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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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12.

Die Gründung seiner »Volks-Garantie-Bank« nahm ihn völlig in Anspruch. Er hatte einen Riesenplan ausgeheckt, der an Kühnheit seinesgleichen suchte. Volksvermögen und Volksgesundheit sollten zu gleicher Zeit gehoben werden. Hand in Hand mit der Bank war eine Volks-Landhausstadt im Großen gedacht, durch die die Wohnungsfrage für den kleinen Mann endlich gelöst werden sollte. Alles eingezahlte Geld sollte mit fünf Prozent verzinst werden, sofern die Einlage vor einem Jahre nicht gekündigt werde und der niedrigste Einschuß hundert Mark betrage. Als Sicherheit wurden Anteilscheine auf die Landhausstadt geboten, die dazu berechtigten, entweder die Quadratrute Boden zu einem enorm billigen Preise zu erwerben, oder Anspruch auf außerordentlich geringe Miete in der künftigen Villenstadt. Baugelder sollten vorgeschossen, ganze Einrichtungen auf Teilzahlungen geliefert und die Tilgung der Schuld so bequem als möglich gemacht werden. Es war die Selbsthilfe ins Unbegrenzte erdacht, ein Familien-Eden ins Rosenroteste. Wer zehn Anteilscheine à tausend Mark besaß, durfte Sitz und Stimme im sogenannten Landhausbau-Rat haben und sich bereits schwarz auf weiß eines unbeschränkten Besitzes erfreuen.

Alles klang noch nebelhaft; aber durch diesen Nebel drang ein glänzendes Irrlicht, das die Suchenden auf den Pfad lenkte, wo sie endlich ihr Heil finden würden. Gläser arbeitete Tag und Rächt mit dem unermüdlichen Fleiße eines Mannes, der sich einredet, daß alles zum Nutzen seiner Mitmenschen geschehe, und der im Geiste doch nur den Goldregen sieht, den er zu eigenen Millionen auffangen werde. Bald hatte sich ein Konsortium gebildet, dessen alleiniger Mittelpunkt er jedoch war. Gut eingeführten Zeitungsnotizen folgten nach und nach längere Artikel, bis mit einem Schlage sich das ganze Interesse um die Volks-Garantie-Bank drehte. Er hatte ein eigenes Blättchen gegründet, das den seltsamen Titel »Die Lösung« führte und in dem er allwöchentlich immer dieselbe Wohlfahrtsfrage aufwarf und gleich sorgsam gespitzten Pfeilen hinausschickte, die endlich doch irgendwo stecken bleiben mußten. Im Handumdrehen war er eines Morgens auf dem Plane erschienen, gewappnet wie der Ritter zum Kampfe, der wohlweislich sein Visier geschlossen hat, damit nur die Vertrauten ihn erkennen.

In eingeweihten Kreisen, dort, wo die Hunderttausende immer bereitliegen, wenn es gilt, sie als verheerende Armee in den großen Mammonskampf zu schicken, gab es vorläufig immer dieselbe Frage: »Wer ist Gläser? Kennen Sie den Mann?« Bis ein beinahe-Wissender mit spöttischer Miene erwiderte: »Ein reicher Schlesier von der Außenmagnatenlinie. Er soll Gold gekocht haben.« Darauf der erste abermals: »Und andere sollen sich den Mund daran verbrennen. Ich nicht. Verrückte Sache, so ein Projekt! Der Mensch tut mir leid.« Ein Dritter war bereits besser unterrichtet: »Das sagen Sie nicht, der Mann wird seinen Weg machen. Ich kenne ihn. Zähe wie Leder und brutal wie ein Haifisch, der Heringe tonnenweise schluckt. »Einer von den ganz Großen dieser Sorte ... Übrigens, was wollen Sie? Er hat schon seine Leute gefunden. Würfler von der Monopolbank ist dabei. Prima fein! Dann Konsul Zeitig ... auch ein Regierungsrat a. D. soll darunter sein. Und ein Rittergutsbesitzer, der das Terrain gibt. Übrigens weiß ich auch aus ganz sicherer Quelle, daß Finanzrat Knötig stark davon eingenommen ist. Also! Die Namen machen das Rennen. Wir wollen uns sprechen, wenn der Aufsichtsrat erst posaunt. Und eine klapperige Exzellenz läßt sich sicher noch angeln. Der Mann macht 'n Haus, und das zieht.«

Man wurde aufmerksam; und schließlich wuchs aus der Legende immer greifbarer die Tatsache heraus, die nicht mehr zu umgehen war. Der Name Gläser wurde zum Programm des Tages, das man genau studierte, um sich für das Für und Wider des Inhalts zu entscheiden. An der Börse kannte man den Mann mit dem Vogelgesicht besser. Es gab Leute, die sich sehr wohl noch des sorgsam Spähenden erinnerten, wie er horchend herumlief, ohne etwas zu wagen, stets sein Notizbuch in der Hand, so tuend, als hätte er wunder was für Aufträge zu notieren, denn alle Augenblicke schrieb er; dann, wie er gleich keck den ersten Sprung tat und mit Sicherheit über die Gewinnleine setzte, um allmählich jene starke Zuversicht zu erlangen, die den großen Spieler auszeichnet. Im Börsenton nannte man das Turkel. Das war einer, der über die Menge sah, weil er mit jedem Tage wuchs. Seine Ohren waren Schalltrichter, und seine Nase roch den angebrannten Braten schon, bevor die Sauce ganz eingekocht war. Er kaufte bereits, wo andere erst überlegten, und schlug alles wieder los, wo die Kurzsichtigen zauderten und über die Tartarennachrichten lächelten.

Gläser hatte den großen Kurssturz der Hektor-Aktien vorausgesehen; er pfiff zuerst auf die Alexandrinen-Hütte, die ein neues Schweißverfahren erfunden haben wollte und deren Aktien nachher Makulaturwert bekamen; und er war der erste, der den Zusammenbruch des alten, soliden Bankhauses Triesel und Kompagnie verkündete, das einem neuen Bodendüngungsverfahren seinen Millionenkredit eröffnete und daran zugrunde ging. Jeden Schwindel witterte er schon von weitem, wie Leute mit feinen Geruchsnerven Düfte einziehen, die andere kaum verspüren. Diesen sehnigen Schlesier mit der Angewohnheit, stets das linke Auge zuzukneifen, sobald er etwas für faul hielt, hatte man sich gemerkt; und nun, wo er mit einer Riesengründung in die Erscheinung trat, umflatterte man ihn wie die Sperlinge den Futterplatz, wo gerade die fetten Bissen ausgestreut werden.

Es war immer dieselbe Redensart, die von Mund zu Mund ging: »Hören Sie, da ist was zu machen.« Finanzgrößen drängten sich plötzlich an ihn heran, die ihn sonst kaum beachtet hatten, weil sie gewohnt waren, auf die »Pintscher« herabzublicken. Diese Verbindung von Volkswohlfahrt mit dem unausbleiblichen Profit für die Gründer hatte etwas Appetitliches, was zu einem reinen Genuß reizte. Man zog ihn in längere Unterredungen, versicherte ihn des persönlichen Wohlwollens und ließ dabei unzweideutig durchleuchten, daß man ihm auch sonst mit Rat und Tat gern zur Verfügung stehen werde. Gläser hörte ruhig zu, nickte verbindlich und steckte alles mit einer gewissen Gönnermiene ein. Er kannte seine Pappenheimer, die sich plötzlich so leutselig herablassen konnten, nachdem sie Wind davon bekommen hatten, daß man in Regierungskreisen der Entwicklung des Unternehmens »wohlwollend und abwartend« zusehe. Irgendein vortragender Rat hatte sich ähnlich geäußert, und sofort war von der »Lösung« die Äußerung in alle Welt hinausgetragen worden, und zwar in einer Form, die das Wort »Staatsinteresse« an die Spitze stellte. Mochte man es deuten, wie man wollte – der Eindruck blieb hängen und klang als tausendfaches Echo zurück.

Die Bank hatte glänzende Räume eröffnet, nachdem der Gründer einstimmig zum Generaldirektor ernannt worden war. Ein Heer von Beamten saß bei der Arbeit, denn nachdem man das Terrain der Landhausstadt in der Nähe von Berlin unter bestimmten Klauseln in Aussicht genommen hatte, flossen die Gelder von allen Seiten zu, Bauanschläge und Pläne mit Tilgungsrechnungen flogen zehntausendweise in alle Richtungen, und wer das zierliche, schön ausgestattete Heft in Händen hatte, träumte sich bereits in den Besitz eines dieser herrlichen Häuschen hinein, oder dünkte sich schon als unkündbarer Mieter, der gegen ein Billiges das Recht der Mitbenutzung all der köstlichen Vergünstigungen habe, die in diesem Gartenparadiese für jeden Inhaber von Anteilscheinen zur Verfügung stünden.

Auf Klothildes Anregung hatte Gläser Oskar Herbst als seinen Sekretär in der Bank angestellt. Es gab gewisse Rechtskniffe zu erledigen, die man nicht gern an die große Glocke brachte und wozu der frühere Referendar mit seiner Regsamkeit vortrefflich geeignet schien. Gläser bezahlte ihn anständig und behandelte ihn schließlich wie einen jungen Freund, dem man Dinge anvertrauen dürfe, die andern gegenüber am besten verschwiegen wurden.

Agnes Herbst ging ein und ans bei Klothilde, und auch die Frau Professor, eine kleine, rundliche Dame mit ewig lachendem Gesichte, tauchte sehr oft ungerufen auf. Dazu gesellte sich noch der intime Berater als ständiger Gast. Zum Dank dafür verstand Referendar Herbst sich auffallend angenehm zu machen, in jener wohlerzogenen, zurückhaltenden Weise, die der Abhängige dem großen Herrn und Gebieter immer in Gegenwart Dritter zeigt, wenn er, stets nach der neuesten Mode gekleidet, schlank und biegsam seine stilvolle Verbeugung vor Klothilde machte und sich mit einer gewissen Gezwungenheit der alten Freundschaft erinnerte, so empfand Gläser immer aufs neue die Zufriedenheit mit seiner Wahl, die ihn längst den »dummen Jungen« Klothildes hatte vergessen machen. Im Gegenteil erfüllte es ihn mit einem gewissen Stolz, diesen Adjutanten zu besitzen, der ihm nach Geschäftsschluß geduldig die Mappe mit Geheimpapieren nachtrug, sobald die Einladung zum Abendbrot erfolgt war, was in der Woche regelmäßig dreimal stattfand. Es gab selbst in dieser freien Zeit noch Beratungen, die bis in die Nachtstunden fortgesetzt wurden. Und Herbst murrte nie, tapfer hielt er aus, wie ein treuer Jagdhund, der an der Seite des Jägers ewig auf dem Anstand sitzt.

Klothilde war es, die ihn anzog, die für ihn nur den Mittelpunkt dieser ganzen luxuriösen Umgebung bildete, in der er sich so überaus wohl fühlte. Mit der Klugheit der Frau, die endlich das begehrte Ziel erreicht hat, war sie ihm bisher aus dem Wege gegangen, obgleich sie wußte, daß sie nur den kleinen Finger zu erheben brauchte, um ihn wieder zu ihren Füßen zu sehen. Sie sah es aus seinem Blick, der brennend aufloderte, sobald ihre Augen sich suchten; sie verspürte es an dem heißen Druck seiner Hand, sie merkte es an all den kleinen Dingen, für die der arglose Ehemann gewöhnlich niemals Sinn hat, die aber der Geliebten nie entgehen. Sie hatte ihn für vernünftig gehalten, glaubte, daß alles vorüber sei, und mußte nun mit heimlichem Schrecken die Auferstehung seiner alten Neigung erleben.

Ihre Mutter wohnte jetzt bei ihnen, und man ging bereits dem Winter entgegen. Eines Abends wollte es der Zufall, daß Frau Teichert nicht anwesend war und Herbst vor Gläser eintraf. Als Klothilde hörte, daß ihr Mann nicht mitgekommen sei, ließ sie sich nicht sehen. Herbst jedoch nahm keck die Gelegenheit wahr und äußerte durch das Kammermädchen die Bitte, sie wegen einer Bestellung ihres Gatten sprechen zu dürfen.

»Nun, was haben Sie mir zu sagen, Herr Referendar?« fragte sie mit verhaltener Erregung, denn zum ersten Male seit langer Zeit standen sie sich so gegenüber, Immer hatte sie es einzurichten gewußt, ihm zu entgehen, weil sie ihren Mann fürchtete, war sie auch von Furcht vor Oskar erfüllt, was sollte daraus werden, wenn er das geschenkte Vertrauen durch Undank belohnte und sie ihm den Weg dazu wiese?

Ohne weiteres fiel er aus der Rolle, die er so lange gegen seinen Willen gespielt hatte. »Thilde, wir sind doch unter uns, endlich einmal!« sagte er kühn, »ich verstehe dich gar nicht. Hast du denn alles vergessen?«

Sie blieb sich gleich. »Herr Referendar, ich muß bitten! Was haben Sie zu bestellen?«

Er wußte nicht, ob er sich ärgern oder lachen sollte. »Ja, sage 'mal, bist du verrückt geworden? Es hört uns doch keiner«, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. »Tu' doch nicht so!« Und heiß fügte er hinzu: »Thilde, ich liebe dich noch immer so wie früher, jetzt erst recht! Lange habe ich damit zurückgehalten. Sicher hast du's mir angemerkt.«

»O Gott, o Gott! Da haben wir's«, stöhnte sie unwillkürlich.

»Du mußt es mir doch angesehen haben,« sprach er ohne Beherrschung weiter, »wie ich mit Mühe alles unterdrückte, um deinen Wunsch zu erfüllen. Aber nun geht's nicht so weiter, ich kann's nicht mehr ertragen.«

Sie befanden sich im sogenannten roten Salon, der die Flucht der Vorderräume dicht neben ihrem Schmollzimmer abschloß. Ein echter Smyrna bedeckte den Boden, an den seidenbespannten Wänden protzten die schweren Goldrahmen der Bilder, und in dem Kristall des venezianischen Lüsters wiegte sich in Regenbogenfarben der Widerschein der einen Gasflamme, die man rasch entzündet hatte. Steifer Glanz lag auf allem, der frostig abstach gegen die Molligkeit im Elternhause, aus dem sie in die Ehe geflohen war, wie tausend andere Mädchen. Und nun hörte sie wieder das alte Girren, dem sie unterlegen war, als er kaum die Jünglingsjahre hinter sich hatte. Aber sie wollte taub dagegen sein, und so hielt sie sich die Ohren zu, denn süße Empfindungen stiegen in ihr auf, gegen die sie mit Gewalt kämpfte.

»Gehen Sie, gehen Sie!« rief sie ihm zu und wich bis ans Fenster zurück. »Ich weiß gar nicht, was Ihnen einfällt! Wir waren doch so gute Freunde geworden, bleiben wir's auch. Ich darf mich nicht aufregen, Sie wissen, was mir bevorsteht.«

Damit wollte sie auf den großen Tag hindeuten, dem sie entgegenging. Seit einiger Zeit vermied sie um deswegen jede fremde Geselligkeit, lebte vielmehr ganz zurückgezogen und ließ sich kaum sehen, wenn beide Männer zusammen eintrafen. Dann aßen diese meistens allein, was Gläser auch ganz vernünftig fand. In der Regel wurde in seinem Arbeitszimmer gedeckt, wo die Tafelei nicht lange dauerte, denn Gläser aß rasch und machte sich nicht viel aus Schlemmerei. Trotzdem wartete er geduldig, bis der andere fertig war. Konnte er doch schon bei Tisch große Reden halten und seiner glühenden Einbildung die Zügel schießen lassen, so daß der Ritt ins Unbegrenzte ging.

»Kein Wort mehr will ich davon hören«, sagte Klothilde abermals, als er das alte Lied weitersang, ohne an die Kluft zu denken, die sie trennte. »Damals habe ich dir gesagt, daß alles aus sein müsse, und du warst damit einverstanden, was ich tun konnte, habe ich für dich getan, das weißt du doch! Du solltest sehen, wie gut ich bin ... Jetzt hast du eine Lebensstellung, dein Einkommen wird sich steigern, es wird nur an dir liegen, an dir ganz allein!«

»Komm' mir doch jetzt nicht mit solchen trockenen Dingen«, warf er ein.

Sie aber fuhr aufgebracht fort, nachdem sie in ihrem bequemen Hausschleppkleide durch den Salon gefegt war und mehrmals vorsichtig die Türen geöffnet hatte: »Du kannst jetzt heiraten, bist ein flotter Kerl, was fragst du also noch nach mir? Ich habe andere Pflichten zu erfüllen, bald, bald! Laß doch alles vergessen sein, es waren Dummheiten. Wir hatten beide dieselbe Schuld, nun laß sie auch hübsch begraben sein.«

Um ihn zu beruhigen, hatte sie wieder den alten, vertrauten Ton angeschlagen, wodurch er sich aber nur mutiger fühlte. Er wußte kaum, ob sein Herz noch mitsprach, denn sein sinnlicher Trieb hatte ihn unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Die Frau reizte ihn jetzt mehr, als das Mädchen es getan hatte. Seine Eitelkeit drängte ihn, das wiederzuerobern, was er zuerst besessen, was ihr Mann ihm aber fortgenommen hatte, dieser plebejische Glückspilz, über den sie früher in Lachen ausgebrochen war, um sich ihm schließlich doch in die Arme zu werfen. Sein Strebertum reckte sich, das er jetzt wie ein winselnder Hund unterdrücken mußte, nur, um auf Umwegen an das Ziel zu kommen. Äußerlich duckte er sich vor Gläser, im Innern aber haßte er ihn, denn so oft er sich auch gegen ihn mit seinem Wissen aufbäumen wollte, – dieser starre Menschenverächter ging mit natürlicher Klugheit zur Tagesordnung über ihn und dämpfte alle seine höheren Regungen.

»Weißt du noch, was du damals zu mir gesagt hast?« begann er abermals und rückte ihr auf den Leib. »Daß ich der einzige sei, den du geliebt habest? ... Thilde, Thilde! Du kannst mich doch noch nicht vergessen haben!«

»Ja, ich habe dich vergessen!«

»Ach, du lügst ja,« gab er zurück, »täusche mich doch nicht. Bezwungen hast du dich, das ist alles. Ich habe es wohl bemerkt.«

Endlich, als er sie leidenschaftlich umschlingen wollte, griff sie zum Äußersten: »Du, ich sage alles meinem Mann!«

Er ließ sich durchaus nicht einschüchtern. »Ach, das sind ja nur Redensarten ... Sag's ihm doch, sag's ihm doch! Dann wirft er uns wenigstens beide hinaus. Übrigens habe ich durchaus keine Furcht vor ihm. Soll ich dir was sagen? Nein, ich will's lieber nicht tun. Das ›Magolin‹ ist doch zu sehr im Preise gesunken.« Er lachte, während sie ihn verwundert anblickte, ohne diese Andeutung zu verstehen. Aber sie sah, wie Verachtung aus seinen Zügen sprach und daß er mit irgend etwas zurückhielt, was auf ihren Mann Bezug hatte.

»Er kommt! Ich bitte dich, geh!« rief sie erschreckt aus. Fortwährend hatte sie wie auf der Folter gestanden und gelauscht. Nun hörte sie deutlich den Schlüssel rasseln und dann die Tür klappen.

»Liebst du mich noch?« fragte er trotzdem, wie jemand, der fest entschlossen ist, seinen Willen durchzusetzen.

»Ja! Ja! Geh doch nur!«

Sie schob ihn in das Nebenzimmer hinein, schloß leise die Tür, sank dann wie kraftlos auf einen Sessel und holte befreit tief und schwer Atem. Nebenan erschallten die Tritte ihres Mannes, der sogleich seinem Arbeitszimmer zuschritt.

»Nun, was sagen Sie dazu?« begann Gläser sofort zu Herbst, ohne ihm jedoch die Aufregung anzumerken. »Wir haben Bohnenstiel gewonnen. Es war schwer, ihn breitzuschlagen, aber die Chancen lockten ihn doch. Soeben hatte ich noch eine Unterredung mit ihm – in seinem Hotel.«

Herbst dienerte wie gewöhnlich und machte seine Redensarten, die alle darauf hinausliefen, Gläser zu jedem neuen Erfolge zu beglückwünschen. Noch rot im Gesicht, vermied er es, ihn anzublicken, und so kramte er in der großen Ledermappe, um die in Frage kommenden Schriftstücke bereitzulegen.

Es handelte sich um Bildung eines sogenannten Wohlfahrtsausschusses, der sich näher mit dem Plane der Landhausstadt beschäftigen sollte, wozu man respektabler Persönlichkeiten bedurfte, deren Namen nach außen hin Eindruck machten. Und so war es Gläser schließlich gelungen, den alten Herrn von Bohnenstiel für sich umzustimmen, einen bereits etwas sehr wackligen Geheimrat a. D., der früher eine Vertrauensstellung an einem kleinen Fürstenhofe hatte und vor kurzem mit dem Titel »Exzellenz« in den Ruhestand geschickt worden war, den er auf der Besitzung seines Schwiegersohnes in der Nähe Berlins genoß. Der Zufall wollte es, daß dieses Gut an das ausgewählte Terrain stieß, und so hatte man ihn durch die Aussicht gekapert, daß man auch diesen Grund und Boden brauchen und jedenfalls hoch bezahlen werde.

»Wissen Sie, Geld macht doch schließlich alles«, sagte Gläser wieder, vergnügt über seinen Erfolg. »Die Menschen können nie genug bekommen. Der Alte kann zwar nicht mehr gerade sitzen, und er wird schwerlich an den Beratungen teilnehmen können, aber es schadet nichts. Schließlich geht's ja auch, wenn ein Zettel mit seinem Namen an dem Stuhl hängt.«

Hin und wieder ließ er zu dem Vertrauten seinen Witz schießen, weil er die Menschen wie die Puppen betrachtete, die man hübsch anziehen müsse, um mit ihnen zu paradieren. Seitdem er sich hinter den Kulissen des Geldtheaters umgesehen hatte, wußte er, daß das Volk immer dann erst an den Speck ging, wenn die Großen davon gekostet hatten.

»Großartig, großartig!« warf Herbst lachend ein, um ihm Anerkennung zu zollen. Solche kleinen Schmeicheleien gefielen Gläser, denn so sehr er sich rühmte, die Nächsten zu durchschauen, – diesen ewig-verbindlichen jungen Mann betrachtete er wie einen Harmlosen, dem man sich ganz offen zeigen dürfe.

»Haben Sie meine Frau schon gesprochen?« fragte er wieder.

Herbst gebrauchte die Ausrede, daß sie sich nicht wohl fühle, und so ging Gläser selbst hinüber, um sich davon zu überzeugen. Und als er ebenso ahnungslos zurückkehrte, wußte Herbst, daß sie sich hüten werde, ihre Drohung wahr zu machen.

Trotzdem Klothilde abgespannter denn je war, lag ihr heute daran, mit den Männern zusammen bei Tisch zu sitzen. Sie wollte dem einstigen Geliebten zeigen, daß sie es nach wie vor gut mit ihm meine, zugleich aber den Willen habe, nur im Einvernehmen mit ihrem Manne zu leben, dessen starke Liebe sie kannte und der eher den andern fallen lassen würde, als sie selbst.

»Sehen Sie, wie Sie sich getäuscht haben?« sagte Gläser launig, als er diese Nachricht mitbrachte. »Meine Frau war eigentlich ärgerlich, denn sie ist ganz auf dem Posten, das will ich Ihnen gleich beweisen. Sie können sich also etwas einbilden auf diese Auszeichnung ... Übrigens können wir dreist dabei von Geschäften reden, die Frauen haben jetzt andre Dinge im Kopf.«

»Wenn du wüßtest!« dachte Herbst, nickte aber zustimmend, innerlich doch betroffen über den Mut Klothildes, sich gleich heute wieder ihrem Manne unter die Augen zu setzen. Denn aus ihren letzten Worten glaubte er Zuversicht auf Erhörung entnommen zu haben. Trotzdem war er doch neugierig, wie sie sich gegenüber verhalten würde.

Es ging jedoch sehr gleichgültig zu, denn Klothilde war redefaul, und sobald sie etwas sprach, wandte sie sich an ihre Mutter, die über nichtssagende Dinge zu berichten hatte. Sie war im alten Hause gewesen, wo sie noch etwas zu erledigen gehabt hatte. Und Gläser sprach fortwährend von dem neuen Ausschuß, wobei er alle Mitglieder noch einmal aufmarschieren ließ und ihre Eigenschaften durchhechelte, je nach der guten und schlechten Seite. Bald paßte ihm dieser nicht, bald jener nicht: dann verkündete er ganz offen das Hinausfliegen des Betreffenden, falls er es für nötig finden werde. Er war üppig mit seiner Meinung geworden, denn letzthin hatte der »Verein für Bodenumwandlung« eine kräftige Lanze für seine große Idee gebrochen, was einem angesehenen Blatte Gelegenheit zu einer ganzen Artikelreihe zu seinen Gunsten gegeben hatte.

Während Herbst so tat, als hörte er aufmerksam zu, ging sein Blick immer zu Klothilde hinüber, sobald Gläser auf den Teller sah. Aber sie erhob keine Wimper zu ihm, sondern überließ es der Mutter, die üblichen Tischaufmerksamkeiten zu erweisen. In dem großen, langgestreckten Speisezimmer, das nach der Seiteneinfahrt hinausging und etwas Saalartiges hatte, saß man an der zusammengezogenen Tafel wie verkrümelt unter dem mächtigen Gasgehänge, dessen Schirmlampe heute genügen mußte. Früher hauste hier zehn Jahre lang ein Konsul, der die Wände mit exotischen Landschaften bemalen ließ, die nun etwas sonderlich dreinblickten in diesen Haushalt. Man begriff nicht recht, wie all die Humpen und Krüge zu ihnen passen sollten, die man auf geschnitzten Wandbrettern hingepflanzt hatte, um damit den Zweck des Zimmers anzudeuten. Aber Gläsers Übergang in diese Verhältnisse war so rasch geschehen, daß er wahllos ausgestattet hatte, nur um Eindruck zu machen.

Plötzlich wandte sich Frau Teichert laut an ihren Schwiegersohn mit den Worten: »Übrigens habe ich eine Neuigkeit für Sie, lieber Richard. Ihre Verwandte, die Anna, war neulich dort, um uns zu besuchen. Der Portier sagte es mir. Sie soll sehr nett ausgesehen haben, vielleicht hat sie sich also doch gehalten. Auch nach Ihnen hat sie sich erkundigt.«

»Wie rührend«, warf Klothilde lachend ein, ohne sich etwas dabei zu denken.

Gläser blieb der Bissen vom Filet im Halse stecken, den er dann erst mühsam herunterwürgte. In diesem Augenblick wünschte er seine Schwiegermutter, für die er niemals den ganz vertraulichen Ton hatte finden können, weit von sich; trotzdem ihm jedoch der Schreck in den Gliedern lag, beherrschte er sich sofort. »So?« sagte er gleichgültig und ging dann darüber hinweg, wie über eine Nichtigkeit, die keiner Erörterung weiter bedarf. Vorsichtig spitzte er aber die großen Ohren, in der Erwartung, es könnten noch andere Mitteilungen folgen. Bei dieser einen Überraschung blieb es jedoch nicht, denn Herbst nahm die Gelegenheit wahr, seinem Chef leise zuzuraunen: »Da fällt mir ein, Herr Direktor – es war heute gegen Abend ein Herr auf der Bank, der Sie zu sprechen wünschte. Er berief sich darauf, ein Landsmann und guter Bekannter von Ihnen zu sein. Sie waren schon fort, und so schickte man mir die Karte hinein. Es ist ein Baumensch, Doleinsky oder Dolinsky.«

»So?« sagte Gläser abermals, wie jemand, der so tut, als habe er fortwährend andere Gedanken im Kopf. Er wußte nicht mehr, was er aß, denn der Geschmack war ihm vergangen. Trotzdem er den Standpunkt vertrat, daß man alles Glück nur auf Erden genießen könne, neigte er in gewissen Dingen dem Aberglauben zu, und so redete er sich ein, dieses plötzliche Auftauchen zweier Menschen, die einstmals seinen Weg gekreuzt hatten, konnte dazu dienen, verhängnisvoll in die Speichen seines Glücksrades einzugreifen. Weshalb waren sie beide an einem Tage aufgetaucht, um nach ihm zu fragen, die eine hier, der andere dort? Hatten sie sich dazu verabredet, oder war nur eins jener doppelten Ereignisse eingetreten, die so oft ohne inneren Zusammenhang geschehen? Er wußte es nicht, aber seltsame Empfindungen beschlichen ihn, die ihm die Lebhaftigkeit nahmen, »Haben Sie ihn gesprochen?« fragte er dann und legte Messer und Gabel nieder.

»Nein,« erwiderte Herbst, »mir wurde nur bedeutet, daß er wiederkommen wollte.« »Dann ordnen Sie an, daß er das nächstemal vorgelassen wird«, sagte Gläser, weil ihm ein bestimmter Einfall durch den Kopf schoß. Von jeher war er der Ansicht gewesen, daß man einer üblen Lage vorbeugen müsse, ehe sie sich zum Schaden bemerkbar mache.

An diesem Abend war er so zerstreut, daß sein Sekretär ihm verschiedene Dinge doppelt vortragen mußte, um die nötige Aufmerksamkeit zu erwecken. Es lag nahe, daß Herbst die Ursache dazu in dem heutigen Besucher erblickte, und so nahm er sich vor, diesen Mann im Auge zu behalten.

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