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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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13.

Zwei Tage darauf, es war Sonntag nachmittag, öffnete Frau Teichert die Tür zu dem Arbeitszimmer ihres Schwiegersohns und rief hinein: »Kommen Sie doch einmal, Richard, es ist Besuch da. Sie werden sich wundern.« Und bevor Gläser noch fragen konnte, war sie schon davongegangen. Neugierig folgte er, und als er in das Wohnzimmer seiner Schwiegermutter trat, das auf dem hinteren Korridor lag und nach einem Garten hinausging, sah er, groß und breit auf einen Stuhl hingepflanzt, Anna Schiman sitzen, im schönsten Feststaat, rund und frisch wie immer.

Es war sehr einfach zugegangen. Durch den Pförtner des alten Hauses hatte sie neulich Frau Teicherts Adresse erfahren, und so trieb die alte Anhänglichkeit sie ahnungslos hierher. Und kaum hatte sie harmlos von diesem und jenem geplaudert und dabei erwähnt, daß sie immer noch in Stellung sei, als Frau Teichert es auch schon für nötig hielt, ihrem Schwiegersohn eine Überraschung zu bereiten, denn sicher würde er sich freuen, seine Verwandte auf besserem Wege zu sehen, als er früher angenommen hatte.

Gläser wurde blaß und warf seiner Schwiegermutter einen Blick zu, aus dem nichts Gutes sprach, den sie aber nicht beachtete. »Ah ... ah ... ah!« stammelte er verlegen, während heilloser Schreck ihn durchzuckte. »Was seh' ich, was seh' ich! ... Du hier, du hier?« Dann stockte er wie ein Ertrinkender, dem die Luft ausgeht. Zum ersten Male seit langer Zeit versagte ihm der Fluß seiner Rede, denn der Einsturz der Decke hätte ihm weniger die Geistesgegenwart genommen, als der Anblick dieses Besuches.

»Ich wußte ja gleich, daß Sie sich freuen würden«, warf Frau Teichert vergnügt ein. »Sie haben sich damals gründlich getäuscht, sie ist ein braves Mädel geblieben. Denken Sie nur, sie hat sich verlobt. Wenn Klothilde das hört – na! Sie wissen doch, Anna, sie hatte Ihnen immer alles Gute gewünscht.«

»Verlobt? Jajajaja«, brachte Gläser aufs neue blöde hervor, während sich das Zimmer um ihn drehte. »Das ist ja hübsch, wirklich hübsch, sehr hübsch! Und überdies ... und so ganz plötzlich, wie? Na ja, das freut mich, das freut mich! Gratuliere, gratuliere! Sie können glauben ... Du kannst glauben ...« Er schnappte nach Luft, wie ein Fisch, der unerwartet auf trockenes Land geworfen wurde.

Sprachlos vor Überraschung starrte Anna ihn an. Er war stärker geworden und hatte den Ansatz zu einem Bäuchlein bekommen, das sah sie sofort; wie sie auch mit einem großen Blick seine ganze äußere Erscheinung umfaßte: den modernen englischen Stoffanzug, in dem er steckte, die gescheitelten, dünnen Haare, den gewichsten Schnurrbart, das feine, gestickte Oberhemd und das buntkarierte, seidene Taschentuch, das kokett wie immer aus der Seitentasche des Jacketts ragte. Nur die schweren, blutdurchlaufenen Hände waren unverändert geblieben und erinnerten sie wieder an jene eisige Nachtfahrt, in der sie seine Halbsteifen Finger liebevoll gewärmt hatte. Sie hätte lachen mögen über seine Veränderung, wenn ihr der Kloß der Verblüffung nicht im Halse gesessen hätte. Endlich bekam sie ihre Fassung wieder.

»Ja, hat er denn geglaubt, ich würde schlecht werden?« fragte sie aufgebracht. »Das hätte ihm wohl so gepaßt, dann hätte er sagen können: ›So ist sie nu, gut, daß ich ihr den Laufpaß gegeben habe.‹ ... Aber schlecht war er allein, Frau Direktor.«

»Kindchen, was soll denn das!« beruhigte sie Frau Teichert, die diesen Vorwurf auf die Verwandtschaft bezog.

»Und wie fein er jetzt aussieht!« fuhr Anna einfältig fort. »Na ja, nu hat er's ja erreicht, ganz Berlin ist ja voll davon, wissen Sie, Frau Direktor, solche Rosinen hat er immer im Kopf gehabt. So'n bissel Größenwahn, der hat immer aus ihm gesprochen. Und nun tut sich's ja mit ihm. Sag' mal bloß, wie hast du das gemacht? Nee, wie du dich verändert hast, ich könnte lachen. Das sollten sie nur zu Hause sehen.«

»Aber was führen Sie denn für Reden? Vergessen Sie doch nicht, wo Sie sind!« sagte Frau Teichert wieder, die alles das nicht begriff und verwundert auf das Mädchen und dann auf ihren Schwiegersohn blickte, der fortwährend mit einem Entschlusse kämpfte, ohne ihm Ausdruck geben zu können. Wiederholt erhob er die Hände, um einen Ansatz zu einem gewichtigen Wort zu nehmen; dann gab er der früheren Braut einen Wink, um sie zu beruhigen, und dabei überlegte er, wie er die Alte wegbringen könne.

»Sag' 'mal, du wohnst wohl jetzt hier?« fragte Anna trocken. »Das kommt mir ganz schnurrig vor. Ich hab' gleich so 'was geahnt, daß du dich an die Herrschaft ranmachen würdest. Du hast immer soviel gefragt. Neugierig war er, Frau Direktor – Sie können's kaum glauben! ... So red' doch 'mal was, ich hab's ja längst überwunden.«

Aber Gläser sprach noch immer nichts. Er sah sie nur an, wie sie dasaß, gleich einer verkörperten Anklage, die sich in jedem Augenblick drohend über ihn ergießen könnte. Sobald das hübsche Gesicht sich neigte, nickte die große Feder auf dem Rembrandthut mit, und unter der modischen Winterjacke bauschte sich das punktierte Sonntagskleid, während die schwarzbehandschuhte Rechte fest auf dem Griff des Regenschirms ruhte, den sie wie eine zierliche Stütze vor sich hingepflanzt hatte. Gesunder Trotz sprach aus ihr, und als er sie so beobachtete, mußte er sich gestehen, daß der Schliff des großen Berlin bereits über sie gefahren sei und daß etwas Damenartiges sich aus ihr entpuppt habe. Sie duftete förmlich nach Frische und nach der Urwüchsigkeit eines besonderen Menschenschlages.

Als dann Frau Teichert, unglücklich über diesen Zusammenstoß, eine Entschuldigung zu ihrem Schwiegersohn äußerte und ihn dabei Richard nannte, lachte Anna laut auf und zeigte ihre kernigen Zähne, »wie heißt du jetzt?« fragte sie. »Du hast dich wohl umtaufen lassen, August war dir wohl nicht hübsch genug? Wir haben dich doch alle immer so gerufen ... und dein Prinzipal von früh bis spät sogar. Weiß es denn schon deine Mutter? Nee, in Berlin tut sich schon was.« Und sie lachte aufs neue, wobei das Gesicht mit den glänzenden Wangen in die Breite ging.

»Ach, so komm' doch nach vorne, ich möchte dir etwas sagen«, meldete sich Gläser endlich, der sie gerne unter vier Augen haben wollte. Die Wände wurden ihm zu eng, und so sehnte er sich nach der Stille des Arbeitszimmers, wo er endlich seinem verhaltenen Grimme ohne Zeugen hätte Ausdruck geben können.

»Gehen Sie, es ist vielleicht besser«, ermunterte Frau Teichert.

In diesem Augenblicke trat Klothilde herein, die ihren Nachmittagsschlaf gehalten hatte und vorzeitig munter geworden war. »Ei, das ist ja eine sonderbare Versammlung«, sagte sie heiter, zugleich aber erfreut darüber, ihre frühere Zofe wieder zu sehen.

»Guten Tag, gnädiges Fräulein«, sagte Anna und erhob sich sofort.

»Das war einmal«, gab Klothilde lachend zurück und reichte ihr die Hand. »Jetzt bin ich Frau Gläser. Hat man Ihnen das nicht gesagt?«

»Ich dachte, Sie wußten das schon«, warf die Schwiegermutter ein.

»Gott bewahre!« brachte Anna hervor und schlug unwillkürlich mit den Händen zusammen, so daß ihr der Regenschirm entfiel. Und kaum hatte sie ihn wieder aufgehoben, so stieß sie hervor: »Ist's möglich, ist's möglich! ... Aber ich kann's ja noch gar nicht glauben, nee, ich kann's wirklich nicht glauben! Sie wollen sich nur lustig über mich machen. Frau Direktor, sprechen Sie doch 'n Wort. Fräulein Klothilde müßte ja dumm gewesen sein ... er müßte Sie ja reine beäthert haben.«

»Ja, aber was ist denn eigentlich mit Ihnen? Wie können Sie solche Redensarten führen!« warf Klothilde ein und ließ ihren Blick zwischen dem Mädchen und ihrem Mann schweifen. »Sie konnten doch nicht denken, daß Ihr reicher Cousin Sie heiraten wird!«

Gläser, der blaß und wortlos beiseite stand und in jedem Augenblick das äußerste befürchtete, lachte auf wie von einem Alp befreit; denn nun sah er den Weg, den er zu seiner Befreiung einzuschlagen habe. »Hat sie das geglaubt?« fragte er harmlos.

»Aber natürlich doch,« erwiderte Klothilde, »sie hat sich manchmal dieser Illusion hingegeben, unsere frühere Köchin sagte es mir.«

»Davon weiß ich ja gar nichts«, warf Frau Teichert dazwischen.

»Es fällt mir auch gerade so ein«, fuhr Klothilde fort. »Ich habe der Sache keine Bedeutung beigelegt. Solche Einbildung findet man häufig bei armen Verwandten. Das ist eben Küchengetratsch.«

Gläser lachte aufs neue. »Da hast du auch recht daran getan«, sagte er dann, nun wieder gefestigt zum Kampfe, den er nach allen Regeln seiner Schlauheit aufnehmen wollte.

Es verhielt sich wirklich so, wie Klothilde anführte. Trotzdem Gläser seiner Braut eingeschärft hatte, über ihr Verhältnis nicht zu sprechen, war Anna doch hin und wieder vorlaut gewesen, ohne ganz mit der Wahrheit herauszurücken. Die Köchin hatte das für Narrheit gehalten und sie gründlich damit aufgezogen, bis sie eines Tages von dieser »Verrücktheit« Klothilde etwas steckte, die sich darüber erheiterte, wie man sich über hundert andere alltägliche Dinge vorübergehend vergnügt.

»Aber er ist ja gar nicht mein Cousin«, fuhr Anna hochrot im Gesicht dazwischen. »Das war ja alles Schwindel. Er hatte 's mir eingeimpft. Sie sollten 's ja nicht wissen, daß ich seine Braut war.«

»Was?!« stieß Klothilde hervor. »Sie haben wohl Ihren Verstand verloren.«

Diesmal lachte Gläser schallend auf, trotzdem ihm eigentümlich zumute war. »Natürlich spricht sie wirres Zeug, die Einbildung hat sie krank gemacht.« Er wollte aufs neue in Heiterkeit geraten, aber er schüttelte sich nur stumm, wie jemand, den ein Frostschauer plötzlich gepackt hat.

Anna Schiman fuhr nicht auf, wie er es erwartet hatte; aber sie brach in Tränen aus, ergriff Klothildes Hand, streichelte sie wie die einer lieben Freundin und sagte schluchzend: »Ach, Sie tun mir ja so leid, gnädige Frau, so sehr leid! Sie waren immer so gut zu mir, so gut. Ich will ja nichts mehr sagen, denn Sie sollen sich nicht aufregen ... aber verrückt bin ich nicht, wahrhaftig nicht. Das glauben Sie nur nicht. Möchte er zu Ihnen doch besser sein, als er es zu mir war.«

»Da haben wir's, da haben wir's!« sprach Gläser krampfhaft dazwischen. »Jetzt bedauert sie dich noch. Sie war immer hysterisch veranlagt.«

Aber weder Mutter noch Tochter glaubten es ihm. Frau Teichert war plötzlich schweigsam geworden, denn ihre Klugheit hatte sie auf die richtige Fährte gebracht, sie wollte sich aber hüten, in diesen vergangenen Dingen etwas Besonderes zu sehen, das Veranlassung zu einem ehelichen Zwist geben könnte. Die Männer waren groß in ihren Geschmacksverirrungen, und was in Herzensdingen vor der Heirat von ihnen verbrochen worden war, durfte ihnen später nicht mehr zur Last gelegt werden. Auch Klothilde sprach kein Wort, trotzdem andere Gefühle sie bewegten. Diese Tränen waren echt, das sah sie sofort; und während sie unwillkürlich des Mädchens Hand festhielt und sie warm drückte, wurden ihr selbst die Augen feucht, die sie auf einige Sekunden schloß, weil schmerzhafte Bewegungen durch ihren Körper gingen. Und es waren merkwürdige Vorstellungen, die in ihr erwachten und längst begrabene Erinnerungen neu erstehen ließen. Sie liebte ihren Mann nicht; darüber war sie niemals im Zweifel gewesen. Aber nun, da sie diese glänzende Versorgung erlangt und mit ihren Idealen abgeschlossen hatte, war sie von der nötigen Achtung vor ihm erfüllt, die zur Erträglichkeit einer Ehe nötig war. Über die aufgelösten Verlobungen war sie zu ihm gekommen, um sich aus dem angeschwemmten Schlamm ihrer Mädchenjahre wie an einem Anker zu retten, der glänzend und fest im trockenen Sande liegt. Seine Geldgier, seine geringe Werteinschätzung der Menschen, seine Verachtung der höheren Lebensgüter – alles das hatte sie ihm verziehen. Nun aber wurde sie auf Spuren gebracht, von denen sie niemals erwartet hatte, daß er in ihnen gewandelt sein könnte. Und in was für schmutzigen Spuren! Mit einer Lüge hatte er sich ins Haus geschlichen, und während er um ihre Hand anhielt, hatte er die andere fallen lassen, die niedrigste Dienste bei ihr verrichtete.

»Ihr müßt doch solche Albernheiten nicht glauben«, brauste er auf, wütend darüber, die Frauen so gerührt zu sehen. »Sie hat Wahnideen, das ist das Ganze. Jetzt sind sie eben explodiert.«

»Ich glaube es auch«, warf Frau Teichert ein, der die Miene ihrer Tochter nicht behagte. Mußte dieses Frauenzimmer gerade heute hier hereingeschneit kommen, um Unheil zu stiften! Und ärgerlich über sich selbst, das Mädchen nicht allein abgefertigt zu haben, schwoll ihr der Kamm vor Unmut. »Hätt' ich das gewußt, würde ich mich mit Ihnen erst gar nicht so lange eingelassen haben«, drang sie rücksichtslos mit Worten auf Anna ein. »Es ist ja unerhört, was Sie uns für Märchen hier auftischen! Gehen Sie nur jetzt, wir haben keine Zeit mehr für Sie übrig.«

In diesem Augenblick hätte Gläser seine Schwiegermutter liebevoll umarmen und sie auf ihr Haar küssen können, trotzdem ihm ihr falscher Scheitel, den auch sein berühmter Haarbalsam nicht hatte verdrängen können, stets den Appetit dazu geraubt hatte.

»Komm' doch ein andermal wieder, wenn ich weniger zu tun habe«, stimmte er der Alten bei, als er sah, wie Anna, die nun Klothildes Hand losgelassen hatte, wie unschlüssig dastand und mit dem Taschentuch die Tränen trocknete. Stiller Kummer sprach aus ihr, der ihr die letzten Gemütsaufwallungen in die Kehle brachte. Sie wußte nicht recht, was sie jetzt noch tun sollte, da sie anscheinend alle drei gegen sich hatte. »Ich will auch deinen Frieden nicht mehr stören,« brachte sie endlich mit zuckenden Lippen hervor, »aber ein schlechter Kerl warst du doch. Meine schönsten Jahre habe ich dir geopfert. Lug und Trug war an dir. Nach Wien wolltest du gehen, nur um mich loszuwerden. Hast aber hier hübsch warm gesessen. Na, ich will nur lieber ruhig sein, denn nützen tut es ja doch nichts. Über so ein armes Erdenwürmel geht man schon hinweg, wie ich eins bin. Da tritt man einfach drauf, ohne es zu beachten. Aber seinen Teil kriegt schon jeder. Adje denn. Und nehmen Sie es mir nur nicht übel, Frau Direktor ... und gnädige Frau auch nicht. Ich hab' ja alles nicht geahnt, sonst hätt' ich mich lieber in einem Mauseloch verkrochen.«

In ihre Worte platzte laut der Schall der Türklingel hinein. Frau Teichert kehrte mit der Nachricht zurück, daß es Herbst sei, den Gläser heute zu sich gebeten hatte.

»Bleiben Sie doch noch und trinken Sie eine Tasse Kaffee«, sagte Klothilde rasch, von einem bestimmten Gedanken geleitet.

Sofort fuhr ihr Mann dazwischen, indem er Anna fast rauh anfuhr: »Komm' in mein Arbeitszimmer, die Sache muß aufgeklärt werden – ich sage dir, komm! Es geschieht nur zu deinem Guten.« Drohend war er vor sie hingetreten, und als er sah, wie Mutter und Tochter ihnen den Rücken kehrten und abseits zusammen sprachen, flüsterte er ihr leise zu, während er seiner Stimme etwas Lockendes gab: »Komm', Dolinsky war bei mir.« Er hatte ihn zwar noch nicht gesprochen, aber dieser Einfall war ihm plötzlich gekommen, wie etwas, was er zu seiner Rettung ausspielen könnte.

»So gehen Sie doch!« half Frau Teichert nach und schob sie fast zur Tür hinaus, hinter ihm her. »Gott sei Dank!« rief sie dann aus, als sie mit ihrer Tochter allein war. »Mach' dir doch keine Kopfschmerzen darüber, er wird schon mit ihr fertig werden. Solche Dinge macht man am besten in aller Stille ab ... Übrigens kann ich dir sagen – ich glaube noch nicht daran. Die Hälfte hat sie sicher aus den Fingern gesogen.«

Klothilde lachte in ihrer eigentümlichen Weise. »Ich mir Kopfschmerzen machen?« erwiderte sie dann. »Wo denkst du hin! Aber deswegen kann ich doch Mitleid mit ihr empfinden, sie war ja meine Zofe.« Und als sie hinausging, geschah es mit demselben Lachen, dessen schriller Ton ihrer Mutter noch lange in den Ohren klang.

Als Gläser in seinem Arbeitszimmer angelangt war, gab er seinem Sekretär, der verwundert auf Anna blickte, den nötigen Wink, ihn auf kurze Zeit allein zu lassen, worauf Herbst einen kleinen gemütlichen Bummel in die Nebenräume unternahm, um seine halbe Zugehörigkeit zur Familie zu beweisen. Irgendwo würde er sicher auf eine der Damen stoßen, um Aufklärung über diesen merkwürdigen Besuch zu erhalten.

»Setz' dich doch, wir wollen einmal vernünftig reden«, sagte Gläser zu Anna, die mit großen Augen durch die Prunkräume geschritten war und sich nun neugierig in dem Arbeitszimmer umblickte.

»Da kann man ja nur staunen, nur immer staunen!« rief sie aus und pflanzte sich vor ihm auf, ohne seine Einladung zu beachten. »Diese Pracht, diese Pracht! Und das hat dir das Fräulein alles mitgebracht? So dicke hatten sie es doch auch nicht.«

»Ach, Dummheit«, fuhr es ihm über die Lippen. Schon wollte er hinzufügen, daß er Klothilde genommen habe, wie sie ging und stand, als er sich rasch wieder besann; denn dann hätte sie vor Anna nichts voraus gehabt, und durch irgend etwas mußte er seinen Schritt doch entschuldigen können. »Das heißt, was du hier siehst, stammt alles von meiner Schwiegermutter. Wie hätt' ich denn sonst so hoch kommen können, ich war arm wie du, das weißt du doch. Fräulein Klothilde war rasend in mich verliebt, und so ist eben alles gekommen.«

»Du bist ja auch ein Sonntagskind,« warf sie ein, »sie haben dir ja immer Glück prophezeit.«

»Na siehst du!« erwiderte er, gewissermaßen gehoben und zugleich erfreut darüber, sie nun so ruhig zu sehen. »Alle unsere Wege sind uns vorbestimmt, und wenn wir in eine Sackgasse laufen, müssen wir hübsch umkehren. Und das haben wir beide zur rechten Zeit auch getan, du und ich nämlich. Wir haben uns ja damals darüber ausgesprochen.«

»Ja, paßt Ihr denn auch zueinander?« fuhr sie fort. »Es ist mir ja immer noch wie ein Rätsel. Wenn ich so bedenke, wie sich das gnädige Fräulein früher immer lustig über dich gemacht hat. Sie fand dich manchmal zu komisch, in deinen Verbeugungen und so. Und deine roten Hände erst! Ich hörte es ja, und dann war ich wütend. Aber ich durfte mir ja den Mund nicht verbrennen.«

Gläser verkniff sich seinen Ärger, lachte aber gezwungen. »Das war alles nur verhaltene Liebe,« gab er zurück, »das siehst du ja jetzt. Die Macht meiner Persönlichkeit hat eben gesiegt.« plötzlich reckte er sich und sagte durchaus ernst: »Wollen wir uns nicht lieber Sie nennen? Es gehört sich doch wohl jetzt so.«

Sie lachte ihm dreist ins Gesicht. »Wohl gar! Wir kennen uns von klein auf, und dann soll ich Sie zu dir sagen? Sei doch kein Esel! Und drei Jahre habe ich mich mit dir herumgeschleppt! Dann kennt man sich doch. Innen und außen. Du kannst mir viel vormachen, ich glaub' dir's doch nicht.«

Arg verschnupft sah er sich um, als könnte ein Dritter diese Keckheit gehört haben. Dann fuhr er sie wie eine Fremde an: »Ich weiß gar nicht, was Sie sich erlauben! Ich könnte Sie sofort an die Luft setzen, wenn ich wollte. Ich brauch' es noch nicht einmal selbst zu tun, das besorgen meine Dienstboten.« Erregt ging er vor ihr auf und ab, nicht wissend, wie er sich jetzt verhalten sollte.

»Tu' es doch, tu' es doch!« fiel sie ein und lachte ihn abermals aus. »Das wär' das Schlimmste noch nicht, was du mir angetan hättest! Wie? Geschwindelt und geheuchelt hast du, nur, damit ich wieder in Dienst ginge. In 'n Stiefel hast du es gesteckt, dort auf der Station, Dolinsky hat es gesehen. Wir kamen darauf zu sprechen, und starr war ich, ganz starr über solche Raffiniertheit! Aber ich habe mich geschämt, ihm zu sagen, daß du so 'n schlechter Kerl bist. Heruntergewürgt habe ich alles, und nachher habe ich im stillen geheult, immer geheult. Mit meinen Spargroschen hast du dich herausstaffiert, und damit bist du weiter gekommen. Sonst hätt'st du wohl auch der Welt mit deinem Haarbalsam nichts vormachen können ... Nun geh' doch, geh' doch – und laß mich hinauswerfen. Ich werde mich gewiß nicht wehren.«

Aber ihm war die Lust vergangen, ein Glied zu rühren. Starr stand er auf einem Fleck und sah nur, wie sich ihr Schmerz aufs neue leicht in Tränen löste, die sie aber rasch und verstohlen wieder trocknete, als schämte sie sich, noch einmal diese Schwäche zu zeigen. Das rührte ihn jedoch nicht, denn plötzlich spielte er laut den Belustigten. »Das ist ja köstlich, das ist ja köstlich!« rief er aus und ließ eine Lachsalve steigen. »Was dieser Bursche nicht gesehen haben will! Richtig, ich entsinne mich jetzt – es war in der Nacht, als ich ausstieg. Ich steckte meine Papiere in den Stiefel, weil sie mir dort sicherer erschienen. Die Rocktasche hatte ein Loch, und so kam es. Deine waren auch dabei.«

»Nein, er sah deutlich, daß es ein Beutel war«, warf sie kleinlaut dazwischen.

Aus ihrer Miene erriet er, daß sie in ihrer Ansicht schwankend wurde. Und so fuhr er aufgebracht fort, ohne ihren Einwurf zu beachten: »Er soll mir nur kommen, dieser Patron, ich werde ihn abfallen lassen, ganz gehörig! Schon neulich wollte er mich sprechen, wahrscheinlich wollte er etwas von mir. Und es ist sicher, daß er sich wieder blicken läßt. Dieser Bursche, dieser Bursche! Er will gewiß meine Hilfe in Anspruch nehmen, nachdem er mich so verleumdet hat. Aber er soll mich kennenlernen.«

Als er mit großen Schritten vor ihr auf und ab ging, war er wieder derselbe Schauspieler, wie damals an jenem Wintermorgen, als er vor dem Bahnhofe die leeren Taschen umkehrte, alle ihre Hoffnungen knickte und dabei natürliches Entsetzen auf seine harten Züge zauberte; nur war er aus dem Naturburschenhaften ins Salonfach übergegangen, hatte er mit dem Äußern auch seine Bewegungen verfeinert und sozusagen künstlerischen Schwung in sie gebracht. Wohlleben und Besitz hatten ihm jene Sicherheit gegeben, die sich keck über alle Bedenken hinwegsetzt.

»Das geht doch gar nicht, du kannst ihn doch gar nicht schlecht behandeln«, jammerte sie förmlich, »er ist doch jetzt mein Bräutigam. Du weißt es wohl noch gar nicht.«

Diesmal lachte Gläser nicht laut, aber jenes lächeln der Befriedigung glitt über seine Züge, das große Menschenkenner stets bereit haben, wenn sie den Beweis für irgendein Ereignis bekommen, das sie längst vorhergesehen haben. »Siehst du, das habe ich mir immer gedacht«, sagte er mit großer Ruhe und bewog sie endlich, Platz zu nehmen, damit sie ihm ihre Erlebnisse in letzter Zeit erzähle.

Sie hatte nicht viel zu berichten, denn was sie sagte, drehte sich eigentlich nur um Dolinsky. Bisher hatte er kümmerlich sein Dasein als Zeichner in dem Bureau eines Maurermeisters gefristet, der ihn auch zur praktischen Tätigkeit auf seinen Bauten verwendete. Seitdem er an jenem Sonntage zufällig mit Anna zusammengetroffen war, hatte er sich so sehr an sie gewöhnt, daß er eines Tages mit Heiratsgedanken an sie herangetreten war und sie gebeten hatte, sich einmal recht zu prüfen, ob sie ihren ersten Schatz schon ganz vergessen habe. Er sei schon während jener Reisenacht in sie verliebt gewesen und würde, da er selbst aus kleinen Verhältnissen stamme und jedenfalls niemals über seinen Baugewerkshorizont hinauskommen werde, keinen Anstand nehmen, sie zur Frau zu nehmen, wenn sie bestrebt sein würde, etwas Besseres aus sich zu machen. Sie habe sich nicht lange besonnen, sondern ja gesagt; denn seitdem sie nun einmal mit Gläser gebrochen habe, sei ihr Dolinsky immer angenehmer geworden. Schon um deswegen, weil er ein so außerordentlich guter Mensch sei, sanftmütig und ehrlich, und ihr von vornherein versprochen habe, sie später niemals an ihr Verhältnis mit ihrem ersten Verlobten zu erinnern. Das sei ein für allemal abgetan für ihn. Und so habe sie sich denn vor einigen Monaten mit ihm verlobt. Schon seit einem Jahre sei sie bei einer wohlhabenden, alleinstehenden Dame in Stellung, so halb und halb als Stütze, wo sie es sehr gut und viel freie Zeit habe. Dolinsky könne kommen und gehen, wann er wolle; denn Fräulein von Sarren, eine alte Jungfer, habe so viel Interesse an ihm genommen, daß sie sich gern mit ihm unterhalte; auch habe sie, Anna, ihr viel zu verdanken, was zum Beispiel das Lesen guter Bücher betreffe und überhaupt alles, was mit der Bildung zusammenhänge. Sie hoffe auch stark, daß sie ihr zur Hochzeit ein Geschenk machen werde, denn sie habe Andeutungen darüber fallen lassen.

»Ja, was willst du denn eigentlich noch mehr?« sagte Gläser, der aufmerksam zugehört hatte, ersichtlich aufgebracht. »Bessere Aussichten kannst du ja gar nicht haben. Und dann kommst du noch hierher und machst mich schlecht vor meiner Frau? Das hätt' ich nur wissen sollen! Ich würde dir schön in die Parade gefahren sein, verstehst du? Die Türe hätte man dir gar nicht öffnen sollen. Denn das steht fest – in Gedanken hattest du mir schon damals längst die Treue gebrochen. Dieser Dolinsky war dir von Anfang an angenehm. Man sieht's doch jetzt, gesteh' es endlich ein. Zu verderben gibt's nichts mehr.«

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr!« erwiderte sie aufgeregt. »Gut bin ich dir eigentlich heute noch, ich weiß nicht, woher es kommt. Vielleicht, weil du immer stärker warst, als ich!«

»Na, das paßte mir noch«, stieß er kurz hervor, betrachtete sie aber wohlgefällig mit seinen kleinen Augen.

»Hab' nur keine Angst, es sind ja nur Worte«, warf sie lebhaft ein. »Wie könnte ich auch noch wagen, zu dir reichen Mann emporzublicken. Du hast ja auch dein Teil.« Um ihre vollen, kirschroten Lippen zuckte es, als sie ein bitteres Lachen folgen ließ. Dann, als sie ein Weilchen still geblieben war, fuhr sie fort: »Siehst du, Dolinsky hat immer Mitleid mit mir gehabt, und deshalb achte ich ihn so. Niemals wird er mich schlagen, ich weiß es.«

»Deshalb hast du ihn auch als Mann verdient«, sagte er kurz und vergnügte sich, als hätte er einen guten Witz gemacht.

»Ja, aber anders, als du es meinst«, gab sie zurück. »Schäme dich. Deine Frau wirst du gewiß gut behandeln, die ist dir auch gewachsen.«

Er erwiderte darauf nichts, denn seine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt. Von irgendwo her war ein verhaltenes Lachen erschallt, das sich wie verschluckt anhörte. Das Arbeitszimmer war ein langer Raum, der drei schmale Bogenfenster nach der Einfahrt zu hatte und einen Erker zeigte, der nach der Straße hinaus ging. Hier saßen sie. Die untere Wand war durchbrochen und mit einer grünen Decke verhängt, durch die man in ein kleines Kabinett mit einem Ausgang direkt nach dem langen Seitenflur gelangte. In diesem Zimmerchen standen nur ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Sofa und ein anderer Tisch. Der Vorhang war eine sogenannte Horchdecke, hinter der Herbst zu verschwinden hatte, sobald irgendeine geschäftliche Unterredung zwischen Gläser und irgendeinem andern stattfand, die nicht ganz ohne Zeugen sein durfte. Früher namentlich, als die Bank noch nicht aufgetan war und die Vorarbeiten hier gemacht wurden, gab es fast täglich Gelegenheit zu solchen Horcherdiensten. Dann saß Herbst an dem kleinen Schreibtisch und stenographierte aufmerksam die ganze Unterredung, ohne daß der Besucher davon eine Ahnung hatte. Wenn Gläser dann in der Übertragung alles in Händen hatte, lachte er und freute sich doppelt; denn er hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, hatte schwarz auf weiß die Meinung des andern, während dieser bei der nächsten Zusammenkunft nicht mehr genau wissen konnte, was Gläser gesprochen hatte. Und kam es ans Streiten, dann hatte er zur Not im Hintergrunde seinen sogenannten Kronzeugen.

Auf diese Decke richtete sich der Blick Gläsers, denn es war ihm, als hätte sie sich bewegt. Vorsichtig beobachtete und lauschte er, ohne jedoch zum zweitenmal etwas Besonderes zu merken. Dann sprach er gleichgültige Dinge zu Anna und ging dabei auf dem weichen Dielenbelag fast unhörbar in die Mitte des Zimmers, vorbei an dem großen Gestell mit Büchern, das fast die halbe Innenwand einnahm, an dem Ruhebett und an den hochlehnigen Stühlen, die den grün überzogenen Beratungstisch umstanden. Und während er immer aufs neue ganz alltägliches Zeug redete, ging er schließlich an den kleinen Geldschrank, der ganz im Hintergrunde stand und klirrte absichtlich laut mit dem Schlüsselbund, um so harmlos als möglich zu erscheinen. Dann plötzlich war er mit einem mächtigen Schritt an dem Vorhang und zog ihn auseinander. Aber nichts als das leere Zimmer war zu sehen, trotzdem er hätte beschwören mögen, noch vor einer Minute Atemzüge gehört zu haben. Ärgerlich ging er hinein, öffnete die Tür und blickte auf den langen, schmalen Gang, der bereits erleuchtet war. Nur ein schwaches Geräusch erschallte, als würde eine andere Tür soeben leise geschlossen. Enttäuscht kehrte er zurück, wobei er jedoch den Vorhang offen ließ. Wenn jetzt jemand wieder hereintrat, konnte er es wenigstens sehen.

»Was hast du denn?« fragte Anna. »Du denkst wohl, deine Frau könnte horchen?«

Trotzdem er denselben Gedanken hatte, machte er eine Ausrede und kam wieder auf wichtige Dinge mit ihr zu sprechen, denn er wollte zum Schluß mit ihr kommen. »Also hör' mal,« begann er wieder, diesmal gedämpft, »ich könnte etwas für deinen Bräutigam tun, wenn du jetzt auf mich hörtest. Unsere Lebenswege sind doch nun einmal verschieden geworden. Du mußt dich eben trösten damit, daß wir nicht zueinander gepaßt hätten.«

»Aber ich bin ja auch ganz vernünftig und ich will dir gewiß nicht mehr in die Quere kommen«, sagte sie gefaßt, glücklich über diese Wendung. »Er möchte so gern emporkommen, nimm dich doch seiner an. Ich werde es dir ewig danken. Da nun doch einmal alles so gekommen ist ...« Ein Seufzer folgte, der sich wie ein letzter Abschied von alten Erinnerungen ausnahm.

Und er redete ihr ein, was sie tun solle. Auf alle Fälle müßte sie ihre Unvorsichtigkeit wieder gut machen und seiner Frau und deren Mutter eingestehen, daß sie gar nicht die Braut von ihm gewesen sei, sondern daß sie sich nur einer grenzenlosen Einbildung hingegeben habe, auch daß sie tatsächlich eine entfernte Verwandte von ihm sei. »Wie du es machst, ist mir gleich,« schloß er, »nur reinigen mußt du mich wieder von dem Verdacht.«

Er ergriff ihre Hände, und sie fuhr ihm über die große Hand, wie sie es oftmals getan hatte, um ihm ihre Treue und Anhänglichkeit zu beweisen. Beide saßen an dem Schreibtisch, der vor dem offenen Erker stand, und es war merkwürdig, wie sie sich wieder nähergerückt fühlten, gerade, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen und als hätten sie sich gestern erst getrennt, um sich heute wieder zu finden. Sie hatte wenigstens diese Empfindung, als sie ihn vergnügt anlachte und sagte: »Stärker bist du geworden und volle Backen hast du bekommen ... Und den Schnurrbart pflegst du dir jetzt ordentlich, das kleidet dich. Früher zupfte ich manchmal daran, das wage ich jetzt aber nicht mehr ... Und was du für eine schwere Uhrkette hast! Einen Bären könnte man daran führen.«

»Du sollst für deinen Mann eine zur Hochzeit haben ... und einen Hundertmarkschein schenke ich dir heute schon«, erwiderte er, während seine Gedanken ganz wo anders waren. Fortwährend gingen seine beweglichen Augen seitwärts dem offenen Kabinett zu, als befürchtete er, aufs neue belauscht zu werden.

»Nein, nein, das behalt' nur alles«, wehrte sie ab. »Das wären Sündengeschenke, woraus ich mir ein Gewissen machen könnte. Ich will nichts von dir haben, ich will alles umsonst für dich tun. Wenn ich auch dabei a bissel schwindeln müßte. Ohne das geht's ja in der Welt nicht ab. Weißt du, du tust mich dauern, denn glücklich bist du doch wahrhaftig nicht. Gesteh's doch nur ein.«

»Warum denn nicht?« fragte er zerstreut und erhob sich zugleich, weil ihre Zutraulichkeit ihm nicht mehr behagte. Er erblickte sich in dem großen Wandspiegel und fand es plötzlich komisch, von diesem Mädchen aus unterem Stande wie ihresgleichen behandelt zu werden. Es war ihm, als wollte sie ihn durch ihr Streicheln wieder in die Tiefe zurückreißen, der er mit kühnem Sprunge entronnen war.

»Na, ein Wunder wär's doch nicht«, fuhr sie fort. »Sie ist doch nicht leicht zu regieren, und anderen hat sie auch schon genug Späne gemacht ... Wie bist du eigentlich zu dem jungen Menschen gekommen? Der ging doch ein und aus bei Teicherts.« Sie lachte, und ihr Lachen kam ihm so sonderbar vor, daß er rot wurde. »Verlobt war sie doch auch schon vor dir, sie hätte dir eigentlich nichts vorzuwerfen.«

»Sprich doch nicht so dumm«, sagte er ärgerlich, während er die Hitze in seinem Kopfe fühlte.

»In manchen Dingen bin ich vielleicht klüger, als du«, gab sie furchtlos zurück. Fest und unbeweglich saß sie vor ihm, mit der Bescheidenheit kleiner Leute, die ihr Plätzchen warm halten. »Nun wird ja der Klapperstorch bald bei dir einkehren«, fuhr sie nach einem Weilchen fort. »Ich wünsch' dir allen Segen, und wenn es ein Mädchen sein sollte, nenn' sie Marie, wie deine Mutter heißt. Sie ist eine gute Frau. Du schickst ja jetzt ordentlich nach Hause, Vater schrieb es mir. Er hat schon längst drei Kreuze hinter dir gemacht.«

»So, jetzt kannst du mir Segen wünschen!« rief er ihr aufgebracht zu, denn es wurmte ihn innerlich, daß sie auch auf diese Dinge zu sprechen kam. »Früher hast du meine Nachkommenschaft verflucht.«

»Wußt' ich denn, daß du das gnädige Fräulein heiraten würdest? Es hat mir auch schon leid genug getan. Das war ja auch nur eine Redensart, was sagt man nicht alles in der Wut! Weißt du noch, wie wir immer träumten, wenn wir erst verheiratet wären und uns der Segen ins Haus käme? Der liebe Gott hat es anders bestimmt.«

Sie senkte das Haupt und blickte, während beide schwiegen, nachdenklich zu Boden. Dann aber schnellte sie plötzlich vom Stuhl auf, denn Klothilde sprach laut im Nebenzimmer, ohne daß man sie verstehen konnte. Es war gerade, als wollte sie sich bemerkbar machen, bevor sie hier hereinträte. Sofort wurde Gläser wieder ein anderer. »Du weißt nicht, wie lieb ich sie habe,« raunte er ihr rasch zu, »vergiß nicht dein Versprechen. Verstell' dich einmal gründlich, und du sollst es nie bereuen ... Schwöre mir, daß du dir alles gefallen lassen wirst, wenn ich in ihrer Gegenwart über dich herfalle.«

Nebenan ging die Unterhaltung noch immer weiter. Anna nestelte unter ihrer Winterjacke an dem Verschluß ihres Kleides und zog das alte Einsegnungsandenken hervor. »Siehst du das Kreuzel hier?« gab sie leise zurück. »Ich trag's noch immer bei mir. Ich schwör's dir darauf, daß du mich schlecht machen kannst, wie du willst. Nicht mucken will ich. Meine Finger lege ich darauf, und ich werde meinen Schwur besser halten als du damals.« Sie küßte das Kreuz und steckte es wieder fort; dann sagte sie wieder: »Ich hab' deine Frau auch noch lieb, weshalb solltest du es nicht tun? Glaub' nur nicht, daß ich eifersüchtig bin, ich hab' jetzt an einen andern zu denken.«

Klothilde kam herein, und sogleich mit ihr wurde hinten in dem kleinen Kabinett Herbst sichtbar, der den Weg dort herum genommen hatte, wohl in der Erwartung, daß der Vorhang noch geschlossen sei. Verlegen wollte er sich wieder zurückziehen, Gläser jedoch gab ihm einen Wink zu bleiben mit der Bemerkung, daß er seine Hilfe auf einige Augenblicke in Anspruch nehmen möchte. Ärgerlich fuhr er ihn an: »Wo haben Sie übrigens solange gesteckt? Ich suchte Sie schon.« Mißtrauisch geworden, wollte er einmal auf den Busch klopfen, um zu erfahren, wer hinter dem Vorhang gestanden habe. »Suchten Sie etwas dort?« fügte er hinzu und sah ihn durchdringend an.

Untertänig wie immer kam der Referendar herangetänzelt, mit jenem pfiffigen Ausdruck im hübschen Gesicht, den Gläser niemals ganz erschöpfen konnte. Seine Lackstiefel glänzten, seine dunkelrote Modekrawatte leuchtete, und in dem wohlfrisierten Haupthaar spiegelte sich der Glanz zu beiden Seiten des Scheitels. »Durchaus nicht, Herr Generaldirektor«, erwiderte er mit seiner gewohnheitsmäßigen Verbeugung, während das ewig verbindliche Lächeln seine Lippen umschwebte. »Ich hatte die Ahnung, als bedurften Sie meiner ... Ihre Damen erwiesen mir die Ehre, mich so lange in Anspruch zu nehmen.« Aus seinen hübschen, braunen Augen sprach nichts Bedenkliches, und so war Gläser rasch beruhigt, trotzdem ihm die seltsame Anrede »Generaldirektor« heute ganz besonders wenig behagte, denn unter diesem Lächeln hörte es sich wie leiser Spott an.

»Hätte ich gewußt, daß du auf Herrn Herbst wartest ...«, mischte sich seine Frau hinein.

»Oh, es hat nichts auf sich«, beruhigte Gläser beide, nun in der Meinung, es könnte sich von den Dienstboten jemand auf Augenblicke in das Kabinett verirrt haben.

»Du hast ja außerordentlich lange mit dem Mädchen verhandelt«, fuhr sie unfreundlich fort.

»Verhandelt? Aber ich bitte dich!« fuhr Gläser auf, bezwang sich aber, denn seiner Frau gegenüber war er stets von ausgesuchter Höflichkeit, besonders in Gegenwart anderer. »Wie kannst du nur denken, liebe Klothilde, daß ich mich mit so einer Person in Unterhandlungen einlassen werde. Dazu liegt doch auch gar kein Grund vor. Abbitte sollte sie leisten, und das hat sie getan. Denn, was soll ich dir sagen – sie leidet wirklich manchmal an krankhaften Einbildungen. Sie weiß selbst nicht, wie sie zu all diesen Wahnvorstellungen gekommen ist. Sie hat als Kind einmal eine Gehirnerschütterung davongetragen, es müssen also geradezu Gedankenstörungen sein, unter denen sie manchmal leidet.«

Während sich Klothilde kaum ihr Lachen verbeißen konnte und sie rasch einen Blick mit Herbst austauschte, stand Anna Schiman wie eine Büßerin beiseite. Derselbe stille Schreck durchfuhr sie, wie damals, als sie zum erstenmal mit ihm in der Potsdamer Straße aufgetaucht war und er den Damen vorlog, sie sei eine arme Verwandte von ihm. Unerschöpflich schien er in neuen Einfällen zu sein, die alle dazu dienen sollten, ihn selbst vor den Leuten immer rein zu waschen.

»Ist es nicht so?« rief ihr Gläser zu. »Steh' doch nicht da wie eine arme Sünderin, sondern melde dich jetzt, bitte auch meine Frau um Entschuldigung.«

Wie aus einer Betäubung erwachte Anna, und wie früher empfand sie wieder den Einfluß dieses Mannes, dem sie willenlos gefolgt war. Und sie trat auf Klothilde zu, erfaßte ihre Hand, drückte einen Kuß darauf und sagte gefaßt: »Bitte, gnädige Frau, vielmals um Verzeihung, daß ich Ihnen auch weh getan habe mit dem Gerede vorhin. Ich weiß ja gar nicht, was in mich gefahren war. Ich hab' schon als kleines Mädchen solche Streiche getan, dann habe ich immer Märchen erfunden. Sie wissen's ja auch aus der Zeit, als ich noch bei Ihnen war. Es war vorhin die reine Wut darüber, daß mein Verwandter solange nichts von sich hören ließ. Er hätte mir doch schreiben können, daß er verheiratet ist. Und obendrein mit Ihnen. Vergessen Sie nur, bitte, alles und tragen Sie mir nichts nach. Ich bin recht schlecht geworden.«

Das Heucheln wurde ihr so schwer, daß sie nicht weitersprechen konnte. Aufs neue hätte sie weinen mögen, aber tapfer bezwang sie sich, um ihren Schwur zu halten. Nochmals beugte sie sich tief auf die Hand, um die glühende Röte zu verbergen, die aus Scham über ihre Lüge ihr Antlitz brennend machte.

Klothilde war so starr über diese Wendung, daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte. Ganze zehn Minuten hatte sie vorhin, während Herbst bei ihrer Mutter saß, von fressender Neugierde getrieben, hinter dem Vorhang gestanden und alles mit angehört, was ihr Mann mit seiner früheren Geliebten gesprochen hatte. Während sie nun mit einer gewissen Rührung Annas Hand drückte und sie nur ein stummes Kopfschütteln für diese Überraschung hatte, wandte sich Gläser durchaus geschäftsmäßig an seinen Sekretär. »Lassen Sie sich doch die Adresse von Fräulein Schiman sagen ... und auch von ihrem Verlobten, Herrn Dolinsky. Es ist derselbe Herr, der mich neulich sprechen wollte. Erinnern Sie mich gleich morgen früh daran.«

»Es ist schon gut, ich will's Ihnen glauben«, sagte Klothilde zu Anna, ohne eine Miene zu verziehen. »Kommen Sie dann nur nach hinten, man wird Ihnen Kaffee geben.«

Sie sprach kein Wort mehr mit ihrem Manne, drehte sich schroff um und ging hinaus.

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