Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frank Wedekind >

Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
Schließen

Navigation:

v. Keith tritt ein mit den Herren Ostermeier, Krenzl und Grandauer, alle drei mehr oder weniger schmerbäuchige triefäugige Münchner Pfahlbürger. Ihnen folgt Sascha.

v. Keith Das trifft sich ausgezeichnet, daß ich Sie gleich mit einer unserer ersten Künstlerinnen bekannt machen kann. – Sascha, trag den Kram hinaus!

Sascha mit dem Frühstücksgeschirr ins Wohnzimmer ab.

v. Keith vorstellend Herr Bierbrauereibesitzer Ostermeier, Herr Baumeister Krenzl, Herr Restaurateur Grandauer, die Karyatiden des Feenpalastes – Frau Gräfin Werdenfels. Aber Ihre Zeit ist gemessen, meine Herren; Sie wollen die Pläne sehen. Nimmt die Pläne vom Schreibtisch und entrollt sie auf dem Mitteltisch.

Ostermeier Lassen's Ihnen Zeit, verehrter Freund. Auf fünf Minuten kommt es nicht an.

v. Keith zu Grandauer Wollen Sie bitte halten. – Was Sie hier sehen, ist der große Konzertsaal mit entfernbarem Plafond und Oberlicht, so daß er im Sommer als Ausstellungspalast dienen kann. Daneben ein kleinerer Bühnensaal, den ich durch die allermodernste Kunstgattung populär machen werde, wissen Sie, was so halb Tanzboden und halb Totenkammer ist. Das Allermodernste ist immer die billigste und wirksamste Reklame.

Ostermeier Hm – haben S' auch auf die Toiletten nicht vergessen?

v. Keith Hier sehen Sie die Garderoben- und Toilettenverhältnisse in durchgreifendster Weise gelöst. – Hier, Herr Baumeister, der Frontaufriß: Auffahrt, Giebelfeld und Karyatiden.

Krenzl I mecht denn aber fei net mit von dena Karyatiden sein!

v. Keith Das ist doch ein Scherz von mir, mein verehrter Herr!

Krenzl Was saget denn mei Alte, wann i mi da heroben wollt als Karyatiden aushauen lassen, nachher noch gar an eim Feenpalast!

Grandauer Wissens, mir als Restaratär is halt d' Hauptsach bei dera G'schicht, daß i Platz hab.

v. Keith Für die Restaurationslokalitäten, mein lieber Herr Grandauer, ist das ganze Erdgeschoß vorgesehen.

Grandauer Zum Essen und Trinken megen d' Leit halt net so eingepfercht sein als wie beim Kunstgenuß.

v. Keith Für den Nachmittagskaffee, lieber Herr Grandauer, haben Sie hier eine Terrasse im ersten Stock mit großartiger Aussicht auf die Isaranlagen.

Ostermeier I mecht Sie halt nur noch bitten, verehrter Freund, daß Sie uns Ihre Eröffnungsbilanz sehen lassen.

v. Keith ein Schriftstück produzierend Viertausend Anteilscheine à fünftausend, macht rund zwanzig Millionen Mark. – Ich gehe von der Bedingung aus, meine Herren, daß jeder von uns vierzig Vorzugsaktien zeichnet und schlankweg einzahlt. Die Rentabilitätsberechnung, sehen Sie, ist ganz außergewöhnlich niedrig gestellt.

Krenzl Es fragt sich jetzt halt nur noch, ob der Magistrat die Bedürfnisfrag bejaht.

v. Keith Deshalb wollen wir außer den Aktien eine Anzahl Genußscheine ausgeben und der Stadt einen Teil davon zu wohltätigen Zwecken zur Verfügung stellen. – Für die Vorstandsmitglieder sind zehn Prozent Tantiemen vom Reingewinn vor Abzug der Abschreibungen und Reserven vorgesehen.

Ostermeier Alles was recht ist. Mehr kann man nicht verlangen.

v. Keith Den Börsenmarkt muß man etwas bearbeiten. Ich fahre deshalb morgen nach Paris. Heute in vierzehn Tagen findet unsere Gründungsfeier in meiner Villa an der Brienner Straße statt.

Anna zuckt zusammen.

Ostermeier Wann S' bis zu dera Gründungsfeier halt nur auch den Konsul Casimir dazu brächten, daß er mitmacht!

Krenzl Das wär halt g'scheit. Wann mir den Konsul Casimir haben, nachher sagt der Magistrat eh' zu allem ja.

v. Keith Ich hoffe, meine Herren, wir werden schon vor dem Fest eine Generalversammlung einberufen können. Da werden Sie sehen, ob ich Ihre Anregungen in bezug auf den Konsul Casimir zu berücksichtigen weiß.

Ostermeier schüttelt ihm die Hand Dann wünsche ich vergnügte Reise, verehrter Freund. Lassen Sie uns aus Paris etwas hören. Sich gegen Anna verbeugend Habe die Ehre, mich zu empfehlen; mein Kompliment.

Grandauer Ich empfehle mich; habe die Ehre, guten Nachmittag zu wünschen.

Krenzl Meine Hochachtung. Servus!

v. Keith geleitet die Herren hinaus.

Anna nachdem er zurückgekommen Was in aller Welt fällt dir denn ein, deine Gründungsfeier in meinem Haus zu veranstalten?!

v. Keith Ich werde dir in Paris eine Konzerttoilette anfertigen lassen, in der du zum Singen keine Stimme mehr nötig hast. Zu Raspe Von Ihnen, Herr Kriminalkommissär, erwarte ich, daß Sie an unserer Gründungsfeier die Gattinnen der drei Karyatiden mit dem ganzen Liebreiz Ihrer Persönlichkeit bezaubern.

Raspe Die Damen werden sich nicht über mich zu beklagen haben.

v. Keith ihm Geld gebend Hier haben Sie dreihundert Mark. Ein Feuerwerk bringe ich aus Paris mit, wie es die Stadt München noch nicht gesehen hat.

Raspe das Geld einsteckend Das hat er von dem Genußmenschen bekommen.

v. Keith zu Anna Ich verwerte jeden Sterblichen seinen Talenten entsprechend und muß meinen näheren Bekannten Herrn Kriminalkommissär Raspe gegenüber etwas Vorsicht anempfehlen.

Raspe Wenn man, wie Sie, wie vom Galgen geschnitten aussieht, dann ist es keine Kunst, ehrlich durchs Leben zu kommen. Ich wollte sehen, wo Sie mit meinem Engelsgesicht heute steckten!

v. Keith Ich hätte mit Ihrem Gesicht eine Prinzessin geheiratet.

Anna zu Raspe Wenn mir recht ist, lernte ich Sie doch seinerzeit unter einem französischen Namen kennen.

Raspe Französische Namen führe ich nicht mehr, seitdem ich ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden bin. – Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen empfehle. Ab.

Anna Ich bin aber doch mit meiner Bedienung nicht darauf eingerichtet, große Soupers zu geben!

v. Keith ruft Sascha!

Sascha kommt aus dem Wartezimmer Herr Baron?

v. Keith Willst du an dem Gartenfest bei meiner Freundin bedienen helfen?

Sascha Dös is mir a Freud, Herr Baron. Ab.

v. Keith Darf ich dir heute meinen ältesten Jugendfreund, den Grafen Trautenau, vorstellen?

Anna Ich habe mit Grafen kein Glück.

v. Keith Das macht nichts. Ich bitte dich nur darum, meine Familienverhältnisse nicht mit ihm zu erörtern. Er ist nämlich wirklich Moralist, von Natur und aus Überzeugung. Er hat mich meiner Häuslichkeit wegen heute schon ins Gebet genommen.

Anna Allmächtiger Gott, der will sich doch nicht etwa zum Genußmenschen ausbilden?!

v. Keith Das ist Selbstironie! Er lebt, seit ich ihn kenne, in nichts als Aufopferung, ohne zu merken, daß er zwei Seelen in seiner Brust hat.

Anna Auch das noch! Ich finde, man hat an einer schon zuviel. – Aber heißt der nicht Scholz?

v. Keith Seine eine Seele heißt Ernst Scholz und seine andere Graf Trautenau.

Anna Dann bedanke ich mich! Ich will nichts mit Menschen zu tun haben, die mit sich selber nicht im reinen sind!

v. Keith Er ist ein Ausbund von Reinheit. Die Welt hat ihm keinerlei Genuß mehr zu bieten, wenn er nicht wieder von unten anfängt.

Anna Der Mensch soll doch lieber noch eine Treppe höher steigen!

v. Keith Was erregt dich denn so?

Anna Daß du mich mit diesem fürchterlichen Ungeheuer verkuppeln willst!

v. Keith Er ist lammfromm.

Anna Ich danke schön! Ich werde doch das verkörperte Unglück nicht in meinem Boudoir empfangen!

v. Keith Du verstehst mich wohl nicht recht. Ich kann sein Vertrauen augenblicklich nicht entbehren und will mich deshalb seiner Mißbilligung nicht aussetzen. Wenn er dich nicht kennenlernt, um so besser für mich, dann habe ich keine Vorwürfe von ihm zu fürchten.

Anna Wer will bei dir wissen, wo die Berechnung aufhört!

v. Keith Was dachtest du dir denn?

Anna Ich glaubte, du wolltest mich bei deinem Freund als Dirne verwerten.

v. Keith Das traust du mir zu?!

Anna Du sagtest vor einer Minute noch, daß du jeden Sterblichen nach seinen Talenten verwertest. Und daß ich Talent zur Dirne habe, das wird doch wohl niemand in Zweifel ziehen.

v. Keith Anna in die Arme schließend Anna – ich fahre morgen nach Paris, nicht um den Börsenmarkt zu bearbeiten oder um Feuerwerk einzukaufen, sondern weil ich frische Luft atmen muß, weil ich mir die Arme ausrenken muß, wenn ich meine überlegene Haltung hier in München nicht verlieren will. Würde ich dich, Anna, mit nach Paris nehmen, wenn du mir nicht mein Alles wärst?! – – Weißt du, Anna, daß keine Nacht vergeht, ohne daß ich dich im Traum mit einem Diadem im Haar vor mir sehe? Wenn es darauf ankommt, für dich einen Stern vom Firmament zu holen, ich schrecke davor nicht zurück, ich finde Mittel und Wege.

Anna Verwerte mich doch als Dirne! – Du wirst ja sehen, ob ich dir etwas einbringe!

v. Keith Dabei habe ich in diesem Augenblick keinen anderen Gedanken in meinem Kopf als die Konzerttoilette, die ich dir bei Saint-Hilaire anfertigen lassen werde...

Sascha kommt vom Vorplatz herein Ein Herr Sommersberg möcht' um die Ehr' bitten.

v. Keith Laß ihn eintreten. Zu Anna, die Toilette markierend Eine Silberflut von hellvioletter Seide und Pailletten von den Schultern bis auf die Knöchel, so eng geschnürt und vorn und hinten so tief ausgeschnitten, daß das Kleid nur wie ein glitzerndes Geschmeide auf deinem schlanken Körper erscheint!

Sommersberg ist eingetreten, Ende der Dreißiger, tiefgefurchtes Antlitz, Haar und Bart graumeliert und ungekämmt. Ein dicker Winterüberrock verdeckt seine ärmliche Kleidung, zerrissene Glacéhandschuhe.

Sommersberg Ich bin der Verfasser der »Lieder eines Glücklichen«. Ich sehe nicht danach aus.

v. Keith So habe ich auch schon ausgesehen!

Sommersberg Ich hätte auch den Mut nicht gefunden, mich an Sie zu wenden, wenn ich nicht tatsächlich seit zwei Tagen beinah nichts gegessen hätte.

v. Keith Das ist mir hundertmal passiert. Wie kann ich Ihnen helfen?

Sommersberg Mit einer Kleinigkeit – für ein Mittagbrot...

v. Keith Zu etwas Besserem tauge ich Ihnen nicht?

Sommersberg Ich bin Invalide.

v. Keith Sie haben aber das halbe Leben noch vor sich!

Sommersberg Ich habe mein Leben daran vergeudet, den hohen Erwartungen, die man in mich setzte, gerecht zu werden.

v. Keith Vielleicht finden Sie doch noch eine Strömung, die Sie aufs offene Meer hinausträgt. – Oder zittern Sie um Ihr Leben?

Sommersberg Ich kann nicht schwimmen; und hier in München erträgt sich die Resignation nicht schwer.

v. Keith Kommen Sie doch heute in vierzehn Tagen zu unserer Gründungsfeier in der Brienner Straße. Da können sich Ihnen die nützlichsten Beziehungen erschließen. Gibt ihm Geld. Hier haben Sie hundert Mark. Behalten Sie so viel von dem Geld übrig, daß Sie sich für den Abend einen Gesellschaftsanzug leihen können.

Sommersberg zögernd das Geld nehmend Ich habe das Gefühl, als betrüge ich Sie...

v. Keith Betrügen Sie sich selbst nicht! Dadurch tun Sie schon ein gutes Werk an dem nächsten armen Teufel, der zu mir kommt.

Sommersberg Ich danke Ihnen, Herr Baron. Ab.

v. Keith Bitte, gar keine Ursache! Nachdem er die Tür hinter ihm geschlossen, Anna in die Arme schließend Und jetzt, meine Königin, fahren wir nach Paris!

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.