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Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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v. Keith Was sagt der Kommerzienrat Ostermeier?

Sascha Der Herr Kommerzienrat gaben mir einen Brief mit. Er liegt bei den Zeitungen. Geht in das Wartezimmer ab.

v. Keith hat den Brief geöffnet Das danke ich dem Zufall, daß du bei mir bist! Liest »... Ich habe mir von Ihrem Plane schon mehrfach erzählen lassen und bringe ihm ein lebhaftes Interesse entgegen. Sie treffen mich heute mittag gegen zwölf Uhr im Café Maximilian...« Das gibt mir die Welt in die Hände! Jetzt kann der alte Casimir meine Rückseite besehen, wenn er noch mitkommen will. Mit diesen Biedermännern im Bunde bleibt mir auch meine Alleinherrschaft unangetastet.

Anna hat sich erhoben Kannst du mir tausend Mark geben?

v. Keith Bist du denn schon wieder auf dem trocknen?

Anna Die Miete ist fällig.

v. Keith Das hat bis morgen Zeit. Mache dir deswegen nicht die geringste Sorge darum.

Anna Wie du meinst. Graf Werdenfels prophezeite mir auf seinem Sterbebette, ich werde das Leben noch einmal von der allerernstesten Seite kennenlernen.

v. Keith Hätte er dich etwas richtiger eingeschätzt, dann wäre er vielleicht sogar selbst noch am Leben.

Anna Bis jetzt hat sich seine Prophezeiung noch nicht bewahrheitet.

v. Keith Ich schicke dir das Geld morgen mittag.

Anna während v. Keith sie hinausgeleitet Nein, bitte nicht; ich komme selber und hole es.

Die Szene bleibt einen Augenblick leer. Dann kommt Molly Griesinger aus dem Wohnzimmer und räumt das Teegeschirr zusammen.
v. Keith kommt vom Vorplatz zurück.

v. Keith ruft Sascha! – Nimmt eines der Bilder von der Wand Das muß mir über die nächsten vierzehn Tage hinweghelfen!

Molly Du hoffst also immer noch, daß die Wirtschaft so fortgehen kann?

Sascha kommt aus dem Wartezimmer Herr Baron?

v. Keith gibt ihm das Bild Geh hinüber zu Tannhäuser. Er soll den Saranieff ins Fenster stellen. Ich gebe ihn für dreitausend Mark.

Sascha Sehr wohl, Herr Baron.

v. Keith In fünf Minuten komme ich selber. Warte! Er nimmt vom Schreibtisch eine Karte, auf der »3000 M.« steht, und befestigt sie unter dem Rahmen des Bildes Dreitausend Mark! – Geht zum Schreibtisch Ich muß nur vorher rasch noch einen Zeitungsartikel darüber schreiben.

Sascha mit dem Bilde ab.

Molly Wenn sich bei der Großtuerei nur auch einmal eine Spur von reellem Erfolg sehen ließe!

v. Keith schreibend »Das Schönheitsideal der modernen Landschaft.«

Molly Wenn dieser Saranieff malen könnte, dann brauchte man nicht erst Zeitungsartikel über ihn zu schreiben.

v. Keith sich umwendend Wie beliebt?

Molly Ich weiß, du bist wieder mitten in der Arbeit.

v. Keith Wovon wolltest du reden?

Molly Ich habe einen Brief aus Bückeburg.

v. Keith Von deiner Mama?

Molly sucht den Brief aus der Tasche und liest »Ihr seid uns jeden Tag willkommen. Ihr könnt die beiden Vorderzimmer im dritten Stock beziehen. Ihr könnt dann in Ruhe abwarten, bis eure Verhandlungen in München zum Abschluß gelangen.«

v. Keith Siehst du denn aber nicht ein, mein liebes Kind, daß du durch solche Schreibereien meinen Kredit untergräbst?

Molly Wir haben morgen kein Brot auf dem Tisch.

v. Keith Dann speisen wir im Hotel Continental.

Molly Da bringe ich nicht einen Happen hinunter vor Angst, daß uns der Gerichtsvollzieher derweil unsere Betten versiegelt.

v. Keith Der überlegt sich das noch. Warum lebt in deinem Köpfchen kein anderer Gedanke als Essen und Trinken! Du könntest dich deines Daseins so unendlich mehr erfreuen, wenn du etwas mehr Würdigung für seine Lichtseiten hättest. Du hegst eine unbezähmbare Liebhaberei für das Unglück.

Molly Ich finde, du hegst diese Liebhaberei für das Unglück! Anderen Menschen fällt ihr Lebensberuf zu leicht, sie brauchen mit keinem Gedanken daran zu denken. Dafür existieren sie eins fürs andere in ihrem behaglichen Heim, wo ihrem Glück nichts in die Quere kommt. Und du, bei all deinen Geistesgaben, wirtschaftest wie ein Rasender auf deine Gesundheit ein, und dabei ist tagelang nicht ein Pfennig im Haus.

v. Keith Aber du hast doch noch jeden Tag satt zu essen gehabt! Daß du nichts für Toiletten ausgibst, ist wahrhaftig nicht meine Schuld. Sobald dieser Zeitungsartikel geschrieben ist, habe ich dreitausend Mark in der Hand. Dann nimm eine Droschke und kauf alles zusammen, worauf du dich im Augenblick besinnen kannst.

Molly Der bezahlt dir für das Bild so gewiß dreitausend Mark, wie ich mir deinetwegen seidene Strümpfe anziehe.

v. Keith erhebt sich unwillig Du bist ein Juwel!

Molly fliegt ihm an den Hals Habe ich dir weh getan, mein Herz? Verzeih mir, bitte! Was ich dir eben sagte, das ist meine heiligste Überzeugung.

v. Keith Wenn das Geld auch nur bis morgen abend reicht, dann werde ich das Opfer schon nicht zu bedauern haben!

Molly heulend Ich wußte, wie häßlich es von mir war. Schlag mich doch nur!

v. Keith Der Feenpalast ist nämlich so gut wie gesichert.

Molly Dann laß mich wenigstens deine Hand küssen. Ich beschwöre dich, laß mich deine Hand küssen.

v. Keith Wenn ich nur noch einige Tage meine Haltung bewahren kann.

Molly Auch das nicht! Wie kannst du so unmenschlich sein!

v. Keith zieht die Hand aus der Tasche Es wäre doch vielleicht nachgerade Zeit, daß du mit dir zu Rate gehst, sonst kommt die Erleuchtung plötzlich von selbst.

Molly seine Hand mit Küssen bedeckend Warum willst du mich denn nicht schlagen? Ich habe es mir doch so redlich verdient!

v. Keith Du betrügst dich um dein Lebensglück mit allen Mitteln, die eine Frau zu ihrer Verfügung hat.

Molly springt empört auf Bilde dir doch nicht ein, daß ich mich durch deine Courmachereien in Schrecken jagen lasse! Uns beide umschlingt ein zu festes Band. Wenn das einmal reißt, dann halte ich dich nicht mehr; aber solange du im Elend bist, gehörst du mir.

v. Keith Das wird dir zum Verhängnis, Molly, daß du mein Glück mehr fürchtest als den Tod. Wenn ich morgen die Arme frei habe, dann hältst du es nicht eine Minute mehr bei mir aus.

Molly Dann ist ja alles gut, wenn du das weißt.

v. Keith Ich bin aber in keinem Elend!

Molly Erlaube mir nur so lange, bis du die Arme frei hast, noch für dich zu arbeiten.

v. Keith setzt sich wieder an den Schreibtisch Tue, was du nicht lassen kannst! Du weißt, daß mir an einer Frau nichts unsympathischer ist, als wenn sie arbeitet.

Molly Um deinetwillen mache ich noch keinen Affen und keinen Papagei aus mir. Wenn ich mich an den Waschtrog stelle, statt halbnackt mit dir auf Redouten zu fahren, so werde ich dich damit wohl nicht zugrunde richten.

v. Keith Dein Starrsinn hat etwas überirdisches.

Molly Das glaube ich, daß das deine Kapazität übersteigt!

v. Keith Wenn ich dich auch begriffe, damit wäre dir leider noch nicht geholfen.

Molly triumphierend Ich brauche es dir auch nicht auf die Nase zu binden, aber ich gebe es dir schwarz auf weiß, wenn du willst! Ich verdiente ja mein Lebensglück nicht, wenn ich mir dir gegenüber den geringsten Zwang antäte und mich besser geben wollte, als ich von Gott geschaffen worden bin – weil du mich liebst!

v. Keith Das ist doch selbstverständlich.

Molly triumphierend Weil du ohne meine Liebe nicht leben kannst! Hab darum auch nur die Arme frei, soviel du willst! Ob ich bei dir bleibe, das hängt davon ab, ob ich dir von deiner Liebe für andere Weiber etwas übriglasse! Die Weiber sollen sich aufdonnern und dich vergöttern, soviel es ihnen Vergnügen macht; das spart mir die Komödien. Du hängtest dich lieber heute als morgen an deine Ideale; das weiß ich recht gut. Käme es je dazu – aber das hat noch gute Wege! –, dann will ich mich lebendig begraben lassen.

v. Keith Wenn du dich nur wenigstens des Glückes erfreuen wolltest, das sich dir bietet!

Molly zärtlich Aber was bietet sich mir denn, mein süßer Schatz? Das war doch in Amerika auch immer dieser Schrecken ohne Ende. Alles scheiterte immer an den letzten drei Tagen. In Sankt Jago wurdest du nicht zum Präsidenten gewählt und wärst um ein Haar erschossen worden, weil wir an dem entscheidenden Abend keinen Brandy auf dem Tische hatten. Weißt du noch, wie du riefst: »Einen Dollar, einen Dollar, eine Republik für einen Dollar!«

v. Keith springt wütend auf und geht zum Diwan Ich bin als Krüppel zur Welt gekommen. Sowenig wie ich mich deshalb zum Sklaven verdammt fühle, sowenig wird mich der Zufall, daß ich als Bettler geboren bin, je daran hindern, den allerergiebigsten Lebensgenuß als mein rechtmäßiges Erbe zu betrachten.

Molly Betrachten dürfen wirst du den Lebensgenuß, solange du lebst.

v. Keith An dem, was ich dir hier sage, ändert nur mein Tod etwas. Und der Tod traut sich aus Furcht, er könnte sich blamieren, nicht an mich heran. Wenn ich sterbe, ohne gelebt zu haben, dann werde ich als Geist umgehen.

Molly Du leidest eben einfach an Größenwahn.

v. Keith Ich kenne aber noch meine Verantwortung! Du bist als fünfzehnjähriges unzurechnungsfähiges Kind, von der Schulbank weg, mit mir nach Amerika durchgebrannt. Wenn wir uns heute trennen und du bleibst dir selbst überlassen, dann nimmt es das denkbar schlimmste Ende mit dir.

Molly fällt ihm um den Hals Dann komm doch nach Bückeburg! Meine Eltern haben ihre Molly seit drei Jahren nicht gesehen. In ihrer Freude werfen sie dir ihr halbes Vermögen an den Kopf. Und wie könnten wir zwei zusammen leben!

v. Keith In Bückeburg?

Molly Alle Not hätte ein Ende!

v. Keith sich losmachend Lieber suche ich Zigarrenstummel in den Cafés zusammen.

Sascha kommt mit dem Bild zurück Der Herr Tannhäuser sagt, er kann das Bild nicht ins Fenster stellen. Der Herr Tannhäuser haben selbst noch ein Dutzend Bilder von dem Herrn Saranieff.

Molly Das wußte ich ja im voraus!

v. Keith Dafür bist du ja bei mir! – Geht zum Schreibtisch und zerreißt das Schreibpapier Dann brauche ich doch wenigstens den Zeitungsartikel nicht mehr darüber zu schreiben!

Sascha geht, nachdem er das Bild auf den Tisch gelegt, ins Wartezimmer.

Molly Diese Saranieffs, siehst du, und diese Zamrjakis, das sind Menschen von einem ganz anderen Schlag als wir. Die wissen, wie man den Leuten die Taschen umkehrt. Wir beide sind eben nun einmal zu einfältig für die große Welt!

v. Keith Dein Reich ist noch nicht gekommen. Laß mich allein. – Bückeburg muß sich noch gedulden.

Molly da es auf dem Korridor läutet, klatscht schadenfroh in die Hände Der Herr Gerichtsvollzieher!

Sie eilt, um zu öffnen.

v. Keith sieht nach der Uhr Was läßt sich dem Glück noch opfern...?

Molly geleitet Ernst Scholz herein Der Herr will mir seinen Namen nicht nennen.

Ernst Scholz ist eine schmächtige, äußerst aristokratische Erscheinung von etwa siebenundzwanzig Jahren; schwarzes Lockenhaar, spitzgeschnittener Vollbart, unter starken langgezogenen Brauen große wasserblaue Augen, in denen der Ausdruck der Hilflosigkeit liegt.

v. Keith Gaston! – Wo kommst du her?

Scholz Dein Willkomm ist mir eine gute Vorbedeutung. Ich bin so verändert, daß ich voraussetzte, du werdest mich überhaupt kaum wiedererkennen.

Molly will das Frühstücksgeschirr mit hinausnehmen, fürchtet aber, nach einem Blick auf Scholz, dadurch zu stören und geht ohne das Geschirr ins Wohnzimmer ab.

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