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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 74
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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73

Leo Fischels Tochter Gerda

 

In diesem Getriebe fand Ulrich lange nicht Zeit, das Versprechen, das er Direktor Fischel gegeben hatte, einzulösen und dessen Familie zu besuchen. Ja, recht gesagt, er fand die Zeit überhaupt nicht, ehe ihn nicht ein unerwartetes Ereignis traf; es war der Besuch von Fischels Gattin Klementine.

Sie hatte sich telefonisch angemeldet, und Ulrich sah ihr nicht ohne Besorgnis entgegen. Er hatte in ihrem Haus zuletzt vor drei Jahren verkehrt, als er einige Monate in dieser Stadt zubrachte; diesmal war er aber bloß ein einzigesmal dahin gekommen, weil er eine vergangene Liebelei nicht aufrühren wollte und Angst vor der mütterlichen Enttäuschung Frau Klementinens hatte. Allein Klementine Fischel war eine Frau mit »großdenkendem Herzen«, und in den täglichen Kleinkämpfen mit ihrem Gatten Leo hatte sie so wenig Gelegenheit, davon Gebrauch zu machen, daß für besondere Fälle, die leider selten eintraten, eine geradezu heldenhafte Gefühlshöhe zu ihrer Verfügung stand. Immerhin war die magere Frau mit dem strengen, etwas vergrämten Gesicht ein wenig verlegen, als sie sich Ulrich gegenüber befand und ihn um eine Unterredung unter vier Augen bat, obgleich sie ohnedies allein waren. – Aber er sei der einzige, auf dessen Meinung Gerda noch hören würde, sagte sie, und er möge ihre Bitte nicht mißverstehen, fügte sie nachträglich hinzu.

Ulrich kannte die Verhältnisse im Hause Fischel. Nicht nur lagen Vater und Mutter beständig im Krieg, auch Gerda, die schon dreiundzwanzigjährige Tochter, hatte sich mit einem Schwarm sonderbarer junger Leute umgeben, die den zähneknirschenden Papa Leo sehr gegen seinen Willen zum Mäzen und Förderer ihres »Neugeistes« machten, da man nirgends so bequem zusammenkommen konnte wie bei ihm. – Gerda sei so nervös und blutarm und rege sich gleich so fürchterlich auf, wenn man versuche, diesen Verkehr einzuschränken, – berichtete Frau Klementine – und es seien schließlich bloß dumme Jungen ohne Lebensart, aber ihr geflissentlich zur Schau getragener mystischer Antisemitismus sei nicht nur taktlos, sondern auch ein Zeichen von innerer Roheit. – Nein, fügte sie hinzu, sie wolle nicht über den Antisemitismus klagen, der sei eine Zeiterscheinung, und darin müsse man nun einmal resigniert sein; man könne sogar zugeben, daß in mancher Hinsicht etwas daran sein möge. – Klementine machte eine Pause und würde mit dem Taschentuch eine Träne getrocknet haben, hätte sie nicht einen Schleier getragen; aber so unterließ sie es, die Träne zu weinen, und begnügte sich, ihr weißes Tüchlein aus dem Handtäschchen bloß hervorzuziehn.

»Sie wissen, wie Gerda ist;« sagte sie »ein schönes und begabtes Mädchen, aber –«

»Ein bißchen brüsk« ergänzte Ulrich.

»Ja, Gott sei es geklagt, immer extrem.«

»Und also noch immer germanisch?«

Klementine sprach von den Gefühlen von Eltern. »Den Gang einer Mutter« nannte sie etwas pathetisch ihren Besuch, der den Nebenzweck hatte, Ulrich wieder für ihr Haus zu gewinnen, nachdem er in der Parallelaktion, wie man hörte, so große Erfolge hatte. »Ich möchte mich selbst strafen,« fuhr sie weiter fort »weil ich diesen Verkehr gegen Leos Willen in den letzten Jahren unterstützt habe. Ich fand nichts daran; diese jungen Leute sind in ihrer Art Idealisten; und wenn man unbefangen ist, muß man auch einmal ein verletzendes Wort vertragen können. Aber Leo – Sie wissen ja, wie er ist – regt sich über den Antisemitismus auf, ob dieser nun bloß mystisch und symbolisch ist oder nicht.«

»Und Gerda in ihrer freien, deutsch blonden Art will das Problem nicht anerkennen?« ergänzte Ulrich.

»Sie ist darin so, wie ich selbst in meiner Jugend gewesen bin. Glauben Sie übrigens, daß Hans Sepp eine Zukunft in sich hat?«

»Ist Gerda mit ihm verlobt?« fragte Ulrich vorsichtig.

»Dieser Junge bietet doch nicht die geringste Aussicht auf Versorgung!« seufzte Klementine. »Wie kann man da von Verlobung reden; aber als ihm Leo das Haus verbot, aß Gerda drei Wochen lang so wenig, daß sie bis auf die Knochen abgemagert ist.« Und plötzlich sagte sie zornig: »Wissen Sie, mir kommt das wie eine Hypnose vor, wie eine geistige Infektion! Ja, Gerda kommt mir manchmal wie hypnotisiert vor! Der Junge setzt in unserem Haus unaufhörlich seine Weltanschauung auseinander, und Gerda bemerkt nicht die fortgesetzte Beleidigung ihrer Eltern, die darin liegt, obgleich sie sonst immer ein gutes und herzliches Kind gewesen ist. Wenn ich ihr aber etwas sage, so antwortet sie: ›Du bist altmodisch, Mama‹. Ich dachte mir – Sie sind der einzige, auf den sie etwas gibt, und Leo hält so viel von Ihnen! – könnten Sie nicht einmal zu uns kommen und Gerda ein wenig die Augen für die Unreife von Hans und seinen Gefährten öffnen?«

Da Klementine sehr korrekt und das ein Gewaltstreich war, mußte sie sehr ernste Sorgen haben. Trotz allen Zwistes fühlte sie in dieser Lage etwas wie eine solidarische Gesamthaftung mit ihrem Gatten. Ulrich hob besorgt die Augenbrauen.

»Ich fürchte, Gerda wird sagen, daß auch ich altmodisch sei. Diese neuen jungen Leute hören nicht auf uns ältere, und das sind Prinzipienfragen.«

»Ich dachte schon, daß es Gerda vielleicht am ehesten auf andere Gedanken bringen würde, wenn Sie irgend eine Aufgabe für sie in dieser großen Aktion hätten, von der man so viel spricht« flocht Klementine ein, und Ulrich zog es vor, ihr eilig seinen Besuch zuzusagen, aber zu versichern, daß die Parallelaktion für eine solche Verwendung noch lange nicht reif genug sei.

Als ihn Gerda einige Tage später eintreten sah, bekam sie kreisrunde rote Flecken auf den Wangen, aber sie schüttelte ihm kräftig die Hand. Sie war eines jener reizend zielbewußten heutigen Mädchen, die auf der Stelle Omnibusschaffner würden, wenn eine allgemeine Idee dies verlangte.

Ulrich hatte sich in der Annahme, daß er sie allein antreffen würde, nicht getäuscht; Mama besorgte um diese Stunde Einkäufe, und Papa war noch im Büro. Und Ulrich hatte kaum die ersten Schritte ins Zimmer getan, als ihn alles zum Verwechseln an einen Tag ihres früheren Beisammenseins erinnerte. Das Jahr war damals allerdings schon um etliche Wochen weiter voran gewesen; es war Frühling gewesen, aber einer jener stechend heißen Tage, die dem Sommer zuweilen wie Glutflocken voranfliegen und von den noch nicht abgehärteten Körpern schlecht ertragen werden. Gerdas Gesicht sah angegriffen und schmal aus. Sie war weiß gekleidet und roch weiß wie auf der Wiese getrocknetes Leinen. Die Markisen waren in allen Zimmern herabgelassen, und die ganze Wohnung war voll widerspenstigen Halblichts und Wärmepfeilen, die mit abgebrochenen Spitzen durch das sackgraue Hindernis drangen. Ulrich hatte von Gerda das Gefühl, sie bestehe durch und durch aus solchen frischgewaschenen Leinenkulissen, wie es ihr Kleid war. Es war ein völlig sachliches Gefühl, und er hätte ruhig eine nach der anderen von ihr wegheben können, ohne im geringsten dazu eines verliebten Antriebs zu bedürfen. Und eben dieses Gefühl hatte er auch jetzt wieder. Es war eine scheinbar ganz natürliche, aber zwecklose Vertraulichkeit, und sie fürchteten sich beide davor.

»Warum sind Sie so lang nicht bei uns gewesen?« fragte Gerda.

Ulrich sagte ihr geradezu, daß er den Eindruck gewonnen hätte, ihre Eltern wünschten keinen so intimen Verkehr ohne das Ziel einer Heirat.

»Ach, Mama,« sagte Gerda »Mama ist lächerlich. Wir dürfen also nicht Freunde sein, ohne daß man gleich daran denkt?! Aber Papa wünscht, daß Sie häufiger kommen; Sie sollen doch bei dieser großen Geschichte etwas Wichtiges geworden sein?«

Sie sprach das ganz offen aus, diese Dummheit der alten Leute; von dem natürlichen Bündnis überzeugt, das sie beide dagegen vereinte.

»Ich werde kommen,« entgegnete Ulrich »aber nun sagen Sie mir, Gerda, wohin wird uns das führen?«

Die Sache war die, daß sie einander nicht liebten. Sie hatten früher oft gemeinsam Tennis gespielt oder sich in Gesellschaft getroffen, waren miteinander gegangen, hatten Anteil aneinander genommen und auf diese Weise unmerklich die Grenze überschritten, die einen vertrauten Menschen, dem man sich zeigt, wie man in seiner Gefühlsunordnung ist, von allen unterscheidet, vor denen man sich fein macht. Sie waren unversehens so vertraut geworden wie zwei, die sich schon lange lieben, ja fast schon nicht mehr lieben, aber hatten sich dabei die Liebe erlassen. Sie zankten einander aus, so daß man glauben konnte, sie möchten einander nicht, aber das war zugleich Hindernis und Verbindung. Sie wußten, daß nur ein kleiner Funke fehlte, um daraus ein Feuer anzurichten. Wäre der Altersunterschied zwischen ihnen geringer oder Gerda eine verheiratete Frau gewesen, so wäre wahrscheinlich aus der Gelegenheit der Dieb und aus dem Diebstahl wenigstens nachträglich eine Leidenschaft geworden, denn man redet sich in die Liebe hinein wie in den Zorn, wenn man ihre Gebärden macht. Aber gerade weil sie das wußten, taten sie es nicht. Gerda war Mädchen geblieben und ärgerte sich leidenschaftlich darüber.

Statt auf Ulrichs Frage zu antworten, hatte sie sich im Zimmer zu schaffen gemacht, und plötzlich stand er neben ihr. Das war sehr unüberlegt, denn man kann nicht in so einem Augenblick nah einem Mädchen stehn und von einer Sache zu reden beginnen. Sie folgten dem Weg des geringsten Widerstandes, wie ein Bach, der, Hindernissen ausweichend, eine Wiese hinabfließt, und Ulrich legte seinen Arm um Gerdas Hüfte, mit den Spitzen der Finger bis an die Linie gelangend, der, abwärts schießend, das innere Band des Strumpfhalters zu folgen pflegt. Er wandte sich Gerdas Gesicht zu, das verstört und verschwitzt dreinsah, und küßte sie auf die Lippen. Dann standen sie da, ohne sich loslösen oder vereinigen zu können. Seine Fingerspitzen gerieten an das breite Gummiband ihres Strumpfhalters und ließen es leise einigemal gegen ihr Bein schlagen. Nun riß er sich los und wiederholte achselzuckend seine Frage: »Wohin soll uns das führen, Gerda?!«

Gerda kämpfte ihre Aufregung nieder und sagte: »Muß es denn so sein?!«

Sie klingelte und ließ eine Erfrischung bringen; sie setzte das Haus in Betrieb.

»Erzählen Sie mir etwas von Hans!« bat Ulrich sanft, als sie saßen und ein neues Gespräch beginnen mußten. Gerda, die ihre Fassung noch nicht ganz wiedergefunden hatte, antwortete erst nicht, aber nach einer Weile sagte sie: »Sie sind ein eitler Mensch, Sie werden uns Jüngere nie verstehen!«

»Bange machen gilt nicht!« entgegnete Ulrich ableitend. »Ich glaube, Gerda, daß ich die Wissenschaft jetzt aufgebe. Ich gehe also zur neuen Generation über. Genügt es Ihnen, wenn ich beschwöre, daß das Wissen mit der Habsucht verwandt ist; einen schäbigen Spartrieb darstellt; ein überheblicher innerer Kapitalismus ist? Ich habe mehr Gefühl in mir, als Sie glauben. Aber ich möchte Sie vor allen Redereien beschützen, die bloß Worte sind!«

»Sie müssen Hans besser kennenlernen« erwiderte Gerda matt, aber fügte dann plötzlich heftig an: »Übrigens werden Sie es doch nie verstehn, daß man mit anderen Menschen zu einer Gemeinschaft ohne Selbstsucht verschmelzen kann!«

»Kommt Hans noch immer so oft zu Ihnen?« beharrte Ulrich vorsichtig. Gerda zuckte die Achseln.

Ihre klugen Eltern hatten Hans Sepp nicht das Haus verboten, sondern ihm einige Tage im Monat eingeräumt. Dafür mußte Hans Sepp, der Student, der nichts war und noch keine Aussicht hatte, etwas zu werden, ihnen sein Ehrenwort geben, fortab Gerda zu nichts Unrechtem zu verleiten und die Propaganda der deutschen mystischen Tat einzustellen. Sie hofften, ihm damit den Zauber des Verbotenen zu nehmen. Und Hans Sepp hatte in seiner Keuschheit (denn nur Sinnlichkeit will Besitz, ist aber jüdisch-kapitalistisch) das abverlangte Ehrenwort ruhig gegeben, worunter er jedoch nicht verstand, daß er heimlich öfter ins Haus kommen oder glühende Reden, begeisterte Händedrücke und selbst Küsse unterlassen werde, was alles noch zum natürlichen Leben befreundeter Seelen gehört; sondern nur die Propaganda für ein priester- und staatsloses Bündnis, die er bis dahin theoretisch betrieben hatte. Er hatte sein Ehrenwort umso lieber gegeben, als er die seelische Reife für die Tatung seiner Grundsätze bei sich und Gerda noch nicht für gekommen erachtete und ein Riegel gegen die Einflüsterungen der niederen Natur ganz nach seinem Sinne war.

Aber die beiden jungen Leute litten natürlich unter diesem Zwang, der ihnen von außen eine Grenze setzte, ehe sie noch die innere, eigene gefunden hatten. Namentlich Gerda hätte sich diesen Eingriff ihrer Eltern nicht gefallen lassen, wäre sie nicht selbst unsicher gewesen; aber umso bitterer empfand sie ihn. Sie liebte ihren jungen Freund eigentlich nicht sehr; weit mehr war es der Gegensatz zu ihren Eltern, den sie in Anhänglichkeit an ihn übersetzte. Wäre Gerda einige Jahre später geboren worden, so wäre ihr Papa einer der reichsten Männer der Stadt gewesen, wenn auch gerade dann kein besonders gut angesehener, und ihre Mutter würde ihn wieder bewundert haben, ehe Gerda in die Lage hätte kommen können, die Streitigkeiten zwischen ihren Erzeugern als Zwiespalt in sich selbst zu empfinden. Sie würde sich dann wahrscheinlich mit Stolz als ein Rassenmischwesen gefühlt haben; wie die Verhältnisse aber in Wirklichkeit waren, lehnte sie sich gegen ihre Eltern und deren Lebensprobleme auf, wollte nicht von ihnen erblich belastet sein und war blond, frei, deutsch und kraftvoll, als hätte sie mit ihnen nichts zu tun. Das besaß, so gut es aussah, den Nachteil, daß sie nie dazu gekommen war, den Wurm, der an ihr fraß, ans Licht zu befördern. In ihrer häuslichen Umgebung wurde die Tatsache, daß es Nationalismus und Rassenideologie gebe, obgleich diese halb Europa in hysterische Gedanken verwickelten und sich gerade innerhalb der Fischelschen Mauern alles um sie drehte, als nicht vorhanden behandelt. Was Gerda davon wußte, war von außen, in den dunklen Formen des Gerüchts, als Andeutung und Übertreibung zu ihr gedrungen. Der Widerspruch, der darin lag, daß ihre Eltern sonst von allem, was viele Leute sagten, einen starken Eindruck empfingen, in diesem Fall aber eine sonderbare Ausnahme machten, hatte sich ihr früh eingeprägt; und weil ihr ein bestimmter und nüchterner Sinn in dieser gespenstischen Frage abging, setzte sie mit ihr namentlich in den Jahren der Halbreife alles in Verbindung, was ihr in ihrem Elternhaus unangenehm und unheimlich war.

Eines Tages lernte sie den christgermanischen Kreis junger Leute kennen, dem Hans Sepp angehörte, und fühlte sich mit einemmal in ihrer wahren Heimat. Es wäre schwer zu sagen, woran diese jungen Menschen glaubten; sie bildeten eine jener unzähligen kleinen, unabgegrenzten freien Geistessekten, von denen die deutsche Jugend seit dem Zerfall des humanistischen Ideals wimmelt. Sie waren keine Rasseantisemiten, sondern Gegner der »jüdischen Gesinnung«, worunter sie Kapitalismus und Sozialismus, Wissenschaft, Vernunft, Elternmacht und -anmaßung, Rechnen, Psychologie und Skepsis verstanden. Ihr Hauptlehrstück war das »Symbol«; soweit Ulrich folgen konnte, und er hatte ja einiges Verständnis für derlei Dinge, nannten sie Symbol die großen Gebilde der Gnade, durch die das Verwirrte und Verzwergte des Lebens, wie Hans Sepp sagte, klar und groß wird, die den Lärm der Sinne verdrängen und die Stirn in den Strömen der Jenseitigkeit netzen. Den Isenheimer Altar, die ägyptischen Pyramiden und Novalis nannten sie so; Beethoven und Stefan George ließen sie als Andeutungen gelten, und was ein Symbol, in nüchternen Worten ausgedrückt, sei, das sagten sie nicht, erstens weil sich Symbole in nüchternen Worten nicht ausdrücken lassen, zweitens weil Arier nicht nüchtern sein dürfen, weshalb ihnen im letzten Jahrhundert nur Andeutungen von Symbolen gelungen sind, und drittens weil es eben Jahrhunderte gibt, die den menschenfernen Augenblick der Gnade im menschenfernen Menschen nur noch spärlich hervorbringen.

Gerda, die ein kluges Mädchen war, empfand heimlich nicht wenig Mißtrauen gegen diese übertriebenen Anschauungen, aber sie mißtraute auch diesem Mißtrauen, in dem sie ein Erbteil der elterlichen Vernunft zu erkennen glaubte. So unabhängig sie sich gab, war sie ängstlich bemüht, ihren Eltern nicht zu gehorchen, und litt unter der Bangigkeit, daß ihre Abstammung sie hindern könnte, Hansens Gedanken zu folgen. Sie regte sich gegen die Tabugrenzen der Moral des sogenannten guten Hauses, den anmaßenden und erstickenden Eingriff des elterlichen Verfügungsrechts in die Persönlichkeit aus dem Innersten auf, indessen Hans, der aus »gar keinem Haus« stammte, wie ihre Mutter das ausdrückte, weit weniger litt; er hatte sich aus dem Kreis der Gefährten als der »Seelenführer« Gerdas herausgeschält, sprach leidenschaftlich mit der gleichaltrigen Freundin und versuchte, sie mit seinen von Küssen begleiteten großen Auseinandersetzungen in die »Region der Unbedingtheit« zu entrücken, aber praktisch fand er sich mit der Bedingtheit des Hauses Fischel ganz geschickt ab, sofern man ihm nur erlaubte, es »aus Gesinnung« abzulehnen, was freilich fortwährend Anlaß zu Krach mit Papa Leo gab.

»Liebe Gerda,« sagte Ulrich nach einer Weile »Ihre Freunde quälen Sie mit Ihrem Vater und sind die schrecklichsten Erpresser, die ich kenne!«

Gerda wurde blaß und rot. »Sie selbst sind kein junger Mensch mehr,« entgegnete sie, »Sie denken anders als wir!« Sie wußte, daß sie Ulrichs Eitelkeit getroffen hatte, und fügte versöhnlich hinzu: »Ich stelle mir unter Liebe überhaupt nicht riesig viel vor. Vielleicht verliere ich meine Zeit mit Hans, wie Sie sagen; vielleicht muß ich überhaupt verzichten und werde nie jemand so gern haben, daß ich ihm jede Falte meiner Seele im Denken und Fühlen, im Arbeiten und Träumen öffnen kann: Ich stelle es mir nicht einmal so schrecklich vor!«

»Sie sind so altklug, Gerda, wenn Sie wie Ihre Freunde reden!« unterbrach sie Ulrich.

Gerda wurde heftig. »Wenn ich mit meinen Freunden rede,« rief sie aus »so gehen die Gedanken von einem zum andern, und wir wissen, daß wir in unserem Volk leben und sprechen: verstehen Sie das denn überhaupt? Wir stehen zwischen ungezählten Artgenossen und fühlen sie; das ist in einer Weise sinnkörperlich, die Sie bestimmt – nein, die Sie sich bestimmt nicht einmal vorstellen können; weil Sie immer nur nach einem Menschen begehrt haben; Sie denken wie ein Raubtier!«

Warum wie ein Raubtier? Der Satz, wie er in der Luft war, verräterisch, kam ihr selbst unsinnig vor, und sie schämte sich ihrer Augen, die sich, angstvoll aufgerissen, auf Ulrich richteten.

»Ich will nicht darauf antworten« sagte Ulrich sanft. »Ich will Ihnen, um das Gespräch zu ändern, lieber eine Geschichte erzählen. Kennen Sie« – und er zog sie mit seiner Hand, in der das Gelenk der ihren verschwand wie ein Kind zwischen Bergfelsen, näher an sich heran – »die aufregende Geschichte vom Mondeinfang? Sie wissen doch, daß unsere Erde früher mehrere Monde hatte? Und es gibt eine Theorie, die viele Anhänger besitzt, nach der solche Monde nicht das sind, wofür wir sie halten, erkaltete Himmelskörper, ähnlich der Erde selbst, sondern große, durch den Weltraum eilende Eiskugeln, die der Erde zu nahe gekommen sind und von ihr festgehalten werden. Unser Mond wäre die letzte davon. Sehen Sie ihn sich doch einmal an!« Gerda war ihm gefolgt und suchte im Sonnenhimmel den bleichen Mond. »Sieht er nicht aus wie eine Eisscheibe?« fragte Ulrich. »Das ist nicht Beleuchtung! Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es kommt, daß der Mann im Mond uns immer die gleiche Ansicht zukehrt? Er dreht sich nämlich nicht mehr, unser letzter Mond, er ist schon festgehalten! Sehen Sie, wenn der Mond einmal in die Gewalt der Erde gekommen ist, so kreist er ja nicht nur um sie, sondern sie zieht ihn auch immer näher an sich. Wir bemerken es bloß nicht, weil dieses Heranschrauben Jahrhunderttausende dauert oder noch länger. Aber es ist nicht wegzuleugnen, und in der Geschichte der Erde müssen Jahrtausende vorgekommen sein, wo die Monde vor diesem von ihr ganz nah herangezogen worden waren und mit einer ungeheuren Geschwindigkeit um die Erde rasten. Und so wie heute der Mond eine Flutwelle nach sich zieht, die einen Meter oder zwei hoch ist, so schleifte er damals einen Wasser- und Schlammberg so hoch wie ein Gebirge in taumelnder Fahrt um die Erde. Man kann sich eigentlich die Angst kaum vorstellen, in der durch solche Jahrtausende Geschlecht um Geschlecht auf der wahnsinnigen Erde gelebt haben muß –«

»Hat es denn damals schon Menschen gegeben?« fragte Gerda.

»Gewiß. Denn zum Schluß zerreißt solch ein Eismond, prasselt nieder, und die Flut, die er unter seiner Bahn berghoch zusammengezogen hat, fällt zurück und schlägt mit einer ungeheuren Welle über der ganzen Kugel zusammen, ehe sie sich wieder von neuem verteilt: Das ist nichts anderes als die Sintflut, was so viel heißt wie große allgemeine Überschwemmung! Wie könnten alle Sagen das so übereinstimmend überliefern, wenn die Menschen es nicht wirklich mitgemacht hätten? Und da wir einen Mond noch haben, werden solche Jahrtausende auch noch einmal wiederkommen. Es ist ein sonderbarer Gedanke . . .«

Gerda blickte atemlos zum Fenster hinaus auf den Mond; sie hatte ihre Hand noch immer in der seinen liegen, der Mond lag als blasser, häßlicher Fleck im Himmel, und gerade dieses unscheinbare Dasein gab dem phantastischen Weltabenteuer, als dessen Opfer sie in irgendeiner Gefühlsverbindung sich selbst empfand, schlichte Alltagswahrheit.

»Diese Geschichte ist aber gar nicht wahr« sagte Ulrich. »Die Sachverständigen nennen es eine verrückte Theorie, und in Wirklichkeit kommt der Mond auch nicht der Erde näher, sondern ist sogar um zweiunddreißig Kilometer weiter von ihr entfernt, als es rechnungsgemäß sein sollte, wenn ich mich recht erinnere.«

»Warum haben Sie mir dann diese Geschichte erzählt?« fragte Gerda und versuchte ihre Hand aus der seinen zu ziehn. Ihre Auflehnung hatte jedoch alle Kraft verloren; es ging ihr immer so, wenn sie mit einem Mann sprach, der keineswegs dümmer war als Hans, aber Ansichten ohne Übertreibung hatte, geputzte Fingernägel und gekämmtes Haar. Ulrich beobachtete den feinen schwarzen Flaum, der auf Gerdas blonder Haut als Widerspruch hervorbrach; das vielfältig Zusammengesetzte armer Menschen von heute schien mit diesen Härchen aus dem Leib zu sprossen. »Ich weiß es nicht« antwortete er. »Soll ich wiederkommen?«

Gerda ließ die Aufregung ihrer freigewordenen Hand an verschiedenen kleinen Gegenständen aus, die sie hin und her rückte, und erwiderte nichts.

»Ich komme also bald wieder« versprach Ulrich, obgleich das vor diesem Wiedersehn nicht seine Absicht gewesen war.

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