserve, an der ich wie am Dackel und noch erhöht die durchblitzenden Unabhängigkeitszüge liebe im Gegensatz zu einer unleidlichen Tantensentimentalität, die ihr auch weiter einen süßlichen Heiligenschein andichten möchte, dessen sie doch für den echten Katzenfreund mit ihrer prächtigen Individualität wahrlich nicht bedarf.

Ich gehe zum Rinde über und damit prinzipiell der Gruppe bedingterer Haustiere, die dem Menschen nie so stark seelisch nähergekommen sind, weil sie zum großen Teil ausgesprochen nur noch seinem physischen Nutzen als wandelnde Vorratskammern dienten, die er zugleich schützte, wie in ihrem Ueberfluß beschlagnahmte.

Das Rind ist dabei wieder das älteste und kostbarste Objekt und zugleich noch nicht bloß Schlachttier. Mit ihm begann nicht nur eine fortan absolut unentbehrliche Haustierzüchtung selbst, sondern es hat zugleich die Brücke gebildet zum Ackerbau. Mit vollem Rechte durfte der unlängst verstorbene ausgezeichnete Haustierforscher Eduard Hahn auf das Rind den berühmt gewordenen Satz prägen, der zugleich die Rolle des Haustiers in der menschlichen Natureroberung noch einmal allgemein charakterisiert: »Als diese Erwerbung vollzogen war, als man Milch trank und den Ochsen vor den Pflug spannte, waren wesentlich alle Erwerbungen für unsere asiatisch-europäische Kultur vorhanden; alle Neuerwerbungen sind schätzbare Erweiterungen gewesen, sie konnten aber nichts Wesentliches an den Grundzügen ändern.«

Zur Zähmungsgeschichte wieder betone ich nur zusammenfassend, daß im zahmen Rinde wesentlich, wenn nicht ausschließlich, das Blut des früher in diesem Buche schon einmal erwähnten gewaltigen Wildstieres steckt, den man den echten Ur (Bos primigenius) zu nennen pflegt.

Heute als Wildform ausgerottet, lebte er in jenen Tagen, die für die Kultivierung in Frage kommen, und auch geraume Zeiten später noch allenthalben in Europa so gut wie im Orient und selbst bis Aegypten fort. Die Babylonier haben ihn noch in bunten Emailfarben neben dem Löwen und Drachen auf ihrem neuerlich wieder freigelegten Istartor verewigt – als das ungeheure Wildtier Reem der Bibel, von dem Hiob singt, daß niemand es an die Krippe binden könne. Nun, es muß gerade das doch gelungen sein. Auf einem altgriechischen Goldbecher sieht man seinen Fang. Aber Cäsar und Plinius beschreiben ihn auch als Charaktertier gerade des deutschen Urwaldes ihrer Römerzeit, und das letzte Exemplar ist tatsächlich erst 1627 in Polen eingegangen. Nach den auch sonst erhaltenen Bildern war er groß, doch leicht, mit sehr langen, vermutlich weißlichen Hörnern mit schwarzen Spitzen, das struppige, doch kurze Haar tiefschwarzbraun bis rotbraun mit hellem Rückenstrich und weißem Kinn, Bauch und Innenbereich der Beine – also schon sehr viel mehr Urbild eines zahmen Rindes als etwa ein Wisent oder amerikanischer Bison.

Abb. 30. Urstier. Relief vom Istartor in Babylon.

Die weite Verbreitung läßt wieder frei, die Zähmung nördlich oder östlich mehrfach zu denken. Vielleicht hat auch bei ihr ein alter Stierkult mitgespielt, wie er ja vormals noch in Aegypten fortblühte. Möglich, daß man sich zuerst an eine kleinere Natur-Variante des eigentlichen Riesenreem herangewagt hatte und erst, wie den Wolf zum Hunde, nachher auch den Riesen selbst einzüchten ließ, an den man doch sicher denkt, wenn man heute noch die kolossalen zahmen südrussischen Steppenrinder etwa im Berliner Zoo sieht. Keller hat sogar an Blutzuschuß von dem indischen wilden Banteng gedacht, dem die Zebu-Rinder entsprossen seien, doch bleibt das problematisch. Für die Gegner, wie Hilzheimer, ist auch der Zebu nur ein Rind wie andere aus dem schon zahmen Hausrinderstapel. Parallel, aber unabhängig lief ein keineswegs schlechter Versuch, auch den eigentlichen Büffel zu zähmen, der mit seiner Kraft, Genügsamkeit und Seuchenfestigkeit eine recht brauchbare Zutat wenigstens für gewisse südliche Gegenden abgeben konnte. Der zahme Büffel ist in diesem Falle sicher von dem großen Arni-Wildbüffel Indiens ausgegangen, also wieder rein orientalischen Ursprungs. Wer in Ungarn und Süditalien gereist ist, wird den kuriosen Gesellen kennen, der nicht schön ist, aber brav dient und z. B. bei Paestum die böseste Fiebergegend besteht.

Wobei wenigstens erwähnt sei, daß (sicher nur ganz lokal) von Tibet ausstrahlend in die allernächsten Nachbarländer auch der phantastische Grunzochse oder Jak (Bos grunniens), den jeder wohl aus dem Zoo in lebhafter Erinnerung hat, kultiviert worden ist – als Lasttier, Reittier und Schneepflug und außerdem noch als Träger der vielbegehrten langen »Roß-Schweife«.

Das Schwein, um es wieder gleich hier anzuschließen als Fleischproduzenten mit über 60 Prozent all unseres deutschen Fleischkonsums, ist abermals heiß umstritten in der Gelehrtentheorie.

Gegenwärtig schreibt man ihm mindestens vier Zähmungszentralen zu. In Indien und in China soll das dort heimische sogenannte Bindenschwein (Sus vittatus) die Wildform gebildet haben, deren Kulturzüchtung dann aus dem Orient schon so früh nach Europa gelangt wäre, daß sie dort noch das kleine »Torfschwein« der Pfahlbauten geliefert hätte. Demgegenüber lassen andere dieses nordische Torfschwein von einem verzwergten heimischen Wildschwein stammen, wozu wieder zweifellos bleibt, daß Pfahlbauer und andere Alteuropäer später jedenfalls auch unsere große europäische echte Wildsau in Zucht genommen haben. Nicht ganz ohne Grund hat man gesagt, das sumpfliebende Schwein sei zum älteren Menschen gern gekommen, weil er selber ein solches Dreckschwein gewesen sei, das um sich her überall einen wahren »Kultursumpf« verbreitete. Jedenfalls haben die Schweinefleischverbote des Judentums und vor allem des Mohammedanismus, die unendliche Verbreitungsgebiete dem Schweine nachträglich noch wieder verödeten und verschlossen, bewiesen, daß diesmal kein Kult gefordert hat. Auf das Verbot scheinen teils mystische, teils aber auch gut hygienische Dinge eingewirkt zu haben (das Schwein übertrug bekanntlich die böse Trichine), von denen die letzteren zum Glücke doch heute wieder genügend hinfällig geworden sind, um uns nicht dauernd den Genuß der hohen Gottesgabe des Schinkens zu verekeln.

Vom Schaf weiß man tatsächlich bis heute nicht, von welchem Wildschaf es stammen könnte. Um so merkwürdiger, wenn man an die ungeheueren Schafherden schon der orientalischen Patriarchenzeit denkt, das alte »Torfschaf« der Pfahlbauten noch hier und da lebendig findet, auch dem Widder im altägyptischen Kult begegnet und am Parthenonfries wahrhaft dämonische Riesenschafe sieht, die nach Hilzheimer wohl geeignet hätten sein können, den Odysseus und seine Leute wirklich unter dem Bauch aus der Zyklopenhohle zu tragen. Offenbar hat auch hier von früh an starkes Hin und Her im Größeneinschlag geherrscht, ohne daß doch ein bestimmtes Wildschaf als Modell deutlich würde. Keller hat an das gewaltige afrikanische Mähnenschaf unserer Zoos gedacht. Im Riesengebirge haben wir heute künstlich wieder eingeführte sardinische Wildschafe (Mufflons). Aber das echte Geheimnis will sich noch nicht lösen.

Die Ziege ist, obwohl sie bereits altes Pfahlbauinventar war, im Grundtyp ausgesprochen orientalisch. Sie stammt nicht (wieder ist das Nächstliegende nicht das richtige) vom Steinbock, diesem schönen, heute leider so gefährdeten Naturziegenbock, sondern von der etwas kleineren wilden Bezoarziege (Capra hircus aegagrus) mit immerhin auch schr stattlichem Gehörn, die noch heute von Westasien bis Kreta vorkommt. Die mehr säbelförmigen Hausziegen münden alle restlos dort ein; bei den gewundenhörnigen fahndet man immerhin noch auf ein paar gelegentliche Tropfen Fremdblut.

Eine sehr isolierte Stellung nimmt unter den Haustieren das Kamel ein, wie es denn auch zoologisch ein Sonderling ist. Die wilden Kamele sind eine alte Eigengruppe der Paarhufer, gewissermaßen auf der Schwebe zwischen Schwein und echtem Wiederkäuer eigentlich nur urweltlich noch zu verstehen, und wie eine Urweltsfratze sieht unser bekanntestes Kamel denn auch noch immer aus. Die ursprüngliche Heimat der Kamele ist wohl Nordamerika gewesen, von wo sie, selber dort erloschen, zwei lebende Ausläufer noch heute besitzen: einen über Asien und einen anderen in Südamerika, wo die sogenannten Lamas durchaus auch nur kleine Kamele darstellen. Beide überlebenden Typen aber hat der Mensch sich merkwürdigerweise angeeignet.

Ob es in Zentralasien noch heute wilde Kamele gibt, ist auch durch die neuesten Forschungen, wie es scheint, nicht absolut einwandfrei geklärt. Jedenfalls würde es sich dabei aber wohl um die Stammform des heute in ganz Mittel- und Ostasien so unentbehrlichen zweihöckerigen zahmen Kamels handeln. Während das mehr im afrikanischen Trockengebiet verwertete und dort ebenso kostbare zahme Einhöckerkamel oder Dromedar noch immer sein eigenes kleines Mysterium wahrt. Manche nehmen es bloß für eine jenseit der Zähmung selbst erst entstandene einseitige Zuchtrasse. Andere träumen auch zu ihm eine besondere Wildform, die etwa im dunkelsten Arabien einmal gelebt haben oder gar heute noch unentdeckt fortexistieren könnte.

Umgekehrt durchschweifen von den amerikanischen Lamas noch zwei ausgesprochene Wildformen bis heute in Mengen die Kordilleren als freies Jagdtier neben den seit der alten Inkazeit dort vorhandenen beiden Zahmtypen. Die Kultivierung ist hier deswegen wieder so ungemein interessant, weil sie sich ohne jeden altweltlichen Zusammenhang zeigt. Die amerikanische Urbevölkerung hatte sich das kleine Lamakamel, wahrscheinlich nur aus der einen der beiden Wildtypen, als Last- und Wolltier in seinem wolkenhohen Bergbereich schon weit vor aller spanischen Eroberung angeeignet, während ihr Pferd, Rind und Schaf unbekannt blieben. Der beste Beweis, daß Haustiererwerbung auf bestimmter Kulturstufe eine allgemeine menschliche Eigenschaft gewesen ist, zu der es keineswegs immer eines einzigen eng lokalisierten geographischen Ausgangspunktes bedurfte.

Und das kann man auch am Renntier sehen. Nur einmal hat der Mensch in diesem Renntier aus der Reihe der großen Paarhufer auch einen echten Hirsch in seine Kultureroberung gezogen. Allerdings einen der merkwürdigsten auch sonst seiner Sippe. Einen in beiden Geschlechtern geweihtragenden Hirsch, der gänzlich ausnahmsweise nicht ein Waldtier, sondern ein ausgesprochenes Polartier der baumlosen Zone war. Auf der Höhe der diluvialen Eiszeit hatte er ihn tief in der Schweiz und in Frankreich kennengelernt, bis wohin damals noch diese öde polare Tundra (Moos- und Flechtensteppe) infolge der veränderten klimatischen Verhältnisse selbst reichte. Lange war auch das Renntier hier eins seiner bevorzugtesten Jagdtiere gewesen, dessen Geweih sich ihm als besonders wertvoll für seine frühe Werkzeugtechnik erwies. Dann, nach Abzug der Eiszeit, wandte es selber sich der wirklichen heutigen Polaröde zu. Dort hat es der Mensch dann wiedergefunden, teils weiter gejagt, teils aber, weil jetzt längst auch bei ihm die Stufe der Haustiererwerbung eingesetzt hatte, auch gezähmt zu großem Segen wieder für seine eigene Behauptung in so unwirtlichem Strich. Immerhin mit so wenig Umgestaltung, daß man nur von einer recht losen Aneignung sprechen kann, die aber doch dazu geführt hat, daß ein Hirsch hier für weite Volkskreise sogar regelmäßiger Milchspender geworden ist.

Ich streife nur flüchtig noch eine kleine Reihe weiterer Fälle. Der Elefant, dieses in unseren hellen Tagen eigentlich auch nur noch urweltlich zu verstehende Riesentier, das heute eine ganze sehr isolierte Säugetierordnung für sich bildet, ist als sanftes, kluges und gleich dem Pferde schon stark sozial vorgebildetes Wesen zwar individuell vom Menschen immer einmal wieder herangezogen worden und hat sich dabei seit alters auch als famoser Arbeiter erwiesen. Ernstlich in den Kreis erblicher Artzähmung scheint er aber nie eingetreten zu sein. Weder in den Tagen der alten afrikanischen und asiatischen Kriegselefanten, noch in den heutigen hinterindischen Holzhöfen und Sägemühlen, wo man den guten Koloß persönlich immer wieder nicht hoch genug einzuschätzen weiß. Man muß ja immer noch zwischen solcher Personenzucht und echter, Generationen in sich begreifenden Haustiergewinnung unterscheiden. Im Zirkus widersteht schließlich so gut wie kein großes Einzeltier, selbst Schwein und Nilpferd nicht, solcher Personenzucht, und der Seelöwe produziert dort sogar wahre Wunder an Dressur. Aber zur Dauerzucht bedarf es vor allem auch der regelmäßigen Fortpflanzung im zahmen Stande, und daran scheint's beim Elefanten, wenigstens in der historischen großen Zähmungsepoche, gehapert zu haben; denkbar, daß hier für uns noch eine Zukunftsaufgabe liegt, falls wir nicht lange, ehe es dazu kommt, auch diese wunderbare Reliquie grandioser Tiervergangenheit ausgerottet haben.

Solche Fortpflanzungsschwierigkeiten unberechenbarer Art haben wohl ebenso den in Asien als Jagdgehilfen noch heute so beliebten Jagdleoparden oder Gepard von eigentlicher Dauerzucht ausgeschlossen.

Unser gerade umgekehrt wieder glatt genug angegliedertes Hauskaninchen stammt vom spanischen Wildkanin als vermutlich erst spätrömische und mittelalterliche Kunstform, die dann allerdings so weitgehend zahm ausvariierte, daß wir heute wie von Dahlien oder Rosen von ihr ganze Kunstausstellungen veranstalten können. Wobei neben der lustigen Sportspielerei doch auch der wahre volkswirtschaftliche Nutzen solcher Kaninchenzucht möglichst großen Stils erst den neueren Jahrzehnten so recht aufgegangen ist.

In unserm Huhn steckt, wie schon der große Darwin selbst nachgewiesen hat, ausschließlich das indische sogenannte Bankiva-huhn (Gallus ferrugineus), also wieder ein orientalischer Ursprung nicht allzu hohen Alters. In den Schweizer Pfahlbauten scheint es noch gänzlich unbekannt gewesen zu sein. Vielleicht ist auch hier an ursprünglich heiligende orientalische Kulturgebräuche zu denken. Die Umwandlung durch die Kultur ist jedenfalls eine recht nachhaltige gewesen – man denke nur an die künstlich enorm gesteigerte Fruchtbarkeit im Eierlegen.

Und der gleiche Meister Darwin, als er die Kulturrassen zum Zwecke seiner Theorie von der Naturumgestaltung der Arten studierte, hat auch die Taubenfrage geklärt. Alle unsere 124 zahmen Hauptrassen der Taube gehen auf die eine einzige weitverbreitete Wildform der schieferblauen sogenannten Felstaube (Columba livia) zurück. Man nimmt für die Zähmung abermals Altasien an, anknüpfend wohl sicher bei religiösen Taubenkulten. Man kommt immer wieder auf dieses religiöse Motiv, das eben eine ungeheuere Macht in der Menschheit war. Gelegentlich hat aber auch ein sehr merkwürdiges Nutzprinzip sich für Taube und Mensch bewährt: die alte Zähigkeit des Naturtriebes, die solche Taube immer wieder zu ihrem heimatlichen Schlage (der alten Felshöhle) zurückkehren läßt, wozu ein glänzendes Orientierungs- und Flugvermögen entgegenkommt, hatte schon in der fernen Kalifenzeit zur Verwertung als »Brieftaube« geführt. Ein anschauliches Beispiel wieder, wie stark der Kulturmensch das Tier in seine verwickeltsten Geistesinteressen als lebendiges Werkzeug zu verweben verstand.

Unsere gewöhnliche heimische Gans ist noch immer fast zum Verwechseln genau unsere einzige heute noch in Deutschland brütende Wildgans, die sogenannte Graugans (Anser cinereus), nur oft jetzt weiß mit der Neigung so vieler Haustiere zu dieser indifferenten Farbentsagung. So kannte sie schon Frau Penelope bei Homer und bezogen sie mit Liebe zu des alten Plinius Tagen die Römer gerade aus Germanien (also dem damaligen Deutschland) unter dem dort schon bräuchlichen Namen »Ganten«, die weißen Daunen für 5 Denare (etwas über 3 Mark) das Pfund. Dem Aeygypter der Pharaonenzeit ging Gänsebraten über alles, und er hatte, wie reizende Bilder noch zeigen, schon die rationelle Mast mit künstlichem Stopfen erfunden – wozu er sich für eine Weile die prächtige heimische Nilgans (Chenalopex aegyptiacus) herangeholt hatte, eine Separatzucht, die doch später wieder im Wechsel der Zeiten verlorenging.

Daß in unserer Ente desgleichen noch die überall bei uns und sonst auch weit verbreitete Wildente, unsere Anas boschas, steckt, wird auch kaum jemand bestreiten. Doch mag sie wieder mehrfach (auch unabhängig in China) kultiviert worden sein. Im Altertum bis gegen die Römerzeit (z. B. gerade auch in Alt-Ägypten) unbekannt, scheint sie immerhin ein sehr viel jüngeres Produkt als die Gans gewesen zu sein, das aber in dieser kürzeren Zeit doch schon sehr viel lebhafter in die Farbenvarianten gegangen ist. Sehr bedeutsam aber wieder: Kolumbus fand auf seiner zweiten Reise bei den Indianern von St. Domingo bereits Hausenten. Heute weiß man, daß die große südamerikanische Moschusente (Anas moschata), die bei uns noch öfter fälschlich »türkische Ente« heißt, drüben schon den alten Peruanern der Inkazeit völlig separat Modell gestanden hat.

Was ja ebenso in Altmexiko damals mit dem noch viel mächtigeren, einen Riesenbraten liefernden Truthuhn (Meleagris gallopavo) geschehen war, der einzigen wirklich höchst wertvollen Haustiererwerbung großen Stils, die wir, nachdem das Lama nie in diesem Sinne zu uns herübergelangt ist, Amerika (seit 1530) neben so vielen unschätzbaren Kulturpflanzen verdanken.

Ich verzeichne zum Abschluß noch drei Tiere, die sich wenigstens bedingt auch den »Haustieren« anschließen, dabei aber wesentlich niedrigeren Bereichen der Tierwelt als alle bisher genannten angehören.

Den Goldfisch aus dem Fischgeschlecht, den die alten Chinesen, ich möchte geradezu sagen, »erfunden« und uns um 1700 wohl zuerst übermittelt haben. Er ist noch heute nur eine in der Farbe verschönte und auch sonst etwas veränderte Karausche (als Carassius carassius auratus), die in den Zuchtrassen der sogenannten »Schleierschwänze« aber auch an phantastischer Form wohl jeden Rekord bizarrer »Züchtungsverrücktheit« des Menschengeschmacks oder -ungeschmacks heute schlägt.

Dann den Seidenschmetterling (Bombyx mori), den ebenfalls die Chinesen schon aus grauen Sagenzeiten vor bald fünftausend Jahren feiern und dessen Wert als »Menschentier« bekanntlich in dem Schutzgewebe beruht, das die Raupe zur Verpuppung um sich zieht und dem die Kultur den unschätzbaren Seidenfaden entnimmt. Lange die Grundlage eines gewaltigen Wirtschaftsmonopols Chinas als »Seidenland«, ist die Zucht der Raupe erst nach Beginn unserer Zeitrechnung über Konstantinopel auch in unser Abendland gelangt. In der jahrtausendelangen Dauer seiner eifrigen Kunstzucht, über der die wilde Stammart heute ganz problematisch geworden ist, hat eigenartigerweise auch das Insekt deutliche »vermenschlichte« Eigenschaften bekommen: die Raupe ist unselbständig geworden und will gefüttert werden, der Schmetterling heute äußerst flugschwach, und fatalerweise hat auch die Widerstandsfähigkeit gegen schädigende Pilzinfektionen abgenommen.

Andererseits kann bei solchen Insekten von eigentlicher seelischer »Zähmung« wohl kaum mehr die Rede sein, wie am besten unsere Honigbiene beweist. Das Alter auch ihres Schutzes durch den Menschen verliert sich in urgrauer Zeit. An ältesten ägyptischen Pyramidengräbern findet sich bereits ihr Bild, ja man zog sie als kleine trockene Mumie selbst noch aus wohlerhaltenen Blumengirlanden solches Pharaonensargs. Und so ist sie, buchstäblich in eigene Häuschen gesetzt vorn Bienenvater Mensch, durch die ganze obere Kultur mitgekommen und hat sich sogar jenseit Kolumbus in Amerika nachträglich aus solchem Menschenimport erneut unabhängig gemacht. Aber tatsächlich zahm ist sie trotzdem selber nie geworden in all der Zeit, und die vielen hübschen Erzählungen, daß sie den Menschen, der sie warte, genau unterscheide, den eigenen Bienenvater niemals steche und so weiter, haben sich vor der neueren Bienenforschung sämtlich als Märchen herausgestellt.

Will man den Begriff Haustier ganz ins weite treiben, so kann man übrigens auch die Auster da, wo rationelle Austernzucht heute bereits zu einer hohen Wirtschaftsquelle gediehen ist und wie zu hoffen, bald über jeden Luxus hinaus auch zu einer Volksernährungssache starken Ranges weitergedeihen wird, heranziehen, und als heiteres Kuriosum sei erwähnt, daß der alte Kaiserstaat Byzanz seinerzeit sogar alle Purpurschnecken im Meer summarisch zu fiskalischem Besitz erklärt hatte, ohne freilich eine echte Zucht in Gang zu bekommen und also vermutlich auch ohne stärkeres Interesse der freien Schnecken selbst an diesem bureaukratischen Rang.

Man hat öfter gefragt, ob diese ganze friedliche Zähmungseroberung der Natur wohl heute wesentlich zum Abschluß gelangt sei, nichts Neues mehr heranziehen, sondern (vielleicht bis auf etwas spielerischen Rassensport) für die Folge nur noch mit dem Gegebenen weiterarbeiten werde.

Für die Pflanze ist das sicher unrichtig.

Wenn wir selbst uns noch steigern, uns immer mehr ausbreiten, uns auch, wie zu hoffen, innerlich immer mehr sozial verbessern wollen, so werden wir unablässig auch weiter bemüht sein müssen, den Ertrag mindestens der Pflanze für uns in einem gewissen geraden Verhältnis ebenfalls fortgesetzt noch zu steigern.

Man muß sich klarmachen, wie der Mensch auf der Erde nach wie vor zur Pflanze steht, in was für einem konsequenten Gleichgewicht er sich zu ihr naturgegeben befindet. Als das Leben vor undenklichen Zeiten entstand, da verlieh die Natur bekanntlich nur der Pflanze die uneingeschränkte Macht, anorganischen Stoff in Lebensnahrung, also neue wirtschaftliche Grundlage des Lebens selbst, umzusetzen. Das später erst hinzutretende Tier erhielt diese Glücksgabe nicht und mußte sich gleichsam als Schmarotzer an dieser Pflanze durchpfuschen. Von diesem Tier aber ist der Mensch gekommen, also auch er noch immer in letzter Abhängigkeit von der Wirtschaft der Pflanze. Als Jäger hat er sich wohl zeitweise geholfen, indem er indirekt vom Tier selbst zehrte, aber auf die Dauer ging es doch auch bei ihm nie ohne die Pflanze. Durch die ganze Kulturgeschichte rast die ungeheure Angst, ihre Produktion könne ihn einmal im Stich lassen, was furchtbare Hungersnöte ohne Brot soundsooft zu bekräftigen schienen. Und der erste große Glücksausweg nach dieser Seite war eben die Gewinnung der Kulturpflanze selbst, die eine wachsende Gewähr des Dauergleichgewichts zu verheißen schien. Heute hört man wohl, unsere Chemie werde doch eines Tages die ganze uralte Tyrannei selbst brechen und auch uns die Kraft schaffen, gleichsam den toten Stein ohne Pflanzenzwischenweg zu Brot zu machen. Wir wissen aber auch, daß das noch stark Zukunftsmusik ohne sichere Gewähr ist. Und so werden wir einstweilen unmöglich schon vor dem weiteren Pflanzenexperiment die Hände in den Schoß legen dürfen. Mindestens werden wir versuchen müssen, den Ertrag unserer schon gegebenen Kulturgewächse noch rationell auf ein Vielfaches weiter zu erhöhen. Und es scheint, daß wir gerade gegenwärtig durch den Stand der Veränderungs- und Vererbungsforschung hier sogar am Vorabend einer höchst überraschenden Neuwende stehen. In Schweden, in Amerika, nicht zum wenigsten auch bei uns in Deutschland wird geradezu fieberhaft an solcher Vervollkommnung gearbeitet, die zu gewaltigen wirtschaftlichen Umwälzungen führen könnte. Ich möchte sagen, daß nach Jahrtausenden die Dinge gerade heute erst wieder voll in Fluß zu kommen scheinen, anstatt irgendwo stillzustehen.

Aber auch mit der Tierzüchtung, wenn sie auch immer in zweiter Reihe bleibt, werden wir so bald noch nicht fertig sein. Ich möchte hier nur zwei kleine Exernpel herausheben, immerhin den Spielraum der Möglichkeiten zu bezeichnen.

Eins, das auch wieder in das Feld reiner praktischer Nutznotwendigkeit fällt und seit einiger Zeit bereits mit größtem Nachdruck besonders von den Amerikanern betrieben wird. Unsere Kulturpflanzungen selber und weiter unser wirtschaftlich doch auch so unersetzlicher ganzer Forstbetrieb werden bekanntlich immer wieder durch furchtbare Insektenplagen in empfindlichster Weise bedroht. Man ist nun aufmerksam geworden, daß solche lnsektenschädlinge selber wieder durch andere Insekten gefährdet werden, z. B. uns feindliche Raupen durch gewisse sie vernichtende sogenannte Raupenfliegen (Tachinen). Es wurden nun drüben großartige Versuche in die Wege geleitet, solche »Schädlingsschädlinge« in systematische Menschenzucht größten Stils zu nehmen, sie künstlich einzuführen, wo sie fehlen, durch künstliche Hege in der Zahl zu steigern – kurz sie dauernd zu einer Hilfsarmee des Menschen zu erziehen, die zuletzt ganz wieder in eine rationelle »Haustierzucht« auch hier überleiten würde. Wenn man Abbildungen der bereits in Benutzung befindlichen »Tachinenhäuser« zur Zucht von Tachinen dort sieht, so hat man durchaus den Eindruck, wieder Anfänge mitzuerleben, wie sie vor Jahrtausenden einst zur ersten Aneignung der Seidenraupe oder Biene geführt haben müssen. Nur daß jetzt eine ganz anders rationelle Wissenschaft genau wie bei jenen Getreideexperimenten die Dinge lenkt.

Ein anderes Beispiel daneben zeigt eine anziehende Möglichkeit, bei der das neue Experiment weniger in die Linie der unmittelbaren Nützlichkeit, als der Erkenntnis selbst fallen würde. Bekanntlich sind in neuerer Zeit wundervolle Beobachtungen an künstlich gehegten Schimpansen auf einer Beobachtungsstation auf Teneriffa gemacht worden. Wie zu erwarten, hat sich dabei herausgestellt, daß das Seelenleben dieser Menschenaffen dem des Menschen noch um ein beträchtliches Stück näherkommt, als selbst das von Hund oder Pferd. Inzwischen ist es aber durch die Bemühungen des ausgezeichneten Dresdener Zoodirektors, Prof. Brandes, auch gelungen, die Aufzucht eines Menschaffen-Säuglings (in diesem Falle Orang) in der Gefangenschaft als praktisch durchführbar zu erweisen. Hier würde sich nun eine glänzende Aufgabe ergeben, so psychologisch ungemein interessante Tiere der obersten Menschverwandtschaft, wie Gorilla, Schimpanse oder Orang-Utan, ebenfalls generationenweise in feste Haustierzucht des Menschen überzuführen und damit ein tierisches Studienobjekt zu gewinnen, das wahrscheinlich den Hund nach allen Richtungen noch weit überflügeln würde. Natürlich keine Sache von heute oder morgen, aber doch auch noch ein Ziel.


Mit dem Werkzeug und dem lebendigen Werkzeug sind die beiden wesentlichsten Elemente der irdischen Natureroberung durch den Menschen gegeben gewesen. Der Ausbau fällt in den entscheidenden Zügen zusammen mit der ganzen oberen Kulturgeschichte.

Alexander von Humboldt ist vor jetzt bald hundert Jahren wohl der erste gewesen, der in seinem »Kosmos« in glänzender Darstellung gezeigt hat, wie selbst die größten, scheinbar rein politischen Ereignisse der letzten dreitausend Jahre Menschheit durchweg nur Stationen dieser fortschreitenden Naturbezwingung gewesen sind.

Er selbst legte dabei im Wortlaut allerdings das Hauptgewicht auf die »räumliche Erweiterung des Erd- und Weltbildes«, also mehr die reine Erkenntnis- und Weltanschauungsfrage. Aber es kann kein Zweifel sein und er läßt schließlich auch keinen, daß jeder Weg und jede Wende dieser Naturerforschung und Naturveranschaulichung praktisch auch ein Weg zu erweiterter Naturbeherrschung werden mußte.

Eine solche große Station im Moment, da der Vorhang über der jüngeren Geschichte endgültig für uns aufgeht, war beispielsweise die zeitweise Konzentrierung der menschlichen Hochkultur auf das Mittelmeergebiet. Statt einer unendlichen Zersplitterung in zahllose Einzelangriffe stellte sich hier für geraume Zeit gleichsam ein einziger großer Kristallisationspunkt her, in dem die uralte ägyptisch-vorderasiatische Tradition des nächsten Ostens, der aufgeklärte neue und erfindungsreiche Geist des Griechentums und die zähe, nüchterne Sachlichkeit des Römers zunächst auf einem eng abgegrenzten Gebiet eine engere Naturbezwingung auf einen ersten Gipfel führten.

Die kleinen politischen Abenteuer spielten dabei nur insofern ein, als sie unbeabsichtigt in den Dienst dieses erwachten Geisteslebens und allgemeinen Kulturzwecks traten. Die Mittelmeerländer wurden zum erstenmal ein bewußt geformter »Garten« des Menschen. Die Wüste wurde bewässert und kultiviert – man denke nur an die Aquädukte und Villen der Campagna um Rom oder die zeitweise antike Eroberung bereits der ganzen afrikanischen Nordküste bis tief in die Sahara hinein. Fruchtbare Stromgebiete wurden zur Grundlage einer ganzen engeren Landeskultur gemacht – wie der tropisch in regelmäßigen Perioden geschwellte Nil schon längst für die ägyptische. Das Bodengestein unterlag systematischer Ausbeutung (man erinnere sich des griechischen Marmors), um in herrlichen Kunstbauten menschlichen Schönheitsideen zu dienen. Die karge heimische Flora weiter Landgebiete wurde mit der üppigeren und gesegneteren von anderer Ecke des Versuchsfeldes aufgebessert und ersetzt – fast die ganze auffälligere Italienflora von heute ist ja solches reines menschliches Import- und Verpflanzungswerk. Bequeme menschliche Straßen wurden nicht nur im Zentrum etwa Kleinasiens oder Italiens selbst gebaut, sondern wie ein ungeheueres Spinnennetz von den Römern bis in die entfernteste Peripherie (Gallien, Britannien, Westgermanien) vertrieben. Auf das Meer selbst, diese urgewaltigste Macht der elementaren Natur, die lange eine Art unpassierbaren toten Weltraumes zwischen den Volkerinseln gebildet, sahen sich Flotten gestellt; noch der römische Dichter Horaz besang den ersten Helden, der dreifaches Erz um die Brust gehabt haben müsse zu dem Wagemut, ein Schiff dem Ozean anzuvertrauen; wenig später liefen die Kauffahrteiflotten dieser Römer bereits bis Sansibar, Indien und bis zum Seidenlande China.

Scheinbar rein politisch und in vergänglichen äußerlich militärischen Welteroberungsgelüsten eingestellt, erwiesen sich einzelne schon weiter ausholende Bewegungen aus diesem ersten Kristallisationszentrum des Mittelmeers dann Schritt um Schritt auch als kolossale neue Natureroberungen durch die Kultur. So der Träumerzug Alexanders des Großen durch den ferneren, noch fast mystischen Orient. Der Sieg der Römer über die Karthager, der eine dämonisch wild noch hereinragende Halbkultur vernichtete zugunsten eines fortschreitenden neuen, unendlich viel praktischeren Verstandeseinschlags. Die Germanenfeldzüge dieser gleichen Römer. Bis dann dieses römische Kaiserreich selbst auf ein paar entscheidende Jahrhunderte, immer noch vom Mittelmeer orientiert, schon einmal auch eine wirkliche innerlich friedliche Völkereinheit der damaligen Kultur herbeiführte, in der die Naturbezwingung mehr Fortschritte gemacht hat als in mehreren ganzen Jahrtausenden vorher. Gerade die Kulturtatsache dieser höchsten Römereinheit mißt man viel zu oft bloß an den paar Palastintrigen und Kaiserwechseln, anstatt sich zu vergegenwärtigen, was die ungeheuren Grenzen dieses schon einmal fest geschlossenen Kulturreichs, auf den Raum des Erdglobus eingetragen, bereits als ein ebenso einheitliches und riesiges Schaffensfeld der konsequenten Natureroberung bedeuteten.

Umgekehrt ergab aber auch der Fall dieses Reiches wieder in der Völkerwanderung, politisch bedingt durch die auf die Dauer doch so noch nicht mögliche Dimension dieser Giganten-Schöpfung und zuletzt auch ihre doch zu einseitige Mittelmeer-Konzentrierung selbst, neue glückliche Anregungen der Naturherrschaft. Das Lichtfeld der Kultur wanderte bis hoch nach Norden in Europa hinauf. Das Vordringen der arabischen Kultur schuf neue Beziehungen zwischen Orient und Abendland. Selbst im scheinbar dunkelsten Mittelalter hat die beschränkte Klosterkultur doch nie aufgehört, kleine Pionierarbeit der Naturkultivierung zu leisten, hat Wald gerodet, Fischteiche angelegt, Weinreben und Fruchtpflanzungen begünstigt, Straßen gebaut und Handelszentren geschaffen, mit denen die ,,Weltwirtschaft« anstieg – auch das ja nur ein Deckwort der fortschreitenden Naturbesitznahme rund um den Globus herum und in harmonischem Ausgleich aller Erdwerte für alle Völker dieser Erde, auch wo sie Erdteile und Weltmeere scheinbar trennten.

Einen neuen, recht eigentlich das moderne Bild einleitenden Ruck aber gab das große Zeitalter der Entdeckungen, wie es nach diesem Mittelalter sieghaft einsetzte, um rund um das alte Afrika und fast zugleich oder wenig später zu den ganz neuen Welten (auch Naturwelten) Amerikas und Australiens zu führen. Hier zum erstenmal wird, was in der Antike kaum gelegentlich angeklungen, die Geographie größter Aufmachung selbst zur Verkörperung des Erderoberungsgedankens, zugleich in der für jene Entdeckungen so entscheidenden Lehre von der Kugelgestalt der Erde bereits auch astronomisch-kosmisch befruchtet.

Auch diesmal mischt sich Kleineres, Vergängliches mit Großem, ohne doch auch so den Charakter des anregenden Zwischenmittels zu verlieren. Ich erinnere nur an die Sehnsucht nach Gold, die die Entdeckungen der Spanier zunächst so entscheidend beeinflußt hat und die, selber eng, doch eine unersetzlich treibende Kraft gewesen ist, um völlig neue Perspektiven der Naturaneignung (eine ganze neue Erdhälfte, bisher so unsichtbar für die Einheitskultur wie die Rückseite des Mondes), ungeahnter kultureller Riesenschätze wirklich voll, zu erschließen. Der gleiche Kolumbus, der in mystischer Zeitstimmung mit dem Golde der neuen Welt (die er zunächst noch für Indien selbst, nur von der anderen Globusseite erreicht, hielt) das Heilige Grab aus den Händen der Ungläubigen befreien wollte, empfand als feiner Naturbeobachter, der er daneben war, doch auch schon, wie seine Berichte zeigen, einen leisen, fast rührenden Hauch von dieser neuen Herrlichkeit, was sie der Kulturmenschheit an ungeahnten Tieren, Kulturpflanzen, solideren Bodenschätzen und räumlichen Ausbreitungsmöglichkeiten schenken könnte.

Bei der umgekehrten geographischen Eroberung damals der wirklich indischen Sundainseln (ermöglicht durch die Umsegelung Afrikas durch die Portugiesen), die spater zur Enthüllung Australiens führen sollte, hat neben dem Golde bekanntlich auch die Suche nach Gewürzen, also mehr oder minder reinen Genußmitteln, eine entscheidende Rolle gespielt. Ueber diese Genußmittel innerhalb der großen Natureroberung und Naturveredelung durch den Menschengeist wäre ja manches Besondere bis heute zu sagen. Ohne physische Reiz- und Genußmittel ist schon die lebendige Natur unterhalb des Menschen nie ganz ausgekommen: ich erinnere nur an die großen und offenbar schon uralten Einrichtungen der Ameisen und Termiten zur Erlangung gewisser Süßigkeiten, Parfüme und selbst, wie es scheint, recht starker Narkotika. Und ganz ohne solche Hilfen scheint auch der Mensch bisher nie ausgekommen zu sein. In der Naturaneignung haben auch sie also stets eine gewichtige Rolle gespielt. Die Obstveredelung zu äußerem Fruchtfleisch, die Kultur des Zuckerrohrs, die Pflege und raffinierte Zweckverbesserung der Weinrebe, die Verwandlung selbst der Milch, des Honigs und der Feldfrucht gelegentlich in gärende Rauschgetränke gehören sicherlich hierher. In beschränktem Maße wird zu erwägen sein, ob auch hier nicht wirklich dauernd naturgegebene Bedürfnisse des Menschen liegen. Während über die Gefahr des Uebermaßes und wirklicher Gifte (wie konzentrierter Alkohol oder Opium) allerdings ebenso kein Zweifel ist. Es dürfte wohl Zukunftsaufgabe sein, ohne grobe Gewaltmittel auch dabei die weise Beschränkung der goldenen Mittelstraße zu finden, vielleicht auch Genußmittel schließlich ausfindig zu machen, die dem Bedürfnis genügen, ohne doch den Korper und die Nachkommenschaft dauernd zu schädigen. Ich erwarte hier wie anderswo mehr von einer positiven als einer rein negativen Zukunftsmedizin. Was denn auch ein wirkliches Stück Natureroberung wieder mehr wäre.

Inzwischen hat aber gerade Amerika damals nicht nur die altweltliche Kultur vor eine ganz neue Natur gestellt, sondern es ist auch durch eine längst vollzogene eigene kulturelle Eroberung umgekehrt zu einem der größten Segenspenden dieser Altkultur selbst geworden. Es lohnt, bei diesem Punkt als einem der schönsten Beispiele für ineinandergreifende neuere Naturaneignung noch einen Moment enger zu verweilen.

Kolumbus, den man in seinen Schwächen aus der Zeit verstehen muß, um ihm doch in seiner persönlichen Größe gerecht zu werden, sollte mit seinem regen Blick schon auf zwei Gewächse aufmerksam werden, die nachmals von drüben her einen wahren Triumphzug wieder durch die ganze übrige Welt zu halten bestimmt waren.

Gleich auf seiner ersten Reise, deren Romantik alle Zeiten überdauert, meldeten ihm seine Leute, daß sie auf Kuba die seltsame Sitte der Eingeborenen gefunden hätten, aus gewissen Kräutern trockene Blattrollen herzustellen, die sie »Tabacos« nannten und am einen Ende anzündeten, um mit der Nase den Rauch zu schlürfen. Es war in der Tat das relativ harmlose Genußmittel des Rauchens, das hier zum erstenmal als amerikanischer Altbrauch für die andere Erdseite ins Licht ihrer Kultur trat, um sie fortan auch nicht mehr zu verlassen. In Mexiko und Peru hatten sie allerdings damals schon ein richtiges Laster aus der Sache gemacht, indem die Priester sich an Tabaksjauche heilige Offenbarungsräusche antranken.

Abb. 31.   Mais.                       Tabak.          

Und ebenso konnte nicht ausbleiben, daß Kolumbus bereits auf die einzige Kulturpflanze stieß, die alle Grundlage heimischen Getreidebaues dort drüben seit verschollenen Mythenzeiten bildete: den kulturell wie als höchste Nützlichkeit von allen Indianer-Stämmen gefeierten Mais. Noch gegenwärtig liegt der Schwerpunkt seiner Produktion mit 72 Prozent der Welternte auf Nordamerika, obwohl auch er längst gleich jener Tabakpflanze Allgemeingut der Weltkultur geworden. Als der Phantast in dem großen Entdecker an der Orinokomündung das biblische Paradies entdeckt zu haben glaubte, trat ihm gerade dort der fleißige Maisbau besonders greifbar entgegen wie eine Stimme der Realität, daß treue Menschenarbeit wohl wirklich imstande wäre, ihre wilde Erde in ein selbstgewolltes Paradies umzuschaffen.

Unendlich viel wichtiger und weltgeschichtlicher aber barg sich in den Geheimnissen des neuen Kontinents damals noch etwas, das Kolumbus noch nicht sah und das doch, möchte man wohl sagen, das wahre Gold gewesen ist, um das seine märchenhafte Fahrt allein gelohnt hätte.

Fern in den ihm noch unbekannten unwirtlichen Kordillerengebieten der südamerikanischen Westküste gegen den Stillen Ozean zu wuchs seit alters ein unscheinbares Nachtschattengewächs von leichter Giftigkeit seiner grünen Teile, dem die Natur bei sonst sehr genügsamer Lebensart doch die höchst nützliche Gabe verliehen, in Zeiten oben am Licht grünender Kraft zugleich an unterirdischen Sprossen kleine stärkehaltige Reserveknöllchen als eine Art Ueberschuß oder Sparkasse zu bilden, die in kargerer und kälterer Jahreszeit das ganze Gewächs weiterzuretten und später wieder grün aus sich hervorzutreiben geeignet waren.

Diese Spar-Knöllchen, als solche weder mit echten Früchten, noch echten Wurzeln vergleichbar, hatten nun die heimischen Bergvölker dort in ihrer Gebirgsöde bis zum Titikakasee hinauf schon als ein treffliches Nährmittel auch für den Menschen erkannt, wobei sie bald auf den Brauch kamen, in etwas geschickter Kulturzucht die Knöllchen zu derberen Knollen und noch reicherem Stärkegehalt systematisch zu erziehen, solchermaßen auch hier den schwachen Naturverstand mit dem reicheren Menschenverstände korrigierend und veredelnd. »Papas« nannten sie dabei die leckeren Eßknollen – es war aber in Peruanerspräche nur das, was nachmals das gute Wort »Kartoffel« um die Erde tragen sollte.

Erst in allerletzter Zeit haben wir genauer erfahren (ich benutze dazu eine Zusammenstellung der neuesten amerikanischen Quellenliteratur durch Prof. Franz Moewes), wie diese Uebertragung sich gar nicht so sehr lange nach Kolumbus zuerst vollzogen hat.

Bereits in alten Gräberfeldern der vorkolumbischen peruanischen Inkazeit finden sich noch heute gelegentlich trockene Kartoffelknollen als wohlerhaltene Totenbeigabe, sowie charakteristische Tongefäße in völlig unverkennbarer Kartoffelgestalt – Beweis genug, wie verbreitet wenigstens hier im stillen Winkel die Zucht damals schon gewesen sein muß.

Spanische Chronisten und Jesuitenpater der ersten nachkolumbischen Eroberungszeit beschrieben denn auch seit 1553 die »Papas« als eine überall dort kultivierte und in dem armen Hochlande unentbehrliche Art Erdnuß, die durch Kochen weich würde und eine Haut nicht dicker als eine Trüffel (mit der ein Vergleich ja überhaupt sehr nahe lag) besäßen. Und in dieser Gestalt und Bezeichnung sind die Knollen offenbar bereits durch die ganze zweite Hälfte jenes sechzehnten Jahrhunderts ebenso als Proviant und Tribut an Bord der sich verproviantierenden spanischen Schiffe an der ganzen chilenisch-peruanischen Küste gelangt – womit sie irgendwie wohl auch zuerst in natura ab und zu einmal bis ins spanische Heimatland und also nach Europa gekommen sein dürften.

Eine gewisse hartnäckige Legendenbildung hat allerdings lange mit großer Energie noch einen anderen Weg gesucht, der zuerst gerade umgekehrt über England geführt hätte.

Tatsache auch dazu ist, daß der englische Seeheld und Freibeuter Francis Drake auf der Verfolgung solcher spanischen Schiffe (bei damaligem Krach zwischen England und Spanien) 1578 unabhängig und für sein Teil im südlichsten Chile die Papas-Knollen als Indianerspeise ebenfalls kennengelernt hat.

Es ist aber nicht erweisbar bis heute, daß gerade er nun damals, über das Kap der Guten Hoffnung heimkehrend, die seltene Gabe in das lustige Altengland der Königin Elisabeth übertragen habe. Die zeitgenössischen Quellen, die sonst seiner ruhmvollen Rückkehr voll sind, schweigen sich darüber absolut aus, und erst später hat die Sage aus dem reichlich romantischen Helden auch den Heiland und Segenspender der europäischen Kartoffel machen wollen, wofür sie ihm in der braven Stadt Offenburg sogar noch im neunzehnten Jahrhundert ein mehr gut gemeintes als kritisches Denkmal gesetzt haben.

Abb. 32. Kartoffel.

Nun wollte aber der Zufall und Weltgeschichtskobold des weiteren, daß der gleiche Drake lange Jahre später noch eine zweite kolonialgeschichtliche Mission erfüllte, die abermals und noch weiter hergeholt in die Kartoffel-Legende verflochten wurde.

Er führte nämlich 1586 die Besatzung einer zunächst am Indianerwiderstand verunglückten nordamerikanischen Kolonie Virginia (heute der Union-Staat) nach England zurück, die ein anderer zeitgenössischer englischer Seefahrer und Spanierbekämpfer, Walther Raleigh, gegründet hatte.

Und auch an diesen zufälligen kleinen Hergang knüpfte eine andere Fassung jener Legende unabhängig an. Diese von Drake geretteten englischen Kolonisten sollten nach ihr zuerst echte »Papas« nach Irland gebracht haben, die sie aus Virginia selbst entnommen hätten – was an sich unmöglich ist, da südamerikanische Hochlandpapas damals im nordamerikanischen Virginien nicht vorkamen und eine offensichtliche Verwechslung mit der eßbaren Knolle der Glyzine vorlag. Höchstens also, daß Drake selbst damals aus voraufgegangenem Beutezug an spanischen Schiffen echte Kartoffeln außerdem noch hinzugebracht hatte – was doch diesmal die Legende ausdrücklich nicht will.

Sondern weil jene Virginiakolonie eine Schöpfung Raleighs war, laßt sie jetzt diesen den Einführer der Kartoffel sein. In Wahrheit ist diese Raleigh-Legende aber nachweislich erst an hundert Jahre später in Umlauf gesetzt worden, kann also wohl ganz beiseitegelassen werden.

Im amüsanten Detail wird übrigens sowohl von Drake wie von Raleigh gleichlautend erzählt, diese wilden Seefahrer hätten daheim ihrem friedlichen Gärtner die Kultur etwas unklar angegeben, der gute Mann habe also zunächst die echten Früchtchen der grünen Pflanze geerntet und, als sich solche als ungenießbar, ja giftig erwiesen, das vermeintliche böse Kraut ausreißen wollen, wobei er aber dann auf die wahren ungiftigen Erdknollen zur glänzenden Rehabilitierung gestoßen sei. Ein nettes Histörchen, das als guter Witz sich wohl öfter an die erste europäische Zucht angeschlossen haben mag.

Zum echten Hergang aber bleibt nach wie vor am wahrscheinlichsten, daß der erste Import schon kurz nach Drakes älterer Fahrt in Spanien erfolgt sei, von wo die neue Pflanze sich dann ziemlich rasch als einzelne Rarität bis Flandern, Italien, Wien, ja bis Breslau in Schlesien weitergegeben haben muß. (Eine auch spukende Legende, der Sklavenhändler John Hawkins der Elisabethzeit habe sie um 1565 von Venezuela nach England gebracht, beruht auf grober Verwechslung mit der Batate, einem tropischen Erzeugnisse der Winde Ipmoea, das rasch wegen seiner Süßigkeit und angeblichen erotischen Stimulanz, von der schon Falstaff bei Shakespeare zu sagen weiß, damals populär wurde.)

Jedenfalls beschrieben sie berühmte Botaniker der Zeit bereits seit 1588 genau nach solchen europäischen Gelegenheitsexemplaren, bildeten sie vortrefflich ab und benannten sie. Als Neuwort hatte sich in Italien wegen der besagten Aehnlichkeit mit der Trüffel Taratoufli oder Taratufoli hinzugefunden, was dann über »Tartuffel" zu unserer »Kartoffel" geführt hat. Lateinisch schlug Bauhin 1596, der genau den Zusammenhang mit den peruanischen »Papas« kannte, Solanum tuberosum vor, was nachher der große Linné übernommen hat.

Praktisch aber sollte doch noch fast ein Jahrhundert vergehen, ehe aus der botanischen Rarität auch europäisch ein erster Wirtschaftswert erstand und systematische Propaganda für solchen einsetzte.

Ueberaus genügsam, wie auch die verpflanzte Kartoffel als Kind einer rauhen Gebirgszone sich erwies, geeignet, selbst hoch im Gebirge auch bei uns (bis tausend Meter Höhe in Deutschland) auszudauern, bis zum siebzigsten Grad nördlicher Breite noch tragend und zufrieden selbst mit den kärgsten alten Sandböden der verflossenen Eiszeit, bot die Kartoffelpflanze zugleich der Erdkultur in ihren (ständig noch durch Zucht zu steigernden) Stärkereserven tatsächlich eine »Hungersnot-Reserve« ohnegleichen. Ihre Bedeutung wird auch nicht durch den Umstand herabgesetzt, daß ein arbeitender Mensch nicht ohne weiteres von ihr ganz leben kann, wenn er gesund und stark bleiben soll, sondern ihre wahre Mission lag darin, daß sie eben zu den anderen Kulturgewächsen fortan noch als wirkliche Reserve trat und jede Notlücke dort mit ihrer unverwüstlichen Eigenkraft zu ergänzen und zuzustopfen geeignet war. Und in dieser gar nicht zu überbietenden Hilfsbedeutung hat sie in der Tat den Ruf als eine der größten Erretterinnen der Menschheit vollauf wahrgemacht.

Im späteren siebzehnten und im achtzehnten Jahrhundert nach den unsagbaren Nöten des Dreißigjährigen Krieges begann man das sehr allgemein endlich einzusehen. In Frankreich erwarb sich in den Jahren vor der Revolution der Chemiker Parmentier das Verdienst einer besonders nachdrücklichen Propaganda unter gleichzeitigem Experiment auf noch immer verbesserte Kulturrassen. Auch in Preußen geschah in diesem Jahrhundert viel, unter manchem Widerstand der Bauern selbst gegen das fremde Gewächs. Die Engländer trieben sie durch ihr Kolonialreich zugleich in die ganze übrige Alte Welt hinaus. Schließlich paukten furchtbare Hungersnöte bis ins neunzehnte Jahrhundert immer mehr die absolute Notwendigkeit ein. Noch drohten böse Krankheiten und Schädlinge mehrfach das gewonnene Spiel zu verderben: beide Male wieder aus Amerika selbst eingeschleppt, so gegen Mitte des Jahrhunderts der Kartoffelpilz, später, in der zweiten Hälfte, der Kartoffelkäfer. Aber der Siegeslauf war nicht mehr ernstlich aufzuhalten.

Abb. 33. Kartoffelkäfer in verschiedenen Färbungen, zweieinhalbmal vergrößert.

Wenn man heute auf die Welternte von anderthalb bis zwei Millionen Tonnen sieht, so begreift man, was auch hier für ein Stück Erderoberung getan war in der Linie von einem solchen alten Inkagrabe bis zu den unabsehbaren Kartoffelständen der Gegenwart von Schweden bis nach China.

Es ist nur ein Einzelbeispiel – und doch zeigt es die ganze Macht des Menschen in der Natur: wie er ein Knöllchen Reservestärke im fast rührend bescheidenen Naturhaushalt einer stiefmütterlich behandelten Gebirgsöde zu einer Erdenmacht erhoben hat, an der das Glück und die wirtschaftliche Sicherheit von Millionen Menschen heute hängen.

Auf das Zeitalter der Entdeckungen folgte in den Tagen zwischen Galilei und Newton die eigentliche engere Begründung der modernen Naturwissenschaft.

Der Begriff des Naturgesetzes klärte sich darin – zugleich mit der fortschreitenden Ueberzeugung, daß dieses Naturgesetz ein einheitliches sei vom kleinsten irdischen Ereignis bis zum fernsten Nebelfleck des Alls und daß es eine innere Gewähr der Undurchbrechbarkeit biete, die das Wunder ausschließt. Robert Mayers Gesetz von der Erhaltung der Energie ist im neunzehnten Jahrhundert ihr schärfster Ausdruck geworden.

Das Vertrauen auf diese ewig gleiche gesetzliche Naturnotwendigkeit und damit Natursicherheit für unsere Benutzung ist von da ab auch die Grundlage der modernen Naturbeherrschung gewesen. Auch sie stellte sich immer mehr auf das unverbrüchliche Gesetz ein, arbeitete mit ihm, verließ die letzte Hoffnung auf das Mystische und den Spuk, die selbst in die klare Werkzeugbenutzung so lange noch hineingespielt. Auch alle Veredelung, alle Vergeistigung der irdischen Natur fortan nur durch das klug verwertete und gerichtete Naturgesetz selbst! Es gilt nicht mehr den Wassergeist zu beschworen, sondern einen Damm gegen die Flut in der Folgerichtigkeit der Dinge zu errichten.

Das Werkzeug selbst wird dabei aber mehr und mehr zum reinen Ausdruck der Energie als solcher. Auf diesem Energieanschluß hat sich bereits unsere ganze Naturtechnik der letzten hundert Jahre so gut wie ausschließlich aufgebaut. Mit der Dampfkraft, dann der Elektrizität.

Wie die rein forschende Erkenntnis allmählich das staunenswerte Werk fertigbrachte, die ganze Vergangenheit wieder bis in die Länder und Wälder der Urwelt rückwärts neu aufzurollen, so holte diese Technik aus der Steinkohle die uralte gespeicherte Sonnenenergie solcher Urwelt praktisch wieder heraus. Jeder Wasserfall wurde als eine Energiemaschine erkannt, geeignet, wie ein Riese des Märchens für uns zu arbeiten. Dieser Dinge ist bis heute kein Ende. Vielleicht werden wir die Mondanziehung in Ebbe und Flut bald für uns wirken lassen. Und bereits verheißt die künstliche Zertrümmerung des Atoms, in dem wir ein ganzes Weltsystem für sich erkannt haben, nachdem früher die letzte Schranke aller Dinge ewig undurchbrechbar hier gesetzt schien, die Möglichkeit ungeahnt riesiger völlig neuer Energiequellen.

Aus dieser bewußten Energietechnik an Stelle des schlichten alten Handwerkszeuges aber sind wieder neue räumliche Erweiterungen zugleich erwachsen. Die geographische Entdeckungsgeschichte steht heute nahe dem letzten Ziele. Dafür erheben sich jetzt die neuen Fernblicke des Fluges. Schon erscheinen die geheimnisvollen Höhen der Atmosphäre, des »Luftozeans«, nicht mehr unbezwinglich, und der technische Traum wagt sich sogar an die Grenzen des leeren kosmischen Raumes.

Es kann aber nicht ausbleiben, daß auch der Mensch selbst sich gleichsam als Werkzeug erweitert. Er schaut tiefer in die Bausteine seiner Organe, die Technik seines Zellenstaates selbst hinein – entdeckt auch da wunderbare Gesetze, die sich ebenfalls zweckgerechter lenken lassen.

Seit das Mikroskop ihm seine bösesten Gesundheitsfeinde in den Kleinsten, den Bakterien und Protozoen seiner organischen Mitwelt, gezeigt hat, ist er dabei, auch seine organische Selbsteinstellung zur Natur neu zu regulieren. Ein durch und durch körperlich gesundes Geschlecht taucht als Ideal auf, vielleicht länger lebend oder doch später alternd, jedenfalls auch alle seine Organe in voller naturgegebener Kraft auslebend.

Zuletzt auf diesem Wege verschwimmt wieder der Gegensatz von Organ und Werkzeug – auch das körperliche Organ wird zum unendlich vervollkommneten Werkzeug des Geistes.

Wobei verbesserte soziale Möglichkeiten auch die Schätze dieses Geistes immer stärker und ungehemmter für die Gesamtmenschheit heranziehen werden – kein Saatkorn, das die Natur in diesem ihrem höchsten Geheimnis für uns aussät, daneben fallen lassend.

Vielleicht, daß diese Natur selber auch im äußeren Erdenbilde ihrer Veredelung durch den Menschen noch entgegenkommt. Wie sie diesen Menschen einst durch die Eiszeit geführt, die er doch schon mit dem ersten schwachen Werkzeug bestand, so könnte sie noch wieder auch die wärmeren Tage der alten Tertiärzeit neu für ihn heraufbeschwören. Denn das große geologische Spiel als solches geht, genau wie das noch größere kosmische in Sonnen und Milchstraßen, auch weiter seinen Weg.

Jedenfalls haben wir in absehbaren Zeiten keinen Anlaß, an Naturkatastrophen zu glauben, denen dieser allerseits erwachte Mensch der beherrschten Energien nicht ebenfalls gewachsen wäre. Wenn er nur einsieht, daß diese ungeheure Aufgabe einer Veredelung und Vergeistigung der Natur auf höheren Zweck untrennbar verknüpft sein muß mit seiner eigenen geistigen Arbeit an sich selbst – der Arbeit, die ihn seine Kraft nicht im wilden Menschengegensatz untereinander vergeuden läßt, sondern in geläuterter und friedlicher Kultureinheit und Kulturgemeinschaft Hand in Hand dem unendlichen Ziele zuführt.

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