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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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24.

Diese Last trug er unsichtbar mit sich herum, auch dann noch, als die Tage sich auf die frische Erinnerung legten und die beflügelte Zeit ihn gnädig fortführte, immer tiefer hinein in den aufreibenden Kampf um das große Ich.

Herbst hatte ihm einen vernichtenden Schlag versetzt, ohne daß er den Urheber ahnte. Gleich nachdem er von Gläser an die Luft gesetzt worden war, begann er, gegen ihn zu wühlen, in der unlauteren Absicht, eine Annäherung durch klingende Münze zu finden. Noch immer konnte er sich nicht vorstellen, daß der Volksbeglücker allein ohne ihn fertig werden würde und daß das hübsche Paradies ein Ende haben sollte. Von Klothilde war nichts mehr zu erlangen, denn sie saß nun bei ihrer Mutter, und seitdem sie allen Glanz und zugleich auch den Wert der verbotenen Frucht verloren hatte, war ihr Nimbus für ihn fort. So lief er zu Gläsers Gegnern, brachte die Nachbargemeinde von Berlinend in Aufruhr und setzte sich wieder mit dem Börsenwinkelblättchen in Verbindung, mit dessen befreundetem Herausgeber er halbe Sache machte.

Gläser hatte verschiedene Mal geopfert, als er aber dann erfuhr, wer hinter der schmutzigen Schanze stand, erfaßte ihn starrer Ingrimm, und er erließ eine Erklärung, in der er deutlich auf die eigentliche Ursache zu diesen Angriffen hinwies. Er schuf sich aber dadurch nur seinen eigenen Pranger, denn sein alter Vertrauter wußte zu viel.

Als Herbst sah, daß auf diesem Wege nichts mehr zu erreichen war, wollte er wenigstens die empfangenen Schläge durch einen einzigen, gewaltigen Streich auf einmal zurückzahlen. Und er tat das, was Gläser am schwersten überwinden konnte: er ließ aus dem Andenken seines Sohnes ein schneidendes Memento mori entstehen, das als Flugblatt in die beteiligten Kreise flog und seinen Widerhall in der Öffentlichkeit fand.

»Der Mann ohne Gewissen« war das Schlagwort, das immer wiederkehrte, und an das sich liebliche Enthüllungen knüpften: wie man die Namen von Exzellenzen kaufte, wie man Moorgüter schacherte und das Geld für Anteilscheine einsteckte, um vergnügt zu leben. Gläser war als der moderne Erlkönig bezeichnet, der, schon das tote Kind im Arm, noch dem Volke vorschwatzte, er habe es siech und elend nach Berlinend gebracht, wo es gesundet sei. Aus den alten Weiden wurden Palmen, die Verheißung allen Dummen wedelten; statt der Hygiea tanzten nur die Irrlichter ihren Reigen, die die Gläubigen in den Sumpf führten, aus dem das ganze Leben des Gründers bestanden habe, auf dessen Siegesfahne nur das Wort Täuschung zu lesen sei.

»Schade um den jungen Mann«, sagte Konsul Lippert an der Börse zu Simsing, als er sich von seinem Schrecken erholt hatte. »Er schreibt wie ein Dichter, nur ist das Märchen nicht angenehm. Man hätte ihn halten sollen, er war auch bei uns. Soldrich aber war dagegen.«

»Zu seinem Nachteil«, erwiderte der Makler. Und leise summte er vor sich hin:

»Wo ist die Frau, wo ist die Frau?
Das ist das alte Lied.
Der Himmel ist mir nur noch grau,
Seitdem mich Thilde mied.«

Beide lachten und verschwanden im Gewühl.

Eines Morgens, als Berlin erwachte, war das Unglück geschehen. Die Volks-Garantie-Bank war in die Luft geflogen, mitgerissen durch den Zünder der »Bodenbeleihung«, und aus dem Krach, der weithin seinen Lärm verkündete, klang das Wehegeschrei der Verwundeten und das Heulen über die Zerschmetterten.

Ein Jahr lang hatte man sich noch gegenseitig über Wasser gehalten, war man groß gewesen im Vertuschen und Verdunkeln, bis dann die Mine nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Wie zwei Ertrinkende, die sich Hand in Hand retten wollen und schiedene Ufer sehen, hatte man sich selbst in die Tiefe gezerrt, wo an ein Emportauchen nicht mehr zu denken war.

Jammernd standen die Hinterbliebenen und sahen versinken, woran sie ihre Hoffnungen geknüpft hatten. All die Leichtgläubigen, die mit voller Tasche zu Gläser gelaufen waren, fühlten jetzt nur noch die leere, die nie mehr von ihm gefüllt werden würde. Auch der Ausblick auf Berlinend nutzte nichts mehr, denn da draußen waren schon längst die Mittel ausgegangen, und wo stolz ein großes Eden für die Ruhebedürftigen nach langem Kampf entstehen sollte, ragte die tote, erst halb fertige Stadt, nur kümmerlich bevölkert an gesunder Stelle.

Der Staat hatte eingegriffen und neue Bauvorschriften gemacht, die nicht mehr zu bewältigen waren. Gleich einem Landriesen, der unheilverkündend über den Boden kriecht, hatte man Berlinend erwürgt, und der Schmähruf »Typhusgegend« war der Sterbegesang, der ihn begleitete. Den Schausteller dieses unheimlichen Toten aber begann man zu steinigen. Ganze Vermögen hatte er verschlungen in blinder Gier nach Erwerb, achtlos der Schüsse, die dumpf knallen könnten, um das Weinen der Witwen und Waisen dem verklungenen Schall folgen zu lassen. Und man hörte und sprach von diesen Unglücklichen, die das rasche Ende dem langen Elend vorgezogen hatten, sah all die Trümmer des jähen Sturzes, dieses zerstörten Daseins vieler, die mit einem Hosianna den Hafen erreicht glaubten und nun durch den verbrecherischen Wagemut eines einzelnen wieder zurückgeschleudert wurden in das brandende, steinerne Meer mit seinen Untiefen und Riffen.

Der Sturm auf die Bank war vorüber. Man hatte Gläsers Villa mit Beschlag belegt, sein Haus, ganz Berlinend und all die fragwürdigen Reste seines Besitzes, deren Erlös kaum ausreichen konnte, einen Bruchteil der riesigen Schuldenlast zu decken. Seit drei Tagen suchte man ihn, denn plötzlich hatte man die Entdeckung gemacht, daß Depots von hohem Werte verschwunden waren. Als er hörte, daß man den Unterschlagungen auf der Spur sei, verlor er völlig den Kopf und dachte nur noch an die Flucht. Man glaubte, ihm nach der Provinz zu auf der Fährte zu sein, hatte aber nicht mit seiner Schlauheit gerechnet, die ihm selbst auf dieser Hetzjagd noch treu blieb. Wie er in Berlin einst das verkündende Paradies sah, so lockte es ihn jetzt mit seinen Schlupfwinkeln, mit all den verschlungenen Wegen, die er stets als Feldherr des Geldes auf seiner Karte gehabt hatte.

Er ließ sich den Bart abrasieren, legte sich eine Brille zu und durchirrte so, unkenntlich geworden, die Stadt, indem er unter falschem Namen bald hier, bald dort hauste, wartend auf die Gelegenheit, wo er seinen Verfolgern entgehen könnte. Dieser Mann, dem so viele Hundert anbetend zu Füßen gesunken waren, hatte nun, wo er aus der lichten Höhe des Erfolges in die schwarze Tiefe der Schmach gefallen war, keinen Freund mehr.

Zwei Wochen hatte er verstreichen lassen, währenddessen alles, was in den Zeitungen über ihn stand, von ihm verschlungen worden war mit dem Galgenhumor des verschlagenen Menschen, der sich überall auftauchen sieht und darüber lacht. Hatte man auch seine Truppe vernichtet, den Führer sollte man gewiß nicht zum Gefangenen machen. Was er zusammenraffen konnte, war von ihm eingesteckt worden, und so sehnte er sich hinaus in die Fremde, dorthin, wo neue Ziele seinem Ehrgeiz blühten. Nur eine Nacht noch wollte er im Häusermeer weilen, um es dann auf krummem Wege zu verlassen, getrieben von dem brennenden Verlangen, noch einmal Mutter und Schwester zu sehen, die stets reichlich von ihm bedacht worden waren.

Wenn er die Papiere eines anderen besitzen würde, so wäre die Möglichkeit vorhanden, sich bis in die Nähe seiner Heimat durchzuschlängeln, wo ihm die richtigen Pläne dann kämen. Anna fiel ihm ein, die wohl auch jetzt noch ein Herz für ihn haben würde und ihren Mann bewegen könnte, ihm beizustehen. Unter Dolinskys Maske würde ihm wohl auch diese Täuschung gelingen. Zwar waren sie ungleiche Menschen, aber doch Landsleute, was den Ausschlag gab. Er wußte, daß sie jetzt in der Stadt wohnten, in derselben Gegend wie früher.

In der Dämmerungsstunde schickte er einen Jungen mit einigen Zeilen zu ihr hinauf, der ihm bald die Nachricht auf die Straße brachte, daß sie am Abend zur bestimmten Zeit erscheinen würde. Er hatte sie nach dem »Gasthof zur Heimat« bestellt, wo sie einst gelandet waren. Wenn er dort unter falschem Namen einkehrte, so würde ihn niemand für so dumm halten, auf den Fang an dieser alten Stelle zu warten. Im letzten Augenblick noch hatte er ausgekundschaftet, daß andere Menschen dort ihre Wirtschaft trieben, andere Gesichter die Dienste taten.

Es war gegen neun Uhr, als Frau Dolinsky klopfenden Herzens bei ihm eintrat, um zu erfahren, was er wünsche. Sie hatte dieses Geheimnis vor ihrem Mann bewahrt, aus Furcht, er könnte zum ersten Male die Herrschaft über sie erlangen und etwas zum Schaden Gläsers unternehmen. Was sie tat, wollte sie schon mit sich allein abmachen. Der Zufall hatte ihn in dasselbe Zimmer gebracht, in dem sie sich bei ihrer Ankunft befunden hatten. Er erkannte es kaum wieder; sie aber sah noch alles am alten Platze, nur kümmerlicher und verblaßter, wie vor Jahren. Mit hängendem Kopf nahm er denselben Stuhl ein, auf dem sie einst geweint hatte. Sein Aussehen war völlig verändert, so daß sie jäh erschreckte, trotzdem er nun nicht die Brille trug. Er war grau geworden wie über Nacht und machte den Eindruck eines vernachlässigten Menschen, der auf sein Äußeres nicht achtet. Erschüttert fiel sie ihm um den Hals und begann, die Wange auf ihn gedrückt, leise zu weinen.

Flüsternd bedeutete er ihr, daß er hier nur als der Handelsmann Rabisch gelte, wie er ihr geschrieben habe, und daß sie sich nicht verraten dürfe. Obwohl sie ihn beruhigte und ihm sagte, daß sie den Zettel vernichtet und unter diesem Namen nach ihm gefragt habe, fuhr sie doch zusammen. Denn als sie unten die Gaststube betrat, um sich zu ihm führen zu lassen, war es ihr, als wenn in dem lauten Geschwätz eine bekannte Stimme an ihr Ohr dringe, die sich voll abhob von den übrigen Sprechern an den besetzten Tischen, wie die eines krakeelenden Weisen, der gern gehört sein möchte.

Sie sagte aber nichts. Als Gläser jedoch ihr scheu seine Absicht verriet, wehrte sie diesen Gedanken ab. Niemals könnte sie das tun, von ihrem Manne wäre nichts zu erlangen, denn er hasse und verachte ihn jetzt.

»Du bist immer so stark gewesen in deinem Leben«, raunte sie ihm zu mit der Kraft ihrer Seele. »Sei es auch jetzt. So viele Menschen hast du unglücklich gemacht, werde nun selbst wieder glücklich. Stelle dich selbst der Polizei, lerne büßen und fange frei ein neues Leben an. Dann erst kannst du vor deine alte Mutter treten.«

Er lachte sie unterdrückt an durch seine großen Zähne, wie er es früher getan hatte, wenn der Hohn die Gewalt über ihn bekam. »Also auch du, du? Und ich glaubte, du wärest anders als sie alle.«

»Ja, das war ich, ich habe es dir oft bewiesen. Denn lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun. Und ich habe manches um dich gelitten ... Ich will dich gewiß nicht verraten, du wirst schon weiter deinen Weg finden. Leb' wohl, du armer Mann.«

»Dann drehst du mir also auch den Strick«, preßte er gewöhnlich hervor.

»Oh, ich unschuldiges Weib, was kann ich dafür!«

Plötzlich horchte er auf, wie immer in der letzten Zeit, wenn Stimmen in seiner Nähe laut wurden, die ihn in Schrecken setzten. Unten sprach man durcheinander, so daß die unverständlichen Worte die schmale Treppe heraufdrangen. »Still, ganz still!« Er schlich zur Tür, die er verriegelte.

Die Angst trieb ihr den Herzschlag bis zum Halse. Sie dachte an ihren Mann, an ihre Kinder, an ihr ganzes eheliches Dasein, das durchschnitten werden könnte, wenn man sie hier fände und ihn fortschleppte in ihrer Gegenwart, diesen großen Menschentöter, der auch sie noch hinab in seinen wüsten Strudel ziehen wollte! Plötzlich, als sie ihn so stehen sah, Schweiß auf der Stirn, zusammengeduckt, den langen Hals hervorgereckt, das nun schmale Vogelgesicht fast entstellt, mit glanzlosem Ausdruck in den Augen, – da kam Mitleid über sie, das seltsame Mitleid in verstörten Gedanken. Sie nestelte unter ihrem Wintermantel und zog das treue Fläschchen hervor, das sie auf den Tisch legte, neben die große Flasche mit Wasser.

»Hier ist Gift drin. Ein bißchen genügt im Glas. Vielleicht, daß es dir Ruhe gibt«, stieß sie hervor, elender geworden als er selbst. »Leb' wohl und prüfe dich.«

War er stark, wie früher, so würde er es verschmähen; wurde er schwach, dann hatte er es verdient. Ihr Leben war durch ihn vergiftet worden, mochte er nun sehen, wie er mit sich fertig wurde. Sie knöpfte ihren Mantel wieder zu, und er sah noch, wie ihr Kreuzlein blinkte. Davon hatte er einst geträumt, als er hoch oben am Kirchturm hing, die gähnende Leere zu seinen Füßen! Und alles hatte sich erfüllt. Glaubenslos, nichts Göttliches achtend, war er zerschmettert in die Tiefe gesunken.

Aufs neue wurde es unten laut. Sie riegelte auf und ging hinaus, dann stolz und ungehindert die Treppe hinunter, in den kalten Winterabend hinein.

Man war ihm auf den Fersen, denn man hatte ihn erkannt. Nach einem Weilchen wurde an seine Türe geklopft. »Öffnen Sie! Man will Sie sprechen!«

Er spürte das Unheil, denn fortwährend lauschend, wußte er bereits, wer draußen stand. »Gleich, gleich, ich ziehe mich an!« gab er heiser zurück, ohne ihnen den Gefallen zu tun. Das Glas rieb sich leise an der Flasche, und das Wasser gluckste hinein. Dann wühlte er in seiner Brieftasche und trank mit vollen Zügen, heiß, und gierig, wie er alles im Leben verschlungen hatte.

Man stieß die Türe ein, fand ihn aber schon entseelt. Er lag auf dem Sofa, ein Bein auf dem Stuhl, das andere zu Boden hängend. Zwischen den Knöpfen der Weste steckte die Photographie seines Sohnes, den Kopf dem Herzen zugerichtet, das dem Ärmsten immer am nächsten war.

Das Zimmer füllte sich. Der ganze Gasthof lief herbei. Als die Kriminalbeamten dann die Neugierigen alle zurückdrängten und berieten, was nun zu tun sei, trat ein alter Mann herein, vertrunken und verludert, den mächtigen Kopf fast noch edel umwallt von den letzten weißen Strähnen. Und er schlotterte vor den Toten hin, betrachtete ihn lange mit der Ruhe des Philosophen, bis er dann seltsam lachte, in jenem Gemütszustand, der aus Strenge und Weichheit besteht.

Dann klang seine metallische Stimme, wie aus innen heraus.

»Siehst du, mein Jungchen, so sterben wir alle: allein mit unserm Gott. Sic transit gloria mundi! ... Ich wußte, daß ich dich noch wiedersehen würde. Ja, mein Jungchen! Ich habe deinen Lebensweg verfolgt, aber von ferne, wie der Seher, der die Menge meidet ... Komm' her, komm' her! Du hast mich einst geschlagen, ich aber will dir die Wange streicheln, auf daß du nach deinem Tode noch errötest. Denn es war dir im Leben so schwer geworden. Und die Augen will ich dir zudrücken, komm' her! Damit du die Krallen des Hasses nicht mehr siehst, die dich verfolgen.«

Und Dähne tat beides, mit Schnapstränen in den Augen, die seine Stimme nun umschlagen ließen. »Schlaf' wohl, armer Millionär! Großer Napoleon von Berlin, der du dieses kümmerliche Sankt Helena gefunden hast! Schlaf' wohl! Ich bete für dein Gewissen. Denn ich weiß, was es heißt, mit dem Gespenst auf dem Nacken ohne Heim herumzuziehen. Siehst du, mir erschien letzte Nacht auch wieder das tote Kind und winkte. Winkte! Winkte! ...«

Er schluchzte nun im Gedenken seines Trauerspiels, und man ließ ihn ruhig gewähren, da alle ihn kannten. Dann stieg er ins Delirium und rief nach dem neuen Pikkolo, der den Namen seines Vorgängers geerbt hatte: »Emil, mein Jüngelchen, wo bist du? Freund der Verlassenen! Erwärme mich durch einen Schneeluft; komm', zeige dein mildes Herz. Denn es ist kalt hier, die Schatten des Todes bringen Schauer ... Und ich will noch leben, will noch leben! ... Emil!«

Er mußte hinaus, denn man verschloß das Zimmer, nachdem man das Fenster geöffnet hatte. Und noch immer weiter redend, in demselben Trunkwahn, wankte er die Treppe hinunter, seinem Sofaplatz im Schankzimmer zu, ein König Lear der Apotheke ...

Draußen vor dem Gasthof stand die Menge, und unter ihr Anna, die nun hörte, daß Gläser ausgerungen hatte. Kein Gefühl der Reue durchzog ihre Brust, denn sie wußte, daß ihm wohler war, als ihr.

Der Februar neigte sich seinem Ende zu. Schnee lag noch auf dem Platz, nach dessen Mitte sie nun schritt, langsam und schwer, den Schmerz der Geprüften in den Gliedern. Und sie blickte noch einmal rückwärts dieser Herberge zu, die der Anfang und das Ende vom Liede war. Zum dritten Male stand sie hier verlassen, sinnend über den Wert ihres Geschickes.

Wie hatte Dolinsky in der kalten Nacht gesagt: »Wir kommen über das Gewissen nicht hinweg.« Und: »Alle Eroberer sind einsam gestorben.«

Hinter ihr lag der Bahnhof, auf dem sie angekommen waren. Ein Fernzug war eingelaufen. Neue Menschen tauchten beladen auf, fremde Gesichter spähten umher, würde dieser Winterabend den Hoffnungsvollen dasselbe bringen, wie ihnen beiden jener eisige Morgen?

Oh, dieses große Berlin mit seinem ewigen Auf und Nieder, mit seiner Freude und seinem Leid!

Sie nahm sich vor, Gläser das letzte Geleit zu geben. Und während sie fröstelnd hinwegging, fuhr sie mit der Hand über die feuchten Augen.

 

Verfaßt 1904

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