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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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15.

Herbst brauchte jedoch nicht zu befürchten, daß Klothildes Mutterglück jeden Gedanken an ihn zerstören würde. Denn sie hatte ihrem Manne einen Knaben geschenkt, an dem von der Natur furchtbar gefrevelt worden war. Bereits nach einem Jahre wiesen alle Anzeichen darauf hin, daß dieser Viktor ewig der von ererbten Geschicken schmählich Besiegte sein würde, niemals aber das Sonnenkind, von dem sein Vater träumte. Der Name schon war die Spottlast, die es zu tragen hatte. Und nach abermals einem Jahre war es den Eltern zur schrecklichen Gewißheit geworden, daß hier jene entsetzliche Krankheit vorlag, die man mit Kinderlähmung bezeichnete und deren eigentliche Ursache selbst der Wissenschaft beinahe noch unbekannt war. Das Kind schien keine Knochen zu haben; es konnte nicht die Gliedmaßen regelrecht gebrauchen. Die Muskeln waren lappig, Kraft war in Schwammigkeit umgesetzt, ein Häufchen menschlichen Elends kroch am Boden herum und äugte blöde in die Welt. Das Fürchterlichste war, daß es nicht sprechen konnte, daß ihm die Mutterlaute versagt blieben und nur ein Ansatz zu Worten aus seinem Munde kam, der sich wie jammervolles Stöhnen anhörte.

Klothilde vergoß heiße Tränen, während Gläser sich tief unglücklich fühlte. Und dieses Unglück wuchs, je mehr alle Hoffnung schwand und nur noch der schwarze Trost übrig blieb, daß das Leben dieses seltsamen Stammhalters wohl erhalten bleiben könnte, niemals aber ein normaler Mensch aus ihm werden würde.

»Was habe ich eigentlich verbrochen?« sagte Gläser wie winselnd in einsamen Stunden zu sich, erfüllt von unerschöpflicher Liebe zu diesem Krüppel, der ihm den hellen Schacht seiner Seele geöffnet hatte. Er fühlte, daß er jetzt noch andere Aufgaben zu erfüllen habe, daß die Vaterliebe etwas Mächtiges sei, das nicht mit dem Äußeren des Kindes zusammenhing, sondern innere Welten schuf, in die man gern allein sich versenkte. Stets hatte er mäßig und solide gelebt, selbst bis in die Zeit hinein, die ihm den Goldsegen brachte. Niemals war er krank gewesen, und auch Klothilde hatte sich immer kräftig und gesund gezeigt. Die Ärzte zuckten die Achseln, sobald er der seltsamen Erscheinung auf den Grund gehen wollte, redeten sich nur mit der Tatsache aus und erfüllten ihre Pflicht, um das Übel zu vermindern. Inmitten aller Verordnungen war es immer derselbe Trost: von der Zukunft müsse man hoffen und von der Natur, die sich selbst helfen könne.

»Zuwenig Rückenmark, zuwenig Rückenmark, Herr Bankdirektor. Hem ja«, sagte der berühmte Kliniker Geheimrat Grobig, der sich jedes Wort mit hundert Mark bezahlen ließ und Höflichkeit für eine Untugend hielt. »Entartung der Muskulatur, epileptoide Zustände, hem ja.« Und er knurrte wie eine Bulldogge, was sich auch mit seinem Aussehen vertrug, während er über seine goldene Brille hinweg auffallenderweise mehr den Hausherrn betrachtete, als den kleinen Patienten. Als dann sein Blick in dem fürstlich eingerichteten Kinderzimmer herumging, sprach es wie Bedauern aus seinen Zügen darüber, daß in all dem Glanz dieses Hauses keine Heimstätte für ungetrübtes Familienglück sei.

Man bewohnte jetzt eine prächtige Villa, die wie ein die Gegend beherrschendes Schloß auf dem höchsten Punkte der riesigen Fläche lag, auf der die Landhausstadt im Entstehen begriffen war. Als erster hatte sich Gläser hier für den Sommer angesiedelt, gleichsam wie ein kleiner König in einem selbstgegründeten Reich, der seinem Volke stets mit gutem Beispiele vorangehen will. Gebieterisch, wie Krönungen einer Burg, ragten die Türme über den roten Mauern zum Himmel empor, und das Dutzend Erker blickte auf den Blütenhain hinab, den hundert Hände in die Öde gezaubert hatten, hinein in einen natürlichen Park, der aus dem Stückchen Wald entstanden war. Überall in der Runde sah man bereits die angelegten Straßen, die jungen Gärten und die Schmuckplätze. Kleine Mustervillen zeigten fröhlich das aufgesetzte rote Dach. Rohbauten glänzten hier und dort wie die verlockenden Vorposten der späteren seßhaften Armee, die sich hier zu einem langen, friedlichen Biwack niederlassen sollte.

»Berlinend« war im Wachsen, tausend kräftige Arme hatten sich geregt, es seinem Zwecke urbar zu machen, und ebensoviele Arme waren aufs neue tätig, die ersten Keime zu legen, um es zum Blühen zu bringen.

Die Volks-Garantie-Bank hatte einen riesigen Aufschwung genommen, denn immer weiter war die Mär in die Menge gedrungen, daß man sein Geld nirgends besser verzinst bekomme. Im vergangenen Winter hatte Gläser für seine Gründung eine neue Angel ausgeworfen. Wer einen Anteilschein zu tausend Mark bezog und nicht eigenen Grund und Boden zu erwerben trachtete, sollte später an den Erträgnissen der Mietshäuser mit einem Gewinn von zehn vom Hundert beteiligt sein. Das lockte noch mehr als zuvor, und die Folge davon war, daß die eingezahlten Gelder sich verdoppelten. Warnende Stimmen erhoben sich, aber die Fanfaren der »Lösung« bliesen alles nieder. Gläser trat abermals mit einer Luftrechnung hervor, in der er schlagend nachzuweisen versuchte, daß das Unternehmen sich glänzend bewähren würde und daß an einen Verlust nicht zu denken sei. Er hatte bereits die bestimmte Anzahl Eigentümer auf dem Papier und ließ die tausend Mieter aufmarschieren, die als erster, fester Stamm der Landhausstadt sich nach der frischen Luft sehnten. Alle Bedenken gegen den erwarteten Zuzug waren zerstreut. Er plante den Bau einer Zweigbahn nach Berlin, die sich mit Zehnminuten-Verkehr bewähren würde. Pferdebahnen sollten das Übrige tun, und schließlich wurde darauf hingewiesen, daß an der Spree in der Nähe eine Dampferhaltestelle angelegt werden würde. Ein Sommertheater stand in Aussicht, und damit auch dem Seelenheil Rechnung getragen würde, war der Platz für die Kirche bereits festgestellt. Inmitten der neuen Abbildungen, die Dolinskys Entwürfe zeigten, ragte der spitze Turm des Gotteshauses wie ein winkendes Wahrzeichen des Glaubens nicht nur an die ewige Gottheit, sondern auch an den großen Wohlfahrtsapostel Gläser, zum Nachdenken anregend empor.

Auch in anderer Beziehung stand die Bank auf der Höhe. Seitdem es bekannt geworden war, daß sie mit Millionen arbeite und in der Bank für Bodenbeleihung eine kräftige Stütze habe, war sie nicht mehr die Zufluchtsstätte der mittleren Leute, sondern zog auch die Wohlhabenden an, die sie in Anspruch nahmen und Depots bei ihr hinterlegten. Rentner aus der Provinz und viele Gutsbesitzer hatten Vertrauen zu ihr, denn das Geschrei über die fabelhafte Gründung war weit in die Lande gezogen. Gläser war ein Mann, der mit sich reden ließ! Für jeden war er persönlich zu haben, stets gab er Rat, wie man das Geld am besten anlegen könne; und so umwirbelte man ihn wie die Motten das helle Licht, ohne daran zu denken, daß man dabei Schaden leiden könnte.

Er fuhr jetzt in seiner eigenen Equipage, gezogen von den kräftigen Kohlrappen, die die Bewunderung aller Pferdekenner erregten. Als er zum ersten Male in ihr die Leipziger Straße durchrasselte, dachte er wirklich an jenen grauen Wintertag, wo er sich oben auf dem Omnibus in dem Zukunftstraume wiegte, dereinst an den zweibeinigen Lasttieren vorbeisausen zu können. Nun aber, wo er sein Ziel erreicht hatte, wo er wie ein Handelsgott von der unsinnigen Menge angebetet wurde, glitt kein Lächeln aufrichtiger Zufriedenheit über seine Züge. Sein Kind, sein Kind – sein armes Kind! Fortwährend waren seine Gedanken bei ihm, ob er über Zahlen brütete, ob er die Nachricht empfing, daß seine neueste Börsenspekulation ihm geglückt sei, oder ob er in der glänzenden Gesellschaft von Finanzgrößen sich befand, die ihn innerlich für einen Menschen ohne Umgangsformen erklärten, es aber äußerlich nicht an Aufmerksamkeiten fehlen ließen. Eine runde Million hätte er gegeben, wenn man ihm die Nachricht gebracht haben würde: »Dein Junge geht, er tritt fest auf, er hat zu seiner Mutter gesprochen!«

Die Mutter, die Mutter! Nun lächelte er allerdings, aber bitter, von leisem Groll gegen Klothilde erfüllt. Seit einiger Zeit verstand er sie nicht, begriff er sie nicht, trotz der ewig gleichen Neigung, die er ihr entgegenbrachte. Er hatte gemerkt, daß sie den armen Krüppel nicht so liebte wie er, daß bei seinem Anblick ein gewisser Schauer sie erfaßte, und daß es nur ein unausgesprochener Wunsch von ihr war, der Himmel möchte ihn beizeiten wieder zu sich nehmen, damit noch größerer Kummer ihnen erspart bliebe. Es war ein sündhafter Gedanke, aber wenn er sich alles so recht überlegte, so mußte er ihr verzeihen. Sie konnte nicht stolz darauf sein, dieses Wesen mit den tierischen Lauten zur Welt gebracht zu haben, sie, die Schöne, die Frohe, die Stattliche.

So war es also gekommen, wie ihm Anna Schiman damals prophezeit hatte, wenn auch nicht in so ungeheuerlicher Art. Noch gellte ihm der Ruf in den Ohren: »Denk' an mich, denk' an mich!« Ja, er hatte an sie gedacht, aber nicht mit Haß, sondern mit der Gleichgültigkeit des Alltagsmenschen, der an übersinnliche Dinge nicht glaubt. Es gab nur Zufälle und keine Wunder für ihn, und wenn ihr Vorhersagen eingetroffen war, so hatte sich nur eins jener vielen Rechenexempel bestätigt, die man einfach hinwarf, ohne jemals an die Möglichkeit einer Lösung zu denken. Das kannte er als pfiffiger Kaufmann am besten. Damit tröstete er sich, weil er den Blick in die tiefen Geheimnisse dieser Welt scheute. Denn wehe, wenn er den Schleier davonrisse und dahinter thronend die göttliche Bestimmung erblickte, die ihm zuriefe: »Es gibt einen Ausgleich, denn alles ist weise eingerichtet. Böses wird mit Bösem vergolten, Gutes mit Gutem.«

Und fast ebenso unglücklich wie er, war Anna über sein Kind, was ihn besonders rührte.

Gleich nach der ersten Nachricht war sie in Tränen ausgebrochen und hatte jammernd gerufen: »Der arme Kerl, was tut sich nun mit seinem ganzen Gelde. Ich sage schon, ich sage schon! Ich trage die ganze Schuld, denn ich hab's ihm gewünscht. Und die arme gnädige Frau, die arme gnädige Frau! Was hat sie nun davon! ... So sprich doch auch ein Wort, Robert. Ist's nicht so?« Etwas ärgerlich hatte sie sich an Dolinsky gewandt, mit dem sie bereits verheiratet war und der sich rasch in das neue Verhältnis und in sein Verwalteramt gefunden hatte, nach der Art von hängengebliebenen Menschen, die in der Heirat den bedeutendsten Abschnitt ihres Lebens sehen. Das steinerne Meer hatte ihn anders erfaßt als jenen Kühnen, der mit vollen Segeln an den Riffen vorüber hinaus in die Brandung gefahren war, um im befestigten Hafen die eroberten Güter zu bergen. Er, der kleine Bautechniker mit dem zahmen Künstlergemüt, war auf halbem Wege liegen geblieben und auf eine stille Insel verschlagen worden, wo statt der saftigen Früchte nur kümmerlich der Brotbaum sproß, der sorgsam gepflegt werden mußte, damit er nicht vertrockne.

Es war an einem Sonntag. Dolinsky rauchte aus seiner Pfeife, weil ihm die Zigaretten jetzt zu teuer wurden, und las dabei die Zeitung. Auf dem Hofe johlten die Kinder, und da die Kirche bereits aus war, klangen von fern her zwei Leierkasten durcheinander, um diesen warmen Herbsttag noch erquicklicher zu machen. Noch immer war er in seiner alten Stellung, wo er, mit Plänen beschäftigt, über die »Mietskaserne« nicht hinausgekommen war, denn Gläser hatte sich seines Kunstdranges nicht mehr erinnert, ihn vielmehr links liegen lassen wie einen abgefertigten Kleinen, der schon dankbar sein mußte, daß er glücklich vor Anker gebracht worden war.

Das hatte Dolinsky wütend auf ihn gemacht, und so war er nicht gut auf ihn zu sprechen. Oft rieb er sich mit seiner Frau deswegen, ungefähr wie ein knurrender Haushund, der höchstens nur laut bellen kann, weil er an der Kette liegt. Aber jedesmal unterlag er in diesem Kampfe, denn Anna hatte ihn gehörig unter den Pantoffel gebracht, und zwar mit jener bezwingenden Liebenswürdigkeit, die hübsche und kräftige Frauen oftmals auf diejenigen Männer auszuüben pflegen, die sich ohne ein Donnerwetter an sie gewagt haben.

»Was soll ich dazu sagen?« gab er ärgerlich zurück. »Es kriegt eben jeder seinen Teil, und er gerade hat's verdient. Um dich schon.«

»Pfui, red' doch nicht so gehässig«, rief sie aus. »Es ist eine Sünde, so was zu sagen. Bedaure ihn lieber wie ich.«

»Ja, du!« wagte er sich mutig hervor. »Du hast immer noch etwas für ihn übrig – für diesen Schmutzigen, der mir meine schönsten Entwürfe abgeschwindelt hat.«

Weil sie von diesen Dingen nichts verstand und sich auch nie viel darum bekümmerte, seitdem sie glücklich Frau geworden war, so lachte sie nur vergnügt und zeigte ihre weißen Zähne. »Hab' ich auch, weil er mir so leid tut«, erwiderte sie. »Und weil ich ihm nun dankbar bin, daß er mich nicht geheiratet hat.« Aufrichtige Wonne sprach aus ihrem runden, frischen Gesicht mit den blitzenden Augen, als sie ihn von hinten umschlang, ihm die Wange klopfte und mit demselben Lachen fortfuhr: »O Herr zukünftiger Baumeister, was bist du für ein Schaf. Sei doch gutt, denk' doch a mal nach. Wenn ich nu die Mama von so 'nem unglücklichen Kindelchen geworden wär'! Wär's nicht schade um mich? Gelt? Sei doch zufrieden, sei doch froh. Bei uns wird's anders kommen. Gib mir schon 'nen Kuß. Tu a bissel nett zu mir.« Und ehe er sich dazu aufraffen konnte, hatte sie ihn schon mit ihren derben Armen an sich gezogen und knutschte ihn gehörig ab, wie sie es nannte.

Und während er, bezwungen, lachend die Küsse zurückgab, sang der Kanarienvogel laut dazwischen, als wollte er die Musik zu dieser Zärtlichkeit machen. Und durch die geöffneten Fenster dröhnte noch immer der Lärm der Kinder, der diesem stillen Sonntag etwas Freudiges, unbedingt Heiteres gab, das für das einfältige Glück der großen Menge sprach, die nichts wußte von der Steifheit des Berliner Westens.

Ja, sie hatte recht, denn auch er stellte es sich fürchterlich vor, sie als Mutter eines derartigen Sprossen zu sehen, bei dessen Anblick die Eltern das Lachen verlernen konnten. Und sie lachte doch so gerne und schmetterte manchmal ihre Heiterkeit hinaus, daß es einen Heidenlärm abgab, wenn der gelbe Hausfreund noch dazwischen trillerte. Diese Fröhlichkeit steigerte sich ganz beträchtlich, als sie den ersten rosigen Buben im Arme hielt, der völlig ihr Ebenbild zu werden schien, bis auf die Grübchen sogar, die sich neckisch beim Lächeln in ihren Wangen zu zeigen pflegten.

»Nun sieh mal, was ich dir geschenkt habe«, rief sie stolz ihrem Manne zu und schwenkte den blonden Jungen vor seiner Nase herum, so daß er befürchtete, sie könnte ihn in ihrem Übermut fallen lassen. »Das steht doch fest, daß sich die Mädels vor dem in acht nehmen müssen. Schön wird er und 'n Paar mollige Patschen hat er auch schon.«

Und Dolinsky, von einer gewissen Ehrfurcht erfüllt vor diesem blühenden und launigen Nachwuchs, der manchmal die Lungen anstrengte, als wollte er das ganze Haus zusammentrompeten, hob mit gemachter Gleichgültigkeit die Schultern und warf mit Überzeugung ein: »Spaß, wenn er so einen Vater hat!«

Zum Dank dafür bekam er einen Klapps, der von den Worten begleitet war: »Nu, nu, nu! Steig' nicht gleich zu hoch, ich bin auch noch da. Du bläst ja mächtig los auf a mal. Freilich, du! Weiß ich's denn, wen du außer dem Pastormädel noch unglücklich geliebt hast? Solche Dummheiten soll er mir nicht machen wie du! 'n Giftfläschel soll er mir nicht bei sich tragen, das wird er auch nicht, dazu hat er viel zu viel von mir. Und das sage ich dir: Keile kriegst du, wenn du mir so was machst, du süßer Mauserich, du!« Und sie schnitt dem Jungen so lieblich-finstere Gesichter und knutschte ihn mit so drohenden Augen ab, daß Dolinsky sich vergnügt auf dem Absatz herumdrehte und ausrief: »Iß ihn nur nicht auf! Laß dir's nicht gefallen, Junge, zeig', daß du ein Mann bist, so einer wie ich!«

»Ach, du – geh' ab damit!« rief ihm Anna gebieterisch zu. »Mach' ihn schon jetzt nicht so aufständisch. Hier, halt' ihn, und dann wieg' ihn a bissel, bis ich wiederkomm'. Daß du ihm aber kein böses Wort sagst, du Süßholzraspler du.« Und sie gab ihm aufs neue einen Liebesklapps und eilte lachend fort, während Dolinsky den Gehorsamen spielte und dabei dachte: »Was hilft's schon? Einmal werd' ich sie schon kleinkriegen.«

Dieser Tag aber kam nie, auch dann nicht, als dem ersten Jungen ein zweiter gefolgt war und des Vaters Familienhilfe sich nun verdoppelte. Nicht lange danach machte Anna aus alter Anhänglichkeit abermals ihren Besuch bei der einstigen Herrin, wiederum war es an einem Sonntag. Klothilde hatte sich mit ihrer Mutter im bequemen Landauer nach Berlin aufgemacht, um sich einmal nach dem Befinden der Frau Professor Herbst zu erkundigen, die, seitdem sie an der Gicht litt, nicht mehr so oft ihr lachendes Gesicht zeigte. In Wahrheit war es Frau Gläser nur darum zu tun, mit Oskar ein paar bedeutungsvolle Worte zu wechseln, denn es hatte nicht lange gedauert, so war er von ihr in alter Liebe erhört worden.

Als der Zustand des Kindes sich nicht besserte und ihre Eitelkeit sehr darunter litt, war wie ein Trotz die verbotene Leidenschaft in ihr jäh aufgeflammt, nachdem Herbst gehörig geschürt hatte. Das Verhältnis mit der Dienerin hatte sie ihrem Manne verziehen, aber diesen Krüppel? Nein, niemals wollte sie das tun! Je mehr Gläser zusammenknickte, sich sozusagen häuslich verkrümelte, je stärker regte sich ihre Lebenslust, je mehr blühte sie auf gleich einer Spätrose, die nach einem kümmerlichen Ableger endlich den richtigen Gärtner gefunden hat, der sie zu behandeln versteht. Sie hatte die Geburt dieses Kindes abgewartet, um dann das Leben als viel umflatterte Frau eines reichen Mannes zu genießen, und nun war sie aus einer Enttäuschung in die andere gekommen. Geschenkt hatte sie sich diesem knotigen Emporkömmling, er aber vergaß jetzt das üppige, liebedürstige Weib um des kleinen Hausgespenstes wegen, das immer wie eine Menetekel in die Lustigkeit hineinfuhr und sein ganzes Sinnen und Trachten neben dem Geschäfte nur mit dem Grübeln ausfüllte, wie ihm wohl zu helfen sei.

»Ja, siehst du, das sind nun meine Hausfreuden«, sagte Gläser zu Anna, die sich ihm hatte melden lassen, als sie erfuhr, daß die andern ausgeflogen seien. »Brauchst jetzt nicht mehr auf mich zu schimpfen, wie du es früher getan hast, mir haben ja manchmal die Ohren geklungen.« Er nannte sie noch immer »du«, nicht aus alter Liebe, sondern wie der Herr die Dienerin, die ihm zur Dankbarkeit verpflichtet ist; aber er tat es nur, wenn sie unter vier Augen sprachen, während sie schon längst das steife »Sie« für ihn gefunden hatte. Nach ihrer Meinung schickte sich das jetzt so, seitdem sie Frau Dolinsky geworden war und die gesellschaftliche Kluft zwischen ihnen sich so weit aufgetan hatte.

In dem langen Verandasaal, der die halbe Vorderseite des Parterregeschosses der »Villa Klothilde« einnahm, saß er wie in einem Thronsessel, gleich einem unglücklichen Fürsten, der, den einzigen Erben auf seinem Knie, ernste Betrachtungen über dessen Zukunft anstellt. Draußen lag die Frühlingssonne, und in ihrem milden Schein trug der leichte Luftzug den frischen Erdgeruch herein wie den angenehmen Brodem des ersten Atems der erwachten Natur. Ein weicher Teppich bedeckte die ganze Diele, kostbar geschnitzte Möbel füllten den Raum, und von den Wänden und der Decke lachte der Farbenrausch der bunten Täflung, der Bilder, der Teppichgemälde und der Vasen. Durch die breiten, nur halb verhängten Türen sah man die Flucht der Nebenräume, wo im gedämpften Licht der gleiche Prunk sich spreizte. Der Diener hatte große Augen gemacht, als er sah, wie diese einfache Frau hier aufgenommen wurde, und auch Fräulein Leseur, die französische Bonne, die stets um den Vierjährigen sein mußte, trotzdem sie ihm nichts beibringen konnte, zog sich etwas erstaunt zurück. Schon längst hatte sie gemerkt, daß hier sonderbare Verhältnisse im Hause herrschten, die man aber am besten übersah.

»Oh, du lieber Himmel, wie sollt' ich wohl auf Sie schimpfen«, rief Anna aus und wagte sich kaum näher. »Gebetet habe ich zum lieben Gott, er möchte mir nichts nachtragen und dem reichen Würmel ewige Gesundheit geben.« Und sofort wurde sie zutraulich, streckte die Arme aus und ermunterte den Kleinen. »Komm' doch einmal her, Viktor, so tu' doch die Beinchen setzen, ich schenk' dir was.« Derbe Kosenamen folgten, die ihre schlesische Art verrieten. Als der Junge wirklich die Ärmchen erhob und in ein Freudenstöhnen ausbrach, lachte Gläser und machte Anstalten, ihn zu der »Tante« zu führen. Und frohlockend rief er aus: »Ei, Schockschwerenot, er setzt die Beine, was sagt die Welt dazu! Zauberin, du – dich hat er gern, das sieht man. Weißt du, dich müßt' er immer haben.«

Viktor fiel zwar gleich wieder auf die Nase, aber Gläser befand sich wie in einem Freudentaumel. »Zieh' morgen gleich zu, hörst du?« sagte er gebieterisch, indem er im Augenblick nur an die frühere Magd dachte. »Oder noch besser – du bleibst gleich hier, deine Sachen lasse ich holen ... Dein Mann? Was geht mich dein Mann an! Der hat zu parieren, wenn ich befehle. Er ist ein kleiner Schafskopf, verstehst du? Sonst hätt' er dich überhaupt nicht geheiratet. Den wirst du wohl noch regieren können – diesen Dachspatz! Wenn er auch hübsche Türme zeichnen kann – das allein macht nicht den Mann.« Und als sie nur ein lustiges Lachen als Antwort hatte, weil sie diese Zumutung sehr komisch fand, zog er sie in aufgelöster Stimmung, gereizt durch ihr blühendes Aussehen, vergnügt an sich und küßte sie, ohne daß sie es verhindern konnte.

Sofort riß sie sich los, vergaß allen Respekt und rief ihm zu, ohne jedoch unwillig Zu sein: »Eine Watschke gibt's, wenn du das noch mal machst, verstehst du mich? Schämst du dich denn nicht? Dein Kind kriecht unter deinen Füßen herum, und da machst du so was ... Nee, die Männer bleiben sich doch alle gleich, und wenn sie schon mit vieren lang fahren.« Und sie ließ sich auf einen Sessel nieder und lachte unbändig los, wobei immer aufs neue die Worte über ihre Lippen sprudelten: »So was gibt's doch nicht mehr zwischen uns, wir fahren doch nicht mehr in vierter Klasse zusammen. Nee, ist das ein Bankdirektor! Hast wohl an einer Frau noch nicht genug, wie? Wart', ich werd's Dolinsky sagen.«

Sie wollte ihn nur necken, Gläser jedoch fühlte sofort den kalten Wasserstrahl. »Schrei' doch nicht so, schrei' doch nicht so! Manchmal vergißt man sich«, raunte er ihr zu und warf nach rechts und links Blicke ins Nebenzimmer. »Ich freu' mich ja nur, weil er dir so merkwürdig zugetan ist, dieses elende Kerlchen. Und du ihm auch, weißt du, wenn Kinder und Hunde die Menschen gern haben, so ist das ein gutes Zeichen. Die Hunde beißen nicht, die Kinder reißen nicht aus. Was soll ich dir sagen – seine Mutter macht nicht solche Umstände mit ihm.«

Anna, die schon davon gehört hatte, lachte abermals, so daß ihre weißen Zähne glänzten, »Vielleicht hat sie etwas Besseres zu tun«, erwiderte sie dann.

»Weshalb lachst du denn dabei?« fragte er. »Das ist doch gar nicht so lächerlich.«

»Nun, für eine große Dame gibt's doch noch andere Dinge als das Kinderwarten«, fuhr sie fort. »Da fährt man in die Stadt, macht Einkäufe, besucht Gesellschaften und geht ins Theater. Das hat sie früher schon gern gemacht, und jetzt hat sie das doch alles in reichlichem Maße. In der Wohnung in Berlin hat's letzten Winter genug Feste gegeben. Man hat ja auch seine Ohren, um zu hören, und Dolinsky kommt überall herum. Sie haben sich ja ein schönes Haus gekauft, einen wahren Palast. Na, und da tut sich schon was mit dem Vergnügen.«

»Und siehst du, trotzdem kriegt sie nicht genug«, sagte Gläser ernst. »Am liebsten möchte sie jeden Tag aus dem Hause sein, immer in einer anderen Gesellschaft. Alle meine Bekannten haben sie schon verwöhnt, dann heißt's immer: Gnädige Frau hier, Frau Bankdirektor dort. Und die ganz Frechen, die sagen einfach: schöne Frau. Und das muß man sich alles gefallen lassen, weißt du, sonst wird man ausgelacht. Alles aus Gründen der Geschäftsbeziehung – aber das verstehst du ja nicht.«

In den leicht knackenden Lackstiefeln, die seine großen Füße umschlossen, ging er erregt vor ihr auf und ab. Von Jahr zu Jahr war er stärker geworden, so daß sich unter dem bequemen Sommerjackett bereits ein hübsches Bäuchlein rundete. Die Hände waren nicht mehr so rot, nun aber wulstiger und klobiger geworden, und damit sie kleiner erschienen, trug er auffallend weite Ärmel und Manschetten. Sein Haar war gelichteter, in sorgsamer Sardellenverteilung nach rechts und links über den Schädel gestrichen; und das Vogelgesicht mit der mächtigen Nase erschien weniger spitz als sonst, hatte gleichsam an der allgemeinen Mästung teilgenommen. Der ganze Raubtierkopf sah wohlgepflegter aus, hatte einen milderen Ausdruck gewonnen, wie immer bei menschlichen Bestien, die allmählich die Gewohnheiten verfeinerten Umgangs annehmen. Nur die kleinen Augen waren dieselben geblieben, die lebhaft wie früher hin und her gingen, sich plötzlich versteckten, dann wieder aufirrten und sich irgendwo anhefteten, je nach der Stimmung dieses wunderlichen Mannes.

Anna beobachtete ihn so ein Weilchen und sagte nichts. Sie hatte das in Samt gekleidete Kind auf den Schoß genommen und strich ihm liebevoll das blonde Haar. Viktors Kopf war groß, das Gesicht auffallend blaß, und in stumpfem Glanz lagen die Augen unter der hohen, hervorspringenden Stirn. Nichts Häßliches sprach aus seinen Zügen, die entschieden viel von der Mutter hatten: die ganze Nase, den etwas breiten Mund und das saftige, runde Kinn. Nur die unschönen Ohren seines Vaters waren zu sehen, die lappig weit vom Kopfe standen. Als er mit seinen Spinnenfingern nach Annas Bluse greifen wollte und dabei wieder Töne hervorbrachte, die sie nicht verstand, sagte Gläser aufs neue: »Siehst du, das ist der Ausdruck seiner Freude. Manchmal wiehert er förmlich wie ein krankes Pferdchen, weiß der Himmel, wem er das zu verdanken hat.«

»Nun, wem anders als Ihrem Vater«, gab sie ernst zurück. »Hat er nicht getrunken, ist er nicht manchmal wie ein Tier auf allen Vieren gekrochen, wenn er nicht mehr wußte, was er tat? Na, und andere Geschichten hat man sich auch von ihm erzählt! Und ich weiß noch, wie der alte Stadtdoktor einmal sagte: ›Wenn der mal einen Enkel kriegt, der wird's zu büßen haben ...‹ Ja, jetzt können Sie mich groß ansehen wie die Kuh das neue Tor. Ich bin doch nicht so ganz dumm. Und was ich noch nicht weiß, das lerne ich von Dolinsky; der ist nicht auf den Kopf gefallen.«

Gläser war verblüfft stehen geblieben, wie jemand, der eine Offenbarung vernimmt. Was ihm so oft gedämmert hatte, wonach ihn niemand zu fragen wagte, das hatte sie in ihrer Einfalt ausgesprochen. Und fast glücklich darüber, diese Naturschuld auf einen anderen abwälzen zu können, der nicht mehr lebte, gegen dessen übertragene Leidenschaft er aber tapfer angekämpft hatte, warf er kleinlaut ein: »Meinst du?«

»Sicher ist es so. Machen Sie sich nur kein Gewissen. Jetzt heißt es, alles zu ertragen. Und wenn ihn Gott stumm gemacht hat, so geschah es nur, weil er seinem Großvater nicht einst fluchen sollte.«

»Worte nur,« rief er vergnügt aus, »jetzt soll auch Klothilde nicht mehr den Abscheu vor ihm haben. Ich werde es ihr schon beibringen, verlaß dich darauf. Denn nun kann sie nicht mehr sagen: ›Er hat's von seinem Vater.‹ Weißt du, es ist nicht hübsch, wenn man das auf Umwegen erfährt. Komm', jetzt trinkst du mit mir Kaffee. Was geht das Dienerpack uns an?«

Er klingelte und gab den nötigen Befehl. Alte Erinnerungen waren in ihm erwacht, die ihn sozusagen rückfällig machten. Es war gerade, als wenn mit dem Hinweis auf seinen Vater die lange Zeitkulisse gefallen wäre, hinter der das schlesische Nest mit seinen engen Gassen läge. Und hier saß die Gespielin seiner Jugend, die die ganze Vergangenheit hereingeschleppt hatte, deutlich verkörpert, so daß sie nicht zu umgehen war. »Komm' hinaus auf die Veranda und nimm den Jungen mit«, sagte er wieder, völlig ein anderer geworden, »wir wollen wie alte Freunde sprechen. Und dann sage wieder ›du‹ zu mir wie in alten Zeiten. Es ist ja niemand da, der uns hören könnte. Wenn wir allein sind, mußt du's immer tun ... Sage mal, ist's nicht wie ein Wunder? Dieses arme Kind, das von seiner eigenen Mutter gemieden wird, führt uns beide wieder zusammen! Und es soll so bleiben.«

»Wenn es der gnädigen Frau nur recht sein wird«, erwiderte sie und brach in ihr helles Lachen aus. »Tu' sie nur nicht reizen, sonst läuft sie dir vielleicht noch fort.« Sie hätte noch mehr sagen können, denn sie ahnte, was die unersättliche Klothilde immer aufs neue allein in die Stadt hinzog zu der Mutter ihres früheren Anbeters. Aber sollte sie Andeutungen machen, wo sie nichts Gewisses wußte? So wich sie seiner Neugierde aus, als er abermals fragte, weshalb sie bei solchen Dingen immer lache.

»Sie bleibt, ich sage dir, sie bleibt! Ewig soll sie bleiben bei ihrem Kinde, das unschuldig an allem ist!« rief er wie ein Unsinniger aus, der nicht die Worte wägt. »Du hast mich an ihre Pflicht erinnert. Komm' nun, wir wollen gemütlich sein.«

Und er schob sie fast mit Gewalt hinaus auf den offenen Säulenvorbau, an den Kaffeetisch heran, auf dem das Silber blitzte.

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