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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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17.

Es traf sich gut für Herbst. Frau Teichert war nach Berlin gefahren und alle Dienstbotenhände waren in der Küche, im Speisesaal des Parterre oder im Anrichteraum tätig. Denn um zwölf Uhr fand das große Frühstück statt, das die Architekten und ihren Stab um den Bauherrn versammelte. So konnte Klothilde denn ungestört auf ein Viertelstündchen mit dem Geliebten schwelgen. Vom Rauchsalon aus schritt sie mit ihm die schmale Wendeltreppe hinauf, die zu Gläsers Arbeitsraum führte, einem großen Eckzimmer, dessen Erker der Fuß, eines Türmchens bildete. Durch die Butzenscheiben spielte das Sonnenlicht und warf seinen buntscheckigen Widerschein auf die Marmorbüste Klothildes, mit der sie ihn vor zwei Jahren zu seinem Geburtstag überrascht hatte. Etwas mußte er doch haben, woran sein Blick hing, wenn er hier in der Nacht noch über Zahlen saß, während sie von einem Andern träumte. Rechts und links vom Erker waren breite, atelierartige Fenster, durch die man weit in die angelegten Straßen der Landhausstadt blicken konnte. Und vor jedem dieser Fenster stand ein langer, grün bezogener Tisch mit üppig geschnitzten Füßen. Durch eine kleine, dunkel verhängte Bogentür konnte Gläser sogleich in sein Schlafzimmer gelangen, sobald er müde von der Arbeit war. Klothilde schlief im andern Flügel, jenseits der sogenannten Diele, zu der man die Haupttreppe hinauf gelangte. Zwischen beiden Schlafzimmern lagen die Zimmer Viktors und der Bonne. Gläser mußte ihn auch des Nachts in seiner Nähe haben, denn regelmäßig, ehe er schlafen ging, öffnete er leise die Tür, um einen Blick auf den Schlummernden zu werfen.

»Komm', laß dich erst einmal küssen«, sagte Klothilde und zog Herbst leidenschaftlich an sich. Sie steckte bereits in Empfangstoilette, in einem bauschigen, hellgestreiften Seidenkleide mit durchbrochener Taille, unter der die weiße Haut des vollen Halses schimmerte. Perlentropfen fielen aus dem Ohrläppchen, eine Brillantspange hielt den Blusenverschluß zusammen, und in dem aufgelockerten Haar steckte eine purpurfarbene Rose. Seitdem sie befürchtete, in die Breite zu gehen, hatte sie sich einem Training unterworfen. Schon des Morgens ritt sie aus; sie trank wenig, genoß nur magere Kost und tat alles, was dazu beitragen konnte, eine schöne, kräftige Frau vor übergroßer Üppigkeit zu bewahren. Sie wußte, daß Herbst die fetten Weiber nicht leiden konnte, und schon manchmal hatte der Gedanke an ihr genagt, er könnte ihrer überdrüssig werden. Sie fühlte ihre sechsunddreißig Jahre, trotzdem ihre Haut noch immer zart und durchsichtig war und ihre gewölbten Lippen das feuchte Rot der Kirsche zeigten. Niemals hatte Kummer ihre Seele erfüllt, denn selbst zu der Zeit, als man sie getäuscht hatte, ließ die Lebenslust sie alles rasch wieder verschmerzen. Und nun, wo das Schlimmste ihr leicht geworden war, flatterte sie wie ein rosenroter Schmetterling über den Sumpf dahin, immer der Sonne zu, ohne an das Schicksal des andern Tages zu denken.

»Meine Königin! Wie schön du wieder heute bist«, stammelte er und berauschte sich an dem Duft ihres Haares.

»Alles für dich, alles für dich, mein Lieber!« hauchte sie unter seinem heißen Munddruck. »Nur weil du hier bist, weil du mich siehst. Darum putze ich mich immer, als müßt' ich mit dir zum Balle gehen.«

»Na hör' mal, wir tanzen schon auf einem Vulkan«, spöttelte er, bog ihren Kopf weit nach hinten über und küßte sie aufs neue ab.

Wohlig lehnte sie so in seinem Arm, die großen lüsternen Augen nur halb geschlossen, so daß das Licht wie in einem grünen Schmelz sich wiegte. »Ja, ich bin grundschlecht, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich bin es erst geworden. Du, du, wie ich dich liebe, wie ich dich liebe! Heute hatte ich rasende Sehnsucht nach dir, ich konnte die Zeit nicht erwarten, bis ich dich sah. Morgen, morgen bin ich bei dir! Oskar, ich traue dir nicht! Du hast eine Andere, beichte, gesteh' es!«

Immer sagte sie das, sobald sie ihn einmal eine Woche nicht gesehen hatte, denn öfters gab er vor, Mittags woanders speisen zu müssen, und so war ihr die Freude verdorben. In Wahrheit war sie ihm schon langweilig geworden. Seit dem letzten Winter hatte er sich eine kleine Soubrette dritten Ranges zugelegt, einen zierlichen Schwarzkopf, mit dem er Liebesversteck spielte, wenn er Klothilde ferngehalten hatte. Da die pikante Lori ihm viel Geld kostete, konnte er unmöglich Frau Gläser aufgeben, und so teilte er sein Herz großmütig zwischen Spenderin und Nehmerin und tröstete sich damit, daß er im Grunde eigentlich beide liebe.

»Du, hör' mal, du schweigst. Das ist verdächtig!« fuhr sie aufgebracht fort. »Komm' in mein Zimmer, beichte mir ... Du, das sage ich dir: heiraten kannst du. Denn das wirst du ja doch einmal tun, aber nie so eine Andere, nie! Schwöre mir, daß ich die Einzige bin, jetzt auf der Stelle! Oskar!«

Seit langem hatte sie ihn nicht so gepeinigt, und schon wollte er ärgerlich werden, als durch das geöffnete Fenster das »A, i, o« mehrfach und lang gedehnt hereindrang, wie eine Warnung aus verstopfter Kinderkehle, wütend stieß sie die Scheiben zu, während er erschreckt zurücktrat, als säße ihm irgend etwas bereits auf dem Leib.

»Immer kommt er dazwischen, immer!« rief sie zornig aus. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sie mir in den Ohren klingen, diese herausgewürgten Laute. Immer denke ich, ein junges Tier kriecht da herum. Oh, was bin ich unglücklich! Du glaubst es ja gar nicht. Wenn du bloß einmal in mein Inneres blicken könntest.«

In solchen Augenblicken, wo dieser unglückliche Knabe an ihr Gewissen schlug, erwachte ein unbeschreiblicher Zustand in ihr, der sich regelmäßig in Tränen auflöste – in jene Tränen des Grolls, die aus einem verfehlten Leben entspringen. Und dann heulte sie manchmal im stillen, in einer verlassenen Ecke, inmitten dieses Glanzes, gegen den sie ihren Leib verkauft hatte.

»Es ist doch dein Rind«, sagte Herbst, der alles an ihr verstand, nur diese Roheit nicht. Mit allen Schlichen Gläsers vertraut, hatte er nicht besondere Achtung vor ihm, aber oftmals, wenn er hörte, wie dieser brutale Menschenzerkneter kleiner wurde beim Gedenken seines Viktors, wandte er sich beschämt ab, innerlich zertreten wie ein elendes Staubatom.

»Ach was, mein Kind!« preßte sie hervor mit verrauchter Leidenschaft, »sag' du es auch noch! Sein Kind ist es, seins, seins ganz allein. Ich habe es nur zur Welt gebracht, weil ich es erdulden mußte. Dazu sind wir Frauen gut genug. Wir geben euch Männern unsere Liebe, unsere Schönheit, und dann verlangt ihr noch, wir sollen die Sünde eures Geschlechts mit Wonne in die Arme nehmen, und wenn sie widerlich wie eine Kröte ist ... Ja, wenn ich ihn geliebt hätte, wie ich dich liebe, wie ich dich liebe!« Sie stellte das Schleppenfegen ein und legte ihre gefalteten Hände auf seine Brust, Wahrheit in ihren Augen. Und dann, wie eine gemachte Heilige, die ihre sündhaften Gedanken verbirgt, fuhr sie leise mit geschlossenen Augen fort: »Siehst du, wie hatt' ich mich damals gefreut, als meine Stunde nahte. Das Kindchen sollte alles überbrücken, ihm wollte ich mich ganz und gar widmen. Du weißt, wie ich dich zurückstieß, ich wollte gut und rein bleiben. Aber es ist anders in Erfüllung gegangen. Manchmal denke ich, der Himmel hat mich mit diesem Unglückswurm beschert, weil ich mit dem Gedanken an dich vor den Altar getreten bin.«

Er lachte. »Ach, mach' dir doch nicht solche Gedanken! Wie viele tun das und haben blühende Kinder. Werde nur nicht nervenschwach, das wäre das Letzte.«

Es drängte ihn, von ihr loszukommen, denn fortwährend dachte er an Gläser, und wie er heute toben würde, weil ihm etwas gegen den Strich gegangen war. Er hatte nicht mehr die alte Freude an einem derartigen Gefühlsaustausch, seitdem er immer Loris Tituskopf vor Augen hatte und die neckischen Grübchen dieser Volksrange sah, der die Grazien das Lachen mit in die Wiege gegeben hatten. Nur die Nähe Klothildes berauschte ihn jedesmal, der heiße Atem dieser Juno, die etwas Überwältigendes für ihn hatte.

Als hätte sie seine Gedanken erraten, hing sie sich an seinen Hals und schmachtete weiter. »Du hast recht, du hast recht! Hör' nicht darauf, sei doch gut.« Und plötzlich ließ sie die heiße Sehnsucht wieder aufflammen, deren Andeutungen ihm nicht mehr neu waren. »Siehst du, Oskar, nur noch einmal, nur noch einmal möcht' ich diese schwere Stunde kommen sehen. Deine Augen müßten es sein, deine Augen! Oh, du, du! Was bin ich manchmal närrisch verliebt in dich ... Fliehen möcht' ich mit dir, auf einer einsamen Insel mit dir wohnen, die Zeit im süßen Nichtstun mit dir verbringen.«

Schon oftmals hatte sie allen Ernstes mit ihm darüber gesprochen und daran einen bestimmten Plan geknüpft, der aber weniger romantisch war, als diese Schwärmerei. Alles Geld wollte sie zusammenraffen, die hunderttausend Mark erheben, die ein Geschenk Gläsers waren und die sie auf ihren Namen angelegt hatte. Dann hätte sie ihn noch gehörig gebrandschatzt, um mit dem Geliebten nach London oder nach Paris zu gehen. Sie hätte Schulden für ihn machen, alles tun können, um wie eine Abenteuerin die Welt mit ihm zu durchziehen, mit der zügellosen Gier, sich auszuleben an seiner Seite, nicht mehr in Fesseln, sondern in ungebundener Freiheit.

»A, i, o«, klang es wieder diesmal in der Nähe. Deutlich hörte man, wie Viktor den Stock draußen auf der Diele aufsetzte, der unten einen Klotz hatte, damit er sich besser darauf stützen könne. Er kreischte jetzt förmlich, immer dasselbe, wie stets, wenn er mit den Lauten rang und in Verzweiflung geriet, daß man ihn nicht verstehen wollte. Fräulein Leseurs Stimme klang dazwischen, die sich noch immer hier in Stellung befand. Wenn sie ärgerlich war, fluchte sie auf französisch, mit deutschen Brocken dazwischen. C'est de la quatsch, C'est de la quatsch!« geiferte sie hell, indem sie ihre ständige Redensart gebrauchte, sobald die Hausregel durchbrochen wurde. » Mon dieu, c'est à devenir fou. Une Maison für Verrückte ... Herr Viktor, Sie sollen das lassen.« Er konnte sie nicht leiden, dann erhob er manchmal den Stock gegen sie und schwenkte ihn kraftlos.

Klothilde ging hinaus, um nach dem Lärm zu fragen. »Er soll auf den Bauplatz fahren, und die Bonne ist natürlich ärgerlich, daß sie nicht mit kann«, sagte sie dann wieder zurückgekehrt. »Weißt du etwas davon?«

Einer der Bauwächter war mit der Meldung gekommen, daß noch zwei Gäste mehr erscheinen würden, und zum Überfluß hatte Gläser fragen lassen, wo denn Viktor und Frau Dolinsky blieben? Niemals konnte ihm etwas schnell genug geschehen.

»Es ist geradezu unerhört, daß diese Person immer hinter ihm sein muß«, fuhr Klothilde erregt fort, als Herbst ihr die nötige Aufklärung gegeben hatte. Sie meinte Anna damit, die mit dem Mädchen nach ihrem Häuschen geeilt war, um die Kinder unterzubringen und sich rasch ein wenig nett zu machen. »Tut er nicht beinahe so, als ob sie seine intimste Freundin sei? Dieses Frauenzimmer, das er sich zuerst abgewimmelt hatte!«

»Ja, es ist das reine psychologische Rätsel«, warf Herbst bedeutungsvoll ein.

»Ach was! Eine sittliche Verirrung ist es«, rief sie unwillig aus. »Irgendeine Schraube ist bei ihm los.« Ihre Tränenweichheit war verschwunden, der Zorn der zurückgesetzten Herrin sprach aus ihr, die sich erniedrigt fühlt um einer Andern willen, ohne dagegen ankämpfen zu können.

Herbst trat ans Fenster und lachte still in sich hinein. Diese Frau sprach von sittlicher Verirrung! Trotzdem war er Philosoph genug, sich darüber auszuschweigen. »Vielleicht ist es mehr die Sehnsucht nach dem alten Zustande«, erwiderte er dann spöttisch, »wie sagt doch Goethe so schön: ›Setzt einen Frosch auf den weißen Stuhl – er springt doch wieder in den schwarzen Pfuhl.‹ Siehst du, mein Lieb, so war es immer: Leute, die früher die Wurst aus der Faust aßen, machen sich im Grunde genommen nicht viel aus der köstlichen Auster ... Er hat nie verstanden, dich ganz zu genießen. Willst du glauben? Eigentlich war es eine sittliche Verirrung, ihn zu heiraten.«

Er wollte sie kühlen, um möglichst schnell von ihr loszukommen, denn unten wieherten bereits die Ponys. Ohne erst viel zu fragen, mußte Frau Dolinsky alles angeordnet haben.

»Mag er sie doch wieder ganz nehmen, ich warte ja nur darauf«, rief sie aus. »Dann wär' es doch ein Ausgleich für mich. Wir hätten uns beide nichts vorzuwerfen. Aber tut er es denn? Es ist die reine Seelengemeinschaft zwischen ihnen. Zwischen dem großen Finanzier und dieser simplen Frau! Es ist zum Lachen! Er hat sich gehäutet, sie aber nicht.«

»Vielleicht verstellt er sich nur, in dem Glauben, du hieltest sie immer noch für eine Verwandte von ihm.«

Sie war geneigt, diesen Gedanken aufzugreifen. »Meinst du?« fragte sie lebhaft und blieb wieder vor ihm stehen. »Aber nein, nein, dann müßte man doch etwas merken!« fügte sie nach einigem Nachdenken hinzu. »Immer aber bleibt sie dieselbe, sklavisch und bescheiden.«

»Ja, dann gibt's eben nur eine Erklärung«, sagte er gleichgültig und rollte die Pläne zusammen, die er von einem der Tische genommen hatte. »Sie reizt ihn nicht mehr, oder – er hat nicht das Zeug zu einem Ehebrecher.«

»Wie du zum Beispiel, wie?«

»Ich?« fragte er mit gut geheuchelter Einfalt. »Aber ich bitte dich, Thilde!«

»Dann also wie ich«, fügte sie leise hinzu und kreuzte die Hände über ihrer Brust.

Er wollte es nicht mit ihr verderben, und so bedachte er sie wieder mit einigen Zärtlichkeiten. Dann fuhr er fort: »Siehst du, man kann in anderen Dingen ein großer Schuft sein und kann seiner Frau doch die Treue bewahren. Ich glaube, niemals wird er sie dir brechen. Er hat eben eine andere Last für sein Gewissen.«

Sie hörte es nicht gerne, wenn er so über ihren Mann sprach, denn wie alle entgleisten Frauen wollte sie den letzten Halt nicht verlieren. »Ach, laß doch das, du weißt, wie's mich ärgert«, schmollte sie hervor und wandte sich ab. »Solche Worte kleiden dich nicht.«

»Ja, aber was ist er denn anders?« fuhr er gleichmütig fort. »Denkst du denn, er weiß nicht, wie alles eines Tages kommen wird? Diese Gründung hier draußen ist sein Unglück. Sicher wird man ihn dann nicht mit Glacéhandschuhen anfassen. Noch steigt er aufwärts, aber wehe, wenn er in die Tiefe rollt. Dann bleibt er zerschmettert liegen, und über ihn hinweg stürzen die Andern, die er mitgerissen hat. Schließlich spielt er doch nur mit dem Gelde Anderer ... Aber weshalb erzähle ich dir das alles, du verstehst ja doch nichts von Geschäften.«

Sie wollte auch nichts davon hören, und so hielt sie sich die Ohren zu, wie stets, wenn er solche Reden führte, die sie für unsinnig hielt. Denn mochte man über Gläser sagen, was man wollte – ein schlechter Rechner war er in ihren Augen nicht.

Als Herbst es dann plötzlich eilig hatte und sie bat, einmal nach Viktor zu sehen, lockte sie aufs neue. Nur fünf Minuten wollte sie ihn ungestört in ihrem Zimmer haben, denn hier stehe man ja wie auf Kohlen! Wahrscheinlich werde Fräulein Leseur gleich kommen, um ihr zu sagen, daß der Junge bereit sei. Aber er blieb fest. »Morgen, morgen, wie gewöhnlich. Jetzt muß ich fort.«

»Dann also auf Wiedersehen, mein Lieb«, sagte sie, als sie sah, daß er nicht mehr zu halten war. Noch einmal zog sie seinen Kopf an sich und küßte ihn mit Inbrunst.

Plötzlich stoben sie auseinander, denn wie aus der Erde gewachsen stand Anna vor ihnen, mit Strohhut und Sonnenschirm, Halbhandschuhe über die Finger gezogen. Sie hatte sich unten nach Frau Gläser umgesehen und war dann sorglos die Wendeltreppe emporgestiegen. Klothilde faßte sich zuerst. »Was wünschen Sie, Frau Dolinsky?« fragte sie freundlich, während es in ihr tobte. Und ohne erst die Antwort abzuwarten, wandte sie sich an Herbst. »Also, mein lieber Freund, grüßen Sie mir Ihre Mama vielmals und sagen Sie ihr, sie möchte sich mit Agnes recht bald bei mir sehen lassen. Alles andere werde ich schon besorgen.«

Er verstand sie, besonders die letzten Worte, küßte ihr die Hand und stieg, völlig rot geworden, die Treppe hinab, um unten die Frauen zu erwarten.

»Er kann noch immer nicht unsere Jugendfreundschaft vergessen, und dann ist er etwas zudringlich«, fuhr Klothilde ohne weiteres fort. »Immer, wenn er sich von mir verabschiedet, tut er so, als handle es sich fürs ganze Leben.« Während ihre Brust erregt arbeitete, spielte sie mit ihren Brillantringen, die sie an den Fingern lose auf und ab drehte.

Anna lachte vergnügt, so daß die roten Wangen strotzten. »Das kann schon sein, gnädige Frau. Stürmisch war der Herr Referendar ja immer ... Ich habe auch gar nichts gesehen.«

»Ach, du lügst ja«, wollte Klothilde ihr zurufen; aber als sie in das heitere Gesicht der Andern blickte, stockte ihr die Stimme. »Ich weiß schon, worum es sich handelt, beste Frau Dolinsky«, sagte sie dann wieder und zwang sich zu größter Liebenswürdigkeit. »Wollen Sie nur immer nachsehen, wo Viktor bleibt. Er ist noch bei Fräulein Leseur. Gleich komme ich nach.« Plötzlich aber traute sie ihr nicht und hielt sie noch zurück. »Hören Sie mal, liebe Frau Dolinsky, sagen Sie nur nichts meinem Manne davon, er regt sich jetzt über jede Nichtigkeit auf.«

»Gnädige Frau können sich fest darauf verlassen. Er ist doch schon unglücklich genug.« Sie lachte nicht mehr, aber als Klothilde ihr in die klaren Augen blickte, wußte sie, daß diese Person nicht zu täuschen war.

»Ich habe Ihnen auch einmal mein Leid geklagt, gnädige Frau, und Sie haben mich verstanden, weshalb sollte ich nicht auch Ihr Leid verstehen, wenn Sie eins hätten«, fuhr Anna aufrichtig fort. »Aber Sie haben doch nun alles, was des Menschen Herz erfüllt. Mit dem armen Knaben? Da muß man sich trösten, denn das war Gottes Wille.«

»Ich habe ein paar hübsche Anzüge für Ihre Jungen gekauft. Ich sah sie im Schaufenster liegen. Nächster Tage werden sie wohl ankommen«, warf Klothilde ein. Sie log, aber sofort nahm sie sich vor, am andern Tage das Versäumte nachzuholen. Durch etwas mußte sie sich doch erkenntlich zeigen, und es konnte weiter nicht auffallen, weil derartige Geschenke von ihrem Mann schon öfter gemacht worden waren.

»Vielen Dank, gnädige Frau«, sagte Anna wieder, ergriff diesmal aber nicht die Hand der Andern, wie sie es sonst zu tun pflegte. Dann ging sie hinaus auf die Diele und ließ Klothilde in seltsamer Empfindung zurück. Draußen aber blieb sie stehen und legte die Hände wie zu einem Gebet zusammen, denn schreckhaft dünkte ihr, was sie gesehen hatte. Und ihr Gedanke war immer derselbe: »Oh, der arme Mann, der arme Mann!« Sie dachte wieder daran, was sie ihm damals voll Zornes zugerufen hatte, daß er Eine bekommen werde, die es ihm beibringen würde! Ja, und Klothilde tat es gründlich, im eigenen Hause, mit dem Angestellten ihres Mannes! Und wie sie trog, so log sie, dreist und frech, wie die Gewöhnlichste unter den Weibern. Und zwei Wände weiter stand ihr armer Junge und fand die Worte nicht, die er suchte, um seiner Elternliebe Ausdruck zu geben, die seine Mutter aber girrend an den Geliebten verschwendete. Oh, was für eine sündhafte Welt, oh, was für ein Unglück inmitten von Glanz und Schein! Doppelt war ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen, und wenn er auch das eine wußte, das andere sollte er nicht erfahren – von ihr nie und nimmer! Schön war es, in das Leben zu blicken, aber schöner war es, an seinen Häßlichkeiten mit geschlossenen Augen vorüberzugehen. Er war ja ein so kluger Mann, der alles kannte, alles wußte; mochte er sehen, wie man den Krug zum Brunnen trug.

Hinten ging die Türe auf. Viktor kam herausgetappt, und kaum ihrer ansichtig geworden, stieß er sein Freudengeheul aus und wackelte auf sie zu. »Komm', mein Junge, wir wollen sehen, wie die Schwalben fliegen«, sagte sie und nahm ihn sanft am Arm. Und wie ein zweijähriges Kind zeigte er nach der Decke und wiederholte immer dasselbe: »A, i, o? A, i, o?«

Beide stampften die Außentreppe hinunter, hinter ihnen her aber schimpfte Fräulein Leseur in ihrem Kauderwelsch.

Es dauerte immer eine ganze Weile, bis der Junge herunterkam, und so hatte Klothilde reichlich Gelegenheit gehabt, Herbst zu verständigen. Als Anna beide am Wagen stehen sah, merkte sie sofort, was los war. Wenn das Pärchen sie für dumm hielt, dann irrte es sich, aber sie wollte diesem Galan gegenüber wenigstens so tun, als wäre sie es. Denn wenn sie richtig geraten hatte, so war es Klothilde gar nicht eingefallen, ihn in Angst zu lassen. Sicher hatte sie ihm zu verstehen gegeben, daß sie, Anna, nichts gesehen habe oder doch wenigstens leicht darüber hinweggegangen sei. Dazu war er zu heiter, blickte er zu furchtlos in die Welt hinein.

Als die Pferdchen angezogen hatten, winkte Klothilde Viktor mit dem Taschentuche nach, und er schwenkte seine Mütze, wobei Anna ihm den Arm hielt. »Hält sie ihn nicht umschlungen wie eine Mutter ihren Sohn?« sagte Frau Gläser in Gedanken, und noch lange blieb sie unbeweglich an derselben Stelle stehen, bis der Wagen ihrem Blicke entschwunden war.

Und plötzlich überkam sie die Empfindung, sie hätte nach diesem Zwischenfall den Geliebten für immer verloren, und mit ihm alles, was ihr das Leben wert und schön machte. Denn was war ihr dieser reiche Plunder, wenn sie ihn nicht mehr besaß, dem sie ihre ganze Seele offenbart hatte! Die Mutter lief wie eine geschmückte Ruine im Hause herum, stets von Freude erfüllt über das glückliche Los ihrer Tochter; der Junge stand ihrem Herzen nicht nahe, und ihren Mann betrachtete sie wie ihren persönlichen Feind, an den das Schicksal sie geschmiedet hatte, um Tag für Tag den goldenen Acker zu bestellen. So zogen Tausende vereint die große Lebensfurche entlang, lachend und scherzend, um, wenn sie miteinander sprachen, ihre Gedanken zu verbergen, verfeinerte Tiere, die, wenn sie ledig ihrer Koppel waren, getrost zur fremden Herde laufen konnten, sobald die Weide dort saftiger war. Aber sie genossen diese Freiheit nicht lange. Der strenge Hirt kam und trieb sie scheltend wieder in den häuslichen Stall.

Frau Gläser knickte eine weiße Rose, an der sie mit geschlossenen Augen roch. Dann ging sie um das Haus herum und in den Park hinein, wo kühler Schatten lag. Auf einer Bank unter einer Blutbuche ließ sie sich nieder. Und die Rose im Schoß, kam sie sich einsam und verlassen vor. Die Augen wurden ihr feucht. Dann weinte sie ungesehen heiße Tränen, wie die vielen unverstandenen Frauen sie weinen, deren Jugendträume längst zertrümmert und die auf den schmalen Pfad der Sünde gelangt sind, ohne kaum zu wissen, wie.

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