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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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16.

Aus dem »Zuziehen« Annas wurde zwar nichts, weil ihr Mann dagegen war und sie selbst die Sache nur scherzhaft fand, aber Gläser wußte andern Rat. Schon nach vier Wochen hatte Dolinsky in einem Häuschen, das zur Bauverwaltung von »Berlinend« gehörte, eine neue Heimstätte gefunden. Durch die Gunst des mächtigen Gönners war er plötzlich mit einem einzigen Förderungsschub in die Reihe der ersten Gehilfen gerückt, die wie ein großer Stab die Architektenfirma umgab. Es war ihm eine Lust, als Bauführer in einem anderen Stil zu schwelgen, als nur in vierstöckigen Gipsfassaden, die nach der Schablone entstanden. Er wuchs jetzt mit seinem höheren Zweck und wurde bald der Vertraute seiner Chefs, die anfangs nicht geahnt hatten, was in diesem Kerlchen steckte.

Mit der berühmten Landhausstadt ging es nur langsam vorwärts. Im vergangenen Sommer ruhte die Tätigkeit fast ganz, denn man war auf Moorboden gestoßen, der eine schwierige Fundamentlegung zur Folge hatte. Grundwasser mußte herausgepumpt, sogenannte Kasten mußten versenkt werden, ein förmliches Pfahlbautenlager wurde aufgetan, um in der Tiefe erst die nötige Festigkeit zu bekommen. Unsummen wurden verbuddelt, ehe man weiter kam.

Eine benachbarte Gemeinde, die den großen Gedanken Gläsers sofort aufgegriffen und rasch ihre spärliche Kiefernwaldung zu Bauparzellen eingeteilt hatte, erhob Geschrei über die »ungesunde Gegend« von »Berlinend« und verknüpfte damit das schöne Wort von der »Villen-Moorkultur«. Im Publikum wurde man stutzig, Gläser jedoch verlor durchaus nicht seine Ruhe. Die »Lösung« rückte mit einer Doppelnummer heran, die in riesiger Auflage in alle Winde flatterte und den Interessenten ins Haus geschickt wurde. Mit seinem Mutterwitz fuhr er der »Neid-Gemeinde« gehörig auf den Pelz, indem er für sie das Lockmittel erfand: »Sommerwohnungen sind zu vermieten. In der Nähe eine Kiefer.« Sofort hatte er die Lacher auf seiner Seite, und als die vereinigten Architekten mit der Versicherung in die Bresche traten, daß die langen Vorarbeiten gerade der beste Beweis für die Bewährtheit der Gründung sei, um allen etwaigen Folgen vorzubeugen, kam Beruhigung über die Gemüter.

Eine sogenannte »Gesundheits-Kommission«, wurde ernannt, die Herbst spöttisch mit der schönen Bezeichnung »Pump-Station« belegt hatte, weil sämtliche Mitglieder Gläser in der Tasche saßen. Denn als er sah, daß der unergründliche Erdrachen immer aufs neue Opfer in klingender Münze verlangte, scheute er kein Mittel, den Ruf seiner Gründung hochzuhalten. Mit ihr stand und fiel er, und stürzte die Ansiedlung zusammen; dann folgte auch der Bankbruch, und das Wehegeschrei Tausender würde die Luft durchdringen. »Berlinend« hieß die Karte in seinem Lebensspiel, auf die er alles gesetzt hatte, wartend auf die Zeit, wo das Glücksgeschick zu seinen Gunsten umschlagen würde.

Herr von Bohnenstiel mußte den Exzellenztitel wieder leuchten lassen. Als der Gutskauf mit seinem Schwiegersohn abgeschlossen wurde, hatte es sich der kleine Geheimrat zur Bedingung gemacht, man sollte ihm bis an sein Lebensende ein Landhaus als freie Wohnung zur Verfügung stellen, falls man fürderhin noch auf seine Empfehlung Wert legen würde. Er betrachtete das sozusagen als seine »äh, äh, äh, Extragratifikation« für das Herabsteigen zum Volke. Gläser, der ihn am liebsten für diese Unverschämtheit an die Luft gesetzt hätte, spielte den Tiefgeehrten und sagte ihm das schönste Haus in der Hauptstraße zu, die bereits jetzt schon seinen Namen führte. Zu Herbst meinte er dann lachend: »Was kommt's auf ein paar Mauersteine für den alten Knacker an! Der Lackierte bleibt er doch. Wenn er es wünscht, baue ich ihm noch einen Hungerturm dran, denn den hatten ja immer die alten Burgen.« Zwei Villen hätte er ihm zur Verfügung gestellt, schon um der Wirkung wegen, die die Tatsache, daß ein so klangvoller Name unter den ersten Bewohnern von »Berlinend« verzeichnet war, nach außen hin machte. Und die »Exzellenz Bohnenstiel« kehrte mit der Zuverlässigkeit eines Stichwortes in jedem Bericht wieder, durch den die Welt über die Grünung im laufenden gehalten wurde.

Den ganzen Tag lang klapperte der Geheimrat auf seinen dünnen, unsicheren Beinen von einem Bauplatz zum andern, oder ließ sich, sobald sich die Gicht wieder bemerkbar machte, von seinem Diener im Stuhlwagen umherfahren. Da er nichts zu tun hatte und sich der Wichtigkeit seiner Person bewußt war, so betrachtete er sich fast wie den alleinigen Schöpfer dieser wachsenden Stadt. Den dünnen Schnurrbart im welken Gesicht schwarz aufgewichst, quakte er mit dem letzten Rest seiner ehemaligen Staatswürde in die Luft hinaus, sobald er die Aufmerksamkeit eines Bauführers erregt hatte: »Äh, äh, äh – das machen wir wieder vorzüglich, ganz vorzüglich! Es wird, mein Lieber, es wird!« Und während er mit seinem Bambusstock in einem Schutthaufen herumstocherte, fuhr er fort: »Sagen Sie mal, mein Bester, äh, äh – Ja, wissen Sie nicht, was ich sagen wollte?«

Das Gedächtnis blieb ihm aus, und so erstarb das Quaken wie bei einem Frosche, dem die Luft ausgeht. »Äh, äh, fahren Sie weiter, Karl. Dieser Staub, dieser Staub! Sagen Sie, Karl, weshalb macht dieses Volk immer solchen Staub? Ist das notwendig, äh, wie?« Das Froschquaken verwandelte sich dann manchmal in das Krähen eines alten Hahnes, sobald er die hübschen Frauen der Arbeiter sah, die ihren Männern das Essen zutrugen. Dann betrachtete er sie als Hennen, denen er sich durch ein wohlgefälliges »I, i, i« bemerkbar machen müsse. Er äugte nach rechts und links, zwinkerte lustig und krähte verliebt: »I, i, sieh da, schönes Kind, äh, äh. 'n Tag, wohin? Äh, äh, hören Sie doch! Adieu, adieu, auf Wiedersehen.« Er warf ein Kußhändchen hinüber und schnalzte mit der Zunge, wobei die Frauen sich ausschütten wollten vor Lachen. Dann quakte er wieder zu seinem Diener: »Äh, äh, sagen Sie doch, Karl, wer war das eigentlich? Man scheint mich hier sehr zu kennen, man grüßt so oft. Äh, äh, ja. Fahren Sie weiter.«

Alle betrachteten ihn wie eine komische Figur, der man um ihrer Harmlosigkeit willen nichts übelnehmen dürfe. Fast immer hatte er einen Schweif Arbeiterkinder hinter sich, die er durch seine Nickelstücke verwöhnt hatte, so daß er sie schwer loswurde, wenn er dann auf einer der neu angelegten Straßen hielt, umringt von der lieben Jugend, die mit einfältiger Schärfe seine Schwächen erkannt hatte und ihn dreist wie ihresgleichen behandelte, glich er einer alten, verfallenen Ruine, die von Neugierigen belagert ist und mit einem Freudengebrüll angestarrt wird.

Die Baumenschen nannten ihn die »Trocken-Exzellenz«, weil seine Villa den Straßenzug eröffnete, für den man sogenannte Trocken-Bewohner herangezogen hatte, um endlich etwas Leben in den Ort zu bringen. Auf dieser Seite, die Berlin am nächsten lag und wo fester Baugrund war, hatte man in etwa einem Dutzend schleunigst hergestellter Familienhäuser bei freier Miete Beamte der Bank untergebracht. Nun sah man wenigstens die Kulisse, die ins Auge fiel und der Einbildung weiten Spielraum ließ. Jetzt konnte man etwas zeigen, durfte den Gutgläubigen, die des Sonntags in Scharen herausgezogen kamen, um sich nach dem Stand der Dinge umzusehen, keck zurufen: »Seht ihr, so wird' mal alles werden. Nur Zeit müßt ihr uns lassen. Träumt euch einstweilen hinein in diese süßen Schneckenhäuschen, in die blühenden Ziergärtchen vorne und in die Salatbeete hinten.«

Und als größtes Wunder dieser Schöpfung wurde der Scherbenberg gezeigt, zu dem man Taufende von Fuhren hatte anfahren lassen, und der wie ein Meisterwerk von Menschenhand die Anfänge dieser luftigen Stadt überragte. In Schlangenlinien führte der Weg hinauf, gleich einer Promenade zwischen jungen Bäumchen, die sich von weitem wie hingepflanztes Kinderspielzeug ausnahmen. An seinem Fuße war eine mächtige Granitplatte eingelassen, auf der in riesigen vertieften Goldbuchstaben zu lesen war: »Berlinend. Gegründet 1884 von Richard A. Gläser.« Hoch oben war ein Aussichtsturm erbaut, den offene Hallen umgaben. Eine Gastwirtschaft war geplant, durch die man später die Berliner Ausflügler herbeilocken wollte. Vorläufig stand hier an warmen Sommertagen ein Wächter, der den Residenzlern zehn Pfennig für das Besteigen des Turmes abnahm, denn in den Augen Gläsers durfte man nicht ungestraft unter Palmen wandeln. Er nahm das Geld, woher er es bekommen konnte, und wußte, daß dreißig Groschen einen Taler geben.

»Da kommt Ihr Hausminister gewackelt«, sagte Herbst eines Mittwochs beim Anblick Bohnenstiels zu seinem Chef, den er damit kitzeln wollte. An diesem Tage während der schönen Jahreszeit war regelmäßig Besichtigung, die Gläser, gefolgt von seinem Adjutanten, hier draußen abhielt und zu der er den ganzen Generalstab der Bauausführenden um sich versammelte. Dann wurden alte Pläne umgestoßen, neue entworfen und das Einweihungsfest dieses Schmerzensnestes hinausgeschoben, weil die Schwierigkeiten kein Ende nahmen.

Trotzdem ihm das alles im Kopf herumging, lachte er doch zu der Bemerkung Herbsts, weil sie auf sein Privatkönigtum hinwies. Dann aber, als der Geheimrat nähergekommen war, nachdem er schon von weitem kokette Handbewegungen gemacht hatte, ließ er ganz von seiner Gewohnheit ab, zuerst zu grüßen, sondern rief ihm sofort zu: »Wir sind ja schön angeschmiert worden mit dem Terrain Ihres Schwiegersohnes, Exzellenz. Statt damit zu verdienen, müssen wir zugeben. Alles Sumpf und Morast. Die ganzen zweihundert Morgen da hinten können uns gestohlen bleiben.«

»Äh, äh«, machte Herr von Bohnenstiel.

»Ach, wollen Exzellenz doch die Güte haben, sich deutlicher auszudrücken«, erwiderte Gläser mit beißendem Spott, »wahrscheinlich ist bei der Besichtigung Koks gestreut worden.«

»Äh, äh, Herr Bankdirektor, Sie machen Witze«, quakte der Geheimrat hell auf.

»Ja, leider auf meine Kosten«, sagte Gläser wieder. »Wissen Sie, wie die Arbeiter den Teil da hinten nennen? Station Jauche. Das Gut hieß doch anders?«

»Äh, ich verstehe Sie nicht, mein Bester«, näselte diesmal Herr von Bohnenstiel und reckte sich würdevoll.

»Ach, Sie wollen mich nicht verstehen, Exzellenz«, erwiderte Gläser nun höchst unfreundlich, wartend auf den Augenblick, wo er einmal ganz aus sich herauskönnte, denn schon längst hatte ihn stiller Grimm darüber erfüllt, daß der Kleine sich als den Baukönig aufzuspielen pflegte.

»Ja, äh, dann bitte ich das als eine Auszeichnung für Sie zu betrachten, mein Verehrter. Sie führen manchmal eine Sprache, die, wie soll ich sagen, äh – gegen jede Distinktion ist. Ich muß Ihnen das einmal sagen, denn schon neulich, äh –«

»Ach was, sparen wir doch solche mittelalterlichen Fremdwörter und bleiben wir bei der Sache«, fuhr nun Gläser ihn an, dem das Blut nach dem Kopfe stieg. Der Emporkömmling in ihm regte sich, der rücksichtslose Selbstsüchtling, der die Menschen fallen läßt, sobald er sie gebraucht hat. »Sehen Sie doch, wie in den Schachten da hinten alles schwimmt. Das Gut Ihres Schwiegersohnes ist unser Unglück, wir hätten weiter hinausgehen sollen.«

»Äh, äh, wer hindert Sie daran, das noch zu tun, mein Bester«, warf der Geheimrat ärgerlich ein.

»Soll, das Spott sein, Exzellenz?« Mit einem mächtigen Schritt trat Gläser auf ihn zu, so daß Herbst, der seine Wutausbrüche kannte, unwillkürlich, eine Bewegung machte und sich ängstlich umblickte.

Sie standen mitten auf einer längst gepflasterten Straße, zu deren beiden Seiten man bereits mit den Ausschachtungen begonnen hatte. Erdarbeiter waren in der Nähe, die neugierig aufblickten, als Gläser laut wurde. Ein Steinwagen fuhr vorüber, dem sie ausweichen mußten. Frischer Kalkgeruch lag in der Luft, und der warme Wind führte den Staub eines toten Sandweges herüber. Hinten, der Ebene zu, leuchteten die weißen Jacken der Maurer, die wie ein emsiges Heer auf und ab stiegen, sich bückten und streckten und Stein an Stein setzten. Und durch die blauen Luftzwischenräume der roten Kästen, die in regelmäßigen Abständen eine Querstraße bildeten, sah man einen weiten, grünen Plan, unterbrochen von gelben Erdhaufen, aus denen, dünnen Stangen gleich, das Gewirr der Pfahlbauten ragte, wie Ameisen kribbelten dort die Menschen durcheinander. Man sah die Wasserstrahlen der Pumpen schießen, hörte das schwache Echo der Rammen und das Gewieher eines störrischen Pferdes. Und ganz in der Ferne dehnte sich der bleiche Horizont, im Zickzack unterbrochen von dem Buschwerk, das wie zarter, violetter Flaum auf der Fläche lag. Unzählige Schwalben zwitscherten in der Luft, jagten sich und strichen zum Teil tief über den Boden dahin, dicht vorbei an den Menschen.

Bohnenstiel wich keinen Schritt zurück, aber sein schmaler Kopf wackelte, als er aufs neue quakte: »Äh, äh, nicht doch, mein Bester. Wie können Sie nur denken, daß ich mir erlauben werde, über Ihre grandiose Schöpfung – Äh, nein. Nur mein guter Rat soll das sein, mein guter Rat. Schließlich hauste hier doch mein Herr Schwiegersohn nicht als Höhlenbewohner, daß man, ja, äh ... daß man hätte annehmen können, er säße mit der Nase zwei Meter unter der Erde. Machen Sie doch aus dem Terrain, ja, äh, einen See, oder einen Teich. Dann gibt's im Winter gleich Schlittenbahn. Guter Gedanke, wie?« Er meckerte vergnügt und stocherte endlich mit seinem Stock zwischen zwei Steine hinein, um der tatterigen Hand ruhige Bewegung zu geben, »Verwenden Sie das in Ihrem Prospekt, äh, ja, das gibt eine neue Sensation.«

Herbst, der hinter seinem Chef stand, vergnügte sich heimlich darüber. Gläser jedoch war das zuviel, denn er hörte nur Hohn heraus, wo der andere sich einen Scherz erlaubte. »Ja, allerdings, Exzellenz, mehr würde das ziehen als Ihr Name«, schrie er jetzt mit einer Wucht, als wollte er die ganzen Würdenreste umblasen, »wenn Sie mir so kommen, komm ich Ihnen auch so.«

Bohnenstiel, der in einem tadellosen Gehrock steckte und wie immer an den Besichtigungstagen seinen glänzenden Zylinderhut trug, knipste mit Daumen und Mittelfinger der Linken ein angeflogenes Federchen von seinem Ärmel und behielt heute merkwürdigerweise sein Gedächtnis, trotzdem er bereits den Ansatz zu der berühmten, blöden Frage genommen hatte. »Ja, äh, was erlauben Sie sich eigentlich?« näselte er wild. »Ich muß doch bitten, Herr Direktor, ja, äh, gewiß! Ich werde Ihnen meine Gunst entziehen und die Depots auch, ja, äh. Ich liebe den Frieden. Sie scheinen mein Wohlwollen gar nicht zu begreifen. Sie explodieren ja heute wie eine Granate. Ja, äh.«

»Wie, was? Gunst, Wohlwollen?« höhnte Gläser. »Ich pfeife darauf, Exzellenz. Ich prolongiere diese Gunst nicht mehr. Ich bitte mich zu verstehen, Exzellenz. Sie wissen doch, was man heutzutage alles kaufen kann.« Braunrot im Gesicht konnte er seine Leidenschaft nicht mehr zügeln und dachte nicht daran, was für Folgen diese Entzweiung haben könnte.

Der Geheimrat wankte hin und her, aber er blieb fest auf seinen dünnen Beinen. Er lächelte, wie er es einstmals bei Hofe getan hatte, wenn er seiner Überlegenheit über gewisse Formenverstöße Ausdruck verleihen wollte. »Ja, äh, Sie haben im Prinzip recht, jedoch, äh, mit einer gewissen Einschränkung«, erwiderte er und hob die welken Augenlider langsam zu Gläser. »Sie können sich alles kaufen, ja, äh, nur keine Umgangsform. Danke für gütige Belehrung, ich hatte zum letzten Male den Vorzug, ja, äh.« Er lüftete mit der zitternden Hand leicht den Zylinderhut, drehte sich um und ging mit dem Stolz des Greises von dannen.

Gläser glaubte ein kurzes Lachen seines Sekretärs zu hören, das ihm wie eine Anerkennung dieser Abfertigung klang, und so schäumte er über. »Schön, schön – freut mich, Herr Geheimrat«, rief er ihm nach. »Ich nehme die Kündigung an. Ich werde auf Station Jauche flaggen lassen zu Ehren dieses Tages. Das wird einen exzellenten Eindruck machen.« Er wollte noch mehr hinzufügen, wollte deutlicher werden, den ganzen schmutzigen Handel berühren, der sich unter vier Augen mit diesem stolzen Kümmerling abgespielt hatte, aber er bezwang sich und verschluckte die Worte, denn er fürchtete um sein Ansehen bei Herbst zu kommen. Stets hatte er so getan, als hätte man sich an ihn herangedrängt, um ihn auszuzeichnen, und gerade über seine Beziehungen zu Bohnenstiel hatte er ihn im unklaren gelassen, ohne zu ahnen, daß Herbst genügend unterrichtet war.

Der Geheimrat wandte sich noch einmal um, kratzte mit der Spitze eines Stockes auf einem Stein, als hätte er dort etwas Besonderes entdeckt, und sagte beiläufig wie zu einem Dritten, der nicht da war: »Ja, äh, es ist hier draußen manches verraucht. Man sieht überall Sumpf, ja, äh. Und der Herr Substitut dürfte darüber vielleicht nähere Auskunft geben können. Äh, ich glaube wohl. Auch die Menschen sind verseucht.« Dann setzte er seinen Weg fort, mit Taubheit gegen das geschlagen, was hinter ihm noch vorging.

Denn Gläser geriet aufs neue in Wallung. Einige Augenblicke war er sprachlos, dann lachte er wie ein Unsinniger auf. »Was sagen Sie dazu, was sagen dazu?« rief er auf Herbst ein. »Was meint er denn?« Ehe erst die Antwort abzuwarten, fügte er keuchend hinzu: »Ah so, ah so! Na warte, alter Krauter.« Unwillkürlich ballte er die Faust, denn er glaubte eine Anspielung auf sein unglückliches Kind zu sehen, die ihn als Vater treffen sollte.

Herbst jedoch, der blaß geworden war, legte es in Gedanken anders aus. Eines Abends, als Gläser noch in Berlin zu tun hatte und in seinem grenzenlosen Vertrauen ihn vorausziehen ließ, um noch spät mit ihm zu arbeiten, war Klothilde so unvorsichtig, den Geliebten auf offener Veranda zu umarmen und zu küssen, aus Freude darüber, ihn die Nacht wieder in einem der Fremdenzimmer zu wissen, weil bei solcher Gelegenheit die Rückkehr zur Stadt mit Umständen verknüpft war. In letzter Zeit trafen sie sich sonst regelmäßig in Berlin, meistens während der Mittagszeit in seiner hocheleganten Wohnung, die sie ihm eingerichtet hatte und wo sie mit ihm die üppige Junggesellenmahlzeit teilte. Fast täglich fuhr sie hinein, um Einkäufe zu besorgen, und so konnte sie vergnügt diesen Liebesabstecher machen. Von Gläser war nichts zu befürchten, denn er dinierte während des Sommers in der Stadt und kam nie vor sieben Uhr nach Hause, mit Ausnahme des Mittwochs. Um ihren Mann zu beruhigen, leistete sie ihm hin und wieder bei Hiller Gesellschaft, worüber er jedesmal hocherfreut war. [ Zeile fehlt, Druckfehler. Re.] vor, daß Klothilde, noch die genossene Sünde in den Augen, mit ihm anstieß und ihn treu wie eine Taube anblickte. In solcher Stunde, wo sie von den Delikatessen nur nippte, war er bereit, ihr alle Wünsche zu erfüllen, namentlich, wenn sie ein paar süße Worte über Viktor fallen ließ. Immer hatte sie etwas mit Wohltätigkeiten zu tun, und sie brauchte nur Andeutungen zu machen, so flogen ihr auch schon die Banknoten in die Hand. Fast alles schenkte sie Herbst, der sich so auf diese Art schon ein kleines Vermögen angehäuft hatte, von dem er einen Teil an Mutter und Schwester fließen ließ.

An jenem Abend nun hatte Herbst ein Rollen und Quietschen gehört, und als er auslugte, sah er die alte Exzellenz im Stuhlwagen hinter den Tischen verschwinden. In solchen stillen Dämmerungsstunden ließ sich Bohnenstiel von seinem Diener mit Vorliebe im großen Park herumfahren, sobald ihm das Gehen beschwerlich geworden war.

Schon wollte Gläser weitergehen, als er noch auf etwas kam. »Weshalb sollen Sie mir gerade nähere Auskunft geben können, he? Wie reimt sich das zusammen?«

Herbst, der die kleinen Augen durchdringend auf sich gerichtet sah, bewahrte seinen Gleichmut. »Mir schleierhaft«, erwiderte er mit einem Achselzucken, »Wahrscheinlich wollte er Sie nur damit ärgern.«

»Mich ärgern?« brauste Gläser wieder auf, der fortwährend an seinen unglücklichen Knaben dachte. »Der? Dieser – –?« Und statt den Satz zu beenden, spie er aus. »Binnen drei Tagen muß er die Villa geräumt haben, veranlassen Sie das in meinem Namen. Ausräuchern will ich dann lassen.«

»Und wird uns das nicht schaden?« warf Herbst ein, eigentlich nur, um etwas zu sagen, denn niemand sah den Alten lieber fliegen, als er.

Gläser lachte laut auf und schwieg sich darüber aus, denn seine Gedanken waren bereits woanders. Unter dem Vorwande, daß er noch gewisse Papiere gebrauche, die er vorher in der Wohnung gelassen hatte, bat er Herbst, den Weg noch einmal zurückzumachen und seine Frau zu bitten, Viktor auf den Bauplatz zu schicken. Das war nichts Neues. Oftmals, wenn er nicht bei guter Stimmung war, packte ihn plötzlich die heiße Sehnsucht, das Schmerzenskind auch auf seinen Besichtigungsgängen um sich zu sehen. Dann wurde Viktor in sein Korbwägelchen gesetzt, das von einem kräftigen Ponygespann gezogen wurde, und unter sorgsamer Begleitung fuhr er hinaus, lustig sein »A, i, o« ausstoßend.

»Sagen Sie doch, Frau Dolinsky möchte ihn bringen«, fügte Gläser hinzu, nahm Herbst die große Mappe ab und ließ ihn gehen, ohne etwas von dem leisen Lächeln der Befriedigung zu bemerken, das über des Andern Züge huschte.

Die Villa Klothilde lag gleich am Eingänge von »Berlinend«, dort, wo man an klaren, schönen Tagen, oben auf der Turmgalerie stehend, das Häusermeer von Berlin erblicken konnte, das, hinter einer Waldung verborgen, scheinbar wie in einer leichten Talsenkung liegend, sich ausnahm, vom riesigen, schmiedeeisernen Parktor führte eine Allee prächtiger Kastanien hinunter auf die alte Landstraße, an der, etwa fünfzehn Minuten entfernt, die Bahnstation lag. Seitdem die Reklamehäuser bewohnt waren, hatte man einige Omnibusse eingestellt, die vorläufig auf Generalunkosten den Verkehr erleichtern sollten. Im nächsten Frühjahr bereits hoffte man die Erlaubnis zur Anlegung der Zweigbahn zu erhalten, die von der anderen Seite der Landhausstadt aus in gerader Linie die Verbindung mit Berlin herstellen würde. Schon sah man dort die mächtigen aufgeworfenen Böschungen, die sich bis tief in das Land hineinzogen. Die Bahn sollte Nachbar-Villenorte berühren und so einen besseren Kostenausgleich herbeiführen, alles zugunsten der Volks-Garantie-Bank Gläsers, denn stets auf seinen Beutel bedacht, hatte er die Terrainspekulanten dort unten in den beiden Sommerfrischen bereits lahmgelegt und mit Hilfe der Bank für Bodenbeleihung alle Grundstücke aufgekauft.

Als Herbst den kleinen Vorgarten durchschritt, der im üppigsten Blumenflor prangte, sah er schon von weitem in den Parkgängen das helle Kleid der Frau, Dolinsky leuchten, die wie gewöhnlich um diese Zeit den schwachbeinigen Viktor im Sonnenschein spazieren führte. Seit den zwei Jahren, die sie nun hier draußen weilte, war er merkwürdig in die Höhe geschossen, so daß das Mißverhältnis zwischen dem großen Kopf und dem schmalen Körper noch mehr auffiel, als früher. Es sah aus, als wäre das Haupt in die Breite gegangen, während der übrige Körper sich nach oben entwickelt hatte. Gleich einer Gliederpuppe, der man Bewegung gegeben hat, hing er an ihrem Arm, und so stelzte er Schritt für Schritt mit, in dem wiegenden Gange all dieser Unglücklichen, die wie aus Gummi gebaut bei jedem Tritt in Erschütterung geraten. Hinter beiden tummelten sich Annas Jungen, fünf- und dreieinhalbjährige, blühende, lachende Rangen, denen die Keckheit aus den Augen sprach. Das dritte Kind, ein Mädchen, wurde vor ihr von einer halbwüchsigen Dienstmagd im Wagen gestoßen.

Dieser Gruppe konnte man an jedem Vormittage begegnen, sobald das Wetter es erlaubte. Im Winter wurde es zwar anders, aber auch dann fuhr Frau Dolinsky fast jeden Sonntag nach Berlin, um sich nach dem Befinden ihres Pfleglings zu erkundigen. Kaum hatte Gläser bemerkt, daß der Junge mit der gleichen rührenden Zärtlichkeit an Anna hing, als er bei jeder Gelegenheit, sobald Klothilde dies Verhältnis unbegreiflich fand, immer dieselben Worte sprach: »Siehst du, sie gibt ihm, was du für ihn nicht hast.« Das war der ganze Vorwurf, den er ihr machte, denn seine Liebe zu ihr war noch immer die alte, mächtige, so daß sie oft schauderte bei dem Gedanken, was wohl werden würde, wenn er eines Tages erführe, daß sie neben der Liebe der Mutter auch die Ehre der Frau getötet hatte; aber stets tröstete sie sich damit, daß dieser merkwürdige Mann mit dem weiten Geschäftsblick kurzsichtig für alles das war, was dicht um ihn herum vorging.

»Ah, guten Tag, Frau Dolinsky«, rief Herbst ihr zu und zog höflich den Hut. Bevor er ins Haus ging, hielt er es für besser, erst diesen kleinen Abstecher zu machen. Und er reichte ihr die Hand, drückte die Spinnenfinger Viktors und klopfte ihm liebevoll die Wangen. Alles das waren Dinge, die ihm auf Umwegen wieder die Anerkennung seines Chefs eintrugen, wenn Anna gelegentlich darüber geplaudert hatte. »Ei, wie frisch Sie wieder aussehen, und die Bengels erst! Wie machen Sie das nur?«

Trotzdem sie ihn immer noch im Verdacht hatte, daß er seine Schliche hinter Klothilde nicht eingestellt habe, freute sie sich jedesmal über die Herablassung, denn noch nie hatte sie die Magd ganz abgelegt, die einst auch diesen schneidigen jungen Herrn bedienen mußte.

»Gott sei Dank, es tut sich ja noch so, Herr Referendar«, erwiderte sie mit lachendem Gesicht und machte den Ansatz zu einer Art Knicks.

»Ist die gnädige Frau drin?« fuhr er fort und fügte sofort hinzu, daß er für sie etwas auszurichten habe. Es fiel ihm auch gar nicht ein, gleich zu bestellen, daß Viktor hinaus sollte, denn er wollte mit Klothilde noch einige Minuten ungestört sein. Sie kam, ihm schon entgegen, denn durch das offene Fenster hatte sie seine, Stimme gehört, wie immer, wenn er, den Förmlichen spielen mußte, verbeugte er sich tief, behielt den Hut in der Hand und bat um die Erlaubnis, in Gläsers Arbeitszimmer gehen zu dürfen. Diesmal geschah es mit so komischer Würde, daß Anna unwillkürlich in vorlaute Heiterkeit geriet.

»Weshalb lachen Sie denn?« fragte Klothilde stark herausfordernd. Schon längst haßte sie Anna mit dem Gefühle der großen Dame, die in der Frau aus dem Volke den Eindringling sieht, gegen den nicht aufzukommen ist, weil ihm gegenüber die vornehme Zurückhaltung stets bewahrt bleiben muß. Zuerst hatte sie geglaubt, Gläser könnte in seiner alten Neigung wieder rückfällig werden, was sie mit Befriedigung gesehen hätte. Nun aber, da sie ein fast seelisches Band zwischen beiden geknüpft hatte, gärte die verhaltene Wut in ihr, daß es nicht anders gekommen war. Sie sah in ihr nur die Spionin, die lästige Person, ein Mittelding zwischen Dienstboten und Handwerkersfrau, der halbe Mutterrechte eingeräumt waren, die sie manchmal keck und vertraulich machten. Und das schlimmste war, sie mußte sie bei alledem freundlich behandeln, denn stets befürchtete sie, Anna könnte Gläser verraten, wie sie früher mit Herbst gestanden hatte. Dieser Haß hatte sich um so stärker entwickelt, je mehr sie sich selbst schuld daran gab, zu diesem eigentümlichen Verhältnis beigetragen zu haben, weil sie alles verschweigen mußte, was sie wußte. Denn kam sie damit zum Vorschein, so waren sicher die Folgen nicht abzusehen. Es hätte einen Skandal im Hause gegeben, Anna würde sich gewehrt haben, und sie, die Herrin, wäre vielleicht die allein Gezeichnete geblieben.

»Gnädige Frau wollen verzeihen, aber es geschah nur über die Kinder«, erwiderte Anna und blickte verlegen zu Boden.

Klothilde sah sie prüfend an, nickte mit einem verzerrten Lächeln und ersuchte dann Herbst freundlich, ins Haus zu treten. Noch ein Weilchen blieb sie zurück, dann folgte sie mit der gleichgültigen Miene einer Dame, die nichts Besonderes in diesem Besuche erblickt.

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