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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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2.

Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung und allmählich kam er in das alte klappernde Rollen, durch dessen Eintönigkeit die meisten Fahrgäste aufs neue in Sinnen und Schlaf versanken. Nur die drei jungen Leute blieben munter und plauderten zusammen. Das Brautpaar hatte sich wieder niedergelassen, während Dolinsky die unbesetzte Kiste eines Schläfers heranzog und ebenfalls Platz nahm. Er holte ein zierliches Fläschchen mit Likör hervor und bot es Gläser an. Dieser lehnte aber ab; er trank nie Schnaps, weil es einer seiner Grundsätze war, immer einen klaren zu behalten. Sein Vater war am Trunke zugrunde gegangen, und so fürchtete er sich vor jedem Tropfen wie vor einem Feinde, der ihn hinterrücks unterkriegen könnte. Und er sah doch im Geiste schon die ganze Armee, die er besiegen wollte, um wie ein König zu herrschen.

»Sagen Sie, wie wollen Sie das aber aushalten, wenn Sie sich ganz Berlin gekauft haben werden?« fragte der Techniker heiter, als er den deutlichen Abscheu des andern zu verstehen bekommen hatte. »Sie werden doch dann gewiß auch mal Sekt trinken müssen.«

Das Mädchen lachte, während Gläser verächtlich erwiderte: »Nur trinken? Die Füße will ich mir drin waschen. Übrigens ist das auch ganz etwas anderes. Schnaps zieht nieder, Sekt macht frei und gibt Gedanken.«

»Haben Sie denn schon welchen getrunken?« fragte Dolinsky aufs neue, diesmal mit einem bedenklichen Kopfschütteln.

Gläser nickte. »Einmal, bei der Hochzeit meines Prinzipals, wir hatten selbst ein paar Flaschen im Laden. Ich war nämlich in einem Kolonialwarengeschäft, damit Sie's gleich wissen. ... Na, und ich kann Ihnen sagen, ich habe eine Rede bei Tisch gehalten, eine Rede! Trotzdem ich vorher nie gesprochen hatte. Es kam ganz plötzlich über mich. Und sehen Sie, das hat der Sekt gemacht. Nur.«

»Was haben Sie denn gesprochen?« fragte Dolinsky neugierig.

Gläser lachte und zeigte seine spitzen Zähne, die wie die eines Raubtieres groß unter den dünnen Lippen lagen. »Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte er dann. »Ich habe einfach meinen Prinzipal angeulkt, ohne daß er mich verstand. Der Kerl war viel zu dumm. Ich sprach von seiner gewichtigen jungen Frau – sie ist nämlich eine dicke Person – und wie leicht sie ihm das Dasein machen werde. Und er faßte es immer anders auf. Zum Dank dafür fiel er mir um den Hals und küßte mich, als er genug hatte. Auch eine Hochzeitsgratifikation von zwanzig Mark gab er mir. Sehen Sie, so macht man's. Der Mensch kann alles sagen, wenn er nur die nötige Miene dabei zeigt.«

Er hatte die Arme verschränkt, um die verfrorenen Hände zu verbergen, deren Röte aus dem kalten Laden stammte, den er dadurch noch immer mit sich herumtrug. Etwas wie Triumph sprach aus seinen kleinen grauen Augen, die manchmal, versteckt, ganz in den Winkeln lagen, bis sie jäh wieder aufblitzten und beweglich hin und her gingen.

»Sie uzen wohl gern?« fragte Dolinsky harmlos, jedoch mit pfiffigem Gesicht.

»Man muß die Leute zum Narren halten, dann kommt man zu etwas«, sagte Gläser, ohne eine Miene zu verziehen. »Und ich will zu etwas kommen. Sehen Sie, das ist mein Wahlspruch: Erst komme ich, und dann die anderen noch lange nicht.«

»Ist das wirklich Ihre Meinung?« fragte Dolinsky und blickte dabei prüfend die Braut an, als wollte er aus ihren Zügen lesen, ob diese Lebensweisheit sie nicht stutzig mache. Aber sorglos hatte sie sich mit dem linken Arm wieder an ihren Bräutigam gekettet, und wenn ihre Augen hätten sprechen können, so wäre entschieden daraus zu lesen gewesen: »Ist er nicht ein kluger Mann? Der wird mir goldene Häuser bauen.«

»Gewiß ist das meine Meinung. Die Ihrige vielleicht nicht?« gab Gläser gleichmütig zurück. Er hatte dankend eine Zigarette angenommen und zündete sie nun behaglich an, so daß das Seidenpapier aufflackerte.

»Nein, ich kann Ihnen nicht recht geben«, sagte Dolinsky dann. »Das wäre doch alles Heuchelei.«

»Heuchelei? Aber erlauben Sie mal!« Gläser lachte laut auf. »Was kann ich dafür, wenn die andern sich das gefallen lassen. In dieser Welt ist sich doch jeder selbst der Nächste, und nur die Intelligenz herrscht, wer Bildung hat, der siegt. Na, und die besitze ich. Ich habe die ganze Leihbibliothek in unserem Neste ausgelesen, und da weiß ich, was die Menschen für Finten machen und wie's in allen Erdteilen zugeht. Nicht wahr, Anna?«

Das Mädchen nickte und lächelte glücklich, und diesmal sprach aus ihren klaren Augen etwas wie Bewunderung für ihn. Der Ofen pustete jetzt vor Hitze, und so waren ihre Wangen in einen rosigen Schein getaucht, was Dolinsky ganz besonders gefiel. Immer wieder mußte er sie ansehen und immer aufs neue verglich er sie mit dem andern, dessen pergamentne Gesichtsfarbe dieselbe Strenge angenommen hatte, wie sein ganzes Denken.

»Mag sein, mag sein,« sagte er zerstreut, »aber Sie werden zugeben, Bildung verpflichtet auch. Der Intelligente soll dem Minderintelligenten mit gutem Beispiele vorangehen. Nichts ist leichter auszubeuten als die Dummheit der Menschen.«

»Das ist richtig, das ist richtig!« warf Gläser wie begeistert ein. »Und da die Dummen in der Mehrzahl sind, so werden es auch immer nur die wenigen sein, die zu etwas kommen. Das wird Ihnen doch einleuchten.«

»Leider ist es so«, erwiderte Dolinsky lebhaft, da es ihm Befriedigung gab, diesen Gesprächsstoff einmal gründlich behandeln zu können. »Dafür haben die Dummen auch das reine Gewissen.«

»Ach, was heißt Gewissen!« wandte Gläser ein, wie jemand, der sich über diesen Punkt längst klar ist.

»Ja, aber sagen Sie – ich verstehe Sie gar nicht!« rief der Bautechniker aufgebracht aus. »Darüber kommen wir alle nicht hinweg.«

»Doch, doch!« hielt ihm Gläser hartnäckig entgegen. Die Ausnahmemenschen kommen darüber hinweg, die großen Eroberer, die immer nur den Zweck sehen und niemals das Mittel dazu, wer ein neues Haus bauen will, muß das alte erst abreißen, und wenn auch schöne Erinnerungen darin sitzen. Und sehen Sie, gerade so ist es mit den Menschen. Wer die Schlacht gewinnen will, muß über Leichen reiten, auch wenn vielleicht noch einer liegt, der die Hände zu uns emporhebt. Da heißt's: nicht umsehen, sonst wird der Sieg in Frage gestellt, was uns die Völker lehren, das können wir als einzelne auch befolgen. Alles kommt auf die Tat an. Schon die Natur gab dem Stärkeren das Recht, seine Kräfte auszunutzen.«

»Ja, aber sie auch nicht zu mißbrauchen«, wandte Dolinsky wieder zähe ein.

»Siehst du!« sagte Anna Schiman mit einer gewissen Bedeutung, auf die aber der junge Mann nicht achtete. Gläser wußte, was sie damit meinte. Kurz vor ihrer Abreise waren sie in Streitigkeiten darüber gekommen, ob sie mit nach Berlin solle oder nicht. Er wollte sein Heil zuerst allein versuchen mit dem Versprechen, sie zur Hochzeit im Frühjahr nachkommen zu lassen. Inzwischen wollte er mit ihrem Gelde die Wohnungseinrichtung besorgen und die angenehme Häuslichkeit vorbereiten. Sie aber hatte Angst, daß er sie sitzen lassen könnte, und so hatte ein Wort das andere gegeben, bis er sich zu einer Ohrfeige hinreißen ließ aus Ärger darüber, daß sie sich nicht fügen wollte und überhaupt wagte, Mißtrauen gegen ihn zu hegen. Dann aber nahm er sie mit, um seine Pläne nicht zerfallen zu sehen, schließlich brauchte man doch den Rock nicht zu verlieren, wenn auch das Anhängsel gelegentlich flöten ging!

Mißgestimmt über ihre Andeutung, machte er eine unruhige Bewegung, empfand aber zugleich, daß er sich in eine Sackgasse hineinreden würde, aus der er nicht mehr herauskommen könnte, wenn der andere sich ihm weiter so entgegenstellte. Und so versuchte er plötzlich, der ganzen Sache eine scherzhafte Wendung zu geben, indem er die Bemerkung machte, daß das ja schließlich alles nur Ansichten seien, wie man sie so habe, um sich die Zeit zu vertreiben. Seine Schlauheit drängte ihn dazu, denn er befürchtete, er könnte sich hinreißen lassen, noch mehr aus sich herauszugehen, und dann würde er seiner Braut immer deutlicher den Weg zeigen, auf dem er selbstsüchtig allein in die Zukunft wollte.

»Ja, man drischt nur leeres Stroh, wenn man sich darüber streitet«, stimmte ihm der Techniker bei. »Wenn es auf die Kraftprobe ankommt, dann, wissen Sie, werde ich wohl ewig ein armer Teufel bleiben.«

»Klugheit ist auch Kraft«, warf Gläser nochmals ein, aber doch schon in der Art eines Menschen, der keine Lust mehr hat, sich weiter darüber zu ereifern.

Dolinsky stieß einen leichten Seufzer aus. »Ja, wissen Sie, daran gerade hat's mir immer gemangelt«, sagte er wieder.

»Dann wärst du ja auch mein Mann«, dachte Gläser und ließ ein Lächeln spielen, wobei er in der Regel den Mund schief verzog.

»Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, wenn ich wollte!« fuhr Dolinsky fort, indem er tief Atem holte. »Ein Bautechniker ist doch eigentlich nur ein besserer Arbeiter, dafür trägt er aber auch einen Kragen.«

Das Mädchen lachte, während Gläser wieder sagte: »Wenn Sie das Zeug dazu haben, können Sie aber mal Architekt werden, vielleicht ein großer. In Berlin ist doch alles möglich.«

»Danach strebe ich ja,« erwiderte Dolinsky bescheiden, »wenn ich auch nur ein kleiner bleibe.«

»Na, sehen Sie,« fuhr Gläser fort, »dann wollen wir uns also nicht aus den Augen lassen. Geben Sie mir Ihre Adresse. Sobald ich Millionär geworden bin, bauen Sie mir meine Villa. Und ein Mausoleum will ich haben, wissen Sie, ein großes, prachtvolles Mausoleum mit kleinen Kirchenfenstern, wie es sich nur die ganz reichen Leute gestatten können. Bei Lebzeiten will ich mich schon daran erfreuen, und das können Sie mir dann ebenfalls bauen. Eventuell.«

Dolinsky fand das alles so komisch, daß er in große Heiterkeit geriet. Er hatte wieder zwei neue Zigaretten gedreht, reichte dem andern eine davon und wandte sich an Anna: »Sie können sich jetzt schon darauf freuen, einmal darin beigesetzt zu werden. Das heißt – ich wünsche Ihnen ein langes Leben ... Aber sagen Sie, wie steht's mit den Baugeldern?« sprach er wieder zu dem Bräutigam. »Können Sie mir nicht gleich eine kleine Rate Vorschuß geben? Sehen Sie, das ist die Hauptsache in unserem Gewerbe. Ich könnte ja einstweilen immer mit den Zeichnungen beginnen. Die paar Behm in meiner Tasche reichen nicht.«

»Darüber sprechen wir noch«, erwiderte Gläser gewichtig mit der Miene eines Menschen, dem es durchaus ernst um die Sache ist. »Geben Sie mir nur erst Ihre Adresse.«

Während Anna aufs neue lachte, langte Dolinsky ein großes, abgenutztes Notizbuch hervor, legte es auf die Knie, kritzelte beim Stoßen des Wagens rasch einige Zeilen auf das Blatt, riß es aus und überreichte es Gläser mit der Bemerkung, daß er vorläufig bei seinem Onkel wohne und dort zu finden sein werde. »Also ein Millionär wollen Sie werden! Eine hübsche Sache, im Ernste«, sagte er dann gutmütig. »Sie sind ein ganz merkwürdiger Mensch.«

»Ja, das ist er«, warf Anna ein. »Was er will, das will er.«

Gläser nahm das Blatt, warf einen Blick darauf, faltete es zusammen und verbarg es vorsichtig mit einem Dankeswort. Dann endlich nannte er ebenfalls seinen Namen und stellte auch die Braut vor.

Der Zug hielt wieder und hatte längeren Aufenthalt, weil an dieser Station mehrere Güterwagen angekoppelt werden mußten. Gläser stieg aus. Nach einem Weilchen folgte ihm Dolinsky, um eine Tasse Kaffee zu trinken, wie er zu dem Mädchen sagte. Im Osten graute bereits der Tag, der mit seiner noch fahlen Riesenstirn langsam zum Himmel strebte, um die Nacht zu vertreiben. Sonst aber herrschte noch Dunkel, das hier, wo die Schienen zwischen Kiefernwaldungen eingeengt waren, noch beängstigender auf die Seele wirkte. Eine einsame Öllaterne stand auf dem Damm, und in ihrem rötlichen Lichtschein glitzerte der festgefrorene Schnee und ließ die unzähligen Eiskristallchen wie Diamantsplitter leuchten. Es sah aus wie ein herrliches Diadem, das die Nachtkönigin über den Pfahl gestreift hatte, um ein trügerisches Spiel zu treiben. Dolinsky, der Augen für solche Dinge hatte, erfreute sich einige Sekunden daran und lief dann dem Bahnhof zu, der unten am Ende des Zuges lag und aus dem die erleuchteten Fenster lockten. Vereinzelt nur waren die Reisenden zu sehen, denn alles wartete auf die große Stadt. Rasch stürzte er den heißen Kaffee hinunter und packte sich ein paar Würstchen ein, die er im Wagen verzehren wollte.

Dann sah er sich nach Gläser um, aber er fand ihn nicht. Endlich, wieder draußen, entdeckte er ihn hinter dem Bahnhofsgebäude, wie er den Fuß auf einem Stein hielt und etwas in den Schaft des Stiefels hineinpreßte mit aller Sorgfalt, als hätte er eine Kostbarkeit zu verbergen; dann nahm er eine Schnur, band sie oben um den Schaft herum und knotete sie umständlich zusammen. Und, fertig damit, streifte er das Beinkleid wieder herunter, stieß mit dem Fuß auf den Boden auf, machte einige heftige Armbewegungen und sprach wie erregt vor sich hin: »Du kannst dich fest darauf verlassen, es kann nur dort gewesen sein. Nirgends wo anders. Ich bin ja unglücklich, tief unglücklich darüber! Es ist schrecklich, schrecklich! Aber was ist zu machen!« Und er arbeitete mit den Händen in der Luft herum und murmelte noch etwas vor sich hin, was der Lauscher nicht mehr verstehen konnte. Fast sah es aus, als übte er sich auf etwas ein, was er bei irgendeiner Gelegenheit zum besten geben wollte.

Dolinsky lachte still in sich hinein und dachte: »Daß eine Schraube bei ihm los ist, das habe ich längst gemerkt. Woher wohl sonst sein Größenwahn? Mag er machen, was er will.« Der Techniker kannte die Leute, die ihr Geld in die Stiefel steckten, und so fand er nichts Besonderes darin. So etwas sah man am besten nicht, um dem andern nicht die Freude zu verderben. Was ging ihm das auch alles an! Leid tat ihm nur das arme Mädel, das sich an einen so verrückten Menschen gehängt hatte, der jedenfalls aus seinen Wahnideen nicht herauskommen und ihr dadurch nur üble Stunden bereiten würde. Und trotzdem glaubte sie an ihn und hoffte von der Zukunft! Er hatte es wohl bemerkt, mit dem Blicke des begabten Mannes, der alles hört und sieht, auch wenn er nur einen unscheinbaren Eindruck macht. Und diesmal hatte er aufmerksam beobachtet, weil es sich um ein rundes, frisches Ding handelte, das, wenn auch unbewußt, ihn in ihren reizvollen Bann gezogen hatte. Und so war es gar nicht merkwürdig, daß er gerade jetzt die Sehnsucht empfand, mit ihr ein paar Worte zu wechseln, ohne daß der andere sie hörte.

So machte er denn Kehrt, bevor Gläser ihn bemerken konnte, und lief eiligst nach dem Wagen zurück.

»Wo ist er?« fragte Anna Schiman.

»Er wird schon kommen, er steckt im Wartesaal«, gab er zurück, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was er gesehen und gehört hatte; dann beruhigte er sie durch den Hinweis, daß man ihn sicher nicht zurücklassen werde. »Und wenn er sie verlassen sollte, na, dann bin ich ja noch hier, um Sie zu beschützen«, schloß er lachend, »wissen Sie, ich würde es für ein Verbrechen halten, sich solch einer hübschen Braut nicht beizeiten zu erinnern.«

»Ei, wie keck er jetzt reden kann«, dachte Anna, ließ sich aber diese offene Schmeichelei gerne gefallen. Sie konnte sich nicht entsinnen, daß ihr Bräutigam seit einem Jahre etwas Ähnliches gesagt hätte; stets hat er nur die praktische Seite dieses Verhältnisses im Auge gehabt und sie wie eine Sache behandelt, die zu dem Gepäck des Mannes auf seinem Lebenswege gehöre. Und sie hatte sich daran gewöhnt, ihm dereinst Köchin und Dienerin zu sein, und war froh, daß sich ein Reeller gefunden hatte, der die beste Absicht zeigte, ihr den Ring auf den Finger der rechten Hand zu stecken. Denn das war doch schließlich der Wunsch aller Mädchen, dem sie nachjagten, ob sie nun hoch oder niedrig standen.

Dolinsky hatte sich wieder zu ihr gesetzt, diesmal wirklich angenehm berührt durch das Schnarchkonzert, das sie umgab. Auch der Viehtreiber, der vorhin aufgestanden war, hatte sich wieder auf seinen Pelz hingeworfen, den er nun als Kopfkissen benutzte; und selbst der polnische Jude, der sonst die Ruhe nicht finden konnte, lag nun mit geschlossenen Augen da, die wie weiße Kuppeln in den Höhlen saßen. Sie alle schliefen und träumten noch einmal von der Heimat, bevor sie unsanft aufgerüttelt würden, um den Kampf mit dem neuen Dasein aufzunehmen.

»Er wird mich schon nicht vergessen«, sagte sie einfältig, in dem Gedanken an den Schatz, den er bei sich führte. Zugleich aber stellte sie heimlich einen Vergleich an zwischen ihrem Bräutigam und diesem jungen Manne, dessen offenes Gesicht mit den sinnenden Augen und dem blonden Schnurrbärtchen ihr besser gefiel als die langen harten Züge ihres Verlobten, in die die Unzufriedenheit mit dem Dasein deutlich ihre Merkmale geschrieben hatte. Dieser hier zeigte sich äußerlich nicht so vorwitzig wie der andere, dafür sprach aber Klugheit aus seinem Antlitz und eine gesunde, lustige Lebensfreude. Dabei schien er es gründlich mit der Ehrlichkeit zu halten, denn nichts von dem war ihr entgangen, was er gesprochen hatte.

Den ganzen Wagen durchzog der Geruch von Armut, den die Wärme noch besonders aufgerüttelt hatte. Dolinsky zog ein kleines Fläschchen aus der Westentasche, öffnete es und hielt es gegen die Nase. Tränen traten ihm in die Augen, aber er sog tapfer weiter mit einem gewissen wohltuenden Gefühle. »Wollen Sie auch einmal? Es ist Salmiakgeist«, sagte er dann. »Wenn man auf dem Lande in die Bauernstuben kommt, ist es immer gut, wenn man so was bei sich hat. Na, und hier riecht's noch schlimmer.« Und er fügte hinzu, daß sein Vater Maurermeister auf einer kleinen ländlichen Besitzung sei und daß er, sein einziger Sohn, den ganzen Sommer über in den Dörfern auf eigene Faust gebaut habe, um seinen Alten, der immer am Zipperlein leide, zu vertreten. Natürlich sei das keine Kunst gewesen, Baracken aus rohen Steinen zu errichten, aber es habe wenigstens gesunde Bewegung gemacht. Nun sei er froh, sich in Berlin weiterbilden zu können, denn er habe nur eine einfache Baugewerkschule besucht, strebe aber danach, sein Zeichentalent weiter auszubilden.

Er hielt ihr das Stärkungsmittel ebenfalls hin, und sie roch gleich ihm daran.

»Das tut mal wohl, 'n bissel erfrischt's doch«, erwiderte sie und wischte sich das Naß aus den Augen, die ihr übergegangen waren.

»Mit diesem hier dürfen wir nicht so leicht umspringen«, sagte er wieder und zeigte ihr ein anderes Fläschchen, das, verkapselt und versiegelt, bis zur Hälfte mit einem weißglitzernden, trockenen Inhalt gefüllt war, den er wie Salz hin- und herschüttelte. »Ein paar Körnchen davon genügen, und wir sind hinüber. Sie müssen nämlich wissen, es ist Arsenik, das schärfste Gift, das es gibt.«

Sie schlug die Hände zusammen. »Und so was tun Sie bei sich tragen? Wenn Sie's nu mal verwechseln ...«

Er lachte. »Kann gar nicht vorkommen. Und ein anderer wird sich schön dafür bedanken. Sehen Sie, das Etikett ist drauf, mit der Warnung ... Sie können es dreist anfassen. Davon stirbt man noch nicht.«

Erst nach einer gewissen Überwindung nahm sie das Fläschchen und betrachtete neugierig das Etikett mit der Aufschrift »Gift« und mit dem Totenkopf, der auf zwei gekreuzten Knochen ruhte. Und als sie sich überzeugt hatte, daß bei diesem Betasten nichts Gefährliches passieren könne, wollte sie wissen, weshalb er sich nicht davon zu trennen vermöge. Und so erzählte er ihr mit kurzen Worten, daß er als Zwanzigjähriger in die Nichte des Dorfpastors verliebt gewesen sei und aus Verzweiflung über ihre Gleichgültigkeit sich habe das Leben nehmen wollen. Sein Vater sei aber dahinter gekommen und habe ihm einen so gründlichen Denkzettel gegeben, daß er von seinem Lebensüberdruß sofort geheilt worden sei. Dazwischen lägen nun schon vier Jahre, und wenn er jetzt an die dumme Geschichte denke, müsse er lachen. Aber das Fläschchen trage er immer noch als Spielzeug bei sich, eigentlich mehr als eine Art Kraftprobe auf sich selbst, denn er könne ja doch nie wissen, ob er nicht noch einmal in eine ähnliche Lage käme.

Dabei sah er sie so sonderbar an, daß sie seine scherzhafte Andeutung hätte verstehen müssen, wenn sie im Augenblick nicht von einem andern Gedanken geplagt worden wäre. »Nein, das dürfen Sie nicht! Machen Sie sich bloß nicht wieder solche Gedanken, das ist ja schrecklich!« rief sie erregt aus. »Wie kann solch junger Mensch nur an so was denken! Wegwerfen werde ich es nachher.«

»Aber erlauben Sie mal –«, wandte er mit komischer Verblüffung ein.

»Ach, da gibt's gar nichts zu erlauben, das gehört jetzt mir.« Plötzliche Willenskraft sprach aus ihr, die er diesem lustigen Ding bisher nicht angemerkt hatte. Er wußte nicht, sollte er lachen oder sich ärgern über diese Vorenthaltung seines Eigentums. Es war so warm geworden im Wagen, daß sie sich bereits vorher das wollene Brusttuch abgebunden hatte; jetzt nestelte sie an den oberen Knöpfen ihrer Taille, und ehe er es verhindern konnte, hatte sie das Fläschchen in der Öffnung verschwinden lassen.

»Das ist ja Diebstahl!« rief er aus, ohne es ernst zu meinen.

»Ich werde 's schon verantworten«, gab sie zurück und hielt die Hände schützend über die Taillenöffnung, da er rücksichtslos zugreifen wollte.

Der polnische Jude hatte alles gehört, trotzdem er so tat, als wenn er schliefe; und wie im Selbstgespräch sagte er, immer noch mit geschlossenen Augen: »Der liebe Gott wird's danken, daß Sie ihm haben genommen das Gift. Andere möchten behalten gerne ihr Leben, und er will den Tod herausfordern. Es ist schon schwer, daß man ihn mit sich tragen muß gegen seinen Willen.«

»Ach, laß deine abgestandene Weisheit«, sagte Dolinsky aufgebracht.

»Was Gott gegeben hat, soll man behalten, bis er's wieder nimmt«, klang es tonlos am Ofen weiter.

Das Mädchen war rot geworden, denn sie hatte Dolinskys Finger auf ihrer Haut verspürt. Unwillkürlich stieß sie einige Worte auf polnisch hervor, und sogleich antwortete er in derselben Weise, aber nicht so fließend wie sie, denn er konnte sich nur mit einiger Mühe verständigen. Sie äußerte jedoch ihre Freude darüber und belehrte ihn, daß ihr Bräutigam nur deutsch verstünde. Während sie rasch die Knöpfe wieder schloß, nun froh darüber, den Sieg erfochten zu haben, kehrte Gläser gerade in dem Augenblick zurück, als Dolinsky einen letzten Versuch machte, sein Eigentum wiederzuerlangen.

»Na, was hast du denn?« fragte Gläser und maß den andern mit einem geringschätzigen Blick, als wollte er sagen: »Was machst du? Ich bin dir nicht nur geistig, sondern auch körperlich überlegen.« Er war hager, aber knochig, und schon oftmals hatte er Kraftproben seiner Muskeln abgegeben.

Anna merkte ihm die schlechte Stimmung sofort an, und so erwiderte sie schüchtern: »Was soll ich haben? Nichts habe ich.«

»Da hast du eigentlich recht«, dachte Gläser, aber er meinte damit etwas anderes. Mit seinem Scharfsinn erriet er sofort die Tändelei, und so bedachte er sie mit einem kalten Blick. Aufs neue suchte sie nach Worten, aber schon kam Dolinsky ihr zuvor, indem er einwarf: »Ich wollte mir mal das schöne Kreuz ansehen, aber denken Sie, sie läßt es zu?«

»Recht so«, sagte Gläser, darauf eingehend, und trat sich rücksichtslos die kaltgewordenen Füße warm, so daß die Diele des Wagens zitterte. Der Viehtreiber fluchte und legte sich dann auf die andere Seite.

Als sie sich vorhin am Halse zu schaffen machte, war das einfache goldene Schmuckstück zum Vorschein gekommen, das sie an einem schwarzen Bande auf der Brust trug. Auf dieses Kreuz, das ein Einsegnungsgeschenk ihrer Mutter war, hatte ihr Gläser feierlich schwören müssen, sie nie in der großen Stadt zu verlassen, denn mit Angst und Bangen sah der alte Vater sie unverheiratet fahren.

»Na, was sieht man auch daran, es ist ein Kreuz wie jedes andere«, sagte sie gleichgültig und stopfte den blanken Gegenstand wieder in den Halsausschnitt des Kleides hinein. Innerlich aber war sie erfreut, daß sich Dolinsky so fein ausgeredet hatte.

»Man muß nicht alles sehen«, fiel Gläser unfreundlich ein.

»Das dachte ich auch, als ich vorhin draußen war«, sagte Dolinsky kurz, um ihn zu ärgern.

Gläser stutzte. »So, Sie waren auch draußen?« fragte er und sah ihn prüfend an.

»Ich mußte Sie doch suchen, der Zug hätte ja abgehen können«, log Dolinsky tapfer. »Aber ich sah Sie nirgends.«

Gläser traute ihm aber trotzdem nicht, sondern fühlte sich erst beruhigt, als er die Braut beiseite genommen und vorsichtig ausgehorcht hatte; dann stellte er sich wieder ans Fenster und ließ die beiden weiter plaudern, denn so wurde Anna davon abgelenkt, die ewige Frage nach dem Gelde an ihn zu richten.

»Geben Sie doch das Fläschchen wieder!« sagte Dolinsky leise auf polnisch, unter dem erneuten Rasseln des Zuges.

»Sie sollen es ja haben, warten Sie nur«, erwiderte sie zu seiner Beruhigung. »Wenn er's sieht, wird er eifersüchtig. Dann gibt's gleich Kloppe in Berlin.« Sie band sich den Seelenwärmer wieder um, als befürchtete sie, dieser kecke Mensch, der schon eine unglückliche Liebe mit sich herumtrug, könnte sich zu einer neuen Dummheit hinreißen lassen. Denn sie war doch schon vergeben, für immer und ewig.

Dolinsky tröstete sich mit dieser Ausrede und sprach nicht mehr davon. Als Gläser etwas von ihrem Polnisch aufschnappte, riß ihn das aus seinem Gedankengang.

»Sprich doch deutsch, hörst du?« schnauzte er sie an. »Du kannst es doch.«

Dolinsky wollte ihr keine Unannehmlichkeiten bereiten, und so erhob er sich und suchte den Platz am gegenüberliegenden Fenster auf, wo er vorher stundenlang gestanden hatte.

Beide Männer blickten in den grauen Morgen hinein, dessen fahles Licht allmählich Himmel und Erde voneinander loslöste und dem Schnee die Leuchtkraft des Tages gab. Deutlicher konnte man die vorübereilende Landschaft beobachten, von der sich bereits erkennbar die winzigen Dörfer abhoben, sobald sie nicht zu weit in der Ebene lagen. Denn hinten wogte noch der letzte Dunst der Nacht, den erst die sieghaften Sonnenstrahlen verdrängen sollten. Häuser huschten vorüber, ganze Wälder blieben zurück, oben weiß gekuppelt, in ihrem Inneren voll tiefer, gähnender Schatten. Ein Schnellzug brauste vorbei, gleich einem Teufelsspuk, der mit einem raschen Schall davonfliegt. Man merkte schon die Nähe der großen Stadt, die ihre steinernen Fühlhörner nach jeder Richtung sandte. Die Schlote einsamer Fabriken dampften, feurige Fensteraugen blinkten in den Schnee hinaus, und abgerissene Straßenzüge mit riesigen Mietskasernen deuteten die Vororte an, die jäh auftauchten und wieder verschwanden. Die Arbeiter zogen schon zum Werk. Wie ein Gewirr von dunklen Punkten strebten sie dem roten Hause zu, das einsam auf winterlicher Flur lag. Eine Menschenherde schien sich in den Stall zu ergießen, der Futter und Wärme für den Tag gab. Wagen und Schlitten hielten an der gesperrten Barriere, hinter der die kahlen Bäume in zwei endlosen Reihen, immer kleiner werdend, sich im Schnee verloren. Der Riesengasometer einer Gasanstalt zeigte sich wie ein schwarzer Koloß, ganz nahe der Bahn. Dann wieder Fabriken, Häuserblöcke und endlich Schienenstränge, die nun zwischen halbbebauten Straßen lagen. Man verspürte die Stadt, ohne daß man sie sah.

Als der erste Kirchturm auftauchte, dachte Gläser an seinen Traum. Weshalb hatte er gerade an einem Kreuze gehangen, hoch oben in den Lüften? War es vielleicht, weil seine Braut so an ihrem Kreuzlein hing, fromm wie eine einfältige Kirchgängerin, und weil er seine Finger beteuernd darauf gelegt hatte? Sollte ihm das eine Warnung sein, mit dem Heiligsten nicht zu spielen, nach dem alten Sprichworte: »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein?«

Mit den neuen Eindrücken vor seinen Augen verflogen auch diese Gedanken. »Dummheit«, dachte er. »Eine hübsche Deutung für Schwächlinge, aber nicht für Leute mit starken Nerven.« War es nicht ganz natürlich? Er hatte vor dem Einschlafen an den seltsamen Schwur gedacht, und so war alles mit seinem Traume verwoben worden. Was träumte der Mensch nicht alles zusammen, wenn er sich den Magen vollgeschlagen hatte!

Die Fahrgäste waren munter geworden und packten ihre Habseligkeiten zusammen, denn schon befand man sich mitten im Schienengewirr des Rangierbahnhofes. Der Zug fuhr langsamer; Männer und Frauen drängten sich an das Fenster. Alle fröstelten aufs neue, weil das Feuer allmählich wieder erloschen war. Aus den übernächtigten Gesichtern sprach mehr Spannung als Freude, denn nun trat allmählich die Ernüchterung ein. Die meisten hatten geglaubt, ein Paradies zu sehen, und nun erblickten sie nur graue Häuser, die traurig ihre Häupter reckten. Der dunkle Wintermorgen ohne Sonne lastete auf dem Gemüt und ließ die Sehnsucht nach der warmen Stube der Heimat noch einmal still erwachen.

»Ist das Berlin?« fragte die blasse Frau, die sorgsam die noch halbverschlafenen Kinder in Mützen und Schals vermummte. Man sah jetzt erst, daß sie in Trauerkleidung war und daß sie gerötete Augen hatte, wohl vom letzten Weinen unter ihrer Kapuze.

»Immer noch, Madamm«, erwiderte der Viehtreiber gemütlich und zündete sich die Pfeife an.

Keiner sprach mehr ein Wort; niemand zeigte Teilnahme für den andern, ein jeder hatte den Blick auf seine Siebensachen gerichtet.

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