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Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Erster Aufzug

Ein Arbeitszimmer, dessen Wände mit Bildern behängt sind. In der Hinterwand befindet sich rechtsRechts und links immer vom Schauspieler aus. die Tür zum Vorplatz und links die Tür zu einem Wartezimmer. In der rechten Seitenwand vorn führt eine Tür ins Wohnzimmer. An der linken Seitenwand vorn steht der Schreibtisch, auf dem aufgerollte Pläne liegen; neben dem Schreibtisch an der Wand ein Telephon. Rechts vorn ein Diwan, davor ein kleinerer Tisch; in der Mitte, etwas nach hinten, ein größerer Tisch. Büchergestelle mit Büchern; Musikinstrumente, Aktenbündel und Noten.

Der Marquis von Keith sitzt am Schreibtisch, in einen der Pläne vertieft. Er ist ein Mann von ca. 27 Jahren: mittelgroß, schlank und knochig, hätte er eine musterhafte Figur, wenn er nicht auf dem linken Beine hinkte. Seine markigen Gesichtszüge sind nervös und haben zugleich etwas Hartes; stechende graue Augen, kleiner blonder Schnurrbart, das widerborstige, kurze, strohblonde Haar sorgfältig in der Mitte gescheitelt. Er ist in ausgesuchte gesellschaftliche Eleganz gekleidet, aber nicht geckenhaft. Er hat die groben roten Hände eines Clown.

Molly Griesinger kommt aus dem Wohnzimmer und setzt ein gedecktes Tablett auf das Tischchen vor dem Diwan. Sie ist ein unscheinbares brünettes Wesen, etwas scheu und verhetzt, in unscheinbarer häuslicher Kleidung, hat aber große, schwarze, seelenvolle Augen.

Molly So, mein Schatz, hier hast du Tee und Kaviar und kalten Aufschnitt. Du bist ja heute schon um neun Uhr aufgestanden.

v. Keith ohne sich zu rühren Ich danke dir, mein liebes Kind.

Molly Du mußt gewaltig hungrig sein. Hast du denn jetzt Nachricht darüber, ob der Feenpalast auch zustande kommt?

v. Keith Du siehst, ich bin mitten in der Arbeit.

Molly Das bist du ja immer, wenn ich komme. Dann muß ich alles, was dich und deine Unternehmungen betrifft, von deinen Freundinnen erfahren.

v. Keith sich im Sessel umwendend Ich kannte eine Frau, die sich beide Ohren zuhielt, wenn ich von Plänen sprach. Sie sagte: Komm und erzähl mir, wenn du etwas getan hast!

Molly Das ist ja mein Elend, daß du schon alle Arten von Frauen gekannt hast. Da es klingelt Du barmherziger Gott, wer das wieder sein mag! Sie geht auf den Vorplatz hinaus, um zu öffnen.

v. Keith für sich Das Unglückswurm!

Molly kommt mit einer Karte zurück Ein junger Herr, der dich sprechen möchte. Ich sagte, du seist mitten in der Arbeit.

v. Keith nachdem er die Karte gelesen Der kommt mir wie gerufen!

Molly läßt Hermann Casimir eintreten und geht ins Wohnzimmer ab.

Hermann Casimir ein fünfzehnjähriger Gymnasiast in sehr elegantem Radfahrkostüm Guten Morgen, Herr Baron.

v. Keith Was bringen Sie mir?

Hermann Es ist wohl am besten, wenn ich mit der Tür ins Haus falle. Ich war gestern abend mit Saranieff und Zamrjaki im Café Luitpold zusammen. Ich erzählte, daß ich durchaus hundert Mark nötig hätte. Darauf meinte Saranieff, ich möchte mich an Sie wenden.

v. Keith Ganz München hält mich für einen amerikanischen Eisenbahnkönig!

Hermann Zamrjaki sagte, Sie hätten immer Geld.

v. Keith Zamrjaki unterstützte ich, weil er das größte musikalische Genie ist, das seit Richard Wagner lebt. Aber diese Straßenräuber sind doch wohl kein schicklicher Umgang für Sie!

Hermann Ich finde diese Straßenräuber interessant. Ich kenne die Herren von einer Versammlung der Anarchisten her.

v. Keith Ihrem Vater muß es eine erfreuliche Überraschung sein, daß Sie Ihren Lebensweg damit beginnen, sich in revolutionären Versammlungen herumzutreiben.

Hermann Warum läßt mich mein Vater nicht von München fort!

v. Keith Weil Sie für die große Welt noch zu jung sind!

Hermann Ich finde aber, daß man in meinem Alter unendlich mehr lernen kann, wenn man wirklich etwas erlebt, als wenn man bis zur Großjährigkeit auf der Schulbank herumrutscht.

v. Keith Durch das wirkliche Erleben verlieren Sie nur die Fähigkeiten, die Sie in Ihrem Fleisch und Blut mit auf die Welt gebracht haben. Das gilt ganz speziell von Ihnen, dem Sohn und einstigen Erben unseres größten deutschen Finanzgenies. – Was sagt denn Ihr Vater über mich?

Hermann Mein Vater spricht überhaupt nicht mit mir.

v. Keith Aber mit andern spricht er.

Hermann Möglich! Ich bin die wenigste Zeit zu Hause.

v. Keith Daran tun Sie unrecht. Ich habe die finanziellen Operationen Ihres Vaters von Amerika aus verfolgt. Ihr Vater hält es nur für gänzlich ausgeschlossen, daß irgend jemand anders auch noch so klug ist wie er. Deshalb weigert er sich auch bis jetzt noch so starrköpfig, meinem Unternehmen beizutreten.

Hermann Ich kann es mir mit dem besten Willen nicht denken, wie ich einmal an einem Leben, wie es mein Vater führt, Gefallen finden könnte.

v. Keith Ihrem Vater fehlt einfach die Fähigkeit, Sie für seinen Beruf zu interessieren.

Hermann Es handelt sich in dieser Welt aber doch nicht darum, daß man lebt, sondern es handelt sich doch wohl darum, daß man das Leben und die Welt kennenlernt.

v. Keith Der Vorsatz, die Welt kennenzulernen, führt Sie dazu, hinterm Zaun zu verenden. Prägen Sie sich vor allen Dingen die allergrößte Hochschätzung für die Verhältnisse ein, in denen Sie geboren sind! Das schützt Sie davor, sich so leichten Herzens zu erniedrigen.

Hermann Durch meinen Pumpversuch, meinen Sie? Es gibt doch wohl aber höhere Güter als Reichtum!

v. Keith Das ist Schulweisheit. Diese Güter heißen nur deshalb höhere, weil sie aus dem Besitz hervorwachsen und nur durch den Besitz ermöglicht werden. Ihnen steht es ja frei, nachdem Ihr Vater ein Vermögen gemacht hat, sich einer künstlerischen oder wissenschaftlichen Lebensaufgabe zu widmen. Wenn Sie sich dabei aber über das erste Weltprinzip hinwegsetzen, dann jagen Sie Ihr Erbe Hochstaplern in den Rachen.

Hermann Wenn Jesus Christus nach diesem Weltprinzip hätte handeln wollen...!

v. Keith Vergessen Sie bitte nicht, daß das Christentum zwei Drittel der Menschheit aus der Sklaverei befreit hat! Es gibt keine Ideen, seien sie sozialer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art, die irgend etwas anderes als Hab und Gut zum Gegenstand hätten. Die Anarchisten sind deshalb ihre geschworenen Feinde. Und glauben Sie ja nicht, daß sich die Welt hierin jemals ändert. Der Mensch wird abgerichtet, oder er wird hingerichtet. Hat sich an den Schreibtisch gesetzt Ich will Ihnen die hundert Mark geben. Zeigen Sie sich doch auch mal bei mir, wenn Sie gerade kein Geld nötig haben. Wie lange ist es jetzt her, daß ihre Mutter starb?

Hermann Drei Jahre werden es im Frühling.

v. Keith gibt ihm ein verschlossenes Billet Sie müssen damit zur Gräfin Werdenfels gehen, Brienner Straße Nr. 23. Sagen Sie einen schönen Gruß von mir. Ich habe heute zufällig nichts in der Tasche.

Hermann Ich danke Ihnen, Herr Baron.

v. Keith geleitet ihn hinaus; indem er die Tür hinter ihm schließt Bitte, war mir sehr angenehm. – Darauf kehrt er zum Schreibtisch zurück; in den Plänen kramend Sein Alter traktiert mich wie ein Hundefänger. – – Ich muß möglichst bald ein Konzert veranstalten. – Dann zwingt ihn die öffentliche Meinung, sich meinem Unternehmen anzuschließen. Im schlimmsten Fall muß es auch ohne ihn gehen. – – Da es klopft Herein!

Anna verwitwete Gräfin Werdenfels tritt ein. Sie ist eine üppige Schönheit von 30 Jahren. Weiße Haut, Stumpfnase, helle Augen, kastanienbraunes, üppiges Haar.

v. Keith geht ihr entgegen Da bist du, meine Königin! – Ich schickte eben den jungen Casimir mit einem kleinen Anliegen zu dir.

Anna Das war der junge Herr Casimir?

v. Keith nachdem er ihr flüchtig die dargereichten Lippen geküßt Er kommt schon wieder, wenn er dich nicht zu Hause trifft.

Anna Der sieht seinem Vater aber gar nicht ähnlich.

v. Keith Lassen wir den Vater Vater sein. Ich habe mich jetzt an Leute gewandt, von deren gesellschaftlichem Ehrgeiz ich mir eine flammende Begeisterung für mein Unternehmen verspreche.

Anna Aber vom alten Casimir heißt es allgemein, daß er junge Schauspielerinnen und Sängerinnen unterstützt.

v. Keith Anna mit den Blicken verschlingend Anna, sobald ich dich vor mir sehe, bin ich ein anderer Mensch, als wärst du meines Glückes lebendiges Unterpfand. – Aber willst du nicht frühstücken? Hier ist Tee und Kaviar und kalter Aufschnitt.

Anna nimmt auf dem Diwan Platz und frühstückt Ich habe um elf Uhr Stunde. Ich komme nur auf einen Moment. – Die Bianchi sagt mir, ich könne in einem Jahr die erste Wagnersängerin Deutschlands sein.

v. Keith zündet sich eine Zigarette an Vielleicht bist du auch in einem Jahr schon soweit, daß sich die ersten Wagnersängerinnen um deine Protektion bemühen.

Anna Mir soll's recht sein. Mit meinem beschränkten weiblichen Verstande sehe ich allerdings nicht ein, auf welche Weise es mit mir gleich so hoch hinaus soll.

v. Keith Das kann ich dir im voraus auch nicht erklären. Ich lasse mich einfach willenlos treiben, bis ich an ein Gestade gelange, auf dem ich mich heimisch genug fühle, um mir zu sagen: Hier laßt uns Hütten bauen!

Anna Dabei hast du in mir jedenfalls den treuesten Spießgesellen. Ich habe seit einiger Zeit vor lauter Lebenslust manchmal Selbstmordgedanken.

v. Keith Der eine raubt es sich, und der andere bekommt es geschenkt. Als ich in die Welt hinauskam, war mein kühnstes Hoffen, irgendwo in Oberschlesien als Dorfschulmeister zu sterben.

Anna Du hättest dir damals wohl schwerlich träumen lassen, daß dir München einmal zu Füßen liegen werde.

v. Keith München war mir aus der Geographiestunde bekannt. Wenn ich mich deshalb heute auch nicht gerade eines makellosen Rufes erfreue, so darf man nicht vergessen, aus welchen Tiefen ich heraufkomme.

Anna Ich bete jeden Abend inbrünstig zu Gott, daß er etwas von deiner bewundernswürdigen Energie auf mich übertragen möge.

v. Keith Unsinn, ich habe gar keine Energie.

Anna Dir ist es aber doch einfach Lebensbedürfnis, mit dem Kopf durch die Wände zu rennen.

v. Keith Meine Begabung beschränkt sich auf die leidige Tatsache, daß ich in bürgerlicher Atmosphäre nicht atmen kann. Mag ich deshalb auch erreichen, was ich will, ich werde mir nie das Geringste darauf einbilden. Andere Menschen werden in ein bestimmtes Niveau hineingepflanzt, auf dem sie ihr Leben lang fortvegetieren, ohne mit der Welt in Konflikt zu geraten.

Anna Du bist dagegen als abgeschlossene Persönlichkeit vom Himmel gefallen.

v. Keith Ich bin Bastard. Mein Vater war ein geistig sehr hochstehender Mensch, besonders was Mathematik und so exakte Dinge betrifft, und meine Mutter war Zigeunerin.

Anna Wenn ich nur wenigstens deine Geschicklichkeit hätte, den Menschen ihre Geheimnisse vom Gesicht abzulesen! Dann wollte ich ihnen mit der Fußspitze die Nase in die Erde drücken.

v. Keith Solche Fertigkeiten erwecken mehr Mißtrauen, als sie einem nützen. Deshalb hegt auch die bürgerliche Gesellschaft, seit ich auf dieser Welt bin, ein geheimes Grauen vor mir. Aber diese bürgerliche Gesellschaft macht, ohne es zu wollen, mein Glück durch ihre Zurückhaltung. Je höher ich gelange, desto vertrauensvoller kommt man mir entgegen. Ich warte auch tatsächlich nur noch auf diejenige Region, in der die Kreuzung von Philosoph und Pferdedieb ihrem vollen Wert entsprechend gewürdigt wird.

Anna Man hört wirklich in der ganzen Stadt von nichts mehr sprechen als von deinem Feenpalast.

v. Keith Der Feenpalast dient mir nur als Sammelplatz meiner Kräfte. Dazu kenne ich mich viel zu gut, um etwa von mir vorauszusetzen, daß ich nun zeit meines Lebens Kassenrapporte revidieren werde.

Anna Was soll denn dann aber aus mir werden? Glaubst du vielleicht, ich habe Lust, bis in alle Ewigkeit Gesangsunterricht zu nehmen? Du sagtest gestern noch, daß der Feenpalast speziell für mich gebaut werde.

v. Keith Aber doch gewiß nicht, damit du bis an dein Lebensende auf den Hinterpfoten tanzt und dich von Preßbengeln kuranzen läßt. Du hast nur etwas mehr Lichtpunkte in deiner Vergangenheit nötig.

Anna Einen Stammbaum kann ich allerdings nicht aufweisen, wie die Frauen von Rosenkron und von Totleben.

v. Keith Deshalb brauchst du noch auf keine von beiden eifersüchtig zu sein.

Anna Das hoffe ich sehr! Welcher weiblichen Vorzüge wegen sollte ich denn auf irgendeine Frau eifersüchtig sein?

v. Keith Ich mußte die beiden Damen als Vermächtnis meines Vorgängers mit der Konzertagentur übernehmen. Sobald ich meine Stellung befestigt habe, mögen sie mit Rettichen hausieren oder Novellen schreiben, wenn sie leben wollen.

Anna Ich bin um die Schnürstiefel, in denen ich spazierengehe, besorgter als um deine Liebe zu mir. Weißt du auch, warum? Weil du der rücksichtsloseste Mensch bist und weil du nach nichts anderem in dieser Welt als nur nach deinem sinnlichen Vergnügen fragst! Deshalb würde ich auch, wenn du mich verläßt, wirklich nichts anderes als Mitleid mit dir empfinden können. Aber sieh dich vor, daß du nicht vorher selber verlassen wirst!

v. Keith Anna liebkosend Ich habe ein wechselvolles Leben hinter mir, aber jetzt denke ich doch ernstlich daran, mir ein Haus zu bauen; ein Haus mit möglichst hohen Gemächern, mit Park und Freitreppe. Die Bettler dürfen auch nicht fehlen, die die Auffahrt garnieren. Mit der Vergangenheit habe ich abgeschlossen und sehne mich nicht zurück. Dazu ging es zu oft um Leben und Tod. Ich möchte keinem Freunde raten, sich meine Laufbahn zum Muster zu nehmen.

Anna Du bist allerdings nicht umzubringen.

v. Keith Dieser Eigenschaft verdanke ich in der Tat auch so ziemlich alles, was ich bis jetzt erreicht habe. – Ich glaube, Anna, wenn wir beide in zwei verschiedenen Welten geboren wären, wir hätten uns dennoch finden müssen.

Anna Ich bin allerdings auch nicht umzubringen.

v. Keith Wenn uns die Vorsehung auch nicht durch unsere märchenhaften Geschmacksverwandtschaften füreinander bestimmt hätte, das eine haben wir doch jedenfalls miteinander gemein...

Anna Eine unverwüstliche Gesundheit.

v. Keith setzt sich neben sie und liebkost sie Soweit es Frauen betrifft, sind mir nämlich Klugheit, Gesundheit, Sinnlichkeit und Schönheit unzertrennliche Begriffe, aus deren jedem sich die anderen drei von selbst ergeben. Wenn dieses Erbteil sich in unsern Kindern potenziert...

Sascha ein dreizehnjähriger Laufbursche in galoniertem Jackett und Kniehosen, tritt vom Vorplatz ein und legt einen Armvoll Zeitungen auf den Mitteltisch.

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