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Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 14
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Fünfter Aufzug

Im Arbeitszimmer des Marquis v. Keith stehen sämtliche Türen angelweit offen. Wahrend sich Hermann Casimir auf den Mitteltisch setzt, ruft v. Keith ins Wohnzimmer hinein.

v. Keith Sascha! Da er keine Antwort erhält, geht er nach dem Wartezimmer; zu Hermann Entschuldigen Sie. Ruft ins Wartezimmer Sascha! – Kommt nach vorn; zu Hermann Also, Sie gehen mit Einwilligung Ihres Vaters nach London. Ich kann Ihnen nach London die besten Empfehlungen mitgeben. Wirft sich auf den Diwan In erster Linie empfehle ich Ihnen, Ihre deutsche Sentimentalität zu Hause zu lassen. Mit Sozialdemokratie und Anarchismus macht man in London keinen Effekt mehr. Lassen Sie sich noch eines sagen. Das einzig richtige Mittel, seine Mitmenschen auszunutzen, besteht darin, daß man sie bei ihren guten Seiten nimmt. Darin liegt die Kunst, geliebt zu werden, die Kunst, redet zu behalten. Je ergiebiger Sie Ihre Mitmenschen übervorteilen, um so gewissenhafter müssen Sie darauf achten, daß Sie das Recht auf Ihrer Seite haben. Suchen Sie Ihren Nutzen niemals im Nachteil eines tüchtigen Menschen, sondern immer nur im Nachteil von Schurken und Dummköpfen. Und nun übermittle ich Ihnen den Stein der Weisen; das glänzendste Geschäft in dieser Welt ist die Moral. Ich bin noch nicht soweit, das Geschäft zu machen, aber ich müßte nicht der Marquis von Keith sein, wenn ich es mir entgehen ließe. Es läutet auf dem Korridor.

v. Keith ruft Sascha! – Sich erhebend Der Bengel kriegt Ohrfeigen.

Er geht auf den Vorplatz und kommt mit dem Kommerzienrat Ostermeier zurück.

v. Keith Sie könnten unmöglich gelegener kommen, mein bester Herr Ostermeier...

Ostermeier Meine Kollegen im Aufsichtsrat, verehrter Freund, beauftragen mich...

v. Keith Ich habe einen Plan mit Ihnen zu besprechen, der unsere Einnahmen verhundertfacht.

Ostermeier Wünschen Sie eine von mir in der Generalversammlung abgegebene Erklärung, daß es mir heute wieder nicht gelungen ist, Ihre Geschäftsbücher zur Einsichtnahme zu erhalten?

v. Keith Sie phantasieren, lieber Herr Ostermeier! – Wollen Sie mir nicht ruhig und sachlich auseinandersetzen, um was es sich handelt?

Ostermeier Um Ihre Geschäftsbücher, verehrter Freund.

v. Keith aufbrausend Ich rackre mich für diese triefäugigen Dickschädel ab...

Ostermeier Hat er also doch recht! Sich zum Gehen wendend Gehorsamer Diener!

v. Keith reißt die Schreibtisch-Schubladen auf Hier, bitte, schwelgen Sie in Geschäftsbüchern! Sich nach Ostermeier umwendend Wer hat also doch recht?

Ostermeier Ein gewisser Herr Raspe, Kriminalkommissär, der gestern abend in der »American Bar« fünf Flaschen Pommery darauf gewettet hat, daß Sie keine Geschäftsbücher führen.

v. Keith sich in die Brust werfend Ich führe auch keine Geschäftsbücher.

Ostermeier Dann zeigen Sie Ihr Kopierbuch.

v. Keith Wo hätte ich seit der Gründung der Gesellschaft die nötige Zeit hernehmen sollen, um ein Büro einzurichten!

Ostermeier Dann zeigen Sie mir Ihr Kopierbuch.

v. Keith sich in die Brust werfend Ich habe kein Kopierbuch.

Ostermeier Dann zeigen Sie den Depositenschein, den Ihnen die Bank ausgestellt hat.

v. Keith Habe ich Ihre Einzahlungen erhalten, um sie auf Zinsen zu legen?!

Ostermeier Regen Sie sich nicht auf, verehrter Freund. Wenn Sie keine Bücher besitzen, dann notieren Sie sich Ihre Ausgaben doch irgendwo. Das tut doch jeder Laufbursche.

v. Keith wirft sein Notizbuch auf den Tisch Da haben Sie mein Notizbuch.

Ostermeier schlägt es auf und liest »Eine Silberflut von hellvioletter Seide und Pailletten von den Schultern bis auf die Knöchel –« Das ist der ganze Mensch!

v. Keith Wenn Sie mir jetzt, nachdem ich Erfolg auf Erfolg erzielt habe, Knüppel in den Weg werfen, dann können Sie mit aller Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie von Ihrem Gelde weder in dieser noch in jener Welt etwas wiedersehen!

Ostermeier So schlecht stehen die Feenpalastaktien nicht, verehrter Freund. Wir sehen unser Geld schon wieder. – Gehorsamer Diener! Will geben.

v. Keith ihn aufhaltend Sie untergraben das Unternehmen durch Ihre Wühlereien! Verzeihen Sie, verehrter Herr; ich rege mich auf, weil ich mit dem Feenpalast empfinde wie ein Vater mit seinem Kind.

Ostermeier Dann machen Sie sich Ihres Kindes wegen nur gar keine Sorgen mehr. Der Feenpalast ist gesichert und wird gebaut.

v. Keith Ohne mich?

Ostermeier Wann's sein muß, ohne Sie, verehrter Freund!

v. Keith Das können Sie nicht!

Ostermeier Sie sind jedenfalls der letzte, der uns daran hindern wird!

v. Keith Das wäre ein infamer Schurkenstreich!

Ostermeier Das wär' noch schöner! Weil wir uns von Ihnen nicht länger betrügen lassen wollen, schimpfen Sie uns Betrüger!

v. Keith Wenn Sie sich betrogen glauben, dann verklagen Sie mich doch auf Auszahlung Ihres Geldes!

Ostermeier Sehr schön, verehrter Freund, wenn wir nicht dem Aufsichtsrat angehörten!

v. Keith Was Sie sich einbilden! Sie sitzen im Aufsichtsrat, um mich bei meiner Arbeit zu unterstützen.

Ostermeier Dafür komme ich auch zu Ihnen; aber bei Ihnen gibt's eben nichts zu arbeiten.

v. Keith Mein lieber Herr Ostermeier, Sie können mir als Mann von Ehre nicht zumuten, eine solche Niederträchtigkeit über mich ergehen zu lassen. Übernehmen Sie doch den geschäftlichen Teil; lassen Sie mich artistischer Leiter des Unternehmens sein. Ich gebe Inkorrektheiten in meiner Geschäftsführung zu, die ich mir aber nur in dem Bewußtsein verzieh, daß es zum allerletztenmal geschieht und daß ich mir nach Konsolidierung meiner Verhältnisse nicht das geringste mehr zuschulden kommen lassen würde.

Ostermeier Darüber hätten wir gestern, als ich mit den anderen Herren hier war, ein Wort reden können; aber da haben Sie uns ein Loch in den Bauch geschwatzt. Ich würde Ihnen auch heute noch sagen: Versuchen wir's noch einmal – wann Sie sich uns wenigstens als einen aufrichtigen Menschen gezeigt hätten. Hört man aber immer und immer wieder nur Unwahrheiten, dann...

v. Keith sich in die Brust werfend Dann sagen Sie den Herren: Ich baue den Feenpalast, so gewiß, wie die Idee dazu aus meinem Hirn entsprungen ist. Bauen Sie ihn aber – sagen Sie das Ihren Herren! –, dann sprenge ich den Feenpalast samt Aufsichtstat und Aktionärversammlung – in die Luft!

Ostermeier Werde ich pünktlich ausrichten, Herr Nachbar! Wissen Sie, ich möcht' beileibe niemanden vor den Kopf stoßen, geschweige denn vor den... Gehorsamer Diener! Ab.

v. Keith ihm nachstarrend ... Hintern! Ich spüre so was. – Zu Hermann Lassen Sie mich jetzt nicht allein, sonst schrumpfe ich so zusammen, daß mich die Angst anpackt, es könnte nichts mehr von mir übrigbleiben. – – – Sollte das möglich sein? – – Mit Tränen in den Augen Nach so viel Feuerwerk! – – Ich soll wieder wie ein Geächteter von Land zu Land gepeitscht werden?! – – Nein! Nein! – Ich darf mich nicht an die Wand drücken lassen!! – Es ist das letztemal in diesem Leben, daß die Welt mit all ihrer Herrlichkeit vor mir liegt! Sich hoch aufrichtend Nein! – Ich wackle nicht nur noch nicht, ich werde ganz München durch meinen Sprung in Erstaunen setzen: Er schüttelt noch, da fall' ich schon, unter Pauken und Trompeten, ihm direkt auf den Kopf, daß alles rings auseinanderstiebt, und schlage alles kurz und klein. Dann wird sich's zeigen, wer zuerst wieder auf die Beine kommt!

Die Gräfin Werdenfels tritt ein.

v. Keith ihr entgegeneilend Meine Königin...

Anna zu Hermann Würden Sie uns einen Moment allein lassen.

v. Keith läßt Hermann ins Wohnzimmer eintreten.

v. Keith die Tür hinter ihm schließend Du siehst so unternehmend aus?

Anna Das ist schon möglich. Ich erhalte seit unserem Feenpalastkonzert Tag für Tag ein halbes Dutzend Heiratsanträge.

v. Keith Das ist mir verdammt gleichgültig!

Anna Aber mir nicht.

v. Keith höhnisch Hast du dich denn in ihn verliebt?

Anna Von wem sprichst du denn?

v. Keith Von dem Genußmenschen!

Anna Du machst dich über mich lustig!

v. Keith Von wem sprichst du denn?!

Anna nach dem Wohnzimmer deutend Von seinem Vater.

v. Keith Und darüber willst du dich mit mir unterhalten?

Anna Nein, ich wollte dich nur fragen, ob du jetzt endlich ein Lebenszeichen von Molly hast.

v. Keith Nein, aber was ist mit Casimir?

Anna Was ist mit Molly?? – – Du hältst ihr Verschwinden geheim?

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