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Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch - Kapitel 72
Quellenangabe
pfad/musil/mannohne/mannohne.html
typefiction
authorRobert Musil
titleDer Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch
publisherRowohlt Verlag
printrun1.-50. Tausend
editorAdolf Frisé
year1970
isbn3498092766
firstpub1930 - 1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
thirdcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111130
modified20141020
lastmodified20161104
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71

Der Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät beginnt zu tagen

 

Von ihrem Brief an Graf Leinsdorf und von ihrer Aufforderung, daß Ulrich Moosbrugger retten solle, hatte Clarisse kein Wort gesagt; sie schien das alles vergessen zu haben. Aber auch Ulrich kam nicht so bald dazu, sich wieder daran zu erinnern. Denn endlich war Diotima mit allen Vorbereitungen so weit, daß innerhalb der »Enquete zur Fassung eines leitenden Beschlusses und Feststellung der Wünsche der beteiligten Kreise der Bevölkerung in bezug auf das Siebzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät« der besondere »Ausschuß zur Fassung eines leitenden Beschlusses in bezug auf das Siebzigjährige Regierungsjubiläum Sr. Majestät« einberufen werden konnte, dessen Leitung Diotima sich persönlich vorbehalten hatte. Se. Erlaucht hatte selbst die Einladung verfaßt, Tuzzi hatte sie korrigiert, und Arnheim hatte seine Verbesserungen von Diotima zu sehen bekommen, ehe sie genehmigt wurden. Trotzdem kam alles darin vor, was den Geist Sr. Erlaucht beschäftigte. »Was uns zu dieser Zusammenkunft führt,« – stand in dem Schreiben – »ist die Übereinstimmung in der Frage, daß eine machtvolle, aus der Mitte des Volks aufsteigende Kundgebung nicht dem Zufall überlassen bleiben dürfe, sondern eine weit vorausblickende und von einer Stelle, die einen weiten Überblick hat, also von oben kommende Einflußnahme erfordere.« Es folgten dann das »hochseltene Fest der Siebzigjährigen segensreichen Thronbesteigung«, die »dankbar gescharten« Völker, der Friedenskaiser, die mangelnde politische Reife, das weltösterreichische Jahr, und schließlich kam die Mahnung an »Besitz und Bildung«, das alles zu einer glanzvollen Kundgebung des »wahren« Österreichertums zu gestalten, aber recht vorsichtig zu erwägen.

Aus Diotimas Listen waren die Gruppen Kunst, Literatur und Wissenschaft herausgehoben und durch umfassende Bemühungen sorgfältig ergänzt worden, während andererseits von den Personen, die dem Ereignis beiwohnen durften, ohne daß man Tätigkeit von ihnen erwartete, nach strengster Siebung nur eine ganz kleine Anzahl übrig geblieben war; dennoch hob sich die Zahl der Eingeladenen so hoch, daß von einem regelrechten Tafeln am grünen Tisch nicht die Rede sein konnte und die lockere Form von Empfangabenden mit kaltem Büfett gewählt werden mußte. Man saß und stand, wie man es möglich machen konnte, und Diotimas Räume glichen einem geistigen Heerlager, das mit belegten Broten, Torten, Weinen, Likören und Tee in solchen Maßen verpflegt wurde, wie sie nur durch besondere budgetäre Zugeständnisse möglich wurden, die Herr Tuzzi seiner Gattin gemacht hatte; widerspruchslos, wie hinzugefügt werden muß, woraus sich schließen läßt, daß er darauf aus war, sich neuer, geistiger diplomatischer Methoden zu bedienen.

Die gesellschaftliche Bewältigung dieses Auflaufs stellte große Anforderungen an Diotima, und sie würde vielleicht an manchem Anstoß genommen haben, hätte ihr Kopf nicht einer prächtigen Fruchtschale geglichen, aus deren Überfülle die Worte beständig über den Rand fielen; Worte, mit denen die Hausfrau jeden Erschienenen begrüßte und durch genaue Kenntnis seines letzten Werks entzückte. Die Vorbereitungen dazu waren außerordentlich gewesen und konnten nur mit Hilfe Arnheims bewältigt werden, der ihr seinen Privatsekretär zur Verfügung gestellt hatte, um das Material zu ordnen und auszugsweise die wichtigsten Angaben zu sammeln. Die wundervolle Schlacke dieses Feuereifers bildete eine große Bibliothek, die aus den Mitteln angeschafft worden, die Graf Leinsdorf für den Anfang der Parallelaktion ausgeworfen hatte, und gemeinsam mit den eigenen Büchern Diotimas wurde sie als einziger Schmuck im letzten der ausgeräumten Zimmer aufgestellt, dessen blumige Tapete, soweit sie überhaupt noch zu sehen war, das Boudoir verriet, ein Zusammenhang, der zu schmeichelhaftem Nachdenken über die Bewohnerin anregte. Diese Bibliothek erwies sich aber auch noch in anderer Weise als vorteilhafte Anlage; denn jeder der Geladenen steuerte, nachdem er Diotimas huldvolle Begrüßung in Empfang genommen, unschlüssig durch die Zimmer und wurde dabei unfehlbar von der am Ende befindlichen Bücherwand angezogen, sobald er ihrer ansichtig wurde; es hob und senkte sich immer eine Schar von Rücken musternd vor ihr, wie die Bienen vor einer Blumenhecke, und wenn die Ursache auch nur jene edle Neugier war, die jeder Schaffende für Büchersammlungen hegt, so drang doch süße Befriedigung ins Mark, wenn der Schauende endlich seine eigenen Werke entdeckte, und das patriotische Unternehmen hatte seinen Nutzen davon.

In der geistigen Leitung der Versammlung ließ Diotima zunächst schöne Willkür walten, wenn sie auch Wert darauflegte, namentlich den Dichtern gleich zu versichern, daß alles Leben im Grunde auf einer inneren Dichtung ruhe, sogar das Geschäftsleben, wenn man es »großzügig ansehe«. Es wunderte keinen, nur stellte es sich heraus, daß die meisten der durch solche Ansprachen Ausgezeichneten in der Überzeugung erschienen waren, man habe sie eingeladen, damit sie selbst kurz, das heißt in etwa fünf bis fünfundvierzig Minuten, der Parallelaktion einen Rat geben sollten, den befolgend, sie nicht mehr fehlgehen könne, mochten auch spätere Redner die Zeit mit zwecklosen und falschen Vorschlägen vergeuden. Diotima geriet anfangs geradezu in eine weinerliche Gemütsstimmung dadurch und konnte ihre unbefangene Haltung nur mühsam bewahren, denn es kam ihr vor, daß jeder etwas anderes sage, ohne daß sie imstande sei, es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Sie hatte noch keine Erfahrung in solchen Konzentrationsgraden des schönen Geistes, und da ein so universales Zusammentreffen großer Männer auch nicht so leicht ein zweitesmal vorkommt, ließ es sich nur Schritt um Schritt, ordentlich mühsam und methodisch begreifen. Es gibt übrigens in der Welt viele Dinge, die einzeln für den Menschen etwas ganz anderes bedeuten als beisammen; zum Beispiel Wasser ist in zu großen Mengen ein genau um den Unterschied zwischen Trinken und Ertrinken geringeres Vergnügen als in kleinen, und um Gifte, Vergnügungen, Muße, Klavierspiel, Ideale ist es ähnlich bestellt, ja wahrscheinlich um alles, so daß es ganz und gar von dem Grad seiner Dichtigkeit und anderen Umständen abhängt, was etwas ist. Hinzugefügt werden muß also bloß, daß auch das Genie keine Ausnahme davon macht, damit man in den folgenden Eindrücken nicht etwa eine Herabsetzung der großen Persönlichkeiten erblickt, die sich in selbstloser Weise Diotima zur Verfügung gestellt hatten.

Denn man konnte gleich bei diesem ersten Zusammentreffen den Eindruck gewinnen, daß sich jeder große Geist in einer äußerst unsicheren Lage fühle, sobald er den Schutz seines Gipfelhorstes verläßt und sich auf gemeinem Boden verständigen soll. Die außerordentliche Rede, die gleichsam wie ein Himmelsvorgang über Diotima hinwegging, solange sie sich mit einem der Gewaltigen im Gespräch allein befand, machte, wenn ein Dritter oder Vierter hinzutrat und nun mehrere Reden in Widerspruch zueinander gerieten, einem peinlichen Unvermögen, zur Ordnung zu gelangen, Platz, und wer sich nicht vor solchen Vergleichen scheut, konnte das Bild eines Schwans empfangen, der sich nach stolzem Flug auf der Erde weiter bewegt. Jedoch nach längerer Bekanntschaft läßt sich auch das sehr gut verstehen. Das Leben großer Geister beruht heute auf einem »Man weiß nicht wozu«. Sie genießen große Verehrung, die sich an ihrem fünfzigsten bis hundertsten Geburtstag äußert oder beim Fest des zehnjährigen Bestehens einer landwirtschaftlichen Hochschule, die sich mit Ehrendoktoren schmückt, aber auch sonst bei verschiedenen Gelegenheiten, wo man von deutschem Geistesgut reden muß. Wir haben in unserer Geschichte große Männer gehabt und betrachten das als eine zu uns gehörende Einrichtung, geradeso wie die Gefängnisse oder das Militär; man muß, wenn sie da ist, auch jemand hineinstecken. Also nimmt man, mit einem gewissen Automatismus, der solchen sozialen Bedürfnissen eignet, immer den dazu, der gerade an der Reihe ist, und erweist ihm die Ehren, die zur Verleihung reif sind. Aber diese Verehrung ist nicht ganz reell; auf ihrem Grunde gähnt die allgemein bekannte Überzeugung, daß eigentlich doch kein einziger sie verdient, und es läßt sich schwer unterscheiden, ob sich der Mund aus Begeisterung oder zum Gähnen öffnet. Es hat etwas von Totenverehrung an sich, wenn heute ein Mann genial genannt wird, mit dem stillschweigenden Zusatz, daß es das gar nicht mehr gibt, und hat etwas von jener hysterischen Liebe, die ein großes Spektakel aus keiner anderen Ursache aufführt, als weil ihr eigentlich das Gefühl fehlt.

Ein solcher Zustand ist begreiflicherweise nicht angenehm für empfindsame Geister, und sie suchen sich seiner auf verschiedene Art zu entledigen. Die einen werden aus Verzweiflung wohlhabend, indem sie den Bedarf benützen lernen, der nun einmal nicht nur nach großen Geistern, sondern auch nach wilden Männern, geistvollen Romanciers, schwellenden Naturkindern und Führern der neuen Generation besteht; die anderen tragen eine unsichtbare Königskrone auf dem Haupte, die sie unter gar keinen Umständen ablegen, und versichern erbittert bescheiden, daß sie über den Wert des von ihnen Geschaffenen erst in drei bis zehn Jahrhunderten urteilen lassen wollen; alle aber empfinden es als eine furchtbare Tragik des deutschen Volks, daß die wirklich Großen niemals sein lebender Kulturbesitz werden, da sie ihm zu weit voraus sind. Es muß jedoch betont werden, daß bis hieher von den sogenannten schönen Geistern gesprochen worden ist, denn es gibt in den Beziehungen des Geistes zur Welt einen sehr bemerkenswerten Unterschied. Während der schöne Geist in der gleichen Weise wie Goethe und Michelangelo, Napoleon und Luther bewundert sein will, weiß heute kaum noch irgendwer den Namen des Mannes, der den Menschen den unsagbaren Segen der Narkose geschenkt hat, niemand forscht im Leben von Gauß, Euler oder Maxwell nach einer Frau von Stein, und die wenigsten kümmert es, wo Lavoisier und Cardanus geboren wurden und gestorben sind. Statt dessen lernt man, wie ihre Gedanken und Erfindungen durch die Gedanken und Erfindungen anderer, ebenso uninteressanter Personen weiter entwickelt worden sind, und beschäftigt sich unausgesetzt mit ihrer Leistung, die in anderen weiterlebt, nachdem das kurze Feuer der Person längst schon abgebrannt ist. Man staunt im ersten Augenblick, wenn man wahrnimmt, wie scharf dieser Unterschied zwei Weisen menschlichen Verhaltens voneinander abteilt, aber alsbald melden sich die Gegenbeispiele, und er will als die natürlichste aller Grenzen erscheinen. Vertraute Gewohnheit versichert uns, es sei die Grenze zwischen Person und Arbeit, zwischen Größe des Menschen und der einer Sache, zwischen Bildung und Wissen, Humanität und Natur. Arbeit und industriöses Genie vermehren nicht die moralische Größe, das Mannsein unter den Augen des Himmels, die unzerlegbare Lehre des Lebens, die sich nur in Beispielen weitererbt, von Staatsmännern, Helden, Heiligen, Sängern, allerdings auch von Filmschauspielern; eben jene große, irrationale Macht, an der sich auch der Dichter teilhaben fühlt, solange er an sein Wort glaubt und daran festhält, daß aus ihm, je nach seinen Lebensverhältnissen, die Stimme des Inneren, des Blutes, des Herzens, der Nation, Europas oder der Menschheit spricht. Es ist das geheimnisvolle Ganze, als dessen Werkzeug er sich fühlt, während die anderen bloß im Begreiflichen wühlen, und an diese Sendung muß man glauben, ehe man sie sehen lernen kann! Was uns dessen versichert, ist zweifellos eine Stimme der Wahrheit, aber bleibt nicht eine Sonderbarkeit an dieser Wahrheit hängen? Denn dort, wo man weniger auf die Person als auf die Sache sieht, ist merkwürdigerweise immer von frischem eine neue Person da, die die Sache vorwärts führt; wogegen sich dort, wo man auf die Person achtet, nach Erreichung einer gewissen Höhe das Gefühl einstellt, es sei keine ausreichende Person mehr da und das wahrhaft Große gehöre der Vergangenheit an!?

Sie waren lauter Ganze, die sich bei Diotima versammelt hatten, und das war viel auf einmal. Dichten und Denken, jedem Menschen so natürlich wie einer jungen Ente das Schwimmen, sie übten es als Beruf aus und trafen es ja auch wirklich besser als andere. Aber wozu? Ihr Tun war schön, war groß, war einmalig, aber so viel Einmaligkeit war wie Friedhofstimmung und gesammelter Hauch der Vergänglichkeit, ohne geraden Sinn und Zweck, Herkunft und Fortsetzung. Unzählige Erinnerungen an Erlebnisse, Myriaden einander kreuzender Schwingungen des Geistes waren in diesen Köpfen versammelt, die wie die Nadeln eines Teppichwirkers in einem Gewebe staken, das sich rings um sie, vor ihnen und nach ihnen ohne Naht und Rand ausbreitete, und sie wirkten an irgendeiner Stelle ein Muster, das sich ähnlich anderswo wiederholte und doch ein wenig verschieden war. Aber ist es der richtige Gebrauch von sich, einen solchen kleinen Fleck auf die Ewigkeit zu setzen?!

Es wäre wahrscheinlich viel zuviel gesagt, daß Diotima das begriffen haben sollte, aber den Gräberwind über den Gefilden des Geistes fühlte sie und sank, je weiter dieser erste Tag zu Ende ging, in eine desto tiefere Mutlosigkeit. Zu ihrem Glück erinnerte sie sich dabei an eine gewisse Hoffnungslosigkeit, der Arnheim bei einer anderen Gelegenheit, damals nicht ganz verständlich für sie, als von ähnlichen Fragen die Rede war, Ausdruck gegeben hatte; ihr Freund war verreist, aber sie dachte daran, daß er sie davor gewarnt hatte, zu große Hoffnungen auf diese Zusammenkunft zu setzen. Und so war es eigentlich diese Arnheimsche Schwermut, in die sie hineinsank, was ihr am Ende doch noch ein schönes, fast sinnlich trauriges und schmeichelndes Vergnügen bereitete. »Ist es nicht im tiefsten« fragte sie sich, seiner Voraussage nachgrübelnd, »der Pessimismus, den allemal Menschen der Tat empfinden, wenn sie mit Menschen der Worte in Berührung kommen?!«

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