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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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8.

Vier Wochen später, zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags, klingelte Gläser bei Frau Teichert und ließ sich durch Annas Nachfolgerin, die ihn nicht kannte, wie ein gewichtiger Mann bei den Damen anmelden, indem er seine Karte hineinschickte, auf der er seinen Rufnamen einfach durch ein A. abgekürzt und davor stolz Richard gesetzt hatte. »August« gefiel ihm nicht, denn es klang ihm zu gewöhnlich, namentlich wenn er an »Klothilde« dachte. »Richard A. Gläser« klang voller, mehr wie eine tönende Firma, und verwischte auch den alten Adam etwas. Er steckte in Lackstiefeln, trug Zylinder und über dem neuen Anzug einen modischen Sommerpaletot, den er keck zurückgeschlagen hatte, so daß ein Teil des glänzenden Futters zu sehen war. Die Hände umspannten rotbraune Glacés, und in der rechten hielt er einen Stock mit silbernem Knopf. Wer ihn bisher etwas schäbig gesehen hatte, mußte auf den Gedanken kommen, er habe sich soeben bei Landsberger fix und fertig einkleiden lassen und sei überdies noch in ganzer Figur auf neu geplättet worden. Er roch förmlich nach dem Laden, nach jener eigentümlichen scharfen Tuchausdünstung, die den billigen Modemagazinen entströmt. Trotzdem sah er sehr patent aus, weil ihm alles glatt saß und er sich darin mit Kommisschick zu bewegen wußte.

Die Frau Versicherungsdirektor, die kaum noch an ihn gedacht hatte, machte große Augen, begrüßte ihn aber erfreut. Und er küßte ihr galant die Hand, nickte ihr vertraut zu und trat in den Salon ungefähr mit der Miene eines Mannes, der am liebsten sagen möchte: »Schon gut, schon gut! Wir sind alte Bekannte. Ich kenne euch innen und außen.« Zwei Tage vorher hatte er geschrieben, daß er zu seinem Erstaunen jetzt erst von dem Wegzuge der »undankbaren Verwandten« gehört habe, was gegen seinen Willen geschehen sei; und nun entschuldigte er auch sein Erscheinen damit.

»Wir dachten es uns schon«, erwiderte Frau Teichert mit aufrichtiger Miene und lud ihn zum Sitzen ein. »Diese jungen Mädchen haben ihren Kopf für sich und lassen sich sehr rasch bereden. Geschieht's nicht von einer Freundin, dann doch von einem Freund.«

»So ist's, so ist's«, log er tapfer. »Wissen Sie, Frau Direktor, ich war perplex, sie hat sich an einen Bautechniker herangemacht, was sagen Sie dazu?«

Kurze Zeit nach jenem Sonntage war er zufällig Dolinsky begegnet, der ihm von seinem kurzen Zusammensein mit Anna erzählte und ihm Vorwürfe machte, dann aber verblüfft abbrach, als Gläser kurz zu ihm sagte: »Sie sind ja ein netter Herr! Beschäftigen sich mit fremden Bräuten! Ich wußte es längst.« Und brühwarm setzte er sich hin und richtete an seine verflossene Braut einen Brief, in dem er ihr noch nachträglich die unzartesten Vorwürfe machte. Nun habe er ihre Treulosigkeit festgenagelt, alle seine Ahnungen seien bestätigt worden; er wünsche nichts mehr von ihr zu hören; Briefe von ihr würden nicht mehr angenommen werden. Als sie ihm aber die überschüssigen hundert Mark zurücksandte mit dem Bemerken, daß sie nichts von ihm geschenkt haben wolle, strich er sie lachend ein.

Frau Teichert bedauerte, daß er so schlechte Erfahrungen mit seiner Schutzbefohlenen gemacht habe, und fragte ihn, ob ihm geschäftlich alles nach Wunsch geglückt sei. Und sogleich legte er los. Er trage sich jetzt mit einer Idee, deren Verwirklichung ihm Hunderttausende abwerfen werde. Sicher hoffe er damit zum reichen Manne zu werden, und wenn sie gestatte, teile er ihr nächstens etwas Näheres darüber mit. Alles das sagte er so kühn und selbstbewußt, daß sie keinen Augenblick daran zweifelte. In diesem Menschen schien wirklich etwas zu stecken, was sie an Männern in gleichem Alter noch nicht kennengelernt hatte. Sie fragte gar nicht, worum es sich handle; die Nennung dieser Summe allein genügte schon, um ihr Bewunderung einzuflößen.

Klothilde erschien, zum Ausgehen bereit, ganz in Hellblau gekleidet, das Kleid hinten nur in wenigen Falten gerafft, wodurch sie zwar der augenblicklichen Mode trotzte, aber schlanker um die Taille aussah. Ihr leuchtendes Haar war in einen so üppigen Knoten geschlungen, daß sie keines Chignons bedurfte. Diesmal brachte sie den Duft eines ganzen Veilchenfeldes herein, so daß er sich davon wie benebelt vorkam. Mit einem Ruck erhob er sich, machte einen tiefen Kopfnicker und reichte ihr plump die Hand, was sie wie einen guten Witz aufzufassen schien, denn sie zeigte spöttisch lächelnd ihre breiten Zähne unter den vollen Lippen und erwiderte seine Vertraulichkeit durch einen Zweifingerdruck. Aus dem Aufblitzen ihrer großen, grünlich schimmernden Augen sprach dabei die Frage: »Was willst du eigentlich von mir, du komischer Mensch? Du hast dich ja heute ordentlich in Wichs geworfen.«

»Gehst du zu Agnes?« fragte die Mutter.

»Nur auf ein Stündchen. Ihr Bruder, der lustige Oskar, ist gekommen. Ich bin zum Abend wieder hier.«

Gläser sah, wie sie sich jugendlich gemacht hatte und wie ihre Haut noch zart war von der Lilienmilch, mit der sie sich nach Annas Angabe immer wusch. Eifersucht erfaßte ihn bei dem Gedanken, sie könnte diesen schönen Rest ihrer Mädchenreize des »lustigen Oskars« wegen heute besonders aufgefrischt haben. Sie ließ sich auf einen der seidenüberzogenen Polsterstühle nieder, um sich den linken Handschuh zuzuknöpfen, und währenddessen verschlang sie Gläser wieder mit seinen Augen, als wollte er sie durch seinen Blick entkleiden, in Erinnerung alles dessen, was er von der früheren Zofe über ihre Heimlichkeiten gehört hatte.

Frau Teichert wollte sie rasch über den Grund von Gläsers Besuch aufklären, sie aber winkte ab und sagte ungeduldig: »Ich habe schon gehört, Mama, ich war ja nebenan. Herr Gläser scheint Pech mit seinen Schützlingen zu haben.« Langsam hob sie die kuppelrunden Lider, die ihren lüsternen Blick entschleierten, und sah ihn flüchtig an, und wieder hatte sie ihr Lächeln bereit, aus dem er nicht klug wurde. »Na, es gleicht sich hoffentlich auf einem andern Gebiete wieder aus. Was werden Sie machen, wenn Sie die ersten Hunderttausend haben?«

»Sie Ihnen zu Füßen legen, gnädiges Fräulein«, gab er mit unverschämter Keckheit zurück. Besinnungslose Gier nach ihr hatte ihn erfaßt, und so hätte er ihr am liebsten gleich in diesem Augenblick zugerufen: »Ich liebe dich, ich verzehre mich nach dir, merkst du es nicht? Deinetwegen könnte ich alles tun. Sei nicht so zimperlich, du angejahrtes Mädchen, du! Komm' in meine Arme und sei mein!«

»Sie sind wirklich sehr possierlich«, sagte sie mit einem leichten Auflachen, aber er merkte doch, wie ihr das Rot in die zarten Wangen stieg. Und sein Gedanke war: »Warte nur, du sollst schon eines Tages anders von mir denken. Bist du auch so groß wie ich, ich will dir schon Fesseln anlegen, du stolze, dreimal Verschmähte!«

Sie erhob sich. »Adieu, Mama,« Ihm nickte sie nur gnädig zu, herablassend wie einem unbedeutenden Menschen; dann ging sie mit stolz erhobenem Haupte und trug noch einmal die Luftwogen ihres Duftes an ihm vorüber.

»Wer ist dieser Herr Oskar, wenn ich fragen darf?« leitete er die Unterhaltung aufdringlich wieder ein, als er nun Frau Teichert allein gegenübersaß, mit dem roten Kopfe eines verbissenen Schülers, der soeben gehörig abgefertigt worden ist.

Sie nahm ihm diese Frage durchaus nicht übel, denn sofort, als er wieder aufgetaucht war, wußte sie, weswegen er kam. Und so antwortete sie wie eine kluge Mutter: »Oh, das hat nichts zu bedeuten. Agnes Herbst ist ihre beste Freundin, schon von der Schulzeit her. Na, und da kennt sie natürlich auch den Bruder. Ein hübscher Mensch, aber leichtsinnig und nur mit guten Aussichten. Er ist Referendar, aber a. D. Nun möchte er irgendwo Syndikus werden. Alle Augenblicke macht er Reisen und stellt sich vor; aber es paßt ihm immer nicht. Klothilde denkt gar nicht an ihn, schon weil er viel zu jung für sie ist. Sie lacht mit ihm, das ist das Ganze. Übrigens kann sie die Männer nicht leiden, die wie die Windhunde im Leben herumspringen. Ihr imponieren nur solche, die etwas sind und vorstellen. Sie hat darüber ihre Auffassung und wäre auch viel zu stolz, sich einen Mann zu nehmen, der auf ihre Mitgift spekuliert; sie will noch erobert sein.«

»Nun, das ist ja gerade etwas für mich«, dachte Gläser, der nun dem »lustigen Oskar« keine zu große Bedeutung mehr beilegte. Ja, so schien sie zu sein: hochmütig und von sich eingenommen, harrend des Mannes, der sie noch in diesem Alter um ihrer selbst willen nähme, und vor dem sie sich dann willig ducken würde. »So so«, dachte Gläser nachdenklich und schwieg sich eine Weile aus; dann aber näherte er sich auf Umwegen seinem Ziele, wie ein schlauer Fuchs, der es am Ende nicht gewesen sein möchte.

»Denkt denn Ihr Fräulein Tochter gar nicht mehr ans Heiraten?« fragte er und ließ sein Vogelgesicht wieder im Kreise gehen. »Ich hätte nämlich eine gute Partie für sie. Einen Mann, für den ich bürgen könnte. Er ist nicht gerade hübsch, aber ein Kerl, zu dem sie schon emporblicken sollte. Er würde sie nehmen, wie sie geht und steht.«

Frau Teichert lachte. »Sind Sie auch Heiratsvermittler?«

»Für einen Menschen, den man genau kennt und den man lieb hat, tut man alles«, fuhr er ernst fort. »Sicher würde er sie in Watte wickeln und ihr alle Wünsche erfüllen, die er ihr vom Gesicht ablesen könnte. Er dürfte sich nur keinen Korb holen.«

»Und darf man wissen, wer dieser edle Ritter ist?«

»Ich selbst bin es.«

Frau Teichert lachte abermals. »Ich dachte es mir schon.«

»Nun also. Sie können ja zu mir sagen, ich solle mich hinausscheren; Sie können auch nach Ihren Dienstboten klingeln und mich an die frische Luft setzen lassen. Das alles aber wird mich nicht abhalten, Ihnen ganz offen zu sagen, daß ich Ihre Tochter liebe. Vom ersten Augenblick an ging es mir so, als ich sie gesehen hatte. Ich habe Nächte lang nicht schlafen können und habe auf diesen Tag gewartet wie der Hund an der Kette, der Hunger und Durst hat. Lachen Sie nicht, es ist so.«

»Aber ich lache ja gar nicht, sprechen Sie nur weiter«, warf Frau Teichert durchaus ernst ein, fast schreckhaft überrascht von diesem leidenschaftlichen Ausbruch eines Naturmenschen.

»Nun gut, dann werden Sie mich um so besser verstehen. Ich stamme nur aus einfachen Verhältnissen, aber –«

»Oh, das hat mein Mann oft von sich selbst gelobt«, warf sie aufs neue ein.

»Sehen Sie, sehen Sie – dann haben Sie auch die Gewähr dafür, daß ich jetzt schon Ihre Achtung verdiene,« sprach er lebhaft weiter; »denn Ihr Herr Gemahl hat es trotzdem zu etwas gebracht, oder gerade deswegen. Ich weiß es, ich weiß es! Man hat mir davon erzählt. Er war ein hochachtbarer Mann. Und gerade so wird es mir noch gehen, denn sehen Sie, sehen Sie – ich habe den Willen, den unbeugsamen Willen! Der Reichtum wird mir zufließen, und eher will ich nicht aufhören, bis ich Millionär geworden bin. Halten Sie mich nicht für verrückt, ich spreche durchaus vernünftig. Schon mein Chef hat mich stets ein Finanzgenie genannt. Und Sie sollen es gut bei mir haben wie meine eigene Mutter, wenn Sie es auch vielleicht nicht brauchen. Wenn ich Ihnen also nicht ganz unangenehm bin, dann tun Sie etwas für mich bei Ihrer Tochter, horchen Sie einmal, aber vorsichtig, wenn ich bitten darf. Denn bis jetzt hält sie wohl nicht viel von mir, das habe ich bemerkt. Ich bin kein schöner Mann, aber ein Mann bin ich doch, zähe wie Leder, wenn es darauf ankommt. Und nun hören Sie noch gefälligst, Frau Direktor: wenn ich vorläufig auch nur Ihnen willkommen wäre, dann hätte ich immerhin schon etwas Hoffnung. Es hat Zeit, ich werde nicht drängen. Und nicht eher würde ich mich verloben, bis ich zu Ihnen sagte: Hier sind hunderttausend Mark, ich kann heiraten.«

Alles das hatte er in einem Zuge gesagt, mit einer gewissen Bewegung, die diesmal durchaus echt war. Er kämpfte wie ein Eindringling, der mit aller Macht seinen Platz behaupten möchte. Und Frau Teichert war völlig gerührt davon und reichte ihm ohne Zagen die Hand. »Sie sind einmal ein ganz offener Mensch, das gefällt mir«, sagte sie wie eine glückliche Mutter, die innerlich von Ehrfurcht vor dem Manne erfüllt ist, der nicht nur die Tochter begehrt, sondern auch die Schwiegermutter mit derselben Liebe willkommen heißt. Dann sprach sie weiter vernünftig mit ihm; denn mit einem Schlage war er ihr bedeutend näher gerückt, gleich einem guten Freunde, der Vertrauen genießt. Klothilde sei zwar ganz selbständig in ihrem Denken und Handeln, aber sie wolle sehen, was sich tun lasse, und werde nicht versäumen, ihm den nötigen Wink zu geben, falls auch nur leise Hoffnung vorhanden wäre.

Als er die Treppe wieder hinabstieg, war er über diese erste gewichtige Aussprache mit sich zufrieden. Er hatte die Mutter auf seiner Seite, und das genügte vorläufig. Unten im Flur stand der Portier, sonntäglich gekleidet, und riß dienstbeflissen die Tür vor ihm auf, wie ein Mann, der durch besondere Zuvorkommenheit einen alten Fehler gutmachen möchte. Auf Umwegen hatte er längst erfahren, daß dieser Herr ein wohlhabender Verwandter des fortgezogenen Mädchens sei und allen Respekt verdiene.

Gläser dachte an den kalten Novembertag, wo ihm dieser Unverschämte die Hintertreppe empfohlen hatte, und so ließ er ihn zur Strafe den schweren Torflügel möglichst weit aufreißen, bevor er mit einem gnädigen Nicken langsam wie ein Fürst auf die Straße trat. Die würzige Luft des Mainachmittags schlug ihm entgegen und erfüllte zum erstenmal seit langer Zeit seine Seele mit stillem Behagen, denn er trug die Liebe mit sich herum, jene tiefe und wahrhaftige Liebe zu einem Weibe, die auch dem schmutzigen Charakter etwas Versöhnendes gibt. Und als er langsam der inneren Stadt zuschritt, empfand er brennende Sehnsucht nach Klothilde, aber aufs neue mischte sich damit das eifersüchtige Mißtrauen, das er oben bereits empfunden hatte. Blinde Gier nach ihrem weißen Halse erfaßte ihn, um den er eines Tages grimmig die großen Finger legen könnte, das wußte er, wenn sie ihm erst gehören würde und sie trotzdem nach einem andern ausschauen sollte. Er sah wieder den grünlichen Glanz ihrer Augen, die roten, vollen Lippen und das geringschätzende überlegene Lächeln, mit dem sie ihn bedacht hatte. Wie alle Menschen, die herrschen wollen und über das Weib zuerst, empfand er wie einen Stachel die Verletzung seiner Eigenliebe durch sie, ohne jedoch eine Waffe dagegen zu finden. Er fühlte seine hündische Ohnmacht und konnte nur heiser in sich hineinbellen, trotz der scharfen Zähne, die er der Welt schon ganz hübsch gezeigt hatte – dieser dummen Welt, die so schön und rein erstrahlte und doch das Erdengewürm Mensch erzeugt hatte, das auf dem Leim jedes kecken Klüglers sitzen blieb!

Drei Häuser weiter war ein kleines Blumengeschäft, in das ihn der unbestimmte Drang hineintrieb, seiner Liebe heute noch Ausdruck zu geben. Er wählte einen Topf mit Maiblumen, was ihm wie der beste Hinweis auf den heutigen Tag erschien. Man sollte die Gabe in einer Stunde etwa dem Fräulein Klothilde Teichert schicken, ohne jedoch auf den Spender hinzuweisen, den sie sicher erraten würde. Ein bedeutungsvolles »Ah« der Verkäuferin gab ihm zu verstehen, daß man die Herrschaft kenne. Es war nicht schwer, aus der redseligen Frau etwas herauszubekommen. Früher habe man sehr viele Blumen herumschicken müssen; ein Herr besonders sei stets auf die La France-Rosen versessen gewesen; selbst im Winter habe er es sich ein Stückchen Geld dafür kosten lassen.

Dann wurde die Erzählerin plötzlich stutzig, denn sie glaubte in des Käufers Gesicht ein gewisses Unbehagen zu entdecken; und sofort lenkte sie ein. Feine, sehr angesehene Damen, das müsse man sagen! Das Fräulein sei schon viel umworben worden, ohne einem Gehör zu schenken. Ein schönes, ein kluges, ein sittsames Fräulein!

»Wissen Sie vielleicht, wo der Referendar Herbst wohnt?« durchschnitt Gläser diesen Erguß plötzlich, indem er so tat, als hätte er die Adresse vergessen.

Herbstens? O gewiß! Die hatten früher nebenan gewohnt, seien dann aber weiter heruntergezogen; dort drüben. Sie nannte ihm Hausnummer und Stockwerk, mit einer gewissen Befangenheit, wie ihn dünkte. Aufs neue unterbrach sie sich, wie jemand, der nun nichts mehr sagen möchte.

Gläser dachte sich sofort sein Teil und änderte seinen Entschluß. Man solle die Blumen lieber für die Frau Mama abgeben; im übrigen ebenfalls ohne Nennung jedes Namens. Und da er die Alte nicht so hoch einschätzte als die Tochter, so wählte er einen kleineren Topf mit der Ausrede, daß dieser ebensogut den Zweck erfülle. Er wollte doch immer der bedachtsame Mann bleiben, der vorläufig nicht zu große Opfer brachte, ohne bestimmte Aussicht auf den Gegenwert zu haben. Verkniffen schritt er dem Hause zu, das man ihm bezeichnet hatte; und wie ein unglücklicher Liebhaber ging er vorüber, den sengenden Blick auf das dritte Stockwerk gerichtet, wo unschuldsvoll die weißen Gardinen leuchteten. Dann nahm er denselben Weg zurück auf der andern Seite, zehrende Eifersucht im Innern und erfüllt von dem Wunsche, das stattliche Mädchen allein heraustreten zu sehen, um sie wie zufällig nochmals begrüßen zu können. Schließlich aber machte er sich aus dem Staube, eingedenk der Worte Frau Teicherts, daß dieser Bummelfritze nicht zu fürchten sei.

Vierzehn Tage vergingen, ohne daß er etwas zu hören bekam. Den Gasthof hatte er längst verlassen, und so bewohnte er jetzt zwei elegante Zimmer in einem alten Hause der Mohrenstraße, nahe dem Hausvogteiplatz. Dieser Teil der Stadt, mit seinen Handelshäusern, den man das »Konfektionsviertel« nannte, hatte etwas Anziehendes für ihn und nicht minder die stillen Nebenstraßen, wo die vornehmen Bankhäuser sich breit machten – jene alten Firmen, die kaum eines Schildes bedurften, um ihr Dasein zu verkünden. Mit weitem Blick hatte er sofort erkannt, daß er hier die angeschlagene goldene Ader verfolgen müsse, um zu Ansehen zu kommen. Und so war über Nacht der Umwandlung seines äußeren Menschen auch die Umgebung angepaßt worden.

An der sauberen Außentür seines Flurzimmers glänzte ein großer Briefkasten mit der Aufschrift: »In Geschäften nur zwischen drei und vier Uhr zu sprechen.« Frau Schmidt, seine Wirtin, war von ihm angewiesen, allen etwaigen Besuchern zu sagen, daß »Herr Gläser« sich vormittags auf der Börse befinde und nur hier in der angegebenen Stunde zu haben sei. Da sie sein eigentliches Geschäft nicht kannte, so konnte sie auch nicht darüber reden. In der Tat hatte er sich Zutritt zu dem stolzen Handelspalast in der Burgstraße verschafft, um vorläufig das »Terrain zu sondieren«, wie er selbst zu sich sagte. Andauernden Golddurst im Gemüt, wagte er trotzdem noch nicht, sich zu einer Spekulation aufzuschwingen, weil ihn darum bangte, seine paar Kröten durch einen falschen Schachzug auf einem Brett loszuwerden; aber es bereitete ihm Vergnügen, sich wenigstens wöchentlich einmal in die Flut der tosenden Männerversammlung zu begeben, die den großen Saal mit ihrem Lärm erfüllte, schreiend, lachend und klagend, Witze reißend und sich gegenseitig antippend, während von der Galerie aus die teilnahmslosen Neugierigen in diesen brodelnden Menschenkessel blickten, dessen ewiges Blasentreiben sie kaum verstanden.

Gläser sah und hörte alles, nahm alle Einzelheiten dieses hundertfältigen Leiberbetriebes in sich auf, mit seinem ewigen Angebot und seiner ewigen Nachfrage, die ganzen Geheimnisse dieser ungeheuren verkörperten Rechenmaschine, die nach eigenen Gesetzen bald sehend, bald blindlings ihre Arbeit verrichtete, und auf der statt der Kugeln die Menschenköpfe hin und her gingen, deren Augen immer starr auf dasselbe Ziel gerichtet waren. Und an diesem Ziel streckte der Götze Moloch verlangend seine Arme mit den tausend Fingern aus, nicht ahnen lassend, wen er damit streicheln oder erwürgen würde.

Wenn dann Gläser wieder draußen war und frische Luft schnappte, stand er erst ein Weilchen still, noch ganz im Taumel dieser süßen Höllenmusik, die ihn mit ihren letzten verwehten Tönen lockte, umzukehren und den ersten Coup zu wagen mit der Verwegenheit des frühreifen Lehrlings, der zur Meisterschaft emporklimmen will. Seine Stirn war heiß, in den Schläfen klopfte es ihm, und in seiner Kehle würgte jenes trockene Gefühl, das der sieggewohnte Mensch empfindet, der waffenlos den Kampfplatz verlassen muß. Er wußte: dort drin liefen so viele Dummköpfe herum, die schwächer waren, als er, und doch schon aus goldenen Schüsseln aßen, während er, der starke Schicksalsbezwinger, sich wieder an das irdene Geschirr setzen mußte. Dann aber gab er sich einen Ruck, streifte die braunroten Glacés über und ging stolz davon, den Blick rechts und links auf die gewöhnlichen Lebenstiere gerichtet, als wollte er sagen: »Seht her! Ich war an der Börse, ich, der kleine Sirupkommis von früher! Und das ist doch immerhin schon etwas.« Die Nüstern der mächtigen, scharfen Vogelnase blähten sich, und er witterte schon die frische Zukunftsluft, die den Goldregen verkündete.

»Es war eine Dame hier«, berichtete ihm eines Nachmittags seine biedere Wirtin, so daß er lauernd die Ohren spitzte, denn aus der Beschreibung konnte er sofort auf Frau Teichert schließen. Es kam aber nichts Besonderes, denn die Witwe hatte nur nach ihm gefragt und war nicht näher getreten.

»Nun, und?« horchte Gläser sie aus.

»Ich habe nur gesagt, daß der Herr um diese Zeit auf der Börse sind«, gab sie zurück.

»Daß man auch immer so viel gestört wird!« sagte Gläser vornehm von oben herab, trotzdem ihn eigentlich selten jemand in der Sprechstunde in Anspruch nahm. Im Innern jedoch war er erfreut darüber, auf diese Art um den gewissen wunden Punkt gekommen zu sein, denn längst hatte er befürchtet, daß die umsichtige Dame aus der Potsdamerstraße auf irgendeine Art Erkundigungen über ihn einziehen würde. Sofort aber sagte er sich, daß sie auf alle Fälle nur gekommen sei, um ihn selbst zu sprechen. Das gab ihm Verheißung, und schon wollte er sich schriftlich für den erfolglosen Besuch bedanken, als er wieder davon abkam, weil er sich dazu nicht für verpflichtet hielt. Sie hatte ihren Namen nicht genannt, also war es besser, abzuwarten. Betrachtete sie ihn als »gut«, dann würde sie sich gewiß von selbst melden, um ihr Wort einzulösen. Dieses Abwarten wurde ihm zwar etwas schwer, denn Tag für Tag empfand er Sehnsucht nach Klothildes Anblick, und nur mit heißen Gedanken an sie legte er sich des Abends schlafen, aber er preßte die Lippen zusammen und bezwang sich, denn um so größer würde sein Triumph sein.

Eines Morgens endlich wurde er erlöst durch eine Einladung Frau Teicherts zum Mittagessen am nächsten Sonntag; sie hatte jede Förmlichkeit vermieden und ihn brieflich darum gebeten mit dem Hinweis, daß außer ihm nur noch zwei Freunde des Hauses anwesend sein würden und daß er so zwanglos als möglich erscheinen möchte. Trotz dieses liebenswürdigen, fast mütterlichen Tones war er ärgerlich, denn der Hinweis auf die beiden andern Gäste störte ihn. Er hatte etwas anderes erhofft: den versprochenen Wink der Mutter, der vertraulich die Entscheidung bringen sollte; und nun sah er nur das Hinziehen der Dinge in eine unbestimmte Zukunft. Noch niemals hatte er besseren Familienverkehr gehabt, und so empfand er die Scheu des einsamen Egoisten, die noch verstärkt wurde bei dem Gedanken an den scharfen Blick eines Dritten und Vierten. Aber er schwankte nicht lange, bedankte sich vielmehr in seiner merkwürdig dicken Handschrift, die große Schleifen aufzuweisen hatte, für die Einladung und benutzte dazu die neu angefertigten Briefbogen, die seine Privatadresse trugen und den Kopfdruck zeigten: Richard A. Gläser, Kommission und Export.«

Das sah reinlich aus und würde im Zusammenhang mit seinen Börsenbesuchen jedenfalls den Eindruck seiner gewichtigen Persönlichkeit verstärken.

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