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Der Marquis von Keith

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith - Kapitel 13
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Marquis von Keith
authorFrank Wedekind
year1992
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07590-4
titleDer Marquis von Keith
pages3-91
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Sascha kommt mit einem Telegramm.

Sascha I hab' net g'wußt, darf i oder darf i net, weil der Herr Baron g'sagt haben, i soll in G'sellschaft koan Telegramm nicht überbringen.

v. Keith erbricht das Telegramm, ballt es zusammen und wirft es weg. Verdammt noch mal! – Meinen Paletot!

Anna Von Molly?

v. Keith Nein! – Wenn nur um Gottes willen keine Seele davon erfährt!

Anna Ist sie denn nicht bei ihren Eltern in Bückeburg?

v. Keith während ihm Sascha in den Paletot hilft Nein!

Anna Du sagtest doch eben noch...

v. Keith Ist denn das meine Schuld, daß sie nicht in Bückeburg ist?! – Eben setzt man den Fuß auf den grünen Zweig, da hat man den Hals in der Schlinge! – v. Keith und Sascha ab.

Simba hebt das Telegramm auf und gibt es Anna Der Herr Marquis haben das Telegramm vergessen.

Anna Wissen Sie, woher der Sascha stammt?

Simba Der Sascha stammt aus der Au. Sei' Mutter ist Hausmeisterin.

Anna Dann kann er aber doch nicht Sascha heißen?

Simba Ursprünglich heißt er Sepperl, aber der Herr Marquis haben ihn Sascha 'tauft.

Anna Bringen Sie mir meinen Hut.

Es läutet auf dem Korridor.

Simba Sofort, gnädige Frau. Geht, um zu öffnen.

Anna liest das Telegramm »... Molly nicht bei uns. Bitte umgehend Drahtnachricht, ob Sie Lebenszeichen von Molly haben. In entsetzlicher Angst...«

Simba kommt zurück.

Simba Der Herr Baron haben seine Handschuh vergessen.

Anna Welcher Baron denn?

Simba Ich moan halt den Genußmenschen.

Anna hastig suchend Maria und Joseph, wo sind denn die Handschuhe...!

Ernst Scholz tritt ein.

Scholz Erlauben Sie mir noch zwei Worte, gnädige Frau.

Anna Ich bin eben im Begriff, auszugehen. Zu Simba Meinen Hut, aber rasch! Simba ab.

Scholz Die Gegenwart meines Freundes hinderte mich daran, mich rückhaltlos auszusprechen...

Anna Vielleicht warten Sie damit doch auch lieber auf eine passendere Gelegenheit.

Scholz Ich hoffte noch einige Tage auf Ihren Bescheid warten zu können. Meine Empfindungen, Frau Gräfin, tun mir einfach Gewalt an! Damit Sie nicht im Zweifel darüber sind, daß ich mit meinen Anerbietungen nur Ihr Glück erstrebe, erlauben Sie mir, Ihnen zu gestehen, daß ich Sie in – in ganz unsagbarer Weise liebe.

Anna Nun? Und was wären Ihre Anerbietungen?

Scholz Bis Sie als Künstlerin die Früchte einer unbestrittenen Anerkennung ernten, wird sich Ihnen noch manches Hindernis in den Weg stellen...

Anna Das weiß ich, aber ich singe voraussichtlich nicht mehr.

Scholz Sie wollen nicht mehr singen? Wie mancher unglückliche Künstler gäbe sein halbes Leben darum, wenn er Ihre Begabung damit erkaufen könnte!

Anna Sonst haben Sie mir nichts mitzuteilen?

Scholz Ich habe Sie wieder, ohne zu ahnen, gekränkt. Sie hatten natürlich erwartet, ich werde Ihnen meine Hand antragen...

Anna Wollten Sie denn das nicht?

Scholz Ich wollte Sie fragen, ob Sie meine Geliebte werden wollen. – Ich kann Sie als Gattin nicht höher verehren, als ich meine Geliebte in Ihnen ehren würde. Von jetzt ab spricht er mit den rücksichtslosen, ausfallenden Gebärden eines Verrückten. Sei es der Gattin, sei es der Geliebten, ich biete Ihnen mein Leben, ich biete Ihnen alles, was ich besitze. Sie wissen, daß ich mich nur mit der größten Selbstüberwindung in die sittlichen Anschauungen fand, die hier in München maßgebend sind. Wenn mein Lebensglück an dem Siege zerschellen sollte, den ich nur über mich errungen habe, um an dem Lebensglück meiner Mitmenschen teilnehmen zu können, das wäre ein himmelschreiendes Narrenspiel!

Anna Ich glaubte, Ihnen wäre es nur darum zu tun, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden!

Scholz Ich träumte von Weltbeglückung, wie der Gefangene hinter Kerkergittern von Gletscherfirnen träumt! Jetzt erhoffe ich nur eines noch, daß ich die Frau, die ich in so ganz unsagbarer Weise liebe, so glücklich machen kann, daß sie ihre Wahl nie bereut.

Anna Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie mir gleichgültig sind.

Scholz Ich Ihnen gleichgültig?! Ich erhielt noch von keiner Frau mehr Beweise von Zuneigung als von Ihnen!

Anna Das ist nicht meine Schuld. Ihr Freund hatte Sie mir als einen Philosophen geschildert, der sich um die Wirklichkeit überhaupt nicht kümmert.

Scholz Mir hat nur die Wirklichkeit meine Philosophie abgerungen! Ich bin keiner von denen, die ihr Leben lang über irdische Nichtigkeit schwadronieren und die der Tod, wenn sie taub und lahm sind, noch mit Fußtritten vor sich herjagen muß!

Anna Dem Marquis von Keith hilft sein Konfirmationsspruch über jedes Mißgeschick hinweg! Er hält seinen Konfirmationsspruch für eine unfehlbare Zauberformel, vor der Polizei und Gerichtsvollzieher Reißaus nehmen!

Scholz Ich erniedrige mich nicht so tief, um an Vorbedeutungen zu glauben! Hätte dieser Glücksritter recht, dann erhielt ich bei meiner Konfirmation eine ebenso unverbrüchliche Zauberformel für mein Unglück. Mir gab unser Pastor damals den Spruch: »Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.« – Aber das kümmert mich nicht! Hätte ich auch die untrüglichsten Beweise dafür, daß ich selber nicht zu den Auserwählten gehöre, das könnte mich immer nur in meinem unerschrockenen Kampf gegen mein Geschick bestärken!

Anna Verschonen Sie nur bitte mich mit Ihrem unerschrockenen Kampf!

Scholz Ich schwöre Ihnen, daß ich lieber auf meine gesunde Vernunft verzichte, als daß ich mich durch diese Vernunft davon überzeugen lasse, daß gewisse Menschen ohne jedes Verschulden von Anfang an von allem Lebensglück ausgeschlossen sind!

Anna Beklagen Sie sich darüber doch beim Marquis von Keith!

Scholz Ich beklage mich gar nicht! Je länger die harte Schule des Unglücks währt, desto gestählter wird die geistige Widerstandsfähigkeit. Es ist ein beneidenswerter Tausch, den Menschen wie ich eingehen. Meine Seele ist unverwüstlich!

Anna Dazu gratuliere ich Ihnen!

Scholz Darin liegt meine Unwiderstehlichkeit! Je weniger Sie für mich empfinden, desto größer und mächtiger wird in mir meine Liebe zu ihnen, desto näher sehe ich den Augenblick, wo Sie sagen: ich kämpfte gegen dich mit allem, was mir zu Gebote stand, aber ich liebe dich!

Anna Bewahre mich der Himmel davor!!

Scholz Davor bewahrt Sie der Himmel nicht! Wenn ein Mensch von meiner Willenskraft, die sich durch kein Mißgeschick hat brechen lassen, sein ganzes Sinnen und Trachten auf einen Vorsatz konzentriert, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: er erreicht sein Ziel, oder er verliert den Verstand.

Anna Darin scheinen Sie wirklich recht zu haben.

Scholz Darauf lasse ich es auch ankommen! Alles hängt davon ab, was widerstandsfähiger ist, Ihre Gefühllosigkeit oder mein Verstand. Ich rechne mit dem schlimmsten Ausgang und wende, ehe ich am Ziel bin, keinen Blick zurück; denn kann ich mir aus der Seligkeit, die mich in diesem Augenblick erfüllt, kein glückliches Leben gestalten, dann ist keine Hoffnung mehr für mich. Die Gelegenheit bietet sich nicht wieder!

Anna Ich danke Ihnen von Herzen dafür, daß Sie mich daran erinnern! Sie setzt sich an den Schreibtisch.

Scholz Es ist das letztemal, daß die Welt in all ihrer Herrlichkeit vor mir liegt!

Anna ein Billett schreibend Das trifft auch für mich zu! – Ruft Kathi! – Für sich Mir bietet sich die Gelegenheit auch nicht wieder.

Scholz plötzlich zu sich kommend Was argwöhnen Sie, gnädige Frau?! – Was argwöhnen Sie?? Sie täuschen sich, Frau Gräfin! – Sie hegen einen entsetzlichen Verdacht...

Anna Merken Sie denn noch immer nicht, daß Sie mich aufhalten? – Ruft Kathi!

Scholz Ich kann Sie so unmöglich verlassen! Geben Sie mir die Versicherung, daß Sie nicht an meiner geistigen Klarheit zweifeln!

Simba tritt mit Annas Hut ein.

Anna Wo bleiben Sie denn so lange?

Simba I hab mi net hereingetraut.

Scholz Simba, du weißt am besten, daß ich meiner fünf Sinne mächtig bin...

Simba ihn zurückstoßend Gehens, redens net so dumm!

Anna Lassen Sie doch mein Mädchen in Ruhe. Zu Simba Wissen Sie die Adresse des Herrn Konsul Casimir?

Scholz in plötzlicher Versteinerung – – Ich trage das Kain-Zeichen auf der Stirn...

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