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Der Mann ohne Gewissen

Max Kretzer: Der Mann ohne Gewissen - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/kretzer/mannohne/mannohne.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleDer Mann ohne Gewissen
publisherPaul Franke Verlag
printrun186. bis 195. Tausend
firstpub1904
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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11.

Die Hochzeit war vorüber. Man hatte sie in einem Hotel gefeiert und nur etwa zwanzig Personen dazu geladen, da Gläser erklärte, so wenig Menschen als möglich um sich sehen zu wollen. Außer Familie Herbst und anderen näheren Freunden der Familie waren vor allem zwei Schwestern der Schwiegermutter erschienen, alte, verschrumpelte Jungfern, die aus der Provinz herbeigeeilt waren, um das endliche Glück ihrer einzigen Nichte doch noch sehen zu können und um gleichzeitig die Gelegenheit zu benutzen, sich acht Tage lang bei der Direktorin festzusetzen und Berliner Luft zu atmen.

Gläser hatte zuerst die Absicht gehabt, auch Mutter und Schwester kommen zu lassen, dann aber war er um dieses Pflichtgefühl mit der Ausrede herumgegangen, daß die Alte daheim krank sei und die blinde Schwester sowieso keinen Reiz an dem Fest finden würde. In Wahrheit befürchtete er, die Mutter könnte aus der Rolle fallen und von seinem Verhältnis zu Anna Schiman erzählen, über die er ihr längst allerlei vorgelogen hatte, um die Abschüttelung erklärlich zu machen. Inzwischen hatte er reichlich Unterstützungen nach Hause geschickt, so daß er in Ruhe fern von ihnen den großen Mann spielen konnte. Die Hauptsache für ihn blieb, daß weder die Schwiegertochter nach Klothilde viel nach ihnen fragte, was er auch erklärlich fand, denn schließlich war er die Person, um die sich alles drehte.

Man hatte sich eine Wohnung am Lützowufer gemietet, eine ganze Etage, die von Gläser luxuriös auf eigene Kosten eingerichtet war, ohne Frau Teichert in Anspruch zu nehmen, die ebenso wie er in Wonne schwamm; denn noch am Hochzeitstage, als er die Braut abholte, hatte er Klothilde in Gegenwart der Alten außer einem prächtigen Brillant-Kollier die zwanzigtausend Mark in Aktien zum Geschenk gemacht, so wie er sie von der Mutter erhalten hatte, mit den glücktrunkenen Worten: » Dich wollte ich haben, dich! Fesseln wollte ich dich dadurch, denn nun kann ich dir's ja sagen: ich glaubte immer noch, du könntest mich von dir stoßen. Und ich liebe dich doch so wahnsinnig, so wahnsinnig!«

Unschuldsvoll stand sie in dem Brautkleid vor ihm, und doch so herrlich, so blendend schön! Eine Juno mit dem vollen Reiz des einfältig-tuenden Mädchens, das in weiß um zehn Jahre jünger erscheint. Und sie verzieh ihm alles, nickte nur, lächelte sich im Spiegel an und dachte dabei: »Was wird Oskar sagen, wenn er mich so sieht?«

Von einer Hochzeitsreise hatte man Abstand genommen, weil Gläser vorgab, von den Geschäften nicht loskommen zu können. Wohin sollte man auch bei dem häßlichen Aprilwetter, wenn der Süden nicht reizte? Aber er hatte keinen Sinn dafür, in die Ferne zu schweifen, wo ihm fortwährend große Dinge im Kopf lagen. Und merkwürdigerweise war Klothilde ohne weiteres damit einverstanden, trotzdem es ihrer Meinung nach ganz gegen den guten Ton verstieß, in Berlin die Flitterwochen zu verleben. Flitterwochen! Sie hätte lachen mögen bei dem Gedanken an versunkene Ideale. Was hatte sie alles geträumt von einer Taumelreise durch Italien, an die Riviera, nach Nizza und nach Monte Carlo, und wie oft schon war dieser Traum zerstoben! Und würde es nicht ein zweifelhafter Genuß sein, mit diesem Menschen, der nur Zahlen im Kopfe hatte, das Sonnenland zu durcheilen? Nein, dann lieber schon die junge Ehe in Berlin durchkosten, wenn es schon einmal sein mußte! Eine Art Verzichtleistung auf alle Schönheiten dieser Welt war in ihr Herz gezogen; sie kam sich wie eine Blinde vor, die sich ruhig umherführen läßt, mit heißen Sinnen in dunkler Nacht.

Drei Tage nach der Hochzeit ließ sie sich bei der Mutter sehen.

»Nun, wie geht's dir, mein liebes Kind?« fragte Frau Teichert und blickte sie liebevoll an.

»Ich danke, ganz gut«, klang es ohne Aufregung zurück. »Er frißt mich auf vor Liebe. Wenn also eines Tages von mir nichts mehr übrig sein sollte, wundere dich nicht.«

»Dann sei zufrieden, mein Kind.«

»Bin ich ja auch, Mama.« Sie zwang sich zu einem lustigen Lachen, das aber schrill durch das Zimmer schallte.

Und als Frau Teichert ihre Tochter so sitzen sah, wie ihr umflorter Blick all die bekannten Dinge um sie herum fast neugierig musterte, als wären sie ihr längst aus dem Gedächtnis gekommen, erriet sie den Seelenzustand Klothildes, ohne daß sie aber wagte, etwas zu äußern. So war es immer bei jungen Frauen: sie mußten erst das große Ereignis ihres Lebens in sich verarbeiten, ehe man wieder vernünftig mit ihnen reden konnte.

Und Klothilde erfaßte das neue Dasein bald mit Vernunft, denn ihr Mann verschönte es ihr nach Kräften. Sie trug die teuersten Kleider, hatte außer Köchin und Hausmädchen ihre Zofe und brauchte nur die leisesten Andeutungen zu machen, um sein klingendes Entgegenkommen zu finden. Bei den Lieferanten hatte sie ein offenes Konto, das sie verschwenderisch auszunutzen begann, denn allmählich dünkte es ihr herrlich, nun die große Dame zu spielen und ohne Zaudern wirtschaften zu können.

»Hast du für heute noch besondere Wünsche?« fragte er an jedem Vormittag, bevor er sich von ihr trennte, um an die Börse zu gehen, wie er sagte. Eigentlich fuhr er aber zuerst in das »Versandhaus«, wovon sie immer noch keine Ahnung hatte. Dort war von ihm die strenge Anordnung getroffen worden, ihn in seiner Privatwohnung nie mit Geschäften zu belästigen. Einige Zeit ging die Sache ruhig fort, dann aber lag ihm das Magolin so gründlich im Magen, daß er schwach davon wurde. Ein besonderer Vorfall gab die Veranlassung dazu.

Apotheker Dähne hatte sich wieder einmal einige Tage nicht sehen lassen, war dann aber unerwartet des Abends in respektwidrigem Zustande im Kontor erschienen, um alles zu entladen, was sich während zweier Jahre in ihm aufgespeichert hatte. Es schien, als hätte er sich extra Mut dazu getrunken, um gründliche Abrechnung zu halten. Zum Glück war Gläser anwesend, und da man kurz vor Geschäftsschluß stand, konnte er das Personal rasch nach Hause schicken und die wilden Ausbrüche einer gekränkten Seele allein entgegennehmen.

»Mein Jungchen, ich hab' dir was Schönes zu sagen«, legte der Apotheker in seinem alten Gasthofston los, der unangenehme Erinnerungen in Gläser erweckte. »Mein Jungchen, das kann nicht mehr so weiter gehen. Sieh mal: wenn der Glaube aufhören soll, muß das Wissen anfangen. Und ich stehe hier als Wissender vor dir. Verstehst du, mein Jungchen, mein Gönner? Hat sich übrigens was mit dem Gönner! Du bist mir schon der rechte! Schmierst den Leuten meinen Honig um den Mund und füllst dir die Taschen damit, während du mir den Obulus zuwirfst wie einem Handwerksburschen auf der Heerstraße des Lebens. Ja, mein Jungchen, so ist's! Du trinkst Sekt, und ich muß mich in Schneeluft ertränken, die noch dünner ist als dein dreimal destilliertes Magolin, womit du den Leuten die letzte Magensäure herauspumpst ... Komm', setz' dir deinen Wichstopf auf und laß uns zu unserer alten Herbergsmutter fahren, auf das wir schlampampen und uns köstliche Stunden ins Gedächtnis zurückrufen. Allwo du nach Berlin gekommen bist mit einer Hose, einem Hemde und einer Braut! Sie läßt dich übrigens grüßen, die Holde, die Gute! Ja, das läßt sie, mein Jungchen. Sie war dort, um zu erforschen, ob du schon ersoffen seist in diesem steinernen Meere, das du, Napoleon der Nullte, erobern wolltest. Und der andere, weißt du, dein Reisegenosse, war auch dort. Schöne Geschichten hab' ich da gehört, schöne Geschichten!«

Er taumelte vor dem Schreibtisch auf und ab, griff in die Luft und dann nach der Lehne eines Stuhles, auf den er sich schwer fallen ließ. Und während es ihm sauer aufstieß, fuhr er sich mit der großen Hand, die manschettenlos aus dem weiten Ärmel ragte, über das rote Gesicht. Dann stammelte er aufs neue: »Ein netter Gastfreund, du! Nicht einmal einen Stuhl bietest durch mir an. So tief bist du schon gesunken! Jeder tote Römer müßte sich deiner Feigheit schämen, Pfui über dich! der du von meinen Gnaden alles geworden bist ... Komm', mach' alles wieder gut, den Arrak de Gorilla schenk' ich dir diesmal. Komm', Emil hat auch Sehnsucht nach dir. Ich glaube, wenn er sich so fortentwickelt ... fort–entwickelt, dann wird er noch Mutter Meckerten heiraten. Der Bart wächst ihm schon, der Bart! Unser Balsamum magicum schwindelorum hat ihm geholfen. Denk' dir nur, mein Jungchen! Bei der Jugend hilft's noch, die hat guten Nährboden und da treibt's alleine.«

Er machte einen Fünffingerstrich durch das wüste Haar und schüttelte lachend das Haupt, das ihm wie müde auf der Brust lag. Aus der Rechten fiel der alte Kalabreser auf den Boden, zwischen die dürren Beine, zu deren Seiten der schäbige Sommerpaletot wie schlaffes Fahnentuch hing.

Dann fuhr er fort, wobei seine Stimme sich überschlug: »Du, weißt du noch? Das war eine schöne Zeit mit dem Balsamum kopficum schwindelorum! Jungchen, die fünf Mark kamen dir immer zustatten, und dreißig Pfennige kostete die ganze Sauce. Es war mein zehnmal verdünnter Extrakt, durchsickert mit zwei Tropfen Lavendelöl. Ja, siehst du, wenn nur die Nase etwas Angenehmes hat, dann duftet auch die Seele der Dummen mit. Vanitas vanitatum! ... Wo wärst du wohl jetzt, wenn der Staatsanwalt dich analysierte und dir deinen Gönnerfirnis herunterrieb? He? Ich kann dir Unterricht im Sitzen geben. Siehst du, mein Jungchen, dort hinter den schwedischen Gardinen – dort kommen wir alle zur Einsicht, dort nehmen wir uns alles vor, was wir nicht mehr tun wollen, wenn wir wieder frei sind. Und dann tun wir's doch wieder, denn die Verführung winkt, die süße Verführung! Sie hat rosige Gewänder, und ihre weißen Arme umstricken uns, und ihr Atem hat alle Wohlgerüche Arabiens.« Seine Stimme sank, der Selbstpeiniger in ihm erwachte, der das alte Trauerspiel seines Lebens vortrug. »Siehst du, ich wollte auch gut bleiben, und nun bin ich doch wieder schlecht geworden. Denn ich helfe dir, die Menschen zu betrügen. Aber das tote Kind sitzt mir auf dem Nacken, und es sagt fortwährend ›hopp, hopp!‹, und so muß ich wie ein Elender durch die Welt laufen, bis daß ich hinter irgendeiner Hecke zusammenbreche.« Er schluchzte wie ein altes Weib, und sobald er wieder Luft geschnappt hatte, phantasierte er weiter und brachte all die Dinge aufs neue zum Vorschein, unter denen er im Trinkerwahn stets litt. Und dabei sprach er mit ausgebreiteten Armen immer zur Erde hinab, als fände er dort unten die Teilnahme, die andere ihm versagten. Unerschöpfliches schien er aus seinem Innern hervorzulangen, während er Ort und Zeit vergaß. Er hielt wieder die große Reinigung seiner Seele, zu der der Teufel Alkohol ihn trieb.

Gläser hatte ihn schwatzen lassen, ohne ihn nur einmal zu unterbrechen. Ruhig saß er auf seinem Sessel und schrieb mit sicherer Hand weiter, wie ein Mann, der ein unangenehmes Geräusch hört, an das er sich längst gewöhnt hat. Er kannte diese menschliche Mühle, die so lange ihr Lebenskorn mahlte, bis der Wind ausging und die Flügel traurig stille hielten. Unter seiner breiten Stirn jedoch tobten die Gedanken in ihren Fesseln. Er wußte zwar, daß ein Betrunkener sprach, aber die Stiche, die ihm versetzt wurden, kamen von der Waffe der Wahrheit, die der Rauschmut entblößte. Während er sich zum Schreiben zwang, horchte er auf jedes Wort, um durch Teilnahmslosigkeit alles aus dem Krakeeler herauszuholen. Dann wollte er aufspringen, ihn am Kragen packen und hinausbefördern, aber zum erstenmal seit langer Zeit war Feigheit über ihn gekommen.

Was wollte Anna Schiman im Gasthof, weshalb hörte er gerade jetzt wieder von ihr, wo er sie schon aus dem Gedächtnis bekommen hatte? Plötzlich bewegte ihn der Hinweis auf das tote Kind, wodurch seltsame Vorstellungen in ihm wach wurden. Seitdem er wußte, daß ihn Vaterfreuden erwarten würden, gab er sich oftmals stolzen Hoffnungen hin, in die nun eine häßliche Erinnerung hineinplatzte; denn er dachte an das fürchterliche Wort, das ihm die Verstoßene damals in Treptow zugerufen hatte: er werde eine bekommen, die ihm ein Ungeheuer zur Welt bringe, und die ihm alles heimzahlen werde, was er der andern angetan habe. So lächerlich er diesen Gedanken fand, so wenig vermochte er ihn abzuschütteln; und während er mit eiserner Beharrlichkeit weiterrechnete und Zahl neben Zahl setzte, drang große Unruhe auf ihn ein, so daß er endlich die Feder fortlegte. Er erhob sich, öffnete die Tür zu dem großen, dunklen Nebenraum und riß eins der Fenster dort auf, damit frische Luft hereindränge, denn Dähne hatte den Geruch niederer Kneipen mit sich geschleppt, der auch fortwährend von ihm ausströmte.

Man schrieb schon August. Vor drei Tagen erst war Klothilde mit ihrer Mutter aus Thüringen heimgekehrt, wo sich beide Frauen in einem stillen Kurort einige Wochen erholt hatten. Nur einmal war Gläser auf kürzere Zeit dort gewesen, denn sein neuer großer Plan, der die Gründung einer Bank betraf, hielt ihn immer wieder an Berlin gefesselt. Wenn alles erst gut abgelaufen wäre und er glücklicher Vater geworden sein würde, dann wollte er im nächsten Jahre alles nachholen und sich mit seiner Familie irgendwo festsetzen, wo das süße Nichtstun seine Fäden spann. Vielleicht winkte auch schon die Villa, der Sommersitz im großen Stil, worauf er Klothilde vertröstet hatte.

»Nun gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich gründlich aus, Doktor«, sagte er endlich, nachdem er es für das beste gehalten hatte, sich nicht in lange Auseinandersetzungen einzulassen. Aber ein fester Entschluß war in ihm gereift, den er schon in den nächsten Wochen zur Ausführung bringen wollte. »Gehen Sie, gehen Sie!« fuhr er begütigend fort und legte die Hand auf seine Schulter. »Morgen wissen Sie ja doch nicht mehr, was Sie gesagt haben.«

Dähne jedoch war darauf versessen, heute seinen ganzen Born auszuschütten. »Laß mich, laß mich!« rief er mit dem Eigensinn eines Betrunkenen, der ein behagliches Plätzchen gefunden hat. Seine weiche Auflösung war verflogen, der Stumpfsinn erhob sich zum Widerstand, denn dunkel ahnte er die Schwäche des andern. »Ich habe dich endlich geduckt, mein Jungchen, ich weiß es,« fuhr er fort, »du bist klein geworden wie der Schemel des Ungläubigen vor dem Throne Gottes. Laß mich, laß mich! Ich weiß, was ich will! Manus manum lavat. Du hast deine Hand gewaschen, wasch' mir jetzt auch meine! Ich habe dich groß gemacht, laß mich wenigstens bis zu deinem Bauchnabel wachsen. Sei friedlich, mein Jungchen, gib mir zehntausend Mark, hörst du? Und ich will zur Mumie werden, ehe ich die Stimme wider dich erhebe. Gib mir fünftausend, gib mir dreitausend, gib mir tausend! Hörst du? Du weißt, ich wohne bei einer treuen Aufwartefrau, die mich heiraten will. Und warum denn nicht? Du hast dir ja auch ein Weib genommen! Schon lange hat mir meine Schlafwirtin gesagt, daß du mir Spottgroschen gebest für meine Kunst. Sei gnädig, mein Gönner! So gib mir fünfhundert, gib mir hundert! Du sagst nichts, du willst nicht? Ja, weißt du nicht, daß ein ehrlicher Mann zu einem Spitzbuben spricht, ein Lateiner zu einem Klippschüler? Du rührst dich nicht? Soll ich auf die Straße gehen und der Menge laut dein Magolin als Schwindelfusel verkünden? Sei doch gnädig, du Kurpfuscher, du Gauner!«

Gläser war vor ihm auf und ab geschritten und überlegte, wie er ihn fortbringen könnte. Plötzlich aber, als alles Zureden nichts half und nun diese deutlichen Worte kamen, erfaßte ihn schäumende Wut, mit der er nicht mehr zurückhalten konnte. Rasch schloß er die Tür, trat auf ihn zu und ohrfeigte ihn rechts und links. Die Raserei eines Menschen sprach aus ihm, der sich erkannt fühlt, zugleich aber in der Einbildung lebt, seine Wohltaten schlecht belohnt zu sehen. Das Tier in ihm zeigte wieder die Krallen, die, einmal gekrümmt, nicht nach der Schwäche des Opfers fragen. Und bei jedem Klatschen rief er dazwischen: »Da hast du tausend ... und nochmals tausend ... und abermals tausend! Ich will dich lehren, Erpressungen machen, du Lump! Habe ich dir nicht dein tägliches Brot gegeben? Sparen hättest du können, Süffel, du! Kann ich vielleicht dafür, daß dich der Rinnstein immer wieder anzieht? Weil ich stets nüchtern geblieben bin, deshalb bin ich zu etwas gekommen, das ist mein großes Einmaleins, aus dem du hättest lernen können. Was willst du Schuft eigentlich? Bist du nicht Apotheker und hast du nicht die Rezepte gemacht? Ich lache zu allem, was du sagst, verstehst du? Nun geh' nach Hause und träume von deinem Staatsanwalt, ich pfeife auf ihn! Und wenn du morgen nüchtern bist, dann lies den Denkzettel, den ich dir gegeben habe! Vielleicht weißt du dann, woran du bist.«

Unbändig hatte er auf ihn losgeschlagen, immer mit neu entfachter Gier nach Kühlung seiner augenblicklichen Rache; und die Empfindung durchdrang ihn, er könnte so ruhig einen Menschen töten, der sich seinem Siegeszug entgegenwerfen würde. Endlich ließ er ab von ihm und riß die Tür zum Korridor auf, mit einer Bewegung, die alles Weitere verriet.

Dähne hatte die Schläge entgegengenommen wie ein Pudel, der keine Zähne mehr zum Beißen hat. Kraft- und saftlos saß er da, ohnmächtig, sich zu wehren. Betäubung schien ihn umnebelt zu haben, durch die erst langsam das Licht der Erkenntnis drang. Etwas Unverständliches murmelte er vor sich hin, bis er schwerfällig das Haupt hob und mit gewaltsam aufgerissenen Augen den Peiniger suchte. »So, so! Also zum Dank schlägst du mich noch«, sagte er, nun schon an der Grenze der Schläfrigkeit. »So taten es die Knechte mit dem Erlöser, und ich war dein Erlöser von allem Üblen, das dich umgab. Komm' her, komm' her und schlage ruhig weiter. Und so ich noch eine dritte Wange habe, – ich will sie dir still hinhalten. Komm'! Ich will nichts mehr haben von dir, denn ich bin reicher, als du. Nimm meine Haut und schneide dir Riemen daraus, damit du die ganze Menschheit erdrosselst. Ich will still halten, ganz still. Nicht um meine Seligkeit möchte ich du sein! du ... du ... du –! Denke an Anna Schiman!«

Er sprach nicht weiter, denn tiefer Schlaf war über ihn gekommen, plötzlich und unerwartet, als hätte eine unsichtbare Kraft sich ihm auf das Haupt gesenkt und ihn in Schlummer versetzt. Schwer und vernehmbar drangen die Atemzüge durchs Zimmer, in dem sonst alles still war. Regungslos stand Gläser an der Tür, die Hand noch immer auf der Klinke. Ein jäher Schreck durchfuhr ihn, und als er sah, wie der Denkerkopf mit geschlossenen Augen auf die Brust fiel und die Arme willenlos zu Boden gingen, glaubte er, Dähne sei tot. Draußen polterte jemand die Treppe herunter, während auf der Straße nach wie vor das abendliche Berlin vorübertobte und sein dumpfes Echo hereinsandte.

Endlich fühlte Gläser den Druck vom Herzen weichen, und so atmete er auf, als er fand, daß er sich getäuscht hatte. Aus dem Schlafenden wurde ein Schnarchender, an dessen Erwachen vorläufig nicht zu denken war. Gläser besann sich nicht lange. Er schritt über den Korridor, öffnete das Laboratorium, hob Dähne mit Riesenkräften in die Höhe und trug ihn in sein Heiligtum, wo er ihn lang auf die Diele legte. Dann verschloß er die Tür, ging wieder in sein Kontor und machte sich bereit zum Gehen.

Mochte der Alte ruhig seinen Rausch ausschlafen – er, Gläser, wollte sich sicher nicht weiter darum kümmern. Aber während er sich bedachtsam die Fingernägel putzte, erschienen ihm plötzlich die Hände noch größer, als sonst, und ihre Röte erinnerte an das Blut, das er beinahe vergossen hätte. Er dachte daran, daß diese Hand auch Anna Schiman gezüchtigt hatte, an die er heute wie an eine verkörperte Warnung so eindringlich ermahnt worden war. Was hatte sich abgespielt hinter seinem Rücken? Waren dunkle Mächte gegen ihn im Gange, die heraufgeflattert kamen mit ihren Rabenfittichen, um seinen hellen Stern zu verdunkeln? Aber es dauerte nicht lange, so reckte er mutig den Vogelhals, denn er hatte selbst gelernt, zu fliegen. Er wollte ihnen schon die Flügel beschneiden, so daß die Federn in alle Winde stoben!

Als er am andern Morgen früher als sonst im Geschäft erschien, fand er Dähne bereits in voller Tätigkeit und zwar mit der Miene eines Menschen, der an einen unangenehmen Vorfall nicht gern erinnert sein möchte. Gleich nachdem es vorn lebendig geworden war, hatte der Apotheker den hinteren Ausgang benutzt, um sich zur Stelle zu melden und die vordere Tür zu öffnen. Wie immer dienerte er vor Gläser, und da einer auf das erste Wort des andern wartete, ohne daß es kam, sagte keiner etwas. Und so schwiegen sie sich gründlich aus wie Leute, die einen Vorgang genau kennen, es aber für besser halten, nicht mehr daran zu rühren. Nur wenn sich Dähne gezwungen sah, geschäftliche Dinge zu erörtern, glitt sein großer Blick auf Gläser und dann beschämt zu Boden; denn er verspürte dunkle Regungen in sich, die, aufgewühlt zur Blutwelle, ihm heiß ins Gesicht schossen.

Nach vierzehn Tagen hatte Gläser das Geschäft verkauft, wobei ein glücklicher Zufall ihm zustatten gekommen war. Sein Vertreter, ein junger Mann, der Postprokura hatte und in das Absatzgebiet eingeweiht war, stand in verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem etwas beschränkten, aber gutgläubigen Provinzler, der sein flüssiges Kapital gern in einem Artikel angelegt hätte, der reichlichen Verdienst brächte. Beide verbanden sich zur Übernahme des »Versandthauses«, und so kam Gläser noch glänzend auf seine Kosten, denn das »Magolin« hatte bereits in dem »Nervolin« Konkurrenz bekommen, die sich drohend bemerkbar machte. Er hatte das Fett abgeschöpft; mochten seine Nachfolger sich an der wässerigen Brühe weiter stärken!

Endlich hatte er den »Händler« von sich abgeworfen, konnte er frei das Haupt erheben. Aber noch beim Abbruch dieser Brücke waren die Dummen glänzend von ihm gerupft worden. Und als er in offener Droschke dem reichen Westen zufuhr, ließ er den Osten wie etwas Unangenehmes hinter sich, an das man nicht gern erinnert werden möchte. Wie der Phönix aus der Asche durfte er nun auferstehen und seinem großen Ziele zufliegen.

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