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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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5.

Noch am Abend desselben Tages zog Anna zu der Herrschaft, und so atmete Gläser auf, wie von einer Last befreit. Nun erst sah er das Leben vor sich, nun konnte er die Hände rühren. Er war so vergnügt, daß er zu dem deutschen Beefsteak im Gasthause eine halbe Flasche Rotwein trank, was Emil mit noch größerem Respekt vor ihm erfüllte, denn meistens wurde hier Bier und Grog getrunken. Selbst Frau Meckert, die ungeschiedene Verlassene des Wirts, eine etwas sehr in die Breite gegangene, zweifelhafte Schöne in stets fettiger Bluse, an der der mittelste Knopf regelmäßig fehlte, war einigermaßen starr bei diesem noblen Auftreten; und so putzte sie denn, hinter dem Schanktisch stehend, eigenhändig mit der Schürze an dem Glase herum und hielt es gegen das Licht, um ihre Aufmerksamkeit zu beweisen. Sie lächelte sogar freundlich, was den Pikkolo in Verblüffung versetzte, denn sonst schlich sie stets mißmutig im Hause herum und geiferte mit dem Personal. Seitdem ihr Mann nichts mehr von sich hören ließ, widmete sie sich heimlich der Kognakflasche, und so geriet sie auch häufig mit den Stammgästen zusammen, die den Durchbrenner noch gekannt hatten und sich manchmal dreiste Anspielungen über die andauernde Strohwitwenschaft erlaubten.

Gläser gefiel ihr, weil er zurückhaltend war und sie beinahe wie eine Dame behandelte. Er hatte zu ihr über Anna dasselbe Märchen vorgebracht, wie in der Potsdamerstraße, und als Frau Meckert nun hörte, daß er ohne Anhang sei und noch einige Tage hier wohnen bleiben wolle, bis er sein »Geschäftslokal« aufgetan hätte, zeichnete sie ihn besonders durch einen großen Teller mit Bratkartoffeln aus, den sie neben dem Beefsteak auftragen ließ.

»Ein netter, gebildeter Herr, nicht so stoffelig wie die andern«, sagte sie zu Emil. »Wie man sich doch täuschen kann! Ich hielt ihn auch für so einen Windbeutel, der die armen Frauen betrügt.« Sie hätte ein Liedchen davon singen können, denn was kam nicht alles in ihren Gasthof!

Gläser jedoch dachte bei sich: »Ei, die klappert ja mit den Augen, so ein fettes, schmutziges Weib! Aber gute Portionen gibt's.« Und er vergnügte sich innerlich über den Eindruck, den er abermals gemacht hatte, und nahm sich vor, auch hier die Menschen als das zu nehmen, was sie ihm wert erschienen. Im Fremdenbuch glänzte er als Kaufmann, und da er gelegentlich einen Hundertmarkschein sehen und wiederholt das Wort »Gründung« fallen ließ, so wurde er rasch zu jenen Leuten gerechnet, die mit ihrem kleinen Kapital nach Berlin gekommen waren, um ihren Wohlstand zu vergrößern. Daß er gerade hier am Ende der Welt abgestiegen war, das, du lieber Himmel, sprach eigentlich für ihn; denn nur durch Bedürfnislosigkeit kam man vorwärts.

Zwei Tage lang sah sich Gläser Berlin an, wobei er gehörig geizte und stets kreuz und quer Omnibus oben fuhr, weil er so am besten und billigsten den Kampfplatz kennenzulernen glaubte. Von Anna Schiman hatte er einen beruhigenden Brief erhalten, in dem sie ihm in ihrer Schulhandschrift mitteilte, daß sie sich ganz wohl fühle, aber Sehnsucht nach ihm habe. Er möchte sich doch am nächsten Sonntag schon blicken lassen, was auch die Frau Direktor hoffe, denn diese habe eine sehr gute Meinung von ihm. Sie, Anna, lache sich immer eins, wenn sie an die »arme Verwandte« denke. Ob er von dem Gelde wieder etwas erfahren habe, wie es ihm gehe und ob er sich auch nach einer Stellung umsehe? Sie freue sich schon auf den ersten freien Tag, nur um mit ihm zusammensein zu können. Das gnädige Fräulein habe sie gefragt, was der »wohlhabende Cousin« denn Großes beabsichtige. Und sie habe sich wieder eins gelacht. Die Hauptsache sei, es gebe eine feine Küche; das Essen schmecke ihr vortrefflich.

Gläser schnalzte förmlich mit der Zunge, und als er die Worte »gnädiges Fräulein« las, roch er aufs neue das scharfe, süßliche Parfüm, das merkwürdige Vorstellungen in ihm erweckte. Gewiß wollte er mit Anna wieder zusammenkommen, aber in anderer Weise, als sie sich es ausmalte, denn er betrachtete sie nur noch als seine verflossene Braut, als einen Irrtum seines Daseins, den er durch andere Wünsche richtigstellen müsse.

In dem kleinen schlesischen Neste hatten sie sich gefunden, wie etwas Notwendiges, das aus Familienbeziehungen hervorgeht. Seit ihrer Kindheit kannten sie sich, und so waren sie später wie die Kletten aneinander hängen geblieben. Selbst bessere Eltern schickten dort ihre Mädchen in den Dienst, der nicht als das trostlose Gewerbe aufgefaßt wurde wie in den großen Städten. Zwei Jahre hatte er sich so mit ihr herumgeschleppt und ihre Jugend ausgekostet, nun war die richtige Zeit gekommen, um die Trennung zu vollziehen. Zu Hause hätte es Aufsehen gemacht und zu lautem Geschrei Veranlassung gegeben, hier aber, im mächtigen steinernen Meere, würden die Menschen- und Zeitwogen besänftigend darüber hinweggehen. Deshalb hatte er sie mitgenommen und das ganze Nest im schönsten Glauben gelassen. War sie nicht ebenso schuldig, als er?« Hatte er ihr nicht geraten, noch daheim zu bleiben? Was konnte er dafür, daß die Natur ihm diese brennende Sucht nach Reichtum gegeben hatte, die im letzten Jahre so stark erwacht war, daß er förmlich darunter litt, wie unter einer Krankheit, von der er mit aller Macht geheilt zu werden wünschte? So war es immer in der Welt gewesen: es gab Herren und Knechte, und er war zum herrschen geboren und sie zum dienen.

Als er am Abend des zweiten Tages die fast endlos sich dehnende Friedrichstraße von Norden nach Süden durchfuhr, um die Riesenstadt auch einmal beim Laternenglanz von oben zu sehen, erblickte er einen Trunkenbold, von johlenden Kindern verfolgt, der eine auffallende Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Vater hatte. Und er dachte an gleiche Auftritte daheim, wenn der Alte, der früher Steuereinnehmer gewesen war und als Pensionierter noch mehr herabkam, sein letztes Geld vertrunken hatte und öffentlich häßliche Szenen aufführte. Was für ein widerwärtiges Familienleben, in dem er groß geworden war! Er wollte nüchtern durch das Dasein wandeln, aber mit jener grausamen Nüchternheit, die ihn für die Entbehrungen seiner Jugend rächen sollte. Noch war die alte Mutter da und eine erblindete Schwester, die auf ihn hofften und die er liebte. Beide würden bald von ihm hören, aber als von einem Manne mit früh erworbenen Schätzen. Niemals wollte er sie darben lassen, aber auch niemals würde er Belehrungen von ihnen entgegennehmen, wie sie ihm ähnliche mit auf den Weg gegeben hatten in der Art von regelmäßigen Sonntagskirchengängerinnen, die bei jeder Gelegenheit ihre Gebetsprüche im Kopfe haben.

Am andern Tage hatte er glücklich herausgebracht, weshalb der alte Apotheker Dähne so tief gesunken war. Frau Meckert, die sich im Gasthofszimmer zu ihm an den Tisch setzte, weihte ihn in die Geschichte ein. Der Provisor hatte sich eines Tages bei den Medikamenten vergriffen und statt harmloser Medizin eine gefährliche Flüssigkeit verabreicht und war wegen fahrlässiger Tötung eines Menschen angeklagt und zu Gefängnis verurteilt worden. Schon halb gebrochen dadurch und obendrein seiner Stellung verlustig gegangen, hatte er sich alles so zu Herzen genommen, daß er sich dem Trunke ergab und schließlich dem Schnapsteufel verfiel, was ihm nicht schwer wurde, weil er schon in soliden Zeiten zum Genüsse alkoholischer Getränke veranlagt war. Einige Jahre hielten ihn gute Bekannte über Wasser, die noch an eine Wendung in seinem Leben glaubten; dann aber ließen auch diese ihn fallen, und so fristete er endlich sein armseliges Dasein teils als Schnorrer, teils als eine Art Winkeldoktor, der seine Apothekererfahrungen gegen Nickel verkaufte.

Die fette Wirtin glaubte ihm Dank schuldig zu sein, denn sie hatte arg an Rheumatismus gelitten, wovon sie durch ihn befreit worden war, wie sie behauptete, und so spendete sie ihm ihre Mildtätigkeit. Tauchte er auf und bezahlte, so war es gut; hatte er nichts, so ließ sie es ihn nicht merken, sondern schrieb es einfach in den Rauchfang. Schließlich kam sie doch auf ihre Kosten, denn sobald er nur dreiviertel voll war, amüsierte er die Gäste durch allerlei Spaße und Anekdoten, gab seine Lebensweisheit zum besten, rezeptierte und quacksalberte nach Kräften, sobald einer der wenig bemittelten Logisgäste Veranlassung dazu gab.

»Den könnte man vielleicht noch 'rausreißen aus dem Sumpf«, sagte Gläser in der Art eines Menschenfreundes, nachdem er alles ruhig mit angehört hatte.

Frau Meckert, die ihre schwammige rote Hand von seiner großen getätschelt fühlte, drückte ihren Zweifel daran durch ein Kopfschütteln aus, erwiderte aber doch, daß sie sich freuen würde, wenn das jemand fertig brächte. Eigentlich hatte sie auch ihre guten Seiten, denn täglich wurde ihr Gemüt durch menschliches Elend wachgehalten, das bei ihr anklopfte.

Noch am selben Abend nahm sich Gläser den Apotheker vor, und zwar um die späte Stunde, als das Gastzimmer bereits leer war und Frau Meckert hinter dem Schanktisch saß und schlief, anscheinend in unruhige Träume versunken, die ihr den treulosen Ehemann wieder näher brachten; denn trotzdem sie schnarchte, rief sie ihn öfters beim Namen.

Dähne, der in seinem alten, verschossenen Flocken-Paletot steckte, den er niemals ablegte, weil er keinen Rock darunter trug, hatte bereits ausgeschlafen und war heute auffallend nüchtern, und so nahm er gerne die Freigebigkeit des Zugereisten an.

»Hat sie Ihnen schon alles erzählt?« fragte er und deutete auf die Schlummernde, ohne zu vergessen, sich erst an dem Grog die Hände zu wärmen und mit geschlossenen Augen daran zu riechen. »Das ist das Tragische, das Erhaben-Tragische in meinem Schneeluft-Dasein, daß damals ... Sehen Sie, daß es gerade ein Kind sein mußte, mit dem mir das passierte! Das einzige Kind einer Witwe, die mir nicht ganz gleichgültig war. Und ich ihr auch nicht. Und ich habe den Jungen lieb gehabt. Sie machte mir keine Vorwürfe, aber ja – na, so ist es. Wenn das Grauen sich zwischen die Menschen setzt, dann kommen sie schwer zusammen. Sie hat nachher einen Postsekretär geheiratet, der brauchte natürlich nicht zu rezeptieren.«

Er unterbrach sich. »Sagen Sie mal, verehrter Gönner, ist der Grog nicht ein wenig schwach, wie? Emil! Bengel! Zukünftiger Hotelbesitzer!« rief er laut. »Wo steckst du?« Bring' uns 'mal die Flasche mit Arrak de Goa, recte Fusel für Gorillas! ... Sind wir nicht alle Affen, mein verehrter Gönner? In uns und mit uns! Ich wollte, ich wäre als Gorilla auf die Welt gekommen, dann könnte ich mich wenigstens für Geld sehen lassen. So aber läßt sich das Geld ohne mich sehen, bei andern nämlich.«

Emil war gekommen und hatte einen Schuß Arrak in die Gläser gegossen. Dann fuhr Dähne fort: »So ist das Leben: eine dreimal destillierte Notwendigkeit zum Erhaltungstrieb, falls die Alkoholika noch nicht polizeilich verboten sind. Prosit! Hören Sie nur, wie sie selig schnarcht. Jetzt ist er wieder heimgekehrt und liegt vor ihr auf den Knien. Aber sie sollte ihn nicht erhören, denn sie war immer zu gut für diesen Kerl.« Und er trank, daß ihm die Augen übergingen, und leckte sich nach einem behaglichen »Hum, der ist kräftig,« die Lippen ab.

Schon nach dem zweiten Glase wurde ihm die Zunge wieder schwer, denn sein Magen war ausgepumpt wie eine leere Nahrungstonne. In solchem Zustande hatte er Widerwillen gegen Speisen, und so trank er unaufhörlich. Gläser dagegen hatte Emil heimlich einen Wink gegeben und ließ sich nur warmes Wasser in sein Glas gießen, denn er wollte wie gewöhnlich bei Vernunft bleiben. Endlich kam er auf die Haarsalbe zu sprechen, von der der Pikkolo ihm erzählt habe.

»Balsam, Balsam, mein lieber Gönner«, verbesserte Dähne lallend und holte aus seiner tiefen Paletottasche ein Fläschchen hervor, das er mit seinen tatterigen Händen von dem befetteten Papier befreite und gehörig schüttelte. »Wird wohl auch schon dünn da oben, wie? Na, wart' mal, mein Jungchen, da machen wir gleich einmal den Anfang.« Und er nahm den Korken ab, kippte das Fläschchen auf seinen Finger und schmierte dem Zechgenossen etwas von der öligen Flüssigkeit auf den Hinterschädel, wobei er mehrfach nebenbei tatschte. »So, mein Jungchen, das kostet nichts, weil du's bist. ›Firnis coronat opodeldoc‹, wie der Spreelateiner sagt. Es heißt zwar finis coronat opus, ich habe aber den Firnis mit Opodeldok gemischt ... So, mein Jungchen, wenn du so fortschmierst, dann krönt's wirklich das Werk.«

Ein angenehmer Duft wie von Lavendel machte sich bemerkbar, der sofort den Gastzimmergeruch übertäubte. Gläser empfand zwar Unbehagen bei diesem Überfall, aber schließlich zeigte er lachend gute Miene zum bösen Spiele und hielt tapfer aus, als Dähne mit plumper Gewalt kraftvoll weiter rieb.

Emil war wieder erschienen, flegelte sich gegen den Ladentisch und lachte vergnügt. »Junge, scher' dich!« rief Gläser ihm ärgerlich zu und trieb ihn damit hinaus; dann, als er sich das letzte Fett vom Kopf gestrichen hatte, fragte er, ob das Haar auch wirklich danach wachse.

Dähne lachte: »Wenn du es glaubst, mein Jungchen, ja. Kein Arzt kann helfen ohne den Glauben an seine Medizin. Deshalb sind auch die Apotheker so gläubige Leute. Siehst du, mein lieber Gönner – schon was nicht schadet, bringt Hilfe. Denn die Welt ist so voller Bosheit, daß wir Gott schon dafür danken müssen, wenn er uns gnädig mit einer neuen verschont. Und sage mal, ist es nicht hübsch, schon den guten Willen zu zeigen? Drum bleibe ich dabei: firnis coronat opodeldoc ... Wie wär's mit einer Schneeluft ... Emil, mein Rabe! Laß Vater Dähne nicht verdursten! Was habe ich dir getan, daß du mir verdünnten Sirup vorsetzt statt eines kräftigen Sorgenbrechers? Bin ich ein krankes Kind, das beruhigt werden soll? Mutter Meckerten, edles Herbergsweib, erwache und strafe ihn!«

Die Dicke schnarchte ruhig weiter. Gläser jedoch legte einen harten Taler vor sich auf den Tisch, den er aber noch nicht aus den Fingern ließ. Und als er den Wunsch äußerte, dafür das Rezept zu dem Haarbalsam zu erlangen, erhob sich Dähne und umarmte ihn, wobei die Suffrührung ihn übermannte. Und unter Alkoholtränen brachte er hervor: »Jungchen, mein Retter! Mein Gönner, mein Jungchen! Wenn du es willst, brau' ich dir einen Kessel davon, daß du zeitlebens genug hast, um deinen edlen Schädel damit einzureiben. Und deine Haare werden wachsen, wie sie dem Einsiedler in der Wüste wachsen, der weder Schere noch Messer noch Spiegel hat. Aber du mußt glauben, hörst du? Du mußt glauben daran! Zehn Rezepte sollst du bekommen, eine ganze Apotheke will ich dir schenken zu deinem Privatgebrauch. Aber sei friedlich, mein Jungchen. Weine mit mir um mein Schicksal! Teile meinen Schmerz! Harre aus und trinke noch eins mit mir! Sage ›du‹, mein Jungchen!«

Und er nahm den Taler und rief schluchzend vor Wonne: »Emil! Zwei neue ... auf meine Rechnung. Aber zwei steife! Und zwei Schneeluft dazu, und zwei echte Sonntagszigarren! Hörst du, mein Junge! Nimm sie aber aus der andern Kiste, damit ich sie wenigstens in der Einbildung rauche, sie seien besser als euer verfluchtes Fuhrmannskraut! Komm', tummle dich! Frage an, was der Gasthof kostet! Ja, Bengel, wo steckst du denn? ... Kannst du wechseln?«

Seit langer Zeit daran gewöhnt, nur mit Nickeln umzugehen, dünkte er sich plötzlich als einen kleinen Krösus, und so schlug er mit dem harten Taler auf den Tisch, daß endlich Frau Meckert aufwachte und sich die Augen rieb. Was denn los sei? Wo es denn brenne? Sie werde ihn an die Luft setzen, wenn er solchen Skandal mache und obendrein wieder ankreiden lasse. Ob er sich nicht schäme vor dem fremden Gaste? Oder habe er den Herrn vielleicht beleidigt? Das wäre etwas und könnte ihr passen!

Sie war erst beruhigt, als Gläser an den Schanktisch trat und ihr zu verstehen gab, daß man auf seine Kosten gemütlich beisammensitze. Er war zufrieden mit seinem Erfolg, denn er wußte, daß von nun an der rollende Taler der einzige große Götze sein würde, vor dem dieser Verkommene anbetend seine Verbeugung machen werde. Als Dähne beide flüstern sah, kicherte er und rief ihnen zu: »So gebt euch doch ein Küßchen! Macht! Ich seh' es nicht, denn was ich nicht sehen will, das seh' ich nicht. Ich bin mit Blindheit geschlagen, wißt ihr das? Denn ich habe ein armes unschuldiges Kind getötet. Und deshalb straft mich Gott und läßt mich hier bei euch sitzen ... Läßt mich sitzen bei euch bis in Ewigkeit, allwo dann, riesengroß wie Buddha, die Sühne erscheint und mit dem Hammer des Gewissens an uns alle schlägt, daß es klagend wie aus einer Memnonssäule klingt. Kommt her, ihr beide, und weint mit mir. Ich sage, weint mit mir!«

In solchen Augenblicken, wo die Erinnerung an die Vergangenheit durchbrach wie lichte Funken aus einem Morast, traten ihm die Tränen wirklich heiß in die Augen, und es war, als müßte er auf diese Art erst ein Seelenbad nehmen, um sich auf Minuten zu reinigen von aller Schuld. Er saß wieder da wie am Tage, zurückgesunken im Sofa, die Arme verschränkt und das Haupt tief geneigt. Die Augen kniff er zusammen, um mit Gewalt die Zähre zu zerdrücken, und um seinen bartlosen, faltenreichen Mund gingen eigentümliche Zuckungen, die alles andeuteten, was er noch verschwieg.

Frau Meckert kam schwerfällig hinter dem Schanktisch hervor, so daß die Diele zitterte, und fuhr sanft mit ihrer runden Hand über seinen Kopf. »So seien Sie doch ruhig, Doktorchen! Blasen Sie doch nicht die alte Trübsal!« Und Gläser raunte sie zu: »So meinte ich es nicht mit dem Helfen, das dürfen Sie nicht tun. Sehen Sie, das kommt nun alles vom vielen Trinken. Grog kann er schon gar nicht vertragen.« Und zu dem andern gewendet fuhr sie fort: »He, Doktorchen, was soll denn das! Wollen Sie noch was essen? Ich rate es Ihnen ... Geben Sie mir das Geld, ich hebe es Ihnen auf bis morgen.« Da sie wußte, daß er den letzten Nickel nicht leiden konnte, so hatte sie das schon öfter zu seinem Besten getan, wofür er ihr auch dankte. Denn regelmäßig kam seine Wirtin zu ihr und ließ sich die Miete bezahlen.

Schon wollte er ihr wie besänftigt, gleich einem folgsamen Kinde, den Taler geben, als Gläser ihm das Geld wieder aus der Hand nahm und es kaltblütig in seiner Tasche verschwinden ließ. »Dann kann ich's ihm auch aufheben, denn ich wollte ihm nur Gutes antun,« sagte er, während er bei sich dachte: »Du Schlampe sollst mir nicht dazwischen kommen.« Er vertrat nun einmal den Standpunkt, daß für jede Leistung auch eine Gegenleistung vorhanden sein müsse. Wie er alle Trunkenbolde verachtete, so empfand er auch mit Dähne kein Mitleid, und er konnte nicht begreifen, daß diese Frau es ihm entgegenbrachte.

»Ach, er hat's von Ihnen? Das ist was anderes«, rief sie überrascht aus. »Dann entschuldigen Sie nur. Ich glaubte, er habe wieder einem Doktor ins Handwerk gepfuscht. Aber Sie müssen immer damit warten, bis er nüchtern ist. He, Alterchen, Sie haben einen Wohltäter gefunden. Es gibt noch gute Menschen. Jetzt essen Sie aber erst.«

Wie im Traum griff Dähne mit den Fingern zu und verschlang gierig die Speisenüberreste, die sie ihm vorgesetzt hatte.

Erst am Tage darauf fand Gläser Gelegenheit, den Schwachen glücklich herumzubekommen und seine Dienste zu erlangen. Derselbe Taler sprang, aber diesmal blieb er in der Tasche des Trinkers.

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