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Der Mensch als Beherrscher der Natur

Curt Grottewitz: Der Mensch als Beherrscher der Natur - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorCurt Grottewitz
titleDer Mensch als Beherrscher der Natur
publisherDer Bücherkreis GmbH Berlin
year1928
illustratorA.W.Baum
created20050501
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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X. Gartenkunst

Der Garten ist mehr denn irgendein anderes Besitztum, das der Kulturmensch sein eigen nennt, ein Stück Natur, aber auch er ist doch angelegt und wird unterhalten vom Menschen und tragt darum ebenso den Stempel seines Schöpfers wie irgendein anderes Werk.

Es ist darum nicht zu verwundern, daß auch im Garten mehr oder minder der Charakter der Zeit sich offenbart.

Mag jener immerhin eine Stätte der Ruhe und Erholung, des stillen Genusses sein, so trägt doch der Mensch seinen Geschmack, seine Stilrichtung direkt oder indirekt in seinen Garten hinein. Und dieser hat wirklich einen Stil, es gibt einen ausgeprägten Gartenstil heutzutage, ganz im Gegensatz zu so vielen anderen Werken der gegenwärtigen menschlichen Tätigkeit, die nur zu oft an Zersplitterung, Zerfahrenheit, Gedankenlosigkeit leidet.

Die Gartenkunst hat verschiedene Berührungspunkte mit der Landschaftsmalerei. Sie gehört zwar nicht eigentlich zu den Künsten, aber sie ist doch auch mehr als ein Kunsthandwerk.

Die Gartenkunst hat keine praktischen Absichten – wenigstens nicht mehr als zum Beispiel die Baukunst – sie will durch bestimmte Gruppierung von Landschaftsbildern ästhetische Genüsse erzeugen.

Wie diese Landschaftsbilder zusammengestellt werden, das ist eben Sache des Stils, danach unterscheiden wir den französischen, den englischen und den holländischen Gartenstil. Auch unsere Zeit hat ihren Stil. Man kann vielleicht nicht sagen, daß dieser gerade einen Grundzug der Zeit träfe oder daß er den Intentionen entspräche, die ernste Jünger dieser Kunst hegen. Aber es ist der herrschende Stil, der jetzt gegebene, an den wir uns halten wollen ohne Rücksicht auf Neuerungsbestrebungen, die auch hier nicht fehlen.

Abb. 23. Motiv aus dem Englischen Garten in München.

Die heutige Gartenkunst ist hervorgegangen aus dem englischen Gartenstil, der bekanntlich gegenüber dem steifen französischen Geschmack der Natur volle Freiheit zu lassen strebte.

Hatte dieser den Bäumen, Sträuchern, Wegen, der ganzen Landschaft alle Individualität genommen, indem er sie gerade, rechtwinkelig, gleichförmig zuschnitt, so ließ der englische Gartenstil jeden Baum, jeden Strauch so wachsen, wie er wachsen wollte, er ordnete die Pflanzengruppen ebenso unregelmäßig und ließ auch die Wege natürlicher verlaufen.

Der heutige Gartenstil ist nun zwar ein Kind des englischen und doch neigt er in seinen Tendenzen merkwürdigerweise zu französischem Zwang. Unser Gartenstil ist nämlich durch und durch der Ausfluß gesellschaftlicher Etikette, ähnlich wie der französische es war. Der Garten des Reichen soll ein Prunkstück sein, ebenso wie seine Villa, wie seine Salons. Der kleine Mittelbürger, der heutzutage selbst keinen eigenen Geschmack hat, ahmt jenen nach, soweit sein Garten nicht praktischen Zwecken dient, ebenso wie ihm auch sonst die Sitten der vornehmen Gesellschaft als Vorbild dienen.

Es herrscht heutzutage keine Naturschwärmerei wie zu Zeiten Rousseaus und Goethes, eine Liebe zu ihr, ein Aufgehen in ihr, das eben den französischen Stil verdrängte und den natürlichen, sagen wir den damals natürlicheren englischen Stil schuf.

Der heutige Villagarten, sei er nun wirklich Garten zu einer Villa oder Anlage in einer Stadt, um einen Bahnhof, ein Etablissement ist nicht Selbstzweck mehr, er ist ein Stück Putz, eine beliebte oder unentbehrliche Dekoration für irgendwelchen Wohnplatz oder Aufenthaltsort.

Unsere Zeit würde es ja wohl nicht vertragen, wenn man alle Bäume in der Weise zu senkrechten Wänden verschnitte, wie die französische Gartenkunst es tat. Dazu hat sie schließlich denn doch einen zu geschärften Blick für die wunderbare Mannigfaltigkeit der Formen, des Wuchses, des ganzen Aussehens der Bäume. Auch der naturwissenschaftlich Ungebildete – und das sind fast alle Gebildeten – weiß oder ahnt etwas von dem Unterschiede im Aussehen einer Eiche, einer Kastanie und einer Akazie, und ein Etwas empört sich in ihm bei dem Gedanken, alle drei gleichmaßig zu verschneiden, daß sie dastehen wie die vierkantigen Hölzer aus einem Baukasten.

Abb. 24. Motiv aus Sanssouci.

Also ganz so grob wird man sich jetzt gegen die Natur nicht vergehen, zumal der Abscheu vor dieser steifen Naturverstümmelung in allen Büchern zu lesen ist. Aber die heutige Gartenkunst läßt trotzdem der Natur keineswegs freien Lauf, ja man muß sagen, sie stutzt und schneidet sie durchaus zu ihren Dekorationszwecken zu.

Ein großer Teil, häufig der größte Teil eines jeden modernen Gartens besteht aus Rasenflächen. Sie bilden gewissermaßen den Hintergrund, von dem sich die Figuren wirkungsvoll abheben. Der Rasen mit seinem lichten Grün und seiner eleganten Gleichmäßigkeit soll einen Ueberblick über die Gesamtheit der Gartengrundstücke gewähren, er soll besondere Prachtstücke von den übrigen Pflanzengruppen trennen, und er soll eine Menge Durchblicke durch einzelne Baum- und Strauchpartien gewähren und damit den Garten mannigfaltiger, reicher und größer erscheinen lassen, als er ist. Insofern spielt also der Rasen eine sehr wertvolle Rolle.

Nun sehe man sich aber den Rasen selbst an.

In der Natur wird man einen solchen nirgends finden.

Er besteht nämlich aus nichts anderem als einer Unmasse ganz gleichförmiger, mit der Mähmaschine kurzgeschnittener Grashälmchen. Ein Grashalm gleicht genau dem anderen, zwar sind es möglicherweise gegen vier verschiedene Grasarten, die zur Aussaat für den Rasen verwendet wurden, aber selbst diese Verschiedenheit der Graspflanzen ist nicht bemerkbar, da ja alle bis auf etwa zehn Zentimeter Höhe niedergeschnitten worden sind.

In der Natur würden diese Gräser eventuell die Höhe von einem halben Meter erreichen, sie würden im Sommer ein voneinander höchst verschiedenes Aussehen infolge ihrer Blutenstände haben, deren reizende Formen ja zum Teil in toter, getrockneter Ware von den Makartbuketten her bekannt sind. In der Natur aber sind auf einer Waldwiese, auf einer Gebirgsmatte, in einem Flußtale die verschiedenartigsten Gräser und Halbgräser vorhanden und überdies mit einer bunten, unendlich mannigfaltigen, mit jeder Woche sich ändernden Fülle von Blumen durchwirkt. So sieht der natürliche Rasen aus, und was ist der Zierrasen?

Sicher ist er alles andere als Natur, ja, man muß sagen, er ist französisch durch und durch, er ist eine Zurechtschnitzung der Natur, wie sie Lenôtre im Versailler Park nicht anders vorgenommen hat.

Denken wir uns einen Wald, der aus nur vier Baumarten besteht. Schlägt jemand diesen Bäumen die Krone und den oberen Stammteil bis auf etwa zwei Meter Höhe ab, so hat man ein deutliches Abbild von der Art und Weise der Pflanzenbehandlung, die den modernen Zierrasen geschaffen. Vielleicht wird einmal ein solcher Wald, der nur aus Baumstümpfen bestünde, Mode, im Prinzip wäre er wenigstens nichts Neues mehr. Jedenfalls zeugt der Zierrasen von allem anderen, nur nicht vom Sinne der Naturschönheit. Und das muß man bei Beurteilung der heutigen Gartenkunst berücksichtigen.

Ihr oberstes Prinzip ist keineswegs, die Eigenheiten der Natur im Spiegel der Schönheit aufzufangen, sondern gewisse Schönheitsformen der eleganten Welt vermittels der Natur auszudrücken.

Der geschorene Rasen macht einen äußerst eleganten, sauberen, geschniegelten, wohlerzogenen Eindruck, wie ein neuer Frack. Beim Ball ist der Frack das Mittel, die »Eleganz« zum Ausdruck zu bringen, im Garten ist es der Zierrasen.

Was wollte Ludwig XIV. mit dem Versailler Park, dem gewaltigen Gartenwerk, das jener Lenôtre einst mit den Millionen eines kunstsinnigen Königs geschaffen hatte?

Man denke sich dieses unermeßliche Schloß, gegen welches das Berliner ein Kinderspielzeug ist, ohne die berühmten Gartenanlagen!

Also zunächst war der Park notwendige Staffage zum Schloß. Andere suchen sich eine schöne Gegend aus und bauen dahin ein Schloß. So mächtig aber, so riesenhaft war der Wille des Königs, daß er, nachdem er das gigantische Schloß geschaffen, auch die schöne Gegend dazu schuf. So ist der große Versailler Park auch zugleich als Landschaft beabsichtigt.

Abb. 25. Versailler Park.

Allein es ist eine Landschaft, wie sie nicht der Natur abgelauscht und aus der Natur heraus geformt ist, sondern eine Landschaft, wie sie sich vor dem Hofe sehen lassen kann. Am Hofe der Fürsten sind meistens uniformierte Kleider vorgeschrieben, uniforme Haltung, uniforme Manieren. So ist es auch mit dem Versailler Park. Sämtliche Bäume stehen in uniformem Habitus da, alle Individualitat ist von ihnen gewichen, die Kastanie ist ebenso gradwinklig verschnitten wie die Eiche, die Wege sind gerade oder bilden regelmäßige Figuren, der gewaltige künstliche Wasserarm, lang wie ein Fluß und breit wie ein See, ist zu einem kreuzförmigen Kanal geworden, schnurgerade wie ein Lineal.

Diese Steifheit, Geradlinigkeit, Uniformierung tritt überall auf, wo die Vornehmheit, Eleganz, Wohlerzogenheit der feinen Welt herrscht.

Will man also ein Stück Natur haben, ist man in der Lage, es selbst zu schaffen, so wird es in die Schleifmühle dieser gesellschaftlichen Tugenden gesteckt, um dann als echtes Salonstück wieder zum Vorschein zu kommen.

So ist es mit dem Versailler Park, so ist es auch mit dem heutigen Garten.

Außer dem Zierrasen ist es besonders die Form und Bepflanzung der Blumenbeete, die direkt von gesellschaftlicher Etikette diktiert sind.

Da kommen überall regelmäßige Figuren, Kreise, Ovale, symmetrische Arabesken aller Art vor, sodann aber sind die Blumen auf den Beeten selbst wieder sehr künstlich und regelmäßig arrangiert, sie stehen immer da in Positur wie in einer Quadrille à la cour. Die Gesellschaft verlangt eine fertige Toilette. So dürfen sich denn die Blumen nicht etwa im Garten selbst entwickeln, nein, sie werden in besonderen Warmhäusern oder versteckten Warmbeeten angezogen und dann, wenn sie anfangen zu blühen, werden sie ausgepflanzt. Sind sie dann im Abblühen, so werden sie entfernt und frische blühende Blumen an ihre Stelle gesetzt. Ob es da nicht junge Mädchen gibt, die der Meinung sind, die Blumen kommen gleich blühend zur Welt?

Die Entwicklung der Blumen, das Hervorschießen immer neuer Arten zu einer bestimmten Jahreszeit, um andere zu verdrängen, das ganze so interessante Spiel der Natur kann den Besitzer und Villeninhaber nicht interessieren, es entspricht nicht den gesellschaftlichen Anforderungen, da man immerfort blühende, gut gruppierte Blumen verlangt.

Der Zierrasen ist nicht das einzige Beispiel des Pflanzenverschneidens.

Auch andere Pflanzen als Gräser werden im modernen Garten mit der Schere behandelt. Es sind dies solche, die zur Bildung eines sogenannten Teppichbeetes dienen.

Hier sollen vermittels der verschiedenen Farben der Pflanzen mosaikartig zusammengesetzte Muster erzeugt werden, ähnlich wie auf einem Teppich oder einem Fliesenfußboden. Jede Pflanze bildet dabei sozusagen einen Mosaikstein. Wie diese sehr gleichförmig behauen, so muß jede Pflanze sehr gleichmäßig geschnitten werden, damit sie nicht über den ihr angewiesenen Punkt des Bildes hinausgreife und dieses dadurch zerstöre. Sie darf nicht nach den Seiten, sie darf auch nicht hoch wachsen, sie wird also vorn, hinten, rechts, links und oben beschnitten. Alle Pflanzen vertragen eine solche Prozedur nicht, es gibt also besondere Teppichpflanzen. Es sind meistens Blattpflanzen, deren Blätter durch gärtnerische Zucht von dem normalen Grün abweichen und ein Gelb, Silbergrau, Dunkelrot angenommen haben. Einige von ihnen würden auch blühen, wie z. B. Pyrethrum, ihr Blütenansatz wird aber beizeiten weggeschnitten. Die Pflanzen, diese in Wuchs, Haltung, Entwicklung, Blatt- und Blütenformen so verschiedenen Wesen, sind hier bloße Farbenträger geworden, bestimmt, als Mosaiksteine ein Dekorationsmuster zu bilden. Aber die Sache sieht elegant aus.

Es kann beiläufig darauf hingewiesen werden, daß der Stil Ludwigs XIV. die Pflanzen wenigstens hoch wachsen ließ, d. h., sie wurden ja oben auch horizontal geschnitten, aber der Schnitt wurde doch jedes Jahr höher geführt. Heutzutage wird alles niedergehalten, der Rasen darf nicht über zehn Zentimeter hoch werden, auch die Teppichbeetpflanzungen sind um so begehrter, je niedriger sie gehalten werden können.

Die Blattpflanzen für Teppichbeete erhalten in der Mehrzahl durch gärtnerische Züchtung eine vom natürlichen Grün abweichende Färbung. Nichts kennzeichnet vielleicht mehr die heutige Gartenkunst als die künstliche Züchtung.

Kurzgeschorenen Rasen, Teppichbeetpflanzen können wir uns noch eher auch für die Gesellschaft einer früheren Zeit passend denken. Die künstliche Züchtung aber ist wie die Theorie von der natürlichen Zuchtwahl ein Kind unserer Zeit.

Zwar haben schon in früheren Jahrhunderten die Gärtner sich damit beschäftigt, neue Sorten von Tulpen, Hyazinthen und einigen anderen Blumen durch Kreuzung und Auslese interessanter Varietäten zu züchten, aber von der systematischen Weise, wie jetzt die Züchtung geschieht, hatte man damals keine Ahnung; damals wurde sie nebenbei betrieben, jetzt ist sie Charakterzug des Gartenhandwerks und des Gartenstils.

Alle Gebiete, die in den Wirbelwind der Konkurrenz und der vornehmen Gesellschaft geraten, sollen nicht sowohl Neues bringen als Neuheiten, »Nouveautes«. So ist es auch mit der Gartenkunst. Irgend jemand züchtete eine Zwergform der gewöhnlichen Aster, sofort verschwanden die hohen Astern aus allen Villengärten und an ihre Stelle traten die Zwergformen.

Jeder Katalog einer Handelsgärtnerei oder Baumschule enthält eine Serie Neuheiten, die fast durchweg gärtnerische Züchtungen sind.

Die Freude und der Stolz der Gärtner sind nicht gering, wenn es ihnen gelungen ist, wieder eine einfache Blume gefüllt zu machen. Angeblich wird durch die Füllung der Effekt einer Blume erhöht, in Wahrheit wird ihr dadurch alle Individualität genommen. Tatsächlich ist es auch kaum möglich, eine gefüllte Aster, Zinnia, Bellis, Skabiose usw. voneinander zu unterscheiden.

Das Auffälligste der heutigen Züchtung sind aber vor allem die buntblättrigen Pflanzen. Da gibt es Eichen mit gelben Blättern, einen Feldahorn mit weißgescheckten Blättern, eine Birke mit purpurfarbiger, eine Traubenkirsche mit gelbmarmorierter Belaubung. Durch diese Buntheit des Blätterschmuckes erhält der heutige Villengarten etwas zierlich Dekoriertes, wie ein mit Fahnen behängter Festsaal. Seine Salonfähigkeit wird erhöht, aber der Charakter ist hin.

Weniger auffällig sind die Züchtungen, durch welche die ursprünglichen Blattformen der Pflanzen verändert werden. Es gibt eine Esche mit Blättern, wie sie der Weißdorn hat, eine andere mit der Belaubung der Weide, eine Sommeresche mit Farnkrautblättern, noch besser: eine Erle mit Eichenblättern und eine Eiche mit Erlenblättern. Dergleichen Züchtungen gibt es eine Menge, alle frönen dem Sensationsbedürfnis, dem die Zeit huldigt.

Ebenso große Buntheit wie durch die Züchtungen wird durch den Import ausländischer Pflanzen erzeugt.

Der Verkehr, der heutzutage die Salons der Reichen mit Luxusartikeln aus allen Erdteilen überschüttet, hat auch auf dem Gebiete der Gartenkunst seinen unermeßlichen Einfluß ausgeübt. Aus allen Ländern und Erdteilen sind Pflanzen zu uns gekommen und haben die einheimischen fast ganz verdrängt. Japanische, nordchinesische und nordamerikanische Bäume und Sträucher bilden die eigentlichen Hochgruppen unserer Villengärten, neben ihnen aber stehen die im Winter schutzbedürftigen Rhododendren und Azalien der Pontusländer, die zarten Heidekrautgewächse vom Kap, die Kakteen aus Mexiko, ja die Palmen der Tropenländer. Wird der Naturkenner bei dieser Zusammenwürfelung von Ländern und Zonen an die Gruppierung von Pflanzen in einem Blumengeschäft erinnert, so wirkt sie doch auf den Nichtkenner – und das sind die meisten – ganz kurzweilig, apart, vornehm, elegant. Und das ist ja der Eindruck, der hervorgerufen werden soll.

Die Zusammenstellung von Pflanzen aus den verschiedensten Ländern und Zonen, aus den verschiedensten Klimaten, Bodenarten und Höhenlagen würde man in jedem anderen Falle stillos nennen, für den heutigen Stil des Villengartens ist sie charakteristisch, sie paßt zu ihm. Wo Eleganz die angestrebte Schönheitsform ist, da wird es nur richtig sein, die effektvollsten Bäume, Sträucher und Blumen aus allen Ländern zusammenzusuchen und daraus eine zierliche internationale Gesellschaft herzustellen. Daß dadurch die inneren Gesetze der Pflanzengruppierung auf den Kopf gestellt werden, daß dadurch keine echten, natürlichen Landschaftsbilder hervorgebracht werden können, ist selbstverständlich.

Eine sogar für Naturunkundige mißliche Nebenwirkung hat übrigens diese Verwendung von zarteren ausländischen Pflanzen: sie müssen im Winter zugedeckt, mit Gestellen und Strohgeflecht umgeben werden, so daß dann ein solcher Villengarten aussieht wie eine Sammlung von Mumien und Gräbern.

Die Villengarten unserer Zeit sind meistens noch jung; Villen in Mengen, besonders in der Nähe großer Städte, wurden ja erst in den letzten Jahren gebaut, ihre Gärten sind also ebenfalls noch nicht lange angelegt. Die Bäume sind infolgedessen noch jung, von der Urwüchsigkeit eines alten Parkes oder eines Waldes haben sie nicht das geringste, sie sind zierlich, niedlich – elegant.

So trägt selbst das geringste Alter der Anlage dazu bei, einen Gartenstil zu schaffen, in dem die Natur dazu benutzt worden ist, Stimmungen, Gefühle der Eleganz hervorzurufen. Der Villenstil unserer Zeit hat somit ein durchaus festes Gepräge. Aehnlich wie der französische nimmt er der Natur ihre Eigenart, aber es ist ihm vorzüglich gelungen, die Eleganz, welche der heutigen vornehmen Gesellschaft als Ideal vorschwebt, zum Ausdruck zu bringen.

Wir wollen bei alledem nicht zu pessimistisch schließen.

Aller Voraussicht nach gehen wir einer Zeit entgegen, wo der Garten auch in gesunderem Sinne wieder zu Ehren und Ansehen kommen wird. Die Bestrebungen, Gartenstädte nach englischem Vorbild zu gründen, deuten diesen Zug schon an, die Entwicklung der Großstadt drängt darauf hin. Das ungesunde Leben der heutigen Zeit sucht in mancherlei Sport ein Gegengewicht gegen die bewegungslose, nervös machende Tätigkeit in Bureau, Geschäft und Studierstube. Der Garten braucht nicht nur den Geist anzuregen, er wirkt auch auf das Gefühl, das Gemüt. In einem Garten wählt und gruppiert jeder die Pflanzen nach seinem eigenen Geschmack. Von der kleinen Pflanzenwelt seines Gartens sieht er sich weggetragen in das große Reich der Allnatur, in das Hohe und Heilige, das jede Kunst anders benennt und zu dem doch jede, wenn auch auf besonderem Wege, hinzuführen sucht.

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