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Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Sommersberg kommt zum Vorplatz herein.

Simba Da ist er ja! Wo steckst denn du die ganze Ewigkeit?

Sommersberg Ich habe ein Telegramm an die Zeitungen abgeschickt.

Saranieff Die Gräber tun sich auf! Sommersberg! Und Sie schämen sich nicht, von den Toten aufzuerstehen, um Sekretär dieses Feenpalastes zu werden?!

Sommersberg auf Simba deutend Dieser Engel hat mich der Welt zurückgegeben.

Simba Geh, sei stad, Schatzerl! – Kommt er und fragt mi, wo mer a Geld kriagt. – Geh halt zum Marquis von Keith, sag i; wann der koans hat, nachher findst in der ganzen Münchner Stadt koan Pfennig net.

Raspe in elegantester Gesellschaftstoilette, eine kleine Kette mit Orden auf der Brust, kommt aus dem Spielzimmer Simba, das ist einfach skandalös, daß du die ganze Feenpalastgesellschaft auf Käse warten läßt!

Simba ergreift die Käseglocke Jesus Maria – i komm schon!

Saranieff Bleiben Sie doch bei Ihren alten Schrauben, für die Sie engagiert sind!

Simba Raspes Arm nehmend Laß mir du das Buberl in Ruh'! Ihr beid' wärt's froh: wann's mitsamt aso guat g'stellt wart as wie der!

Saranieff Simba – du bist eine geborene Dirne!

Simba Was bin i?

Saranieff Du bist eine geborene Dirne!

Simba Sagst das noch amal?

Saranieff Du bist eine geborene Dirne!

Simba Nein, ich bin keine geborene Dirne. Ich bin eine geborene Käsbohrer. Mit Raspe ins Spielzimmer ab.

Sommersberg Ich diktiere ihr ja selbst ihre Liebesbriefe.

Saranieff Dann habe ich mich also bei Ihnen für meine zertrümmerten Luftschlösser zu bedanken!

Sascha kommt mit einer brennenden Laterne aus dem Spielzimmer.

Saranieff Donnerwetter, bist du geschniegelt! Du willst hier wohl auch eine Gräfin heiraten?

Sascha Jetzt geh i das Feuerwerk im Garten abbrennen. Wann i den großen Mörser anzünd', na werden's aber schaun! Der Herr Marquis sagt, der is mit der ganzen Höll' g'laden. – Ab in den Garten.

Saranieff Sein Herr fürchtet, er könnte mit in die Luft fliegen, wenn er seinen Mörser mit dem Feuerwerk drinnen selbst abbrennt! – Das Glück weiß sehr wohl, warum es den nicht aufsitzen läßt! Sobald er im Sattel sitzt, hetzt er das Tier zuschanden, daß ihm keine Faser mehr auf den Rippen bleibt! – Da sich die Mitteltür öffnet und die Gäste den Speisesaal verlassen Kommen Sie, Sommersberg! jetzt lassen wir uns von unserer Simba ein lukullisches Mahl auftischen!

Die Gäste strömen in den Salon; voran Raspe zwischen Frau Kommerzienrat Ostermeier und Frau Krenzl; dann v. Keith mit Ostermeier, Krenzl und Grandauer; dann Zamrjaki mit Freifrau v. Rosenkron und Freifrau v. Totleben, zuletzt Scholz und Anna. – Saranieff und Sommersberg nehmen an der Tafel im Speisesaal Platz.

Raspe Darf ich die fürstlichen Hoheiten zu einer Tasse köstlichen Mokkas geleiten?

Frau Ostermeier Nein, a so an liebenswürdigen Kavalier wie Ihnen find't man in ganz Süddeutschland net!

Frau Krenzl An Ihnen könnten sich fein unsere hochadeligen Herren von der königlichen Equitation a Muster nehmen!

Raspe Ich gebe jeden Augenblick mein Ehrenwort darauf, daß dies der seligste Moment meines Lebens ist. –

Mit den beiden Damen ins Spielzimmer ab.

Ostermeier zu v. Keith 's ist immerhin schön vom alten Casimir, wissen S', daß er a Glückwunschtelegramm g'schickt hat. Aber schaun S', verehrter Freund, der alte Casimir, das is halt an vorsichtiger Mann!

v. Keith Macht nichts! Macht nichts! Bei der ersten Generalversammlung haben wir den alten Casimir in unserer Mitte. – Wollen die Herren eine Tasse Kaffee trinken?

Ostermeier, Krenzl und Grandauer ins Spielzimmer ab.

Freifrau v. Rosenkron zu v. Keith, der den Herren folgen will Versprechen Sie mir, Marquis, daß Sie mich für den Feenpalast zur Tänzerin ausbilden lassen!

Freifrau v. Totleben Und daß Sie mich zur Kunstreiterin ausbilden lassen!

v. Keith Ich schwöre Ihnen, meine Göttinnen, daß wir ohne Sie den Feenpalast nicht eröffnen werden! – Was ist denn mit Ihnen, Zamrjaki? Sie sind ja totenbleich...

Zamrjaki ein schmächtiger, kleiner Konservatorist mit gescheitelten, langen, schwarzen Locken; spricht mit polnischem Akzent Arbeite ich Tag und Nacht an Symphonie meiniges. – v. Keith beiseite nehmend Erlauben, Herr Marquis, daß ich bitte, möchten geben Vorschuß zwanzig Mark auf Gage von Kapellmeister von Feenpalastorchester.

v. Keith Mit dem allergrößten Vergnügen. Gibt ihm Geld Können Sie uns aus Ihrer neuen Symphonie nächstens nicht etwas in einem meiner Feenpalastkonzerte vorspielen?

Zamrjaki Werde ich spielen Scherzo. Scherzo wird haben großen Erfolg.

Freifrau v. Rosenkron an der Glastür zum Garten Nein, dieses Lichtermeer! Martha, sieh nur! – Kommen Sie, Zamrjaki, begleiten Sie uns in den Garten!

Zamrjaki Komm ich schon, Damen! Komm ich schon. Mit Freifrau v. Rosenkron und Freifrau v. Totleben in den Garten ab.

v. Keith ihnen folgend Tod und Teufel, Kinder, bleibt von dem großen Mörser weg! Der ist mit meinen prachtvollsten Raketen geladen! In den Garten ab. Simba schließt vom Speisesaal aus die Mitteltür. – Anna und Scholz bleiben allein im Salon.

Anna Ich wüßte nichts in der Welt, was ich Ihnen jemals hätte übelnehmen können. Sollte Ihnen die Taktlosigkeit, von der Sie sprechen, nicht vielleicht mit irgendeiner anderen Dame begegnet sein?

Scholz Das ist völlig ausgeschlossen. Aber sehen Sie, ich bin ja so glücklich wie ein Mensch, der von frühester Kindheit auf im Kerker gelegen hat und der nun zum erstenmal in seinem Leben freie Luft atmet. Deshalb mißtraue ich mir auch noch bei jedem Schritt, den ich wage; so ängstlich zittre ich um mein Glück.

Anna Ich kann es mir sehr verlockend vorstellen, sein Leben im Dunkeln und mit geschlossenen Augen zu genießen!

Scholz Sehen Sie, Frau Gräfin, wenn es mir gelingt, mein Dasein für irgendeine gemeinnützige Bestrebung einzusetzen, dann werde ich meinem Schöpfer nicht genug dafür danken können.

Anna Ich glaubte, Sie wollten sich hier in München zum Genußmenschen ausbilden?

Scholz Meine Ausbildung zum Genußmenschen ist für mich nur Mittel zum Zweck. Ich gebe Ihnen meine heiligste Versicherung darauf! Halten Sie mich deswegen nicht etwa für einen Heuchler! – Ach, es gibt ja noch so viel Gutes zu erkämpfen in dieser Welt! Ich finde schon meinen Platz. Je dichter es Schläge regnet, um so teurer wird mir meine Haut sein, die mir bis jetzt so unsagbar lästig war. Und der einen Tatsache bin ich mir vollkommen sicher: Sollte es mir jemals gelingen, mich um meine Mitmenschen verdient zu machen, mir werde ich das nie und nimmer zum Verdienst anrechnen! Führe mein Weg mich aufwärts oder führe er mich abwärts, ich gehorche nur dem grausamen unerbittlichen Selbsterhaltungstrieb!

Anna Vielleicht erging es allen berühmten Menschen so, daß sie nur deshalb berühmte Menschen wurden, weil ihnen der Verkehr mit uns gewöhnlicher Dutzendware auf die Nerven fiel!

Scholz Sie mißverstehen mich noch immer, Frau Gräfin. – Sobald ich meinen Wirkungskreis gefunden habe, werde ich der bescheidenste, dankbarste Gesellschafter sein. Ich habe hier in München schon damit angefangen, radzufahren. Mir war dabei zumute, als hätte ich die Welt seit meinen frühesten Kindertagen nicht mehr gesehen. Jeder Baum, jedes Wasser, die Berge, der Himmel, alles wie eine große Offenbarung, die ich in einem andern Leben einmal vorausgeahnt hatte. – Darf ich Sie vielleicht einmal zu einer Radpartie abholen?

Anna Paßt es Ihnen morgen früh um sieben Uhr? Oder sind Sie vielleicht kein Freund vom frühen Aufstehen?

Scholz Morgen früh um sieben! Ich sehe mein Leben wie eine endlose Frühlingslandschaft vor mir ausgebreitet!

Anna Daß Sie mich aber nicht umsonst warten lassen!

Zamrjaki, Freifrau v. Rosenkron und Freifrau v. Totleben kommen aus dem Garten zurück. – Simba kommt aus dem Spielzimmer.

Freifrau v. Rosenkron Hu, ist das kalt! – Martha, wir müssen nachher unsere Tücher mitnehmen. Spielen Sie uns einen Cancan, Zamrjaki! – Zu Scholz Tanzen Sie Cancan?

Scholz Ich bedaure, gnädige Frau.

Freifrau v. Rosenkron zu Freifrau v. Totleben Dann tanzen wir zusammen!

Zamrjaki hat sich ans Piano gesetzt und intoniert einen Walzer.

Freifrau v. Rosenkron Nennen Sie das Cancan, Herr Kapellmeister?!

Anna zu Simba Aber Sie tanzen doch Walzer?

Simba Wann's die gnädige Frau befehlen...

Anna Kommen Sie!

Freifrau v. Rosenkron, Freifrau v. Totleben, Anna und Simba tanzen Walzer.

Freifrau v. Rosenkron Mehr Tempo, bitte!

v. Keith kommt aus dem Garten zurück und dreht die elektrischen Lampen bis auf einige aus, so daß der Salon nur mäßig erhellt bleibt.

Zamrjaki das Spiel ärgerlich abbrechend Komm ich bei jedem Takt in Symphonie meiniges!

Freifrau v. Totleben Warum wird es denn auf einmal so dunkel?

v. Keith Damit meine Raketen mehr Eindruck machen! – öffnet die Tür zum Spielzimmer Darf ich bitten, meine Damen und Herren... Raspe, Herr und Frau Ostermeier und Herr und Frau Krenzl kommen in den Salon. – Simba ab.

v. Keith Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß noch im Laufe der nächsten Woche das erste unserer großen Feenpalastkonzerte stattfinden wird, die schon jetzt im Münchner Publikum für unsere Sache Propaganda machen sollen. Frau Gräfin Werdenfels wird uns darin mit einigen Liedern allermodernster Vertonung bekanntmachen, während Herr Kapellmeister Zamrjaki einige Bruchstücke aus seiner symphonischen Dichtung »Die Weisheit des Brahmanen« eigenhändig dirigieren wird.

Allgemeine Beifallsäußerungen. Im Garten steigt zischend eine Rakete auf und wirft einen rötlichen Schimmer in den Salon. v. Keith dreht das elektrische Licht völlig aus und öffnet die Glastür.

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