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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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projectid55783bbc
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7.

Es war so gekommen, wie er es haben wollte. Anna hatte sang- und klanglos die Teicherts verlassen, und mit einem guten Zeugnis versehen, rasch eine andere Stelle gefunden, ganz nach dem Wunsche Gläsers. Kaum hatte sie sich dort festgesetzt, als er sich am Ostersonntag wieder mit ihr traf. Zuerst hatte er die Absicht gehabt, ihr die schlimme Mitteilung brieflich zu machen; dann aber hielt er es für besser, ihr mündlich alles zu sagen, schon weil er den Standpunkt vertrat, daß man gewisse Dinge nicht schwarz auf weiß von sich geben solle. So würde er auch gleich erfahren, was sie beabsichtigte, während er sonst im Unklaren darüber geblieben wäre. Diesmal ging er mit ihr nach Treptow, die lange Landstraße entlang, die sich allmählich vom Schlesischen Tore bis nach Köpenick hinzieht. Dem warmen März waren wieder kühle Tage gefolgt, und so wehte ein scharfer Wind von der Spree her, der aber durch die Sonnenstrahlen gemildert wurde. Trotzdem saßen die Leute im Freien, um die Festesfreude beim Anblick des jungen Grüns zu genießen. Im ersten Restaurant tranken beide Kaffee; dann gingen sie über Treptow hinaus durch das Wäldchen dem Eierhäuschen zu. Bisher hatte Gläser nur über gleichgültige Dinge mit ihr gesprochen, denn er wußte noch nicht recht, wie er auf die richtige Sache kommen sollte. Sie war so heiter und gut aufgelegt und plauderte von allem möglichen, daß er seine schwarze Stimmung um so nachdrücklicher fühlte. Ihr Vater hatte geschrieben und angefragt, wie es denn nun mit der Hochzeit stünde; Gläser lasse so wenig von sich hören, und er glaubte sie schon längst eingerichtet. Noch wußte er nicht, was dazwischen gekommen war, und so konnte er klug reden.

Endlich hatte Gläser sie an einer einsamen Stelle und knüpfte sofort daran an. »Ja, siehst du, ich habe mir doch alles anders vorgestellt«, begann er frostig. »Wäre das Geld nicht verlorengegangen – damals! – dann hätte ich es als Kaution hinterlegen können und eine famose Stellung bekommen. Nun ist sie lange futsch. Berlin ist überhaupt nichts für meine Ideen; ich werde nach Wien gehen.«

Wie festgewurzelt blieb sie stehen. »Du willst nach Wien? Ja, was soll sich denn da für dich tun?«

»Aber frage doch nicht so dumm!« polterte er los. »Ein besseres Fortkommen will ich haben. Du weißt, ich habe einen guten Bekannten dort.«

»Und ich?«

»Na, du wirst eben hier bleiben. So lange, bis ich dich nachkommen lasse. So etwas kommt doch öfter vor. Du lieber Himmel – manchmal bist du wirklich beschränkt.«

Dunkle Ahnungen stiegen in ihr auf, denn er konnte sie nicht ansehen und ließ sein Vogelgesicht immer rechts und links in die Höhe gehen, als wollte er die noch kahlen Bäume mustern.

»Ja, aber du hast doch eine Stellung hier, und nun reicht's doch für die Ausstattung«, fuhr sie, blaß geworden, fort, während sie wieder langsam weiterschritten.

Niemand begegnete ihnen. Ein Fink hüpfte einsam von Zweig zu Zweig und schlug dazu sein helles, eintöniges Lied. Frischer Erdgeruch lag in der Luft, der kräftig aufstieg, sobald der Wind vom Wasser herüberdrang; dann trug er von fern her die abgerissenen Klänge einer Musik herüber, die sich sonderbar anhörten in dieser abgestorbenen Stille des Auferstehungstages. Durch die dunklen Stämme im Hintergrunde lichtete sich weit hinaus der Horizont, und wie blaue Striche zeichnete der Himmel seine Farbe in den Wald hinein. Das rote Kleidchen eines Kindes leuchtete auf und verschwand. Dann huschte ein Wagen vorüber wie ein schwarzer Punkt, der sich rasch wieder verlor.

Gläser war ärgerlich über ihren Widerspruch. Nun, da die Sache einmal angeschnitten war, fühlte er seine brutalen Regungen in sich. »Was heißt Stellung. Das ist für die Katz'. Davon können wir nicht leben«, stieß er ohne weiteres hervor. »Ich will es so, und du wirst dich fügen! Daß ihr Weiber doch nie die großen Aufgaben eines Mannes begreift! Ist es nicht genug, daß ich dich nach Berlin mitgenommen habe, wie? Habe ich mir nicht genug Mühe um dich gegeben, he? Sag' mal! Soll ich dich noch nach dort mitschleppen, und so aufs Geratewohl? ... Was willst du eigentlich?«

Endlich hatte er den Mut, sie mit seinen kleinen, beweglichen Augen zu mustern. Er hätte lachen mögen bei dem Gedanken, daß sie noch Anspruch an ihn erhob, nachdem seine Einbildungen längst von dem Rauschen seidener Kleider durchsetzt waren.

»Du hast eine andere, eine feine, gesteh' es nur!« rief sie aus.

»Du bist verrückt!« gab er zurück und zwang sich zu einem Lachen. »Ich habe an bessere Dinge zu denken als an euch Frauenzimmer! Festen Boden will ich erst gewinnen, verstehst du? Übrigens, wenn du mir mit solchen Dingen kommst ...«

»Siehst du, ich habe recht! Deshalb bist du auch immer so wenig mit mir zusammengekommen«, stieß sie hervor. Ihre Natur neigte nicht zur Heftigkeit, deshalb schwamm sie mehr in Auflösung als in Wut. Alles war ihr so plötzlich und unerwartet gekommen, daß nur stiller Jammer in ihr tobte, der ihr Tränen in die Augen drängte.

Er wollte rasch ein Ende machen, und so sagte er mitleidslos: »Und wenn es der Fall wäre, bin ich dir etwas schuldig? Habe ich einen Pfennig von deinem Geld genommen? Hast du es nicht wieder, obendrein mit einem Geschenk von mir?«

»O du schlechter Kerl!« schrie sie ihn diesmal an. Eine andere hätte ausgespien vor ihm, sie aber schritt wie gelähmt neben ihm her, denn noch immer hatte sie die Ohrfeige in der Heimat nicht vergessen. Und gerade jetzt fühlte sie wieder seine alte Übermacht, gegen die sie sich stets hilflos vorgekommen war. Während ihr es jetzt erst heiß in die Augen drang, fiel ihr ein, wie sie von ihrem Vater gewarnt worden war: »Sei vorsichtig! Er hat etwas, was mir nicht gefällt.« Und sie dachte daran, wie sie Gläser verteidigt hatte und wie nur sein Lob über ihre Lippen gekommen war. Und jetzt, und jetzt! Oh, wie würde sich ihre Zukunft gestalten, wenn er sie über einer anderen vergessen könnte.

Und als er sie so in gedrückter Stimmung sah, ganz aufgelöst in Schmerz, wuchsen ihm die Flügel seines Triumphes, denn er hatte ganz etwas anderes von ihr erwartet. Ei, den »schlechten Kerl« wollte er schon vertragen, wenn sie ihm nur nicht ihre Fingernägel zeigte und nicht vom Lebennehmen sprach und von anderen Dingen. Niemals hatte er sie geliebt, das kam ihm jetzt mehr denn je zur Erkenntnis. Dieses große Berlin mit seinem Überschuß an Frauen hatte ihm erst die Augen darüber geöffnet. Eine Art Haß gegen sie erfüllte ihn, und unwiderstehlich trieb es ihn dazu, ihr auf der Stelle seine Meinung über ihr Verhältnis bis zur Neige zu kosten zu geben.

»Kommt das nicht öfter vor, daß man sich täuscht, wie?« fuhr er in künstlicher Erregung fort. »Ist es da nicht besser, man spricht sich vorher aus, ehe es zu spät wird? Weine doch nicht so, schreie doch dabei nicht so auf! Da unten kommen Leute ... Wenn du mir das alles gesagt hättest, denkst du, ich würde es dir übelnehmen? Keineswegs! Glaubst du, es wäre mir nicht aufgefallen, wie du diesen Dolinsky da immer in der Eisenbahn angeblickt hast?«

»Schäm' dich, es war ganz harmlos«, schluchzte sie hervor.

Und es reizte ihn, ihr von dieser Pillensorte noch mehr zu kosten zu geben. »Harmlos? Na, ich danke! Du hast ihm Freiheiten erlaubt, ich sah es wohl. Und nachher wolltest du mir weismachen, er hätte sich dein Kreuz ansehen wollen. Schon längst hat mich das gewurmt, du! Siehst du, du bist ganz kleinlaut.«

Sie erwiderte nichts, denn seine Verdrehung des Vorganges machte sie schwach. Still weinte sie in sich hinein und fuhr auch damit fort, als die Leute an ihnen vorüber waren. Nur einmal wehrte sie sich mit den Worten: »Mein Gewissen ist rein, soviel weiß ich.« Plötzlich aber, als er ihr gestand, daß er vorläufig nicht ans Heiraten denken könne, merkte sie dahinter seine Heuchelei. »So sag' doch lieber gleich, daß du mich nicht mehr magst«, forderte sie ihn heraus.

»Nun ja, es ist so.«

»O du schlechter Kerl, du schlechter Kerl! Niemals hätte ich das gedacht.« Sie vermochte nichts anderes mehr zu sagen, denn ihr ganzes Elend glaubte sie darin erschöpft. Erst nach einer Weile, als seine Gleichgültigkeit anhielt, fuhr sie wie klagend fort: »Mein Vater, mein armer Vater! Er hat alles kommen sehen. Es ist schon so: ich bin zu gut für dich. Wart' nur! Du wirst eine bekommen, die es dir beibringt! Ich wünsche es dir. Und statt eines Kindes wird sie dir ein Ungeheuer zur Welt bringen, so wie du es bist. Denk' an mich, denk' an mich! Alles hab' ich geopfert, alles ...« Sie tobte nicht, sie schimpfte nicht; nur leise kam es über ihre Lippen. Dann war sie still und verschluckte die letzten Tränen.

Vor ihnen hüpfte noch immer der Fink von Baum zu Baum und schlug sein helles Locklied für das Weibchen. Es war gerade, als verstünde er alles und wollte ihnen seine Offenbarung bringen, die aus dem Schmerz die Freude kündete. Aber die beiden Menschen, die vom ewig-alten Scheiden und Meiden redeten, hörten nicht darauf; denn was war ihnen die Stimme der Natur, wo nur ihre Leidenschaften zu ihnen sprachen!

Sie ließ ihn stehen und ging davon, so schnell sie konnte. Er sollte sehen, daß sie seine Begleitung nicht mehr brauchte. Und wenn sie sich in einer großen Wüste befunden hätte, sie wäre darauf losgelaufen mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen. Links glänzte die Spree und wiegte sich im blauen Schein des Himmels. Plötzlich, als sie den schmalen Pfad, der ans Ufer führte, immer schneller entlang eilte, war er wieder an ihrer Seite und faßte sie am Arm.

»Was willst du noch? Laß mich! Denkst du vielleicht, ich werde ins Wasser gehen? Das könnte dir wohl so passen! Aber wenn ich das wollte, gäbe es noch andere Mittel.« Fortwährend dachte sie an das Giftfläschchen, das sie zu Hause wohl verwahrt in ihrem Koffer barg. Aufs neue löste sich ihr Schmerz in Tränen. »Ich kann noch arbeiten, verstehst du?« fuhr sie fort. »Du sollst dich über meinen Tod nicht freuen!« Sie wußte kaum noch, was sie sprach, drehte sich mit einem Ruck um und ging denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.

Er atmete auf, schritt neben ihr her und sprach beruhigende Worte zu ihr. Ihr hübsches Gesicht, das der Schmerz verklärt hatte, reizte ihn aufs neue, und so vertröstete er sie auf das Unbestimmte, das niemand vorhersehen könne. Ohne Widerstand ließ sie es geschehen, daß er ihre zitternde Gestalt an sich zog. Aber sie sprach kein Wort; mit starrem Blick hing sie an seiner Seite. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, zeigte er die Absicht, mit ihr hier draußen noch irgendwo einzukehren, sie aber hatte Sehnsucht nach Berlin; und so kehrten sie in demselben Schweigen zu Fuß nach dort zurück.

»Willst du schon nach Hause?« fragte er, als sie sich wieder mitten im Gewühl der Köpenicker Straße befanden. Es war zwar schon dunkel, aber noch nicht die Zeit, wo die Mädchen ihren Urlaub abzubrechen pflegten. Sie hatte sich eine Freundin angeschafft, die sie heute noch besuchen wollte. Irgend jemand mußte sie doch haben, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Der Weg zu ihr war derselbe, nach dem Halleschen Tor zu, wo sie sich jetzt in Stellung befand. Da sie sich hier nicht zurechtfand, so wollte er sie wenigstens nach dem Omnibus bringen, der hier irgendwo die Straße durchschneiden mußte.

»Sage mir nur, wie er fährt, dann werde ich schon finden«, erwiderte sie kalt, ging aber ruhig mit ihm mit. Es nagte etwas an ihr, was sie nicht mehr los wurde, denn eifersüchtige Regungen waren in ihr aufgestiegen. Seine Gleichgültigkeit hatte sie wieder auf den Gedanken gebracht, er könnte ihr doch einer anderen wegen den Laufpaß geben.

»Geh' nur, geh' nur«, sagte sie wieder, als sie endlich an dem richtigen Platz waren und er ihr genügend Bescheid gesagt hatte.

»Wie du willst«, erwiderte er, zufrieden mit diesem ruhigen Abschluß. »Ich werde dir noch schreiben; laß dir's gut gehen.«

Er ließ sie stehen und ging fort. Gleich darauf hielt der Omnibus, und sie drängte sich mit andern hinzu, als wollte sie einsteigen, aber sie tat es nicht. Rasch schritt sie auf die andere Seite der Straße hinüber und folgte Gläser, der ein Weilchen stehengeblieben war, dann aber ahnungslos um die nächste Ecke bog. Und jedesmal, wenn er sich zufällig umblickte, trat sie rasch in einen Torweg. Zehn Minuten trieb sie dieses Spiel mit ihm, bis sie endlich den Bahnhof vor sich sah, auf dem sie angekommen waren. Auf der anderen Seite lag der Gasthof, in dem Gläser verschwand. Deutlich hatte sie ihn beim schwachen Lichtschimmer hineingehen sehen. Enttäuscht blieb sie stehen und starrte unverwandt hinüber in der stillen Hoffnung, er werde wieder zurückkehren und sie dann auf die richtige Fährte bringen. Eine halbe Stunde verstrich so, ohne daß sie den Mut gehabt hätte, das nutzlose Harren aufzugeben.

Da stand sie nun an derselben Stelle, wie damals, als der graue Wintermorgen mit seiner Trostlosigkeit sie hier empfangen hatte. Aber andere Hoffnungen waren durch ihre Brust gezogen, selbst dann noch, als der Schrecken sie erfaßte nach seinem Geständnis, daß sie bettelarm den Kampf aufzunehmen hätten. Und nun war ihnen vom Schicksal alles wiedergegeben; zu zweien wollten sie gegen den Strom schwimmen in diesem steinernen Meere; Gläser aber hatte sie nichtswürdig zurückgestoßen in den ewigen Wellengang, von dem sie sich jetzt erfaßt glaubte, einem tiefen Strudel zu. Wie sorgsam hatte sie aufs neue jeden Pfennig gespart, und wie ruchlos war es ihr vergolten worden! Sie kam sich einsam und verlassen vor, hilflos wie ein armes Kind, das den Weg zu seinen Eltern nicht mehr weiß und vergeblich auf den Führer wartet, der es ausgesetzt hat in einer noch fremden Welt. Diese Ecke hier war öde, nur auf der Seite am Bahnhof herrschte Leben; aber die Stille erweckte in ihr Behagen, denn so sah niemand ihre heißen Tränen, die in großen Tropfen ihre Wangen benetzten und vom scharfen Aprilwind allmählich wieder getrocknet wurden. Sie fühlte, daß sie hier überflüssig sei, und doch besaß sie nicht die Kraft, davonzugehen. Wenn er wirklich keine Neue hatte, warum war er so unerwartet anderen Sinnes geworden? Zehnmal fragte sie es sich und ebenso oft fand sie keine Antwort darauf. Plötzlich fiel ihr ein, daß die Wirtin drüben hinter ihm her sei. Zwar hatte er sich darüber lustig gemacht, das konnte aber auch Verstellung gewesen sein. Stets war es seine Redensart, man müsse den Vorteil ausnutzen, wo er sich einem biete. Vielleicht saß sie jetzt gerade in seinem Zimmer, auf demselben Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, als sie ihm zurief: »Verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!« Kochend regte sich die Wut in ihr, und schon wollte sie blindlings über den Platz stürmen, als ein Mann aus dem Gasthof trat, den Weg auf sie zu nahm und sie erkannte.

Es war Dolinsky, der überrascht stehen blieb und sie begrüßte. »Sind Sie's wirklich, Fräulein?« rief er aus. »Sagen Sie, Ihnen müssen die Ohren geklungen haben, denn soeben dachte ich an Sie. Wollen Sie auch noch zu ihm? Dann kommen Sie zu spät. Er liegt schon im Bett und schläft.« Und er erzählte ihr rasch, daß er vor Wochen Gläser einmal flüchtig gesprochen und dabei erfahren habe, daß er hier in dieser alten Baracke hause. Heute abend habe er nichts Besonderes vorgehabt, und da sei er mit der Absicht hergekommen, sich zu erkundigen, ob er in dem Gasthof noch immer zu finden sei. Nun könne er wenigstens den glücklichen Zufall preisen, die Braut wiedergesehen zu haben. Wenn sie es wünsche, kehre er gern noch einmal mit ihr zurück, dann würde der schlafsüchtige Eroberer jedenfalls ein Einsehen haben und sich heute in seiner Hühnergewohnheit noch stören lassen. Die Wirtin sei übrigens mit einer Neuigkeit herausgerückt, die sie ihm bei einem Glase Bier anvertraut habe. Alle Achtung vor seinem Landsmann! Wenn er so die Dummen rupfe, dann werde er wohl bald an sein Ziel gelangen.

Der alte Frohsinn sprach aus ihm, der sich eher noch gesteigert hatte, dann aber sofort umschlug, als er in ihre verweinten Augen blickte. »Ja, was ist denn? Sagen Sie doch! Haben Sie Krach mit ihm gehabt?«

»Oh, es ist aus zwischen uns«, erwiderte sie, indem sie einem dunklen Drange folgte. Zuerst hatte sie sich ein wenig geschämt, so überrascht worden zu sein, schnell aber fand sie sich in diese Begegnung, denn nun kannte sie doch jemand, dem sie ihr Leid klagen konnte. Und daß es gerade dieser hier war, an den sich so angenehme Erinnerungen knüpften, erfüllte sie mit der Hoffnung, nicht mißverstanden zu werden.

»Das hab' ich mir doch gleich gedacht, daß das so kommen würde«, warf er bedauernd ein. »Sie haben auch wirklich nicht zueinander gepaßt, dazu gehörte nicht viel, um das zu kapieren. Also nehmen Sie sich das nicht sehr zu Herzen! Berlin ist groß, und hübsche Mädels werden immer gesucht ... Kommen Sie, wir trinken ein Glas Bier, und dann erzählen Sie mir alles! Man muß immer wissen, wie man's nicht machen soll.«

Mit raschem Blick hatte er erfaßt, daß sie einfach und nett gekleidet ging, fast wie ein hübsches Ladenmädchen, mit dem man sich sehen lassen durfte; denn damals war er nicht ganz klug aus ihr geworden, weil er sie nur in der unschönen Vermummung gesehen hatte. Keck nahm er sie am Arm, um sie mit sich fortzuziehen; aber sie schwankte noch. Helle Röte war in ihr Gesicht gestiegen, denn im Augenblick dachte sie wieder an seine Kühnheit, mit der er damals auf sie losgefahren war. Und er schien von demselben Gedanken erfaßt zu sein, denn lachend fragte er: »Haben Sie übrigens noch das gefährliche Fläschchen? Das bitte ich mir aus. Es fiel mir gleich ein, ich kehrte auch wieder um, aber Sie waren schon fort ... Nun machen Sie – nur auf ein Stündchen! Ich bringe Sie dann nach Hause, und wenn es bis nach Schlesien sein sollte. Versöhnen können Sie sich ja doch noch mit ihm. Lassen Sie ihn nur erst gehörig von seinem Haarschwindel träumen.«

Sie fragte gar nicht, was er damit meine, denn sie hatte mit sich zu kämpfen. Endlich widerstand sie nicht mehr, weil der Trotz gegen Gläser sich in ihr regte. Was wollte er auch noch? Hatte sie schuld, wenn ein anderer sie begehrenswerter fand? Es war nur schade, daß er das nicht sehen konnte, um sich doch vielleicht darüber zu ärgern.

Und so ließ sie sich von Dolinsky geduldig in ein Lokal führen, das auf ihrem Wege lag.

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