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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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22.

Der September begann mit Regen und rauhen Winden, die in Berlinend sich besonders bemerkbar machten. Fast schien es, als wäre dieses Stückchen Erde dazu ausersehen, die Menschen zu plagen, statt sie zu erfreuen. An warmen Tagen peinigten die Mücken, und sobald es kühl wurde, durchzog dumpfer Geruch die Luft, der aus dem Boden drang.

Früher als sonst sehnte Klothilde sich nach der Stadt, denn man hatte sich diesmal die Sommerreise geschenkt. Von Gläser war bereits der Plan dazu gemacht gewesen, als der Krankheitsherd auf Station Jauche sich wieder zeigte. Rasch waren die Ausschachtungsarbeiten auf der Sumpfwiese eingestellt und die Leute abgeschoben worden, denn mit der Vertuschung konnte es nicht weiter gehen. Man hoffte auf einen milden Winter, der dann die Aufnahme dieser Arbeit wieder gestatten würde. So schob Gläser auch schließlich den Umzug solange als möglich hinaus, um nicht den Gedanken an Flucht aufkommen zu lassen. Denn solange die Villa des Beherrschers noch bewohnt war, mußten die Lästerzungen ruhen.

Klothilde hatte sich wacker gehalten, aber mit der künstlichen Gewalt der Frau, die die Berührung mit dem Geliebten nur fürchtet, um nicht aufs neue schwach zu werden. Sie hatte Herbst vergeben, denn der ersten Beteuerung waren neue gefolgt, die ihr heißes Blut wieder in Wallung brachten. Aber niemals mehr wollte sie seine Wohnung betreten, die ihr seit jenem Tage entheiligt erschien. Zweimal war der Drang über sie gekommen, ihn in dem stillen Winkel der Konditorei zu sprechen, und jedesmal hatte sie seinen heißen Beteuerungen geglaubt, daß er frei wie früher sei und nach dem ersten ungestörten Druck ihrer Lippen schmachte. Und ruhig hatte sie ihm wieder geopfert, schwach wie eine gewöhnliche Dirne, die den Verrat des Beschützers fürchtet. Ein neues Nestchen wollte er sich bauen für den Winter, in einer Gegend, wo keine Spur sie mehr an die unangenehme Überraschung in der Luisenstraße erinnern sollte. Und sie ließ sich die Hand streicheln und schloß wie berauscht die Augen, heimlich in dieser Aussicht schwelgend, beruhigt durch den Gedanken, daß Gläser ahnungslos wie immer sei.

Drei Tage vor dem Umzug, am Abend, als die Sonne einen kurzen Regenschauer durchwärmt hatte und nun in gelbem Glanze über dem Horizont stand, drängte es sie hinaus ins Freie, um gleichsam hier draußen, bevor die Winterfreuden im lustigen Berlin sie auf Monate hindurch dieser jungen Landhausstadt, die bereits etwas Greisenhaftes hatte, entfremdete. Sie kam auf den Gedanken, Viktor mitzunehmen, und so mußte Franz den Wagen mit den Ponys vorführen. Es machte sich gut. Fräulein Leseur war in Berlin und Gläser wurde ebenfalls dort spät zurückgehalten.

So fuhr sie also los, ohne Kutscher, hinaus auf die Chaussee, um dann hinter den verlassenen Baracken den breiten Landweg zu nehmen, der fast ganz um Berlinend herumlief.

Noch einmal hielt Klothilde große Abrechnung mit sich, denn am andern Tage, mittags, hatte sie sich mit Herbst zu einer Zusammenkunft in der Berliner Wohnung verabredet, zum ersten innigen Liebesaustausch seit Wochen. Sie würde einige Stunden allein dort sein; dann wollte sie ihren Mann abholen, um zum letzten Male mit ihm in dieser Zeit außer dem Hause zu speisen. Und so tat ihr diese Fahrt wohl, denn den ganzen Tag über hatte ein Zittern in ihren Gliedern gelegen, das sie sich nicht erklären konnte. Sie war doch sonst so fest gewesen, wenn sie, die Krone der Schlauheit auf, von Begierde zu Genuß taumelte!

Lange hatte sie nicht die Arbeiten an der entlegensten Stelle verfolgt, und so lenkte sie in das Baugelände ein, zwischen den Wiesen hindurch, auf denen ein Nebelschleier lag, der auf und ab wogte, gleich dem zerzausten Haar alter Sumpfhexen, die zum Dämmerungstanz aus dem Boden steigen. Einmal zog sie die Zügel an, eingedenk des Schreckens, der sich von hier verbreitet hatte. Dann aber fuhr sie weiter, mit jenem wilden Trotz, der den Gefahren spottet. Die Freude des Jungen lockte sie, der mit seinem »a, i, o« nach rechts und links deutete, als hätte er ein Wundermeer vor sich, dessen Anblick sein ganzes Gemüt erfülle.

»Nicht wahr, das ist schön«, sagte sie und hüllte ihn fester in sein Mäntelchen ein.

Die Sonne sank rotgelb unter und ließ ihr schwefelfarbiges Licht über diesen Erdendunst gleiten, der wie der Himmel einer verkehrten Welt leuchtend im stillen Zauber lag.

Langsam gingen die Pferde weiter; leise schnaubend, als schwarze Schlünde tief sich dehnten, aus denen der Geruch des Moders drang. Lichter war hier der Nebel, gleichsam wie eine Luftbrücke, die das Auge täuschen sollte.

»Pfui, wie riecht es hier!« rief Klothilde aus und knallte mit der Peitsche. Sie wollte umkehren, aber es gab keine Gelegenheit zur Wendung. Erst drüben, wo die Dächer der Baracken wie im Nebel schwammen, mußte der Platz liegen, den sie suchte. Plötzlich aber, als sie ihn erreicht hatte, blieben die Pferde stehen, denn eine Balkenwehr versperrte den Zugang. Sie lenkte rechts ein, wo Räderspuren hinauf zur Höhe gingen. Angstvoll stieg sie ab und führte die Pferde, die über den glatten Boden schwer den Wagen zogen. Und als sie Schritt für Schritt vorwärtstappte, erfaßte sie Grauen bei dem Gedanken, sie könnte den richtigen Weg nicht finden und von der Dunkelheit überrascht werden. Denn schon war die Sonne gänzlich gesunken, zeigte der Himmel seine bleiche Abendstirn, die fahlen Glanz verbreitete.

Es wurde kühl, Feuchtigkeit legte sich auf die Kleider und häßliche Dämpfe drangen aus der Tiefe. Um sich selbst zu beruhigen, plauderte sie laut mit Viktor, sprach auf die Ponys ein und dachte dabei an die Nacht, an Gläser und an den Geliebten. Plötzlich, als die Furcht ihr die Tränen ins Auge gedrängt hatte und sie das graue Meer immer dichter vor sich sah, das kein Ende nehmen wollte und in Schwaden in die sumpfige Tiefe zog, kam ihr der Einfall, ihr ganzes Leben gliche diesem Nebel, in dem sie sich für immer verirren würde.

»Viktor, bist du noch da? Halte aus, mein Liebling, bald sind wir auf dem richtigen Weg.«

Still saß er auf seinem Plätzchen, ahnend das Schlimme, in das man sich hineinbegeben hatte. Fröstelnd erhob er nun den Arm, um sie zu trösten, »a, i, o – a, i, o?«

»Schön, mein Herzchen. Ängstige dich nicht, gleich sind wir hier heraus.«

Riesenhaft groß wuchsen die Baracken plötzlich aus dem Nebel. Der Wagen blieb stecken. Hellen Angstschweiß auf der Stirn, hob Klothilde den Jungen heraus und ließ ihn ein Stückchen an ihrer Seite trippeln. Dann aber, als sie die verkohlten Herdfeuer erblickte, schöpfte sie wieder Mut. Der Boden war fest. Ein breiter Weg führte vorn vorüber, auf den sie glücklich den Wagen brachte. Die Tiere schüttelten sich, wieherten laut und zerrten an ihrem Halfter. Alle fromme Ruhe hatten sie verloren, und es war, als witterten sie die Stätten des Todes, deren offene, schwarze Fenster wie leere Augenhöhlen starrten.

Der Wind hatte sich erhoben und schlug irgendwo eine Luke zu. Ein loses Brett knarrte leise und hohles Summen ging herum, das in hellem Pfeifen erstarb. Der Herbststurm nahte und fuhr um die Ecken und über die Dächer, wo er sich zu säuselnder Melodie brach. Fast hörte es sich an, als säßen da drin noch einige Verlassene und stimmten klagend ihre polnischen Lieder an.

»Hinweg, hinweg!« hallte es in Klothildes Innern. Als sie sich umblickte, war Viktor verschwunden. Während sie sich das Kleid aufsteckte, hatte ihn die Neugierde des unwissenden Kindes durch die offene Tür hinein in die nächste Baracke getrieben. Laut rief sie nach ihm, und als sein Stammeln zurückdrang, schrie sie entsetzt auf: »Wirst du kommen, wirst du kommen! Unart, du! Dort drin gibt's Gespenster ... Rasch, rasch!« Nochmals rief sie, und als Viktor trotzdem nicht kam, band sie die Leine an den Wagen und folgte ihm, um zu sehen, was er treibe.

Stockige Ausdünstung drang ihr entgegen, die selbst die frische Herbstluft noch nicht hatte verdrängen können. Man roch noch die armen Leute, ohne daß man sie sah. Die wüsten Reste einer verlassenen Häuslichkeit lagen umher, arglos weggeworfen, von den Elendesten der Niedrigen: leere Schnapsflaschen, Kleidungsfetzen, zerdrücktes Blechgeschirr, Lumpen und zerrissene Stiefel. Halb verfaultes Stroh ragte aus tiefen Gruben, die in warmen Nächten Kühlung gegeben hatten. Aus Steinen hatte man einen Herd gebaut, der, nun zertrümmert, wie Sprengwerk den Boden bedeckte. Glassplitter leuchteten in dem kümmerlichen Lichtstreifen, der durch die Luken fiel. Zertretenes Gras war die Diele, die den Tritten nachgab auf schwankem Grunde. Denn unten lag der Tod, der seine Keime in die Höhe sandte.

Klothilde traute sich nicht weiter, denn unter diesem niedrigen Dach, das der Kopf berührte, schwand ihr fast der Atem. Halbtiere mußten in diesem schmutzigen Käfig gehaust haben, fremd jedem menschlichen Glück.

»Komm' heraus, sofort, rühr' nichts an!« rief sie zornig Viktor zu, als sie sah, wie er harmlos umherwackelte, alles klug beäugte und mit seinem Stöckchen auf dies und jenes stieß.

Er begriff ihre Angst nicht, versuchte zu lachen und erwiderte mit seinen armseligen Lauten, die ihr schon längst verständlich geworden waren. Er wollte ihr mitteilen, was das alles sei, ohne es sagen zu können. Was sie widerlich fand, erweckte seine Freude, ihm noch wert genug, es zu berühren. Sie merkte es: ein wohlgepflegtes Tierchen schnupperte hier herum und ergötzte sich an der Hinterlassenschaft der großen, menschlichen Bestien.

Plötzlich, als er sich wieder bückte, verloren die unsicheren Beine den Halt; er glitt aus und fiel in eins der kalten Erdbetten, hinein in das schwarz gewordene Stroh. Vor Freude wieherte er förmlich, sie aber schalt ihn nun ein Ferkel. Und als er nicht die Kraft fand, wieder hinauszukriechen, mußte sie ihre Zurückhaltung aufgeben und ihm behilflich sein. Der feuchte Schmutz klebte an ihm, der ihren Ekel erweckte. »Pfui, pfui!« stieß sie hervor und gab ihm einen leichten Klaps, ohne daran zu denken, daß sie ihn hier hergebracht hatte.

Wenn er gescholten wurde, zeigte sich seine Wut, denn er war an die Zärtlichkeiten seines Vaters gewöhnt. Er krümmte sich und stemmte sich auf den Stock, sie aber zerrte ihn mit Gewalt nach draußen, wo die Ponys sich gemeldet hatten.

Der Sturm heulte jetzt und machte die dünnen Wände erzittern. Es sang und stöhnte an allen Ecken, denn der Herbst stimmte das große Sterbelied der Natur an, die sich nach den kalten Armen des Winters sehnte. Das lose Brett knarrte nun schärfer und die kleinen Fensterflügel fielen schallend zu. Es pfiff und jammerte, als wollten die Geister der hier Abgeschiedenen sich drohend melden.

Große Regentropfen schlugen hernieder und tropften klatschend auf das geteerte Dach. Wie graue Säcke hingen die Wolken am Himmel, aber der Nebel war nun vertrieben und wälzte sich nur noch schwach hinten auf der fahlen Wiese. Ein einziger heller Streifen umsäumte den Horizont, wo der Tag noch einmal grüßte. Von fern her winkten die ersten Lichter der Häuser, die Klothilde die Richtung gaben. Nun sah sie die breite Fahrstraße vor sich, die, über Holzbrücken hinweg, hinein ins menschliche Leben führte.

»Jetzt nach Hause, mein Söhnchen, damit uns der Schmutz abgewaschen wird. Sie sollen auslegen, unsere lieben Braunen.«

Und sie hob Viktor wieder in den Wagen, nahm Platz neben ihm und kutschierte los, auf kreischenden Rädern, erst langsam und bedächtig, dann im Trab, vorbei an den Schlünden, aus denen noch immer die üblen Düfte stiegen, nun aufgerührt vom Sturme, der den Pferden in die lange Mähne fuhr.

Hinter den Erdwällen wurde es ruhiger, sicherer rollte der Wagen dahin, aber Klothilde sah sich nicht mehr um. Denn es war ihr, als sähe sie noch immer die leeren Fensterhöhlen und röche noch immer den Verwesungsduft, der dort hinten das ganze Land durchzog. Wieder zu Hause, lachte sie über sich selbst, und als Fräulein Leseur, die schon angelangt war, sie fragte, wo sie gewesen sei, scheute sie sich, die Wahrheit zu sagen. Viktor konnte nicht plaudern, und so erschien es ihr besser, ihrem Manne keine Ursache zum Zank zu geben.

Am anderen Tage war Gläser früh aus den Federn. Bis Mitternacht hatte er in seinem Arbeitszimmer gesessen, um all die Dinge aufzuhäufen, die den Weg mit nach Berlin machen sollten. Dann aber war sein Schlaf nebenan nur ein leichter gewesen, denn gegen Morgen hatte sich nochmals ein fürchterlicher Sturm erhoben, der das Haus mit Höllenlärm umtobte. Gleich nach dem Aufstehen packte er mit dem Diener stundenlang ganze Ballen zusammen und ließ sie in Kisten unterbringen. Als dann die Morgensonne lachte, ging er in den Park, um die Verwüstungen zu betrachten, denn das Knacken in der Nacht hatte kein Ende nehmen wollen.

Er stieß auf Fräulein Leseur, die ihm Viktor brachte. Sofort erhob der Junge den Arm und deutete nach dem freien Felde hinüber, versessen darauf, sich verständlich zu machen.

»Was will er denn?« fragte Gläser, als all sein Forschen erfolglos blieb.

Sie zuckte mit den Achseln und meinte, daß er sie bereits den ganzen Morgen damit gequält habe. Sie wisse überhaupt nicht, was mit ihm sei, denn auch während der Nacht habe er diese Unruhe gezeigt und sich hin und her gewälzt.

Gläser lachte, denn er dachte sich nichts Böses. Bei solchem Unwetter solle der Mensch wohl schlafen, die Toten hätten sich ja melden müssen! Dann aber, als Viktor ihn am Rock faßte, folgte er ihm willig, hinüber zu den Ställen, wo der Kutscher dabei war, die Rappen zu schirren. Neugierig ging er mit dem Jungen in den großen, fest gebauten Schuppen, wo gleich am Eingang der kleine Wagen stand, so wie man ihn am Abend vorher hineingeschoben hatte. Viktor zeigte auf den Sitz und machte die alte Bewegung, jetzt aufgeregt, wie ein unwilliges Kind.

»Willst du fahren?« fragte Gläser heiter, denn nun glaubte er ihn zu verstehen. Und zum Scherz hob er ihn hinein, aber er sträubte sich, schüttelte mit dem Kopf und stieß immer ärgerlicher seine Kehllaute hervor. Plötzlich, während Gläser schon im Begriff war, ihn wieder herauszunehmen, ging seine Aufmerksamkeit einem zusammengefalteten Papiere zu, das auf der Strohmatte lag.

Gläser nahm es neugierig und riß den beschmutzten und zerknitterten Streifen auf. Dann las er die zwei Zeilen: »Ich bin bestimmt um zwölf Uhr Viktoriastraße. In Sehnsucht Oskar.« Sogleich reimte er sich alles zusammen, denn dort war sein Haus, und gerade heute, um diese Zeit, hatte Herbst in jener Gegend zu tun. Zuerst war er verblüfft, denn er glaubte, dieses trostlose Kerlchen vor ihm habe die Sinne eines Weisen. Dann jedoch, als er sah, daß das nur die Folge eines Zufalls sei, rief er dem Kutscher zu: »Ist der Wagen gestern gebraucht worden? Der Schmutz klebt ja noch daran.«

»Ja. Frau Direktor sind gegen Abend ausgefahren. Es hatte nachher geregnet. Gnädige Frau haben selbst kutschiert.«

»Richtig, richtig«, sagte Gläser, der sich nichts merken lassen wollte. Keinen Augenblick dachte er daran, daß Viktor dabei gewesen sein könnte. Nun verstand er den Jungen, der endlich freudig nickte, erlöst von seinem Unbehagen. Zwar tippte er auf sich, um damit anzudeuten, daß er auch dabei gewesen sei, aber Gläser legte es nach seiner Weise aus.

»Ja, ja, du sollst auch wieder fahren, aber in Berlin«, sagte er und ging mit ihm nochmals in den Park, denn er brachte es nicht über sich, sogleich ins Haus zurückzukehren.

Etwas Furchtbares wühlte in ihm, das er jetzt; wo er die Wahrheit in Händen hielt, kaum noch bändigen konnte. Und er bedurfte der Beherrschung, um sich nicht zu verraten. Ganz hinten lag eine zersplitterte Eiche, quer über ein Rondell, wo die Wege sich kreuzten. Er setzte sich auf eine Bank und zog den Jungen an seine Brust. Er herzte und küßte ihn und sprach immer dasselbe: »Oh, du mein armes Kind, du mein armes Kind!« Aber er bedauerte dabei sich selbst. In diesen Minuten hätte er sein Leben hingegeben, um ein Wort der Teilnahme aus diesem zarten Schelm herauszupressen. Während er dann die Spinnenfinger an seine Lippen drückte, fühlte er kaum, daß sie auffallend heiß waren. Und er sah nicht, daß die Augen einen seltsamen Glanz hatten, der aus einem hitzigen Innern kam. Immer wieder glitten seine großen Hände über den Kopf, über die Wangen und über die dünnen Ärmchen hinweg. Er wußte nicht, was alles in seinem Hirn kreiste, als er aber die zerstörte Eiche anglotzte, deren morsche Teile wild herumlagen, verglich er sie mit seinem jämmerlichen Zustand. Und plötzlich erblickte er alles um sich herum so zerfallen, niedergeworfen von einer drohenden Riesenhand, die sein Unheil wollte. Es war wie ein unseliger Traum, der ihn offenen Auges in seinem Bann hielt und ihn in sternenlose Nacht führte.

Lange saßen sie so schweigend, denn auch Viktor verhielt sich still, ruhig geworden durch eine Ermattung in seinen Gliedern. Gläser ließ seiner Einbildung die Zügel schießen. Er malte sich aus, wie Klothilde während der Fahrt den Brief hervorgeholt haben konnte, um ihn noch einmal zu lesen und ihn achtlos zu verlieren. Dann aber richtete er sich langsam und entschlossen auf. Diese alte Eiche war hohl gewesen, er aber hatte noch die volle Kraft des Mannes, der mit Bewußtsein auf den Füßen stand! Wie er sich das Glück aus dem Boden gestampft hatte, so wollte er weiterschreiten, gleichgültig, wen er dabei zertrat. Und sollte es auch diejenige sein, deren Schoß dieses Menschenpflänzlein entsprossen war.

»Du bist gestern noch spazieren gefahren?« fragte er nach zehn Minuten Klothilde, die bereits fix und fertig zum Aufbruch war.

»Ja, ich hatte große Lust«, erwiderte sie ruhig. »Ich fuhr die Chaussee hinunter, bis zum Dorf, dann regnete es aber tüchtig. Und Viktor war mit.«

»Ei, ei, davon also wollte er sprechen«, fiel er ein. »Man versteht ihn ja niemals.«

»Er freute sich diebisch«, fuhr sie fort.

Gläser zwang sich zur Heiterkeit. »Das kann ich mir denken, er zehrt ja jetzt noch davon ... Ihr seid wohl hübsch naß geworden?«

»Na, es ging. Ich kehrte bald um.«

»Es war etwas leichtsinnig von dir, dich ohne Kutscher aufzumachen. Dort unten treibt sich immer Gesindel umher.«

»Du weißt doch, ich habe keine Furcht«, gab sie zurück.

»Nein, die hast du nicht, – wahrhaftig nicht!« rief er lachend aus, aber es kam ihm seltsam aus der Kehle. Er konnte sie nicht mehr ansehen, denn ihr weißer Hals lockte ihn, und dazu die roten Lippen und die großen, lüsternen Augen. Er wußte nicht, sollte er sie küssen oder erwürgen. Und so ließ er sie auf der Veranda stehen und ging hinein, noch einmal die Wendeltreppe hinauf. Auf halbem Wege machte er halt und krampfte die Hände. Der Junge hatte an ihrer Seite gesessen, ahnungslos, daß ihre Seele von Sünde und Verrat erfüllt war, und hatte den Vater an den Wagen gelockt und in seiner Reinheit auf die Schuld der Mutter hingewiesen. Was für ein grausames Spiel das Leben schuf, in dem die tausend Rätsel walteten!

Sie fuhren zusammen nach Berlin, nachdem der Wagen sie bis zur Bahn gebracht hatte. Gläser vertiefte sich in seine Zeitung, und Klothilde sah zum Fenster hinaus. Als sie in der Stadt waren, wußte er nicht, was er gelesen hatte, und sie hätte nicht behaupten können, irgend etwas gesehen zu haben. Wie ein zufriedenes Ehepaar stiegen sie aus. Gläser bekam plötzlich den Einfall, auf ein paar Minuten mit nach der Viktoriastraße zu gehen, wo er vor kurzem eine Wand hatte durchbrechen lassen. Klothilde heuchelte Freude darüber, denn steckte er jetzt seine Nase in die Wohnung, so war nicht zu befürchten, daß er unvermutet später auftauchen würde.

In dem zweistöckigen Hause, das wie ein kleines Palais hinter dem Vorgarten lag, war alles blank und sauber. Die verschlossenen Fenster hatten ihre blinkenden Augen wieder aufgetan, in deren Breite das Straßenbild sich spiegeln konnte. Acht Tage lang war die frische Luft durch die glänzenden Räume gegangen, in denen man gründlich abgestaubt hatte. Gläser besichtigte alles. Er ließ seine Frau vorn und ging mit dem Gärtner, der zugleich Portierdienste verrichtete, in dem kleinen Wintergarten, der sich im Parterre an der Einfahrt bis tief nach hinten zog, in der Ecke mit einer mächtigen, gebogenen Scheibe abschloß und einen blühenden Erker bildete. Auf dieser Seite lag das Haus frei, wie hineingeschoben in einen Park, der prächtige Bäume zeigte. Unten waren die Gesellschaftsräume, oben wohnte man.

»Schön, schön, Sie haben alles gut besorgt. Also morgen abend sind wir hier«, sagte Gläser, benutzte dann aber die Gelegenheit, den Schlüssel der kleinen Tür abzuziehen, die hinten nach dem Garten führte und von innen verschlossen war. Das Küchenvolk ging hier aus und ein, sobald es nach einem schmalen Hofe wollte, der links hinter einer hohen Holzwand lag.

Dann verabschiedete er sich von Klothilde. »Also um halb drei, komm 'aber nicht später, wir wollen früh hinaus.«

»Nein, nein. Ich bin dann längst fertig mit meinen Besorgungen.«

Sie hatte ihm von Einkäufen vorgeredet, die sie noch zu machen habe. Jetzt sei es noch nicht zehn, um zwölf Uhr würde sie von hier fortgehen können. Er nickte und ging, um sich an der nächsten Straßenecke eine Droschke zu nehmen, die ihn durch den Tiergarten führte.

Das Laub war gerötet, milder Sonnenglanz durchflutete diesen herbstlichen Farbenrausch, der das Auge labte. Gläser jedoch ließ alles achtlos an sich vorübergleiten. Das Wort »Einkäufe« klang ihm noch in den Ohren und brachte ein verzerrtes Lächeln hervor. Am Tage vorher hatte er zufällig erfahren, von wem die Silbersachen für seinen Sekretär gekauft waren. Und schon längst wußte er, daß Herbst sein Mädchen durchaus nicht abgeschoben hatte, sondern nach wie vor mit ihr vergnügt das Stockwerk teilte. Einmal lachte er vor sich hin, denn Klothilde erschien ihm wie die dreifach Betrogene, während er es nur einmal war. Er begriff sie nicht, die damals aus Überzeugung das Wort Filou auf ihren Geliebten angewendet hatte und ihm doch wieder tributpflichtig wurde. Diesem Windhund, diesem Windhund! Daß er ihn erst laufen lassen mußte, bevor er ihm ans Fell konnte! Aber es ging nicht anders, denn ein guter Jäger stellte sein Wild.

Noch vor dem Brandenburger Tor begegnete er Simsing, einem bekannten Fondsmakler, der, wenn ihm das Glück hold war, seine hundert Mille jährlich einbrachte. Er ließ das kleine Männchen mit dem klugen, frischen Gesicht, in dem sich der Mund stets zu einem Witz spitzte, einsteigen, um ihn ein Stück Weges mitzunehmen.

»Wissen Sie schon, daß die Türken aus der Erde kommen?« begann Simsing sofort.

»Gewiß. Wenn sie Bohnen sind ...« erwiderte Gläser trocken. »Das habe ich schon als Schuljunge gewußt.«

»Sie kann man aber auch gar nicht 'reinlegen«, fuhr der Makler gemütlich fort. »Sie tun es lieber mit anderen.«

»Schöne Sache«, sagte Gläser gleichmütig. »Was gibt's sonst Neues?«

»Daß Ihr Leib- und Magen-Syndikus für Privatzwecke, – heißt er nicht Referendar Herbst? – halsbrecherische Differenzgeschäfte macht, die er nicht zahlen kann. Halten Sie den jungen Menschen im Zaum, wenn Sie es noch nicht wissen sollten. Er liegt mit fünfzehn Mille drin. Aber Sie werden wohl gut für ihn sein.«

Gläser spitzte die Ohren und ließ die kleinen Augen spielen, geriet aber nicht in Verblüffung, weil es sich um seinen Vertrauten handelte. »So, so«, stieß er zwischen seinen Hauern hervor. »Na, das wird er wohl verschmerzen können. Aber ich will ihm doch einen Wink geben.«

»Lebt sehr flott, der junge Mann, hält sich eine kostspielige Mätresse«, fuhr Simsing fort, der ohne Schwatzen nie auskam.

Gläser brachte ein Lachen hervor, das er aber halb verschluckte. »Weshalb soll er nicht? Das tun selbst Fürsten, und mein Sekretär bekommt ein fürstliches Gehalt.« Wie gewöhnlich schnitt er auf, aber so etwas wirkte immer nach außen hin. »Haben Sie sonst noch was auf der Pfanne?« fuhr er dann fort, nachdem der Kleine ein »so, so« eingestreut hatte. Wiederholt war er von rechts und links begrüßt worden, und so stieg seine Laune, trotzdem es ihm schon leid tat, diesen Herrn Geradeaus eingeladen zu haben. Wer konnte wissen, ob er nicht noch auf seine häusliche Schande anspielen würde!

»Die ›Bodenbeleihung‹ macht schlechte Geschäfte«, sprach Simsing weiter und rieb sich die Nase. »Haben Sie schon Ihr ganzes Heu 'rein? Dann sorgen Sie bald dafür. Ich habe gehört von dem neuen Arrangement. Und gesprochen sollen Sie haben! Ritzner sagte es mir. Der ganze Aufsichtsrat verlor die Hosen. Hübsches Bild, was? Schenke ich Ihnen.«

Er lachte, daß die Goldplomben seiner Zähne sichtbar wurden, und Gläser, im Augenblick geschmeichelt, geriet ebenfalls in Heiterkeit. Dann aber wurde er rasch ernst, denn der Makler fuhr fort, ihm Aufschlüsse zu geben. Die ›Bodenbeleihung‹ habe gewissen persönlichen Freunden des ersten Direktors ein Konto eröffnet, das hübsche sechsstellige Zahlen ausmache. Und auf Tilgung sei schwerlich zu hoffen, denn der eine Intimus übe sich schon im Dallestanz, um auswärts Gastspiele zu geben. »Guter Witz, wie? Schenke ich Ihnen.« Abermals leuchteten die Zähne, während die Finger über den glänzendschwarzen Schnurrbart glitten; dann berührten sie flüchtig die Brillantnadel der Krawatte, um sich von ihrem Vorhandensein zu überzeugen.

Bei der außerordentlichen Generalversammlung werde die Sache zum Klappen kommen, denn Bankier Leberheim stehe schon den ganzen Tag vor dem Spiegel und halte seine Rede vorher. Wenn der 'mal den Mund aufreiße, dann mache er ihn auch so bald nicht wieder zu; es ziehe dann von allen Seiten. Das Unglück für die Bank sei die Fusion mit der ›Provinzial-Hypotheken‹ gewesen, die die Bilanzen verschleiert habe, um bei dem Übergang recht viel herauszuschinden. Jetzt komme das dicke Ende nach und die ›Bodenbeleihung‹ müsse sehen, wie sie fertig werde. Der Hauptschuldige sei gestorben, und man könne als sicher annehmen, daß Kommerzienrat Soldrich die ganze Verantwortung zu tragen haben werde, denn verwandtschaftliche Beziehungen hätten da eine Rolle gespielt.

Gläser horchte auf, denn obwohl über diese Dinge genug herumschwirrte, war ihm eine ähnliche Deutlichkeit noch nicht zu Ohren gekommen. Sofort aber bekam er das nötige Pflästerchen auf die Wunde, indem ihm Simsing gemütlich auf die Hand klopfte und ihn mit seinem berühmten Gesichtskniff zu loben begann: »Sie sind der Mann, auf den man hofft, denn Sie sind gut für zwanzig Millionen. Ideen, Ideen muß man heute haben! Eine Idee kann alt sein, wenn sie nur hübsch aufgarniert wird. Guter Vergleich, wie? Schenke ich Ihnen ... Gibt's denn überhaupt was Neues? Die Sauce macht den Braten erst schmackhaft. Na, und Sie begießen ihn ordentlich. Daß er schwimmt! Das Garnieren, das verstehen Sie! Heißt 'ne Sache. Sie stecken die ganze Bande in die Tasche ... Haben Sie gesehen, wie das Mädel mich eben anlachte?« unterbrach er sich. »Kunststück! Hübscher Kerl, wie ich! ... Die ›Bodenbeleihung‹ glaubte Ihnen zu kommen, und Sie kommen ihr doch eigentlich. Das ist der Witz ... Guten Tag, guten Tag, mein Kätzchen!« lenkte er abermals ab und lüftete den Hut gigerlhaft mit emporgezogenem Arm. »Ramschen Sie doch die ganze Gesellschaft«, fuhr er dann fort. »Aufsaugen, aufsaugen, das ist die Losung des Tages! Es laufen so viele kleine Pintscher herum, die uns unter die Beine kommen und am Gehen hindern. Es fehlen die Köter, die sie wegbeißen. Sie können's, denn Sie haben Zähne.« Und unwillkürlich dachte er an die Hauer Gläsers, die bereits sprichwörtlich geworden waren ... »Sehen Sie doch, da geht Süßler. Was der für einen Kaftan trägt. Ich glaube, er läuft mit schiefen Absätzen herum. Vor zwei Jahren fuhr er noch auf Gummi. Jetzt lumpt er in allen Cafés. Ich guck' weg, er war mir immer ein unangenehmer Mensch. Kein Rückgrat! Sein Vater hat mit alten Kleidern gehandelt, und er trägt sie jetzt.«

Sie waren Unter den Linden angelangt. Und Simsing schwatzte weiter in seiner Weise, weltüberlegen und kokett, bald in geschäftliche Dinge tauchend, dann sich wieder in Witzen ergehend, wobei er das schöne Geschlecht, das vorbeiströmte, nicht vergaß. Den Fuß im Lackstiefel auf den gegenüberliegenden Sitz gelegt, die zierliche Gestalt fast verkrümelt neben dem wuchtigen Gläser, lachte er in den klaren Herbsttag hinein, mit der Unverwüstlichkeit des reichen Junggesellen, der das Auf und Nieder der Tausendmarkscheine kennt und, sie leicht verdienend, sie auch leicht wieder auszugeben vermag. Ja, diese Banken, diese Banken, die das Geld immer rollen lassen mußten! Sie seien mit den Mietskasernen zu vergleichen, die man in sechs Wochen zusammengekittet habe. Ein Haus halte nur das andere, und reiße man eins mitten in der Straße ab und stütze nicht die Wände der anderen gehörig, so falle die ganze Chose zusammen. Nur der Effekten-Verkehr sei das eigentlich Wahre, das Solide, das Reinliche, einfach das Staatserhaltende!

Es war immer dasselbe Lied, das er pfiff, weil er es hübsch eingeübt hatte. Als sie aber bei Kranzler angelangt waren, wo er aussteigen mußte, gab er dem Gespräch plötzlich eine Wendung. »Übrigens, hören Sie mal, – es war nicht klug von Ihnen, so viel Engelbert-Hütte zu kaufen. Sie hätten längst losschlagen sollen, ich riet schon vor Wochen. Sie werden ganz Berlinend damit tapezieren können. Teures Vergnügen. Auch Sie großer Mann können sich irren.«

»Ist nicht heute Freitag?« fragte Gläser wie zerstreut.

Simsing verstand ihn und lachte; dann reichte er ihm die Hand und stieg aus. Ein Weilchen blieb er noch am Rande des Bürgersteiges stehen und blickte dem Gründer nach, mit der Miene des Mannes, der die Sorgen des andern nicht haben möchte.

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