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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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projectid55783bbc
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14.

Schon zwei Tage später stellte sich Dolinsky in der Volks-Garantie-Bank ein. Gläser hatte ihn zu sich bitten lassen, um sein Versprechen Anna gegenüber zu halten. Zum ersten Male fühlte er sich ihr zu Dank verpflichtet, weil er der Meinung war, sie hätte Klothilde durch ihre Komödie überzeugt. So groß seine Schlauheit war, so wenig kannte er die Frauen. Die gebildete Klothilde hielt er für besser als die einfältige Anna, ohne zu ahnen, mit welcher Lüge sie in die Ehe getreten war und daß sie jetzt nur die Rolle der Gläubigen beibehielt, weil ihr ganzes Seelenleben durch die kommende schwere Stunde ausgefüllt wurde.

Im stillen freute er sich über diesen neuen Sieg, der ihn wiederum über eine gähnende Kluft getragen hatte. Ja, ihm konnte keiner so leicht beikommen! Überall triumphierte er über die Dummheit der Menschen. Und seine Eitelkeit wuchs, als er sich immer mehr einbildete, das alles sei nur eine Folge der gebietenden Macht seiner Persönlichkeit. Es mußte doch etwas in ihm stecken, das die Menschen ihm unterwürfig machte und sie zum Gehorsam zwang. Das hatte ihm wieder die Schiman bewiesen, die wie eine geduckte Hündin seiner Dressur gefolgt war. Er sah nicht das fromme Gemüt in ihr, nicht den Mitleidsdrang, sondern nur die Sklavennatur, die durch den Herrn und Meister gezügelt wurde.

Herbst kam und brachte ihm die Karte Dolinskys, worauf ihm Gläser bedeutete, man möchte ihn ein Viertelstündchen ungestört lassen. Der Referendar nickte nur und ließ den Bautechniker eintreten, wobei er ihn wie einen guten Bekannten anlächelte. Frau Teichert, die manchmal die Neigung zeigte, ihn wie einen Sohn zu behandeln, hatte ihm noch am Sonntag brühwarm alles gesteckt, soweit es sich um den Auftritt in ihrem Zimmer handelte. Allerdings war sie dafür von ihrer Tochter gründlich ausgezankt worden, da Klothilde ungern in ihrem früheren Geliebten einen Mitwisser dieser Dinge sah, weil sie nun voraussetzte, er könnte dadurch ihre Schwäche noch mehr auszunutzen trachten.

Dolinsky war bescheiden an der Tür stehen geblieben, nachdem er sich wie vor einer Respektsperson verbeugt hatte. Der Gang durch die vielen Bureaus, an unzähligen Pulten, an Kassennischen und an einem Troß von Menschen vorüber, hatte ihn völlig eingeschüchtert. Den Brief mit der Unterschrift Gläsers in der Hand, den er wie eine kostbare Urkunde vorgezeigt hatte, war er fast wie eine gewichtige Person empfangen worden, die man sicher zu dem Bankgewaltigen leiten müsse. Und das hatte ihn noch mehr verwirrt. Der Mut zu einem Annäherungsversuche war ihm vergangen; nur derselbe Gedanke bewegte ihn fortwährend: »Was für ein großes Tier ist aus ihm geworden!« Allmählich erst fand sich sein Blick zurecht in diesem großen Raum mit der geschnitzten Holztäfelung, auf der noch der Firnis der Neueinrichtung lag.

Gläser erhob sich von seinem bequemen Sitz und ging ihm mit einem Gruß entgegen, wobei er Dolinsky von unten bis oben betrachtete. Er war zufrieden mit dieser Musterung, denn schon hatte er befürchtet, der einstige vierklassige Reisegefährte könnte bei dieser Bekanntschaftserneuerung etwas von seinem Bauschutt mit hereinschleppen, was dem Personal draußen jedenfalls nicht entgangen wäre.

»Ei, das freut mich, Sie wieder einmal zu sehen«, begann er und streckte ihm nur zwei Finger entgegen, was er immer Leuten gegenüber tat, denen er sein herablassendes Wohlwollen beweisen wollte. »Sie wollen sich also verheiraten? Recht so, recht so! Sich einen soliden Hausstand zu gründen, das ist die Hauptsache. Meiner Huld dürfen Sie sicher sein.«

Dolinsky empfand den grausamen Spott dieser Worte gar nicht, denn als Bittender stand er ganz unter dem Eindrucke seiner Kleinheit diesem Großen gegenüber, der ihn auch körperlich überragte. Wiederholt dienerte er und stammelte ein paar Worte der Bejahung. Er fühlte immer mehr die weite Kluft, die sich zwischen ihm, dem Tagesschinder, und diesem Geldbeherrscher aufgetan hatte. Eigentlich hatte er es sich ganz anders gedacht. Er würde vergnügt zu ihm hereintreten und sofort lustig zu ihm sagen: »Na, da wären wir ja wieder! Verflucht, haben Sie Schwein gehabt, Landsmann, Sie!« Nun aber kam er sich wie verkrümelt vor in dem mächtigen Ledersessel, auf dessen Kante er sich nach der Einladung Gläsers niedergelassen hatte, die Knie linkisch zusammengedrückt, ungewohnt dieser Auszeichnung, die ihm zum erstenmal in seinem Leben zuteil geworden war.

»Sie fahren immer noch vierter Klasse, wie ich gehört habe, wie? Ich jetzt erster«, sagte Gläser wieder und lachte breit auf. »Na, stecken Sie sich eine ins Gesicht.« Manchmal erwachte der Plebejer in ihm, was Herbst schon mehrfach unangenehm empfunden hatte. Bei andern geschah es im Trunk, bei ihm regelmäßig nach starkem Essen; und er hatte soeben erst vortrefflich gefrühstückt. Noch standen die leeren Schalen der zwei Dutzend Austern und die Überreste des Kaviars und des Hamburger Backhuhns auf dem Sofatisch neben der halben Sektflasche, deren Inhalt er stets mit Selter mischte.

Voll Ehrfurcht hatten sich bereits Dolinskys Augen darauf gerichtet. Er nickte, drehte verlegen seinen Kalabreser und sog dann krampfhaft an der schweren Zigarre, die Gläser ihm gereicht und die er nicht gewagt hatte abzulehnen, trotzdem er wußte, daß ihm stets übel wurde, wenn er etwas anderes rauchte als seine selbstgedrehten Zigaretten. Endlich, als Gläser einige Fragen an ihn gerichtet hatte, die sich um seine hochfliegenden Pläne von früher drehten, wurde er mutiger. »Und Sie haben sich wirklich Berlin erobert, Herr Bankdirektor«, sagte er zutraulich. »Wissen Sie noch, wie wir uns darüber unterhielten? Sie sagten, das Geld liege auf der Straße. Ich lachte dazu, Sie haben aber recht behalten. Und was sagen Sie dazu: den Pfennig, den ich damals fand, den habe ich noch. Aber verzinst hat er sich noch nicht, man muß wohl mit mehr anfangen.« Er ließ sein altes, fröhliches Lachen erklingen, das aber jäh erstarb, denn er fand keine Teilnahme dafür.

Gläser schnitt jede Erinnerung daran kalt mit den Worten ab: »So, so. Davon weiß ich ja gar nichts. Sie irren sich wohl in der Person.« Sofort fiel ihm ein, daß dieser vorwitzige Mensch ihn in einen schlimmen Verdacht gebracht hatte, und so hielt er es für besser, für vergangene Dinge Taubheit zu heucheln, allerdings mit der Gnade eines Fürsten, der sich selbst wohl einen kleinen Gedächtnisscherz erlauben durfte.

Dolinsky, der sich auf einer Dummheit ertappt sah, nahm sich vor, nicht zum zweitenmal unnütz daran zu rühren und brachte nur das Wort »Verzeihung« hervor, ungefähr wie jemand, der froh ist, noch glimpflich über eine Klippe gekommen zu sein. Als dann Gläser ihm die Anregung dazu gab, kam er schüchtern mit seiner Bitte hervor. Ganz Berlin sei ja voll von der Landhausstadt, die man entstehen lassen wolle. Ob Gläser ihn nicht durch seine mächtige Empfehlung an einen der Architekten verweisen könne, die man ausersehen habe. Es schwirrten so viele Namen herum, berühmte und unberühmte. Er habe fleißig studiert, immer bis tief in die Nächte hinein gezeichnet und habe es zu einer gewissen architektonischen Kunstfertigkeit gebracht, wodurch schon sein Maurermeister in Erstaunen gesetzt worden sei. Der sei aber ein simpler Mann, der ebensowenig Verbindungen habe wie er selbst. Wenn er sich erlauben dürfe, einmal etwas vorzulegen ...

Bei seinem Eintritt hatte er eine kleine Mappe beiseite gestellt, die er nun eilfertig herbeiholte. Plötzlich war er lebhaft geworden in der Meinung, Gläser höre ihm aufmerksam zu. Dieser hatte aber ganz andere Dinge im Kopf, denn ein Prokurist der Bank war eingetreten und hatte ihm ein Schriftstück überreicht, das er immer noch in Händen hielt. Und während Dolinsky die Mappe aufschlug und den Inhalt hervorholte, ging er achtlos an ihm vorüber, öffnete die gepolsterte Doppeltür und rief laut ins Nebenzimmer: »Herbst, sagen Sie doch Franke, er soll die fünfzigtausend Mark auszahlen.«

Dolinsky spitzte die Ohren und stand andächtig still, während er unwillkürlich an den Knöpfen seines nicht mehr neuen Winterüberziehers herunterstrich, was für ein allmächtiger Mensch, dieser Landsmann aus Oberschlesien! Ein Wort von ihm genügte, und man zahlte ein Kapital aus. Und das geschah mit demselben Gleichmut, als wenn er, Dolinsky, am Ende des Monats zu seiner Wirtin sagte: »Frau Linke, bezahlen Sie doch zwei Mark für die Wäscherin.« Nein, ein Mädchen wie Anna Schiman hätte zu diesem Manne nicht gepaßt. Sie, die Frau eines Großbankiers! Es lag etwas so lustiges in diesem Gedanken, daß er sich darüber erheitert hätte, wenn der Augenblick nicht so ernst gewesen wäre, was für Irrungen doch unter Menschen vorkommen konnten, die die Entfaltung ihrer Kraft noch nicht geahnt hatten. Das war gerade wie bei den Bergwerken, die unentdeckte Schätze in sich bargen und schlecht bewertet wurden. Man ließ sie liegen, bis ein neuer Unternehmer kam, der den Betrieb wieder aufnahm und neue Adern entdeckte.

Es klopfte. Herbst trat herein und flüsterte seinem Chef etwas zu, nachdem er wie mitleidig auf den Wartenden geblickt hatte. Trotzdem konnte Dolinsky die Mitteilung verstehen. Ein höherer Beamter hatte in einem Kreisblatt gegen die »Terrainbewucherung« Front gemacht.

»Was so ein kleiner Landrat sich herausnimmt«, sagte Gläser und zeigte seine Raubtierzähne. »Das ist nur Futterneid. Wir wollen den Sumpfstreifen nicht. Nicht geschenkt! Die ›Lösung‹ soll ihm das besorgen. Wir haben größere Beamtenhühner, die für uns durchs Feuer gehen. Wenn er sich noch einmal so etwas erlaubt, werde ich gegen ihn losziehen.«

Dolinsky zuckte unwillkürlich zusammen. Aus seinem Heimatstrich kannte er die mächtige Bedeutung eines derartigen Kreisbeherrschers, vor dem alles tiefe Verbeugungen machte, und hier sprang man mit einem Landrat um, als hätte man eine Null vor sich. Noch mehr Bewunderung vor Gläser erfüllte ihn, und sofort sagte er sich, daß nur die Geldmachtstellung ihm diesen Mut gegeben haben konnte.

»Übrigens hat mir Doktor Wichtig einen hübschen Artikel gegen die Mistkneter geschickt«, fuhr Gläser fort. »Er wimmelt zwar von Beleidigungen, aber recht hat er. Er dient ganz unsern Zwecken. Lesen Sie die Sache doch einmal durch, damit uns die Gesellschaft nicht wegen Injurien belangen kann.«

»Ein ganz anrüchiger Mensch«, warf Herbst ein. Dann raunte er ihm noch etwas zu, was Dolinsky nicht verstand.

»Ach, erzählen Sie mir lieber solche Dinge nicht«, erwiderte Gläser laut und ärgerlich. »Er sitzt doch nicht vor unserem Geldschrank. Also! Mag er sich mit seiner Ehrlichkeit privatim abfinden. Ich brauche sie nicht. Wenn er seine Arbeit getan hat, wird er schon fliegen. Wie oft habe ich Ihnen gesagt, Herr Referendar, daß Sie diesen großen Zitronengarten, den man Leben nennt, noch nicht kennen. Wenn die Zitronen nicht verbraucht werden, verschimmeln sie. Und die meisten Menschen würden platzen vor Übermut, wenn man sie nicht anschnitte. Man soll die Säfte benutzen, solange sie uns noch schmecken. Beschäftigen Sie sich mehr mit den Menschen, wenn ich bitten darf.«

Solche brutalen Belehrungen zu erteilen, machte ihm Spaß; niemals nahm er Rücksicht darauf, wenn Unbeteiligte sie hörten. Das ganze Geschäftspersonal fürchtete ihn deshalb, und sobald er erschien, duckten sich die Köpfe und trat Stille ein. Denn wer nicht parierte, der flog.

Herbst verfärbte sich leicht, wiegte sich aber wie zustimmend in den schmalen Hüften, die von einem tadellosen Gehrock umspannt waren. Die frischroten Lippen verzogen sich leicht, und während es in seinen Augen heimlich aufleuchtete, sammelten sich die Gedanken hinter seiner weißen Stirn, die, wenn sie laut geworden wären, nichts Erfreuliches für Gläser enthalten haben würden. Auf alle Fälle hätten sie immer dasselbe Leitmotiv wiedergegeben: »Dummkopf mit dem weiten Blick, der du niemals siehst, was um dich herum in der Nähe vorgeht!«

Der Bankdirektor trat mit einer Karte herein, auf die Gläser rasch einen Blick warf.

»Ich lasse Exzellenz bitten, sich einige Augenblicke zu gedulden«, sagte er dann. »Führen Sie Exzellenz ins Konferenzzimmer.« Es war Geheimrat von Bohnenstiel, den man zu dem Wohlfahrts-Ausschuß gepreßt hatte.

»Was will denn der alte Knacker?« fuhr Gläser ungeniert zu Herbst fort, als der Diener wieder hinaus war. »Er muß etwas ganz Besonderes haben, wenn er seine siebzigjährigen Reste persönlich hierher schleppt. Er wird doch nicht etwa zurückzoppen. Das käme zu spät, sein Name ist schon gedruckt. Jünger wird er ja doch nicht, wenn er wartet ... Holen Sie mir doch einmal, bitte, die Gutsabschätzung seines Schwiegersohnes.« Alles das sagte er in der Art eines Menschen, der eine gewisse Freude daran hat, sich durch die Rücksichtslosigkeit Genugtuung zu verschaffen. Früher hätten diese vornehmen Herren einen weiten Bogen um den »Ladenschwengel« gemacht, nun aber, wo es etwas zu verdienen gab, umschwirrten sie ihn, wie die Schmeißfliegen den Honig. Er lachte, wenn er daran dachte, daß Geld nicht riecht. Der große Zug in ihm trieb ihn immer aufs neue zur Menschenverachtung. In solchen Augenblicken beherrschte ihn dann die Erinnerung an seine ärmliche Jugend; und da er leibliche Not jetzt nicht mehr kannte, peinigte ihn der Hunger nach unermeßlichem Besitz, wie mit seelischen Geißelhieben, die er gern erdulden wollte, um sie zehnfach diesem kriechenden, zweibeinigen Gewürm weiterzugeben. Das war die Rache, die ihm allein Befriedigung gab.

Abermals durchfuhr es Dolinsky. Eine Exzellenz ließ man warten! Er bildete sich schon ein, daß das seinetwegen geschehe, aber er kam bald davon ab, denn während dieser ganzen Zeit wurde er gar nicht beachtet. Bescheiden stand er noch immer auf demselben Fleck neben der aufgeschlagenen Mappe, ungefähr wie eine Sache, der man keine Bedeutung beimißt.

Endlich ging Gläser doch hinaus, ließ aber Herbst zurück.

Dolinsky hatte gesehen, wie er zuvor seinem Geschäftsfuchs etwas zuflüsterte, und so riet er sogleich das richtige: er solle nicht allein gelassen werden in diesem geschäftlichen Heiligtum, wo wichtige Papiere auf dem Schreibtisch lagen und die Türen des breiten, eingemauerten Geheimgeldschrankes weit offenstanden. Und dieser Gedanke, man könnte ihn für keinen ehrlichen Mann halten, trieb ihm die Röte der Empörung ins Gesicht, wenn er daran dachte, was er vor Jahren in jener Nacht auf der Bahnstation gesehen hatte! Zwar war ihm am Tage vorher von Anna eingeredet worden, er könnte sich geirrt haben, aber seine Augen hatten sich nicht getäuscht, was hatte es jedoch für einen Zweck, sich jetzt noch den Kopf darüber zu zerbrechen? Wer würde ihm glauben? Niemand! Denn wer zum Angriff auf die Großen überging, der mußte befürchten, daß er ausgelacht wurde, wenn der Pfeil nicht saß. »Geh', geh'! Was willst du noch hier?« raunte ihm sein guter Geist zu. »Nimm seine Hilfe nicht in Anspruch, denn ein Gauner ist er doch, wenn auch der Reichtum ihn umgibt. Bleibe in deinen bescheidenen Grenzen und empfange für deine Schwäche nicht noch obendrein Beschämung als Belohnung. Ist es nicht schon Entwürdigung genug, wenn du seine frühere Braut zu heiraten gedenkst?«

Aber Dolinsky blieb. Er gehörte nicht zu jenen Kraftnaturen, die sich den Weg allein durch die Dornen des Lebens bahnen. Der Künstler in ihm schwankte fortwährend und suchte für seinen Ehrgeiz nach einer Stütze, wie er sie für seine Liebesschwäche bereits in der kräftigen Anna gefunden hatte.

Das Konferenzzimmer lag nebenan. Durch die Tür konnte man deutlich die Stimme Gläsers hören, der nun einen ganz andern Ton anschlug. »Ah, Exzellenz, was für eine besondere Ehre! Diese Auszeichnung hätte ich heute nicht mehr erwartet.« Dolinsky lächelte still. Er sah im Geiste, wie dieser gerissene Oberschlesier jetzt die Diplomatenmiene aufsteckte. »Immer rüstig und jugendlich, Exzellenz sind unverwüstlich«, sprach Gläser weiter. Herbst, der am Fenster stand und über die matten Scheiben hinweg auf den großen Gartenhof blickte, lachte vergnügt. Hinter der Tür aber ertönte ein: »Äh, äh, äh, das sagen Sie so, mein Bester! Aber Gott sei Dank fühlt man sich noch.« Es war, als wenn ein alter Frosch quakte, heiser geworden durch die rauhe Jahreszeit. Nach jedem dritten Wort erschallte ein Husten, und dann wurde aus dem Quaken das Krächzen eines Raben. Und sobald Gläser wieder etwas sagte, kam aufs neue das »äh, äh, äh«. Ein alter Kindskopf schien einem jungen Verstandesmenschen gegenüber zu sitzen.

Herbst näherte sich der Tür und blieb dort unauffällig stehen, indem er ein Buch von einem Wandbrett nahm und darin blätterte. Dabei unterhielt er sich harmlos mit Dolinsky. »Sie kennen Herrn Direktor schon von früher?« begann er. Dolinsky, erfreut darüber, endlich wieder beachtet zu werden, gab bereitwillig die Antwort, daß er mit ihm zusammen nach Berlin gekommen sei, daß sie überdies Landsleute seien.

»So so«, machte Herbst, während er zugleich nach der Tür lauschte, hinter der das Gespräch jetzt lebhaft ineinander floß, »wie, hunderttausend Mark allein Gebäudewert?« schrie Gläser plötzlich. »Ich bitte Sie! Keine dreißigtausend Mark gebe ich für die Baracke.« Er lachte schallend auf. »Schloß, Schloß! mein Bester«, quakte die Exzellenz weiter. »Äh, äh – wie können Sie nur! Wenn das mein Schwiegersohn hörte, er würde degoutiert sein.« Sein Lärmhusten machte ihn für die Antwort Gläsers taub.

»Ihr Fräulein Braut ist eine verwandte vom Herrn Direktor?« wandte sich Herbst wieder an Dolinsky. »Sind Sie nicht früher öfter mit ihm zusammengekommen?«

Dolinsky antwortete diesmal nur mit einem kurzen »Ja«. Er merkte, daß etwas aus ihm herausgeholt werden sollte, denn jetzt fiel ihm die Mahnung Annas ein: er solle sich nicht mit Gläsers Sekretär einlassen, der immer noch um die gnädige Frau herum scharwenzele und den sie für falsch halte. Herbst merkte diese Frostigkeit und maß ihn mit einem geringschätzigen Blick. Dann mußte er seine Aufmerksamkeit wieder der andern Seite zuwenden.

»Machen wir's Geschäft doch zusammen, Exzellenz«, fuhr Gläser hinter der Tür fort, diesmal nicht so laut wie zuvor. »Ich weiß, daß Ihr Schwiegersohn tief verschuldet ist, na, und Sie stehen sich doch nicht besonders mit ihm. Mehr wie zweihunderttausend Mark ist das ganze Gut nicht wert.« Der Geheimrat fistelte diesmal entrüstet dazwischen: »Aber mein Liebster, Bester, wie können Sie so etwas sagen! Ihre Bemerkung ist deplaciert. Herr von Rucks, mein Schwiegersohn, ist durchaus nicht darauf versessen, Ihrem Projekte zuliebe irgend etwas von seinen Ansprüchen zu opfern. Äh, äh ... Und was Ihr sonstiges Angebot betrifft, ja – äh, äh, äh – so muß ich unter solchen Umständen meinen Namen zurückziehen.« Und als Gläser einwarf, daß das nicht mehr gehe, denn die Mitteilungen über den Wohlfahrtsausschuß seien bereits der Presse zugegangen, benahm sich der Kindskopf sehr aufgebracht. Die Worte der Exzellenz wackelten hin und her, je nach der Richtung, die sein sorgenvolles Haupt nahm. Dann werde man nachträglich seinen Namen zurückziehen müssen, und zwar öffentlich. »Aber das geht doch nicht,« rief Gläser jetzt wild aus, »das würde den ganzen Wohlfahrtsausschuß in Mißkredit bringen. Gerade am Namen von Exzellenz war mir besonders gelegen. Ich nahm bestimmt an, Ihre Autorisation zu haben.« Herr von Bohnenstiel wehrte sich mit der ganzen Aufbietung seiner Würde dagegen. Das Gequake überschlug sich, so daß aus dem alten ein junger Frosch geworden zu sein schien. »Äh, äh, aber doch nur unter gewissen Bedingungen«, dröhnte es hell durch sein Hüsteln, »Was geht uns im allgemeinen Ihre Landhausstadt an! Wenn nicht eben, äh – na ja! Empfehle mich, Herr Direktor.«

Gläser hielt ihn zurück. Herbst hörte dann deutlich, wie sein Chef unter vier Augen mit dem Alten verhandelte und ganz unverfroren ein Kaufgebot für den Namen der Exzellenz zu dem Zwecke der Reklame machte. Man würde es sich zur Ehre schätzen, zehntausend Mark ohne Geschäftsbuchung zu opfern und außerdem die Verpflichtung eingehen, Herrn von Rucks auf die Beine zu helfen. Sie sprächen ja ohne Zeugen, und er, Gläser, sei erbötig, dreimal hunderttausend Mark für das Gut anzusetzen, wenn er dabei persönlich auch auf seine Kosten käme.

Die Stimmen sanken zu eingehenden Erörterungen des schmutzigen Handels. Dann wurden endlich die Stühle gerückt; das Gequake zum Abschied ertönte fröhlicher, gleichsam wie hervorgelockt durch Sonnenschein über einen bisher wenig erhellten Tümpel.

Als der Bankgewaltige wieder zurückkehrte, stand Herbst ruhig am Fenster, diesmal in ein Schriftstück vertieft. »Ah, da sind Sie ja noch«, sagte Gläser zu Dolinsky, als hätte er erwartet, ihn gar nicht mehr anwesend zu sehen. Er hatte einen roten Kopf, ließ sich aber nichts von seiner Aufregung merken. »Das wird noch Kämpfe kosten mit diesem steifbeinigen Knacker«, sagte er nur nebenbei zu Herbst. »Übrigens ist das Gut sehr preiswert, vortreffliche Gebäude, beinahe zu schade zum Abtragen. Aber wir müssen das Terrain haben, es hilft nichts.«

Er sprach noch weiter, über dies und jenes, wobei Herbst immer den Zurückhaltenden spielte, sich gleichsam erst die Worte aus dem Munde ziehen ließ, bevor er mit seiner Meinung herausrückte. Und während er seinem hohen Chef stets beistimmte, dabei höchstens wagte, seine juristischen Bedenken einzustreuen, war sein Gedanke immer derselbe: »Du wirst mir eines Tages noch kommen müssen, um mir die größten Chancen zu machen.«

Er strebte nach Höherem, nach einer bevorzugten Vertrauensstellung, die ihm auch Ansehen nach außen hin gäbe und ihn aus dem Abhängigkeitsverhältnis von diesem Manne herausbrächte, der seine tiefere Unbildung niemals verleugnen konnte, was hatte er nicht schon getan, um dem Ruhme seines Chefs zu dienen! Alle Entwürfe, Einführungen und Flugblätter der neuen Gründung waren von ihm bearbeitet worden, und er hatte auch die dicke Broschüre verfaßt, die eingehend das Volksparadies der Landhausstadt verkündete, auf deren Titelblatt aber der Name seines Direktors prangte. Er schliff die rohen Ideen des andern und machte sie erst der Menge mundgerecht, ohne die Lorbeeren dafür einzustreichen. Das war der Stachel, der in ihm saß und sich jedesmal bemerkbar machte, sobald Gläser ihn wie einen bezahlten Diener besserer Sorte behandelte. Und weil er die Zeit noch nicht für gekommen hielt, an seinen Gönner zur gleichen Höhe heranzuwachsen, so sammelte er vorläufig Material gegen ihn und rächte sich durch eine Flut komischer Schmeicheleien, mit denen er Gläser überschüttete, und die sich wie überzuckerte stillen ausnahmen.

Andere hätten das Gesicht dabei verzogen, der eitle Oberschlesier jedoch verdaute sie mit Wohlgeschmack. Es lag etwas Groteskes darin, wenn Herbst mit zusammengeschlagenen Hacken, wie ein vortragender Minister, seinem hohen Gönner Auskunft erteilte, seine Meinung über eine Sache kund tat und dabei die hochbedeutenden Worte sprach: »Wieder eine Ihrer genialen Ideen, Herr Direktor, die die Welt verblüffen wird. Großartig, großartig! Ich kann immer nur mit Ehrfurcht auf Sie blicken. Sie sind ein Moltke des Handels ... Man ist überall von Bewunderung für Sie erfüllt, wohin ich komme, ich höre nur immer dasselbe Urteil.«

Und der sonst so sehr gewitzte Gläser, der sich seiner Menschenkenntnis rühmte, merkte nicht den lachenden Schalk im Nacken seines Geheimsekretärs, sondern nahm mit wohligem Schmunzeln diese Schmeicheleien als Offenbarungen einer treuen Seele entgegen und bewies seine Leutseligkeit, indem er zurückgab: »Danke, danke, lieber Herbst! Ich kenne ja Ihre Überzeugung.« Und er reichte ihm die Kiste mit Zigarren hin, in die Herbst auch hinter seinem Rücken zu greifen pflegte, und fügte wie selbstverständlich hinzu: »Ja, man hat's nicht leicht! Jeder Reformator muß eben auf seinem Platze sein. Sehen Sie, das sind Talente, die mir angeboren sind. Das Genie bricht sich immer Bahn. Das Volkswohl hat mir von jeher am Herzen gelegen ... Klein sollen die Kerle werden, die sich uns in den Weg stellen. Ehrliche Arbeit führt immer zum Siege. Meinen Sie nicht auch?«

Und Herbst klappte aufs neue die Hacken zusammen, dienerte, indem er seinem Chef zuerst Feuer gab, und erwiderte durchaus ernst: »Gewiß, gewiß, Herr Direktor. Es bekümmert mich nur, daß Sie so wenig eigennützig dabei sind. Sie treiben es in dieser Beziehung wirklich etwas Zu weit.« Sein Gedanke dabei jedoch war: »Du Spitzbube kommst sicher noch ins Zuchthaus.«

»Der Moltke des Handels« wurde bald sprichwörtlich, wenn auch nicht immer in gutem Sinne. Es gab noch mehr Spötter in der Bank, kluge, gebildete Leute, die dieselbe Komik aus dem Wesen des hohen Chefs schöpften, obgleich sie keine Miene vor seinem Angesicht verzogen. Sie alle wußten, daß die Eitelkeit die Achillesferse seiner Sterblichkeit war und daß man bei ihm nur etwas erreichen konnte, sobald man ihn daran gehörig kitzelte, wenn er sämtliche Räume durchstrich, stets den Referendar hinter sich, der seine Weisheit mit anhören mußte, um sie als kostbares Echo wiederzugeben, so erregte dieser Aufzug immer ein geheimes lächeln, ungefähr wie beim Lesen des Don Quixote, nur daß Ritter und Knappe nach gehöriger Ummodelung ins Moderne übertragen waren.

Dolinsky wartete noch immer auf ein Zeichen der Gnade des einstigen Reisegefährten. Beklommenen Herzens stand er da, den Blick auf die Zeichnungen gerichtet, in die er seine ganze Kunst gelegt hatte und die man nun gar nicht beachtete. Er kam sich wie ein Geschäftsbote vor, der eine Sendung abzugeben hatte und auf Erledigung wartet. Hier, wo das Geld rollte, schien man wirklich keinen Sinn für das heiße Streben eines Künstlers zu haben. Endlich nahm Gläser eins der Blätter in die Hand und fragte zerstreut: »Haben Sie das gemacht, was soll das sein?«

Es waren schloßartige, mit phantastischen Türmen ausgeschmückte Villen, farbig getönt, in eine reizende Umgebung gesetzt. Und als Dolinsky ihm die Erklärung gab, daß er dabei an die Familienhäuser der Landhausstadt gedacht habe, lachte Gläser, als hätte er einen guten Witz gehört. Er winkte Herbst heran, der einen halb mitleidigen Blick darauf warf und eingedenk der Abfertigung von vorhin mit den Achseln zuckte, plötzlich aber, als Gläser auch die zweite und dritte Zeichnung betrachtet hatte, auf denen ganze Straßenzüge und eine märchenhafte Totalansicht des Zukunftsbildes aus der Vogelschau sehr malerisch dargestellt waren, nahm er Herbst beiseite und trat mit ihm ans Fenster, um anscheinend beim Betrachten besseres Licht zu haben. Rasch raunte er ihm zu: »Das war' so was! Unausführbar natürlich, aber es würde ziehen ... Was uns Dittmar gemacht hat, sind ja die reinen Selterwasserbuden dagegen.« Er meinte damit die Entwürfe eines Architekten, die das bisherige Reklameheft schmückten. »Diese Nüchternheit hat mir schon lange nicht behagt,« fuhr er fort, »damit lockt man keinen Berliner aufs Land. Wer seine Mietskaserne verläßt, will mindestens ein Wolkenkuckucksheim sehen. Na, und das wollen wir doch auch schaffen.«

Als er dann aber mit Dolinsky allein war, behandelte er dessen Kunst sehr nebensächlich, warf die Blätter förmlich auf den Tisch und sagte: »Ganz nett, aber völlig unpraktisch.« Dann ließ er durchleuchten, daß er vielleicht etwas davon gebrauchen könnte, wenn man ihm die ganzen Zeichnungen zur unbeschränkten Verwertung für fünfhundert Mark überließe. Er wisse zwar nicht, was er vorläufig damit anfangen solle, aber wenn er Dolinsky in dieser Form vielleicht gefällig sein könnte? Und sofort machte er ihm noch einen andern Vorschlag. Er habe das Haus seiner Schwiegermutter draußen in der Vorstadt übernommen und genügend Geld hineingesteckt, um es wieder ansehnlich zu machen. Dazu gebrauche er einen Verwalter, der freie Wohnung habe und hübsch warm sitzen könne, wenn er sich einigermaßen bewähre.

Dolinsky besann sich nicht lange, denn er sah sein Glück nun doppelt winken. »Sehen Sie, das gefällt mir von Ihnen«, sagte Gläser dann wieder, als er von Dolinsky eine schriftliche Erklärung empfangen hatte und ihm nun eine Anweisung auf die Kasse übergab. »Nicht lange zögern, wenn es sich um große Entschlüsse handelt ... Und nun können Sie auch ganz beruhigt sein: für die Ausstattung Ihrer Braut sorge ich. Ich habe nun einmal heute meinen guten Tag.«

Vorhin hatte man ihm mitgeteilt, daß die Bank für Bodenbeleihung, die sich bisher sehr ablehnend gegen seine Gründung verhalten hatte, unter gewissen Bedingungen neuerdings geneigt sei, auf Gegenseitigkeit zu ihm zu treten. Das hatte ihn hoch gestimmt gemacht, denn er sah nun die Millionen von allen Seiten fliegen.

Plötzlich trat Herbst wieder aufgeregt ins Zimmer, flüsterte ihm etwas zu und gratulierte. »Was, ein Junge?« rief Gläser freudig aus und vergaß ganz seine würde. »Danke Ihnen herzlich, lieber Herbst. Alles gesund? Ja? Gott sei Dank! Aber ich muß fort, lassen Sie rasch eine Droschke besorgen.«

Und während Herbst hinausstürmte, benahm sich Gläser ganz wie ein Mann, der die größte Freude seines Daseins erlebt. Das Ereignis war früher eingetreten, als er erwartet hatte, aber um so köstlicher erschien ihm dieses Geschenk des Himmels, das ungetrübt über ihn gekommen war. Ein Junge, ein Junge! Fortwährend hallte es wider in seinem Innern. Er, der große Eroberer Berlins, hatte einen Erben bekommen! Viktor, der Sieger, sollte er heißen, das war ihm jetzt schon eine ausgemachte Sache. Und Offizier sollte er werden, um später seinem Namen Ehre zu machen, wie sein Vater glorreiche Siege auf einem andern Felde erfochten hatte. Gläser war so aufgelöst in Taumel, in jenen rein menschlichen Gemütsrausch, dem auch der Charakterniedrige unterliegt, daß ein feuchter Schimmer in seinen Augen glänzte, als er auch den Glückwünsch Dolinskys entgegennahm. »Danke, danke, lieber Freund«, erwiderte er wie zerflossen und drückte ihm die Hand. »Sie sollen es gut haben, Sie sollen es gut haben!«

Im Augenblick hatte er ganz vergessen, daß es seine Absicht war, diesen Menschen nur an sich zu fesseln, um ihn mundtot zu machen. Dann stürmte er hinaus, gefolgt von Dolinsky, der in gehörigem Abstand blieb und fortwährend dachte: »Fünfhundert Mark wirst du gleich in Händen haben. Ein Vermögen, ein Kapital!«

Herbst war wieder zurückgekehrt und sah Gläser mit verkniffenem Lächeln nach, wie ein gekränkter Nebenbuhler, der nun nicht weiß, was werden wird.

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