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Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 16
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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v. Keith Gib mir die dreißigtausend Mark, dann komme ich mit!

Scholz Wenn du mich begleitest, brauchst du kein Geld mehr. Du findest ein behaglicheres Heim, als du es vielleicht jemals gekannt hast. Wir halten uns Wagen und Pferde, wir spielen Billard...

v. Keith ihn umklammernd Gib mir die dreißigtausend Mark!! Willst du, daß ich hier vor dir einen Fußfall tue? Ich kann hier vom Platz weg verhaftet werden!

Scholz Dann bist du schon so weit?! – Ihn zurückstoßend Ich gebe solche Summen keinem Wahnsinnigen!

v. Keith schreit Du bist der Wahnsinnige!

Scholz ruhig Ich bin zu Verstand gekommen.

v. Keith höhnisch – Wenn du dich in die Irrenanstalt aufnehmen lassen willst, weil du zu Verstand gekommen bist, dann geh hinein!

Scholz Du gehörst zu denen, die man mit Gewalt hineinbringen muß!

v. Keith Dann wirst du in der Irrenanstalt wohl auch deinen Adelstitel wieder aufnehmen?

Scholz Hast du nicht in zwei Weltteilen jeden erdenklichen Bankrott gemacht, der im bürgerlichen Leben überhaupt möglich ist?!

v. Keith giftig Wenn du es für deine moralische Pflicht hältst, die Welt von deiner überflüssigen Existenz zu befreien, dann findest du radikalere Mittel als Spazierenfahren und Billardspielen!

Scholz Das habe ich längst versucht.

v. Keith schreit ihn an Was tust du denn dann noch hier?!

Scholz finster Es ist mir mißlungen wie alles andere.

v. Keith Du hast natürlich aus Versehen jemand anders erschossen!

Scholz Man hat mir damals die Kugeln zwischen den Schultern, dicht neben dem Rückgrat, wieder herausgeschnitten. – Es ist heute wohl das letztemal in deinem Leben, daß sich dir eine rettende Hand bietet. Welch eine Art von Erlebnissen noch vor dir liegt, das weißt du jetzt.

v. Keith wirft sich vor ihm auf die Knie und umklammert seine Hände Gib mir die vierzigtausend Mark, dann bin ich gerettet!

Scholz Die retten dich nicht vor dem Zuchthaus!

v. Keith entsetzt emporfahrend Schweig!!

Scholz bittend Komm mit mir, dann bist du geborgen. Wir sind zusammen aufgewachsen; ich sehe nicht ein, warum wir nicht auch das Ende gemeinsam erwarten sollen. Die bürgerliche Gesellschaft urteilt dich als Verbrecher ab und unterwirft dich allen unmenschlichen mittelalterlichen Martern...

v. Keith jammernd Wenn du mir nicht helfen willst, dann geh, ich bitte dich darum!

Scholz Tränen in den Augen Wende deiner einzigen Zuflucht nicht den Rücken! Ich weiß doch, daß du dir dein jammervolles Los ebensowenig selber gewählt hast wie ich mir das meinige.

v. Keith Geh! Geh!

Scholz Komm, komm. – Du hast einen lammfrommen Gesellschafter an mir. Es wäre ein matter Lichtschimmer in meiner Lebensnacht, wenn ich meinen Jugendgespielen seinem grauenvollen Verhängnis entrissen wüßte.

v. Keith Geh! Ich bitte dich!

Scholz – – Vertrau' dich von heute ab meiner Führung an, wie ich mich dir anvertrauen wollte...

v. Keith schreit verzweifelt Sascha! Sascha!

Scholz – – – Dann vergiß nicht, wo du einen Freund hast, dem du jederzeit willkommen bist.

Ab.

v. Keith kriecht suchend umher – – Molly! Molly! Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich vor einem Weib auf den Knien wimmere! – – Plötzlich nach dem Wohnzimmer aufhorchend Da...! Da...! Nachdem er die Wohnzimmertür geöffnet... Ach, das sind Sie?

Hermann Casimir tritt aus dem Wohnzimmer.

v. Keith Ich kann Sie nicht bitten, länger hierzubleiben. Mir ist – nicht ganz wohl. Ich muß erst – eine Nacht – darüber schlafen, um der Situation wieder Herr zu sein. – Reisen Sie mit... mit...

Schwere Schritte und viele Stimmen tönen vom Treppenhaus herauf.

v. Keith Hören Sie Der Lärm! Das Getöse! – Das bedeutet nichts Gutes

Hermann Verschließen Sie doch die Tür.

v. Keith Ich kann es nicht! – Ich kann es nicht! – Das ist sie...!

Eine Anzahl Hofbräuhausgäste schleppen Mollys entseelten Körper herein. Sie trieft von Wasser, die Kleider hängen in Fetzen. Das aufgelöste Haar bedeckt ihr Gesicht.

Ein Metzgerknecht Da hammer den Stritzi! – Zurücksprechend Hammer's? – Eini! Zu v. Keith Schau her, was mer g'fischt hamm! Schau her, was mer der bringen! Schau her, wann d'a Schneid hast!

Ein Packträger Aus'm Stadtbach hammer's zogen! Unter die eisernen Gitterstangen vor! An die acht Täg' mag's drin g'legen sein im Wasser!

Ein Bäckerweib Und da derweil treibt sich der Lump, der dreckichte, mit seine ausg'schamte Menscher umanand! Sechs Wuchen lang hat er's Brot net zahlt! Das arme Weib laßt er bei alle Krämersleut' betteln gehn, as was z' essen kriagt! A Stoan hat's derbarmt, as wia die auf d' Letzt ausg'schaut hat!

v. Keith retiriert sich, während ihn die Menge mit der Leiche umdrängt, nach seinem Schreibtisch Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch nur!

Der Metzgerknecht Halt dei Fressen, du Hochstapler, du! Sunst kriagst vo mir a Watschen ins G'sicht, as nimma stehn kannst! – Schau da her! – Is sie's oder is sie's net?! – Schau her, sag i!

v. Keith hat hinter sich auf dem Schreibtisch Hermanns Revolver erfaßt, den die Gräfin Werdenfels früher dort hatte liegenlassen Rühren Sie mich nicht an, wenn Sie nicht wollen, daß ich von der Waffe Gebrauch mache!

Der Metzgerknecht Was sagt der Knickebein?! – Was sagt er?! – Gibst den Revolver her?! Hast net gnua an dera da, du Hund?! – Gibst ihn her, sag' i...

Der Metzgerknecht ringt mit v. Keith, dem es gelingt, sich dem Ausgang zu nähern, durch den eben der Konsul Casimir eintritt. Hermann Casimir hat sich derweil an die Leiche gedrängt; er und das Bäckerweib tragen die Leiche auf den Diwan.

v. Keith sich wie ein Verzweifelter wehrend, ruft Polizei! Polizei! Bemerkt Casimir und klammert sich an ihn an Retten Sie mich, um Gottes willen! Ich werde gelyncht!

Der Konsul Casimir zu den Leuten Jetzt schaut's aber, daß weiter kummt, sunst lernt's mi anders kenna! – Laßt's die Frau auf dem Diwan! – Marsch, sag' i! – da hat der Zimmermann 's Loch g'macht! Seinen Sohn, der sich mit der Menge entfernen will, am Arm nach vorn ziehend Halt, Freunderl! Du nimmst auf deine Londoner Reise noch eine schöne Lehre mit!

Die Hofbräuhausleute haben das Zimmer verlassen.

Casimir zu v. Keith Ich wollte Sie auffordern, München binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen; jetzt glaube ich aber, es ist wirklich am besten für Sie, wenn Sie mit dem nächsten Zug reisen.

v. Keith immer noch den Revolver in der Linken haltend Ich – ich habe dieses Unglück – nicht zu verantworten...

Casimir Das machen Sie mit sich selbst ab! Aber Sie haben die Fälschung meiner Namensunterschrift zu verantworten, die Sie an Ihrem Gründungsfest in der Brienner Straße in einem Glückwunschtelegramm vorgenommen haben.

v. Keith Ich kann nicht reisen...

Casimir gibt ihm ein Papier Wollen Sie diese Quittung unterzeichnen. Sie bescheinigen darin, eine Summe von zehntausend Mark, die Ihnen die Frau Gräfin Werdenfels schuldete, durch mich zurückerhalten zu haben.

v. Keith geht zum Schreibtisch und unterzeichnet.

Casimir das Geld aus seiner Brieftasche abzählend Als Ihr Nachfolger in der Direktion der Feenpalastgesellschaft möchte ich Sie im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung unseres Unternehmens darum ersuchen, sich so bald nicht wieder in München blicken zu lassen!

v. Keith am Schreibtisch stehend, gibt Casimir den Schein und nimmt mechanisch das Geld in Empfang.

Casimir den Schein einsteckend Vergnügte Reise! – Zu Hermann Marsch mit dir!

Hermann drückt sich scheu hinaus. Casimir folgt ihm.

v. Keith in der Linken den Revolver, in der Rechten das Geld, tut einige Schritte nach dem Diwan, bebt aber entsetzt zurück. Darauf betrachtet er unschlüssig abwechselnd den Revolver und das Geld. – Indem er den Revolver grinsend hinter sich auf den Mitteltisch legt Das Leben ist eine Rutschbahn...

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