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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 98
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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97

Clarissens geheimnisvolle Kräfte und Aufgaben

 

Clarisse im Zimmer; Walter war ihr abhanden gekommen, sie hat einen Apfel und ihren Schlafrock. Das sind, Apfel und Schlafrock, die zwei Quellen, aus denen ein unbeachteter, dünner Strahl von Wirklichkeit in ihr Bewußtsein fließt. Warum erschien ihr Moosbrugger musikalisch? Sie wußte es nicht. Vielleicht sind alle Mörder musikalisch. Sie weiß, daß sie einen Brief an Se. Erlaucht Graf Leinsdorf geschrieben hat, wegen dieser Frage; sie erinnert sich auch ungefähr an den Inhalt, doch hat sie keinen Zugang dazu.

Aber der Mann ohne Eigenschaften war unmusikalisch?

Da ihr keine rechte Antwort einfiel, ließ sie diesen Gedanken stehn und ging weiter.

Nach einer Weile fiel ihr jedoch ein: Ulrich ist der Mann ohne Eigenschaften. Ein Mann ohne Eigenschaften kann natürlich auch nicht musikalisch sein. Er kann aber auch nicht unmusikalisch sein?

Sie ging weiter.

Er hatte von ihr gesagt: Du bist mädchen- und heldenhaft.

Sie wiederholte: »mädchen- und heldenhaft!« Die Wärme stieg ihr in die Wangen. Es erwuchs daraus eine Pflicht, die ihr nicht klar wurde.

Ihre Gedanken drängten in zwei Richtungen, wie bei einem Handgemenge. Sie fühlte sich angezogen und abgestoßen, wußte aber nicht, wohin und wovon; schließlich lockte sie eine leise Zärtlichkeit, die davon, sie wußte nicht wie, übrig geblieben war, Walter suchen zu gehn. Sie stand auf und legte den Apfel weg.

Es tat ihr leid, daß sie Walter immer quälte. Sie war erst fünfzehn Jahre alt gewesen, da hatte sie schon bemerkt, daß sie ihn zu quälen vermochte. Sie brauchte bloß entschieden auszurufen, etwas sei in Wahrheit nicht so, wie er behaupte, da zuckte er zusammen, und wenn es noch so richtig war, was er gesagt hatte! Sie wußte, daß er sich vor ihr fürchtete. Er fürchtete, daß sie verrückt werden könnte. Er hatte es sich einmal entschlüpfen lassen, schnell wieder verredet; sie aber wußte seither, daß er daran dachte. Sie fand das sehr schön. Nietzsche sagt: »Gibt es einen Pessimismus der Stärke? Eine intellektuelle Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse? Eine Tiefe des widermoralischen Hangs? Das Verlangen nach dem Furchtbaren als dem würdigen Feind?« – Solche Worte bereiteten ihr, wenn sie sie dachte, eine sinnliche Erregung im Mund, die so sanft und stark wie Milch war, sie konnte kaum schlucken.

Sie dachte an das Kind, das Walter von ihr wollte. Auch davor fürchtete er sich. Begreiflich, wenn er glaubte, daß sie einmal verrückt werden könnte. Es gab ihr Zärtlichkeit für ihn, auch wenn sie sich heftig weigerte. Sie hatte aber vergessen, daß sie Walter suchen wollte. Es ging jetzt etwas in ihrem Körper vor. Die Brüste füllten sich, durch die Adern an Armen und Beinen rollte ein dickerer Blutstrom, sie spürte ein unbestimmtes Drängen gegen Blase und Darm. Ihr schmaler Körper wurde nach innen tief, empfindlich, lebendig, fremd, eins nach dem andern; ein Kind lag licht und lächelnd in ihrem Arm; von ihren Schultern strahlte das Goldkleid der Gottesmutter zu Boden, und die Gemeinde sang. Es war außer ihr, der Herr war der Welt geboren!

Aber kaum war das vor sich gegangen, so schnellte ihr Körper über dem klaffenden Bild wieder zusammen, wie Holz einen Keil aus sich herausschleudert; sie war schlank, bei sich, ekelte sich, fühlte eine grausame Heiterkeit. So einfach wollte sie es Walter nicht machen. »Ich will, daß dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehnen!« sagte sie sich vor. »Lebendige Denkmäler sollst du über dich selbst hinausbauen. Aber erst mußt du mir selber gebaut sein an Leib und Seele!« Clarisse lächelte; es war ihr Lächeln, das so schmal züngelte wie ein Feuer, das mit einem großen Stein zugedeckt ist.

Dann fiel ihr ein, daß ihr Vater sich vor Walter gefürchtet hatte. Sie begab sich um Jahre zurück. Das war sie gewohnt; Walter und sie fragten einander gern: erinnerst du dich? und dann floß vergangenes Licht zauberhaft aus der Weite zurück auf die Gegenwart. Es ist das schön, sie hatten es gern. Es ist vielleicht das gleiche, wie wenn man unlustig stundenlang gegangen ist und kehrt sich um, und die ganze durchwanderte Leere liegt, mit einemmal in Fernsicht verwandelt, als schöne Befriedigung da; aber so faßten sie es nie auf, sondern nahmen ihre Erinnerungen sehr wichtig. Darum kam es ihr auch ungemein anregend und verwickelt vor, daß ihr Vater, der alternde Maler, damals Gewaltperson für sie, sich vor Walter, der ihm die neue Zeit ins Haus gebracht hatte, fürchtete, während Walter sich vor ihr fürchtete. Es war dem ähnlich, wenn sie den Arm um ihre Freundin Lucy Pachhofen legte, »Papa« sagen mußte und dabei wußte, daß Papa Lucys Geliebter war, denn das ereignete sich in der gleichen Zeit.

Clarisse schoß nun wieder die Hitze in die Wangen. Es beschäftigte sie auf das lebhafteste, sich das eigenartige Winseln zu vergegenwärtigen, dieses fremde Winseln, von dem sie ihrem Freund erzählt hatte. Sie nahm einen Spiegel und suchte das Gesicht mit den angstvoll zusammengepreßten Lippen wiederzufinden, das sie in jener Nacht gemacht haben mußte, wo ihr Vater an ihr Bett kam. Es gelang ihr nicht, den Laut hervorzubringen, der sich unter der Versuchung aus ihrer Brust gelöst hatte. Sie überlegte, daß dieser Laut heute noch genau so in ihrer Brust drinnen sein müsse wie damals. Es war ein Laut ohne Schonung und Rücksicht; aber er war niemals wieder zur Oberfläche emporgekommen. Sie legte den Spiegel weg und sah sich vorsichtig um, das Bewußtsein, daß sie allein sei, mit tastendem Auge bekräftigend. Dann suchte sie, mit den Fingerspitzen durch ihr Kleid fühlend, das samtschwarze Muttermal, mit dem es eine so sonderbare Bewandtnis hatte. In der Gegend der Leistenbeuge, halb versteckt im Schenkelschluß und am Rande der Haare, die dort ein wenig unregelmäßig auswichen, lag es; sie ließ ihre Hand darauf ruhen, wehrte jeden Gedanken ab und lauerte auf die Veränderung, die vor sich gehen sollte. Sofort spürte sie diese. Es war nicht das weiche Strömen der Wollust, sondern ihr Arm wurde steif, starr wie ein Männerarm; sie hatte den Eindruck, wenn sie ihn einmal richtig heben würde, könnte sie alles mit ihm niederschmettern! Sie nannte diese Stelle an ihrem Leib das Auge des Teufels. An dieser Stelle war ihr Vater umgekehrt. Das Auge des Teufels hatte einen Blick, der durch die Kleider drang; dieser Blick »faßte« die Männer »ins Auge«, zog sie gebannt an, aber erlaubte ihnen nicht, sich zu rühren, solange Clarisse wollte. Clarisse dachte manche Worte in Anführungszeichen, herausgehoben, so wie sie beim Schreiben manche Worte mit dicken Tintenbalken unterfuhr; solche herausgehobenen Worte hatten dann einen gespannten Sinn, ähnlich gespannt, wie es ihr Arm war; wer hat je daran gedacht, daß man mit dem Auge wirklich etwas fassen könne? Aber sie war der erste Mensch, der dieses Wort in der Hand hielt wie einen Stein, den man auf ein Ziel schleudern kann. Es war ein Teil der schmetternden Kraft ihres Arms. Und über all dem hatte sie das Winseln, worüber sie nachdenken wollte, vergessen und dachte an ihre jüngere Schwester Marion. Mit vier Jahren hatte man Marion nachts die Hände festbinden müssen, weil sie sonst ahnungslos, aus bloßer Freude am Angenehmen, unter die Decke gingen, wie zwei junge Bären in einen Honigbaum. Und später hatte sie, Clarisse, einmal Walter von Marion wegreißen müssen. Die Sinnlichkeit ging in ihrer Familie um, wie der Wein unter Weinbauern. Es war ein Schicksal. Sie trug schwere Last. Aber trotzdem gingen ihre Gedanken nun in der Vergangenheit spazieren, die Spannung im Arm löste sich zu einem natürlichen Zustand auf, und ihre Hand blieb vergessen im Schoß liegen. Sie sagte damals noch Sie zu Walter. Sie verdankte ihm eigentlich sehr viel. Er brachte die Botschaft, daß es neue Menschen gebe, die nur kühle, klare Möbel vertrügen und Bilder in ihre Zimmer hängten, auf denen die Wahrheit dargestellt sei. Er las ihr vor: Peter Altenberg, kleine Geschichten von kleinen Mädchen, die zwischen liebestollen Tulpenbeeten Reifen werfen und Augen besitzen, die so hell-süß unschuldig sind wie Marons glacés; und Clarisse wußte von diesem Augenblick an, daß ihre schlanken Beine, die ihr noch kindisch vorgekommen waren, ebensoviel bedeuteten wie ein Scherzo von »ich weiß nicht wem«.

Sie lebten gerade alle in einem Sommerquartier, ein großer Kreis, mehrere Familien aus der Bekanntschaft hatten Villen an einem See gemietet, und alle Schlafzimmer waren doppelt besetzt mit Freunden und Freundinnen, die man eingeladen hatte. Clarisse schlief mit Marion, und um elf Uhr kam manchmal Dr. Meingast auf einer heimlichen Mondscheinrunde zu ihnen ins Zimmer, um zu plaudern, der jetzt in der Schweiz ein berühmter Mann war und damals den Vergnügungsmeister und Abgott aller Mütter abgab. Wie alt war sie damals? Fünfzehn oder sechzehn Jahre oder zwischen vierzehn und fünfzehn, als sein Schüler Georg Gröschl mitkam, der nur um weniges älter war als Marion und Clarisse? Und Dr. Meingast war an jenem Abend zerstreut, hielt bloß eine kurze Rede über Mondstrahlen, empfindungslos schlafende Eltern und neue Menschen, verschwand plötzlich und schien nur gekommen zu sein, um den stämmigen kleinen Georg, der sein Bewunderer war, bei den Mädchen zurückzulassen. Georg sagte nun nichts, fühlte sich wahrscheinlich eingeschüchtert, und die beiden Mädchen, die bis dahin Meingast geantwortet hatten, schwiegen auch. Aber dann biß wohl Georg im Dunkel die Zähne zusammen und trat an Marions Bett. Das Zimmer war von außen ein wenig erleuchtet, aber in den Ecken, wo die Betten standen, ragten undurchdringliche Schattenmassen, und Clarisse konnte nicht ausnehmen, was geschah; sie gewahrte nur, daß Georg aufrecht neben dem Bett zu stehen schien und auf Marion hinabsah, jedoch kehrte er Clarisse den Rücken zu, und Marion gab keinen Laut von sich, so als wäre sie nicht im Zimmer. Das dauerte sehr lange. Schließlich aber löste sich, während Marion sich so wenig wie vorher regte, Georg wie ein Mörder aus dem Schatten los, wurde in der mondhellen Zimmermitte einen Augenblick lang an Schulter und Seite bleich sichtbar und kam zu Clarisse, die sich rasch wieder niedergelegt und die Decke bis ans Kinn gezogen hatte. Sie wußte, nun würde sich das Heimliche wiederholen, das bei Marion geschehen war, und war starr vor Erwartung, indes Georg stumm neben ihrem Bett stand und, wie es ihr schien, die Lippen unheimlich fest aufeinander preßte. Endlich kam seine Hand, wie eine Schlange, und machte sich an Clarisse zu schaffen. Was er sonst tat, blieb ihr unklar; sie hatte keine Vorstellung davon und konnte das wenige, was sie trotz ihrer Erregung von seinen Bewegungen wahrnahm, nicht zusammenreimen. Sie selbst empfand da gar keine Wollust, die kam erst später, im Augenblick war nur eine starke, namenlose, ängstliche Aufregung vorhanden; sie verhielt sich still wie ein zitternder Stein in einer Brücke, über die endlos langsam ein schweres Fuhrwerk rollt, vermochte nichts zu sagen und ließ alles mit sich geschehen. Nachdem Georg sie losgelassen hatte, verschwand er ohne Abschied, und keine der beiden Schwestern wußte sicher, ob der anderen das gleiche widerfahren war wie ihr selbst; sie hatten einander ebensowenig zu Hilfe gerufen wie zur Teilnahme eingeladen, und es vergingen Jahre, ehe sie das erste Wort über den Vorfall wechselten.

Clarisse hatte wieder ihren Apfel gefunden, benagte ihn und zerkaute kleine Stückchen. Georg hatte sich nie verraten oder zu dem Geschehenen bekannt, außer daß er vielleicht in der allerersten Zeit hie und da steinern bedeutungsvolle Augen machte; er war heute ein aussichtsvoller und eleganter Regierungsjurist, und Marion war verheiratet. Mit Dr. Meingast aber war mehr vor sich gegangen; er hatte den Zyniker abgelegt, als er ins Ausland ging, wurde, was man außerhalb der Universitäten einen berühmten Philosophen nennt, hielt beständig eine Schar von Schülern und Schülerinnen um sich versammelt und hatte Walter und Clarisse vor kurzem einen Brief geschrieben, worin er ankündigte, daß er demnächst die Heimat besuchen wolle, um dort eine Weile ungestört von seinen Anhängern arbeiten zu können; er hatte auch angefragt, ob sie ihn bei sich aufzunehmen vermöchten, da er gehört habe, daß sie »an der Grenze von Natur und Großstadt« lebten. Und vielleicht war das überhaupt der Ursprung aller Wege, die Clarissens Gedanken an diesem Tage gingen. »O Gott, war jene Zeit sonderbar!« dachte sie. Und nun wußte sie auch das: es war der Sommer vor dem Sommer mit Lucy gewesen. Meingast küßte sie damals, wann es ihm beliebte. »Sie erlauben, daß ich Sie jetzt küsse!« sagte er höflich, ehe er es tat, und er küßte auch alle ihre Freundinnen, und Clarisse wußte sogar von einer, deren Rock sie seither nicht anschauen konnte, ohne an scheinheilig niedergeschlagene Augen denken zu müssen. Meingast hatte es ihr selbst erzählt, und Clarisse – sie war damals doch erst fünfzehn Jahre alt gewesen! – sagte zu dem völlig erwachsenen Dr. Meingast, wenn er ihr seine Abenteuer mit ihren Freundinnen berichtete: »Sie sind ein Schwein!« Es bereitete ihr ein Vergnügen, das wie Stiefel und Sporn war, dieses niedrige Wort zu gebrauchen und ihn zu beschimpfen; aber sie hatte trotzdem Angst davor, daß sie am Ende auch nicht widerstehen könnte, und wenn er sie um einen Kuß bat, getraute sie sich nicht zu widersprechen, weil sie sich fürchtete, einen blöden Eindruck zu machen.

Als ihr aber Walter zum erstenmal einen Kuß gab, sagte sie sehr ernst: »Ich habe Mama versprochen, so etwas nie zu tun.« Das war eben der Unterschied; Walter sprach so schön wie das Evangelium, und er sprach sehr viel, Kunst und Philosophie umgaben ihn wie eine weite Wolkenschar den Mond. Er las ihr vor. Aber in der Hauptsache sah er sie bloß immerzu an, sie unter allen ihren Freundinnen, darin bestand anfangs ihre Beziehung, und das war eben so, wie wenn der Mond herschaut, man faltet die Hände. Wirklich ging ihre Beziehung zueinander dann auch durch Händedrücke weiter; stille Händedrücke, jetzt ohne Worte, in denen eine einzigartig bindende Kraft lag. Clarisse fühlte ihren ganzen Körper gereinigt durch seine Hand; gab er ihr diese einmal zerstreut und kühl, so war sie unglücklich. »Du weißt nicht, was ich daran hab!« bat sie ihn. Sie sagten sich doch schon heimlich Du, damals. Er entwickelte in ihr das Verständnis für Berge und Käfer, während sie bisher in der Natur nur eine Landschaft gesehen hatte, die Papa oder einer seiner Kollegen malte und verkaufte. Ihre Kritik an der Familie war urplötzlich erwacht; sie fühlte sich neu und anders. Nun erinnerte sich Clarisse auch genau, wie sich die Sache mit dem Scherzo verhielt: »Ihre Beine, Fräulein Clarisse,« sagte Walter »haben mit wirklicher Kunst mehr zu tun als alle Bilder, die Ihr Papa malt!« Es gab ein Klavier in der Sommerfrische, und sie spielten vierhändig. Clarisse lernte von ihm; sie wollte über ihre Freundinnen und ihre Familie hinauskommen; niemand begriff, wie man an schönen Sommertagen Klavier spielen könne, statt zu rudern oder ins Bad zu kommen, sie aber hatte ihre Hoffnung an Walter geknüpft, sie hatte sich sofort und schon damals vorgenommen, »Sein Weib« zu werden, ihn zu heiraten, und wenn er sie wegen eines Spielfehlers anherrschte, so kochte alles in ihr, doch die Lust überwog. Und Walter herrschte sie wirklich manchmal an, denn der Geist kennt keine Zugeständnisse; aber nur am Klavier. Außerhalb der Musik kam es noch vor, daß sie von Meingast geküßt wurde, und bei einer Mondscheinfahrt, wo Walter ruderte, legte sie ganz aus eigenem ihren Kopf an Meingasts Brust, der neben ihr am Steuerplatz saß. Meingast war unheimlich geschickt in solchen Dingen, sie wußte nicht, was daraus werden sollte; als Walter sie dagegen das zweitemal, nach der Klavierstunde, im letzten Augenblick, als sie schon in der Tür standen, von hinten faßte und abküßte, hatte sie nur das ganz unangenehme Empfinden, keine Luft zu bekommen, und entwand sich ihm ungestüm; trotzdem stand es in ihr fest, was immer mit dem anderen noch kommen möge, diesen dürfe sie nicht loslassen!

Es geht ja sonderbar zu in solchen Dingen; Dr. Meingasts Atem hatte etwas, worin der Widerstand schmolz, etwas wie reine leichte Luft, in der man sich glücklich fühlt, ohne sie zu merken, wogegen Walter, der immer, wie Clarisse längst wußte, an zögernder Verdauung litt, genau so, wie seine Entschlüsse zögernd waren, auch etwas Gestocktes im Atem hatte, teils war dieser zu heiß, teils brandig und lähmend. Solches Körperlich-Geistige hatte von Anfang an seltsam mitgespielt, und Clarisse wunderte sich auch gar nicht darüber, denn nichts erschien gerade ihr natürlicher als dieses, was Nietzsche sagt, daß der Körper eines Menschen seine Seele ist. Ihre Beine hatten nicht mehr Genie als ihr Kopf, sie hatten genau das gleiche, sie waren es selbst; ihre Hand, von Walter berührt, setzte augenblicklich einen Strom von Vorsätzen und Versicherungen in Bewegung, der vom Scheitel bis zur Sohle floß, aber keine Worte mit sich führte; und ihre Jugend, sobald sie nur einmal zum Selbstbewußtsein geführt worden war, lehnte sich gegen die Überzeugungen und anderen Torheiten ihrer Eltern einfach mit der Frische eines harten Körpers auf, der alle Gefühle verachtet, die im entferntesten an üppige Ehebetten und türkische Prunkteppiche erinnern, wie sie bei der sittenstrengen Vorgeneration so beliebt waren. Und darum spielte das Körperliche auch weiterhin eine Rolle, die sie anders ansah, als es andere vielleicht tun werden. Aber hier gebot Clarisse ihren Erinnerungen halt; oder eigentlich war es nicht ganz so, vielmehr setzten sie ihre Erinnerungen mit einemmal und ganz ohne Landungsstoß wieder in der Gegenwart ab. Denn alles das und was noch folgte, hatte sie ihrem Freund ohne Eigenschaften mitteilen wollen. Vielleicht nahm Meingast augenblicklich einen zu großen Raum darin ein, denn er war ja bald nach jenem bewegten Sommer verschwunden, in die Fremde geflüchtet, jene ungeheure Verwandlung hatte in ihm begonnen, die aus dem leichtfertigen Lebemann einen berühmten Denker machte, und Clarisse hatte ihn seither nur flüchtig wiedergesehen, ohne daß sie dabei der Vergangenheit gedachten. Aber wie sie es bei sich betrachtete, war ihr der Anteil klar, den sie an seiner Verwandlung hatte. Es war noch viel zwischen ihr und ihm in den Wochen vor seinem Verschwinden geschehn; ohne Walter und unter eifersüchtiger Teilnahme Walters, Walter verdrängend, Walter anspornend und hochtreibend, geistige Gewitter, noch verrücktere Stunden, wie sie vor einem Gewitter Mann und Frau von Sinnen bringen, und ausgetobte Stunden, die alle Leidenschaft ausgeschieden haben und wie Wiesengrün nach Regen in der reinen Luft der Freundschaft liegen. Clarisse hatte mancherlei über sich ergehen lassen müssen und nicht ungern ergehen lassen, aber das neugierige Kind hatte sich in seiner Art hinterdrein gewehrt, indem es dem zügellosen Freund seine Meinung sagte, und weil Meingast schon in der letzten Zeit, ehe er fortging, freundschaftlich ernster geworden war, fast edel- und schwermütig im Wettkampf mit Walter, war sie heute fest davon überzeugt, daß sie alles, was sein Wesen trübte, ehe er in die Schweiz ging, auf sich gezogen und es ihm dadurch ermöglicht hatte, sich so unerwartet zu verwandeln. In dieser Auffassung wurde sie durch das bestärkt, was sich anschließend zwischen ihr und Walter vollzogen hatte; Clarisse konnte diese lange vergangenen Jahre und Monate nicht mehr genau auseinanderhalten, aber es war schließlich auch gleich, wann das eine oder das andere geschehen war, im ganzen war nach der widerstrebensvollen Annäherung an Walter dann eine schwärmerische Zeit, mit Spaziergängen und Geständnissen und geistiger Besitzergreifung gekommen, die zugleich von jenen unzähligen kleinen, unendlich qualseligen Ausschweifungen ausgefüllt war, zu denen zwei Liebende hingerissen werden, denen noch ebensoviel zum ganz entschlossenen Mut fehlt, wie ihnen von der Keuschheit schon abhanden gekommen ist. Das war nicht anders, als ob ihnen Meingast seine Sünden zurückgelassen hätte, damit sie in einem höheren Sinn noch einmal durchlebt und bis zum höchsten Sinn zerlebt würden, und sie faßten es beide so auf. Und heute, wo Clarisse sich so wenig aus Walters Liebe machte, daß sie oft von ihr angewidert wurde, sah sie es noch deutlicher, daß der Rausch des Liebesdurstes, der sie in solchem Ausmaß toll gemacht hatte, nichts gewesen sein konnte als eine Inkarnation, was, wie sie wußte, Einfleischung hieß, von etwas Unfleischlichem, einem Sinn, einer Aufgabe, einem Schicksal, wie sie für Auserwählte zwischen den Sternen vorbereitet werden.

Sie schämte sich nicht, sie hätte eher weinen mögen, wenn sie Damals und Jetzt verglich; aber Clarisse konnte auch niemals weinen, sondern sie preßte die Lippen aufeinander, und es wurde etwas daraus, das ihrem Lächeln ähnlich sah. Ihr Arm, geküßt bis zur Achselhöhle, ihr Bein, bewacht von dem Auge des Teufels, ihr biegsamer Leib, tausendfach gedreht vom Verschmachten des Geliebten und wie ein Seil sich zurückdrehend, bewahrten das wunderbare Begleitgefühl der Liebe: in allen Gebärden, die man tut, von geheimnisvoller Wichtigkeit zu sein. Clarisse saß da und kam sich wie eine Schauspielerin in der Pause vor. Allerdings wußte sie nicht, was kommen sollte; aber sie war überzeugt, daß es die unendliche Aufgabe aller Liebenden sei, sich als das zu erhalten, was man füreinander in den höchsten Augenblicken gewesen ist. Und ihr Arm war da, ihre Beine waren da, ihr Kopf saß auf dem Leib, mit einer unheimlichen Bereitschaft, als erster das Zeichen wahrzunehmen, das nicht ausbleiben konnte. Es ist vielleicht schwer zu begreifen, was Clarisse meinte, aber ihr bereitete es keine Mühe. Sie hat einen Brief an den Grafen Leinsdorf geschrieben, mit der Forderung eines Nietzsche-Jahrs und zugleich der Befreiung des Frauenmörders und vielleicht seiner öffentlichen Ausstellung, zur Erinnerung an die Passionswege derer, die die verstreuten Sünden aller auf sich vereinigen müssen; und nun weiß sie auch, warum sie es getan hat. Man muß das erste Wort sprechen. Wahrscheinlich hat sie sich nicht gut ausgedrückt, aber das tut nichts; die Hauptsache ist, daß man beginnt und mit dem Dulden und Gewährenlassen Schluß macht. Es ist historisch bewiesen, daß die Welt von Zeit zu Zeit – dahinter klang das Wort »Aeon zu Aeon«, wie zwei Glocken, die man nicht sieht, obgleich sie nahe sind – solcher Menschen bedarf, die nicht mitwirken und mitlügen können und dadurch unliebsames Aufsehen erregen. Soweit war die Sache klar.

Und es ist auch klar, daß Menschen, die unliebsames Aufsehen erregen, den Druck der Welt zu spüren bekommen. Clarisse weiß, daß die großen aus der Menschheit hervorgegangenen Genies fast immer zu leiden hatten, und sie wundert sich nicht darüber, daß manche Tage und Wochen in ihrem Leben unter einem bleiernen Druck stehen, so als ob eine schwere Platte darüberhin gezogen würde; aber es ging noch jedesmal vorbei, und alle Menschen sind so, die Kirche hat in ihrer Weisheit sogar Trauerzeiten eingeführt, um die Trauer zusammenzuziehn und zu verhindern, daß halbe Jahrhunderte von Mutlosigkeit und Gefühllosigkeit überflutet werden, was auch schon vorgekommen ist. Schwieriger sind in Clarissens Leben gewisse andere Augenblicke zu behandeln, allzu befreite und gegendrucklose, wo manchmal ein Wort genügt, um sie gleichsam aus den Schienen springen zu machen; sie ist dann außer sich, sie kann nicht angeben, wo; aber keineswegs ist sie abwesend, im Gegenteil, man könnte eher sagen, sie sei inwesend, in einem tieferen Raum, der in einer den gewöhnlichen Vorstellungen unfaßbaren Weise in dem Raum steckt, den ihr Körper in der Welt einnimmt; aber wozu Worte für etwas suchen, das nicht an der Straße der Worte liegt, sie landet nach einer Weile ohnedies wieder bei den anderen und ist nur noch ein wenig hell gekitzelt im Kopf, so wie nach Nasenbluten. Clarisse versteht, daß das gefährliche Augenblicke sind, die sie manchmal erlebt. Es sind offenbar Vorbereitungen und Proben. Sie besaß ohnehin die Gewohnheit, mehreres zugleich zu denken, so wie sich ein Fächer auf- und zuschiebt, und eines halb neben, halb unter dem anderen ist, und wenn das zu verwirrt wird, ist das Bedürfnis begreiflich, daß man mit einem Ruck hinausschlüpfen möchte; das hätten viele Leute, nur treffen sie es eben nicht.

Clarisse erlebt also Vorbereitungen und Vorboten so, wie andere Leute sich etwas auf ihr Geständnis oder ihre eiserne Verdauung zugute tun; sie könnten Glassplitter essen, sagen sie. Clarisse hat aber schon einigemal bewiesen, daß sie wirklich etwas auf sich nehmen kann; ihre Kraft hat sich an ihrem Vater gezeigt, an Meingast, an Georg Gröschl, und mit Walter waren noch Anstrengungen nötig, da waren die Dinge, wenn auch stockend, noch in Fluß; aber Clarisse hatte seit einiger Zeit die Absicht, ihre Kraft an dem Mann ohne Eigenschaften zu beweisen. Sie hätte nicht genau angeben können, seit wann; es hing mit diesem Namen zusammen, den Walter aufgebracht und Ulrich gebilligt hatte; vorher, das mußte sie sagen, in den früheren Jahren, hatte sie ihm nie ernste Beachtung geschenkt, wenn sie auch ganz gute Freunde waren. Aber »Mann ohne Eigenschaften«, das erinnerte sie zum Beispiel an Klavierspielen, das heißt an alle diese Melancholien, Freudensprünge, Zornausbrüche, die man dabei durchrast, ohne daß es doch ganz wirkliche Leidenschaften wären. Damit fühlte sie sich verwandt. Von da ging es ganz ohne Umwege zu der Behauptung, daß man sich alles zu tun weigern müsse, was nicht mit ganzer Seele geschieht, und damit war sie mitten in der aufgewühlten tiefen Wirklichkeit ihrer Ehe. Ein Mann ohne Eigenschaften sagt nicht Nein zum Leben, er sagt Noch nicht! und spart sich auf; das hatte sie mit dem ganzen Körper verstanden. Vielleicht war es der Sinn aller der Augenblicke, wo sie aus sich hinaustrat, daß sie Gottesmutter werden sollte. Sie erinnerte sich an das Gesicht, das sie, es war noch keine Viertelstunde her, heimgesucht hatte. »Vielleicht kann jede Mutter Gottesmutter werden,« dachte sie »wenn sie nicht gewähren läßt, nicht lügt noch wirkt, sondern das, was zutiefst in ihr ist, als Kind außer sich bringt! Vorausgesetzt, daß sie für sich selbst nichts erreicht!« fügte sie traurig hinzu. Denn der Gedanke bereitete ihr keineswegs reine Annehmlichkeit, sondern erfüllte sie mit der zwischen Qual und Seligkeit geteilten Empfindung, für etwas geopfert zu werden. War jedoch ihre Vision so gewesen, wie wenn in den Zweigen eines Baumes zwischen Blättern, die mit einemmal wie Kerzen flackern, ein Bild hervorträte, während gleich nachher das Holz wieder zusammenschlug, so blieb jetzt ihre Stimmung andauernd verändert. Ein Zufall schenkte ihr im nächsten Augenblick die für jeden anderen Menschen bedeutungslose Entdeckung, daß das Wort Mutter in dem Wort Muttermal enthalten sei; für sie bedeutete das so viel, als ob ihr Schicksal plötzlich in den Sternen geschrieben stünde. Der wundervolle Gedanke, daß die Frau den Mann sowohl als Mutter wie als Geliebte in sich aufnehmen müsse, machte sie weich und aufgeregt. Sie wußte nicht, wie er dahergekommen sei, aber er schmolz ihre Widerstände und gab ihr doch Macht.

Aber sie traute dem Mann ohne Eigenschaften noch keineswegs. Er meinte vieles nicht so, wie er es sagte. Wenn er behauptete, daß man seine Gedanken nicht ausführen könne oder daß er nichts ganz ernst nehme, so war das nur ein Versteck, das verstand sie deutlich; sie hatten einander ausgewittert und erkannten sich an Zeichen, während Walter meinte, Clarisse sei zuweilen verrückt! Und doch war in Ulrich etwas bitter Böses, teuflisch dem Schlendergang der Welt Anhängendes. Man mußte ihn lösen. Sie mußte ihn holen.

Sie hatte zu Walter gesagt: Töte ihn. Es hatte nicht viel bedeutet, sie hatte nicht recht gewußt, was sie damit meinte; aber es hieß soviel wie, es müsse etwas getan werden, um ihn aus sich herauszureißen, und man dürfe vor nichts haltmachen.

Sie mußte mit ihm ringen.

Sie lachte, sie rieb ihre Nase. Sie ging im Dunkeln hin und her. Es mußte mit der Parallelaktion etwas geschehen. Was, wußte sie nicht.

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