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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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20.

Noch am selben Tage fuhr Gläser zu Bohnenstiel, der vorläufig in einem Hotel wohnte, nachdem er Berlinend den Rücken gekehrt hatte. Sein Schwiegersohn war nach Thüringen gezogen, wohin er folgen wollte, sobald er seine Möbel verpackt haben würde. Nun, wo diese Wendung eingetreten war, war ihm die Lust zu jeder Gründung vergangen, und so sehnte er sich nach endlicher Ruhe für seinen wackligen Kopf. Um so überraschter war er nun, in eine neue Aufregung hineingezogen zu werden.

»Sie werden widerrufen, Exzellenz«, sagte Gläser ohne jede lange Vorrede, als er sich mit ihm in dem Salon befand, der neben dem Schlafzimmer lag. Und rücksichtslos setzte er dem Alten auseinander, daß er damals, wie immer in solchen Fällen, einen Zeugen im Nebenkabinett gehabt habe, von dem die ganze Unterredung zu Papier gebracht worden sei. Ohne weiteres werde er nun Lärm schlagen und unverzüglich die Welt mit der Tatsache bekannt machen, daß der Austritt der Exzellenz aus dem Wohlfahrts-Ausschuß nur erfolgt sei, weil die Bank sich nicht zu weiteren Zugeständnissen in klingender Münze habe hergeben wollen. Er log, aber es geschah mit der steinernen Ruhe des Mannes, der seine Leute kennt.

»Äh, äh, Kabinett? Sagen Sie mal, wieso Kabinett? Äh, ja.« Die große Gedächtnislücke hatte sich wieder eingestellt, und so klammerte er sich im Augenblick nur an das eine Wort, ohne das Schlimmste zu erfassen. »Zeuge sagen Sie? Äh, äh, wieso Zeuge? ... Sie überfallen mich hier, mein Bester, ja, äh. Sie sehen, ich bin auf dem Sprunge, ja, äh, ich muß zum Diner.«

Es war am Nachmittag gegen fünf Uhr. Er stand im Frack da, frisch gefärbt und geschminkt, seinen fürstlichen Hausorden am breiten Bande um den Hals, stark nach Reseda duftend und aufgefirnist von unten bis oben. Eine alte Ruine hatte sich aufgerafft, um sich wieder umständlich an Lukullus' Tafel zu setzen, bevor sie ganz zerbröckelte. Von den lappigen Augensäcken aus zog sich das Netz der Krähenfüße bis tief in die welken Wangen hinein, die aufgerötet wie bei einer verblühten Dirne waren. Blöde ging sein Blick unter den faulen Lidern auf Gläser, der ihn unbeweglich musterte, wie die Schlange ihr Opfer. Endlich schien Bohnenstiel doch zu begreifen. »Ja, äh, wie ist mir denn?« krähte er wieder und tippte mit den fleischlosen Fingern auf die Stirn. »Sie kommen ja hier mit Verdächtigungen, ja, äh, äh, die –, wie soll ich sagen, ja, äh. Sie wollen mich drangsalieren. Aber ich muß bedauern, aufrichtig bedauern.« Und plötzlich quiekte er hell auf: »Äh, das wäre ja hundsgemein, ganz hundsgemein. Ja, äh. Sie haben mir gar nichts geschenkt, nein! Ich gab Ihnen nur die Ehre, ja, äh ... Sie haben sich hineingeritten, gründlich hineingeritten, ja, äh. Alle Welt ist ja voll davon. Eine Seuchenstadt haben Sie gegründet, ja, äh. Das Gesundheitsamt wird sich damit beschäftigen müssen. Was wollen Sie, was wollen Sie?! Es war nur meine Pflicht, nur meine Pflicht, ja, äh. Ich widerrufen? Ihre Zumutung ist geradezu lächerlich. Pardon, aber es ist so.«

Ganz aus dem Häuschen, stakerte er auf seinen steifen Beinen im Zimmer umher, indem er sich kokett die Fingernägel besah.

»Lassen sie uns doch kurz sein, Exzellenz«, sagte Gläser, der sich breit vor ihm aufgepflanzt hatte, als wollte er ihn schon mit dem Übermaß seines Körpers erdrücken. Trotzdem es in ihm kochte, behielt er seine Ruhe. »Ich weiß, daß Ihr Schwiegersohn tief verschuldet ist.«

»Äh, äh, was geht Sie das an, mein Bester? Ich muß doch bitten!« quiekte Bohnenstiel auf. »Sehr muß ich bitten. Ich bedaure, Ihren Besuch abkürzen zu müssen. Mein Diener wird gleich kommen. Ja, äh.« Unruhe hatte ihn gepackt, denn aus diesen kleinen Augen vor ihm sprach nichts Gutes. Nervös langte er seine Uhr hervor, die er wieder einsteckte, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben.

Gläser hatte sich ohne Einladung gesetzt und ging nun gerade auf sein Ziel los. Er wollte dreißigtausend Mark opfern, wenn Bohnenstiel seine Austrittserklärung aus dem Wohlfahrts-Ausschuß zurücknehmen und somit alle daran geknüpften Gerüchte hinfällig mache. Das könne in einer Form geschehen, die alle Bedenken zerteile. Man brauche ja nur von Meinungsverschiedenheiten zu sprechen. Irrtümer und Berichtigungen kämen alle Tage vor, und das Publikum vergesse schnell und behalte das nur immer im Gedächtnis, was es zuletzt gelesen habe. Er solle ihm nur den Entwurf dazu überlassen, alles übrige würde sich dann schon finden. Bis jetzt habe ja der Auszug aus der Villa noch nicht stattgefunden, man könne sehr gut die Sache so drehen, daß die Exzellenz eine Reise gemacht habe und während dieser Zeit hinter ihrem Rücken Verleumdungen ausgestreut worden seien. Er habe überdies die Absicht, einer Straße draußen den Namen Bohnenstiels zu geben und damit könnte man zugleich einen neuen Trumpf auswerfen, der zu einem letzten Siege über die Mitspieler verhelfen würde.

Dieser Trick war ihm im Augenblick eingefallen und er fand ihn so vortrefflich, daß er vergnügt dabei schmunzelte, denn schon sah er, wie der Geheimrat stehenblieb und die Augen zu ihm aufriß. Und dadurch angefeuert, fuhr er fort, auf ihn einzureden mit der Unverfrorenheit eines Mannes, der die schwachen Seiten der Menschen kennengelernt hat. Um ihn gründlich zu ködern, legte er ein Päckchen mit Tausendmarkscheinen auf den Tisch und fügte hinzu, daß man das Geschäft sofort machen könne, falls Bohnenstiel vorläufig die Erklärung unterzeichne, die er mitgebracht habe. Was war ihm diese Summe, wenn er die Wunden damit wieder heilen konnte, die man seiner Gründung geschlagen hatte! Zehnfach wurde sie wieder eingebracht durch die Gläubigen, die aufs neue Vertrauen zu ihm bekämen. Und als wäre die Sache bereits für ihn abgetan, entnahm er der weichen Urkundenmappe ein Schriftstück, das er nach langem Grübeln mit Herbst ausgeheckt hatte und das, war es einmal vollzogen, ihm diese vertrocknete Exzellenz nicht mehr entschlüpfen lassen sollte.

Bohnenstiel jedoch, der einige Minuten bewegungslos wie ein alter Tropfstein dagestanden hatte, winkte mit seiner dürren Hand ab. Rasch hatte er einen inneren Kampf bezwungen, dessen Schrecken seine morschen Glieder förmlich durchrüttelten. Er wollte in diese Grube nicht hineinfallen, jetzt nicht mehr, nachdem er sich bereits Glück zu seiner Flucht gewünscht hatte! Man war das Sumpfland losgeworden, mochte dieser Menschenfresser sehen, wie er es bewohnbar machte. »Dreißigtausend Mark? Äh, äh, Sie träumen wohl, mein Bester«, sagte er dann. »Eine Million, eine Million müßte es sein!« Vergnügt meckerte er in sich hinein, als wollte er ihn aufziehen.

Gläser aber legte es anders aus. »Wie, sind Sie verrückt geworden?« stieß er hervor, sich ganz vergessend.

»Ja, äh, was erlauben Sie sich!« fuhr Bohnenstiel auf. »Das ist doch geradezu – äh, äh! Den Verstand haben Sie allein verloren. Ich bitte, mich nicht mehr zu brüskieren.« Das sanfte Knacken seiner Lackstiefel hörte auf, entrüstet blieb er vor ihm stehen und die zitternden Hände gingen an das spärliche Haar, das aufgerollt die Glatze wie einen Kranz umgab, denn regelmäßig befürchtete er, es könnte ihm da oben etwas geschehen.

»Gut, dann zahle ich fünfzigtausend, damit Sie sehen, daß ich durchaus vernünftig bin«, fuhr Gläser unverwüstlich fort, als er den Scherz gemerkt hatte. »Sie müssen bei der Stange bleiben, Exzellenz, es hilft nichts. Mitgefangen, mitgehangen.«

»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Herr«, quiekte der Geheimrat auf.

»Nicht gefährlicher, als Sie«, schrie nun Gläser jetzt förmlich, ärgerlich darüber, daß man so viele Umstände machte bei einer Sache, die ihm der langen Rede gar nicht wert erschien. Gewöhnt daran, durch Geld alles vor seine Karre zu spannen, sei es auch nur einen alten Edelklepper, wie diesen hier, glaubte er, nur unnütz Zeit zu vertrödeln. »Ich mache Ihnen noch einen andern Vorschlag«, fügte er rasch hinzu. »Ich reguliere die Schulden Ihres Schwiegersohnes, ich weiß ja, daß Herr von Rucks Ihnen fortwährend in der Tasche liegt. Ich bin bereit, zu sanieren. Er hat sich übrigens an mich gewandt, ich kenne seine ganzen Verhältnisse.«

»Ja, äh, sagen Sie mal –« Er schnappte nach Luft. »Das ist nicht möglich, das ist nicht möglich! Sie renommieren, das ist man ja gewöhnt von Ihnen. Ah, äh ... Sie kennen meine Meinung in dieser Angelegenheit. Ich bitte um Schluß der Debatte. Kein Wort mehr darüber.«

Sie gerieten ernstlich zusammen. Gläser, der erfolglos dieses Zimmer nicht verlassen wollte, ging ihm rücksichtslos mit Drohungen zu Leibe. Ohne Scheu schrie er, als wollte er diesen Trockling umpusten mit der Gewalt seiner Lunge. Morgen schon werde er der Welt reinen Wein einschenken, wie glänzende Namen sich angeln ließen, um dann jämmerlich die Flinte ins Korn zu werfen, nachdem die Weide abgegrast sei. Er habe die Macht, seine Feinde zu zerschmettern, wenn er wisse, daß ihm jemand an das Leben wolle, dann schlage er zuerst los, nach dem Gesetze der erlaubten Notwehr. Es möge sich jeder sein Recht suchen, er habe keine Angst vor einer gerichtlichen Klarlegung ihres Handels. Sein Zeuge sei vorhanden.

Bohnenstiel trippelte umher, fortwährend ängstlich bis zur Tür, wie jemand, der draußen ein ganzes Volk wittert, das seine Blöße sehen soll. »Ja, äh, Sie schreien, Sie schreien, darin sind Sie Meister«, quakte er wie ein kranker Frosch und hielt sich die Ohren zu, als könnte er dadurch alles abwenden. »Sie sind der größte Reklameheld des Jahrhunderts, ja, äh. Das ist bekannt. Aber man wird Ihnen – äh, äh, äh ...«

Seine Stimme überschlug sich vor Erregung, eine Weile kaute er die Worte, ohne sie hervorbringen zu können; dann richtete er sich zu seiner ganzen Würde empor. Das alte Wrack wurde frei und beugte noch einmal stolz die morschen Planken gegen den schäumenden Wogenprall. »Hier, hier – ja, äh – hier liegt Ihr Stammbaum, Ihres Benehmens gegen mich würdig«, rief er nun wie unsinnig und holte das Winkelblättchen herbei, das mit anderen Zeitungen auf dem Tisch lag und den Angriff gegen Gläser enthielt. »Man weiß jetzt, wer Sie sind, ja, äh ... Nun kommen Sie, bitte, mit Ihrem sogenannten Kronzeugen! Ich werde Ihnen dienen, so wenig delikat es auch für mich sein wird, ja, äh. Aber sagen Sie mal, wissen Sie nicht, was ich gleich –?«

Fast kindisch glotzte er ihn an, um die Gedächtnislücke zu überbrücken. Dann aber quiekte er wieder erfreut weiter: »Richtig, richtig! Das wollte ich eben –. Sie fordern mich dazu heraus, äh, äh. Säubern Sie gefälligst erst in Ihrem Hause, bevor Sie Anderen mit Reinigung drohen. Ich erlaubte mir, Ihnen das bereits da draußen anzudeuten, in Gegenwart Ihres, ja, äh, äh, was wollte ich doch gleich –? Richtig! In Gegenwart Ihres unvermeidlichen Herrn Flügeladjutanten. Ich halte das aufrecht, parole d'honneur. Es ist dann leicht, Zeugen zu erlangen – bei solcher Vetternschaft. Ja, äh, verschonen Sie mich fürderhin, ich bitte gütigst ... Mein Diener wird gleich kommen.«

Gläser, der seine Wut komisch fand, hatte zuerst gelacht; plötzlich aber bei den letzten Worten erstarb dieses Lachen, jäh abgeschnitten. Etwas Furchtbares dämmerte ihm, was er kaum zu fassen vermochte. Er rang mit sich, ob er ruhig bleiben oder diesen hochgeborenen Hanswurst niederschlagen sollte. Noch war er nicht abgeschliffen genug, um mit landläufiger Höflichkeit derartige Dinge Zu erledigen. Das Blut stieg ihm nach dem Kopfe, Flimmer lag ihm vor den Augen, sein ganzer innerer Mensch krümmte sich, dann hatte er sich bezwungen. Ließ er sich jetzt zu etwas hinreißen, dann war dieser Gang nach hier zwecklos gewesen. Zuerst das Geschäft und dann das Weib, mochten auch giftige Schlangen in ihm wühlen!

»Ach, Sie sind ein exzellenter Trottel«, sagte er völlig verändert, wobei er sich erhob. Und das »äh, äh« des Andern kaum hörend, fuhr er, fast heiser vor erstickter Aufregung, fort: »In Ihrem Gehirn sieht es wüst aus, das wußten wir schon lange da draußen, Herr Geheimrat, aber Sie sind jedenfalls noch normal genug, um mich zu verstehen. Wir sprechen hier unter vier Augen, es hört uns niemand. Ich erwarte Sie morgen zwischen zwei und vier auf meiner Bank. Entweder Sie kommen, oder Sie fallen und Herr von Rucks mit. Sie wissen noch nicht alles – hier, sehen Sie.«

Und er zeigte ihm ein Päckchen Wechsel seines Schwiegersohnes, die er vor einigen Tagen aufgekauft hatte, weil der Zufall es so wollte. Bis zuletzt hatte er sich diesen Trumpf aufgespart, wie ein Würger, der die Schlinge zuzieht, wenn man es am wenigsten erwartet. »So, nun sind wir bis auf weiteres fertig, Exzellenz. Geld riecht nicht, das wissen wir beide ... Ich empfehle mich.«

Es klopfte. Ein uniformierter Hotelknabe trat ein und überreichte Bohnenstiel eine Depesche, die er entgegennahm, ohne kaum zu wissen, was er tat.

Gläser griff zu seiner Mappe, verbeugte sich leicht und ging hinaus, wie der vorzeitige Sieger, der die feindlichen Toten schon sieht und sich fest gelobt, den Gefangenen kein Erbarmen zu zeigen. Unten auf der Straße erwachte er erst aus dieser Betäubung, in der er den langen Gang des Hotels und die breite Marmortreppe genommen hatte. Das Menschengewoge Unter den Linden machte ihn munter, aber er bemerkte diese vielen Leute nicht, die im Sonnenschein sich ihres Daseins freuten. Berlin war mächtig gewachsen seit dem Tage, wo er eingezogen war, um mit unredlich erworbenem Gelde seinen Fischzug zu beginnen. Das steinerne Meer hatte sich nach allen Seiten gedehnt und mit seinen Häuserwogen immer verzehrender das flache Land bespült. Und neue, glänzende Kämme wiegten sich in seinem Reiche, stolz aufstrebend zum blauen Himmel. Hunderttausende neue Kämpfer waren eingezogen, die nun umherkreuzten, suchend die Windstille nach dem Sturm, viele Hunderte waren an den Klippen zerschellt, ohne die gelobte goldene Insel nur von ferne zu schauen.

Gläser jedoch hatte sie erreicht, die Fahne des Eroberers mitten aufgepflanzt und sich mit Herrschergier störrische Truppen gefügig gemacht. Aber heute spürte er nichts von all den Lorbeeren, die ihm die Glücksnixen gereicht hatten aus den unersättlichen Fluten dieser seltsamen Stadt. Man grüßte ihn, er dankte kaum. Der Kronprinz fuhr vorüber, er sah es nicht. All' diese tausend Köpfe, über die sein Vogelgesicht sonst spähend hinwegging, als müßte er irgendwo einen neuen Fang wittern, berührten ihn heute nicht. Er war taub gegen alles, was ihn umgab, – gegen dieses ganze Menschengeschmeiß, das seiner Meinung nach das Leben wie eine mit Honig bestrichene Kletterstange betrachtete, an der man sich langsam süß und faul hinaufsaugen müsse bis zur Spitze. Nur seine Gedanken waren wach und erweckten künstliches Fieber in ihm, – jenen schrecklichen Zustand eines Mannes, der ein Weib aus heißer Liebe begehrt hat und sich betrogen wähnt – betrogen von einem Windhund! Das war es eben, was ihn zum Tiger machte, der durch dieses lebende Straßengestrüpp schlich, den lauernden Blick in sich gekehrt, sehnsüchtig harrend seines Sprunges.

Weshalb hatte sie heute so herrisch Eingang begehrt, weshalb hatte sie dem Andern die Antwort vorweggenommen, fast wie eine Anklägerin, die etwas zur Sprache bringen wollte? Weshalb war sie so still gewesen und hatte nachher auf ihn geschimpft? Etwas stimmte in dieser Rechnung nicht, das sah er ein. Zum ersten Male seit langer Zeit zerbrach er sich den Kopf mit anderen Dingen, als nur mit Zahlen. Und als er genug gegrübelt hatte, glaubte er, auf der richtigen Fährte zu sein. Unauffällig mußte sich zwischen beiden etwas abgespielt haben, worauf keiner von ihnen bedacht gewesen war. Aber die Fährte wollte er verfolgen, wie der Fuchs, der am besten sich vorne zeigt und dann den Weg von hinten nimmt. Daß er, der große Seher, sich so täuschen lassen konnte! Es war so dumm, daß er hätte lachen mögen, wenn er Lust dazu empfunden hätte.

Er ging nicht mehr nach der Bank, sondern fuhr nach Berlinend hinaus, wohin ihn von der Bahnstation sein Wagen brachte, den er sich durch Klothilde heute früher bestellt hatte. An der Villa rollte er vorüber, um den Bau der Zweigbahn zu besichtigen. Dann ließ er den Kutscher nach Hause fahren und gab ihm die Nachricht an seine Frau mit, man möchte ihn in einer Stunde erwarten.

Er hielt sich nicht lange auf, sondern ging nach dem Häuschen hinüber, wo Dolinsky wohnte, der hinten, eine Viertelstunde entfernt, noch zu tun hatte; denn an diesen langen Tagen arbeitete man über die Feierzeit hinaus, um eine ganze Anzahl Villen dieses vorderen Teiles noch vor dem Herbst unter Dach zu bringen. Anna, die Treue, lockte ihn, denn jemand mußte er haben in dieser trostlosen Stunde, zu dem er reden konnte. Er fand sie in dem Gärtchen hinten, damit beschäftigt, grüne Bohnen zu brechen, vor ihr stand der Wagen mit dem schlafenden Kinde, und um sie herum balgten sich die Buben.

»Still, still!« rief sie ihnen sofort zu, raffte die Schürze zusammen, wischte sich die Hand ab und erhob sich zur Begrüßung, freundlich und bescheiden wie immer.

»Laß sie doch schreien, zu was haben sie ihren Mund«, wandte er ein, winkte die Knaben heran und fuhr ihnen mit seiner großen Hand über das weiche Haar. Jedesmal, wenn er diese blühenden Kinder sah, zog er still Vergleiche zwischen ihnen und seinem Jungen, und er freute sich dann neidlos ihrer Lebendigkeit, fast wie ein Labsal schöpfend nach der Traurigkeit seines Hauses. »Sind wir allein?« fragte er dann, und als sie verwundert erwidert hatte, daß sie das Mädchen zu ihrem Manne geschickt habe, erkundigte er sich nach Viktor. »Also wohlauf? Gut, gut! ... Denk' dir nur, heute habe ich etwas Besonderes erlebt. Deshalb komme ich eben zu dir. Ich war mit meiner Frau bei Herbst, in seiner Wohnung. Zum ersten Male, seit er bei mir ist. Er ist ein Lump, ein großer Lump!«

Vor Schreck ließ sie das Messer sinken, und schon hatte sie die Worte auf den Lippen: »Wenn du es weißt ...«, als er unbesonnen hinzufügte: »Auch Klothilde sagt es.«

Sie atmete auf, lachte aber dann vergnügt, weil sie dieses Geständnis Frau Gläsers unter solchen Umständen sehr drollig fand.

»Dein ewiges Lachen!« fuhr er sie an. »Das ist doch keine Antwort darauf.« Er hatte sich einen Holzstuhl herangezogen und sich vor ihr niedergelassen, die Hände auf den Stock mit silberner Krücke gestützt, die listigen Augen forschend auf sie gerichtet. Von dem Mißtrauen geplagt, sie könnte ihm doch ein Geheimnis bewahren, wollte er sie fangen und sah nur wieder ihre kernigen Zähne blitzen.

»Zu was hat man denn seine Fröhlichkeit, wenn man sie nicht zeigen soll«, sagte sie mit derselben heiteren Miene. »Wenn man so glücklich ist, wie ich. Spaß!«

»Ja, ich habe mich schon oft gewundert über deinen ewigen Sonnenschein«, warf er ein. »Immer hast du deine gute Laune und bleibst dir gleich.«

»Kommt alles daher, weil ich dich nicht geheiratet habe. Siehst du, das tut mich immer herzlich freuen. Gott führt die, die er liebt, immer auf den richtigen Weg. Dich hat er niemals geliebt, und wenn du uns mit Sack und Pack hier hinauswirfst, ich muß es dir doch sagen. Hier ist die Sonne, und bei euch drüben ist der Schatten. Du bist immer in deinem Leben zu viel im Schatten gegangen, und so wandelst du heute noch. Es ist merkwürdig, aber es ist so: niemals hast du so ordentlich lachen können, so recht von Herzen, es kam immer zwischen den Zähnen hervor. Alle haben wir es zu Hause gesagt. Du mußt es wissen ... Weshalb hat ihn denn deine Frau so genannt?« fügte sie rasch hinzu, als er ihr unwillig ins Wort fiel.

Und kaum hatte er ihr von der Überraschung erzählt, die sie erlebt hatten, als sie sich ausschütten wollte vor Lachen, so unbändig, daß er unwillkürlich davon angesteckt wurde und ein Weilchen mitgrinste, um ihr den Beweis zu geben, daß sein Sinn für Lustigkeit nicht ganz erstorben sei. »So muß es kommen, so muß es kommen!« rief sie aus und hatte dabei ihre eigenen Gedanken. »Der versteht zu leben, der hat gehalten, was er versprochen hat. Heute die und morgen die!« Und sie lachte fort und schlug dabei mit der Hand in den Schoß.

»Wie meinst du denn das?« warf er ein.

»Na, wie ich das so meine! Du mußt nicht alles falsch auffassen. Schon früher war er der Kummer seiner Mutter, ich hörte ja oft, wie die Frau Professor davon sprach. Wo er pumpen konnte, tat er es. Selbst Fräulein Klothilde verschonte er nicht, und sie gab ihm wie einem Schulungen, der immer bettelt ... Ihr habt wohl Augen gemacht, wie?«

Plötzlich fiel ihm ein, was sie vor kurzem gesagt hatte: daß er, Gläser, ja auch zweie gehabt habe, er solle den Andern doch gewähren lassen. Und er sah jetzt Wahrheit hinter diesem Vergleich. »Du weißt mehr, gesteh' es nur!« fuhr er sie an und griff so rasch nach ihrem Arm, daß die beiden Jungen zu weinen begannen in dem Glauben, es sollte der Mutter etwas geschehen.

»Du bist wohl gar –! Was fällt dir ein?!« rief sie aus, schlug ihm auf die Hand und beruhigte die Kinder, indem sie aufs neue lachte. »Was soll ich denn wissen? Stör' doch nicht meine Ruhe ...! Siehst du, das ist dein ganzes Unglück –: daß du noch immer so roh bist wie früher. Und du bist doch ein so reicher Mann geworden und gehst mit seinen Leuten um. Du wärst viel glücklicher, wenn du etwas für die Armen tätest, wohltun bringt Zinsen und gibt dem Menschen Zufriedenheit.«

»Habe ich nicht an dir gut gehandelt?« hielt er ihr ärgerlich entgegen.

»Ja, das hast du freilich – zuletzt wenigstens. Aber weshalb hast du es getan? Soll ich es dir sagen? Aus Schlauheit hast du es getan, weil du Furcht vor mir hattest.«

»Ich Furcht? vor dir? Ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.«

»Laß ihn nur erst kommen«, fuhr sie einfältig fort. »Er soll immer anders aussehen, als die Menschen es sich denken ... Du wolltest mich schlecht machen, ich aber möchte das Beste in dir erwecken. Siehst du, du hast ein sieches Kind mit einem so frommen Blick. Und solcher Kinder gibt es Tausende. Arme Krüppelchen, schwach und elend, die obendrein noch hungern müssen. Deiner kann sich wenigstens sattessen. Ist es nicht so? ... Für solche armen Kinder müßtest du etwas tun, dann würde auch an deinem vielleicht ein Wunder geschehen.«

Sie war fest von diesem Glauben erfüllt; es leuchtete in ihren schönen Augen, und Hoffnungsstrahlen trafen ihn, die ihn seltsam durchdrangen. »Baue etwas für sie,« fuhr sie lebhaft fort, »du baust ja so viel, für Menschen, die es dir vielleicht niemals danken werden. Die kleinen Seelchen aber werden es tun, denn sie können noch beten, was wir Großen immer vergessen. Und dann wird's dich freuen, und man wird dich preisen ... Aber nicht hier darfst du das machen, denn hier sitzt der Tod schon in der Erde, Woanders, woanders, – du hast ja so viel Grund und Boden!«

Er streichelte ihre Hand, was sie willig geschehen ließ, denn er empfand die Reinheit, die von ihr ausging, wie etwas lange Entbehrtes, das ihn frisch anwehte in diesem Morast, durch den er watete.

»Siehst du, so saßen wir früher oft,« begann sie wieder leise, »auch damals, als wir bei bitterer Kälte uns gegenseitig wärmten. Und so habe ich dir die Hand getätschelt. Jetzt ist sie nicht mehr so rot.« Und nun strich sie ihm die Finger, ohne Gedanken an etwas Böses.

»Ja, so saßen wir oft«, wiederholte er gleichmütig, so daß sie sich über seine Ruhe wunderte, denn wenn sie ihn früher an seine Hände erinnert hatte, zeigte er sich sofort von seiner häßlichen Seite.

Blütenduft durchzog das Gärtchen, Stille umgab sie, denn die Buben waren in die Stube gegangen. Auf dem Giebel des Hauses zwitscherten die Schwalben, und an der anderen Seite gurrten die Tauben auf den Stangen des Schlages. Über den Zaun hinweg sah man den Nachbargarten einer leeren Villa. Der Schwamm war schon drin, und so hatte der Bewohner, ein pensionierter Rechnungsrat, flugs die Zimmer geräumt. Alle Fenster standen offen, so daß man die kahlen Wände sehen konnte mit ihren Tapeten, Schon hatte die Sonne sich gefärbt, und durch die Fensterrahmen zeichneten sich Stücke des gelben Himmels ab. Träge hing das Laub an den Büschen, wie gedrückt von der Last des trockenen Tages, der nach nasser Kühlung verlangte. Deutlich klang das Pink-Pink eines verirrten Finken herüber.

»Hörst du? Gerade so schlug er damals in Treptow«, unterbrach sie das Schweigen. Sie hatte das im Gedächtnis behalten, wie man bestimmte Laute niemals vergißt, die unzertrennlich von einer Schmerzensstunde sind.

Er war damals taub dagegen gewesen, und so lächelte er blöde. »Hast du dein Kreuzchen noch?« fragte er dann plötzlich und starrte ihren vollen Hals an, der üppig wie alles Übrige geworden war.

»Ei freilich, hier ist es. Man wird mich damit begraben müssen.«

»Schwöre mir darauf, daß du nichts weißt und nichts gesehen hast. Du verstehst mich schon.«

Flugs steckte sie das Kreuz wieder fort. »Ach, du bist nicht recht bei Trost!« rief sie ärgerlich aus. »Quäl' mich nicht wieder mit so 'was. Das habe ich einmal getan und tu's nie wieder. Du hast mich immer beäthert.«

»Dann tu es noch einmal, denn ich weiß, was dir heilig ist.«

»Nein, nein, nie«, wehrte sie lebhaft ab. »Wenn ich so bedenke, was das Dingelchen schon alles erlebt hat. Du hast mir Treue darauf geschworen und hast sie doch gebrochen ... Ja doch, ja doch, es ist schon gut! Ich will dich nicht mehr dran erinnern, aber ein bissel bleibt doch hängen ... Niemals lege ich mehr die Finger darauf, das sage ich dir. Nu gar wegen solcher Lappalie.«

»Du weißt also etwas?«

»Dummheit! Deine Frau ist dir treu wie hundert andere.«

»Ja, die ihre Männer betrügen. Ich seh's dir an, du bist falsch wie sie. Und von dir hätt' ich es nicht erwartet, denn dich habe ich wie meine beste Freundin betrachtet.«

»Mein Gott, das bin ich doch auch«, rief sie verstört aus, als sie sah, daß er sich erhob und der Zorn sich auf seinem Gesicht lagerte. Schlimmes mußte in ihm vorgehen, das heute vielleicht noch zum Ausbruch kommen würde. Diese gelbe Farbe bekam er immer, sobald er zum Schrecken anderer wurde.

»Nein, das bist du nicht mehr!« herrschte er sie an. »Wie die Schlangen sich ähneln, so bleibt ihr euch alle gleich, wenn es sich darum handelt, euresgleichen zu schützen. Eine jede tritt für das ganze Geschlecht ein, denn es könnte ihr einmal so gehen, wie den anderen. Larven und feile Menschen umgeben mich, die nur den Geldmann in mir sehen, vor mir dienern sie, und hinter mir her machen sie eine lange Nase. Zu dir hatte ich Vertrauen, du meinst es aber ebenso, wie die übrigen.«

»Wie schlecht du mich kennst.«

»Was hast du denn da noch?« unterbrach er sich plötzlich.

Sie wurde rot und verbarg auch schnell ein Ledertäschchen, das mit dem Kreuz zum Vorschein gekommen war und in dem sich das Fläschchen mit Gift befand, das sie stets auf ihrem Leibe trug, weil Dolinsky ihr nicht glauben wollte, daß sie es längst verbrannt habe. Es war ihr, als müßte sie dieses Unheil bergende Fläschchen wie eine bittere Erinnerung an ihre und an Dolinskys erste unglückliche Liebe immer mit sich herumführen, von dem unheimlichen Gedanken durchdrungen, es könnte noch einmal seinen zerstörenden Zweck im Leben erfüllen, Sie dachte nicht an den Tod, aber manchmal regten sich dunkle Ahnungen in ihr, es könnte auch der zweite ihr untreu werden, wie der erste, denn niemals wußte sie recht, was kommen würde.

»Du brauchst nicht alles zu wissen«, erwiderte sie und trat einen Schritt zurück.

Gläser jedoch war neugierig geworden und griff unzart danach.

In diesem Augenblick kam Dolinsky aus der Stube in den Garten. Ein Zufall hatte ihn heute früher zurückgeführt, und so war er mit dem Mädchen zugleich in das Haus getreten.

»Herr Direktor, ich muß doch bitten!« sagte er empört, ohne viel zu überlegen.

»Da haben wir's nun!« seufzte Anna los. »Jetzt glaubt er gewiß, es sei etwas Unrechtes zwischen uns geschehen.«

»Was sollte das, Herr Direktor?« fuhr Dolinsky finster fort.

Gläser, der sein Gleichgewicht wieder bekommen hatte, lachte, als er ihn so wie einen bestaubten Zwerg-Othello dastehen sah. Und sein beißender Spott regte sich in ihm. »Das sollte nur Revanche sein für damals, lieber Dolinsky, – wissen Sie noch? Geradeso ertappte ich sie, als Sie dabei waren, mir sie wegzuschnappen. Na, haben Sie nur keine Angst, ich vergelte nicht Gleiches mit Gleichem.«

Und er lachte abermals, gab Anna zum Abschied die Hand und ließ ihn wie einen dummen Jungen stehen.

»Da hast du es«, hörte er noch hinter sich ihre Stimme schallen. »Schleiche doch nicht so heran. Gegen ihn kommt niemand auf.«

Und sie beachtete nicht weiter sein Grollen, bereitete ihm rasch das Abendbrot und meinte dann, sie müsse noch einmal hinüber zur Villa, weil Frau Gläser es gewünscht habe.

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