Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Musil >

Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 85
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
projectidedede0d8
Schließen

Navigation:

84

Behauptung, daß auch das gewöhnliche Leben von utopischer Natur ist

 

Er fand dort den üblichen Haufen von Schriftstücken vor, den ihm Graf Leinsdorf schickte. Ein Industrieller hatte einen Preis in ungewöhnlicher Höhe für die beste Leistung in der militärischen Erziehung der zivilen Jugend in Aussicht gestellt. Das Erzbischöfliche Ordinariat nahm Stellung zu dem Vorschlag einer großen Waisenhausstiftung und erklärte, gegen jede konfessionelle Vermischung Bedenken erheben zu müssen. Das Komitee für Kultus und Unterricht berichtete über den Erfolg der definitiv vorläufig hinausgegebenen Anregung eines großen Friedenskaiser-und-Völker-Österreichs-Denkmals in der Nähe der Residenz; nach Fühlungnahme mit dem k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht und Befragung der führenden Künstlervereinigungen, Ingenieur- und Architektenvereine hatten sich derartige Meinungsverschiedenheiten ergeben, daß sich das Komitee in die Lage versetzt sah, unbeschadet später sich herausstellen sollender Erfordernisse, falls der Zentralausschuß zustimme, einen Wettbewerb um die beste Idee eines Wettbewerbs in Hinsicht auf das eventuell zu errichtende Denkmal auszuschreiben. Die Hofkanzlei schickte dem Zentralausschuß nach genommener Einsicht die vor drei Wochen zur Einsichtnahme vorgelegten Vorschläge zurück und erklärte, eine Allerhöchste Willensmeinung derzeit dazu nicht übermitteln zu können, aber es als erwünscht zu erachten, auch in diesen Punkten die öffentliche Meinung zunächst noch sich selbst bilden zu lassen. Das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht erklärte auf dortige Zuschrift Nummer soundsoviel, eine besondere Förderung des Stenographievereins Öhl nicht befürworten zu können; der Volksgesundheitsverein »Balkenbuchstabe« zeigte seine Bildung an und ersuchte um eine Geldzuwendung.

Und in solcher Art ging es weiter. Ulrich schob das Paket wirklicher Welt zurück und überlegte eine Weile. Plötzlich stand er auf, ließ sich Hut und Rock geben und sagte an, daß er in einer oder anderthalb Stunden wieder zu Hause sein werde. Er rief einen Wagen an und kehrte zu Clarisse zurück.

Es war finster geworden, das Haus warf nur aus einem Fenster ein wenig Licht auf die Straße, die Fußstapfen bildeten hartgefrorene Löcher, in denen man stolperte, das Tor war geschlossen, und der Besuch kam unerwartet, so daß Rufen, Klopfen und In die Hände Klatschen durch die längste Zeit unverstanden blieb. Als Ulrich endlich im Zimmer stand, schien es nicht das Zimmer zu sein, das er doch soeben erst verlassen hatte, sondern eine fremde, erstaunte Welt, mit einem für das einfache Beisammensein zweier Menschen gedeckten Tisch, Stühlen, auf deren jedem etwas lag, das sich dort häuslich gemacht hatte, und Wänden, die sich mit einem gewissen Widerstand dem Eindringling öffneten.

Clarisse hatte einen einfachen wollenen Schlafrock an und lachte. Walter, der den Spätling eingeholt hatte, blinzelte und versorgte den großen Hausschlüssel in einer Tischlade. Ulrich sagte ohne Umschweife: »Ich bin umgekehrt, weil ich Clarisse noch eine Antwort schulde.« Dann begann er in der Mitte, wo seine Unterhaltung durch Walter unterbrochen worden war. Nach einer Weile waren Zimmer, Haus, Zeitgefühl verschwunden, und das Gespräch hing irgendwo über dem blauen Raum im Netz der Sterne. Ulrich entwickelte das Programm, Ideengeschichte statt Weltgeschichte zu leben. Der Unterschied, schickte er voraus, läge zunächst weniger in dem, was geschähe, als in der Bedeutung, die man ihm gäbe, in der Absicht, die man mit ihm verbände, in dem System, das das einzelne Geschehnis umfinge. Das jetzt geltende System sei das der Wirklichkeit und gleiche einem schlechten Theaterstück. Man sage nicht umsonst Welttheater, denn es erstehen immer die gleichen Rollen, Verwicklungen und Fabeln im Leben. Man liebt, weil und wie es die Liebe gibt; man ist stolz wie die Indianer, die Spanier, die Jungfrauen oder der Löwe; man mordet sogar in neunzig von hundert Fällen nur deshalb, weil es für tragisch und großartig gehalten wird. Vollends die erfolgreichen politischen Gestalter der Wirklichkeit haben, von den ganz großen Ausnahmen abgesehen, viel mit den Schreibern von Kassenstücken gemein; die lebhaften Vorgänge, die sie erzeugen, langweilen durch ihren Mangel an Geist und Neuheit, bringen uns aber gerade dadurch in jenen widerstandslosen schläfrigen Zustand, worin wir uns jede Veränderung gefallen lassen. So betrachtet, entsteht Geschichte aus der ideellen Routine und aus dem ideell Gleichgültigen, und die Wirklichkeit entsteht vornehmlich daraus, daß nichts für die Ideen geschieht. Man könne es kurz so zusammenfassen, behauptete er, daß es uns zu wenig darauf ankäme, was geschehe, und zuviel darauf, wem, wo und wann es geschehe, so daß uns nicht der Geist der Geschehnisse, sondern ihre Fabel, nicht die Erschließung neuen Lebensgehalts, sondern die Verteilung des schon vorhandenen wichtig seien, genau so, wie es wirklich dem Unterschied von guten und bloß erfolgreichen Stücken entspreche. Daraus ergebe sich aber als das wahre Gegenteil, daß man zuerst die Haltung der persönlichen Habgier gegenüber den Erlebnissen aufgeben müßte. Man müßte die also weniger wie persönlich und wirklich und mehr wie allgemein und gedacht oder persönlich so frei ansehn, als ob sie gemalt oder gesungen wären. Man dürfte ihnen nicht die Wendung zu sich geben, sondern müßte sie nach oben und außen wenden. Und wenn das persönlich gälte, so müßte außerdem kollektiv etwas geschehen, was Ulrich nicht recht beschreiben konnte und eine Art Keltern und Kellern und Eindicken des geistigen Saftes nannte, ohne das sich der Einzelne natürlich nur ohnmächtig und seinem Gutdünken überlassen fühlen könne. Und während er so sprach, erinnerte er sich an den Augenblick, wo er zu Diotima gesagt hatte, man müsse die Wirklichkeit abschaffen.

Es verstand sich wohl beinahe von selbst, daß Walter alles das zunächst für eine ganz und gar gewöhnliche Behauptung erklärte. Als ob nicht die ganze Welt, Literatur, Kunst, Wissenschaft, Religion ohnehin »kellern und keltern« würde! Als ob irgendein Gebildeter den Wert der Ideen bestritte oder nicht auf Geist, Schönheit und Güte achtete! Als ob alle Erziehung etwas anderes als Einführung in ein System des Geistes wäre!

Ulrich verdeutlichte sich mit dem Hinweis darauf, daß Erziehung bloß eine Einführung in das jeweils Gegenwärtige und Herrschende bedeute, das aus planlosen Vorkehrungen entstanden sei, weshalb man, um Geist zu gewinnen, vor allem erst überzeugt sein müsse, noch keinen zu haben! Eine ganz und gar offene, moralisch im Großen experimentierende und dichtende Gesinnung nannte er das.

Nun erklärte es Walter für eine unmögliche Behauptung. »Wie pikant du es hinstellst« sagte er; »als ob wir überhaupt die Wahl hätten, Ideen zu leben oder unser Leben zu leben! Aber am Ende kennst du vielleicht das Zitat: ›Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch‹? Warum gehst du nicht noch weiter? Warum verlangst du nicht gleich, daß wir um unserer Ideen willen unseren Bauch abschaffen? Ich aber erwidere dir: ›Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht‹! Daß wir den Arm ausstrecken und zurückziehen, nicht wissen, ob wir uns rechts oder links wenden sollen, daß wir aus Gewohnheiten, Vorurteilen und Erde bestehn und dennoch nach Kräften unseren Weg gehen: gerade das macht das Humane aus! Man braucht also, was du sagst, nur ein wenig an der Wirklichkeit zu messen, so zeigt es sich bestenfalls als Literatur!«

Ulrich räumte ein: »Wenn du mir erlaubst, darunter auch alle anderen Künste zu verstehn, die Lebenslehren, Religionen und so weiter, dann will ich allerdings etwas dem Ähnliches behaupten, daß unser Dasein ganz und gar aus Literatur bestehen sollte!«

»Ach? Du nennst die Güte des Erlösers oder das Leben Napoleons Literatur?!« rief Walter aus. Aber dann fiel ihm etwas Besseres ein, er wandte sich mit der Ruhe, die ein guter Trumpf gibt, seinem Freunde zu und erklärte: »Du bist ein Mensch, der das Büchsengemüse für den Sinn des frischen Gemüses erklärt!«

»Du hast gewiß recht. Du könntest auch sagen, ich sei einer, der nur mit Salz kochen will« gab Ulrich ruhig zu. Er wollte nun nicht mehr darüber reden.

Hier mengte sich aber Clarisse ein und wandte sich an Walter. »Ich weiß nicht, warum du ihm widersprichst! Hast du nicht selbst jedesmal, wenn mit uns etwas Besonderes los war, gesagt: Das sollte man jetzt auf einer Bühne allen Leuten vorspielen können, damit sie es sehen und verstehen müßten! – Eigentlich müßte man singen!« wandte sie sich zustimmend an Ulrich. »Singen müßte man sich!«

Sie war aufgestanden und in den kleinen Kreis getreten, den die Stühle bildeten. Ihre Haltung war eine etwas ungeschickte Selbstdarstellung ihrer Wünsche, als wollte sie sich zu einem Tanz anschicken; und Ulrich, der gegen geschmacklose Entblößungen des Gemüts empfindlich war, erinnerte sich in diesem Augenblick daran, daß die meisten Menschen, also um es rund heraus zu sagen, die Durchschnittsmenschen, deren Geist gereizt ist, ohne etwas schaffen zu können, diesen Wunsch hegen, sich darstellen zu dürfen. Sie sind es ja auch, in denen so leicht »Unaussprechliches« vorgeht, wahrhaft ein Leibwort und der nebelhafte Untergrund, worauf das, was sie aussprechen, ungewiß vergrößert erscheint, so daß sie nie seinen richtigen Wert erkennen. Um dem ein Ende zu machen, sagte er: »Ich habe das nicht gemeint; aber Clarisse hat recht: Das Theater beweist, daß heftige persönliche Erlebniszustände einem unpersönlichen Zweck, einem Bedeutungs- und Bildzusammenhang dienen können, der sie halb und halb von der Person lostrennt.«

»Ich verstehe Ulrich sehr gut!« fiel Clarisse wieder ein. »Ich kann mich nicht erinnern, daß mir je etwas eine besondere Freude gemacht hätte, weil es mir persönlich widerfahren ist; wenn es nur überhaupt geschah! Musik willst du doch auch nicht ›haben‹,« wandte sie sich an ihren Gatten »es gibt kein anderes Glück, als daß sie da ist. Man zieht die Erlebnisse an sich und breitet sie im gleichen Zug wieder aus, man will sich, aber man will sich doch nicht als Krämer seiner selbst!«

Walter griff sich an die Schläfen; um Clarissens willen ging er aber zu einer neuen Widerlegung über. Er bemühte sich, seine Worte wie einen ruhigen kalten Strahl kommen zu lassen. »Wenn du den Wert eines Verhaltens nur in das Aussenden geistiger Kraft verlegst,« wandte er sich an Ulrich »so möchte ich dich jetzt etwas fragen: Das wäre doch nur möglich in einem Leben, das keinen anderen Zweck hätte, als das Erzeugen geistiger Kraft und Macht?«

»Es ist das Leben, das alle vorhandenen Staaten anzustreben behaupten!« entgegnete dieser.

»In einem solchen Staat würden die Menschen also nach großen Empfindungen und Ideen leben, nach Philosophien und Romanen?« fuhr Walter fort. »Ich frage dich nun weiter: Würden sie so leben, daß große Philosophie und Dichtung entstünde, oder so, daß alles, was sie lebten, sozusagen schon Philosophie und Dichtung in Fleisch und Blut wäre? Ich zweifle ja nicht, was du meinst, denn das erste wäre nichts anderes, als man ohnehin heute unter einem Kulturstaat versteht; aber da du das zweite meinst, so übersiehst du, daß Philosophie und Dichtung dort recht überflüssig wären. Abgesehen davon, daß man sich dein Leben nach der Art der Kunst, oder wie du es nennen willst, überhaupt nicht vorstellen kann, bedeutet es also nichts anderes als das Ende der Kunst!« So schloß er und spielte mit Rücksicht auf Clarisse diesen Trumpf mit Nachdruck aus.

Es wirkte. Sogar Ulrich brauchte eine Weile, bis er sich gefaßt hatte. Aber dann lachte er und fragte: »Weißt du denn nicht, daß jedes vollkommene Leben das Ende der Kunst wäre? Mir scheint, du bist doch selbst auf dem Wege, um der Vollkommenheit deines Lebens willen mit der Kunst Schluß zu machen?«

Er meinte es nicht bös, aber Clarisse horchte auf.

Und Ulrich fuhr fort: »Jedes große Buch atmet diesen Geist aus, der die Schicksale einzelner Personen liebt, weil sie sich mit den Formen nicht vertragen, die ihnen die Gesamtheit aufnötigen will. Es führt zu Entscheidungen, die sich nicht entscheiden lassen; man kann nur ihr Leben wiedergeben. Zieh den Sinn aus allen Dichtungen, und du wirst eine zwar nicht vollständige, aber erfahrungsmäßige und endlose Leugnung in Einzelbeispielen aller gültigen Regeln, Grundsätze und Vorschriften erhalten, auf denen die Gesellschaft ruht, die diese Dichtungen liebt! Vollends ein Gedicht mit seinem Geheimnis schneidet ja den Sinn der Welt, wie er an tausenden alltäglichen Worten hängt, mitten durch und macht ihn zu einem davonfliegenden Ballon. Wenn man das, wie es üblich ist, Schönheit nennt, so sollte Schönheit ein unsagbar rücksichtsloser und grausamerer Umsturz sein, als es je eine politische Revolution gewesen ist!«

Walter war bis in die Lippen blaß geworden. Diese Auffassung der Kunst als eine Lebensverneinung, als einen Widerspruch zum Leben haßte er. Das war in seinen Augen Boheme, Rest eines veralteten Wunsches, den »Bürger« zu ärgern. Die ironische Selbstverständlichkeit, daß es in einer vollendeten Welt keine Schönheit mehr geben könne, weil sie dort zur Überflüssigkeit wird, bemerkte er darin; aber die unausgesprochene Frage seines Freundes hörte er nicht. Denn die Einseitigkeit in dem, was er behauptete, lag auch für Ulrich klar zu Tage. Er hätte ebensogut das Gegenteil davon sagen können, daß Kunst Leugnung sei, denn Kunst ist Liebe; indem sie liebt, macht sie schön, und es gibt vielleicht auf der ganzen Welt kein anderes Mittel, ein Ding oder Wesen schön zu machen, als es zu lieben. Und nur weil auch unsere Liebe bloß aus Stücken besteht, ist die Schönheit so etwas wie Steigerung und Gegensatz. Und es gibt nur das Meer der Liebe, worin die einer Steigerung nicht mehr fähige Vorstellung der Vollkommenheit und die auf Steigerung beruhende der Schönheit eins sind! Wieder einmal hatten Ulrichs Gedanken das »Reich« gestreift, und er hielt unwillig ein. Auch Walter hatte sich inzwischen gesammelt, und nachdem er die Andeutung seines Freundes, man sollte ungefähr so leben, wie man lese, zuerst für eine gewöhnliche und sodann für eine unmögliche Behauptung erklärt hatte, ging er nun dazu über, sie als eine sündhafte und gemeine zu beweisen.

»Wenn ein Mensch« begann er in der gleichen kunstvoll zurückhaltenden Weise wie zuvor »nur deinen Vorschlag zur Grundlage seines Lebens nähme, so müßte er ungefähr – um von anderen Unmöglichkeiten zu schweigen – alles das gut heißen, was eine schöne Idee in ihm anregt; ja sogar alles das, was die Möglichkeit in sich trägt, unter eine solche gefaßt zu werden. Das würde natürlich den allgemeinen Verfall bedeuten, aber da dir diese Seite voraussichtlich gleichgültig ist – oder vielleicht denkst du an jene ungewissen allgemeinen Vorkehrungen, von denen du nichts Näheres gesagt hast, – so möchte ich bloß Auskunft über die persönlichen Folgen. Mir scheint es nicht anders möglich zu sein, als daß ein solcher Mensch dann in allen Fällen, wo er nicht gerade der Dichter seines Lebens ist, schlimmer als ein Tier daran wäre; wenn ihm keine Idee einfiele, würde ihm auch keine Entscheidung einfallen, er wäre einfach für einen großen Teil des Lebens seinen Trieben, Launen, den gewöhnlichen Allerweltsleidenschaften, mit einem Wort, dem Allerunpersönlichsten ausgeliefert, woraus ein Mensch nur besteht, und müßte sozusagen, solange die Obstruktion der oberen Leitung andauert, standhaft mit sich machen lassen, was ihm gerade einfällt!?«

»Er müßte sich dann weigern, etwas zu tun!« antwortete statt Ulrichs Clarisse. »Das ist der aktive Passivismus, dessen man unter Umständen fähig sein muß!«

Walter brachte nicht den Mut auf, sie anzublicken. Die Fähigkeit der Weigerung spielte ja unter ihnen eine große Rolle; Clarisse, im langen, die Füße bedeckenden Nachthemd wie ein kleiner Engel anzusehen, stand aufgesprungen im Bett und deklamierte mit blitzenden Zähnen frei nach Nietzsche. »Wie ein Senkblei werfe ich meine Frage in deine Seele! Du wünschest dir Kind und Ehe, aber ich frage dich: Bist du der Mensch, der ein Kind sich wünschen darf?! Bist du der Siegreiche, der Gebieter deiner Tugenden? Oder reden aus dir Tier und Notdurft . . .!?«; im Halbdunkel des Schlafzimmers war das ganz grausig anzusehen gewesen, während Walter sie vergeblich in die Polster herab zu locken versuchte. Und nun würde sie in Zukunft also über ein neues Schlagwort verfügen; aktiver Passivismus, dessen man gegebenenfalls fähig sein müsse, das klang ganz nach einem Mann ohne Eigenschaften; vertraute sie sich ihm an? bestärkte er sie am Ende in ihren Eigenheiten? Diese Fragen krümmten sich wie Würmer in Walters Brust, und es wurde ihm beinahe übel. Er wurde jetzt aschfahl, und aus seinem Gesicht wich alle Spannung, so daß es sich kraftlos runzelte.

Ulrich bemerkte es und fragte ihn teilnehmend, ob ihm etwas fehle?

Mit Mühe sagte Walter nein und brachte forsch lächelnd hervor, daß er seinen Unsinn nur zu Ende führen möge.

»Ach Gott im Himmel,« räumte Ulrich nachgiebig ein »du hast ja nicht unrecht. Aber sehr oft haben wir aus einer Art Sportgeist Nachsicht mit Handlungen, die uns selbst schaden, wenn der Gegner sie in einer hübschen Weise durchführt; der Wert der Durchführung konkurriert dann mit dem Wert des Schadens. Sehr oft haben wir auch eine Idee, nach der wir ein Stück weit handeln, aber bald springen Gewohnheit, Beharrung, Nutzen, Einflüsterung für sie ein, weil es nicht anders geht. Ich habe also vielleicht einen Zustand beschrieben, der in keiner Weise bis zu Ende durchführbar ist, aber eines muß man ihm lassen: er ist ganz und gar der bestehende Zustand, in dem wir leben.«

Walter hatte sich wieder beruhigt. »Wenn man die Wahrheit umkehrt, kann man immer etwas sagen, das ebenso wahr wie verkehrt ist« meinte er sanft, ohne zu verbergen, daß ein weiterer Streit keinen Wert mehr für ihn habe. »Es sieht dir ähnlich, von etwas zu behaupten, es sei unmöglich, aber wirklich.«

Allein Clarisse rieb sich sehr energisch die Nase. »Ich finde das doch sehr wichtig,« sagte sie »daß in uns allen etwas Unmögliches ist. Es erklärt so vieles. Ich habe, wie ich zuhörte, den Eindruck gehabt, wenn man uns aufschneiden könnte, so würde unser ganzes Leben vielleicht wie ein Ring aussehen, bloß so rund um etwas.« Sie hatte schon vorher ihren Ehering abgezogen und guckte nun durch seine Öffnung gegen die belichtete Wand. »Ich meine, in seiner Mitte ist doch nichts, und doch sieht er genau so aus, als ob es ihm nur darauf ankäme. Ulrich kann das eben auch nicht gleich vollkommen ausdrücken!«

So endete diese Diskussion leider doch noch mit einem Schmerz für Walter.

 << Kapitel 84  Kapitel 86 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.