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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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3.

»Berlin! Alles aussteigen!«

Das Dampfroß fauchte noch einmal schwach, wie ermattet nach Stunden schwerer Arbeit, und aus seinem vielgegliederten langen Leib, der schneebedeckt und bereift den Winter in die Halle getragen hatte, entleerte sich der dunkle Schwarm der Fahrgäste, der gleich menschlichen Bienen emsig durcheinanderwimmelte. Man stieß und drängte sich und gebrauchte tapfer die Ellbogen, als gälte es jetzt schon, den Nächsten zu überflügeln.

Gläser und Anna hatten ihren Kasten erfaßt, und, in der freien Hand die sonstigen Kleinigkeiten, beeilten sie sich, von dannen zu kommen, wobei er immer voraus war, während das Mädchen Mühe hatte, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Sie hörten nur noch, wie der polnische Jude fast kindisch um Beistand bettelte, und sahen dann, wie der Viehtreiber ihn samt der alten Reisetasche aus dem Wagen hob. Eigentlich hatte der Kranke sich an Gläser gewandt; dieser aber hatte jetzt andere Dinge im Kopfe.

»Vorwärts, vorwärts!« war seine Parole. Kaum daß er Dolinsky noch bemerkte, der, sein kümmerliches Köfferchen in der Hand, hinter ihnen herschritt.

Sie waren auf der Straße, die hier draußen im äußersten Osten der Stadt keinen angenehmen Eindruck machte. Es war gegen Ende der siebziger Jahre, zur Zeit, als Berlin sich erst zu entwickeln begonnen hatte. Man sah nur Bretterzäune und alte Häuser mit langweiligen Fronten, ohne jeden Schmuck. Hin und wieder ragte schon eine neue Mietskaserne zwischen den Baracken empor, als wäre mitten aus plundrigem Gemäuer ein frischer Keim steinern aufgeschossen. Nicht weit entfernt lag der unfertige Bau der Stadtbahn, der nun bei der Kälte öde und verlassen sich zeigte, eingeengt von zerrissenen Häusern, die dieser rote Mauerblock kraftvoll durchschnitten hatte. An einer abgetrennten Wand hing noch die blaue Tapete und nahm sich aus wie ein Stück künstlichen Himmels an diesem grauen Tage. Große Schneehaufen waren zusammengekehrt und harrten der Abfuhr. In den Läden der Häuser brannte noch Licht, das wie Irrflammen hinter den gefrorenen Scheiben glänzte.

Das Pärchen ließ den Holzkoffer auf den Steinen nieder und schöpfte Luft. »Ja, wohin nun?« sagte Gläser verdrießlich, ohne es jetzt noch eilig zu haben. Fortwährend wurde er von einem häßlichen Gedanken geplagt, den er als das große Ereignis dieses Tages ausspielen wollte. Nicht weit von ihnen stand ein Schneeschipper, ein bärtiger Aushilfsmann, der sich mit seiner Arbeit durchaus nicht übereilte.

»Ja, nu heißt's wohin?« plärrte er das Pärchen an, das er nicht für etwas Besseres hielt. »So sagt ihr alle, wenn ihr ankommt. Was wollt ihr hier? Es gibt schon genug Arbeitslose, das seht ihr ja. Bleibt hübsch zu Hause!«

»Halten Sie Ihr Maul, sonst hol ich gleich 'n Schutzmann«, rief ihm Gläser zu. »Belästigen Sie keine Bürger!«

»Maul halten? Na ja, das will ich auch tun«, erwiderte der Schneeschipper, verblüfft über diese Kühnheit, und kratzte mit seinem Eisen weiter auf den Steinen.

»Da haben Sie's, so muß man auftreten, um sich Respekt zu verschaffen«, sagte Gläser mit einer gewissen Befriedigung zu Dolinsky, der sich auf einen großen Abschied vorbereitete. »Ist das nicht ein guter Einzug in Berlin?«

Dolinsky lachte und stimmte ihm scherzhaft bei; dann rief er plötzlich aus: »Aber sagen Sie mal, – Sie sehen ja gar nicht das Geld auf der Straße, und hier liegt es schon.« Er bückte sich und hob einen schwarzen Pfennig auf, der vor ihm im festgefrorenen Schnee lag und den irgend jemand erst frisch verloren haben mußte.

»Ei, das wird Glück bringen«, warf Anna lächelnd ein.

»Das meine ich auch, und deshalb will ich ihn behalten«, fuhr Dolinsky fort und bespuckte den Heller erst mehrfach, bevor er ihn wegsteckte. »Wenn ich ihn heute noch auf Zins anlege, dann bin ich in hundert Jahren sicher ein Großkapitalist ... Sie lachen natürlich.«

»Na, wenigstens sehen Sie, daß ich recht hatte mit meiner Prophezeiung«, sagte Gläser und reichte ihm zum Abschied die Hand, um ihn loszuwerden.

»Ich geh ja schon, ich geh ja schon«, sagte Dolinsky etwas ärgerlich. »Na, dann also auf baldiges Wiedersehen, ich wünsche Ihnen beiden alles Gute, Ihnen, Fräulein, ganz besonders.« Sie fühlte seinen heißen Handdruck, und als sie den letzten Blick austauschten, sah sie, wie seine Augen aufflackerten und die wortlose Sprache redeten, die ein Weib immer versteht, wenn es weiß, daß es einem Manne nicht gleichgültig ist.

Gläser nickte nur nachlässig, denn ihm dauerte dieses Gerede schon viel zu lange. Am liebsten hätte er sagen mögen: »Scheren Sie sich zum Teufel und suchen Sie sich eine andere zum Anschmachten aus!«

»Na, dann also Adieu zum letzten Male«, sprach Dolinsky aufs neue. »Und was ich Ihnen noch sagen wollte, mein Bester. Wenn Sie sich Berlin erobern, denken Sie daran: alle großen Eroberer sind einsam gestorben. Ich könnte Ihnen eine ganze Menge Namen nennen, sie fallen mir nur nicht gleich ein. Machen Sie es nicht ebenso. Etwas Liebe muß der Mensch immer haben. Und dann vergessen Sie mir das Mausoleum nicht. Das will ich bauen.«

Er hatte sich schon vorher bei den Bahnbeamten erkundigt, welchen Weg er zu nehmen hätte, und so zog er nun den Hut und ging die nächste schmale Straße entlang, ohne sich noch einmal umzusehen. Das Brautpaar blickte ihm nach, aber mit verschiedenen Gefühlen. Gläser wollte ihn erst aus den Augen haben, Anna Schiman jedoch war von einem gewissen Weh erfüllt, wie man es bei der Trennung von rasch liebgewordenen Menschen empfindet.

Vor dem Bahnhof stand ein gelber Omnibus, der soeben leer angelangt war, während der andere, voll besetzt, sich bereits davongemacht hatte. Die blasse Witwe, die ihre Reisegefährtin war, stieg mit den Kindern ein, geleitet von einem alten Manne, der sie in der Halle in Empfang genommen hatte.

»Die fahren auch, siehst du«, redete Anna ihrem Bräutigam zu, als er noch immer zögerte. »Komm, es ist noch Platz.« Gerne hätte sie gleich etwas von dem großen Berlin gesehen, denn immer hatte sie von den »Linden« sprechen gehört, und so glaubte sie, man könnte in den Omnibus mit Sack und Pack hinein.

»Dummchen, wo soll der Koffer bleiben? Das geht doch nicht«, murrte er mit seltsamem Gesichtsausdruck. »Eine Droschke werden wir uns nehmen.«

Im geheimen hatte sie auch schon daran gedacht, ohne den Mut zu finden, es zu äußern, denn sie hatten sich vorgenommen, die Groschen zusammenzuhalten. Nun aber stimmte sie ihm freudig zu, denn es wurde ja von ihren Mitteln bezahlt. Plötzlich wühlte er in seinen Taschen, blickte sie wie sprachlos an und wühlte dann aufs neue los wie ein Verrückter. »Das Geld! Du, das Geld!«

»Mein Gott ... Hast du es nicht?« Der Atem stockte ihr, und im Augenblick wich alle Farbe aus ihrem Gesicht.

»Ja, wo ist es denn?«

»Mein Gott, sieh doch ordentlich nach! Es wäre ja schrecklich!«

Er knöpfte sich den Flausrock auf, suchte und wühlte immer aufs neue; er kehrte die Hosentaschen um, – er fand es nicht. Tränen traten ihr in die Augen, und leises Jammern kam über ihre Lippen, in das sich verhaltenes Schluchzen mischte.

»Warte hier!« rief er aus und eilte in den Bahnhof zurück.

Ganze fünf Minuten stand sie so, einsam und verlassen, mit kalten Füßen und einem unbeschreiblichen Gefühl im Herzen. Keinen Augenblick dachte sie an Täuschung, nur der Schrecken peinigte sie bei dem Gedanken, was nun werden würde, wenn er den Beutel mit den Goldstücken nicht mehr fände, oder wenn man ihn gestohlen hätte. Und sie kam sich wie in ein fremdes Land versetzt vor, wo nur Öde und Starrheit auf sie warteten. Langsam rollten ihr große Tränen über die Wangen, die sie mit dem Ärmel ihrer dicken Jacke trocknete. Ein Mann mit hagerem Gesicht, der fast wie ein Herr gekleidet war und schon eine Zeitlang am Eingang des Bahnhofs gestanden und die Herauskommenden gemustert hatte, trat an sie heran, zog ein wenig den Hut und erkundigte sich nach ihrem Schmerze.

»Suchen Sie Unterkunft? Bei anständigen Leuten?« fragte er mit blecherner Stimme, wobei der Zigarrenstummel in seinem Munde hin- und herrutschte. »Kann Ihnen eine brave Familie empfehlen, wo Sie gut aufgehoben sind. Wenig Kostgeld. Stellung wird Ihnen auch besorgt ... Haben Sie nur den einen Koffer, he? Dann kommen Sie rasch! Ich helfe Ihnen tragen, es ist nicht weit.«

Es war einer von jenen Gaunern, die sich vor den Bahnhöfen herumtrieben und sich unter der Maske der Menschenfreundlichkeit zugereisten Provinzmädchen näherten, um sie liederlichen Wirtsleuten zuzuführen, wo sie gründlich ausgeplündert wurden und in steter Frone blieben, bis die Verzweiflung sie auf schlechte Wege trieb. Dieser hier hatte es nur auf das Gepäck abgesehen, denn Annas Sauberkeit, die einen gewissen Wohlstand verriet, hatte ihn dazu gereizt. So wollte er sie erst in einer anderen Straße haben, um sie, nach einem bekannten Kniff, mit Bestellungen in ein Haus zu schicken und dann eiligst mit dem Koffer zu verschwinden. Öfters diente auch ein Eckgebäude mit zwei Ausgängen dazu, vor dem man das Mädchen unter der Ausrede warten ließ, die Sachen einstweilen in gute Hände zu geben, womit man aber nur bezweckte, in der andern Straße zu verschwinden.

Anna hegte kein Mißtrauen, im Gegenteil fand sie es hübsch, daß ein völlig Fremder sich ihrer annehmen wollte. Sofort erwog sie alles. »Warten Sie doch, nur 'ne Minute«, sagte sie trotz ihres Unglücks eifrig. »Mein Bräutigam muß gleich kommen. Wir haben's vielleicht nötig.«

»Wie? Bräutigam? Aehh!« Unangenehm berührt davon blickte er sich um. »Was ist er denn?«

»Ein kluger Mann«, gab sie zurück.

»Na, dann werde ich gleich wieder hier sein«, sagte er und schritt auffallend rasch davon.

»Vergessen Sie's auch nicht, ich werd's Ihnen danken«, rief sie ihm noch nach, denn im Augenblick malte sie sich schon aus, was sie tun würde, wenn die Hochzeit hinausgeschoben werden müßte.

Währenddessen ging Gläser den Bahnsteig auf und ab und suchte nach dem verlorenen Gelde. Auch in den Wagen vierter Klasse ließ er sich von dem Schaffner führen, da der Zug noch an derselben Stelle stand. Anna hätte ihm nachkommen können, und so mußte er Vorsicht üben. Innerlich lachte er sich selbst aus, aber es bereitete ihm eine gewisse Genugtuung, ganz die Rolle eines Schauspielers zu erschöpfen, der da weiß, daß alles doch nur erdichtet ist. Dann, als er den Verlust beim Stationsvorsteher ordnungsmäßig angemeldet hatte, stand er wieder im Schalterraum und überlegte. Sollte er Anna Schiman gleich verlassen, sich ihren Augen für immer zu entziehen? Einmal mußte es ja doch kommen, denn niemals hätte sie auf seinen zukünftigen Lebensweg gepaßt, darüber war er längst mit sich im reinen. Er träumte von einer Frau mit Bildung, aus sogenannter guter Familie, die ihm Reichtum und noble Verwandtschaft ins Haus brächte. Und groß und stattlich sollte sie sein, eine jener Schönheiten, wie er sie aus den Romanen kannte.

Schon trieb ihn der Teufel dazu, zur andern Seite hinauszugehen, als er sich wieder besann, nicht aus Gewissensbissen, sondern aus Gründen vernünftiger Erwägung. Er durfte nicht in üblen Verdacht bei ihr kommen, und überdies konnte sie ihm noch nützlich sein auf seinem ersten Pfade zur Größe. Zurückgekehrt, fand er sie in derselben Verfassung, ausschauend in bangem Harren. Und sogleich sprach er die Mutmaßung aus, daß er den Beutel nur im Wartesaal auf der letzten Haltestelle verloren haben könne. »Du kannst dich fest darauf verlassen, es kann nur dort gewesen sein. Ich bin ja unglücklich, tief unglücklich darüber. Es ist schrecklich! Aber was ist zu machen!«

Es waren genau dieselben Worte, die er sich eingeübt und die Dolinsky von ihm belauscht hatte. Und jetzt ließ er auch die Armbewegungen folgen und zeigte die Miene des Verzweifelten, der schwer über eine Sache hinwegkommen kann. Dann versuchte er sie mit dem Hinweis zu trösten, daß man sofort nach der betreffenden Station telegraphieren werde und daß man ihm den Rat gegeben habe, selbst nach dort zurückzufahren, um an Ort und Stelle zu suchen. Sobald der nächste Zug gehe, wollte er sich aufmachen, zunächst aber die Rückantwort hier auf dem Bahnhofe abwarten.

Trübe schüttelte sie mit dem Kopf, denn sie glaubte an keine bessere Wendung. »Es wird wohl halt alles vergeblich sein, ich ahne es schon«, sagte sie leise unter den letzten Tränen.

Und da er wußte, daß sie recht hatte, schwieg er und nickte mit derselben verzweifelten Miene vor sich hin. Drüben an der Straßenecke lag ein »Logis für Fremde«, wie es schwarz auf weiß zu lesen war. »Gasthof zur Heimat« prangte es darüber, schmutzig-goldig auf verwittertem Schilde, in vielversprechender Deutung, um es weder mit dem Osten noch dem Süden zu verderben. Dorthin lenkten beide ihre Schritte, denn rasch hatte Gläser eingestanden, daß er unterwegs eins der Goldstücke gewechselt habe und den größten Teil noch davon besitze.

Ein Stein fiel ihr vom Herzen, weil die Sorge für die nächste Nacht und den nächsten Tag wenigstens entwich. Im Korbe waren obendrein noch genügend Eßwaren, und so konnte man nach dieser Seite hin sparen.

Der Flur des Gasthofes war naß von dem geschmolzenen Schnee, den man hereingetragen hatte und der seine Spuren auch auf den Stufen der alten Holztreppe zeigte, die hinauf zu den Zimmern führte. Ein verkümmerter Oleander stand unten am Geländer als einzige verlockende Zierde dieser besseren Herberge. Die übliche schwarze Fremdentafel hing an der kahlen, grau getünchten Wand, wies aber keine Namen auf. An dem Haken hing nur ein einziger großer Schlüssel mit einem Riesenklotz daran, der, noch in Bewegung, hin und her baumelte. Es roch nach Nässe und angebranntem Kaffee, denn im Hintergrund stand die Küchentür offen, durch die helle Dampfwolken herausdrangen. Ein Weib schimpfte laut und warf die Herdringe, so daß sie klirrten. Dazwischen erklang eine Stimme, wie die eines Knaben.

Gläser hustete, um sich bemerkbar zu machen, und gleich darauf kam durch die geöffnete Tür ein Pikkolo, der seinem ganzen Aussehen nach nichts gemein hatte mit den sauberen Kellnerlehrlingen im Innern Berlins. Er trug graue, geflickte Beinkleider, die ihm weit auf den großen Stiefeln lagen, eine lange, tief ausgeschnittene, aber befleckte Weste und eine schwarze, viel zu weite Jacke. Das ganze dreizehnjährige Kerlchen sah aus, als hätte man es in den Anzug eines Erwachsenen gesteckt. Nur sein gescheiteltes und geschmalztes Haar glänzte neu aufgefrischt und gab ihm im Verein mit dem weißen Kragen ein etwas reinliches Aussehen; denn auch das riesige rotumränderte Wischtuch, das er als Zeichen seiner Würde in der Hand schwenkte, schien mit dem Küchenruß schon bedenklich in Berührung gekommen zu sein.

»Wünschen die Herrschaften ein Zimmer?« plapperte er gewohnheitsmäßig, ohne aber den üblichen Kopfnicker zu machen.

»Vor allem sagt man guten Tag, verstehst du?« schrie ihn Gläser ärgerlich an. »Natürlich wollen wir ein Zimmer, ein gutes. Wo ist der Oberkellner?«

Der Junge hatte sofort eine Verbeugung gemacht, denn Gäste, die ihn anschnauzten, hielt er für etwas Besonderes. Dann lachte er, so daß sein Mondgesicht in die Breite ging. »Der Oberkellner bin ich«, erwiderte er so drollig, daß auch Gläser nicht ernst bleiben konnte.

»Dann besorge den Koffer, Herr Oberkellner und bestelle Kaffee für uns, recht heißen ... Ist jemand in der Gaststube?«

»Der Ap'theker ist drin«, gab der Kleine mit einer Miene zurück, als wäre das ganz selbstverständlich.

»Wer ist das?«

»Nun, der Ap'theker. Der ist immer drin.« Er lachte aufs neue, als freute er sich darüber, daß man das nicht begreifen könne. »Der tut Ihnen aber nichts, der spricht immer mit sich selbst. Werden die Herrschaften längere Zeit hierbleiben?«

»Das hängt ganz davon ab«, brummte Gläser und bestellte noch eine Portion Rührei mit Schinken, zum stillen Entsetzen Annas, die nicht wußte, wie er das alles bestreiten wollte. Sofort stiegen die Gäste in den Augen des Pikkolos, der die Wünsche laut in die Küche rief und dann den Namen »Johann!« die Treppe hinauftutete. Der Hausknecht, ein kräftiger junger Mann, der eine Reservistenmütze trug, kam die Stufen heruntergestolpert, wünschte freundlich »guten Morgen« und ergriff den Koffer.

»Nummer 4, wenn ich bitten darf«, sagte der Pikkolo wieder und lud mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen.

»Geh' nur und wasch' dich ein wenig,« sprach Gläser zu seiner Braut, »mach' dich auch gleich zurecht für die Stadt. Ich komme nach.« Er wollte erst unbemerkt den Beutel sicher unterbringen, denn wenn er die Stiefel wechselte, würde sie ihm gewiß auf die Finger sehen. So ging er denn in die Gaststube, um sich ein sicheres Plätzchen auszusuchen. Es war der gewöhnliche Durchschnittsraum dieser Art von Wirtschaften, mit einer Büfettnische und den üblichen Tischen und Stühlen, die bereits Parade gestellt waren. Es roch nach den letzten Gästen vom Abend, nach dem Qualme schlechter Zigarren und den abgestandenen Resten von Bier und Schnaps. In der Milchglasglocke an der Decke zirpte eine einsame Gasflamme, die man auf das nötigste Maß zurückgeschraubt hatte und sich bleich ausnahm gegen den rötlichen Schein, der auf die sandbestreute Diele aus dem Kachelofen fiel, in dem schon das Morgenfeuer lustig knisterte.

Zwei der Tische trugen rote Decken; auf einem von ihnen stand noch das Frühstücksgeschirr der Herbergsbewohner, die es wohl eilig mit der frühen Abfahrt hatten. Gläser nahm Platz am Fenster, in einer Ecke, wo eine Bank die Stühle ersetzte. Auf dem alten Ledersofa gegenüber saß ein Mann, der zu schlafen schien, denn der mächtige Kopf mit dem wirren grauen Haar ruhte tief auf den verschränkten Armen. Jedenfalls also der »Apotheker«, der seine Morgensprache hielt und nicht zu fürchten war. Unter den Tischen lag tiefer Schatten, denn draußen herrschte noch immer das Grauen des Tages. Gläser klappte sein Messer auf, langte unauffällig zur Erde, durchschnitt die Strippe um den Stiefel und holte den Beutel heraus, den er vorsichtig noch einmal in der Hand wog, mit dem stillen Ergötzen des Geizigen, der die Freude auch in den Fingerspitzen fühlt. Es waren noch fünfhundertachtzig Mark darin, teils in Scheinen, teils in blankem Golde, die Anna ihm anvertraut hatte. Damit konnte er schon etwas anfangen, wenn er erst festen Fuß gefaßt hatte. Er öffnete den Beutel unter dem Tisch, zog die Schnüre wieder fest zu und band ihn dann in sein rotes Taschentuch ein, das er vorläufig in der Rocktasche verbarg. Zuvor hatte er ihm abermals ein Zwanzigmarkstück entnommen, denn man konnte nicht wissen, was heute noch alles passierte.

Drüben bewegte der Mann die Hände, ohne aufzublicken. Die Arme gingen auseinander, wie bei einem Prediger, der seine Worte noch bekräftigen möchte. »Was ist das Leben? Ein Kunststück«, sprach er vor sich hin, wie verinnerlicht, mit geschlossenen Augen. »Eine raffinierte Grausamkeit. Ein Gummiball, den man springen läßt, bald hoch, bald niedrig. Nur platzen darf er nicht, sonst hat die Herrlichkeit ein Ende ... Gewiß doch, gewiß doch! Reden Sie nicht! Schweigen Sie doch, was verstehen Sie davon!« Die Lippen bewegten sich stumm weiter, während die auffallend weiße Hand mechanisch nach dem Schnapsglas tastete, das zwar schon leer war, das er aber doch an den Mund führte. Dann schob er es in demselben, fast traumhaften Zustande auf den Tisch zurück.

Die Augenlider hoben sich ein wenig; ein matter Blick glitt zu Gläser, aber teilnahmslos, mit alltäglicher Gleichgültigkeit. Ein stilles Lächeln huschte über sein glattes, unrasiertes Gesicht. Dann setzte er das Selbstgespräch fort: »Eine Gans ist das Leben, aus Papiermaché, die man in schöne Sauce getaucht hat, wissen Sie das? Eine Stelzenparade ... ein ewiges Pillenschlucken ... ein ungegorener Sauerteig, ein mixtum compositum, eine ganze Apothekeneinrichtung ist es, verstehen Sie? Streiten Sie doch nicht, streiten Sie doch nicht! Es ist so. Der Laie sieht nur die Kästen und Büchsen, weiß aber nie, was darin steckt ... Emil, einen Schneeluft! ... Emil! Sei fromm, mein Jungchen. Einen Schneeluft ... Nichts Menschliches sei dir fremd. Komm', mein Jungchen, dir sollen noch mal die Haare wachsen, so sie dir ausgegangen sind. Du kennst mein schönes Mittel: Aqua Balsamum magicum schwindelorum ... Firnis coronat opodeldok

Diesmal lachte er laut vor sich hin; dann faltete er die Hände über dem Leib und verharrte in Schweigen.

Gläser bekümmerte sich zuerst nicht um ihn, denn solcher Trunkenbolde gab es genug. Bei den letzten Worten jedoch wurde er aufmerksamer. Er hatte seine Fellmütze abgenommen und fuhr sich unwillkürlich mit den Fingern über seine Haare, die auf dem Hinterschädel bereits bedenklich dünn zu werden begannen, infolge einer allgemeinen Familienveranlagung, wie er stets zu sagen pflegte. Mehrfach hatte Anna ihn damit aufgezogen und sich darüber gewundert, weil er erst dreißig Jahre zählte. Eitel, wie er war, hätte er gern diesem Übel abgeholfen, immer aber hatte ihn Mißtrauen gegen derartige angepriesene Heilmittel erfüllt. Nun aber nahm er sich vor, endlich einmal einen Versuch zu wagen.

Er erhob sich, um hinaufzugehen. Draußen stieß er wieder auf den Pikkolo. »Wer ist der Mann da drin?« fragte er.

»Er war Provisor in 'ner Apotheke, jetzt ist er 'runtergekommen. Unsere Frau kennt ihn noch von früher, da kriegt er immer 'was zu essen.«

»Der Wirt hier ist wohl tot?«

»Das weiß ich nicht, aber er ist der Frau durchgebrannt«, erwiderte Emil, indem er lachte, was er bei jeder Gelegenheit tat.

»Ich habe ja soeben schöne Geschichten über dich gehört, von dem Alten«, fuhr Gläser fort. »Du sollst bald 'ne kahle Platte bekommen. Er will dir schon jetzt 'was dafür verschreiben.«

Emil zeigte diesmal seine sämtlichen Vorderzähne und schwenkte sein Berufstuch unwillkürlich so lustig, daß er mit ihm den Fußboden fegte. »Nu, da wird's wohl noch Zeit haben bei mir«, gab er heiter zurück. »Der Ap'theker spricht manches, wenn er einen im Kopf hat. Er trägt immer so 'was bei sich, was er Haarsalbe nennt. Den Leuten dreht er's an, aber ich glaube, es ist Schwindel. Der Frau hat's auch nicht geholfen, als ihr die Haare ausgefallen waren.«

In diesem Augenblick schoß Gläser ein Gedanke durch den Kopf, der ihm wie die Lösung eines großen Rätsels erschien, über dem er lange gebrütet habe. »Wie kannst du von Schwindel sprechen, wie kannst du so etwas wagen, naseweiser Junge du!« sagte er durchaus ernst, so daß Emil das Lachen verging. Es gibt große Wundermittel in der Welt, die du Knipperling noch nicht begreifst, nur glauben muß man daran, verstehst du?« Verblüfft ließ er ihn stehen und schritt die Treppe hinauf, so daß die Stufen unter seinen schweren Tritten knarrten.

Man hatte die beiden für ein Ehepaar gehalten und ihnen ein geräumiges Zimmer angewiesen, das nach dem kleinen, dunklen Hof hinauslag, weil Gläser auf Billigkeit Anspruch machte. Fast schwarz starrten die schwindelnden Mauern, an deren Dachfirsten man nur ein Stückchen des trüben Himmels sehen konnte. Überall erblickte man noch die weißen, fest zugefrorenen Fensterscheiben, die erst vereinzelt abzutauen begannen. Im Zimmer war es noch kalt, trotzdem der Hausknecht sofort Feuer gemacht hatte. Nichts Erfreuliches sprach aus dieser Umgebung, aus den wenigen, nußbaumartig gestrichenen Möbeln, die alt und klapprig wie das ganze Haus waren. Das Öde der Fremde lag auf allem und ließ keinen warmen Hauch des Willkommens ausströmen. Es schien, als wenn das Schicksal der vielen Menschen, die jahrelang hier aus- und eingeflogen waren, noch schweigend sich bemerkbar machte, um jeden Neueingekehrten in einem dumpfen Bann zu halten. Die Tapete prahlte mit ihrem stumpfsinnigen Gelb, Nüchternheit prangte von der weißgetünchten Decke herab, und aus den Winkeln lugte grinsend die Unsauberkeit in verdächtigen Gestalten.

Anna saß weinend auf einem Stuhl; so wie sie ging und stand, hatte sie sich hingepflanzt, untätig harrend, bis er käme.

»Weinst du schon wieder?« fragte er kurz, weil er ihre Empfindung nicht teilen konnte.

»Muß ich denn nicht?« wandte sie ein. »Was soll ich auch besseres tun?«

Der plötzliche Einfall, den er unten bekommen hatte, stimmte ihn freundlich. »Aber so laß doch den Kopf nicht hängen, was hat es für einen Zweck? Jetzt sind wir doch hier«, sprach er begütigend auf sie ein. »Sieh', ich hab' mich schon darin gefunden, denn mir ahnt, daß wir's nicht wieder bekommen. Nun heißt's, von neuem anfangen, das wirst du einsehen. Ich werde mein Päckchen schwerer tragen müssen, als du, denn ich habe nun wieder für alles zu sorgen.«

Sie nickte verständig und seufzte nur. Er aber fuhr fort: »Hättest du nicht gleich wieder nach dem Gelde fragen können, als ich eingestiegen war? Dann hätte ich mich sofort auf die Beine gemacht. Sonst hast du mich fortwährend daran erinnert. Aber mit dem Kerl hast du geschwatzt und alles darüber vergessen. Ja, siehst du!«

Es war ihm eine gewisse Genugtuung, ihr diese Spitze zu versetzen, denn nun konnte sie denken, sie trage mit ihm die Schuld. Und einmal im Zuge, spielte er den Großmütigen und Verzeihungsvollen. »Möchtest du nicht auch wieder zurück, bis ich dich holen kann? Zu Hause wärst du besser aufgehoben.«

Sofort kam Leben in sie. »Nein, nein. Ich bleibe bei dir. Ich will arbeiten, soviel ich kann, nur verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!« Die dunkle Ahnung, er könnte sie nun nicht mehr haben wollen, in diesem großen Berlin, wo die Verführung winkte, packte sie so mächtig, daß sie sich ihm leidenschaftlich an die Brust warf.

»Ich meinte es ja nur gut«, redete er sich aus, plötzlich sich gehoben fühlend durch ihre hingebungsvolle Liebe. Was für ein Mann mußte er doch sein, wenn ein kerniges, hübsches Mädchen so bat und flehte! Und er küßte sie und redete ihr aufs neue gut zu, denn nun empfand er selbst die große Einsamkeit an diesem ersten Tage.

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